Kapitel 3
Nezarono und ein zweiter Gelber kommen in die Schmiede, wo Asnorba fleißig hämmert. Nezarono lächelt süß: „Order unsres aller höchsten Königs: Sofort kommen, wie du gehst und stehst!“ „Die Hände wasche ich mir erst.“ Es klingt unbekümmert. „Meinetwegen, der König liebt auch keinen Dreck. Sonst“, er kichert boshaft, „da schadet‘s etwa nichts, ob du sauber oder schmutzig bist. Los, los!“
„Voreiligkeit läßt manche stürzen! Meine Frau muß wissen, wo ich bin.“ „Und die hübsche Magd.“ Harphya steht hinter einem Brett. Ob ihm ihretwegen etwas widerfährt? „Herr Gott“, fleht sie zitternd, „laß ihm nichts geschehen. Er ist gut. In Juda fand ich wenige, so gütig, wie der Babylonier ist.“
Gelassen geht Asnorba mit. Daß der zweite Mann im Hause bleibt, gefällt ihm nicht. „Weshalb reitest du denn nicht?“ Nezarono trabt voran. Der Schmied weicht aus. Er hat drei schöne Tiere, die soll kein Gelber stehlen, falls — Am Haupttor des Palastes läßt die Wache ihn passieren. Zwei nehmen ihn in ihre Mitte. Höhnisch winkt der Gelbe nach: „Auf Wiedersehen — vielleicht im — “ Das Letzte hört Asnorba nicht. — Nun kniet er mit gesammelten Gedanken vor dem Thron. Unbemerkt zuckt Daniel zusammen. Das ist doch — Er verdeckt sein geistiges Gesicht: des Königs Spiel mit Menschen, mit — ‚Herr, Herr, erbarme Dich!‘ Kam es jemals vor, daß der König Untertanen selber angeredet hat? Sonst sagt er es mit vorgehaltenem Tuche einem Obersten; und wehe dem, der das Geflüster nicht errät. Heute ist der Hofkreis wie die Mumien im Grab erstarrt.
„Stehe auf, Schmied vom Tor! Ich hörte“, sagt Nebukadnezar, „daß du stark an Gliedern bist. Du wolltest mich erfreuen, mich, der als ‚Bel‘ regiert. Er half dir, daß mein Stein, wie ich befohlen hatte, an jenem Tage zu mir kam.“ „Ja, mein König; und die Freude war die zweite Kraft.“ Der Schmied vermeidet eine Anrufung des Bel. Warum? Er weiß es nicht. Oder ist‘s die gute Judenmagd gewesen, die in ihm schon manches umgebogen hat?
„Du wirst belohnt. Doch mir wurde zugetragen, du hättest eine Jüdin ohne Lösegeld geholt. Du weißt, was das für Strafe kostet?“ Mit umwölkter Stirn und drohender Gebärde beugt sich der König vor. Ohne Angst — nun kommt es darauf an — erwidert Asnorba:
„Der König lebe und regiere lang! Ich befolgte das Gebot und gab dem Vogt des Lagerteiles auch ein Lösegeld. Hat er es gewagt, den Zins zu unterschlagen? Ein Kleinod war es, selber hergestellt und wert genug für eine Judenmagd.“
Ob der kühnen Rede zittert jeder Würdenträger. ‚Kann es ärger werden, als es vorgesehen ist? Möge — ja, wer? — meine Lieben samt der Magd behüten.‘ Ein Blick aus jungen Augen, die sich sofort wieder senken, fällt auf ihn. Der Schmied möchte sich am liebsten recken. Wie eine ferne Kraft war dieser Blick.
„Nezarono!“ Hart befohlen. Auch der Gelbe bückt sich tief. Ein schadenfrohes Grinsen hin zum Schmied verbirgt er nicht. Der König sieht es und sagt laut: „Du gabst Bericht, dieser Mann hätte ohne Lösegeld sich eine Judenmagd geholt.“
„Ja, Bel und König!“ „Bringt den Vogt!“ Hereingeführt, wird er befragt: „Kennst du diesen Mann?“ „Ja, er war wegen . . .“ Des Königs Zorn steigt wie ein Wetter hoch. „Bel und König“, sagt der Vogt, „du gabst Gefangene frei, wer eine Löse dafür zahlt. Der Schmied gab einen Ring, kunstvoll hergestellt. Dafür durfte er das Mädchen haben. Den Ring vertraute ich am nächsten Tage Nezarono an, um ihn bei dir abzuliefern.“
„Wo ist der Ring?“ Kreidebleich bückt sich der Gelbe: „Ich wollte morgen . . .“ Ein Wink. Vier Bewaffnete nehmen ihn in ihre Mitte. Es dauert lange, bis er wiederkommt. Den Ring hatte er verkauft; zum Glück besaß ihn noch der Käufer. Asnorba hat von Nezarono viel erduldet, er tut ihm leid. In Schächten, wohin weder Sonne noch die Wärme dringen, werden die Verbrecher eingekerkert. Im Wahnsinn enden sie fast alle.
