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9. Kapitel – Das Heilige Draußen; Gottes Gnadenhütte

Der Horizont, von der Sonne eingeglutet, deckt die Welt mit roten Flügeln zu. Flügel, die den Tag in eine unbekannte Nacht hinübertragen. — Statt der Wolke wandelt Gottes Feuersäule zum Gehege und Israel folgt nach. Alte werden gestützt, Frauen und Kindern wird geholfen, ein Volk, an dem Gott heute Wohlgefallen hat. Ob Er aber das ins Gnadenbuch für immer schreiben kann, ob die Vergänglichkeit des menschlichen Geschlechts das Hochgefühl vergehen läßt — — —. Nur der Höchste weiß es ganz allein. Und das Feuer spricht durch Mose:

„Israel! Ich habe dich Abraham als Same zugesagt, irdisch wie der Sand am Meer, denn aus Irdischem seid ihr geboren und Materie ist euer Teil; und wie des Himmels Sterne als Geistanteil, der jedem Menschen innewohnt, damit er gut und böse unterscheiden lernt, bis er aus dem Sande sich erhebt zum Lichte seines Sternes.

Ich habe eure Ahnen, die von Meinem Geiste in sich trugen, reich gesegnet, habe euch geführt, daß der Sand verwehen und nur ewiges Licht erstrahlen sollte. Durch Mose — vor Mir ein Großer — erwies Ich täglich Güte, Gnade, Langmut und Sanftmut, und ihr konntet Meine Wege sicher wandeln. Nahe zu euch her bin Ich mit Meinem Heiligtum getreten, soweit die Erde es ertragen kann. Doch ungern ginget ihr zum Hause Meiner Obhut, zur Hütte, die Ich ‚gestiftet‘ hatte.

Ich schlug sie vor dem Lager auf. Nie habt ihr den Sinn erkannt und Mose konnte ihn nicht deuten; ihr lagt ihm stets mit eurem Sand im Ohr. Der Wüstenweg zeigte euere Vergänglichkeit auf Erden an. Heute habt ihr sie dahingegeben, um Ewigkeiten dafür einzutauschen. Ich trat vom Innersten zu euch heraus; denn jede Offenbarung ist ein Außerhalb Meiner unzugänglichen Licht-Heiligkeit, ist für euch das Draußen, die Schaffung der Zugänglichkeit, die Hütte, durch die alle Kinder im Himmel und in der Materie das Inwendigste finden.

Wie Ich ewig als ‚Erlöser von alters her (Jes. 63, 16) — Mich offenbarend — stets hinaus gegangen bin, damit die Geschöpfe ihre Kind schaft haben sollten, so müssen auch die Kinder ihren Lagerwall (Anschauung, Lebensart) verlassen, um zu Mir in Mein Gehege, also in den Gnadenschutz der lebenswahren Hütte zu gelangen. Wird einmal die Hütte, Mein ‚Heiliges Draußen‘, in eine ‚Stadt aus Steinen‘ eingezwängt, (Tempel zu Jerusalem.) so wird es meist ein leeres Inneres haben, das höchst selten das Äußere lebendig machen kann.

Mein Draußen gilt allen Kindern als personhafte Offenbarung, die wie diese Stiftshütte ein heiliges Gehege hat. Und durch das ewige Gehege kann keiner schreiten, der nicht sein armes Draußen in Mein Heiliges Innere, noch sein Lebensinnere in Mein Heiliges Draußen bringt! Mein Heiligsein nimmt jedes Kind in Obhut, das durch das Gehege hindurchgedrungen ist. Wer das erreicht, der hat im Heiligen Draußen sein Leben; da hat er ja den Sand verlassen und ist ‚Stern‘ geworden: ein Kind Meines Lichts!!

