Kapitel 2
Wochen sind vorüber, seit das Elend durch den Prachtteil Babylons getrieben ward. Wer will, kann jetzt noch jemand kaufen. Deshalb tritt Asnorba eine Reise an. Vor Akkade stößt er auf vier junge Juden. Sonderbar: die Wächter schwingen keine Peitschen, währenddes die vier aus einer Grube einen Steinblock heben sollen. Doch sie sind zu schwach. Entschlossen geht Asnorba näher. Ihm wird nicht gewehrt.
„He“, ruft er die Schweren an, „darf man hier ein bißchen helfen?“ „Wenn du willst?“ lacht einer. Die Jungen stehen wie erstarrt. Sie sehen trotz der Schmach sehr vornehm aus; aber ihre Augen — wie von Tieren, die man töten will. Wortlos faßt Asnorba zu, und mit einem Ruck wird der Block zu Tag gefördert.
„Warum sollen sie das tun?“ fragt er wieder einen Wächter. „Was weiß ich! Einer unserer Weisen gab bekannt, daß, wer den Stein besäße, derselbe mächtig würde wie Gott Bel; und wer ihn berührte, Traum und Omen lösen könne.“ „Wer sind die Jungen?“ „Ausnahmsweise darfst du sie mal fragen, weil du uns geholfen hast. Der König war schon gestern zornig und schwur Rache, wenn wir heute diesen Stein nicht brächten.“
Die Augen abgeschirmt, fragt der Schmied die Jungen. „Wir sind Gefangene.“ „Woher kennst du unsere Sprache? unser babylonisches chaldäisch?“ „Ich und diese hier“, zeigt der eine Sprecher auf die andern drei, „sind schon zwanzig Jahre hier.“ „Da lagst du noch in keiner Windel!“ „Doch! Meine Eltern wurden, als man Juda überfiel, als Geiseln weggeführt. Jetzt“, in namenlosem Leid gesagt, „sitzt unser ganzes armes Volk am Euphratstrom, statt am Jordan, in dem angestammten Kanaan.“
„Wer bist du denn?“ „Ich bin Daniel, eines Fürsten Sohn. Mein Vater war ein weiser Mann, meine Mutter klug und gut, und wir waren reich. Dies sind meine Freunde Asarja, Misael und Hananja. Auch ihre Eltern waren reich. Nun sind alle tot.“ „Auch deine Eltern?“ „Ich habe nur noch eine Schwester, sie muß im Lager sein. Damals lebte sie bei einer Muhme im Gebirge und ward gerettet. Mutter hat es mir erzählt. Mir ist sie also unbekannt; wer weiß, wie traurig es ihr geht.“ Schwermut will den Jungen übermannen.
„Wie geht es euch?“ „Nicht schlecht. Wir sind beim König. Die Arbeit ist oft schwer.“ „Sehe ich“, brummt der Schmied. Die Wächter sitzen auf: „Los, schnell, wir müssen vor dem Abend bei dem König sein!“ „Wie transportiert ihr diesen Block?“ „Ha, zwei Joch Ochsen werden ihn schon ziehen.“ „Bis er ‘runterfällt“, höhnt Asnorba. „Na, helfen wir nochmal.“
Er bricht von einem Baume starke Äste ab, rollt damit den Block bis an die Karre und hinauf und legt die Äste seitlich unter. Dabei fragt er nach dem Namen jener Schwester, „Sie heißt Harphya“, gibt Daniel Bescheid. „Und der Vater?“ „Abia-Obadia „Vielleicht hörst du mal von mir.“ „Manchmal ist der König gut, wir bekommen seine Speisen; doch wir sind.
„Ich weiß genug“, warnt der Schmied und wendet sich den Schweren zu: „Jetzt könnt ihr fahren.“ „Sollen wir dem König einen Gruß von dir bestellen?“ fragt einer lauernd. „Warum nicht? Er wird Freude haben, wenn er heute seinen ‚weisen Stein‘ bekommt und ein treuer Babylonier dazu verholfen hat.“ ‚O ihr Schurken‘, denkt er weiter. Er strebt Akkade zu.
Der Abend sinkt ins Land. Glutrot ist der letzte feine Strich am Horizont, während östlich schon die ersten Sterne blinken. An einer Mauer außerhalb des Ghettos lehnt ein Mädchen. Tränenschwer schaut es zum roten Himmelsstrich. Dort liegt Kanaan. Ihre Eltern hat sie niemals mehr gesehen. Sie war fünf Jahre alt, als das Unglück sie betraf. Bloß ein alter Ohm lebt noch. Der kleine Bruder, den sie innig liebte — wo wird er sein? Auch schon tot — ?
Da kommt einer auf sie zu, Sie will fliehen. Jeder Schande sind die Mädchen ausgesetzt. Ihre kleine Hütte, wo der Ohm auf seinem letzten Lager liegt, bietet noch ein wenig Schutz. Hohe Babylonier kommen nie herein; überall ist‘s schmutzig. Aber wenn man bloß mit Händen alles säubern soll — Was hatte man zu Haus für herrliches Gerät — und viele Diener — und — —
Zwei Fäuste fassen zu. Ein Schrei. Schon preßt sich eine Hand auf ihren Mund. In den Augen flackerndes Entsetzen, so sieht sie zu dem Starken auf. „Still“, sagt Asnorba leise, „ich tu‘ dir nichts zu Leide. Wenn du mir eine Auskunft geben kannst — muß nicht gleich heute sein, dann kommst du in ein Haus, wo man ein Mädchen braucht für kleine Kinder. Ich kann gleichfalls eines brauchen. Jede hat es gut bei mir.“
Es gab nur Verderben, wenn ein Babylonier ins Lager kam. Und die Vögte — — Hält dieser Mann, der sie entsetzlich ängstet, mit ihrem Leib nicht auch die Seele fest? „Was soll ich tun? Bald bläst das Horn; wer außerhalb betroffen wird, der stirbt.“ „Ich komme mit hinein, werd‘ schon fertig mit dem Vogt, der deinen Lagerteil betreut.“ ‚Hm, betreut‘, denkt Asnorba grimmig.
