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Kap 4 Gespräch über Gott, Gebet und Glaube; Wie Daniel als Kind erwählt wurde

Kapitel 4

Der Schmied, Jolea und Harphya sind beim Scheine einer Lampe, kunstvoll hergestellt, vereint. Er berichtet vom Geschehen. Harphya fragt: „Was wird mit Nezarono? Selbst gefangen, fühlt man anders, wenn auch jemand schuldig ist. Er war oft im Lager; vor ihm hatte jeder Angst.“ „Kein Wunder“, brummt der Mann, „er war der Führer einer Gruppe, die man ‚Hunde‘ nennt. Durch ihn darf ich nicht solche Dinge machen und verkaufen, wie etwa diese Lampe.“ Er zieht sie näher zu sich her. Da sagt Harphya

„Warte ab, es ändert sich.“ Verdutzt sieht Asnorba drein, hebt eine Hand, wortlos nach oben und nach unten drehend. Harphya kennt die Geste nicht, krümmt aber ihre Hand wie eine Schale, nach oben offen. „Kennst du das Symbol?“ fragt Jolea erstaunt. „Nein“, folgt die Antwort, „aber ich erkannte es.“

„Ist dein Beten ein Symbol?“ Aus dunklen Mädchenaugen bricht ein Leuchten: „Beten ist der Glaube an den einen Gott.“ „Wie machst du das? Hier steht für Bel kein Altar, noch für eueren mir gänzlich unbekannten Gott.“ ‚Man weiß, wer die Opfer heimst‘, denkt Asnorba grimmig. Harphya erzählt:

„Unsere Gaben sind meist Münzen. Wir müssen Gottes Priester mit ernähren, damit sie uns Sein Wort verkünden können. Während eines Festes wird auch von Priestern oft ein Tier geopfert.“ Sie rollt die Geschichte ihres Volkes auf; ihre sanfte Stimme heimelt an, als sie weiter sagt: „Beten ist ein Gespräch mit Gott. Man kann laut und leise reden, wie es eben kommt; Gott sind die Gedanken nicht verborgen. Bittet man für andere oder für die Feinde, dann ist das Gebet geheiligt und — erhört. Ob gleich, ob später, das ist Gottes Heilverfahren ganz allein.

Mein Bruder Daniel . . .“ Asnorba nimmt die feine Mädchenhand in seine Faust: „Als ich vor dem König kniete, sah Daniel mich einmal an. Da fiel die Angst von mir — die Angst um euch, allerdings auch meinetwegen. Doch sprich weiter.“

„Die Eltern hatten — wie wir sagen — einen ‚Blick‘. Die Propheten, von Gott gesandt, besitzen eine ‚Schau im Geist‘. Mein Bruder hat sie auch. Als er in der Wiege lag, kam ein seltsam fremder Mann. Er berührte Daniels kleine Stirn und sprach: ‚Er ist einer von den Großen, die vor Gottes hohem Stuhle stehen.“

Ist eine Tür geöffnet worden? Das Ehepaar sieht auf; niemand kam herein. Dennoch — Die Jüdin sitzt versunken da, ihre schönen Augen glänzen. Sie sagt verhalten: „Ich hab‘s gespürt ER war da!“ Das können Babylonier nicht verstehen; doch daß sie darum fragen, ist Beweis genug, daß sie ihrem Götzenglauben abhold sind. „Erkläre das Geheimnis“, bittet Jolea. „Nichts war zu sehen, nur der sonderbare Hauch — —“, wozu Asnorba heftig nickt. „Du aber sagtest: ‚Er war da!‘ Wer?“

Darf Harphya wie Daniel — ein bißchen — wirken? Für Gott? Nein, es gilt den Menschen. „Ich verstehe, wenn ihr lieben Babylonier, wie ich bisher keine fand, nicht gleich alles anerkennen könnt. Seht: Unser Gott, von Dem ich einiges berichtet habe, ist der ‚Geist des Lebens‘. Er ist überall. Nichts zu sehen und: ‚Er war da‘, ist für euch schwer zu lösen.

