Kapitel 19
(Dan. K. 8) — Die Tyrannei Belsazars, des unbekannten zweiten dieses Namens, nimmt zu. An Daniels Landgau wagt er sich nicht heran. Viele Juden sind schon heimgekehrt, doch das Gros des Volkes nicht. Er bringt es fertig, jede Einreichung von Bitten, nach Juda heimzuwollen, zu unterschlagen. Daniel kann wenig unternehmen. Auch ‚sieht‘ er, daß das Volk noch nicht die Reife hat, wieder unter eigenem Regiment ein Staat zu werden.
„Ach Herr, was soll ich tun? Ich möchte helfen; soll ich denn zu Darius reisen und ihn unterrichten?“ „Das tut nicht not“, sagt eine Stimme neben ihm, „du hast einen andern Weg zu wandern. Achte auf und erschrecke nicht, wenn deine Füße keinen Boden fühlen.“
Ehe Daniel sich an die unsichtbaren Hände klammern kann, wird er emporgehoben und davongetragen. Noch weiß er nicht, daß sein Leib im Schlafe liegt, und nicht, daß sein Geist die Seele zur Gestalt gebildet hat, er also doch als ‚Daniel‘ die Reise durch die Lüfte tut. Sein menschliches Empfinden ist nicht ausgeschaltet. Wie ist es möglich, daß er rascher als die Winde durch die Lüfte eilt? Die Hände, die ihn führen, sind sein fester Halt.
Eine fremde Landschaft tut sich auf. „Das ist Susan im Land von Elam“, klärt die Stimme auf, „und das Gewässer heißt Ulai. Hier sollst du mit dem dritten König reden (S. 103, 3), den du umzuwenden hast. Er war stolz, trotzig, wollte nicht auf jene hören, die ihm von dir und deinem Gott gepredigt haben. Weil er aber über seine Herrscherlaunen dennoch die Gerechtigkeit erhob — freilich bloß die magere der Welt —‚ darum soll er kurz vor seinem Tod zur Klarheit kommen. Gehe hin; alles andere überlasse Gott.“
Sanft gleitet Daniel zur Erde und er sieht sich so, als stünde er im Körper da. Oben an des Schlosses Mauern gellen Hörner auf. Schon eilen schwer Bewaffnete herab. Als sie den einzelnen Mann am Wasser stehen sehen, verhalten sie und senken ihre Waffen. Der Hauptmann fragt: „Wer bist du, und was willst du hier?“
„Ich bin Daniel. Der allmächtige Gott sendet mich zu Astyages, der auf seine letzte Lebensstunde wartet.“ Entsetzt weicht die Wache weit zurück. „Woher weißt du das?“ fragt der Hauptmann. „Wann bist du aufgebrochen? Du müßtest ja des Königs Krankheit wissen, als er noch gesund auf seinem Throne saß. Rede, oder . . .“
„Ich melde meine Sache selbst dem König.“ Man sieht Daniel schief an. „Komme mit!“ Das klingt nicht befehlend. Der Hauptmann geht voraus, die Leute hinterdrein. Im Schlosse angekommen, meldet man den jordanseher an.
Astyages leidet schwer, er sieht verfallen aus. Als er hört, wer angekommen ist, richtet er sich mühsam auf. „Wer?“ fragt er den Melder. „Ich hörte es aus mancher Botschaft, wer der Jordanseher wäre und was er alles könne. Wie ist er denn hierher gekommen? Und woher weiß er, daß ich hier verborgen bin?“
„Herr, er will selber mit dir reden.“ Astyages greift nach einem Trunk, den der Arzt ihm täglich mischt. Das hilft für kurze Zeit, bloß wird der Tod nicht aufgehalten. „Laßt ihn kommen! Meine Wache bleibt und du, mein Arzt, damit ich deine Hilfe habe.“ „Wir hätten dich auch nicht allein gelassen; denn wer weiß — Daniel grüßt fürstlich, was manche Sorge schwinden läßt. „Mein Gott hat mich geschickt“, sagt er, „um dir in deiner Todesstunde beizustehen. Weniger, weil du es verdienst, des sei gewiß; doch es soll ein Zeichen sein, daß — wer sich noch in letzter Stunde wendet — Versöhnung haben kann. Wenn du das willst, König Astyages, so biete mir den Gruß, wie er unter Fürsten üblich ist.“
Das sind Worte eines geistig und auch weltlich Großen. Der König sagt: „Sei willkommen! Ich kannte dich zwar nicht und habe dich nicht hergebeten. Was mir Darius und Kores von der Löwengrube, von den Männern in dem Feuerofen schrieben, hielt ich für ein Märchen, und auch, daß du ein Land regieren könntest, besser als sie selber und — wärest bloß ein armer Jude, ein Gefangener samt seinem Volk. Wie sollte ich das glauben?
