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10. Kapitel – Am Ende deckt GOTT Seinen Mose zu

Wie Sanhus ins Fürstenzelt gelangte, kann er anderntags nicht sagen. Hur ist erstaunt. Steht er dem Knaben schon so nahe, daß der nicht mal eine Woche bei den Eltern bleiben mag? Bei dem Vater, den er über alles liebt? Sinnend betrachtet er den jungen Schläfer. Sehr edel ausgeprägt ist das Gesicht. Gerade will er wegen dringendster Geschäfte zu Josua, als Sanhus erwacht. Selbst verwundert, wo er sich befindet, wirft er die leichte Felldecke zurück und springt auf. Noch trägt er sein Feiertagsgewand und den Jungmännermantel, der ihm so prachtvoll steht und den er schonen wollte.

„Wo kommst du her“, fragt der Fürst. „Hat dich dein langer Freund geholt?“ Hur meint den Hethiter. Sanhus schaut sich um. Plötzlich wirft er sich schluchzend an Hurs Brust. „Vater Hur, ich — ich habe alles gesehen!“ Der Fürst erschrickt. ‚‚Was hast du gesehen, mein Junge?“ „Alles! Mit Gott — und Mose — das Feuer — und die Hände, die ihn trugen — vom Nebo herab — und hinauf, wo anders hin! Ach Vater Hur, Mose kommt nicht wieder, der HERR hat ihn zugedeckt!“

Mehr ist zunächst nicht zu erfahren. Hur glaubt fest, daß Sanhus zu Besonderem ersehen ist, sonst wäre anzunehmen, er sei abermals erkrankt, so heftig zittert er. Er läßt Eleasar und den Doktor holen. Man einigt sich bald, daß keine Krankheit, sondern Gottes Kraft im Knaben wirkt. Er braucht nur Ruhe, damit sich das Erlebnis in ihm klärt. Man will wissen, was er ‚alles gesehen hat‘.

Die Eltern erhalten Nachricht. Höchste Zeit! Bis zum Morgengrauen suchte Kahathael seinen Sohn rundum in jedem Zelt. Die Nachbarn meinten, er sei bei Hur. Dennoch suchten viele Männer innerhalb und außerhalb des Lagers mit. Nun sollen Kahathael und Isora nachmittags ins Zelt des Fürsten kommen, wohin Josua alle Oberen von Israel zur Vollversammlung einberufen hat. Dann wird Sanhus wohl berichten können. Daß dies geschieht, hat man dem Himmlischen zu danken, der im heiligen Auftrag kommt, als das Zelt gerade einmal leer geworden ist. Der Jüngling hilft dem Knaben, damit das in der Nacht Erlebte folgerichtig und klar ins Besußtsein kommt.

Fürsten, Älteste und bewährte Männer und Frauen sind versammelt. Sanhus sitzt bei seinen Eltern. Eben tritt Josua als letzter ein. Er wird ehrerbietig gegrüßt. Es wäre eine Geschichte für sich, von dem Manne zu erzählen, der an Moses Stelle das Wandervolk zu führen hat. Er hat eine hohe, freie Stirn. Gestaltlich wirkt er wuchtiger als Mose; doch seine Augen blicken freundlich. Allerdings wird Israel genug Gelegenheit bekommen, diesen Mann sogar sehr unerbittlich zu erleben, wenn es zum Guten des einzelnen wie des Volkes unerläßlich ist. Die Murrenden, die es solang gibt, solange Menschen MENSCHEN bleiben, sagen später: Mose sei viel liebreicher gewesen als Josua es wäre. Sie haben unrecht, so und so.

Jetzt lasten freilich schwere Sorgen und die Betrübnis auf dem ‚auch wieder nur einen Mann‘, den Israel erhalten hat. Er grüßt die Versammelten ernst und nimmt jenen Platz ein, den bis gestern Mose innehatte. Sie besprechen zuerst Verhandlungen mit Moabit wegen Getreide, Öl und lebenswichtigen Dingen, über die man sich im Kauf und Verkauf einigen wollte. Israel ist groß, es will leben, und seine Erhaltung fordert täglich Hunderte von Gesprächen. Heute gibt es kein langes Hin und Her, weil jeder darauf wartet, was über Mose zu berichten ist.

