Kapitel 20
Man sitzt am Frühstückstisch. „Wieder mal verspätet“, sagt der Hausherr launisch, „Canncia wird mit mir zanken.“ „Uns trifft das nicht“, lacht Roberto und zeigt auf seine Schwester, seine Frau und auf den Schwager. „Wir fahren fort, am liebsten in den Busch. Würdest du, lieber Willmut, es erlauben?“
„Fahrt in meine deutschbaltische Heimat und nach Norwegen an die Fjords. Seid ihr genügend abgekühlt“, neckt er heiter, „dann zieht nach Süden.“ „Auf dem Heimweg kehrt ihr noch bei mir und Juliane ein“, bestimmt der Minister. „Hoffentlich kommen unsere Vier auch wieder, sonst florieren die Fabriken nicht“, fügt Beocana an.
„Ich besuche heute noch Herrn Mestosani. Kommst du mit, Willmut?“ fragt Cruzziano. „Ach, als Panzerschutz?“ scherzt Marita. Die Mama zankt: „Als Frau hast du dich gesetzter zu benehmen.“ „Au weh! Muß man denn am Hochzeitstag gleich anders werden?“ „Hättest mich sonst nicht genommen?“ tut Ernestino aufgebracht. Marita geht auf seinen Neckton ein: „Natürlich nicht!“
„Kannst froh und heiter sein“, sagt der Arzt beruhigend. „Wir Älteren sind allgemein schon abgeklärt, doch ein fröhliches Gemüt können wir uns auch erlauben.“ „Das tatest du mit Pluto“, droht Pedro. „Nach erstem Kennenlernen mit dem kleinen Tierchen hattest du mich weidlich ausgelacht.“ „Bloß gelacht, weil ich mir nicht denken konnte, daß ein ganz gescheiter Herr Minister ahnungslos den Busch besucht.“
„Na, nun wird es höchste Zeit.“ Der Hausherr hebt die Tafel auf. „Wie ist‘s, Irina? Schreibst du heute meine Briefe?“ Allen Ernstes sagt sie: „Ja, wir können morgen reisen.“ „Närrchen, liebes“, der Vater streichelt ihre Wangen. „Freilich — wirst mir fehlen, warst immer prima auf mich alten Brummbär eingestellt.“
„Nimm Frau Dabbati“, rät Irina, „sie ist sehr klug und hat schon Canncias Fehler stillschweigend ausgemerzt. Gedankt hat er ihr nie.“ „So?, das ist mir aber neu.“ Da streckt der kleine Philipp seinen Krauskopf durch die Tür. „Vater Willmut, muß ich auch mit fort?“ „Warum?“ Der Bub zieht sein Gesicht in Falten, so daß alle lachen. „Weil doch der Onkel und die Tante reisen, und da — “
„Bleib‘ nur bei uns!“ Juanita zieht das Kind zu sich heran. Wie strahlen da die schwarzen Augen, er legt sein Gesicht in Juanitas Schoß und verspricht, sehr brav zu sein. Wanger lächelt. „Nächstes Jahr nehme ich dich wieder mit, sonst weinen deine Eltern.“ „Schon jetzt?“ fragt das Bürschchen ernst. „Nein, jetzt noch nicht, aber nächstes Jahr.“ „Dann komm‘ ich mit!“
Das Hauspersonal steht auch mit an der Pforte, als die Hochzeiter in die Autos steigen. Philipp rennt den Wagen nach, bis ein Diener laufen muß, um den Bub zurückzuholen. „Nun sind sie fort.“ Die Mama wischt die Augen aus. Ein Abschied. Möchten sie gesund und fröhlich wiederkommen.
Wanger geht am Vormittag zu seiner alten Wirtin, Frau Cottasso, die ihrer Freude nicht genügend Ausdruck geben kann. „Sie bleiben hier?“ fragt sie geschäftig. „Jetzt nicht; im nächsten Jahr gibt‘s Ferien und dann besuche ich Sie oft.“ Als er gegangen ist, murmelt Sie: ‚Was ist er für ein edler Mensch! Daß Mescarus wiederkommen, ist ihm zu danken, auch daß der Vilpart brav geworden ist.‘ Der Arzt hatte ihr von ihm erzählt.
Herr Beocana wird allseits achtungsvoll gegrüßt. „Das war eine Hochzeit“, schwärmt ein Maschinenlehrling. „Ich danke, weil ich mit dabei sein durfte.“ „Dachten Sie denn nicht, weil Sie in der Lehre stehen?“ Er wird reichlich aufgehalten, bevor er sein Büro erreicht. Canncia meldet sich mit einem dicken Aktenpack. Diesmal dankt er auch mit echter Freude.
