Kapitel 24
Für Babylon hatte Kores ein Gesetz erlassen, das seit drei Jahren nützlich war. Manchen, die daraus für sich Gewinn erhofften, wurde es zum Ärgernis. Man bestrafte sie. Daniel war es nah gegangen; und nur die ‚große Tröstung‘ (K. 23), die er im Herzen wie ein Kleinod hütete, half ihm darüber hin.
Vierundzwanzig Tage nach Gottes Offenbarung. Daniel nennt diese Zeit den ersten Monat, weil der HERR zum erstenmale zu ihm kam. Da kommt wieder eine große Schau. Er wird fortgetragen. Von wem — — ? Geistig spürt er die persönliche Entrückung. Wird er erfahren, wie das zugegangen ist?
Er befindet sich am Hiddekel, den er noch nie gesehen hat. Und wie er so am Strome steht, dessen Wasser sanft und doch gewaltig fließen, kommen die Gedanken über ihn:
‚So wirkt Gott!‘
Sanft in Seiner Liebe, gewaltig durch die Wunder Seiner Werke. ‚O Vater-Gott‘, durchbraust es ihn, ‚was tust Du mir in Deiner Gnade an! Wert und unwert will ich nicht mehr messen; aber pur als armer Mensch — ? muß ich doch ans ‚unwert‘ denken.‘
Aus einer nahen Siedlung eilen Männer her, die den Hochgestellten sahen; er trägt das Fürstenkleid der Meder. Da steigt‘s vom Strom herauf und ist doch so, als käme es aus Gottes Himmelsraum, in ein glühendweißes Licht getaucht, dennoch nicht verzehrend, sondern wie das Wasser: sanft, und auch gewaltig. Unter Gottes Fittichen kann der Seher es ertragen.
Die Männer sehen nichts (Apg. 9, 7). Das Überirdische aber treibt sie weit zurück. Aus dem Oben und dem Unten tritt ein Mann her aus. Erschreckt hebt Daniel die Augen auf. Die Gestalt!, oh — sie steht mitten auf dem Hiddekel. Trotzdem wirkt sie nah, als stünde sie am Strand, direkt vor Daniel.
Das Gewand, aus feinstem Leinen, wird mit einem goldenen Gürtel festgehalten. Eigenartig, daß sich der Prophet zuerst mit diesem Äußeren befaßt. Durch das weiße Linnen leuchtet es, tiefer als des Himmels Bläue, größer als das ganze Firmament, als ob der Mann aus einem einzig großen Edelstein bestünde; nicht dem Raum verhaftet, der der Welt gegeben ist, vielmehr so, als ob erst alles aus der heiligen Gestalt hervorzugehen schien.
O das Gesicht! Sind die Augen nicht wie Fackeln? Bricht daraus nicht Blitz um Blitz? Unerhört gewaltig und so sanft, dazu fern und nah — — Arm und Fuß sind wie aus hellstem, glattem Erz geformt (OJ. 1, 15), wunderbar stabil, wie es nirgends auf der Erde gibt, auf der so arg veränderlichen Welt, bei den noch mehr veränderlichen Menschen.
Wohl überkommt den Seher eine unmeßbare Zuversicht. Doch wie die Siedler bloß durch das Vernehmen wie von großen Donnern — zudem am wolkenlosen Himmel — sich verkrochen haben, so überfällt auch ihn ein Schreck, ein seliger, der ihn seiner Kraft beraubt. Die Stimme klingt gewaltig, wie die starken Wellen. Und wie sie an den Ufern schmeicheln, genauso zieht es in des Sehers Herz hinein — nebst der Angst ein hehrer Friede.
„Knecht Daniel, du sollst noch viel in Bildern sehen! Mit Recht sprachst du vom ersten Monat nach der ersten Offenbarung von Mir Selbst, Ich bin der ERSTE für alle Lebensdinge, in den Werken Meiner Schöpfermacht, solche, die du siehst, und die unzählbaren, die der Mensch nicht kennen kann, nicht sieht.
Ich brauche nichts, um eine Form zu machen. Mein machtgefülltes ATMA schuf die Lebenskinder. Auch die vierundzwanzig Tage hast du gut erkannt. Sie liefen irdisch ab; geistig gingen Nacht für Nacht die Ältesten an dir vorbei (OJ. 4, 4 u. 10). und jeder hatte eine Gabe in der Hand. Für wen, Daniel?“ „Für Dich, o Herr, für Dich ganz allein, guter Vater-Gott!“
„Das stimmt! Weißt du aber, was Ich mit den Gaben tue?“ „Nicht genau, geliebter Vater. DU brauchst nie welche, weil DU der Geber aller Gaben bist (Jak. 1, 17). Immerhin — was man im Rückbringdienst für andere und sich erwirbt, nimmst Du freundlich an. Dafür sei Dir auch mein Dank gesagt, obwohl. . .“ „ . . . du keine Gabe hast, die Mich erfreuen könnte?“ Daniel senkt sein Haupt, verstohlen seufzend: ich habe nichts.
