Kapitel 21
(Dan. K. 9) — Mehrere Könige beraten, wer für Astyages einzutreten hätte. Man wählt Darius für jenen Teil von Edom, der zum früheren Chaldäerstaat gehörte. Die Edomiter machen ihn zu ihrem König. In diesem ersten Edom-Jahr holt er sich bei Daniel wieder ‚Rat und Trost‘. An dessen Fürstensitz ist gar nichts auszusetzen.
„Ich rechne mit Belsazar selber ab, das wird dem Wichtigtuer in die Nase steigen.“ Daniel nimmt die Falte weg, die auf des Königs Stirne steht. „Der ist klein geworden, nur ist es gut, wenn du ihm allein begegnest — nicht aber ohne deinen Schutz.“ —
Auf dem Durasöller herrscht ein Friede, den die Welt nicht geben kann. Der Seher holt sich die Prophetenbücher her und liest in Je remia (25, 8-11), wo Gott verkündete, weshalb Juda hart zu strafen wäre — siebzig Jahre lang.
Wie viele Jahre wird es kosten, bevor es wieder Städte, Dörfer, Felder, Gärten, Brunnen gibt? Er versenkt sich ins Gebet, in dem er Juda‘s Schulden auf sich nimmt. Er weiß wohl: Gott allein ist der Träger aller Lasten (Jes. 53, 4), aus der ‚erlösenden Barmherzigkeit von alters her‘ (Jes. 63, 16).
„Herr, bist Du ein erschreckender Gott? Bund und Gnade hast Du stets gehalten denen, die Dich lieben, die das Gesetz beachten. Aber unter Deinem Gnadenbunde stehen auch die Fernen, weil es für Dich keine Ferne gibt. Wir haben sehr gesündigt, und wir sind abgewichen von dem guten Recht und Deinem heiligen Gesetz.
Wer wollte Deine Knechte hören? Jeremia hatte man verbannt (Jer. 20, 2); dennoch kam, was er Volk, Fürsten und den Königen gepredigt hatte. Deine Liebe ist gerecht, während wir uns schämen müssen, für alle hier in Babel, fern vom Vaterland, für die in Juda, die sich plagen müssen. Um der Missetaten willen hast Du uns verstoßen und hast uns trotzdem an der guten Vaterhand behalten. Dein ist die Barmherzigkeit und die Vergebung! Wir haben Deiner Stimme nicht gehorcht. Wie viele murrten wider Dein Gesetz. Aber
‚Das ist die Liebe zu Dir, daß wir Deine Gebote halten; und Deine Gebote sind nicht schwer!“ (1. Joh. 5, 3)
Neben Daniel erscheint der Ritter, der im Feuerofen stand. „Du hast von Jugend auf dem Herrn gedient.“ „Bote Gottes, siehe meine Fehler an, die ich ungeschehen machen möchte. O ja — unser Gott ist gnädig und ein Vater aller Kinder. Wäre es nicht sündig, wenn ich das begangene Unrecht bloß auf Juda wälzen würde? Adam warf die eigene Schuld auf Eva und auf GOTT. Ich möchte mich aus Liebe ins Gesamte fügen. Er macht keine Unterschiede.“ „Manchmal doch“, sagt der Ritter.
„Straft Gott den Treuen mit dem Ungetreuen? Welch ein Unterschied in der Waltung göttlicher Gerechtigkeit! Dagegen kann ein Guter mit dem Bösen leiden, wenn damit ein Teil der Schuld durch Gottes Gnade abzutragen ist. Wer sich als Gerechter über Ungerechte stellt, macht sich selber ungerecht. Wer sich vor Gott in Demut beugt, der bleibt gerecht. Auch ein Unterschied!
Du meinst, das sei unsere eigene Angelegenheit? Vom menschlichen Bedenken her, gewiß. Aber Gottes Führungen sind unterschiedlich in der Art, Daniel, nicht im Wert der Gnade und der Liebe! Du hast im Wert der Führung treulich mitgetragen, hast dich in des Himmels Helferkreis mit eingefügt.“
„Nie dachte ich“, stottert Daniel, „man müsse Gott mit helfen. ER ist der Helfer ganz allein! Will ich Seine Hilfen zählen — oh!, ich und alle Menschen fänden keine Zahl, so ungeheuer wäre sie.“ „Auch wir im Lichte nicht, Bruder Daniel. Die Helfer können GOTT nicht helfen, aber ihren Brüdern und den Schwestern; und dazu — du hast recht — brauchen wir die Hilfe Gottes.
