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NACH DEN HOEHLEN DES WIRDU

Arvodo ist wie betaeubt in seinem Palast angekommen. Mit erleichtertem Herzen hoert er, dass sein Bruder das Haus verlassen habe. Es ist ihm wohltuend, jetzt nicht Rede stehen zu brauchen, er will allein sein und ueberlegen, was zu tun ist. In sein einsames Arbeitszimmer zurueckgezogen, schaut er duester zu Boden, waehrend die widerstreitendsten Empfindungen seine Brust durchziehen. Er sieht seinen Bruder im Geiste, der wie er weiss Artaya liebt, in den Banden der Eifersucht, wenn er ihm eroeffnet, was er erfahren. Er sieht sich am Ziele, falls er Artaya und dem Wunsche des Koenigs nachgibt, die er beide verachtet. Das grinsende Gesicht des Oberpriesters Karmuno laechelt ihm zu, der selbst nach der Herrschaft strebt und durch die Priesterschaft im Lande einen gewaltigen Einfluss auf die Volksschichten ausuebt. Glauben diese doch in ihm den Mann zu sehen, durch den die Gottheit ihren Willen dem Koenige Areval kundgibt.

Arvodo fuehlt sich nicht sicher genug fuer das Gelingen eines kuehnen Handstreiches, doch nur zwischen diesem und dem neu sich eroeffnenden Wege, Gatte Artayas zu werden, hat er zu waehlen. Zu ersterem braucht er die unbedingte Gefolgschaft des Heeres. Wie sehr diese jedoch von den Mitteln abhaengig ist, die er dem durch die Schaetze Arevals verwoehnten Heere gewaehren kann, ist ihm nur zu bekannt. Allerdings ist im Weltenreiche kein Name so beim Heer geachtet als der seine, doch diese Achtung allein nuetzt ihm nichts ohne eigene Schaetze. ueber die Hueter und Waechter der Schatzkammern in der Hauptstadt des Koenigs, sowie ueber die zahlreiche Besatzung derselben hat Arvodo keine

Amtsgewalt; nur Areval allein gebietet hier und Karmuno.

Arvodos Vermoegen reicht bei weitem nicht aus, nur eine Tagung lang den Sold zu zahlen, den die Leibwache des Koenigs verbraucht, denn dieser ist dreifach hoeher als der aller anderen Soldaten im Reiche. Er schaudert vor dem Gedanken, Artayas Gatte zu sein, deren Schoenheit ihn nicht blendet. Er waere ihr nach den Gesetzen untertan, da er nicht koeniglichen Blutes ist. Sie wuerde stets seine Herrin bleiben und bald in den Armen eines Guenstlings seiner vergessen. Eine Verbindung mit ihr waere ihm sichere Vernichtung seiner heiligen Pflichten gegen das Geheimnis Mabans, das ihm anvertraut wurde von dem sterbenden Vater.

Vor Arvodos Auge taucht das Antlitz des Vaters auf. Er durchlebt nochmals, wie dessen erloeschender Blick auf ihm in der sicheren Hoffnung ruht, dass der Sohn ausfuehre, was ihm nicht gelungen. In sein Gedaechtnis haben sich tief die Worte eingegraben, mit denen er dem Sterbenden das gewichtige Geloebnis aussprach. Er ist fest gewillt, es zu halten. Arvodo springt auf, er ist entschlossen, den einmal betretenen Weg weiter zu wandeln. Die Mittel, zum Ziele zu gelangen, muessen sich ergeben.

Es ist inzwischen dunkler geworden. Arvodo geht zum Fenster und schlaegt die Vorhaenge zurueck, so dass der warme Abendhauch durch das Zimmer streicht. Nach wenigen Augenblicken tritt ein Diener ins Zimmer und stellt eine metallene Saeule auf den Tisch. Sie traegt eine glaenzende Kugel, die helles und doch mildes Licht ausstrahlt, das das Zimmer in den dunklen Teilen scharf beleuchtet. Es ist eine Manga-Lampe, welche, ohne Flamme brennend, nur durch chemische Eigenschaften ein Licht ausstrahlen kann, staerker als alle unsere irdischen kuenstlichen Lichtquellen.