Gott hält das Seufzen an: „Hast Du Mich lieb?“ Entsetzt fährt der Prophet zurück. „Herr, warum fragst Du das? Ich liebe Dich — über alles in der Welt, über alles, was im Himmel ist! Fragst Du aber, dann . . .“ „Lasse den Gedanken fallen, trotzdem die echte Demut ihn geboren hat, jene Gabe, die Ich samt der Liebe in den Schrein der Ewigkeit geborgen habe. Genügt dir das?“ „Auch in Ewigkeit, o mein lieber, guter Herr!“ Tränen fallen auf die Füße Gottes.
Alsbald stehen zwei Gestalten da (1. Mo. 18, 1-2; 19, 1). Gott segnet Daniel, wie von ferne und so herrlich nah (Jer. 23, 23), daß ihm alle Kraft entschwindet. So stark ist dieser Segen — wie Hiddekel, der Gottes-Strom, stark und sanft. Ein Engel hebt den Menschen hoch und spricht:
„Du lieber Daniel, merke auf, was ich mit dir reden soll.“ Der Seher spürt beseligt, wie man ihn zu einer Sandbank führt und er inmitten beider Engel sitzt. Der erste agt: „Ich bin Rafael, ein Gottesfürst.“ Will das Zittern abermals den Menschen überwältigen? Der Lichtfürst wehrt:
„Fürchte dich hier nicht! Vom ersten- Tage deines Wissens an, als du Gott erkennen konntest, sind die Gebete deines Geistes und das Ringen deiner Seele zu Ihm aufgestiegen. Es steht jedem Lichtkind frei, den Wanderern in der Materie zu helfen. Deinetwegen bin ich hergekommen, dazu auch mein Bruder“, Rafael zeigt auf den zwei ten Engel. „Du kennst ihn ja.“
„Gabriel?“ „Ja, der Lichtfürst der Barmherzigkeit.“ „O, das wußte ich noch nicht. Weshalb schickt der Vater mir euch Hohe zu?“ „Das verstehst du jetzt noch nicht, als Mensch — wohlgemerkt; doch als Geist, zu den vierundzwanzig Ältesten gehörend, weißt du selber gut Bescheid.“
„Ich — ?“ fragt Daniel verwundert, „das kann nicht sein. Ich sah die Ältesten (S. 142, 4). Was bin ich denn vor euch? was vor allem vor dem Herrn?“ „Sehr löblich, daß du dies bedenkst. Wenn nur alle Menschen ihres Unwerts inne würden! Wer jedoch mit unserem Vater eng verbunden ist, der kann neben diesem Unwert das gesegnete ‚aus Gnade wert‘ erheben;
In der letzten Nacht der vierundzwanzig sahest du dich selbst, was im Traum geschehen kann. Da sieht die Seele ihren Geist, sofern er aus dem Lichte stammt; bei den Armen aus der Tiefe sieht der Mensch in seinem Weitzustand die Seele, die ihm innewohnt. Das wirkt oft beängstigend. Kein Schreck der Seligkeit, Daniel, wie du aus einem solchen niederfielest. — —
Nun kommt das neue Bild, von dem der Herr geredet hat. Die Schau betrifft die nahe Wirklichkeit. Aus Persien kommen Boten; die vom König höre an, die des falschen Fürsten weise hart zurück. Es ist ein Symbol für die Endzeit dieser letzten Welt, ein Spiegelstück vom Kindesfall. Merke also auf!
Fürst Achymad legte Kores gegen das Gesetz und die Gerechtigkeit die Schlingen. Dann schob er es dem König in den Schuh. Um ihm zu helfen, der euch die Tempelschätze wiedergibt, habe ich mit Achymad einundzwanzig Tage hart gekämpft. Nicht mit Gottes Schwert, das hat zuletzt ein anderer getan, und du hörst von ihm. Ich habe mit dem KREUZ gekämpft.
Sieh, was war und werden wird! Persien, jetzt als Licht gedacht, dagegen Achymad, die Sadhana. Mit ihr hat Gott im Zeichen Seiner Tagesliebe mit dem Kreuz gestritten. Einundzwanzig Tage sind drei Zeiten: damals jene einer Überheblichkeit, der Lossagung und die des Falles, wobei das Schwert im Felde stand.
Achymad hat nicht gewußt (Heb. 13, 2), wer ihn zur Strecke brachte. Er nahm an, ich sei ein Meder, ich habe ihn zu seinem Heil dabei belassen. Im ersten Zeitraum wies ich auf sein Unrecht hin, dem er heftig widerstritt. Im zweiten gab ich ihm die Zukunft an. Aber er hohnlachte nur. Deshalb weise seine Boten ab, zumal sie selber mit am bösen Stricke zerren.
So hat Sadhana gehandelt, bis Gott die Liebe hinter Seinen Willen rückte und den Willeträger kämpfen ließ (OJ. 12, 7). Zur dritten Zeit kam Michael, der vornehmsten Fürsten einer. Da ging es hart auf hart; denn es galt, der Hölle einen Teufel zu entwinden. Achymad, bereits in der Verbannung, sinnt vergeblich, wie er seine Boten hindern könne, seine Schmähschrift dir zu bringen. Was wirst du mit derselben tun?“
„Wenn sie gegen Kores geht, wird sie verbrannt. Niemand soll den Inhalt lesen; es bliebe nicht bei der Verbannung. König Kores ist mir aber viel zu lieb, er soll sich nicht mit des Verräters Blut beflecken.“ Ein Leuchten gleitet über beide Engel hin. Daniel nimmt es nicht wahr. Rafael sagt:
„Ganz im Sinne Gottes! Dir wird gezeigt, was sich auf Jakobs Volk bezieht, dem drei Zeiten bleiben: die noch ‚gesegnete Zeit‘ der Propheten (bis 400 v. Chr.), die ‚leere Zeit‘ (bis Chr.), und die ‚arme Zeit‘, wo es keine Existenz in Kanaan mehr geben wird. Was einmal noch zum Durchbruch kommt, ist ein geborgter Schein. Die Anstrengung ‚vergeht — bei allen Völkern. In Strömen voller Blut und Tränen wird die Menschheit waten, bis der letzte Glockenschlag der ‚halben Zeit‘ verhalft. Was in dieser Notzeit noch geschieht, sollst du am Ende deiner Tage sehen.“
Daniel senkt sein Herz im stillen Flehn auf Gottes Füße: ‚Herr, o Herr!‘ Ein Notschrei aus der Tiefe seiner Seele, hochgetragen durch den Geist: er, ein Ältester am Gnadenstuhl! Und Gabriel steht vor ihm. So stand wohl Rafael vor Achymad. Ein Unterschied — ? Nein, denn auch Daniel ist noch ein Mensch; ja, weil die Lichtverbindung zwischen ihnen gilt.
Gabriel rührt ihm seine Lippen an, gleich einem zarten Kuß, der Daniel erschauernd sagen läßt: „Mein Herr, meine Gelenke beben mir über das, was ich von der letzten Zeit noch sehen soll. Habe ich dann Kraft, Gott meine Not zu klagen?, für mein Volk, jene für die ganze Welt? Kann ich denn das tun?“
„So nicht“, beruhigt Gabriel. „Verantwortlich ist jeder, der von selber Böses tut, oder wer die Völker führt, aber nicht die Kräfte walten läßt, um sich vom ‚Weltstrick‘ frei zu machen. Da hängen sie fest aneinander und — stehen sich als Feinde gegenüber. Daß sie aneinander hängen, zwar schwerlich zu erkennen, ist die zugedeckte Gnade; sonst würden sich die Völker völlig ausradieren, bis nicht eines übrig bleibt!“
„Der letzte Sieger würde bleiben.“ „Meinst du? Sieh die dunkle Wolke, aus welcher unsichtbare Todesstrahlen brechen, die die ganze Welt verderben können! Was sagst du hier dazu?“ „Ich bin ein armer Knecht; was soll ich reden, wo des Bildes Grauen mich zermürbt? Mir geht sogar der Odem aus.“ Ermattet, sinkt der Seher nieder. Rafael stützt ihn, und da kommt ein Dritter, der ihn stärkt. Dessen feste Stimme spricht:
„Fürchte dich nur nicht, lieber Mann! ‚Knecht Daniel‘ nannte dich der Herr. Er läßt dir sagen: ‚Friede sei mit dir! Und sei getrost, sei getrost!‘ Willst du des Bildes Letztes hören, obwohl das Leid dich wieder übermannen wird? Leidest du mit deinem Volk und mit den Menschen aus der letzten Zeit, dann solltest du für diese Gottes Friedensgruß und Trost bewahren.“
„Das möchte ich“, sagt Daniel. „Doch ich bin nur einer — in den Bildern; wie kann ich trotz der Gottesgnade das erfüllen, was du mir in Auftrag gibst?“ „Es kommt nicht darauf an, ob ein Einzelner die Vielen so erfaßt, im Gebet, im weltbewußten Tun, daß über ihn die Hilfe hingeleitet würde. Die eigene Willigkeit, eben im Gebet und im weltbewußten Tun, ist zu bedenken und soweit möglich Gott, dem Schöpfer, aufzuopfern.