Auf dem Weg zur Hütte schweigen sie. Der Oheim schläft. Asnorba nimmt auf einem Schemel Platz, die einzige Sitzgelegenheit. „Höre zu“, spricht er, „unterwegs traf ich vier Jünglinge, die wie sie sagten — vor zwanzig Jahren mit den Eltern hierher kamen. Einer nennt sich Daniel.“
Das Mädchen starrt den Sprecher an. „So heißt mein Bruder. Er war sechs Monde alt, als er mit fortgetrieben wurde.“ „Gibt es bei euch mehrere dieses Namens?“ „Vielleicht; ich kenne aber keinen andern Daniel.“ „Bist du Harphya?“ Noch mehr verängstigt, weicht sie bis zum Hüttenrand zurück. „Ich tu‘ dir nichts“, beruhigt Asnorba.“ „Bist du Harphya, hieß dein Vater Abia-Obadia, dann hast du nichts zu fürchten. Daniel wohnt im Königsschloß; er hat‘s nicht schlecht. Und dich, wenn du seine Schwester bist, nehme ich zu mir. Hab‘ drei kleine Kinder und ein liebes Weib.“
Gott meiner Väter!“ Inbrünstig ausgerufen. „Willst Du wirklich helfen? Aber warum mir allein? Die vielen anderen in ihrer Not — o Herr, was soll ich tun?“ „Wen rufst du an? Bel?“ „Ich hörte, dies sei euer Gott; ihr hättet eine Form von ihm. Doch — verzeih — man darf sich keine Götzen machen. Unser GOTT, der Herr Zebaoth, ist allmächtig und . . .“
„Allmächtig? Und da gab Er euch der Unbill preis? Ich bezweifle allerdings, daß uns Bel vor solcherlei bewahren kann.“ „Wir waren glaubenslos geworden, darum hat uns Gott verlassen.“ „Ist Er denn so hart, daß Er Gute mit den Bösen leiden läßt?“
Harphya seufzt: „Viele haben diese Strafe nicht verdient.“ „Das besprechen wir zu Hause“, sagt der Schmied. „Die Nacht bricht an. Pack‘ dein Zeug, ich verhandele indessen mit dem Lagervogt.“ „Ich kann nicht fort“, zeigt sie auf den Ohm. Ein Blick genügt. Sackt streicht der Mann dem Mädchen übers Haar. „Er schläft — für immer, und . . .“ Harphya fällt schluchzend nieder. War er nicht ihr letzter Halt? Jetzt ist sie ganz allein. Das bricht hervor, hemmungslos, aus tiefem Schmerz.
„Wein‘ dich aus, du armes Kind! Was mit ihm geschehen muß, tue ich für dich.“ Hinausgehend sinnt er: ‚und für uns, was Babylon dem Jordanvolke schuldig wäre.‘ Eine Münze macht den Vogt geneigt, dem alten Mann ein Grab zu geben und das Mädchen fortzulassen. Asnorba gibt ein Kleinod für den König her.
Sie wandern fast die ganze Nacht. Asnorba schweigt und Harphya denkt trüb: ‚Die Zukunft wird kaum besser werden.‘ Früh kommen sie zu einer Maut, wie sie an den Karawanenstraßen Babyloniens zu finden sind. Man kann dort essen, schlafen, Tiere kaufen oder leihen. Der Schmiedemeister kennt den Pächter gut.
„Wir wollen essen; und leihe mir zwei Esel aus, gut beschlagen bring‘ ich sie zurück.“ „Wen hast du aufgefischt?“ Neugierig fragt der Pächter. „Ah, eine hübsche Fremde!“ „Ich kaufte sie für meine Frau.“ Das sagt er, um zu täuschen. „Hoffentlich gefällt sie ihr!“ Die Anzüglichkeit ist nicht zu überhören. „Ich hoffe mit“, lacht Asnorba lustig. „Wenn nicht, muß sie wieder in das Lager.“
Harphya liegen die Gespräche wie ein Stein auf ihrer Brust. Doch als der Schmied sie auf ein Reittier hebt, sagend: „Du bist müde, halte dich am Sattel fest“, da will die Angst ein wenig weichen. Er leiht einen dunklen Umhang für sie aus, man soll sie nicht zu rasch erkennen; und wärmen soll er auch.
Und was tut Jolea? Sie führt das Mädchen ihren Kindern zu: „Hier habt ihr eine große Schwester; sie paßt auf euch auf und spielt mit euch.“ Nichts könnte Harphya besser trösten, als die Freundlichkeit der Babylonierin. Sie fühlt sich wie zu Hause. Nach außen bleibt sie die Gefangene; und sie hütet sich, neugierigen Nachbarn anderes zu sagen. Oft dankt sie Gott für dieses große Glück.
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