Der Diener meldet Arvodo, dass ein Mann den Feldherrn zu sprechen verlange, weil dieser ihn auf die Abendstunde herberufen haette. Arvodo faellt die Begegnung mit dem Getreuen ein und kurz gibt er Befehl, den Wartenden zu ihm zu fuehren. Bald tritt Upal ein und bleibt ehrfuerchtig an der Tuer stehen. Den ihn begleitenden Diener schickt Arvodo fort mit dem Bedeuten, er solle sorgen, dass keine Stoerung eintrete. Fest sieht Arvodo auf den jetzt gutgekleideten Upal und sagt zu ihm:

„Du gabst mir das Zeichen der Getreuen, noch nie habe ich Dich gesehen, lehre mich Dich erkennen!"

Statt aller Antwort greift Upal in eine geheime Tasche seines Gewandes und ueberreicht dem Feldherrn einen verschlossenen Brief. Arvodo nimmt das Schreiben entgegen, oeffnet und liest lange mit steigendem Erstaunen. Dann wendet er sich an Upal mit freundlichem Tone:

„Durch dieses Schreiben habe ich Dich wahrhaft als zum Bunde der Getreuen gehoerend erkannt! Einen besseren Fuersprecher als den Schreiber dieses Briefes konntest Du nicht haben. ich glaube Dir. ich weiss nunmehr, dass ich Dir vertrauen kann, doch erzaehle mir von dem, was nach dem Briefe Du nur mir allein mitteilen willst."

Upal holt tief Atem und beginnt seine Lebensgeschichte zu erzaehlen. Er schildert, wie seine verschwundene Schwester von Areval entfuehrt und von Muhareb wieder befreit wurde. Er gesteht seinen gluehenden Hass gegen den Koenig, der nach dem Verschwinden Muharebs gegen seine Familie den ganzen Zorn entflammen liess und nicht eher ruhte, bis sie in die hoechste Armut gestossen worden; wie der Vater nur dadurch der Verfolgung Arevals entging, dass er sich dem Tempeldienste in der niedrigsten Stufe der Diener widmete. Als Kranker ward er jedoch auch dort entlassen und brotlos. Alt und schwach geworden, lebte er nur durch kaergliche Unterstuetzung Upals und einiger mitleidiger Freunde, die ihm aus besserer Zeit geblieben. Upal schildert nun lebhaft, wie er Sklave des Koenigs in den Hoehlen des Wirdu geworden, weil er die Abgaben nicht mehr erschwingen konnte, und wie er dort den Orostein gefunden, der ihn reich gemacht.
„Hat Areval Dich nicht erkannt als Bruder Fedijahs, als Du ihm Bericht gegeben ueber Deinen Fund?" fragt Arvodo.

„Herr, ich habe den Koenig nicht gesehen, Karmuno hoerte meinen Bericht, der Koenig war krank! Auch sind der Jahre viele hingegangen, seit er mich zuletzt gesehen; mein Name ist geaendert, Areval weiss nicht, wer Upal ist. Es ist die Aufgabe meines Lebens, mich vor ihm zu verbergen, um ihn zu vernichten. Darum ward ich lange schon ein Glied im Bunde der Getreuen. Ihn zu verderben gilt mir alles, und Du, Herr, wirst auch meine Schwester, mein Haus an dem Verruchten raechen."

Upal ist vor Arvodo niedergesunken und beugt als Zeichen seiner unloesbaren Ergebung vor ihm tief den Nacken. Arvodo tritt zu ihm und legt seine Hand auf dessen Haupt. Du beugst Dich mir! Wohlan. ich nehme das Opfer an, Upal. So sei nunmehr der meine, mir verbunden bis in den Tod!"

Upal ergreift die Haende des Feldherrn und fluestert mit erstickter Stimme: "Dank, Herr, dass Du mich angenommen! Doch der Sklave kann sich schon jetzt dankbar erweisen, und beim Schodufaleb, Herr, ich will es!"

Upal erzaehlt nun dem in immer groesseres Staunen geratenden Feldherrn, was er in den Hoehlen des Wirdu entdeckt. Dass die ungeheuren Schaetze zu heben gar nicht so schwer sei. Dass er ihm den Weg zeigen koenne und dass es Arvodo leicht sein muesse, mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln heimlich ein ungeheures Vermoegen, groesser als das des Koenigs, zu sammeln. Er erzaehlt ihm, wie er mittels des Flugapparates bei guenstigem Winde unermuedlich geforscht habe, bis er den gewaltigen Felsenspalt gefunden, der tief bis in das Innere der Hoehlen reicht. Wie er es dann gewagt habe, sich mit dem Apparat hinabzulassen und gewaltige Entdeckungen gemacht habe.

