Kapitel 20
Auf das Wasser sinkt ein Licht herab, es verändert sich in Wellen und in Farben. Daniel wird von einer Lohe eingeschlossen. Mitunter ist es ihm, als würde er mitsamt der Wasserinsel hochgehoben, daß sie wie Kristall im Licht erstrahlt und der Fluß sich wie im Kreise um die Insel dreht.
Er sieht des Himmels wunderherrliche Gewalt. Doch das Bild — ? O weh! Das Licht erschien vom Osten, von viel höher her, als wo Gottes Sterne stehen. Das Bild kommt vom Abend, sich zur Nacht und hin zum Mittag breitend. Es ist ein Widder, der auf Daniel zu zurasen scheint. An des Flusses Ufer bleibt er plötzlich hängen.
Eine Lichtbarriere schiebt sich hoch. Zornig stemmt das Tier die Hufe in den Sand. Aus dem Zorn erwachsen ihm zwei Hörner, von denen eins das andere überragt. Von drei Seiten kommen Tiere, um ihn zu vertreiben; doch er tötet sie, ohne sich vom Platz zu rühren.
„Herr, was bedeutet das?“ „Dir wird der erste Teil des Bildes aufgezeigt. Für die Welt ist es ein äußeres Geschehen; aber aus dem Sturz des ersten Kindes und was nach der Welt geschieht, kommt der Anfang aus dem Ende. Das Tier in seinem Anfang ist eine Kraft, hier als erstes Horn zu sehen, jene Gabe, die die Trägerin der Kraft (Sadhana) bekommen hatte. Als Widder dargestellt, bedeutet ihren Abweg. Daraus entstand das zweite Horn, die Kraftanmaßung, über die erhaltene Kraft hinaus.
Der Widder tritt die Tiere tot, für seine Lebensgasse, ihre Mühe, das angemaßte Krafthorn abzulegen. Gottes Willensherrlichkeit ließ es ihm zu. Doch ein Riegel ist dem vorgeschoben worden, was du aus der Offenbarung weißt, daß der Herr als HEILAND schon ‚von alters her‘ Sein Werk begonnen und längst in Sich vollendet hat. Was erst zu einer Offenbarung kommt, ist die Gabe an die Finsternis, an ihre Wesen, an die Menschen.
Tritt ihm ein anderer entgegen, so werden alle angemaßten Kräfte aufgehalten. Für die Welt ist‘s jene Zeit, wann der Heiland kommen wird, wo die ‚Macht vom Abend‘ (Rom) nach der Mitternacht und nach dem Mittag greift, indes vom Morgen, den Menschen lange unbekannt, das Wort ertönt, wie der Widder am Ulai verharren mußte:
‚Bis hierher und nicht weiter!‘
Wenn zur letzten Zeit das große Horn zum Teil den Westen, Norden und den Süden überschwemmen wird, so bleibt die Lichtkraft aus dem Osten, dem in Gottes Hand schon aufgegangenen Morgenrot des nächsten Schöpfungstages, dennoch stets die Siegerin, ob die Welt es leugnet oder nicht. — Und so schaue weiter zu.“
Wieder wird die Wasserinsel hochgehoben und hinabgesenkt. Daniel sieht des Widders Horn als ‚Große Babylon‘, als einen Herrscher oder Weltmacht, die während ihrer Zeit über andere triumphiert. Die Große Babylon hat dann ihr Unvermögen einzusehen, sobald ihr ‚Mene, tekel, U-pharsin‘ zur letzten Stunde schlägt. Und es kommt:
Vom Abend her ein Ziegenbock über die ganze Erde, ohne sie mit seinen Hufen zu berühren. Zwischen seinen Augen steht ein starkes Horn. Auch er ist zornig und sieht aus, als hätte er ein Recht dazu. Oder nur für seine Zeit? Die Jahrhunderte verschieben sich für Daniel. Die dritte Zeit, wo im Aufstieg jener Babylon der Widder herrschen darf, drängt ihrem Ende zu. Vom Westen kommt die ‚halbe Zeit‘ als Schlußepoche.
In dieser Wende steht das ‚Hohe Licht der Gottheit‘ auf dem Plan. Der Widder als Symbol der Weltmacht und des ersten Kindes stirbt. Das Kind wird durch das heilige VOLLBRACHT bezwungen, um auf einem wenn auch langen Rückweg wiederum wie neugeboren zu erstehen; im zweiten Sinne, daß die alte Babylon der ‚neuen‘ weichen muß, beide aber doch das ‚große Tier‘ in vielen Varianten sind.