Nun empfindet ihr Männer und Frauen, sogar manche Kinder, als ob ihr im Gehege lebt; und euer Lager, in dem ihr euch stets sicher fühltet, kommt euch als armes Draußen vor. Mutlos blicket ihr zur Stätte, die im Dunkel keinen Schimmer schenkt. Ihr sagt: Des Herrn Gehege, die Obhut Seiner Heiligen Hütte, ist unser Lager! Behaltet diesen Glauben, und wahrlich sage Ich euch: Mein Draußen wird stets bei euch sein, wo immer ihr euch lagert, wo immer ihr eure Pfade zieht! Behaltet Mein Heiliges Draußen in euren Herzen und Ich werde euer Draußen in Meinem Gehege halten allezeit!! —

Jetzt zieht in eure Zelte; und schreibt‘s für eure Kinder auf, daß Meine Heilige Hütte samt Gehege immer draußen vor dem Lager, vor euren Städten sei; denn Mein Draußen geht allem Irdischen vor! Und ferner: Vergesset nie die Armen, die außerhalb einer menschlichen Gemeinschaft leben müssen. Fragt nicht nach ihrer Schuld. Schuldig ist alles menschliche Geschlecht! ICH bin der ewige Richter über Schuld und Unschuld, und ICH richte auf, was zerbrochen ist! Geht auch stets hinaus zu den Armen, die die Hilfe brauchen, und holet sie in eure Hütten. Denn wer das tut, den hole Ich in Mein Gehege, in die heilige Obhut Meiner Hütte — in Mein Vaterherz! —

Sei gesegnet, du Mein Israel! Werde aus dem Volke Meiner Mühe ein Kindvolk Meiner Freude! Ziehe hin in Frieden.“ Wie eine Glocke hat der nächtliche Dom das Geläut der ewigen Stimme über die Erde hallen lassen und ist keiner aus ganz Israel, der es nicht gehört und nicht verstanden hätte. Ungezählte Sterne funkeln freundlich nieder; ihr Glanz prachtiert um die Wette mit dem Gnadenwort. Ist ja das WORT Seines Mundes Sprache, die Sterne Seiner Hände WERK! — Still erhebt sich Israel, um nach des Herrn Geheiß zu handeln. Doch als Mose im flammenden Schein der Feuersäule stehen bleibt, gehen die Gesegneten sehr zögernd ihren Weg, von Fürsten und Ältesten ermahnt, die selber schweren Herzens oft genug ihre Augen rückwärts wenden. Auch Josua ist auf Befehl des Herrn zurückgeblieben.

Während der ganzen Nacht gibt es im weiten Lagerrund ein Hin und Her, zwar ohne Hast und lauten Ruf. Allein — ein leises, ängstliches Fragen streicht um jedes Zelt. Außer den ganz Müden und den Kindern denkt kein einziger an Schlaf. Jedem ist, als höre er noch immer Moses letztes Lied, (5. Mo. 32.) das er zum Lobe Gottes sang. Noch spürt man jene Kraft, die aus heiligem Wort als hohe Gabe quoll, durch Gottes Feuer segenswahr erhärtet.

Nach hoher Mitternacht kommt Josua zurück. Allein— — —, Stumm stehn die Menschen, schwarze Silhouetten, und das Schweigen des Zurückgekehrten wird zur Last. Wo Oberste mit ihren Fackelträgern harren, sammeln sich größere Kreise an. Doch auch bei denen ist es nur ein Wink mit matter Hand, die Bestätigung auf banges Fragen gibt. Da wenden sie zu ihren Zelten um, hocken dort am kleinen Feuer ihres Herdes und warten wachend, bis der Morgen graut. Ach, welche Wahrheit wird er bringen — — —?

Nahe des gelben Zeltes stehen Fürst Eljasaph, Altfürst Deguel und Kahathael mit Sanhus, der erst bei den Eltern bleiben soll, weil Großfürst Hur bei der zu erwartenden Umgestaltung der Führung keine Zeit erübrigt. Als Josua da ebenfalls stumm vorübergeht, heben sich Kahathaels Schultern wie fröstelnd hoch. Er hat am sehnsüchtigsten gewartet, daß Mose käme — wenigstens noch einmal.