Fast entsetzt blickt Arvodo auf Upal: „Du hast es gewagt, Dich in die Luefte zu erheben? Wahrlich, wenige sind es in Mallona, die so kuehn sind, die Flugschiffe zu besteigen. Wir fuerchten das unsichere Element der Luft und auch des Wassers."

Laechelnd meint Upal: „Es ist nicht so gefahrvoll, als das Volk und die Grossen meinen: mir begegneten keine hemmenden Daemonen, das Flugschiff zu zertruemmern. Gross war der Geist des Meisters Mirto, der das Mittel fand, den Aether zu zwingen, doch zu klein ist der des Volkes, um zu wuerdigen, was er uns gab. Doch wohl uns, Herr, dass dem so ist, wie wuerdest Du sonst die Schaetze heben."

Kalt und ruhig steht Arvodo da, dann sagt er ploetzlich: "lch will die Schaetze sehen. Bist Du bereit, sie mir zu zeigen, mich in dem Flugwagen hinabzufuehren?«

Erfreut ruft Upal: „Herr ich wusste, dass Du Dich mir anvertrauen wuerdest, nur Du allein noch wagst entschlossen das, was ausser mir keiner jemals ausgefuehrt. Befiehl, ich bin bereit."

„Wo ist Dein Flugwagen?"
„Er liegt wohlgeborgen in unzugaenglicher Gegend an einem nur mir bekannten Orte. Leicht gelangt man im Wagen bis nahe dorthin.«

„Wie lange brauchst Du Zeit, uns zurueckzufuehren?"

„Herr, es waere gut, wolltest Du zwei Tagungen dafuer opfern, denn nur nachts koennen wir ungesehen den Weg zuruecklegen."
„Bereite alles zur Fahrt morgen Abend. Erwarte mich am grossen See, dort, wo die Strasse seinen Ufern am naechsten laeuft. ich werde kommen, sobald die Sonne sinkt. jetzt geh, die Fahrt ist weit, die wir zurueckzulegen haben. Was ich noch zu fragen habe, verspare ich auf morgen."
Upal gruesst schweigend mit innigem Blick und geht.

Arvodo bleibt tief in Gedanken zurueck, kuehn blitzen seine Augen, seine Lippen lispeln: "Am Ziele waere ich fast, wenn es voellig wahr ist, was dieser Mann mir sagte."

Es ist sternenhelle Nacht. Im Westen schimmert noch der leuchtende Glanz der untergegangenen Sonne, balsamisch haucht ein warmer Abendwind ueber die Fluren. Am Himmel erglaenzen als ein wunderbarer Anblick im Zenit und am Horizonte zwei Monde. Sie zeigen verschiedene Phasen. Im Laufe der Nacht wird auch der dritte Mond noch aufgehen als hell beleuchtete Scheibe. Doch diese Monde sind kleiner als der eine unserer Erde. Sie geben zusammen noch nicht die Helligkeit, die unser Mond der Erde spendet. Im Osten in der Ferne liegt die Stadt, umgeben nach der Suedseite von Waeldern und Wiesen, die Nordseite beherrscht von der stolzen Koenigsburg.

Am Horizont erheben sich hohe Berge, verschwimmend im tiefen Blau der Nacht. Ein breiter See dehnt sich zwischen einer Huegelkette und der Stadt, seine klare Flut ist unbewegt wie ein Spiegel. Ein breiter Weg fuehrt an seinem Ufer entlang von der Stadt her. Es ist die Landstrasse, welche die Hauptstadt Arevals mit der naechsten bedeutenderen Stadt seines Reiches verbindet. Sie laeuft neben der frueher geschilderten Staatsstrasse, auf der die Schaetze aus der Kratergegend herbeigeschafft werden.
Erhabene Ruhe ist ueber die ganze Landschaft gebreitet, auf die hellschimmernd die leuchtenden Sterne des Firmamentes niederblicken. Dicht am See befindet sich ein hohes Gebuesch von bluehenden Straeuchern, die ihre Zweige bis zur Erde senken. Im Schatten derselben ruht Upal versteckt, nur den Kopf zeitweilig erhebend und aufmerksam die Strasse entlang blickend, ob Arvodo naht. Bereits ist die Stunde vorueber, die der Feldherr ihm angegeben, und aengstliche Zweifel, ob Hindernisse sein Kommen unmoeglich machen, durchziehen seine Seele.