Morgen hilft dir einer weiter, der größer ist als ich.“ „Größer?“ Erstaunt gefragt.,, Du nanntest dich Asarja für die Welt, sonst ein Bote Gottes. Darf ich wissen, wer du bist? Der Name kommt in Juda öfter vor.“ „Du kannst‘s erfahren, wenn es auch nicht wichtig ist; wichtig ist das WORT, die Botschaft Gottes. Und das kennst du sehr genau. Der Größere ist dir nicht fremd.
Ich gehöre in die vierte Gruppe vor dem Stuhl. Auf Erden habe ich viel falsch gemacht — als Hoherpriester zur Zeit des Isa-i, der mir den wahren Weg gewiesen hatte. Da spürte ich, als meine trügerische Weltmacht am zerbrechen war, von woher ich kam und wohin ich gehen dürfte, wenn ich Gottes Führung anerkannte. Nächst Gott zum ersten Dank auch dem Prophet zum Dank, gelang es mir, Isa-i ist dir vorausgegangen.
Er, Jeremia, Hesekiel und du seid ein ‚Lichtblock für die Welt‘, entsprechend als ein Zeichen der Vierwesenheit. Als Propheten der Symbolik bist du, Hesekiel und zwei andere, die erst kommen werden, wieder eine hohe Quadratur (Sacharja und Johannes).
Dies ist dir zur Freude offenbart. Was die drei vom Lichtblock zu enthüllen hatten, ist ein offenes Buch, wie Sich der Schöpfer durch die Werke zeigt, als der Priester Abraham begegnet war, als Gott Sich allen Kindern in der Lehre, im Gesetz, im Willen, in der Güte offenbart, sicht- oder unsichtbar, mit Worten oder in der Warnung des Gewissens.
Als Viertes schließt sich noch der Vater an. Mose kannte Ihn (5. Mo. 32, 6). Was ER zur letzten Herrlichkeit bewahrt, das gilt dem siebenten Schöpfungstag. Deshalb hast du als der letzte der ‚vier großen Seher‘ deine Schau vom Welten-Ende zu verschlüsseln, licht- geistig für diesen nächsten Tag, an dem das wieder voll geeinte Kindervolk dem Vater Freude machen wird.“
„Ich will nicht mehr murren, weil ich niemand habe, mit dem die Freude und die Bilderlast zu teilen wäre. Gott möge das Gemurre mir verzeihen.“ „Schon geschehen! Jeder Seher und die Großen waren viel allein; sie blieben häufig unverstanden, wie ebenso auch du. — Der Friede Gottes sei mit dir.“
Daniel sieht dem Engel lange nach. Vögte melden sich, die seine Anordnungen brauchen, andere, die Rat und Hilfe suchen. So vergehn die Tage, bis Darius wiederkommt. Er erzählt, wie klein Belsazar ward, als er des Kores Schreiben las. „Ich habe ihm den Königstitel nicht genommen, mag er damit glänzen; doch Gesetze darf er nicht erlassen. Das hat Kores strengstens untersagt.“
„Ein Segen!“ ruft Daniel. „Belsazar pochte auf die Krone; es war schwer, ihn vom Landgau Babel fernzuhalten. Nun wird er sicher mich zitieren; denn er denkt . . .“ „Er wird nicht vergessen, was ich ihm ins Ohr geflüstert habe. Haha, er saß wie ein Hutzelmann (Zwerg) — neben seinem Thron. —
Nun was anderes. Ließe ich euch alle ziehen, so brächte das dem Landgau großen Schaden. Die Häuser würden leer, die schönen Gärten und die reichen Felder lägen brach darnieder; denn so viel Edomiter oder Meder lassen sich nicht siedeln; dann würden anderwärts die Dörfer leer. Was ist da zu machen? Hätte euer Gott . . .“ „Nicht mehr der deine, König Darius?“
Der Meder greift nach Daniels Hand: „Daß dein Gott auch der meine ist, weißt du besser, als ich selbst. Bezog ich Ihn auf dich, so darum, was ich mit dir reden will. Zudem — wie oft soll ich dir noch sagen, daß wir Freunde sind? In Audienzen, wo mancher noch mit einer größten Vorsicht anzufassen ist, kann es bei dem ‚König‘ bleiben. Unter uns, im engsten Kreis Vertrauter, sind wir Freunde — vor unserm Gott.“
„Darius, du übertriffst dich selbst; ich danke dir!“ „Du hast mir mehr gegeben, als ich jemals geben konnte. Allein — lassen wir das jetzt. Zurück zur Heimkehr deines Volkes. Daß das nicht auf einmal geht, siehst du sicher ein.“ „Ich falle dir nicht in den Rücken; und wenn ich bestimmen darf, bleibt noch die Menge hier, dir und meinem Volk zum Segen und zum Nutzen.