Bei der Gelegenheit löst sich seine Hand von der des Knaben. Durch die Dunkelheit begünstigt, geht Sanhus einem Rufe nach, den sein Herz vernimmt. Und die große Liebe zu Gottes gutem Knecht veranlaßt ihn, sich wie gestern zu entfernen, ohne daß es jemand merkt. Schon von weitem leuchtet ihm das flackernde Fanal entgegen. Je näher er ihm kommt, um so mehr dünkt es ihn, es wäre ein flammend Meer, als brenne das Land weit und breit. Der feinfühlige Knabe zittert am ganzen Leib, und seine Seele zittert noch viel mehr; aber nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht vor dem Herrn.

Da steht jener Jüngling neben ihm, der ihn in die Heilige Hütte führte. Sanhus erkennt ihn sofort wieder. Beglückt, als sei jener ihm ein Schutz, obwohl der beste Schutz GOTT SELBER ist, erfaßt er dessen Hand. „O wie gut, daß du gekommen bist! Ich kenne dich zwar nicht, doch mein Herz sagt mir, daß du von ‚Oben‘ bist.“ Sanhus zeigt zum Himmelsdom hinauf, der noch immer sammetblau, von hehrer Sternenpracht geschmückt, die Nacht der Welten gnadenvoll bedeckt. So glänzten heute Moses Augen und so … ja, so trafen ihn in Gottes Heiligtum zwei Strahlen aus dem Gnadenstuhl.

Der Jüngling gebietet mit sanftem Lächeln Schweigen. Da schmiegt sich Sanhus dicht an die himmlische Gestalt, und es öffnet sich das ‚Auge seines Geistes‘. Trotzdem begreift er das Geschehen absolut nicht voll. Der Jüngling führt ihn an die rechte Seite des Geheges, und da stehen viel Gestalten, feine Männer, zarte Mädchen; und sie bilden eine Gasse. Dem Knaben kommt alles unglaublich herrlich vor.

Alsbald hebt sich der schwere Hüttenvorhang, und heraus tritt der Heilige, Hand in Hand mit Mose. Der Knabe sieht Gott nicht ‚von Angesicht zu Angesicht‘, (Mose 1. 32, 31; 2. 33, 11; 5. 34, 10) dennoch so gewiß, daß kein Zweifel über eine Schau bestehen kann. Und Mose? Aber ist er denn das noch? Sein Gesicht ist von jenem Strahle übergossen, der als bizarres Zeichen den Schöpfermantel auf der Brust des Allmächtigen zusammenhält. Mose sieht fast wie der Jüngling aus; nur reifer, größer kommt er Sanhus vor. Er kann es nicht genau erfassen. Dem wunderbaren Gott und Seinem Knecht folgen mehrere mächtige Gestalten.

Als sie durch die Gasse lebender Lichter wandeln, Gott und Mose, wirft sich der heftig erregte Knabe nieder. Allein die Hand, die Segen spendet, Leben gibt, aufrichtet und von Schuld befreit, die winkt ihm zu. Und der Jüngling führt seinen Erdenbruder dem Hohen Lichte nach.

Wieder ist rundum kein Laut zu hören. Der Himmel hat das Gebiet gereinigt. Diesseits am Graben geht es ins Moabiter Land; jenseits liegt der Hügel, an dem sich Gottes Barmherzigkeit an allem Volk ereignete. Es geht dem Gebirge Pisga und dem Berge Nebo zu. Was dort geschieht, ist so unendlich heilig, wundersam und herrlich, daß der Knabe sich ganz fest an seinen Führer preßt, sein Herz immer wilder klopft, bis das Licht ihm einen Zipfel seines feinen, azurblauen Mantels überwirft. Da erst wird Sanhus ruhig. Doch er muß das alles so erleben; denn für immer soll es in ihm eingegraben sein.

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