„Was nun, Herr Beocana? Fräulein Kingtown streikt! Wen wollen Sie von unserm Damenflor berufen?“ „Gut gesagt!“ Der Chef vergißt, was er mit jenem auszutragen hätte. „Ich beordere Frau Dabbati, meine Schwiegertochter schlug mir diese Dame vor. Was meinen Sie dazu?“ Hm, Canncia ist nicht gut auf sie zu sprechen, sie bot ihm immer Widerpart und — ‚ach was, das waren keine Fehler, die ich — die sie — Er muß sich überwinden.
„Sie wird die beste sein, ist acht Jahre im Betrieb und hat sich viele Kenntnis angeeignet. Soll ich sie gleich rufen?“ „Ja“. Wie Canncia im Schreibbüro Frau Dabbati beruft, ihr Anweisungen einzupauken sucht, wie sie sich als Sekretärin zu benehmen hätte, grenzt schon ans Lächerliche. Alle Mädchen senken tief die Köpfe auf die Arbeit, um nicht loszukichern. Als der ‚Gewaltige‘ mit Frau Dabbati gegangen ist, bricht die Korona los.
„Ihr gönne ich‘s“, sagt eine Blonde, „sie hat vieles ausgeglichen. Wer hilft uns jetzt, wenn der Büffel schnaubt?“ „Wer Frau Dabbatis Platz erhält, muß ihren Mut mit übernehmen.“ „Tue ich“, wirft sich die Blonde in die Brust. „Die Hochzeit war ja eine Wucht“, meldet sich ein junges Ding, „und wir alle eingeladen!“ „Unserm Chef ein dreifaches ‚Hoch‘!“ Alle stehen auf und rufen es im Augenblick, als der Bürovorsteher wiederkommt.
„Meine Damen, was geht hier vor?“ Die Blonde lacht: „Wir ließen unsern Chef wegen Einladung zur Hochzeit hochleben. Die Minute, die wir dazu brauchten, holen wir am Abend nach.“ Canncias süß-saure Miene erweckt Heiterkeit. Der Chef und Frau Dabbati, die eintreten wollten, verharren vor der Tür. „Die mit dem guten Schnabel, ist die in Ordnung?“ fragt er seine neue Sekretärin.
„Ja, aber alle sind sehr fleißig“, lobt sie ihre Runde. Er lacht:
„Wer seine Mitarbeiter lobt, auch wenn‘s nicht völlig stimmt, ist für mich besonders gut geeignet. Na, wollen wir den Jubel über uns ergehen lassen.“ Und er geht hinein. Natürlich sind die Mädels recht erschrocken. Leerlauf überall. Doch da hebt die Kecke ihre Hand und alle rufen dreimal ‚Hoch‘!
„Die Begrüßung laß ich mir gefallen, meine Damen, Sie dürfen sich auf meine Kosten Kaffee holen.“ Da wird der alte Herr umringt. Ihm ist wohl zumute — ein Werkklima, wo gibt‘s das noch? Ihm wird eine weitere Freude noch zuteil. Als er mit Frau Dabbati die Richtlinien im Chefbüro bespricht, die ihren neuen Stand betrifft, wird der Ingenieur Orsanus angemeldet. Stürmisch tritt er ein und ruft: „Ich habe es geschafft, endlich ist‘s gelungen!“
„Was denn, Herr Orsanus?“ „Das Verfahren! Der Junior wollte es nicht glauben. Doch nach halb gelungenen Versuchen war er selber interessiert. Es sollte, wenn es klappte, für Sie eine Überraschung sein. Nun . . .“ „. . . mal schön der Reihe nach“, mahnt Beocana. „Um was handelt es sich denn?“
„Verzeihen Sie, ich bin aus dem Häuschen. Diese Nacht . . .“ „Wieso Nacht? Was haben Sie denn da getrieben? Wir haben zwar die Mitternacht nicht eingeholt, doch wird jeder gern zu Bett gegangen sein. Sie also nicht?“ „Nein, am Vortag hatte ich den letzten Fund gemacht und wollte ihn gern ausprobieren. Ich ging von der Hochzeit eher fort, was mir der Junior ganz bestimmt verzeiht.“ „Und ich nicht?“ tut der Chef wie ärgerlich, dabei möchte er am liebsten lachen.
