Schnurgerade verliert sich die Strasse in unabsehbarer Ferne am Horizonte. Rechts und links ist sie von einer starken, bis zur halben Manneshoehe aufgefuehrten Mauer eingefasst. Nachdem der Wagen die Abfahrtsstation verlassen hat, verengt sich die Strasse alsbald derartig, dass nur zwei Wagen nebeneinander fahren koennen; eine schmale Erhoehung trennt den Weg in zwei Haelften: rechts fuer die abfahrenden, links fuer die zurueckkehrenden Wagen. In Entfernungen, die etwa unserem irdischen Kilometer entsprechen moegen, sehe ich rechts und links abwechselnd Waechterhaeuser. Diese sind mit Soldaten bewohnt, die jeden Wagen, namentlich die von der Station kommenden scharf beobachten. Die Waechter sind mit langen Spiessen bewehrt, die solche Insassen eines Wagens, die nicht mit einem Schilde gekennzeichnet sind, wie es Upal und der Beamte traegt, trotz der schnellen Fahrt niederstossen wuerden. Ausserdem sind Fallgatter an jedem Waechterhause angebracht, durch welche die Fahrstrasse schnell abzuschliessen moeglich ist.
Mittels eigentuemlich geformter, an hohe Masten hinaufgezogenen Signalfiguren sind die einzelnen Wachtposten imstande, sich gegenseitig zu verstaendigen. Sollte ein Fluechtling auch gluecklich bei einem Hause vorbeikommen, diese Signale setzen bei dem naechsten Waechterhause seiner Fahrt ein Ziel. Die errungenen Schaetze werden auf solche Weise sicher zu der fernen Hauptstadt des Koenigs geleitet. Keine Moeglichkeit, sie unbemerkt fortzuschaffen, aber auch keine Moeglichkeit fuer die zahlreichen Arbeiter, unbemerkt zu entschluepfen! Denn auf den einengenden Mauern patroullieren Soldaten! Man sieht es ihnen an, diese kennen kein Erbarmen.
Schweigend geht die Fahrt der Hauptstadt zu. Der Beamte hat seine ganze Aufmerksamkeit auf die Fuehrung des Wagens gerichtet. Upal haengt seinen Gedanken nach und ist augenscheinlich jedem Gespraech abgeneigt. Der Weg faengt an, Windungen zu machen, bald sind Steigungen zu nehmen, bald Gefaelle mit sausender Geschwindigkeit zu ueberwinden. Die Mauer rechts und links wird immer hoeher und laesst keinen Ausblick auf das abgeschlossene Land vom Wagen aus mehr zu. Die Strasse geht jetzt durch bewohntere Gegend. Zwar sieht man in naechster Naehe keine Wohnstaetten, doch in einer gewissen gleichmaessigen Entfernung beginnen oftmals die Spuren menschlicher Taetigkeit aufzutauchen: bebaute Felder und Wohnhaeuser in der Art, wie sie bei uns im Morgenlande gebraeuchlich sind. In naechster Naehe dieser Staatsstrasse darf niemand anbauen, nicht einmal in die Naehe darf sich ein Bewohner wagen, sein Leben waere verwirkt.
Am Horizonte taucht eine Stadt auf, das Ziel der weiten Fahrt. Nach unserer Zeit mag diese etwa zwei Stunden gedauert haben, jedoch wurde dabei eine Strecke zurueckgelegt mindestens noch einmal so weit, als es in derselben Zeit ein Erdenexpresszug vermag. Die Gegend ist herrlich, die Stadt ist imposant. Sie liegt an einem breiten Fluss und breitet sich teilweise terrassenartig auf einem sanft aufsteigenden Gebirgsauslaeufer aus, umgeben von einer gewaltigen Mauer.
Eine wunderbare Burg erhebt sich auf einem Huegel inmitten der Stadt, die Koenigsburg des maechtigen Herrschers. Alles sieht so irdisch verwandt und doch fremdartig morgenlaendisch aus. So moegen die Heimstaetten der alten Babylonier ausgesehen haben. Vielleicht sehe ich vor mir eine Art Kopie des alten Babylon, in der ein Nebukadnezar thronte, nicht minder gewaltig, gefuerchtet und – verworfen, wie er es war.