Wer brachte dir die Kunde? Bist du der, für den du dich jetzt ausgegeben hast, vom Euphrat kommend, mußt du schon lange wandern, während ich erst seit zwei Wochen krank darniederliege. Man sagte mir, das Wasser vom Ulai sei heilend. Aber ach — “ Müde bricht der König ab. Daniel sieht freundlich auf ihn nieder.
„Willst du ein Exempel, daß ich es bin?“ Ein gequältes Lachen: „Löwengruben gibt‘s hier nicht. Magst du denn hinein?“ „Sofort!“ Die Entschlossenheit wirkt überzeugend. „Du bist‘s. Nur — wie bist du hergekommen und hast zuvor von mir gewußt, wo ich selbst noch keine Ahnung hatte, was mir widerfahren würde — ?“
„Das wurde mir auf meinem Weg gesagt. Es gibt Dinge, die uns ohne Geistschau unverständlich sind. Du hast die Kunde als ein Märchen abgetan; und wieder ähnelt es dem Märchen, wenn ich sage: Gottes Bote hat mich durch die Lüfte hergebracht. Lasse dir genügen, daß ich als ein ‚Gesandter Gottes‘ vor dir stehe. Mein Körper liegt im Duraschloß, dir gewiß nicht unbekannt. Was du von mir siehst, ist meine Seele, die im Reiche Gottes, nicht von dieser Welt!, meines Geistes Körper ist.
Das solltest du als Zeichen haben. Nach deinem Tode, Astyages, wird deine Seele — wie jetzt meine — dir so sichtbar sein, wie dein Leib, den du noch trägst und spürst. Läßt du dich in deiner letzten Lebensstunde noch bekehren, dann wirst du dich, wenn mancher Untat wegen auch nicht sofort rein und gut, dennoch so, wie eben mich, in deinem Seelenleib erblicken.“
„Und alle Schmerzen wären sofort ausgelöscht?“ fährt der Kranke hoch. „Deine Seele wird des Leibes Schmerzen spüren, nur nicht mehr so hart wie jetzt. Denn du mußt tragen, was dein Tun hervorgerufen hat. Du bist nicht völlig überzeugt, weil du dich als Herrscher fühlst, hoch, erhaben über alle Untertanen, und dem nicht zuzukommen hätte, zu leiden, Krankheit zu erdulden, wie — deine Götzen auch nicht leiden würden.
Allerdings“, Daniel lächelt fein, „deine Götzen kennen keinen Schmerz; sie sind aus Gold, Silber, Erz, Stein oder Holz gemacht. Drücke doch den goldenen Pfosten deines Bettes, und höre, ob er schreit. Drücke deinen nun schon schwachen Arm, und du merkst den Schmerz vom Kopf bis zu den Füßen.
O Astyages! Der ewig-wahre Gott ist kein Götze, von Menschenhand gemacht! Er schuf uns aus der Allmachtsherrlichkeit im Abbild Seiner UR-Person. Er hat uns mit Lebendigkeitsgefühl gesegnet. Erkennst du das, alsdann hast du dich vor Ihm gebeugt, und man bringt dich heim, wenn deine Stunde kommt.“ „Welche?“ Wieder eine bange Frage, voller ungewisser Hoffnung, voller Gier.
„Wenn du im jenseits alles abgetragen hast: aus Gottes Güte und Erbarmung!“ erklingt es ernst. „Sie kann rascher kommen, als du wähnst; sie wird verzögert, wenn du weiter meinst, als König dürfe dir kein Leid geschehen. Beugst du dich nun unter Gottes Willen, auf dem armen, letzten Lager dieser Welt, dann wird im jenseits deine Leidenszeit verkürzt.