Nebukadnezar ist mit dem Ring zufrieden. „Ah, du hast deine Sache gut gemacht.“ Ein seltenes Lob. „Dafür kannst du dir noch jemand holen. Das merke dir, Vogt! Aber du erhältst vier Wochen keinen Lohn, weil du das Kleinod einem Diebe gabst. Merkt es alle und wage niemand, anderes zu tun, als was ich anbefehle; denn ich bin euer König und Gott Bel!“
Bis auf die Wache verläßt jeder rasch den Saal, tief gebückt und froh. Entronnen! Wieder einmal! Wen wird das nächste Zorngewitter treffen? Asnorba; ehrlich dankend, legt seine rechte Hand unter seines Königs Füße. Doch der tritt nicht zu, wie oft geschehen; und mancher hat dabei die Hand verloren.
Wie im Traum geht er dahin, von den Höflingen gegrüßt. Gewiß, bei ihm war das Recht; und wenn der König — freilich selten — milde ist, bleibt auch er beim festgefügten Recht. ‚Geschenktes Leben‘, strömt es ihm durch sein Gemüt, als er die Stadt verläßt und seinem Hause nahekommt.
Vor der Türe steht sein Weib, und an der Gassenecke schielt der Advokat Borojka vor. Asnorba sieht ihn noch verschwinden. So war das! Schon aber hängt die Frau an seinem Hals. Ihre Wangen sehen grauverfallen aus; noch weiß sie nicht, ob sie ihren Mann behalten darf. Hastig zieht er sie ins Haus; keiner braucht zu sehen, wie lieb er Weib und Kinder hat.
„Wo sind sie denn?“ Er sieht sich suchend nach den Kleinen um. Jolea berichtet: „Ein schneller Reiter kam, der den zweiten Gelben holte. Ich wußte nicht, was das bedeutete, war aber froh, als er abberufen wurde. Laß die Kinder noch; ich will erst hören, bevor sie ängstlich werden sollen.“
„Mein Weib! Wir werden künftig friedlich leben. Nebukadnezar war gerecht — wie selten“, flüstert er, „und unser Feind fiel in die mir gegrabene Grube.“ „Nezarono — ? O Asnorba, nun kann ich‘s dir verraten: er hat mir öfter nachgestellt, aber immer waren unsere Kinder da — im rechten Augenblick.“
„So ein — — “ Ein tiefer Atemzug. „Gegen diese gelbe Horde ist nichts auszurichten; sie tut, was unserm Volke Schaden bringt. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst? Unsere Ahnen — es liegt weit zurück — saßen hier am Strom, ein königliches Volk vom König bis zum letzten Handwerksmann. Damals gab es reine Rechte und Gesetze. Wir sind Nachfahren dieses hohen Volkes (Altchaldäer), allein — wir sind dessen Sitten und Gebräuchen völlig fern. Nichts hat Babylonien davon behalten als die Macht; und die lautet: Angst, Not, Tod und Unterdrückung!“
„Nicht so laut!“ Jolea preßt eine Hand auf ihres Mannes Mund. „Hast recht. Komm, wir gehen in die Kammer. Erst begrüße ich die Kinder, alle vier. Ist‘s dir so recht?“ „Du fragst?“ Jolea wagt ein leises Lachen. „Harphya ist mir ans Herz gewachsen; sie ist gut und fleißig. Ist allgemein ihr Volk wie sie, so wundert mich, daß man es unterjochen konnte.“ „Kunststück! Wie ich hörte, ist‘s ein kleines Volk, bedrängt von Mächtigen, die seinen Fleiß, sein Wissen und die Kunst erbeuten wollen.“
„Ich habe über manches nachgedacht“, erwidert Jolea. „Wo kamen alle Völker her? Manche sind verweht wie Sand, wenn der Sturm die Wüste peitscht.“ „Schau mal an, wie klug!“ Sie sind zum Innenhof gegangen, von hier aus geht es in die Kammern. Asnorba setzt sich müde nieder. Nun kommt die Reaktion. Das Erlebnis will nochmal sein Herz beschweren. Doch da wird er schon umringt. Sechs kleine Hände kosen ihn, und mit leuchtend schwarzen Augen steht die Judenmagd dabei.
„Komm her“, winkt der Schmied und hält in jedem Arm zwei Kinder fest. Während seine Kleinen lustig plaudern, ahnungslos, in welcher schrecklichen Gefahr der Vater schwebte, sieht Harphya ihn dankbar an. „Du hast an mich gedacht?“ fragt er. „Ja, ständig habe ich um dich gebetet.“ „Gebetet? Was bedeutet das? Ah, warte bis auf heute Abend; unsere Kleinen wollen wieder spielen.“
„Sie bleiben jetzt im Innenhof“, bestimmt die Mutter. „Harphya soll helfen, gleich ein Mahl zu richten. Du hast heut‘ noch nichts gegessen.“ „Beim König wird man nicht bewirtet, es sei denn, man gehöre einer Garde an.“ Es klingt ironisch. „Macht nichts“, lacht Jolea absichtlich laut, „schließlich kann der König nicht das ganze Volk ernähren.“
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