Der Wagen faehrt jetzt in eine ueberwoelbte Halle an der Stadtmauer ein und haelt. Cyklopisches Mauerwerk tuermt sich rings umher. Soviel der erste Blick es zu ueberschauen vermag, befindet man sich in einer wohlverwahrten Festung, die jeder Gewalt zu trotzen vermag. Es ist das Schatzhaus des Reiches, wohin alle Schaetze fliessen, die draussen gewonnen werden. Zahlreiche Menschen sind hier beschaeftigt, ein lebhaftes Getriebe zeigt sich ueberall. mich interessiert die Kleidung, die aehnlich der uns bekannten altgriechischen Tracht in einer kurzen Tunika bei den Arbeitern besteht. Die hoeheren Beamten tragen ausser dieser noch Maentel, die Fuesse werden durch hohe geschnuerte Stiefel geschuetzt.
Upal und der Beamte sind jetzt in das Innere getreten. Er dankt seinem Begleiter und wendet sich einer Tuere zu, auf die derselbe hingewiesen hat. Er oeffnet und gelangt in einen weiten Raum, in dem viele Maenner sitzen, augenscheinlich mit Schreiben beschaeftigt. Der Obere dieser Schreibstube nimmt die Papiere ab, welche Upal ueberreicht und heisst ihn warten. Es dauert lange, bis er wiederkommt; nun fuehrt er ihn in ein anderes Zimmer. Upal ist allein; keine Veraenderung in seinen Zuegen zeigt irgend eine Erregung. Er ist still in sich gekehrt, nur das Auge blitzt manchmal verstohlen auf, doch zaehmt die eiserne Willenskraft des Mannes jede verraeterische Regung. Ein Diener tritt ein und fordert ihn auf zu folgen.
Er fuehrt ihn in ein Gemach, in dem mehrere hohe Beamte dieses Schatzhauses sitzen, die ihn interessiert betrachten. Sie reden ihm ermunternd zu. Der Vorsitzende dieses Rates kuendigt ihm nochmals volle Freiheit an und haendigt ihm eine Anzahl Papiere aus; zuletzt mit besonderem Nachdruck ein Dokument, das Upal berechtigt, bei den Koenigskassen die grosse Summe zu erheben, die ihm als Finder des Orosteines gebuehrt. Upal ist jetzt reich, sehr reich. – Es wird ihm eingepraegt, gewaertig zu sein, jeden Tages zum Koenig gerufen zu werden. Er stimmt dem zu, beteuert seine Bereitwilligkeit und wird entlassen.
Ein Diener fuehrt ihn hinaus, einen langen Gang entlang; jetzt steht er wiederum an einer Tuer, die in mir unbekannter Schrift eine Inschrift traegt. Er oeffnet. Es ist eine Kasse, ein gewoelbter Raum, abgetrennt durch eine Mauer mit kleinen Fenstern, hinter jedem sitzt ein Mann. Upal reicht bei einem Fenster seinen Schein hinein und erhaelt eine Anzahl Beutel, die er in sein Gewand verbirgt. Einen Beutel oeffnet er, er ist gefuellt mit schmalen, viereckigen weissen Platten, jede traegt ein Zeichen, – es ist das gemuenzte Gold von Mallona, das zu erringen er sein Leben mehr als einmal eingesetzt.
ich muss lachen. Diese Steinchen sind also Geld, Geld wie bei uns, was ist ihr Wert, worin liegt er? – ja, worin liegt denn der Wert unseres Goldes, ist es nicht auch ein Phantom, eine Einbildung, die uns vorgaukelt, unsere Muenze habe Wert? – Wuerde man hier dieses Geld bewerten, wuerden wir fuer die viereckigen Steinchen nur eine Brotkrume erhalten. – Was wir bewerten sollten, die redliche, nuetzliche Arbeit, ist laengst von dem selbstgemachten Goetzen des Geldphantoms verschlungen worden. Der Schein, die Einbildung siegte und schuf die Schaetze, welche der Rost und die Motten fressen!
