Eben hat der neue Tag die Nacht verscheucht, als helle Posannen das Lager mit dem großen Loblied (2. Mo. 15.) überfluten. Festlich geschmückt sind Wege und Zelte; fleißige Hände gaben ihnen ein feiertägliches Gewand. Beim ersten Posaunenstoß betritt Mose das Lager, von Josua begleitet. Er weilte schon zwei Stunden vor dem Herrn; und Josua, Abrahams Schwert wieder tragend, stand unterm Vorhang.
Als man merkt, daß Mose von draußen kommt, strömt ihm ganz Israel entgegen. Heute erntet er Vertrauen, sogar manche Zärtlichkeit. Pagiels bester Helfer sagt, sich tief verneigend: ‚Mose, Israels Erden-Vater, Gottes guter Knecht, nimm unsern Dank an. Lange hast du darauf warten müssen — vierzig Jahre! Heute, wo du hundertzwanzig Jahre wirst, wollen wir dir so viele Male danken, als dein reiches Leben Tage zählt. Möge unser treuer Gott dich vor uns herziehen lassen über den Jordan; denn wir … ich …“ Aus! Gerührt umarmt Mose den Braven und dankt dem Volk für dieses Glück.
Jubel brandet auf. In Wogen wälzt sich alles hinter Mose drein. Keiner hat mehr Angst vor Abrahams Schwert, das vor einer Woche so metallisch blutend schlug. Heute blitzt es im Gefunkel einer hellen Sonne. Einige verwegene Knirpse fassen heimlich nach den herrlichen Gold- und Silberquasten, die am Schwertknauf hängen. Still lächelnd übersieht Josua das Knabentreiben.
An Moses Zelt warten Großfürst Hur, die Fürsten, Ältesten und die vier Altfürsten. Bis zum Mittag kommt Mose nicht zur Ruhe. Viele Hände helfen, die Gesandten der zwölf Stämme und Sippen bringen ihre Gaben dar. Der Überfluß wird für die Armen und für den Graben aufgespeichert. Nahe wohnende Völker nehmen Anteil, da sie durch allerlei Handel mit Israel über die Vorgänge unterrichtet sind. Auf herrlich gezäumten Pferden und Kamelen bringen sie Geschenke. Mose ist berühmt. Er gilt bei den Heiden als ein Staatsmann, als ein König, wie er weit und breit zu suchen ist.
Hur gibt Sanhus einen Jungmännermantel, obwohl ihm altersmäßig noch ein Jahr dazu fehlt. Er ist ganz aufgeregt. Doch den Neid der Kameraden weiß er zu beschwichtigen. Nur in seiner Mutter Arm drückt er sich strahlenden Gesichts. „Wenn dein Vater das erleben könnte“, sagt sie leise. „O Mutter, heute ist ein Vergebungstag, wer weiß …“ Er bricht jäh ab; er hat Gott versprochen nicht zu reden; aber Mutter gegenüber fällt ihm das Schweigen schwer.
Nach dem Gastmahl und nachdem viele Gaben ausgeteilt, die fremden Würdenträger mit wertvollen Gegengaben entlassen sind, sammelt sich das Volk an der Westhauptstraße. Den Fürsten und Ältesten rinnt der Schweiß; rund fünfhunderttausend Menschen, Gebrechliche und Kinder nicht gezählt, wollen eingeordnet sein. Dennoch gelingt es gut und schnell, weil jeder willig ist.
Voraus schreiten der ehrwürdige Nun, Eleasar und Ithamar in ihrer Priesterpracht, dahinter Mose im Mantel Gottes, auf dem Haupt den leichten Helm. Dem Segen folgend, den sein Gebet aus dem Himmel holte, gliedern sich die ungetreu gewesenen Stämme hinter Mose ein, alsdann die Getreuen. Jeder Fürst führt seinen Stamm, unterstützt von Ältesten. Den Zug flankieren geharnischte Krieger. Israel hat davon eine stattliche Zahl aufzuweisen.
Fürst Hur führt anstelle Nahesson Juda an. Sanhus darf neben ihm bleiben. Hinter Isora und ihren Kindern wird Mara von kräftigen Frauen mitgeschleift, weil Isora in ihrer Herzensliebe dachte, es könne am Vergebungstag ein Wunder werden, das auch für Mara gelten möchte. Von Mose empfing sie dafür einen Dank, der ihr Innerstes in Aufruhr brachte.