Tust du es darum aber nur, so mußt du lange warten, bis dir Gottes Gnade widerfährt. Vor Ihm — das merke — gibt es weder Niedrige noch Hohe, Könige noch Untertanen, Reiche oder Arme; da gibt’s nur IHN, den Herrlichen, und Seine Kinder! Bist du aus Erkenntnis und aus Reue über deine ungerechten Taten das geworden, auch ein Kind des Höchsten, so wirst du frei von aller Schuld, die du dir auf deinem Weltweg aufgeladen hast. — Ich hole nun ein Wasser vom Ulai und erkläre dir, was das zu bedeuten hat. Das Wasser schließt des Leibes Augen und wird die Augen deines Geistes öffnen.“ Daniel verläßt den Raum. Man hört keinen Schritt, obwohl er landesüblich ziemlich feste Schuhe trägt. Wie kommt denn das? denkt der Arzt. Und der König: ‚Er hat recht, der Jordanseher, und —‘ „O, ruft ihn bald zurück, nur er kann mir noch helfen! Der Tod steht näher, als noch vor einem Stundensand. Holt ihn, holt ihn rasch!“
Einige stürzen fort. Unterhalb des Schlosses liegt der stille Fluß. Er ist ein Wunder der Natur. Man hat nicht erkannt, wieso er sanft und beinah lautlos seine Wasser fließen läßt; doch wenn man eine Hand ins Wasser taucht, dann spürt man, wie die Wellen sich zusammenschieben und ostwärts stürmen, dorthin, wo Tag für Tag die Sonne ihren Lauf beginnt.
Es gäbe keine Zeit zum Überlegen. Trotzdem schaun die Männer wie gebannt. Daniel steht inmitten auf dem Fluß; und da ist‘s wie eine Insel, eine Wasserinsel, die ihn trägt. Ohne Anruf wendet er sich um, schöpft mit einem goldenen Gefäß das Wasser vom Ulai und trägt‘s zu einem Sterbenden hinauf.
„Daniel, was bringst du mir?“ Astyages Hände zittern, die Augen hängen an dem goldenen Gefäß. „Du sollst das Beste haben, was Gott für dich jetzt geben will“, sagt Daniel. Ernst und voll Erbarmung klingt die Stimme. Den rauhen Kriegern ist es auch, als stünden sie in einem Heiligtum. In welchem — ?
Daniel setzt sich an das Lager. „Du hast mich einen armen Juden, den Gefangenen genannt. Im menschlichen Bedenken hast du recht. Arm werden wir geboren, ohne Wissen und Verstand. Trotz Königswiege warst auch du nicht mehr als ich und andere. Die Härte eines Königs hat mein Volk geknebelt, zwanzig Jahre lang, hat alsdann das Land verwüstet, das Volk ward fortgetrieben, und zwei Könige hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte.
Geistig war der Euphrat jener vierte Strom von Eden, dem längst verlorenen Land, das die Menschheit nie mehr finden wird. Menschen wird es immer geben, die im Glauben an den einen Gott und durch gute Taten Eden geistig finden werden. Dann sind sie glücklich, mit und ohne hohes Haus, glücklich auch am Bettelstab.
Weil Israel trotz hohem Wissen Gott verloren hatte — allgemein —‚ darum kam es in die Fremde; doch durch heilige Barmherzigkeit zum Euphrat, dem VATER-Strom aus Gottes Herzen. Du bist geschult genug, um das zu verstehen. Daß es in jedem Volk, in jeder Sippe, auch bei einer Umkehr, Ungerechte gibt, hat die Welt bewiesen und wird sie bis ans letzte Ende hart beweisen. Diese bleiben die Gefangenen der Sünde, ihrer Schuld und Gottes-Losigkeit!
So warst auch du gefangen, Astyages, und hast gemeint, du wärest frei, weil du aus Macht erheben und erniedrigen konntest, wie und wann es dir gefiel. Heute mußt du dich befreien, indem du dich dem großen Gott gefangen gibst. O arm, wie der Mensch geboren wird, so arm und schwach geht er wieder aus der Welt hinaus.
Ich hatte reiche Eltern. Sie wurden fortgetrieben, mit mir als Wiegenkind, das Haus zerstört, geraubt, alles ging verloren. Eines habe ich dafür von GOTT erhalten: die Innigkeit des Glaubens, aus der Er mich zum Seher machte. Dieser Reichtum — unantastbar — wird mir auch auf meinem Totenlager bleiben.
Besitzt du einen Reichtum, der dir nicht vergeht? Du schüttelst gramgebeugt dein Haupt. O — in Erkenntnis eigener Armut können wir durch Gottes Kraft des Himmels Reichtum uns erwerben. Dieser bleibt uns auf dem Wanderweg zurück ins Licht erhalten.
Mir wurde aufgetragen, drei Könige zu wenden: Kores, Darius und dich. Nebukadnezar war als Tyrann erzogen worden. Den Königskindern legt man allzufrüh die Macht in ihre kleine Hand. Erklärlich, wenn sie pur zur Herrschsucht kommen. Er wendete sich zwar um, doch das geschah durch Wunder. Das ist zwar gut, aber nicht viel wert.