„Ich hoffe es“, sagt Orsanus, „wenn Sie erfahren . . .“ „Na endlich ist‘s soweit!“ „Ein Werk in Übersee wollte unser Schleiflackvorrecht überrunden. Beim Versuch, den Lack zu festigen, daß selbst derbe Stöße ihn nicht sprüngig machen, stieß ich auf ein anderes Gemisch von mehreren Chemikalien. Das ergab dann eine Lösung, die leichter ist als Aluminium, dabei stabiler als der Stahl. Ich habe mehrere Versuche angestellt. Bei fünfhundert Grad Verschmelzung ergibt das eine Masse, die jedem Einbruch widersteht.
Ein Weltvorrecht! Bis andere dahinterkommen, wird es manche Jahre dauern, in welcher Zeit wir weiterrücken. Was sagen Sie dazu, Herr Beocana?“ „Das wäre fabelhaft. Was verlangen Sie für die Erfindung? Es ist selbstverständlich, daß sie am Profit beteiligt werden, wenn sich beides voll bewährt.“
„Ums Bewähren bin ich unbesorgt; das andere — nein, ich verdiene gut. Sie stehen mit den Löhnen an der Spitze der gesamten Industrie, ich will nichts extra haben.“ Frau Dabbati lauscht erfreut und der Chef erstaunt. „Geben Sir mir Ihre Hand, Herr Orsanus! Wir reden noch darüber. Wer weiß im Werk davon?“ „Nur der Juniorchef und meine beiden Mitarbeiter. Die halten dicht, die sind selbst ganz aus dem Häuschen. Sie können sich auf sie verlassen.“
Beocana stützt die Stirn in beide Hände. Dank läßt seine Seele überquellen. Dabei denkt er weniger ans Weltliche, sondern an den Segen, den Gott ihm widerfahren ließ. Auch denkt er dankbar an den Freund. Frau Dabbati und der Ingenieur fühlen die Erschütterung des Chefs und warten still, bis er sich wieder faßt.
„Führen Sie im Labor mir die Sache vor. Kann Frau Dabbati, meine neue Sekretärin, mit?“ Bewußt gefragt. Verneint der Ingenieur, dann hat‘s noch einen Haken, erlaubt er es, so ist es gut. Als ob Orsanus raten könnte, sagt er gleich: „Natürlich, wenn sie . . .“ „nicht zu petzen weiß!“ neckt sie. „So war es nicht gemeint“, entschuldigt sich Orsanus, „wenn Sie nicht ängstlich sind, meinte ich. Es wird ein paarmal knallen.“
Die Vorführung währt fast drei Stunden. Beocana läßt sich entschuldigen, er kommt nicht zurecht zum Mittagstisch. Fasziniert sehen er und seine Sekretärin zu, beide von starken Schutzmänteln eingehüllt. Trotz Erfolg muß man Vorsicht walten lassen. Sind im Labor auch nur kleine Mengen herzustellen, so zeigt sich‘s doch, daß beiderlei Verfahren durchschlagende Erneuerungen sind.
Orsanus und den Assistenten ist der Händedruck des Chefs mehr wert als welche Worte. „Wir besprechen Nachmittag die Einzelheit“, sagt er. Von ihm unbemerkt, bleibt Frau Dabbati zurück. „Kinder“, ruft sie begeistert, „das habt ihr fabelhaft gemacht! Verzeihung, ‚Sie‘ natürlich, nicht ‚ihr‘! Wegen Ihrer ehrenvollen Haltung muß ich Sie halt wie mein kleiner Schützling nennen: Ganz große Klasse!“
Vor dem Mittagsmahl drückt Beocana den Arzt derart fest an sich, daß dieser stöhnt: „Pluto hätte es nicht kräftiger gekonnt! Was ist los, Alfons?“ Als dieser Orsanus Fund erzählt, ist man in der Runde hoch erfreut, Willmut extra über Beocanas Einstellung, über jenen Dank, den er der Ehre Gottes zollt.
„Es ist Irdisches, was mir zugute kommt; aber damit Gutes, neuen Leuten Brot und Wohnung schaffen können, das ist unverdient.“ Er räuspert sich. „Bei mir noch alles unverdient. Denn denke ich an früher . . .“ „. . . was auszustreichen ist“, hält der Doktor an, „. . . na ich weiß nicht, wirst wohl wieder zanken, Priester, wenn ich sage: stünde ich an Gottes Stelle, so würde ich dem Beocana etwas blasen, von wegen ‚ausgestrichen‘!“
„Ich gebe Alfons recht“, sagt Cruzziano. „Denke ich an einst . . .“ nimmt man einen nassen Schwamm und wischt die ‚Kinderzahlen‘ aus!“ Der Missionar sagt‘s ernst, aus vollem Herzen, weil er Gottes große Liebe kennt. „Wer sich ernsthaft wendet, — o wie gern nimmt Gott den nassen Schwamm, um der Kinder Lebenstafeln für die neue bessere Schrift zu reinigen. Wer freilich seine alte Trampelgasse nicht verläßt — —
Hierzu erzählt der Arzt Erlebtes aus der eigenen Werdezeit, wie er seinen Lebensweg bezeichnet; und der Minister und der Fabrikant sind froh, daß ‚man so erleichtert wird“. „Ich gehe manchmal in die Kirche“, mengt sich Juanita ins Gespräch, „und da hörte ich das Wort vom ‚alten Adam ausziehen‘. „Bei uns Frauen müßte es ja ‚alte Eva‘ heißen.“ „Was nichts anderes bedeutet und auch nicht schwerer ist“, unterbricht der Doktor heiter.