Nach Juda folgt Manasse mit seinem Altfürsten Pedazur, Vater des verräterischen Gamliel. Der Neunzigjährige hatte vom Aufruhr keine Ahnung. Er studiert in der Stille Abrahams Geschichte. Der Älteste Abeldan ersetzt Ahi-Eser von Dan. Fürst Eljasaph schließt sich mit seinen Gaditern an. Dann kommen Ephraim mit Eljasaphs Vater, dem Altfürsten Deguel, Ruben und Naphtali mit ihren Fürsten Elizur und Ahira, die Stämme Isaschar, Sebulon, Simeon, Benjamin und Asser mit den Fürsten Nathanael, Eliab und sein Vater Helon, Selumiel, Abida und sein Vater Gideoni und Fürst Pagiel, der absichtlich den Schluß des Zuges übernimmt. An seiner Seite reitet der Arzt; er hat seinen Helferstab längs des Zuges aufgeteilt.
Es geht zum Heiligtum hinaus. Posaunen und Drommeten wechseln ab. Ihr Spiel klingt wie klagend über die Menge hin und ist doch so ein frohes Fest. Man wartet auf die Güte Gottes! Josua, Nun und die Priester im Gefolge betritt Mose des Herrn Hütte. Er emfängt einen Hochsegen und die Verheißung, daß Gott zum Volke sprechen wird. Und wieder kommt Mose allen verändert vor, als er den Segen bringt, für den jeder innigst dankt. Der gute Knecht hat Gottes sanftdunklen Blick erhalten, wie ihn ja keiner kennt, nicht einmal Mose ganz genau; denn auch er ist noch ein Mensch.
Auf dem nahen Hügel, hinter dem Graben, wo er vor sieben Tagen sprach, steht Mose mächtig und demütig da. Seine Augen schweifen über das Volk. Wie hat er dieses halsstarrige, wankelmütige und doch hingebungsvolle Israel geliebt. Es konnte gut sein, wenn — es wollte, hatte aber nicht sehr oft gewollt. Zeitlebens müßte es geführt werden von harter Hand, deren Finger Güte sind, wenn es ‚JESURUN‘ werden soll. Gottes Knecht schüttelt die Gedanken ab. Heute dürfen nur die Güte und die Liebe dienen.
Er mahnt und warnt, zeigt liebevoll den hohen Weg, der jedem Menschen offen steht, wenn er Gottes Willen anerkennt. Nun gibt er einen Wink für die Kranken. Ihrer sind viele. Die Gezeichneten sind auch dabei, die gelähmten Fürsten, Krüppel und Elendige. Am Hügel trägt man sie zusammen. Schnell stülpt sich Isora ihre Handhüllen über. Vorsichtig — sie hat gelernt, daß eine leise Berührung die Stumpfsinnige nicht zum Kratzen verleitet — faßt sie und eine Frau die Kranke an. Doch eigenartig: heute läßt sich Mara willig führen.
Zu Mose bringt Isora ihre Schwester, die ihr aus Eifersucht viel Böses tat, weil sie Kahathaels Weib geworden war. Ach, wie sieht das zerschlagene Geschöpf erbarmungswürdig aus! Keiner kennt es wieder. Man weiß nur, daß es Ehubias Witwe ist. Mose geht an der Krankenreihe entblößten Hauptes vorüber. Als er in Isoras Nähe kommt, erhebt sie flehend ihre Stimme und spricht die Gnadenbitte aus, als gälte es ihr selbst. Mose verhält. Hinter ihm sinkt einer nach dem andern nieder. Die Verführten sind gesund geworden; und die Verführer fühlen kommende Genesung, die er zusagt, sobald das Volk über den Jordan geht: in sieben Wochen! O wie danken sie nun diesem Mann, dem ihr törichtes Hassen galt.
Mose legt Isora und Mara seine Hände auf. Man harrt atemlos. Es befällt alle brennendes Mitleid: Maras Strafe war die härteste. Zwar hatte sie die Gotteslästerung gerufen, und vor ihrer Zunge hüteten sich sogar die Klatschen. Trotzdem … „O Gott, Du Heiliger, hilf dieser Armen!“ rufen viele. Und siehe da, der gebrechlich gewordene Leib richtet sich auf, die Augen öffnen sich. Mara sieht Mose, hört seinen Segensspruch, den Bittruf des Volkes, erkennt Isoras große Liebe und — fällt vornüber. Tränen, wie ein Sturzbach, netzen im erschutternden Schluchzen Moses Füße. Viele Weiber weinen, mancher Mann drückt die Daumen gegen seine Augen. Mose hebt Mara an sein Herz, an dem bisher wenige ruhten, weil wenige es wollten. Gütig streicht er über ihr verwirrtes Haar.