Ich bekam die Kunde, wie öde Kanaan noch ist. Es gibt fast keine Straßen mehr. Räuber haben sich sehr ausgebreitet, in den Trümmern hausen wilde Tiere. Juda ist hier ziemlich reich geworden und nicht fähig, eine harte Arbeit aufzunehmen. Erst muß wieder Gottes Hand dazwischenfahren, damit sie zur Besinnung kommen, wer und was sie sind. Und sonst ?
Du verstehst es nicht, daß Juda völlig abgesunken war. Es lebte weltlich, abgesehen jener, die dem Herrn die Treue hielten. Die kann man zählen, auch einst bei allen Glaubensvölkern. Weil es aber doch ein Beispiel werden sollte, nicht auserwählt als einziges Volk des Herrn — denn so, da wäre Gott sehr arm! —‚ sondern daß den anderen ein Maßstab würde, bis alle Menschen aus dem ‚Born der Gottes— gnade‘ Heil und Segen schöpfen könnten.
Mit den Worten sind gekommen Fluch und Schwur.“ Daniel hebt die Rechte, als Darius verwundert sagt, daß Schwur und Fluch verboten seien. „Dafür gibt es keine andern Worte. ‚Fluch‘ bedeutet
ER hat beschlossen; Schwur = Er hat es aus dem Ernst getan, eben jener Eigenschaft, unter deren Siegel Er Sein Testament geschrieben hat (s. Urwerk, S. 101).
Und Sein Zorn? O Darius, zürnst du nicht mit deinen Kindern, wenn sie dir nicht folgen wollen? Und ist das nicht der Ausdruck einer Liebe, daß sie nicht verderben möchten? So auch Gottes Zorn, der gut und heilig ist. So hat Er gehandelt, als Zeichen allen Völkern der Materie gegeben. Es gab wenig Recht und Glauben, als Juda noch das Jordanland besaß.
Mose, der das ‘Volk so herrlich führte, hat in großer Schau das Ungemach gesehen bereits am Berge Sinai. Er hat das Goldene Kalb zerstört, ein Vorsymbol, wie Gott an uns gehandelt hat. Doch wie Mose nur — trotz Geisteskraft — das Götzentier zerbrach, nicht die Abkehr böser Herzen, so hat der Herr das Äußere am Volk verweht. Das Innere ist geblieben.“
„Daniel, laß dich unterbrechen. Du hast deinen — nein — unseren Gott erhaben dargestellt; nun erwähnst du nur das Äußere an euerem Fall, während Gott — nach eben deinem Wort — beim Inneren es nicht vermochte. Ist das Äußerliche besser als das Innere?“ „So sieht es aus, mein königlicher Freund. Auch mir ist längst die Mahnung zugegangen, weniger im Weltsinn etwas zu betrachten. Umgekehrt ist es der Fall.
Das Innere am Leben eines Menschen steht immer in der Waltung der Allmächtigkeit, unter Gottes Lehre, dem Gesetz, dem Willen und der Güte. Ob wir es erkennen, oder nicht, ändert nicht die Angebundenheit an Gott. ER hat uns erschaffen! Dennoch hat Er den Entwicklungsweg uns zugedacht, was allgemein dem Äußeren des Lebens gilt. Und das zerbricht Er, wenn und wie es nötig ist.
Wer sich nach diesen Zeichen richtet, ist in der Herzensfreiheit eingehegt in Gottes freiherrlichen Willen, der alle Seine Werke lenkt. Was Gott so zerbricht, ob Mensch, ob Volk, ob eine ganze Welt, — von allem hebt Er von dem Lebenskern das Innere empor; und das LEBEN, Darius, das gehört Gott an. Er hat es uns aus Seinem UR-Atma verliehen.