„Ob schwerer oder leichter“, meint die Hausfrau sinnend, „es zu tun ist nicht ganz leicht. Ich merke es an mir. Früher habe ich viel Zeit für mich verbraucht, und — nun ja — garstig war ich nicht zum Personal, aber freundlich — ? Da hat es arg gefehlt! Seitdem ich mich, dank deiner Führung, lieber Willmut, wandeln konnte, ist unser Personal wie ausgewechselt.
Es erfüllte jeder seine Pflicht, freudig aber erst seit meinem Wissen, daß sie Menschen sind wie wir und man sich um ihre Not und Sorgen kümmern muß. Jetzt reißen sie sich fast für mich um einen Handgriff, und so denke ich in meinem kleinen Kreis zu wirken, bis ‚meine alte Eva‘ nach und nach gestorben ist.“
„Stimmt, liebe Juanita! Einer eurer Diener flüsterte mir gestern zu: „Unsre Herrin war ja stets gerecht; aber so wie nun, seit Sie, Herr von Wanger, vor drei Jahren kamen, seither ist‘s hier einfach schön. Vor kurzem hat sich unser Küchenmädchen eine Hand verbrüht. Gleich kam Frau Beocana und rief selbst den Arzt herbei. Die Kleine mußte sich drei Tage legen. So sorgt die Herrin jetzt für uns, es kann kommen, was da will!‘
Sieh, Juanita, welche Hausfrau sich um ihre Leute kümmert, ist ein Segen, den der Herrgott jenen schenkt, die in einer Stellung sind. Wenn man es ganz ernst betrachtet, hat jeder eine Stellung inne. Unser Herr Minister“, tut Wanger lustig, „ebenso. Ob diese weltlich einen Vorzug hat, spielt keine Rolle. Er muß seine Pflicht erfüllen, wie unser Fabrikant die seine.
Pedro ist verantwortlich in Hinsicht seines Amtes für ein Volk, Alfons für paar tausend Menschen; und unsere lieben Frauen, hervorgehoben, im Umkreis ihres Hauses, wo keineswegs das Regiment leicht auszuführen ist.
Bei unserm Schöpfer gibt es keinen Unterschied. Einer, der einem großen Kreise vorzustehen hat, sagen wir mal jene Engel an Gottes Gnadenstuhl, hat zwar größere Verantwortung und muß demzufolge auch mehr tun als kleine Kindgeschöpfe.“ „Wie ich eines bin“, flüstert Juliane. Wanger hat‘s gehört und sagt deshalb weiter: „Auch diese füllen gern ihr Maß. Ist es voll wie das der Großen, so sind beide Maße vor dem Höchsten völlig gleich — voll bis obenhin. Mehr geht nicht hinein, mehr bedarf es nicht!
Meinst du, liebe Juliane, du wärest so ein Unbedeutendes, dann bedenke: ein kleinstes Rädchen im Getriebe einer Werkmaschine darf nicht fehlen, es stehen sonst die größten Räder still! Das bedeutet geistig: Gott läßt keines Seiner Kinder aus! Ich erklärte euch den Hinfall Seines ersten Kindes. Und was geschah? Er half im vorhinein, um nicht allein die Herrlichkeiten Seiner Werke, sondern vielmehr all die Hingestürzten zu erhalten. Denn sie sind gleichfalls Teile Seiner Schöpfermacht und immer für Ihn unverloren!
Ob nun Rädchen oder wie das erste Kind ein großes Rad — ER erlöste alle! Ist wohl mancher noch nicht heimgekehrt, hat doch die väterliche Liebe vorgesorgt, daß jedes Kind zum Himmelsvolk gehört. In Bezug auf Gottes großes Wunderwerk bin ich auch ein Rädchen.“ Ach ja, wir sind nichts anderes, denkt der Herr Minister.