Da erscheint auf der Landstrasse unten ein schwarzer Punkt und kommt rasch naeher. Es ist einer der schnellfahrenden Wagen, deren sich Mallonas Bewohner bedienen. Nun weiss Upal, dass sein Warten nicht vergebens gewesen. Er springt auf und stellt sich so, dass der Besitzer des Wagens, der sich rasend schnell naehert, ihn bemerken muss. Der Wagen faehrt langsamer. Upal erkennt den in einen dunklen Mantel gehuellten Arvodo und einen Diener, den Leiter des Gefaehrtes. Der Wagen haelt, Arvodo gruesst den Wartenden und befiehlt ihm, sich zu ihm zu setzen. Upal steigt ein und schnell fliegt, wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, das Gefaehrt wieder die Strasse entlang.

Arvodo verhaelt sich schweigend. Er bedeutet Upal, dass er in Gegenwart des Dieners nicht sprechen wolle, der ihm zwar treu ergeben, dennoch ueber Ziel und Zweck der Fahrt nicht unterrichtet zu sein brauche. Upal hat Arvodo leise bekannt gegeben, wie weit sie fahren muessen. Der Diener erhaelt von dem Feldherrn die noetigen Befehle und nun stuermt das Gefaehrt seinem Ziele zu.

Stunden sind nach unserer Zeitrechnung vergangen. Da haelt der Wagen zwischen hohen Bergen. Der Weg fuehrt hier durch ein liebliches Tal, an dessen Ende sich eine Ebene zeigt und eine Anzahl Haeuser. Es ist eine Ortschaft namens Resma, die erste bedeutendere Station an der Landstrasse. Upal und Arvodo steigen aus, letzterer gibt seinem Diener den Befehl, ihn in Resma nach einiger Zeit zu erwarten und sich genau so zu verhalten, wie sein Herr ihm vor der Abfahrt schon gesagt.

Das Gefaehrt entschwindet auf der Strasse. Upal schreitet voran, links von der Strasse in den nahen Wald abbiegend, Arvodo folgt. Upal nimmt seinen Weg auf kaum sichtbaren Fusspfaden, die sich unter den Baeumen hinziehen. Er sieht umher, ob Menschen in der Naehe sind. Sodann nimmt er aus seinem Gewande einen starken Stab, hebt dessen Huelle empor und helles Licht strahlt von dieser Mangafackel, die Wege und Umgegend des Waldes hell erleuchtend. Bald befinden sich beide zwischen Felstruemmern, Upal sagt:

„Herr, die Maschine liegt oben auf der Hoehe verborgen. Niemand kann sie finden, doch der Weg ist sehr beschwerlich. Von hier aus geht ein Weg zur Ebene diesen Felsenweg entlang. Geht ihr diesen, so kann ich Euch spaeter von der Ebene abholen mit dem Flugschiff. Im anderen Falle muesst Ihr mit mir diese Felsen besteigen."

Arvodo sagt kurz: „Gehe voran, ich fuerchte keine Beschwerden und folge Dir."

Upal nickt und wendet sich dem Fusse eines dicht bewachsenen Berges zu, dessen zerrissene Felsenwaende drohend in die Nacht starren.