Über dieses Leben wacht der Herr. Er wacht gleichfalls über unser Tun und Lassen in der Welt. Und hast du nicht das Beispiel an den Leuten, ebenso in deinem Land? Man glaubt, alles aus sich selbst zu tun. Und dann? — stehen sie vor einem Abgrund, über den sie nicht hinüberspringen können.“
„Gut erklärt!“ Darius umarmt Daniel. „Ich danke dir. Werde immer daran denken.“ „Du wirst trotz Weltlichem, das dir als König allzu oft begegnet, stets mit Gott verbunden sein, im Wort und in der Wahrheit. Das Innerste, das besagte Leben oder Wesen, steht fest in unseres Gottes Hand. Du brauchst dich nicht zu sorgen.“ — Darius wird es merken. Wenn ihn vieles förmlich überschwemmt, er mitunter ganz den Herrn vergißt, dann steht das ‚Licht‘ auf einmal wieder vor der Herzenstür. — —
Die Sorgen dieser Welt kehren auch beim Jordanseher ein, für die Menschen und was er für den König auszuführen hat. Es kommt aber wieder eine Stunde, wo Vergangenheit und Gegenwart als Bilder in die Zukunft übergehen. Er neigt sich nieder, um für das Vergangene der Zukunft wegen im Gebet zu singen.
„Herr, Du lenkst alle Menschen! Ob Deiner hohen Führung bin ich froh, belastet aber aus der Schuld und Sünde — auch der meinigen, lieber Vater-Gott! Du hast Israel vom Nilland weggeführt, aus der Schande, aus der Schmach. Doch Deine heilsgewohnte Führung wollte man nicht anerkennen. Wie sperren sich die Menschen, wenn sie Deine Vaterhände spüren.
Dann führst Du sie ins Leid der Welt, wie uns nach Babylonien. O bedenke: gar viele nehmen Deinen Stab und Stecken (Ps. 23, 4) an; der Stecken, mit dem Du aus dem Segen oft hast schlagen müssen, um uns zu erziehen; den Stab, mit dem Du in der Herrschaftswürde Deiner Herrlichkeit, als treuer Vater, jedes Einzelne des Volkes angesehen und auch angenommen hast.
Lasse die Vergangenheit vergangen sein, wende uns Dein Antlitz wieder zu. Lege Deinen Zorn zur Seite, richte wieder auf die Stadt Jerusalem und das Land. Oh, Deine Stätte heißt ‚Licht-Heilig‘, die nirgendwo in der Materie gefunden wird. Deine Stadt des Lichtes und der Heiligkeit ist die UR-Zentrale Deines Reiches. Das Weltliche geht unter; aber was Du aus und in dem Licht geschaffen hast, das bleibt in Ewigkeit.
Gib noch einmal Deine Liebe her, bis — “ Wie ein Blitz zieht es an Daniel vorbei: Jerusalem, abermals zerstört und wird nie wieder werden, wie Abraham es einst erbaute [VH7]. „Herr, wir dürfen unsrer Väter Missetat mit tragen. Du hast siebenzigmal siebenmal vergeben (Matt. 18, 22), — wir brechen schon beim erstenmal den Stab. Also ist Dein Zorn gerecht. Aber all die Späteren? Sie müssen ihre eigenen Sünden tragen; Du wirst sie nicht belasten mit den Schulden längst Vergangener. Dir danke ich dafür!
Wie Du freundlich mit den Treuen bist, so sei denn gnädig mit den Ungetreuen. Seit Abraham hast Du zweimal siebenhundert Jahre in Geduld und großer Güte uns geführt und wirst nochmals siebenhundert Jahre warten, bevor das letzte Übel kommt (70 n. Chr.), wo dann eins das andere nach sich zieht — bis zum Ende dieser letzten Welt als Große Babylon.
Dein Ohr ist immer offen, um unser Flehen zu erhören; Deine Augen sehen, was wir Menschen tun. Sprach ich, o Vater, vom gerechten Flehen meines armen Mundes? Vergib! Für alle rede ich; mit dem ganzen Volke stehe ich vor Deinem Angesicht. Nicht stehen, Herr:
‚Denn wir liegen vor Dir mit unserem Gebet!
Wir hoffen nicht auf unsere Gerechtigkeit,
sondern auf Deine große Barmherzigkeit!‘
Verziehe nicht, mein Vater-Gott, sei uns der Heiland und Erlöser! Erlöse uns vom Übel unsrer Seele und vom Übel dieser Welt. Gib das Zeichen Deiner Stadt Licht-Heilig und des Himmelsvolkes, daß wir wiederkehren dürfen in die Stadt, ins Land des Patriarchen.“
Nach diesem langen Bittgebet geht Daniel drei Tage in die Höhle, in der einst Nebukadnezar sich verbarg.
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