Der Fabrikant muß wieder fort. „Den Damen rate ich zu einer netten Fahrt und die Herren gehen ins Gericht; wenigstens nur in ein Haus und nicht ‚mit jemandem ins Gericht gehen‘, höchstens mit Herrn Mestosani.“ „Kann kommen“, brummt Cruzziano, „wird auch so denken, wenn er mich und Willmut sieht.“
„Dem bin ich ein rotes Tuch“, meint Wanger. „Ah, da wird er wach gerüttelt, ich brauche sicher wieder eine Kreide.“ Der Minister lacht. „Versichert euch, bevor ihr zu dem Löwen geht.“ Juanita zieht den Herren die Krawatten fest. „Willmut hat mit Löwen besten Umgang“, feixt Pedro, „deshalb nehme ich ihn mit.“ „Denn man zu!“ Beocana grüßt und geht.
Der ‚Löwe‘ wird sehr zahm, als man ihm die Herren meldet. „Was der Schwarzrock bei mir will, möchte ich gern wissen!“ Des Ministers wegen geht er aber an die Tür. „Welch hohe Ehre wieder“, er neigt den steifen Nacken und nimmt Cruzzianos ausgestreckte Hand. Wangers Hand übersieht er angelegentlich.
„Was steht zu Diensten, Herr Minister?“ Er schiebt diesem einen Sessel, Wanger einen Holzstuhl zu, der Untergeordneten gilt. Rasch setzt sich Cruzziano auf den Stuhl und drückt Wanger in den Sessel. Mestosani beißt sich auf die Zunge. „Sowas hat mir noch gefehlt.“ Den Fauxpas kann er nimmer retten. Also tut er, als hätten sich die Herren selbst bedient.
„Ich wollte mich von Ihrem guten Hausdienst überzeugen“, beginnt der Minister, „doch nun einmal hier, will ich monieren: Von der Sache mit Herrn Mescaru ließen Sie nichts hören. Die Umgehung einer Meldung warf kein gutes Licht auf Sie. Meine Herren waren aufgebracht. Warum meldeten Sie nichts?“
„Sie waren hier, Herr Minister, sie wurde zwischen uns bereinigt. Sollte das denn nicht genügen?“ Die fadenscheinige Ausrede streicht der Vicomte mit einer Hand vom Tisch. „Sie sind viel zu klug, Herr Mestosani, um nicht zu wissen, daß ein persönliches Amtsgespräch den schriftlichen Bericht verlangt, der zu Ihren Gunsten ausgewertet werden konnte.“ Mestosani grollt für sich:
‚Der Schwarze spießt mich mit den Augen förmlich auf.‘ Er ermannt sich aber. „Herr Minister, ich dachte wirklich, die Akte sei geschlossen. Nun, das ungewollte Säumnis hole ich gern nach.“ „Nicht mehr nötig“, winkt der Vicomte ab. „Wieviel Strafgefangene haben Sie zur Zeit im Bau?“ lenkt er das Gespräch in eine andere Bahn, ihm unbekannt vom Priester inspiriert.
„So um die dreihundert; es gab viele Überfälle, Einbrüche und zwei Morde. Einige Verfahren laufen noch, zumal das des einen Mörders. Er erschlug und beraubte eine alte Frau.“ „Her mit ihm!“ verlangt der Minister. „Ich bleibe unerkannt. Und du, Willmut?“ „Ebenso.“ Mestosani starrt: Die duzen sich sogar? Er ruft das Gefängnis an und bald wird der Sträfling vorgeführt, begleitet von zwei Wachbeamten. In Handschellen. Er ist ein schwerer Junge.
Der Vicomte rückt seinen Stuhl, bis sein Gesicht beschattet ist. Das des Sträflings wird vom Fenster hell belichtet. Er sieht roh und tückisch aus. Daß der Mann von Kindheit an herumgestoßen ward — wer weiß das schon? Wer befaßt sich denn damit? Wanger ‚sieht‘ sein Leben ohne Elternliebe, zu Diebereien sogar aufgestachelt, und so wurde aus ihm ein Verbrecher. ‚Da ist Deine große Hilfe nötig, lieber Vater‘, fleht das priesterliche Herz.
Unvermittelt fragt Cruzziano den Verbrecher: „Warum sind Sie auf die schiefe Bahn geraten? Tut Ihnen denn die alte Frau nicht leid? Und Ihnen brachte es nur Schaden!“ Weil nicht grob gesagt, möchte Mestosani diese Milde streichen. „Ach, der ist verstockt, da ist keine . . .“ „. . . Milde angebracht“, fällt Wanger ein. Er wendet sich an den Minister: „Darf ich mit ihm sprechen?“ Dieser nickt, sehr erfreut, nach Außen bleibt er aber ernst.