Josua spricht kurz über sein nächtliches Erlebnis. Gott trat aus der Feuersäule heraus, hatte Mose und ihn gesegnet und das Amt in seine, Josuas, Hände gelegt. Gott hatte ihm den Weg gezeigt, den er das Volk führen sollte. Israel werde längere Zeit Ruhe haben, und jeder sei des Nächsten Freund und Bruder. Dazu nicken alle, die an Israels Wanderschicksal tragen helfen. Josua endet:

„Der Herr gab mir die Hand. Nie werde ich‘s vergessen, was mich für ein Strom durchdrang, und war doch nur ein sanftes Locken ohne Macht. Ich dachte: Wärest Du, o Gott, nicht überheilig, ich würde mich in Deine Arme werfen und VATER zu Dir sagen! Kaum gedacht, da sprach Er wunderbar: ‚Du kannst es tun; denn ewiglich bin Ich ein VATER, (5. Mo. 32, 6; Jes. 63, 16.) weil Ich kein Schöpfer wäre, wenn Ich nicht zugleich auch Vater bin!‘ Ich sank an Seine Brust und Mose lehnte sich an Seine Schulter, und Gott-Vaters Arme hielten uns umfangen.

Und dann kam der Abschied. Gott und Mose gingen mit mir bis zur Karawanenstraße, die nach Moabit abzweigt. Dort verharrten sie, bis ich am Lager angekommen war. Ach, wie oft wendete ich mich um! Aber der Herr wartete, bis das Tor hinter mir geschlossen ward. Ich sah nicht, wohin Er Mose führte.“ Lange bleibt es still. Jeder ist im Gram vertieft; doch beim leisesten Geräusch schaut jeder auf, wähnend, Mose müsse kommen. Er kommt nicht! Er hat sein Erdenwerk vollbracht; viele Garben trägt er vom weiten Schöpfungsfeld hinauf zum Herrn, Der ihm sein Lichtgewand gleich wiedergab.

„Sanhus!“ ruft Josua. Sein freundliches Lächeln kann die Trauer nicht verbergen. „Komm her und berichte, was du gesehen hast. Rede ohne Scheu; sage aber nichts, was die Erzählung unwahr macht. Gott hört es genau und Israels Väter wollen heute auf die Worte eines Kindes achten.“ Kahathael führt seinen Knaben an den Richtertisch, er selbst kehrt an seinen Platz zurück. Sanhus steht zwischen Josua und Hur. Er blickt diese so ehrerbietig an, daß daraus schon seiner Rede Wahrheit zu erkennen ist. Nach tiefem Atemzug beginnt er unter geheimer, trotzdem klar erkannter Inspiration zu sprechen:

„Ich stand bei Vater“, er winkt den Eltern zu, „und wartete wie alle andern auf die Rückkehr Josuas und — — auf Mose, von dem doch jeder wußte, daß er nicht wiederkommt. Mich trieb es wie das erstemal hinaus. Hier drin“, Sanhus zeigt auf seine Brust, „vernahm ich deutlich: ‚Komm zur Heiligen Hütte!‘ Als ich ans Westtor kam, stand es offen und ich sah die Wächter; aber keiner hielt mich an.“ Josua sagt, daß hinter ihm geschlossen ward. Demnach waren der Wächter Augen gehalten und das Tor für Sanhus geistig aufgetan.

„Das Feuer am Gehege leuchtete mir entgegen. Ich ging nicht sehr rasch, war jedoch bald angelangt. Von weitem sah es aus, als brenne die ganze Wüste; es war wie ein Flammenmeer. Auch am Himmel zogen breite glänzende Lichtstreifen, feurig umrandet, hin und her. Ich fürchtete mich nicht, nur war mir sonderbar zumute; ich kann nicht sagen, wie mir war.“ Der Knabe meint seine Ehrfurcht.