Dir sei auch ein Wunder überkommen wie noch nie die Welt es sah? Du hast recht. Doch du hast es bloß in dir gespürt; und daraus kam die Umkehr deiner Seele. Ebenso bei Darius und Kores. Sie hörten bloß die hohe Lehre Gottes, die ich bringen durfte, sahen, daß ich als ‚armer Jude und Gefangener‘ wie ein Fürst regieren konnte. Ein Augenwunder wurde ihnen anfangs nicht zuteil.
Also steht ihr drei gesondert da. Aber das: Vier Richtungen hat der Himmel, der Mensch vier Lebenszeiten, vier hehre Wesensdinge hat der Schöpfer-Gott. Davon ist der erste Teil Sein unveräußerliches Eigentum, während Er aus Liebe, Weisheit und Barmherzigkeit uns manches aus den andern Teilen Seines Schöpferlebens gab. Und drei Zeiten sind der Welt gegeben; die vierte, richtig Gottes erste, hat unsere Erde nicht gekannt.
Vor Eden war die zweite Zeit, eben herrscht die dritte; und kommt GOTT SELBST als heiliger Erlöser auf die Welt — zu meinem armen Volk —‚ dann kommt die vierte Zeit, die Er in heiliger Erbarmung für die Menschheit kürzt, weshalb sie auch die ‚halbe‘ heißt. Auch du, noch gar nicht alt, hast eine ‚halbe Zeit‘ regiert, zum Segen deiner Seele, damit du nicht ein ‚ganzes böses Leben‘ führen soll test. Im ‚Jenseits wirst du wissen, warum dir dies geschieht.
Ebenso wird einst der Welt die Zeit verkürzt, damit die letzte Menschheit, die in ihrem Wahn sich selbst zerfleischt, ungezählte Menschen tötet, Glaube, Liebe und das Licht zerstört — für sich!, — denn was GOTTES ist, das kann kein Mensch vernichten —‚ im Wahne ihres armen Lebens aufgehalten wird!“
Daniel zündet eine Fackel an, denn der Abend bricht herein. Er hebt das Goldgefäß empor: „Ulai, das Wasser eines Quells, den bisher niemand fand, wie das Quellgebiet der Edenströme gleichfalls nie gefunden werden wird, ist ein Symbol für diese dritte Zeit, von der ich sprach.
So kommt aus Gott das DRITTE als der Mittler und Versöhner. Wenn Sein ‚Vollbracht‘ ertönt, wird man auch den Lauf des Flusses nicht mehr finden. Er hat eine heilende Substanz für kranke Körper; doch das Wasser, das der HERR als der Versöhner bringt, heilt die Seelen aller abgeirrten Menschen. Er wird einst einem Hohen sagen:
‚Es sei denn daß der Mensch wiedergeboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht ins Reich Gottes eingehen!‘ Joh. 3, 5
Und du, Astyages? O, aus Erkenntnis soll der Mensch des Geistes Stimme wirken lassen. Aus dem Verborgenen brachte ich dir nun das Wasser und den Geist. Beides war dir unbekannt. Und weil unbekannt, dir, einem König dieser Welt, wollte Gott jetzt deine arme Seele retten, wie es stets mit jedermann geschieht, der sich von Seiner Stimme lenken — umlenken läßt.
Wiedergeboren bedeutet nicht, daß man abermals als Kind zur Erde kommen muß. Abgestorben seiner Welt, in den ‚Geist‘ hineingeboren, der aus Gottes hehrem Licht und hoher Lebenswahrheit kommt!“ Daniel bettet Astyages sanft zurück.
„Deine Stunde schlägt. Willst du auf das, was ich dir sagen durfte — als Geist, nicht als Mensch —‚ ein gläubig-frohes ‚Ja‘ bekennen, hingewendet zu dem Schöpfer aller Lebensdinge, dann sprich das ‚Ja‘ vor deinen Leuten aus. Gott nimmt es gnädig an.“ Eine Wandlung geht im König vor. Aus den Augen bricht ein starker Strahl, und er bekennt es laut: „Ja, Bote Gottes, ich will!“
Da läßt Daniel vier Tropfen Wasser auf das Herz, auf den Mund und auf die Augen rinnen. Erregt stehn die Königlichen da. O sieh: die Augen fallen zu, der Mund wird still, das Herz hört auf zu schlagen. Keiner wagt ein Wort, als der Jordanseher lautlos das Gemach verläßt. Wohin begibt er sich? Man sieht ihm heimlich nach. Und da ist‘s wieder, jenes Wunder: Daniel steht auf seiner Wasserinsel, in mitten des Ulai.
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