„Nun“, leitet Wanger freundlich ein, „Sie haben auf des Richters Frage“, er meint den Vicomte, „keine Antwort geben können und ich verstehe das.“ „Wer sind Sie?“ fragt der Gefangene gehässig. „Ich bin ein Verteidiger.“ Mestosani ist am platzen. Der Priester lügt. Verteidiger — Kleiner Arzt im Busch! Ha, jeder Schwarzrock möchte sich in Dinge mischen, die dem Staatsrecht unterstehen. Wäre der Minister nicht zugegen, er würde diesen ‚Kerl‘ entlarven.
Indessen sagte Wanger weiter: „Erzählen Sie mir Ihren Lebensweg.“ „Danach fragt mich niemand“, grollt der Mörder, „und was geht Sie denn das an?“ „Mehr als Sie denken! Scheuen Sie sich aber, selbst zu reden, so tue ich‘s für Sie, wenn Sie es erlauben.
„Erlauben?“ Wanger winkt Mestosanis Einwand ab. „Ich, der Verteidiger vor Gott“, erklingt es ernst, rede so mit ihm, als stünde er am Anfang seiner schiefen Bahn.“ „Sie sind mir unbekannt“, wagt der Mörder einzuwenden, „wieso wissen Sie . . .“ „Ich weiß ein bißchen mehr, als Sie ahnen“, entgegnet Wanger freundlich, „das Wie und Wo verstehen Sie jetzt nicht. Etwa wird es Ihnen später einmal klar. Nun, wie stetht‘s? Soll ich ?“
Die Augen fallen nieder, erstmalig bei den vielerlei Verhören, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen. Wieder aber bricht das Arge bei ihm durch, hämisch grinsend: „Was wissen Sie von mir? Bin gespannt, was Sie ausposaunen wollen.“ „Zuzugeben brauchen Sie mein Wissen nicht, doch es läßt sich prüfen und vielleicht daraus für Sie eine mildernde Gnade schälen.“
„Die gibt‘s bei dem nicht!“ eifert Mestosani. Was erlaubt sich denn der — „Sachte“, lenkt der Minister das Verhör, „wir hören uns erst die Geschichte an“, sagt er absichtlich, „sie ist zu prüfen und dann zu erwägen, wie ein Urteil auszufallen hat. Ist er ohne Reue, tritt auch keine Milde ein!“ Gute Fuhre, denkt der Präfekt. Der Arzt beginnt, als läse er aus einer Akte vor:
„Nahe der Stadt S. ward in einem Dorf als fünftes Kind des Bergmanns Haverman und dessen Frau vor achtundzwanzig Jahren“, so alt ist der Verbrecher, „ein Sohn mit Namens ‚Stants‘ geboren.“ Woher wissen Sie denn das?“ fragt der Delinquent. „Sie dürfen jetzt nicht unterbrechen“, mahnt der Minister, „doch beweist die Frage, daß der Eingang der ‚Geschichte‘ stimmt.“ Wanger nickt dazu.
„Der Vater dieses Jungen war ein harter Mann, was Beruf und karger Lohn so mit sich brachten. Die Mutter war ein zänkisch Weib, was zwar bei neun Kindern, die mehr hungern mußten als jemals satt zu werden, zu verstehen wäre, wenn sie nicht die Kinder auf die bösen Bahnen brachte. Sie lehrte sie das Stehlen! Auch da sollte man nicht gleich verdammen; neun Kinder aufzuziehen bei so kleinem Lohn des Mannes war nicht leicht.
Immerhin hätte sie die Kinder statt zum Müßiggang zur Arbeit anzuleiten. Selber aber faul und liederlich — ihr Leben sei hier unberührt, sie entstammte einem ordentlichen Haus —‚ fällt ihre Art auch auf sie selbst zurück. Anders bei dem Jungen Stants. Er war ein fixer, aufgeweckter Bub, zu Streichen gern bereit, die zuerst als harmlos zu bezeichnen waren.
Die Mutter leitete ihn systematisch an. Brachte er nicht viel nach Haus, gab es Prügel und kein Brot. Die Havermans kannten keinerlei Familiensinn. Ein Wunder noch, daß von den übrigen Geschwistern keines ein Verbrecher ward. Sie eigneten sich nicht, wie die Mutter es verlangte. So mußte Stants allein schaffen, ‚was man braucht‘. Daß das über den Bedarf der Notsorge ging, war ihr egal. Was übrig blieb, floß in ihre und des Mannes Kehle. Als der Knabe in die Lehre kam, riß er einfach aus.