„Sei getrost, Tochter Israels, GOTT hat dir geholfen! Nun hörst du wieder, siehst Seine schöne Lebenssonne und alles, was Er schuf. Sei gesegnet; und reichen Herzens sollst du dem Herrn dienen.“ Stumm dankend streckt Mara die Hände aus, denn — die Sprache ist ihr nicht zurückgegeben. Und sie bedarf derer nicht. Sie wendet sich dem Doktor zu; ihm und den Kranken wird sie eine Helferin bis an ihr Lebensende. Heilende Kraft fließt von ihren Händen aus, mit denen sie die Hilfsbedürftigen betreut.
Noch einer sieht Mose fast verzehrend an: Sanhus. Deutlich steht in seinem Blick geschrieben: Und die Aussätzigen? Wo bleibt mein Vater …? ‚‚Sanhus!‘‘ ruft Mose. Wie ein Pfeil schnellt der Knabe vor. „Herr, rede!“ „Geh zum Graben und hole unsre Armen her.“ Und zum erstaunten Volk: „Ihr werdet rasch erfahren, warum der Knabe tun darf, was den Priestern sonst geziemt.“ Da verstummen vorlaute Meinungen; man wartet auf den grauen Zug. Sanhus fragt: „Und die anderen?“ Die ‚Anderen‘ sind Aussätzige von den rundum lagernden Wüstenstämmen. Mose hatte sie nicht allein unter seinen lsraelen mithausen, sondern ihnen auch Betreuung angedeihen lassen. Der Knabe denkt an jene, die die Not bedrückt. Und Mose sagt:
„Wenn du es willst, dann ist es auch der Wille unseres Herrn!“ Wieder schießt der Knabe wie ein Pfeil vom Bogen über die Ebene zum Graben hin, schon von weitem rufend: „Vater, Vater!“ Die Aussätzigen springen auf. Wer ist gemeint? Kahathael kennt die Stimme seines Kindes. Er stürzt vor: „Bleib!‘‘ Entsetzten Blickes hebt er abwehrend beide Hände hoch, als Sanhus ohne Scheu die Stufen überspringt und seinen Vater heiß umarmt. Er hätte diesen nicht erkannt, so war in einer Woche die Gestalt durch Aussatz und durch Gram zerstört. Des Vaters Schreckensschrei zeigte ihm den Weg.
„Komm, Vater‘‘, ruft er fröhlich, ‚‚kommt alle! Der Herr macht euch gesund!“ Aufgeschreckt drängen sich die Aussätzigen um Vater und Sohn. „Soll das die Wahrheit sein?“ fragen sie. „Gewiß! Jedem hat der Herr geholfen. Muhme Mara kann wie der sehen und hören, nur reden kann sie nicht. Großer Jubel herrscht! Kommt ganz schnell, Mose wartet!“ Die Israelen, zwar in Sorge, weil sie den Graben nicht verlassen dürfen, folgen Sanhus nach, der fürsorglich seinen Vater stützt, auch den Gebrechlichen über die Stiege hilft. Unten stehen noch die Heiden, mit schwermütig gebeugtem Haupt. Ach, wie möchten sie so gerne glauben, daß der ‚fremde Gott‘ ihnen auch ein Helfer sei. Sanhus tritt an den Grabenrand.
„So kommt doch, ihr werdet auch geheilt!“ Sagt ein verknöcherter Israelit: ‚‚Was gehen uns die Heiden an? Vielleicht hat Mose nicht genügend Kraft und es bleiben welche von uns krank. Dagegen diese Heiden, Gott strafe sie . . .“ „Gott strafe dich! sprüht der Knabe zornig. Doch halt! Er darf dem Alten, der schon lang an Aussatz leidet, nicht böse sein. „Sei vernünftig“, begütigt er. „Wenn Gott Sich über euch erbarmt, solltet ihr euch jener nicht erbarmen, die ohne Trost im Graben bleiben müßten?“ Er springt hinab und hilft den Schwächsten hoch. Freudigstolz ordnet er den ganzen Zug.