Upal hat sich aus der Kasse entfernt und ferner zwingt mich eine magische Gewalt, ihm zu folgen. Er tritt jetzt aus dem maechtigen Gebaeude hinaus und sieht sich innerhalb der Stadtmauer vor einem freien Platz, den er schnell ueberschreitet. Tief atmet der Mann auf, unwillkuerlich fasst er nach dem Schatz in seinem Gewande, wirft noch einen Abschiedsblick auf das Gebaeude, das er verlassen und eilt schnellen Schrittes durch die Gassen der Vorstadt, in der er sich bald befindet.
Eigenartig gebaute Haeuser sehe ich ueberall. ich kann sie nur mit denen des Morgenlandes vergleichen. Flache Daecher wie dort, jedoch sind sie durchgaengig mit herrlich bluehenden Pflanzen bedeckt, wie schwebende Gaerten der Semiramis. Die Fenster sind hoch und weit, man sieht durch diese in luftige Raeume, Vorhaenge verhuellen viele Fensteroeffnungen. Glas scheint hier unbekannt zu sein, wohl aber sehe ich ueberall Rollvorhaenge, von einem durchsichtigen, festen, mir unbekannten Stoff, der die Dienste der Glasfenster zu versehen scheint. Die Haeuser sind ni
cht zu vielstoeckigen Kasernen erbaut, sondern nur zwei Stockwerke hoch, lang gedehnt und meist mit Seitenfluegeln versehen, die einen Garten einschliessen. Milde Luft weht ueberall. Die Menschen, die ich sehe, sind alle sehr muskuloes, stark gebaut und gross. Es muss das der Eigenheit dieses Planeten entspringen, dessen physikalische Eigenschaften doch andere sein muessen als die unserer Erde, schon infolge seiner groesseren Entfernung von der Sonne und verschiedenen Umdrehungszeit. mir faellt jetzt auf, dass die Atmosphaere hier eine dichtere zu sein scheint, der Luftdruck ist groesser. ich werde das spaeter zu erforschen suchen, denn mich interessiert es, tiefer einzudringen in die Geheimnisse des Weltalls, die sich mir eroeffnen.
Areval kam in einem prunkvollen verdeckten Wagen angefahren. Wuetend ueber die ploetzliche Stoerung seiner Reise, wollte er herrisch gegen die den Wagen umgebenden Maenner auffahren. Da sah er sich seinem Bruder Muhareb gegenueber, der mit dem Schwert in der Hand seinen Wagen allein betrat und durchsuchte. Eingeschlaefert von betaeubenden Mitteln fand er Fedijah in einem verborgenen Teile des Wagens in einem Zustande, der ihm bewies, dass Areval die heiligsten Empfindungen des Volkes, die es mit weiblicher Schoenheit verband, missachtete.
Rasend vor Wut und Schmerz erhob er das Schwert gegen seinen Bruder und haette ihn getoetet, wuerde nicht dieser in seiner Angst vor dem ihm an Koerperkraft weit ueberlegenen Bruder die List gebraucht haben, sich blitzschnell hinter Fedijahs Koerper zu werfen und diesen zur Deckung zu benutzen. Wenige Augenblicke genuegten, Muhareb seine Besinnung wiederzugeben und ihn von dem Brudermorde abzuhalten. Er herrschte Areval an, ihm zu gehorchen und den Wagen nicht zu verlassen. Als er Miene machte, zu widersprechen, sprang er auf ihn zu und fesselte ihn gewaltsam. Sodann gab er Befehl nach der Hauptstadt zurueckzufahren.
Die Getreuen Arevals und Muharebs hatten zwar bemerkt, dass im Inneren des festgefuegten Wagens zwischen den Bruedern ein Streit entstanden, doch keiner hatte gewagt, sich hineinzubegeben. Schweigend wurde der Befehl Muharebs entgegengenommen und in sausender Eile ging die Fahrt zurueck.