Oh, für viele meines Volkes ist‘s ein Rätsel, daß Gott überall zu finden sei. Er ist immer da! Ob wir es glauben oder nicht, ändert nichts an Seiner ewig-wahren Existenz. Der Hände Arbeit ist für euch des Lebens Wirklichkeit. Allein: ihr atmet unentwegt die Luft, hört den Laut der Sprache und Geräusche; aber sehen könnt ihr weder Luft noch Laut. Ohne Luft kann niemand leben, keine Kreatur und keine Pflanzenwelt.

Im Vergleich zeigt sich der Herr in ewig-wahrer Existenz. Dazu gehört, daß man im Glauben, im Gebet mit Ihm verbunden ist, in jener Liebe, Ehrfurcht und in Hingebung, die die Seelen von dem Weltsinn lösen, dafür mit dem Geist des Lebens eng verbinden. Ob sichtbar oder unsichtbar — jederzeit ist Gottes Gegenwärtigkeit Sein hoher Segen; jetzt für euch, ebenso für mich.

GOTT hat euch angerührt, weil ihr Liebe übt. Wo der Machttrieb triumphiert, da ist Gott sehr fern. Nicht so“, löst sie die Frage, „Er könne dann auch nicht regieren, wenn die Weltmacht stärker sei als Er. Ja — Er läßt die Bösen bis zum Rand der selbst gegrabenen Grube gehen, läßt sie in sie fallen, wenn sie geistig dadurch zu erretten sind. Jedoch tiefer, als Seine Vaterhände sich in Güte senken, fällt kein Kindgeschöpf hinab.

So fürchterlich ein Fall oft ist, man fällt in Gottes Hand hinein — meist unbemerkt und — nicht gewollt. Selten wird es jenem gleich bewußt, der in diese Hände stürzt. Aber niemand ist so blöde oder böse, als daß nicht Gottes herzliche Barmherzigkeit ihm hilft!

An einer Wende stehend, laßt ihr euch vom Licht jetzt lenken, das ich euch bringen durfte: die Lehre über Gott, den Schöpfer aller Dinge. Euere Seelen sind aus Gottes Licht gekommen, und euere Wege münden in das Licht zurück. Darum war ‚Er da‘!, mit dem Segen Seiner hehren Gegenwärtigkeit.“

„Hast du Ihn gesehen?“ Scheu gefragt. „Vielleicht“, ein kleines Zögern, Harphya will ihren Helfern keinen Kummer machen, „sah ich Ihn im ‚Blick‘. Dieser ist auf keinen Fall so groß, wie ihn mein Bruder hat. Heute ist es mir gewiß: nicht von ungefähr, daß Asnorba mich gefunden hat, mit Daniel zusammentraf, und mit Jolea den Weg ins Licht erkennt.“

„Ja, liebes Kind, hast recht.“ Jolea umschlingt das Mädchen. Es drückt sich an die Frau, als wäre sie die gute Mutter. Asnorbas Hand liegt achtsam auf dem dunklen Scheitel; er sagt versonnen: „Laßt uns schlafen gehen; ich muß es erst bedenken. Sonderbar mag sein, daß alles, was du sagtest, mir nicht fremd erscheint, obwohl ich nie dergleichen hörte. Doch mir ist‘s wie eine Freude, die mich zu allertiefst erfüllt.“

„Mich auch“, bestätigt Jolea, „und ich — wie soll ich sagen? — ich danke deinem Gott, mein Kind, indem Er uns dich finden ließ. Gewiß kam es durch deinen Bruder, daß meinem Manne nichts geschah.“ ‚Ich danke auch dem unbekannten Gott‘, denkt der Schmied, ‚etwa wird Er mir noch so wie Harphya bekannt.‘

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