„Geh am Ende, lieber Vater! Es sei unser ständiges Gebet, daß Gott die anderen vor uns segnen möge.“ „O Knabe, wo hast du diese Liebe her?‘‘ Kahathael ist erschüttert. Seines Kindes Mund lehrt Gottes heilige Gebote! Die Heiden weinen, als der Knabe sie vorausgehen läßt. Der alte Israele schließt sich freiwillig Kahathael an. So gelangt der graue Zug zu Mose, der mit Josua, den Priestern, dem Arzt und dessen Helfern ihm entgegenkommt. Die Aussätzigen dürfen nicht eher zu den Ihren heim, bis sie gereinigt, gewaschen und mit frischen Kleidern versehen sind, die man reichlich spendet, so daß auch für die Heiden genügend übrig bleibt. Mose sagt:
„Die verirrten Schafe sucht der Herr und bringt sie heim.“ Jeden Kranken gibt er Gottes Segen und jeder wird gesund. Beim letzten verweilt er etwas.“ Kahathael, sei deinem Stamm, der sich in diesen Tagen treu erwies, ein guter Halt. Eljasaph wird müde, er braucht eine starke Hand; du sollst Stammfürst werden.“ „Nicht ich, nicht ich“, wehrt Kahathael ab. „Sanhus … Ein Diener will ich dem Fürsten sein, bis ich meine viele Schuld gegen Gott, gegen dich und Eljasaph abgetragen habe. Ich — — o nein, nie kann ich meine Fürstenwürde übernehmen!“ „So bleibe es! Und daran sei erkannt, daß deine Seele auch genesen ist. Sei gesegnet, du und dein ganzes Haus.“
Der Segen geht in Erfüllung. Bald erhält Isora den ‚prophetischen Sinn‘. Sanhus, von Großfürst Hur noch ein paar Jahre angeleitet, entwickelt sich zu einem aufrechten Mann, der Josua und noch den ersten Richtern als Fürst von Gad ehrlich dient. Kahathael dagegen bleibt bis an sein Lebensende Gottes demütiges Kind.
Als die Heiden sich bekehren, lobt Israel den Herrn. Jedermann ist glücklich und alle danken Mose, laut und leise, wie es möglich ist. Dieser hat sich indessen wiederum dem Hügel zugewendet und steigt hinauf. Es fehlen noch zwei Stunden, bis die Sonne sinken wird, und dann — dann — — —.
Von der Stiftshütte wandelt die Wolke wie ein sehr großer Mensch daher. Auf Ihm funkelt es wie eine Krone. Der Menge bemächtigt sich tiefste Ehrfurcht und ein Glaube, den es selten gab. Ah-Bitten für den Leib oder Angst herrschten vor, wenn Gott we gen Abgötterei sie schlagen mußte, um zu heilen. Jetzt eint die Stämme ungeahnter Friede vor dem Herrn. Die Wolke beansprucht eine breite Bahn, und breit gibt Israel sie frei. Sie wandelt den Berg hinauf, wo Mose samt den Ersten stehen; und des Himmels hehres Zeichen stellt sich schützend hinter sie. In immer herrlicherer Klarheit formt sich die Gestalt, daß ganz Israel sagen kann: ‚Wir haben heute unsern GOTT gesehen!‘ Nicht wie Mose, von Angesicht zu Angesicht; und doch ist es ein Ansehen- und Anhörenkönnen Dessen, Der Sich offenbart.
Der Herr rechnet ab. Wie mit Mose, also mit dem Volk. Die heilige Stimme erheischt ein ‚Ja‘ zum Bekenntnis aller Sünden wie auch das ‚Nein, wir haben nicht gehorcht‘! Wohl senken sich die Augen; dafür steigt die Liebe hoch, und mächtig wird der Glaube. Und wie Gottes guter Knecht am Ende eingestand: ‚ Herr, Du hast zu Unrecht mit mir abgerechnet, Du gabst zuviel von Deiner Gnade her‘, so desgleichen Israel. Danach richten Gottes Worte alle Seelen auf, wie der Sonnenstrahl die Blumen, wenn sie taunaß zur Erde fielen.
‚‚Nun sollen eure Übeltaten abgegolten sein. Ich habe eure Schuld getilgt und das Gebrechen ist geheilt. Wohl einem jeden, der so vor Meinem Antlitz bis ans Ende seiner Zeit verharrt. Noch sieben Wochen bleibt an diesem Ort, daß ihr euch bewährt. Her nach wird Mein Josua aus ‚Meinem Geist‘ euch über den Jordan führen.“ Da schreit das Volk: „Und Mose? Ach Herr, lasse Deinen Mose bei uns sein!“ Wie glühend oft der Haß, so glühend jetzt die Liebe.
„Mein Knecht hat sich in vierzig Jahren für euch aufgeopfert. Ich habe dieses Opfer angenommen und für Israel gesegnet. Bleibt ihr bei diesem Segen, so bleiben Meine Hände über euch! — Nun folgt Mir bis zum Gehege, dort wird mein Mose euch den Abschiedssegen geben. Alsdann geht in eure Hütten heim.“
NEUOFFENBARUNG