Kein Wort wechselten die Brueder waehrend der Fahrt, Fedijah blieb in tiefer Betaeubung. Am Ziele angekommen, uebergab Muhareb die noch immer Leblose einem treuen Diener, der sie in das Elternhaus brachte. Er selbst zwang Areval, ihm zu Maban zu folgen und vor dem Vater Rede zu stehen. Dieser entsetzte sich zwar ueber die Tat seines Sohnes, die nach den herrschenden Begriffen mehr als eine Schandtat war, suchte jedoch die Brueder zu versoehnen um des fuerchterlichen Aufsehens wegen, die sie im Volke machen musste. Muhareb bestand auf voller oeffentlicher Anklage gegen seinen Bruder, denn seiner Ueberzeugung nach war nur durch eine strenge Bestrafung die Sitte des Volkes zu retten, die durch Areval in seinen Kreisen untergraben wurde. Weitschauend erkannte er, dass nur durch Ausrottung des Uebels der beginnende Verfall alten Glaubens, die Missachtung heiliger Empfindungen verhindert werden koenne.
Der alt gewordene Maban war anderer Meinung: ihm war darum zu tun, das aeussere Ansehen zu retten, er glaubte den inneren Schaden auch ohne Laerm zu beseitigen. Muhareb stellte seinem Vater alle Gefahren vor die Seele und bewies ihm, wohin bereits in dem Reiche seine Nachsicht die Seelen gefuehrt. Maban blieb bei seinem Entschlusse und befahl sogar seinem Sohne zu schweigen und Areval zu verzeihen.
Kaum war dieser Befehl von Mabans Lippen gekommen, richtete sich Muhareb hoch auf, warf einen Blick auf seinen Vater und den triumphierenden Areval, verneigte sich stumm und ging. Von dieser Stunde an war Muhareb und bald darauf auch Fedijah verschwunden. Niemand hat beide mehr gesehen. Jahrungen vergingen. Maban alterte zusehends, der Gram um seinen Erstgeborenen frass an seinem Herzen. Er starb und Areval wurde Koenig von Mallona.
KOeNIG AREVAL
Die Bilder der Vergangenheit sind an meiner Seele voruebergezogen und wieder sehe ich die Hauptstadt vor mir, die Heimat Upals, der einstige Herrschersitz Mabans, die Residenz des jetzigen Koenigs Areval. Auf Bergeshoehe steht ein schimmernder Palast, seine Waende glaenzen wie blaeulich gefaerbtes Milchglas. Herrliche Arabesken von sorgfaeltigster Arbeit zieren Fensteroeffnungen und Gesimse. Das Dach schimmert goldig, erhebt sich ziemlich schraeg und traegt rings um die flache Schlussecke ein goldenes Gitter. Das ganze Gebaeude ist von betraechtlichem Umfang, enthaelt weite Hallen und beherrscht von seinem Standpunkte aus die ganze am Fusse des Berges terrassenartig aufgebaute Stadt.
Eine breite Treppe fuehrt als einziger Zugang von den ersten Stadtgebaeuden zu den Vorhoefen des Schlosses. Eine starke dreifache Mauer, gekroent mit Zinnen und dreieckigen Tuermen, umguertet den Koenigssitz. ueberall sehe ich Soldaten, die Leibwache des Koenigs, welche namentlich die grosse Treppe bewachen und es unmoeglich machen, dass ein Fremder den Palast betrete. mich hindert die Wache nicht, keine fest verschlossenen Pforten gebieten mir Halt. ich durcheile prunkvolle, mit den versammelten Grossen des Reiches gefuellte Saele, weite Hallen und Gaenge und gelange zu einer Reihe hochgewoelbter, kostbar ausgestatteter Raeume. Nur fluechtig gleitet mein Blick ueber allerhand Geraet, kostbar glitzernde Schaustuecke, Waffen und Verzierungen, denn die mich ziehende Kraft gestattet mir keine genaue Umschau.