„Ich fing an zu zittern; doch da stand der schöne Jüngling wieder neben mir, der mich in die Stiftshütte gebracht hatte. Ich war froh und sagte es ihm auch. Aber er gebot mir Schweigen und führte mich zum Eingang des Geheges. Dort standen viele Jünglinge und Mädchen, ganz wunderbar. Ich glaube, es waren lauter Engel. Da trat auch schon der HERR aus Seinem Heiligtum heraus und führte Mose an der Hand, gerade so, wie mich der Jüngling hielt.

GOTT ist nicht zu beschreiben, obwohl ich Ihn deutlich sah. Sein Gesicht war heller als die Sonne. Er trug ein schweres Gewand, und über die Schulter geworfen einen Mantel, blau, wie der hohe Himmel, und auf der Brust ein goldenes Zeichen, eine Spange, die den Mantel zusammenhielt. Mose sah ganz jung aus, fast wie der Jüngling, aber so, als ob er dessen Vater war. Einige Himmlische folgten Gott und Mose nach, die ihm ähnelten. Sie trugen verschiedene Kleider, und jeder hatte eine seltsame Spange auf der Brust.

Als Gott an mir vorüberging, fiel ich hin. Er sah mich an. O, wie gütig war Sein Blick, gar nicht streng, eher so, als ob Er Sich von Herzen freue. Wir folgten den großen Gestalten, und die Jungen und Mädchen schlossen sich uns an. Es war ein ganz langer Zug, wie ein Feuerstrahl, (Dan. 7, 10.) diesseits am Graben vorbei dem Pisga zu.

Am Berge Nebo blieben alle stehen. Nur Gott ging hinauf und Mose neben Ihm. Obwohl hoch, nahm ich doch alles wahr. Oben kniete Mose nieder und Gott sprach, daß sein Leben hochgesegnet vollendet sei und er werden würde, was er vorher war. Mose sah es auch, weinte heiße Freudentränen und nannte Gott bei einem Namen, den ich nicht verstand. Alsdann nahm Gott Moses neuen herrlichen Mantel, breitete ihn über den Knienden aus und sprach:

‚Nun sei zugedeckt für diese Welt, Mein getreuer Knecht. Großes hast du vollbracht! Unter dieser Decke will Ich dich hinübertragen in Mein Reich. Für die Welt bist du gestorben; aber keiner wird dich finden, weil es für dich kein Sterben gibt. Ich grabe dich in Mein geheiligtes Erdreich ein, darin jedes Kind seine ewige Lebenswurzel hat.‘“ Sanhus schweigt, weil ihn die Erinnerung übermannt, aber auch, weil die Frauen und ohne jede Scham die Männer ihre Tränen trocknen. Josua faßt freundlich nach der Knabenhand, die er bis zum Schlusse hält. „Weiter, Sanhus, wir hören.“

„Dann gingen die Lichtgroßen hinauf, während die Jungen mit den Mädchen eine breite Gasse bildeten. Es wurden immer mehr. Ich sah sie gar nicht kommen, sie waren einfach da. Die Großen legten den zugedeckten Mose in Gottes Arme. Der Mantel hing an allen Seiten nieder, es sah wie ein Bahrtuch aus, wie Silber glänzend; und die Säume, hellblau und breit, streiften die Erde. Der Herr trug Seinen Mose vom Nebo herab, gefolgt von allen Himmlischen.

Zwei Große nahmen mich und den Jüngling in die Mitte, wir gingen in der zweiten Reihe hinter Gott. Ich spürte nicht mehr, wie ich ging. An der Quelle bei den sieben Palmen — ich durfte doch mal mit der Karawane in Beth-Peor Waren holen und kenne diese Stelle — legte Gott den zugedeckten Mose auf die Erde. Die Großen umringten Gott, und ich sah zwischen ihnen hindurch. Nur was dann geschah, weiß ich nicht genau. Eines sah ich deutlich: Moses Mantel lag auf einmal dort, als hätte er ihn abgestreift, nicht achtlos, eher so, als ob er seiner nicht bedürfe. Darüber schwebte Gott sichtbar empor; und ganz gewiß war Mose mit dabei. Denn Gott hielt einen Großen an der Hand, genau so, wie Er vorher Mose führte.