Mit den Haenden sich oftmals haltend, ueber Baumwurzeln, durch Gestruepp und zwischen getuermten Felsen geht der ungebahnte Weg zur Hoehe des Berges. Upal hilft dem Gefaehrten, beleuchtet die Stellen, wohin er sicher den Fuss setzen kann, und schliesslich ist der Gipfel erreicht. Es ist ein kahler Felsen, der die Gegend beherrscht und eine herrliche Aussicht bietet links in das Tal, rechts auf ein massiges Gebirge, hinter dem sich das vulkanische Gebiet anschliessen muss, das Reiseziel der kuehnen Maenner.
Der Scheitel des Felsens ist breit und zerrissen. Die Felsen bilden ein Gewirr, als haette eine wilde Kraft sie durcheinander geworfen. Tretet zur Seite", sagt Upal, ,hier steht Ihr sicher, ich muss die Hoehle oeffnen!" Er weist auf einen freien Platz vor einem gewaltigen Haufen uebereinander getuermter Felsbloecke und gibt dem Feldherrn fuer sein beabsichtigtes Tun den sichersten Standpunkt.
„Ist hier das Flugschiff?" fragt Arvodo.
„Hier hinter jenem Felsblock in der Hoehle, die ich entdeckte!"
„Wie willst Du ihn entfernen?"
„Mit Nimah!"
„Du besitzest das?" fragt Arvodo erstaunt.
„Ja, Herr, doch nicht in seiner ganzen Staerke."
„So oeffne die Hoehle."
Upal geht auf die Felsen zu, waelzt muehevoll einige groessere Bloecke fort, so dass eine Luecke entsteht; durch diese schluepft er, die Mangafackel mit sich nehmend. Laengere Zeit gibt es keinen Laut. Ploetzlich bewegt sich ein maechtiger Felsblock und rollt einige Schritte von der uebrigen Wand ab. Eine grosse Oeffnung ist entstanden, die, von dem Block verdeckt, den Eingang zu einer weiten Hoehlung bildet. Darin steht Upal vor einer fremdartigen Maschine, Arvodo heranwinkend. Dieser naht, nimmt die Mangafackel in die Hand und betrachtet mit Staunen das ruhende Luftschiff. Die Teile desselben sind auseinander genommen. Upal traegt diese auf den freien Platz vor der Hoehle und fuegt sie rasch und sicher aneinander.

Die Maschine stellt sich jetzt dar als ein festes Gestell, das unten eine Art Gondel umschliesst, die den Erdboden nicht beruehrt. Oberhalb deckt ein grosses drehbares Fluegelrad die Reisenden. An der Seite befinden sich zwei Fluegelraeder, deren Drehungen gerade abgemessen sind mit denen des Steigrades; sie verhindern, dass sich die Gondel wirbelnd wie dieses dreht. Diese Seitenraeder bewirken die Fortbewegung in Verbindung mit einem dritten Rad im Ruecken der Gondel. Am Boden der Gondel sind starke elastische Federn angebracht, um den Stoss beim Niedersetzen aufzufangen. Die ganze Maschine ist aus einem festen, leichten Metall angefertigt, doch sieht man nicht das eigentliche treibende Werk, das die Flugraeder drehen muss. Dieses ist in dem doppelten Boden und den Seitenwaenden verdeckt angebracht.

Upal hat ein Gefaess aus der Hoehle entnommen und schuettet ein weissliches Pulver in eine Oeffnung an der Seite der Gondel.

„Sieh Dich vor mit genuegender Treibkraft!" erinnert Arvodo.
„Seid unbesorgt, Herr", ist die Antwort, das Mitgenommene genuegt fuer eine doppelt so weite Reise hin und zurueck!"

Verschiedene Gegenstaende, deren Gebrauch uns unbekannt, legt Upal in die Gondel, dann steigt er ein und fordert Arvodo auf, das gleiche zu tun. Beide setzen sich nieder. Einige Griffe Upals und das obere Fluegelrad faengt an, sich um die Achse zu drehen, erst langsam, dann rasend schnell. Es ertoent ein leiser, tiefsummender Ton, der allmaehlich an Hoehe zunimmt, erzeugt durch die ungeheuer schnelle Drehung. Upal hat die Hand an einem Griff, der die Schnelligkeit der Umdrehungen reguliert.

In dem Augenblick, als das Luftschiff sich hebt, setzen auch die seitlichen Raeder mit Drehungen ein. Es gibt einen kurzen Ruck und jetzt erhebt sich das Flugschiff leicht und sicher mit seinen Insassen und steigt in die klare Nachtluft. Der summende Ton ist gleichmaessig, die Geschwindigkeit daher geregelt. Upal setzt das Fluegelrad an der Rueckseite in Bewegung und nun nimmt das Luftschiff schnell seinen Flug vorwaerts.
Vorn an der Gondel befindet sich ein beweglicher Metallvorsprung, aussehend wie ein Schiffssteuer; es ist das Steuer der Maschine. Das Luftschiff wird durch das obere Fluegelrad gehoben, durch die seitlichen Raeder unbeweglich gehalten und durch diese nebst dem dritten Rad nach der gewuenschten Richtung getrieben. Alles arbeitet mit unheimlicher Geschwindigkeit, wie an dem starken Luftzug zu merken ist. Auch das Steuer, auf das der Widerstand der Luft wirkt, lenkt sicher.

Durch drei Umstaende ist auf Mallona diese Erfindung moeglich geworden. Die Atmosphaere ist erstens dichter und ruhiger, nicht so von Stuermen gepeitscht wie auf der Erde, infolgedessen auch tragfaehiger. Zweitens ist die treibende Kraft der chemische Stoff Nimah, das beruechtigte Explosionsmittel Mabans. Aehnlich unserem Dynamit kann es unvermengt kolossale Kraft nach einer Richtung ausueben, ist jedoch mit anderen Stoffen gemischt nicht explosiv, sondern regelbar, so dass er in seiner Wirkung dem denkbar staerksten Dampfdruck aehnlich erscheint. Dieser Stoff wird in unschaedlicher Form in Staatsfabriken hergestellt und verkauft. Er dient unter dem Namen Maha zur Fortbewegung aller Wagen und auch zum Antrieb der in den Waenden der Gondel verdeckten Maschinerie. Drittens verfuegt man in Mallona ueber eine hoechst feste, widerstandsfaehige und leichte Metallmischung, die alle Eigenschaften des Stahls und Aluminiums in idealstem Masse in sich traegt, daher auch die notwendige gewaltige Kraftentwicklung der Flugraeder zu leisten imstande ist.

Es ist ein herrlicher Anblick fuer Arvodo, der durch eine haubenartige Erhoehung der Gondelraender vor dem starken Luftzug geschuetzt zum erstenmal ueber die Berge, Waelder und Kluefte der erhabenen Gebirgswelt schwebt. Er ist keines Wortes maechtig; Upal ist ganz mit der Lenkung des Flugschiffes beschaeftigt, so dass die von Arvodo waehrend der Fahrt beabsichtigte Aussprache unterbleibt.

Die kuehnen Maenner schweben in solcher Hoehe, dass das Auge der unten lebenden Bewohner sie am naechtlichen Himmel nicht entdecken kann. Bald sehen sie auch bewohnte Staetten nicht mehr unter sich. Am Horizont roetet sich leicht der Himmel, die Kratergegend naht, das Ziel der Reise. Upal steigt hoeher. Gilt es doch, aus jeglichem Bereich der giftigen Duenste zu kommen, die von dort aufsteigen und jedes atmende Wesen toeten muessten. Mit gespannter Aufmerksamkeit laesst Upal das Luftschiff gemaessigten Fluges dahingleiten. Unten zeigen sich die unergruendlichen Tiefen erloschener Vulkane, starre Schlackenberge, erstarrte Lavamassen. jene Gegend, in der die Sklaven des Koenigs arbeiten, ist im weiten Bogen umflogen worden aus Vorsicht vor allzu aufmerksamen Augen. jetzt muss dieser Bogen bis zu einem Halbkreis ausgedehnt werden, um den Krater zu finden, der in die Hoehlen des Wirdu fuehrt.

Kurze Zeit und Upal hemmt die Bewegung der rueckwaertigen Schraube gaenzlich. Er zieht das vordere Steuer ein, so dass es sich an die Seite der Gondel legt. jetzt reguliert er auch die seitlichen Raeder und unbeweglich schwebt das Flugschiff ueber einem fuerchterlichen Kessel, dessen Tiefe schwarz entgegengaehnt. Leise fluestert Upal. Wir sind zur Stelle, dort ist der Eingang."

Arvodo blickt schaudernd hinab. Sein tapferes Herz schlaegt schneller, als er den Schlund unter sich sieht. Fest presst er die Lippen aufeinander und sagt kurz: „Hinab, Allvater schuetze uns!" Der summende Ton des Flugrades wird tiefer, als Upal den regulierenden Griff vorsichtig dreht, und langsam faellt das Flugschiff senkrecht der Krateroeffnung zu. Der schauerliche Schlund scheint sich wie ein hungriges Untier mit offenem Rachen auf seine Opfer zu stuerzen, die zerrissenen Felsen treten immer deutlicher hervor. Da flammt es taghell an den Seiten der Gondel auf. Upal hat die Huellen der dort befestigten Mangafackeln entfernt und gleich einem Meteor versinkt das Flugschiff in die unergruendlichen Tiefen des Kraters.

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