Nun befinde ich mich in einem weiten Zimmer, unter dessen offenem Fenster auf einem Ruhebette zwischen weichen Kissen der unruhig sich hin- und herwaelzende Koerper eines kostbar gekleideten Mannes liegt. Ein Diadem mit grossem, funkelndem Stein ziert seine Stirne; der Ausdruck des Gesichtes ist verstoert, augenscheinlich leidet der Mann. Es ist Areval, der maechtige Koenig von Mallona. Vor ihm steht ein grosser, in langem Talar gekleideter Mann, der unbeweglich, die Augen fest auf den Koenig gerichtet, die Haende verborgen in den weiten Armeln, dem Zustande des Koenigs zuschaut.
Der Kranke aechzt und leidet Schmerzen, seine Augen stieren ploetzlich ins Leere und scheinen Ungewoehnliches zu sehen. Hastig macht er abwehrende Bewegungen, richtet sich auf und ruft:
„Schaff‘ mir die Fratze vor meinen Augen fort!"
Schnell tritt der grosse Mann heran, legt seine Hand auf des Koenigs Stirn, murmelt unverstaendliche Worte und reicht ihm aus einer Schale zu trinken. Gierig schluerft dieser den kuehlenden Trank und sinkt erschoepft in die Kissen zurueck. Der Koenig schliesst die Augen und entschlummert; ein Zug der Verachtung und des Hohnes zeigt sich auf dem Antlitz seines Troesters. Dann loest dieser den Vorhang vor dem offenen Fenster, beugt sich ueber den Kranken und fluestert ihm leise Worte zu.
Tiefe Atemzuege zeigen alsbald den festen Schlaf des Koenigs an und befriedigt zieht sich der Helfer zurueck. Er geht zur Tuer, oeffnet und gebietet zwei draussen harrenden Dienern, den Schlaf des Koenigs zu bewachen. Sodann durchschreitet er drei laengere Saele und gelangt in ein Zimmer, in dem Soldaten und Diener den Zugang zu den innersten Gemaechern des Koenigs bewachen. Ehrfurchts- und erwartungsvoll blicken diese auf ihn. Mit ruhigem Tone, der jedoch spitz und scharf ans Ohr klingt, sagt er: "Der Koenig ist ermuedet, kein Empfang heute!"
Zwei der Diener gehen in den anstossenden grossen Saal, in dem sich die Grossen des Reiches versammelt hatten, um die Absage zu verkuenden. Ein anderer schlaegt einen Vorhang von einer hohen Tuer zurueck; man sieht einen laengeren Gang, welcher in ein offenes Zimmer ausmuendet. Diesen durchschreitet der Grosse und begruesst in dem runden Gemach einen phlegmatisch dreinschauenden Mann, der den Kommenden ruhig und freundlich betrachtet. Es ist der Vizekoenig von Monna, der hier auf Karmuno wartet, den Oberpriester und ersten Vertrauten des Koenigs Areval.
Im vertraulichen Ton fragt der Vizekoenig: Wie steht es um unseren Bruder und Herrn?"
Ihm wird die leise Antwort: Besser als zu hoffen. Die Krankheit geht langsam vorwaerts. Der Kopf bleibt klar, wenn auch die Denkkraft sich manchmal verdunkelt. Herr, die Zeit ist noch nicht nahe, wo es handeln heisst!"
Ein Schatten fliegt ueber das Gesicht des Vizekoenigs. Dann sagt er ruhig laechelnd, indem er die Hand gruessend erhebt: Wir koennen warten! Karmuno kennt seinen Freund und wird ihm vertrauen. Monna ist geruestet fuer den Fall, dass unser Bruder und Herr zu dem Volk der Toten geht."
Vorsichtig naehert sich der Oberpriester dem Vizekoenige: "Areval wird weder heute noch in naechster Zeit den Rat des Landes halten koennen. Nutzt diese Frist. ich suche den Koenig zu bestimmen, euch als Stellvertreter einzusetzen, dies bringt uns dem Ziele naeher. Koennt Ihr dem Feldherrn Arvodo auch ganz vertrauen? In seiner Hand liegt die Gewalt der Heeres in Mallona, wenn Ihr hier Mitregent Arevals seid. Es droht Gefahr, wenn Ihr nicht des Mannes sicher seid."