Der Ziegenbock gilt auch als eine Weltanschauung, ebenfalls in Varianten, die sich gegenseitig niederstoßen, im Sinn der Großen Babylon dasselbe sind: Überheblichkeit, Terror, blindwütige Macht der Großen und der Völker, Grauen, Tod, Verderben.
Jenes größere Horn (Rom) wird vom ‚Hohen Licht‘ zerbrochen. Vier andere ansehnliche Hörner treten auf, stoßkräftig nach den ‚vier Winden unter dem Himmel‘. Und hierin wären sie ein gutes Zeichen, weltgestaltlich jedoch böse. Gerade in der geistgesetzten Ausübung (Evangelium) wird die Gedankenkraft der Menschen gnadenlos versklavt, wenn auch ‚das Wort‘ gepredigt werden wird.
Das ‚kleine Horn‘ aus den vier Hörnern sind Völker samt Regenten in der Ausübung der Macht. Die Könige befehlen, und die Untertanen haben zu gehorchen. Erheben sie sich hie und da, so wird die Masse totgeschlagen, weniger dem Leibe nach, was auch geschieht, sondern die gerechten Forderungen werden nicht erfüllt.
Wie kann das kleine Horn so üble Dinge tun? Bis an des Himmels Heer sieht Daniel es wachsen. O — jetzt und später werden jene, die das Hohe Licht erkennen und bewahren wollen, vielseits unterdrückt und ausgerottet. Des Himmels Heer sind Gottes Lichtgesandte, die Sterne ihre Helfer. Das Horn wirft sie zu Boden, um sie zu zwingen, seine Weltmacht anzubeten (anzuerkennen).
Sogar an des Himmels Fürsten (Eigenschaftsträger) wagt es sich heran. Die vielen Opfer ihres Mithilfsdienstes — jenseits und in der Materie — frißt des Ziegenbockes Horn. Was rein vom Reich zur Erde kommt, ist ein Heiligtum des Höchsten; doch die Weltmacht reißt die Türe auf: Gottes hohe Lehre wird zur roten Fackel (Religionskriege, Inquisition pp).
„Herr, wo ist Deine Macht ‚Bis hierher und nicht weiter‘?“ „Warte ab“, sagt ein Himmlischer. Bei diesem steht ein zweiter, der fragt: „Wie lange soll noch währen solch Gesicht vom täglichen Opfer und der Sünde, um welcher willen diese Verwüstung geschieht, daß beide, das Heiligtum und das Heer, zertreten werden möchten?“ Der Frager ist der Liebesfürst, Antwort gibt der Ordnungsträger. Neben beiden stehen noch zwei andere.
„Bis 2300 Abende und Tage um sind; dann wird das Heiligtum wieder geweiht werden.“ „Wieviel Jahre sind das?“ fragt Daniel verwundert. „Nach der Weltuhr sind es sechs und eine kleine Zeit. Die ‚sechs‘ gilt dem jetzigen Schöpfungstag, an dem der Schöpfer Sich Sein Kindervolk erschuf. Du brauchst die Tage nicht nach Stunden auszurechnen; denn ob der Herr verlängert oder auch verkürzt — das liegt in Seinem heilsgewohnten Willen!“ Daniel fragt weiter, wie das weltlich zu verstehen wäre.
Da kommt einer her. Von Oben klingt Gottes Stimme: „Gabriel, lege diesem das Gesicht aus, daß er‘s verstehen kann!“ Gabriel? Der kam mit dem Liebeträger, der zuvor die Frage tat. Und später wird er merken, daß der andere beim Ordnungsträger der Fürst des Willens war: Michael mit Namen.
Gottes Stimme mitten vom Ulai: aus der Lichtverborgenheit in der Offenbarung an den Seher. Nicht nur die Ehrfurcht vor dem Herrn — es ist mit der Anteil für die Fürsten, was Daniel erzittern läßt: „Ich bin‘s nicht wert!“ Gabriel läßt es zu, daß Daniel im Schreck auf seinem Antlitz liegen bleibt — als ein Sühnezeichen für die arme Welt, sagt aber freundlich:
„Merke auf, du Menschenkind; denn dies Gesicht gehört in die Zeit des Endes. Teils, wenn das ‚Hohe Licht‘ den Abgefallenen die Wende bringt, aber für die Kinder dieser Welt, daß ihnen nur die ‚halbe Zeit‘ verbleibt. Im Gesamten gilt‘s der letzten Tagesstunde, danach Gottes hehrer Abendsegen und der Abendfrieden sich auf alles senkt, was LEBEN heißt und LEBEN ist!“
So stark, ist Gottes Strahl, daß der Seher den Kontakt mit seinem Ich verliert. Gabriel berührt ihn sanft, und beide stehen nun vor Gott auf der Wasserinsel des Ulai. „Ich zeige dir, wie es gehen wird zur Zeit des letzten Hornes; denn das Ende hat die eigene von GOTT bestimmte Zeit“, sagt Gabriel.