Bist du allein, der die Hände bittend hebt, der mit Gottes Gaben wuchert?. Du hast‘s im Aufblick auf den Herrn getan, für Juda und für Babylon. Du hast aus Gottes Segen vieles bringen dürfen, für Kores, Darius, Astyages und für deren Völker.
Nebukadnezar konntest du bekehren.“ „Mit Gottes Hilfe“, flüstert Daniel für sich. „Wer sich Seiner Führung beugt, nicht des ‚Nächsten Karre laufen läßt‘, keine Mühe scheut, um zu helfen, geistig und auch weltlich, da wirkt des Menschen Eigenes mit. Hochmütig braucht man deshalb nicht zu sein, weil sonst das Eigene erstickt, wie der gute Same unter Dornen.
Weißt du auch, warum ich kam und wer ich bin?“ „Nein; außer — du gehörst den Fürsten an?“ Fragend zeigt Daniel auf die Engel. „Gott hat mich köstlich eingehüllt, weil die Zeiten, von einst, in naher Zukunft und am Welten-Ende mich beschatten. Den drei Dunkelheiten stehen mir drei Boten Gottes bei. Herr, wie wunderbar bist Du in Deinem Walten!“
„Von dieser Schau sei dir das Ende angezeigt. Rüste dich! Dennoch leuchtet über allem Gottes Licht. Ich bin Muriel und ziehe nun als Dritter gegen Achymad, der noch immer weiterwühlt. Würde ihm sein Streich gelingen — oh!, jene ‚Große Babylon‘ käme jetzt schon über alle Welt!
Gottes Ernst kann leichter eines Teufels Sinn bezwingen, als ein Mensch sich einer Mücke wehrt. Der Perser fällt; doch der Fürst von Griechenland wird härter sein.“ „Weh!, wie willst du gegen diesen streiten? O, ihr Gottesfürsten könnt die Teufel bannen; immerhin — ich vernahm, die Griechen greifen weit nach Westen, um Babylonien, Persien, Medien und andere zu überrennen. Sie sollen kriegerisch viel weiter sein als wir am Euphratstrom.“
„Ja“, bestätigt Muriel, „doch geht es nicht um Weltliches, jetzt noch nicht! Denn für das Nahe braucht Gott keinen Seher; das kommt von allein. Die Fernen sollen einst erfahren, wie weit der Herr in hoher Güte vorher alles offenbart, auch wenn die Bilder und die Schau noch lange Zeit Geheimnis bleiben.
Es kommen immer welche, die die Schau erkennen oder denen Gott sie offenbart, daraus ständig Licht herniederströmt, das den letzten Rest der Menschen rettet. Das Leibliche geht nebenher. Die SEELEN sind das Edelgut, für das der EWIGE Sein Opfer gab (UR-Opfer) und geben wird (Golgatha)!
Gegen Griechenland steht Gottes Wille auf. Mir, dem Ernst, hilft Michael, der Fürst des Schwertes und des Willens. Wähnst du, daß er größer als wir andern sind?“ „Ich weiß es nicht, Muriel; aber wenn, dann ist es für den Abfall gut, daß der hehre Wille als die Herrlichkeit des Höchsten über allen Dingen wirkt.“
„Das ist wahr! — Nun gehe in die Siedlung; die Leute haben dir ein Mahl bereitet. Du wirst da dem ersten Boten Achymads begegnen, kannst in weitem Umkreis dieses Böse stoppen, und das Gebiet bleibt fest in deiner Hand. Dann komm‘, wir warten hier auf dich.“
Daniel tut, was ihm geboten wird. Gottes hehre Hilfe steht ihm bei. Die Meder und die Elamiter, am Hiddekel vereint, befolgen gern, was Daniel befiehlt. Ein großer Landteil ist vor einem Krieg und vielem Menschenleid bewahrt.
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