Der Vizekoenig wehrt ab und sagt missmutig: Karmuno, ich weiss, Ihr seid kein Freund des Feldherrn, doch geht das Misstrauen weiter als es sollte. Arvodo steht fest zu mir, ich traue ihm ganz, denn er ist getreu, doch weiss er nicht, welche Plaene uns verbinden. Er soll es auch nicht eher erfahren, als bis die Stunde naht."
Ein leichtes abwehrendes Laecheln gleitet ueber des Priesters hageres Gesicht: "ich fuerchte, Arvodo wird sich nicht taeuschen lassen. Wehe uns, spielt er falsch und erwachen in seiner Brust ehrgeizige Plaene!"
Der Vizekoenig erhebt sich und sagt kurz: "Wir sind vorsichtig und wachsam, Karmuno, Ihr seid es auch, es wird uns also nicht an dem Erfolge fehlen."
Er gruesst mit der Hand und schreitet zu der Tuer in den grossen Empfangssaal hinaus.
Einen Augenblick bleibt der Priester in der bisher unterwuerfigen Stellung stehen. Dann erhebt er sich zur vollen Hoehe, blickt dem sich Entfernenden giftig nach und murmelt leise Worte, sodann folgt er ihm.
Im Empfangssaale ist es leer geworden. In einer Nische stehen zwei Maenner. Der eine in voller Kriegsruestung. Eine Art strahlender Schuppenpanzer bedeckt den Oberkoerper, ein wallender weisser Mantel mit gestickten Verzierungen haengt von seinen Schultern, ein breites Schwert an der Huefte. Er ist ein ideal schoener Mann nach unseren Begriffen, kraftvoll und klug aussehend. Ein leichter Vollbart umrahmt das edle Gesicht, das Auge ist klar. Die leicht zusammengekniffenen Lippen, die etwas gesenkten Augenlider zeigen an, dass er mit grosser Selbstbeherrschung bemueht ist, jede Erregung des Inneren zu verbergen. Der neben ihm stehende, fast gleich gekleidete kleinere Gefaehrte zeigt auffallende Ahnlichkeit mit ihm, ich erkenne, es sind Brueder.
Der Vizekoenig schreitet an beiden vorueber, freund
lich laechelnd die Rechte erhebend. Ein Gruss, der nur befreundeten Personen geschenkt wird. Beide danken, indem sie die Rechte zur Erde senken und den Kopf neigen.
Karmuno naehert sich jetzt den beiden und redet den Grossen an:
„Arvodo wolle mir stets Freundschaft bewahren!"
Verbindlich antwortet der Angeredete: "Karmuno weiss, wie gluecklich er seine Freunde durch seine Liebe macht."
Seufzend sagt der Priester: "Des Koenigs Zustand gestattet ihm nicht, dem Feldherrn heute neue Beweise seines Vertrauens zu geben. Der Koenig ist sehr krank!"
„Karmunos Kunst wird seine Krankheit zu bannen wissen, wie schon oft. In seiner Hand ist Areval wohl geborgen. "
Ein lauernder Blick des Priesters und Arztes trifft den Sprechenden, der ihm jedoch verbindlich laechelnd ins Auge schaut. Gewichtig sagt er dann: Arvodo sollte heute zum Ober-Feldherrn von Mallona ernannt werden, in seiner Obhut wird Koenig Areval vor allen Feinden sicher schlafen koennen."
Beteuernd legt Arvodo seine Rechte auf die Brust und sagt in ernstem Ton: Unserem Herrn, dem Koenig Areval, gehoeren meine Dienste und mein Leben. Seine Feinde sind die meinen!"
Karmuno weiss nichts darauf zu erwidern. Er gruesst und geht. Die beiden Brueder wechseln einen verstaendnisinnigen Blick, sodann wenden auch sie sich dem Ausgange der Halle zu und verlassen den Palast.
Als beide an den Stufen der grossen Freitreppe stehen, blickt Arvodo auf die vor ihm liegende Stadt und die herrliche sie umgebende Gebirgsgegend. Ernst blickt er auf das wunderbare Panorama und sagt leise zu dem Bruder: Eine Gegend, herrlich und lieblich, und eine Stadt, zeugend von der Kraft unseres Volkes. Und dennoch nur ein Sitz von verkommenen Seelen! Werde ich sie zurueckfuehren koennen? mir bangt vor der Aufgabe und dem gluecklichen Gelingen."