Die lange Schar, die lieben Jungen und die feinen Mädchen, zogen Gott nach, alle hinauf, und waren bald verschwunden. Nur ein Großer hielt beim Mantel Wacht. Ich wollte hin; doch er winkte freundlich ab. Dann weiß ich nichts mehr, der Jüngling muß mich heimgetragen haben. Ich kann mich nicht besinnen, eingeschlafen zu sein, denn ich war ganz hellwach.“

Schweigen folgt, das gar nicht enden will. Eleasar ermannt sich zuerst. „Findest du die Stelle wieder, wo Moses Mantel lag? Dort müßte auch sein Grab zu finden sein; denn nur der Geist gelangt zur Höhe, das Irdische bleibt zurück. Jetzt ist gewiß, daß wir vierzig Jahre lang als Führer einen hohen Engel hatten.“ Das stimmt.

Zuversichtlich erwidert der Knabe: ‚‚Wir finden Moses Mantel; der Herr hat in Josua versprochen.“ „Woher weißt du das?“ fragt Josua erstaunt. „Der Jüngling sagte es.“ „Morgen machen wir uns auf die Suche, für heute ist‘s zu spät.“ „Ach nein“, bittet Sanhus, „lieber gleich; wir sind ja mit den Dromedaren in zwei Reitstunden dort.“ „Wenn du die Stelle wiederfindest“, meint Fürst Hur. Im Vertrauen auf Gottes Führung lächelt das Kind:

„Sollte Gott uns nicht den Mantel finden lassen?“ „Junge, dein Glaube ist groß; er reicht aus für ganz Israel!“ ruft der alte Nun und segnet das Kind. „Laßt uns eilen!“ Josua steht rasch auf. „Ihr Altfürsten nicht, der schnelle Ritt wird schwer. Sonst schließe sich an, wer mitkommen will.“ Wer irgend es zu schaffen glaubt, ist bereit. Hur ruft die Hethiter und Josua die Mohren, die seit gestern Trübsal blasen und zu keiner Arbeit zu bewegen sind. Josua ist nachsichtig genug, sie austrauern zu lassen. Doch wie sie hören, Moses Mantel lage in der Wüste, sind sie die schnellsten, die für Josua das prächtige weiße Dromedar zäumen, das bisher Mose diente. Auch für sich satteln sie flinke Kamele.

„Wir dürfen doch mit, Herr?“ jammern sie fortgesetzt, obwohl Josua längst sein Ja gegeben hat. Die Knechte fuhren eilig die Reittiere vor. Israel läuft herbei. Als sie dem Beritt in hellen Haufen zu Fuß und auf kleinen Grauen folgen wollen, bedeutet Josua ihnen freundlich, daß sie den raschen Ritt nur hemmen würden.“ Ihr helft uns am besten und tut nach Gottes Willen und zu meiner Freude, wenn ihr im Lager bleibt.“ Da gehorchen sie, wenngleich nicht gerade gern. Immerzu laufen sie zum Westwalltor, durch das Josua mit dem Gefolge galoppierend weggeritten ist.

Auf Josuas starkem Tier sitzt Sanhus mit. Beiderseits reiten die Mohren. Eine Hundertschaft bildet das Geleit. Unbeirrt zeigt der Knabe einen Weg, als wäre er ihn nicht in der Nacht gezogen, von Dingen beeindruckt, die vom heiligen Jenseits ins nackte Diesseits ragten. Die Pisgakette rückt näher. Da zerrt der Knabe am linken Riemen, und das weiße Dromedar gehorcht der kleinen, augenblicklich nicht sehr sanften Hand.

Nach einer halben Stunde zeigt sich Beth-Peor, zumal der dicke, rote Wächterturm. Sanhus hebt jäh die Hand: „Dort, dort, die sieben Palmen!“ Sand stiebt auf. Josua treibt zu höchster Eile an. Er ist zuerst am Platz und springt ab, bevor das Dromedar sich legt. Ein gewagter Sprung für einen älteren Mann. Sanhus ist wie eine Katze am Hals herabgeklettert. Sie beschatten ihre Augen, während die übrigen Reiter angesprengt kommen.

„Da“, ruft Sanhus, „der Mantel! Der Mantel!“ Mit gellendem Schrei stürzt er drauf zu. Neben dem Brunnen liegt der Mantel, als wenn ihn eben erst jemand hätte fallen lassen. Doch in weitem Umkreis keine Grabesspur. Wo sie auch suchen, es bietet sich kein Anhaltspunkt. „Laßt uns morgen planmäßig suchen“, ratet Großfürst Hur. „Das Grab muß zu finden sein! Sanhus, weißt du es genau, ob Gott hier Mose niederlegte?“ „Ganz gewiß‘‘, beteuert der Befragte. „Der Mantel bestätigt es“, nimmt Josua Partei. „Doch in Beth-Peor ist erst zu fragen, ob wir graben dürfen; das Gebiet gehört den Moabitern.“

„Ich reite gleich hinüber“, erbietet sich Fürst Pagiel. „Die Zeit ist kostbar. Es wäre gut, Josua, du rittest heim des Volkes wegen. Vor der Nacht hoffe ich zurück zu sein.“ Josua ist erfreut. „Nimm die Hethiter und die Mohren mit.“ Auch Kahathael und der treue Asser folgen. — Pagiel bringt gute Nachricht. Der Fürst von Beth-Peor gab die Erlaubnis und stellt Männer zur Verfügung, die als Ansässige das Gebiet weit besser kennen als die Israelen, wenn die auch schon lang am Gragen lagern. Allein, drei Tage suchen Hunderte vergeblich nach einem Grab. Ganz Israel weint. Je mehr die Zeit verstreicht, um so mehr spürt jeder den Verlust der großen Liebe, die unermüdlich von Gottes gutem Knechte ausgegangen war.

Jetzt hört man viele sagen: „Bei mir fragte er jedesmal nach der gelähmten Mutter.“ „Und bei mir ging er nie vorbei, ohne sich die Kinder anzusehen.‘‘ „Ach“, ruft ein junger Mann, „ich hatte soviel Sorge wegen meiner Sarah, und nur durch Mose ist sie mein liebes Weib geworden.“

„Mit mir zankte er mal sehr; doch er war im Recht, denn um das Zelt herum sah es dreckig aus. Als wir mürrisch sauber machten, gab er uns auch noch erfreut die Hand.“ So läuft von Mund zu Mund, was rastlose Arbeit kündet, getragen von Ordnungsstrenge und gesegnet aus tiefem Liebequell. Aber Mose bringt es nicht zurück; und keiner findet ihn. Der Fürst von Beth-Peor besucht Josua mit prächtigem Gefolge. Sie tragen violette Wimpel zum Zeichen tiefer Trauer, weil ein ganz Großer die Welt verlassen hat.

Sanhus steht am vierten Tage bei den Wallwächtern, als die müden Schaufelmänner abermals erfolglos kommen. Tief sinnend geht er zum Fürstenzelt. Schon will er hinein, hört aber drinnen Josua, mehrere Fürsten und Älteste sich beraten; und so hemmt er seinen Schritt. Doch sein langer Freund, der Hethiter, hat ihn gemeldet und Josua selbst ruft ihn herein.

„Eben sind die Männer heimgekehrt“, erzählt Sanhus. „Und?“ „Darf ich etwas sagen?“ „Natürlich darfst du.“ Der Knabe ergreift Josuas Hand. „Herr, vergeblich sucht man Moses Leib, GOTT bedeckte ihn, aber — Er begrub ihn nicht! Könnte denn solch großer Stern, wie es Mose war, im Sande liegen, wo der Heilige am Gehege sagte, daß der Sand hinter uns zu lassen sei, um ‚Stern‘ zu werden?

Ich begreife wohl, daß nicht jeder Mensch ein Mose ist, daß das Äußere der Erde anheimfällt. Auch meint Gott ja unser Herz, unsere Seele, daß diese sich zu unserm Stern erheben. Doch bei Mose ist es etwas anderes. Er war immer Stern! Er hat den Herrn, Der mit ihm sprach, so oft gesehen! Sollte Gott daher nicht auch Moses Leib vergeistigt haben? Er schwebte ja empor, mit einem Großen an der Hand. Priester Eleasar hat wohl recht, das sei der innere Leib, die Seele samt dem Geist. Mose aber ist wie Henoch (1. Mo. 5, 21-24.)heimgegangen, von dem Priester Irhamar mir aus den Schriften vorgelesen hat. Und auch Henochs Leib ist nie gefunden worden!

Dann —“, Sanhus zögert, ob er den würdigen Männern gegenüber frei reden darf, „— denke ich: Warum sucht man nach Vergänglichem, wo wir Moses Liebe haben? Er ist uns nicht gestorben! In dir, Josua, hat Gott uns einen zweiten Stern geschenkt. Ich werde Mose immerdar in hohen Ehren halten. Doch GOTT gebe ich die höchste Ehre, wenn ich dir aufs Wort gehorsam bin. Du bestimmst nichts anderes, was Mose auch bestimmen würde, weil du nur nach Gottes Willen handelst. — So sollte endlich des Herrn Mantel heimgeholt werden, damit du ihn trägst und Israel nicht ohne irdischen Vater sei.“

Eine Weile ist es still, wie manchesmal. Eleasar umarmt den Knaben. „Du hast wahrlich aus Gottes hohem Geist gesprochen, Sanhus, und wir wollen dem Herrn danken, daß Er uns durch dich die Augen öffnete.“ Jeder stimmt ein: „Ja, das ist wahr! Gott, dem Herrn, unserm Vater in der Ewigkeit, sei Dank, Lob, Preis und Ehre!“

Am andern Morgen reitet man hinaus zur Stelle, wo in diesen Tagen vier Krieger aus Beth-Peor bei Moses Mantel Wache hielten. Als man ankommt, steht ein Fünfter dort, ein sehr großer Mann. Der Kleidung nach ist er ein Fremder. Sanhus, der mitgenommen wurde, denkt: Das ist ein Hoher, oder — GOTT SELBST. Die Moabiter wähnten jedoch, er sei ein Israele, da er mit ihnen in deren Sprache geredet hatte.

Josua verharrt. Wer ist der Hohe? Da sehen ihn die fremden Augen an, tief, dunkel, sanft und — flammend, daß er erschrickt. ‚Wie GOTTES Augen‘, denkt auch er, sich tief verneigend. Der Hohe hebt den Mantel auf, gibt ihn Josua und sagt: „Trage ihn; denn in ihn sind Moses Kräfte eingewirkt (2. Kön. 2, 8 u. 14), die der gute Knecht besaß. Diese Kraft soll bei dir bleiben. Friede sei mit dir, mit Israel, und mit allen guten Menschen!“ Der Hohe ist verschwunden, wie verweht. Und die Moabiter rufen: „Es war ein Gott!“ Ja, das war der HERR, der Gott Israels, der Gott des Universums.

Das weiße Dromedar trägt Moses wunderbaren Mantel, den er von dem Herrn empfing wie die Gesetzestafeln einst auf Sinai, heim nach Israel. Zwei Hauptleute der jungen Kriegerschaft führen das Tier. Zu Fuß schreiten Fürsten und Älteste durch das Lager, durch die still aufgereihten Stämme bis zur Bethütte hin. Dort wird der Mantel aufbewahrt, den der ehrwürdige Nun am nächsten Sabbat vor allem Volke seinem auserwählten Sohne Josua um die Schultern hängen wird.

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