„Für die Epoche, jetzt und in Kürze, sind des Widders Hörner die Könige von Medien und Persien, nicht Kores und Darius gemeint, die gut geworden sind. Der Ziegenbock ist die Herrschaft Griechenlands, vor dem ‚Abend‘ schon bestehend, aber mit und nach ihm untergehend alles Gute, das dem Volk zu eigen ist. Bildlich ist der Bock sein erster König. Wenn das Horn zerbrochen wird, gehen dann vier andere hervor, Splitterungen vom geeinten Griechenland.
Zuletzt in ihrem Reich merke dir das Geistige, das Weltliche ist nur ein Spiegel — ‚ vom Erstkind mit der angemaßten Kraft, wenn im Ganzen Gottes ‚mene, tekel, U-pharsin‘ erschallt, nehmen viele Übertreter überhand mit einer Weltmachtstellung, die frech, sowie tückisch ist; nicht aus sich selbst, die Menschen geben ihr die Macht, sowohl durch ihre Unterwürfigkeit, wie ebenfalls aus eigenem Trieb zur Bosheit und zur Tücke.
Diese Macht kann Starke niederzwingen. Doch so klug sich dieser Weltmachtkönig zeigt, daß ihm vieles vom Betrug gelingen wird — ich sage dir hernach ein Zeichen, daß er mit friedlicher Gebärde seine Waffen hebt, den ‚Fürsten aller Fürsten‘ wegzudrängen — ‚ wird die ‚Heilsmacht‘ auf ihn niederfahren. Und niemand sieht die Hand, das Walten, wie und wann er sterben muß!
Man wird ein ‚neues Evangelium‘ prägen. Doch es ist vom wundersamen ‚Alten‘! Alt und neu sind ewiglich die Lehre, das Gesetz, die Güte und der Wille Gottes!!
In ihnen offenbart sich, was Gott allen angedeihen läßt. Wenn du meinst, dem Weltsinn nach, Er habe dafür zweierlei Gewicht, so hast du recht; es stimmt nicht, weil das LICHT das Zeichen gibt.
Was manche als die Strafe wähnen, das führt Gott, um den Rückweg für sie anzubahnen. Käme das nicht aus Erbarmung, wie die Segnung derer, die sogar auf dieser Welt Gottes Wort, Gesetz, die Güte und den Willen auch bewahren wollen?“ „Ich hab‘ es falsch bedacht“, sagt Daniel. „O nein; die Welt verschiebt mitunter Gottes Licht. Ja — zuletzt wird man das ALTE nicht mehr anerkennen, sich wie das erste Himmelskind erheben, was gleichfalls jene Kraftanmaßung ist, die die Seele zu zerbrechen droht.
Wer denkt, Gott müsse nur durch sie regieren, daß erst die Kinder Ihn zum Vater machten, zuvor IHM etwas geben müßten, damit Er es besitzt, der ist ärger als die ärgste Macht der Welt, weil er es ‚im Namen Gottes‘ sagt! Wer das glaubt, ist sein Feind im eigenen Haus! Wohl — der Vater wird sie heilen, sobald sie zur Erkenntnis kommen. Was sie durch ihren Antichrist an anderen zerbrechen, das müssen sie als Eigenschuld bezahlen.
Der Antichrist, wie man Ungläubige bezeichnen wird, sind jedoch die falschen Lehrer: ‚im Namen Gottes‘! Halte dies in deinem Geiste fest; denn auch deine Zeit wird kommen, wo du das dir Offenbarte selber oder auch durch einen Sendling, den der Herr Sich vorgesehen hat, enthüllen kannst. Das kann weltlich lange währen; aber für die Lichtzeit ist‘s ein kurzer Augenblick.
Du verstehst noch nicht des Widders erstes Horn, die Weltgewalt (Waffe usw.), das zweite als die Machtanmaßung für den Glauben. Das Geistgewollte, Gott so fern, wie der Meeressand den Sternen, wird man mit der Weltgewalt auf einen Träger setzen. Auch das Erstkind wollte Gottes Lichtkraft unter seine eigene stellen, und da fiel es in den selbstgegrabenen Schrund.