Ohne eine Entgegnung des Bruders abzuwarten, schreitet er schnell die Stufen hinab. Unten am Fusse der Treppen ausserhalb der Wachen, steht Upal in wartender Haltung, gespannt auf Arvodo blickend. Der feste Blick Upals bewegt den Feldherrn, ihn naeher anzusehen. Eine eigentuemlich neigende und gleichzeitig kreisende, unauffaellige Bewegung des Kopfes, die Upal bei seinem Grusse ausfuehrt, ueberrascht Arvodo ersichtlich. Er winkt ihn heranzutreten und fragt leise: "Wer bist Du?" – Freudig sieht Upal in das edle Antlitz des Feldherrn und fluestert: "Herr, ein Diener der Ungluecklichen! Upal ist mein Name."
"Du willst mich sprechen?"
„Ja, Herr, doch im Geheimen und Euch allein!"
„Komme, wenn der Abend sinkt."
Upal legt die Hand auf seine Brust und entfernt sich stillschweigend.
Schnell wendet sich Arvodo jetzt seitwaerts zu seinem Bruder, fluestert ihm zu: "Es ist ein Getreuer!" und geht schnell einem Platze zu, wo eine Anzahl aehnlicher kleiner Wagen stehen, wie ich sie auf der Fahrt Upals nach der Hauptstadt gesehen. Die Brueder besteigen ein kostbar ausgeschmuecktes Gefaehrt, das von einem Diener Arvodos gefuehrt wird, und schnell eilt dasselbe durch die breiten, volksgefuellten Strassen der Stadt.
Die nicht sehr hohen Haeuser sind geschmueckt mit Blumen, auf den flachen Daechern sind ueberall kuenstliche Gaerten angelegt. ich sehe allerhand mir unbekannte, breitblaetterige Schlingpflanzen in Kuebeln, zusammengestellt zu Laubgaengen, die schattige Ruheplaetze bieten. Nach der Strasse zu oftmals farbige Vorhaenge, gezogen zum Schutze gegen neugierige Blicke. Alles zeigt Wohlstand, selbst Reichtum der Bewohner.
Wir sind im Viertel der Wohlhabenden, die mit den Sorgen des Lebens nicht zu kaempfen haben. Vor einem groesseren Gebaeude haelt jetzt der Wagen Arvodos. Die beiden Brueder steigen aus und betreten das Haus; es ist das ihrige. Sie werden von Dienern empfangen und in die inneren Gemaecher gefuehrt.
Arvodo entledigt sich der Ruestung; er zieht ein weites, mantelartiges Hausgewand an, aehnlich der roemischen Toga. Sein Bruder hat dasselbe getan und jetzt begeben sie sich auf das Dach ihres Hauses, wo sie unbelauscht von Spaehern sich unterreden koennen. Eine schmale Treppe fuehrt hinauf, sie wird oben abgeschlossen durch ein Gitter. Arvodo verschliesst dieses und beide Brueder sind nunmehr ungestoert in dem Dachgarten, ein Kunstwerk gaertnerischen Geschmackes. Bluehende Blumen, Lauben ringsum, die Pflanzen eingepflanzt zwischen kuenstlich zusammengebauten Steinen; nirgends unschoene Toepfe, alles zierlich, der Natur getreu nachgeahmt und doch nicht das Dach des Hauses zu stark belastend.
Arvodo setzt sich in seine Laube, von der aus der Aufgang zum Dachgarten beobachtet werden kann, sein Bruder betrachtet ihn besorgt und liebevoll. Schweigend gleitet des Feldherrn Blick ueber die duftende Blumenpracht der benachbarten Gaerten. Eine finstere Falte hat sich zwischen die Augenbrauen gelegt und aufseufzend begegnet sein Blick jetzt dem seines Bruders.
"Deine Gedanken sind nicht freudig, weshalb?" fragt ihn der juengere Rusar.
„Wie koennten sie es sein, wenn ich mich in allem gehemmt sehe! