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7. Kapitel – Sanhus bei dem Herrn. Fürst Hurs väterliche Liebe

Im ersten Morgenstrahl steht in der Bethütte und davor auf allen Wegen und zwischen Zelten dicht gedrängt ganz Israel. Kein Feuer brennt, kein Widder wird geopfert. Gewaltigeres ist, was Gottes guter Knecht dem Himmel mit dem Herzen opfert. Nun führt er seine Herde auf des Herrn Geheiß zum nahen Berg, der sich wie eine ferne Vorhut des Gebirges Seir hinter dem Aussätzigengraben klein erhebt. Dort erklärt er den oft unverstandenen Zug von Ägypten bis hierher, die Erlebnisse, gute wie böse, so daß man letzten Endes über sich die Köpfe schüttelt, zumal jene, die das Nilland noch erlebten oder die — wie Kahathael am Anfang der Wüstenwanderung geboren — in diesen Weg hineingewachsen waren.

Als er am Ende seiner einzigartigen Predigt sagt, daß seine Liebe gefühlt werden konnte, hätte man auch seinen Ernst erkannt, als da abermals ein strenger und doch ein ganz anderer Mose steht, als er ferner in seinem Schlußgebet Israel als ‚Herz des Jesurun‘ dem Herrn zum Opfer bringt, wird er nach vierzig Jahren endlich verstanden. In Demut, Liebe und Verehrung wirft sich, wer kann, zur Erde. Noch nie hat das ausgesuchte Volk solche Gebetskraft erfahren, war es mit GOTT vereint wie eben jetzt. Die Tränen zählt man nicht, die auf dem Weg zurück ins Lager fließen. In den nächsten Tagen herrscht allseits emsiges Treiben. Männer und Frauen kommen zu Moses Zelt oder passen ihn am Wege ab, fragen ihn um Dinge, die einmal nicht das Irdische berühren. Das ist seine größte Freude; und er lobt den Herrn dafür in jeder Nacht. —

Die Tage eilen. Am Vorabend des siebten, der Moses letzter Tag auf Erden wird, besuchte Sanhus seine Mutter, die der Kinder wegen nur noch weint, wenn sie alleine ist. Mara hockt nach wie vor am Eingang. Nachts kriecht sie mit dem Instinkt der Tiere in das Zelt und läßt sich eine Decke überlegen. Nun wartet Sanhus an der Straße auf Fürst Hur. Näher kommt die Nacht.

Da hebt sich an der Stiftshütte die Flamme hoch. Es ist wie ein Wink. Magisch angezogen geht Sanhus langsam, dann rascher, am Ende springend aus dem Lager. Kein Wallwächter hat ihn gesehen. Doch je näher er dem Heiligtume kommt, um so mehr verlangsamt sich sein Schritt. Die Pulse pochen ihm. Was fällt ihm ein, sich hierher zu stehlen? An die Gefahr des Weges, wo nachts Großwild und Raubzeug wechseln, denkt er nicht. In der Wüste steht der Knabe ganz allein. Die Hände gefaltet, richtet sich sein Blick auf das Haus des Herrn. Noch ein paar zögernde Schritte. Ach wie ist die Sehnsucht über ihn gekommen, ein einziges Mal hineinzugehen und dort wenigstens die Stimme zu vernehme deren Träger Mose sieht.

Er krtiet nieder. Wunderbare Wärme strömt zunehmend auf ihn ein, je mehr seine Sehnsucht nach der Stimme wächst. Aber nein, er ist ein Kind! Daß seiner Väter Gott derselbe Heiland ist, der sagte: ‚Laßt die Kindlein zu Mir kommen‘, kann er noch nicht wissen. Die Wärme läßt ihn unwillkürlich an die Aussätzigen im kalten Graben denken. Wohl bieten gute Höhlen Schutz, und nachts brennen Feuer. Aber … Und sein Vater?! Sanhus beginnt unter Tränen zu sprechen:

„O Herr, Du bist ein gewaltiger Gott. Denn wenn schon Dein Mose so ein großer Knecht ist, wie groß mußt DU dann sein?! Ob Du mich wohl hörst? Du wohnst weit weg, über allen Sternen; denn in dieser Hütte redest Du allein mit Mose. Ach, höre mich doch an, wenn ich auch noch ein Knabe bin. Sieh, mein Vater hat übel getan; und doch liebe ich ihn, liebe ihn mehr wie sonst, weil er nun so ganz allein und traurig leben muß. Und Mutter weint noch immer. Das mußte ich Dir endlich einmal sagen, damit Du es auch weißt.

Morgen ist der von DIR gesetzte Frei-Tag, wo man vergeben soll. Die Gekränkten sollen ihre Hand den Feinden bieten, damit Friede wird. Nun sieh, Du bist zwar der Heilige Gott und ich weiß nicht genau, ob Du alles so ansiehst, wie es zugeht auf der Welt. Man hat Dich an diesem bösen Tage sehr erzürnt, zumal mein Vater. Du hast sie gestraft. Wer wagt, Dich zu bitten: Herr, vergib!? Doch sollen wir zuerst verzeihen, könntest Du nicht auch einmal zuerst kommen und alle gesundmachen, damit Friede wird?

Ach, wie fürchte ich mich sehr, weil ich nicht weiß, ob ich Dich, heiliger Gott, erzürne. Was wird Mose sagen, wenn er meinen Frevel vor Deinem Heiligtume sieht? Und der gute Vater Hur wird mich nicht mehr lieben, weil ich ungehorsam war und nicht auf ihn gewartet habe.“ Die Tränen fließen reichlicher. Da streicht eine Hand sanft über seine Wangen.

„Weine nicht, Kind! Weil deine Liebe und Sehnsucht ehrlich sind, sollst du einen Blick ins Haus des VATERS tun. Komm!“ Verwirrt, die Tränen mit den Händen trocknend, blickt Sanhus auf. Ein Jüngling steht neben ihm und führt ihn in die Hütte. Am Vorhang, gegenüber dem Gnadenstuhl, bleiben beide stehen. Ein helles Licht schimmert dort, wie ein Gesicht, und deutlich hört der Knabe diese Worte:

„Nichts steht Mir so nahe als die Herzen reiner Kinder! Du Knabe sollst getröstet sein und Mir, dem Heiligen, noch dienen, daß du lebenslang nicht mehr aus Meinen Händen kommst. Sei getrost, deine Bitte wird erhört. Doch schweige; denn Ich will es nur durch Meinen Mose tun!“ Sanhus, hingesunken, lauscht verwirrt und dennoch höchst beseligt Gottes Stimme. —

Zwei Männer stehen in den Vorhangfalten; sie hatten Sanhus sorgenvoll gesucht. Hur zweifelte, daß der Weg zur Stiftshütte, den Mose wählte, der richtige sei. Er dachte eher an den Graben. Doch sie fanden ihn bereits, als er vor der Hütte betete und nahmen alles wahr. Als jener Jüngling, der kein Irdischer ist, Sanhus aus dem Heiligtume führt, bleiben sie im Vorbauschatten stehen und gehen ihnen nach. Der Engel bringt das Kind zum Fürstenzett zurück, zur großen Freude der Hethiter.

Bald danach tritt Fürst Hur ein. Nichts merkt man ihm an, daß er das Kind belauschte. Er drückt Sanhus an sich in einer Weise, daß der Knabe sofort spürt: Der Fürst liebt mich noch und — es muß etwas geschehen sein. Daß es echte väterliche Empfindung ist, den Knaben wohlbehalten zu besitzen, ahnt er noch nicht. Er schmiegt sich zärtlich an, und es drängt ihn zu sagen:

„Vater Hur, verzeih, daß ich dir Not bereite. Morgen wirst du wissen, daß es kein Unrecht war. Behalt‘ mich bitte lieb.“ Kindlich und trotzdem mannbar sind Wort und Blick des Dreizehnjährigen. Ein Scheltwort, wollte es gesprochen sein, wäre fehl am Platz. „Still, du bist mein braver Junge. Ich weiß, du wirst nie etwas Ungerechtes tun, das jemand kränken müßte, am wenigsten unsrer Väter Gott, den Heiligen von Israel. Wenn du dich befleißigst, zu Seiner Ehre stets zu handeln, wie auch zu Seiner väterlichen Freude, so wird dein ganzer Lebensweg ein gerechter werden. — Nun geh schlafen! Morgen ist ein großer Tag und die Mitternacht ist längst vorbei.“

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