In der halben Zeit wird die ‚Neue Babylon‘ regieren. Da schnitzt man ‚Ohren‘ wie beim Bel, den du unter einem König, den du noch nicht kennst, entlarven mußt. Mit diesen Ohren hört man, was die armen, leidgeprüften Menschen denken, und die Reichen, deren Hab und Gut das Horn des Ziegenbockes frißt.
Man nennt es ‚Macht des Glaubens‘, die manche Große pur für sich bewahren. Auf diese Weise steht das Horn der Weltgewalt über jener Macht des Glaubens, dem allein der Name das Gepräge gibt.“ „Fürst Gabriel“, Daniel ist so erschüttert, daß er weint, „wie ist‘s denn möglich, daß solches einst geschieht? Kann der Herr da gar nicht helfen? Kann Er denn da nicht . . .“
„Gott kann alles, was Sein Wille Sich erdenkt! Niemand im gesamten Schöpfungsrund, auch wir Fürsten nicht, können Seinen Willen hemmen! O, Er kann und — Er wird!! Selbst was Er unterläßt, ist der Ausdruck Seiner Willensherrlichkeit. Unterlassen ist ein heilighohes Tun Seines UR-geheimen Wesens. Deshalb sei nicht bang; denn
‚Gott wohnt in Seinem Himmel, Er kann schaffen, was Er will!‘ (Ps. 115, 3)
Warum durchraste denn der Bock die ganze Erde, und seine Hufe trafen sie doch nicht? Das hat zweierlei Gesicht. Verwahre es; denn das ist für die Menschheit noch nicht reif. Du kennst den Namen ERDE, der Gottheit drittes Element, jenes Fundament für das hehre ‚ist‘, was Gott tut in allen Seinen Werken. Der Bock will zweierlei zerstören: Das Weltliche und das Geistige, ‚im Namen Gottes‘, wie ich es dir zeigen sollte.
So kann er stampfen, daß die Welt erzittert, die Großen und die Kleinen. Nicht die ERDE, sondern WELT, weil es die Menschen, ihre Armut und die Finsternis betrifft. Das nennt man ‚Welt‘. ‚Ich habe die Welt überwunden‘, wird Gott als Heiland lehren. Was das Licht jedoch für diese letzte Welt betrifft, dafür setzt Er stets das herrlich- hohe ERDE ein!
Ihr gehört die Lehre, das Gesetz, Güte, Wille, und noch vieles mehr. Das will der Ziegenbock vernichten in den Menschen, die im Mithilfdienst den Armen helfen. Aber daß kein Huf die Erde trifft, besagt: Die Treuen stehen unter Gottes Hand; Er ist ihr Schutz und ihre Burg. Die reißt niemand ein, wie Susan auf dem Berg vergehen wird, wie einst alle Burgen, Festungen und starke Häuser dieser Welt. (Haus — Regierungen pp).
Das bewirkt dann Gottes unbekannte Führung, davon die arme Welt geschüttelt wird. Allein, die ERDE wird Er Sich erhalten wie alle Seine Werke! — Das ist jetzt für dich, genug, deine Seele muß zurück in ihren Leib, der für diese Welt noch wichtig ist. Du wirst heim ins Duraschloß getragen.“
Emporgehoben mit der Wasserinsel des Ulai, erscheint ein Licht, wie Daniel als Mensch es nicht ertragen könnte, obwohl er ihm entstammt. Dann weiß er nichts von sich. Eine Stimme sagt besorgt: „Er scheint aus seiner Ohnmacht aufzuwachen. Drei Tage und drei Nächte lag er da wie tot.“ Das sagt der Schloßwart einem Abgesandten, der von Darius zu Daniel geritten kam.
Mit dem ersten Sonnenstrahl des nächsten Tages wacht der Seher auf. Allmählich kommen die Gedanken wieder. Sein Leib ist krank geworden, und es nagt an ihm, daß er niemand hat, mit dem er seine Schau besprechen kann, bis auf weniges, was Darius und Kores wissen müssen: den Tod des Astyages.
Darius schickte eine Vollmacht, Belsazars Machtgier einzudämmen. Daniel befiehlt dem Kurier: „Reite rasch zurück! Ein anderer wird zu Kores reiten. Dem Regenten sage es ins Ohr: Astyages lebt nicht mehr. Seine Wachen haben ihn begraben und sind noch zu Susan auf dem Berg. Sie trauern und sie fürchten sich, was aus Edom werden wird. Darum haben sie bisher des Königs Tod verschwiegen. Man soll sie nicht bestrafen; denn Treue ist der Schutz der Mächtigen. Aber GOTTES TREUE steht über aller Welt! Mein Gott hat sie Darius und Kores auch bewiesen.
NEUOFFENBARUNG