Längst verdorben, trieb er sich in Häfen ‘rum. Nur fand er nie so viel, um bequem und faul zu leben. Zweimal sah ihn ein Gefängnis. Man hatte nie geforscht, auf welch armer Basis seine Kinderzeit verlief. Zwar heischen böse Taten bösen Lohn; das ist Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden! Es wäre aber zu empfehlen, der Inhaftierten Lebensweg bis in die Kindzeit nachzuprüfen, und mancher würde auf die gute Bahn gebracht.“ „Wie der Bube der Mescarus“, kann sich Mestosani nicht enthalten, einzuwerfen.
„Sehr recht“, dreht Wanger sich ihm zu. „Es darf die Ehre Ihres Hauses sein, Herr Präfekt, wenn manche Arge zu entlassen sind, die ordentliche Menschen werden.“ Ein geistgewollter Hieb, und nicht ganz ohne Schadenfreude denkt Freund Pedro: ‚Fein zurückgezahlt!‘ „Etwa läßt sich dieser auch“, Wanger zeigt auf den Gefesselten, „auf eine ordentliche Lebensgasse führen.
‚Nur kleine Dinge, die ich drehen kann‘, dachte Stants, die ihm allmählich überwaren. Er sann auf einen großen Coup, der ihm viel Geld für immer bot. So verfiel er auf die letzte Tat. Da der Raub nur dann gelang, wenn jene Frau, die ihr Vermögen und viel Schmuck im Haus behielt, beseitigt würde, Stants war orientiert, wartete er doch lieber viele Tage, denn trotz übelstem Charakter schreckte Er vor einem Mord zurück.
Als er bei einer kleinen Beute beinah wieder ‚wegen der Lappalie ungerecht verurteilt würde‘ — dachte er —‚ also setzte er sich nach hier ab, wo er erst mal heimisch werden wollte. Und das gelang ihm schnell. Bald danach kam es zu jenem Mord.
Die Tat selbst“, sagt Wanger plötzlich scharf, „ist niemals zu beschönigen und verlangt die volle Sühne. Nun, etwas könnte helfen“, er sieht den Mörder an, „die hohe Haft zu mildern. Die abgeschaffte Todesstrafe würde dich nicht so bedrücken, wie lebenslanger Kerker, der die Sühne deiner Straftat wird.
Bist du reuig, möchtest du von deiner Bosheit lassen, beweist du in der Strafzeit, daß dir ernst mit einer guten Umkehr ist, alsdann könnten sich die Tore eher öffnen und ich würde dafür sorgen, wenn ich auch zu dieser Zeit bereits gestorben wäre, dir zu helfen, ein guter Mensch zu werden. So, das wäre erst mal alles!
Überlege dir es gut, schlage eine Rettungshand nicht aus.“ Wanger streicht dem Mörder einmal über seine gefesselten Hände, über das verwirrte Haar und wendet sich jäh um. Er sah den Funken wie ein Zeichen: ‚Deine Worte sind gesegnet!‘ Und es ist ein Wunder: der Mörder läßt die Schultern hängen, läßt sich ohne Widerstand in seine Zelle führen. Ein Wachbeamter sagt zum andern: „Ich kenne Herrn von Wanger; vor drei Jahren machte er ein böses Blut zum Lamm. Es würde mich nicht wundern, wenn es ihm bei unserm Ärgsten auch gelingt.“ Er zeigt auf die geschlossene Zellentür.
„Woher wußte er denn die Geschichte?“ fragt der andere. „Komisch ist es schon. Er ist Missionar und Arzt, viele Jahre irgendwo in Afrika. Er war seiner Zeit zum ersten Male hier. Ich glaub‘, er hat so einen ‚sechsten Sinn‘.“ Beide Männer lachen. Ob es wirklich Dinge gibt, die — — Kaum ist der Gefangene fortgebracht, als der Präfekt herausfordernd sich an Wanger wendet: „Es war ein Einbruch in mein eigenes Ressort, den Sie eben inszenierten. Ich wunderte mich sehr, weil Sie sich ‚Verteidiger‘ nannten und sind bloß ein kleiner Arzt in irgend einem Winkel unsrer Welt.“
Der Vicomte fängt an zu kochen, er donnert Mestosani an: „Wissen Sie, was Sie sind?, eine erbärmlich kleine Null und weiter nichts! Erstens sagte Herr von Wanger, er sei ‚ein Verteidiger vor Gott‘, hat also mit der Welt-Justiz gar nichts zu tun; zweitens bat ich ihn, mitzukommen, also hatte er von mir aus auch das Recht, mit dem Gefangenen zu sprechen. Drittens ist er ein großer Arzt, ein Professor und an seiner Wirkungsstätte weit und breit gesucht — nicht bloß von den Negern! Merken Sie sich das!
Sie können Akten lesen, aber helfen, meist so bitter nötig, ist Ihnen unbekannt. Ich zanke nicht, ich zeige nur die Dinge auf, wie sie wirklich sind. Für Sie ist ein Mörder eben bloß ein Mörder. Das ist so einer für mich auch. An der ‚Geschichte‘, die Herr Wanger kannte — wissen Sie woher?, war zu merken, daß der Mörder auch noch anders einzuschätzen sei als eben bloß ein Mörder.“
„Herr Minister“, unterbricht Mestosani, „Sie kannten diese Sache und haben sie ihm preisgegeben. Denn sonst — ? Vom Busch aus konnte er sie nicht erfragen! Sie jedoch haben dazu jede Möglichkeit.“ Jetzt ist der Minister wirklich zornig. „Mestosani“, er vergißt vor Zorn das ‚Herr‘, „ist des Mörders Akte abgeschlossen? Ist es eine, die das Ministerium der Justiz auch wissen muß? Nein, nicht wahr!
Mir zu unterstellen, ich führte mit Herrn Wanger die ‚Komödie‘ auf, ist unerhört!“ „Bleibe ruhig“, warnt Wanger. Er sieht an dem Erzürnten dicke Adern schwellen, das Zeichen einer Herzattacke. „Es lohnt nicht, sich wegen Ungezogenheiten zu erregen.“ Das war ein gewollter Hieb, den Mestosani auch verdient. Er nimmt Pedros Arm: „Lassen wir den Herrn allein, dann kann er sich besinnen, welch üble Streiche er sich selber spielt.“
Der Minister atmet schwer und der Präfekt erschrickt. „Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, Herr Minister? Und . . .“ „Mein treuer Arzt hilft mir! Eines noch: ich lasse diesen Mörder in die Hauptstadt überführen. Keine Angst, Herr Präfekt: ein Verbrecher ist für mich kein Engel. Doch sie haben eine Seele wie jeder Mensch; diese zu erretten, ist ein ungleich höheres Amt, als ein wenn auch absolut gerechtes Strafurteil zu fällen. Guten Tag!“ Zurück bleibt ein klein gewordener Mann.
„Ich hätte Lust, ihn abzusetzen.“ „Der setzt sich selber einmal ab“, gibt Wanger kund. „Zwei sehr große Fehler raten ihm, seinen Abschied selber einzureichen. Er ist von denen einer, deren Seelen an sich selbst Verbrecher sind: ‚sie brechen sich von Gottes Gnade los‘ und sind bedauernswert. Ihr Weg wird schwer, wenn sie vor dem Sterben nicht zur Einsicht kommen.
Unternimmst du nichts gegen ihn, dann ist dir auch nichts Übles nachzureden. Den Mörder fordere durch eueren Oberstaatsanwalt des Landes an. Ist er nicht einer von den Herren, die bei dir . . . ‘ „Das weißt du auch, Willmut?“ Pedro rückt zur Seite. „Jetzt möchte ich bloß wissen, was du alles weißt!“
„Bleibe nur an meiner Seite sitzen, Freund“, lächelt Wanger und greift nach dessen Hand. „Ich als Mensch weiß nichts, das kannst du glauben! Ich kann mich nur mit Gott verbinden — nicht ganz leicht, mein Pedro, aber möglich —‚ und wo es nötig ist, gibt ER mir ein, was ich zugunsten eines lieben Menschen oder einer arm gewordenen Seele wissen soll. Denn sieh:
Vom Schöpfer aus ist jede Seele reich und jeder Geist von Seinem Licht durchglüht. Letzterer bleibt auch dem Licht verhaftet; die Seelen können Gottes Reichtum und Sein Himmelsband verlieren, das sie an die Gnade bindet. Ob bei Gott und nur von Ihm aus trotzdem Seine Gnade waltet im Lichte der Barmherzigkeit, brauchen wir nicht zu erfragen. Wer glaubt, der weiß es auch! Das genügt, um aus dem Himmelsband zu schöpfen, was dem Tun und Lassen Segen bringt.“
Wanger unterbricht sich selbst und zeigt zum Auffahrtsweg der Villa: „Wir sind schon da. Heute Abend werden wir noch einiges besprechen.“ „Darauf freue ich mich schon!“ Pedro drückt des Freundes Hände ganz besonders herzlich.
NEUOFFENBARUNG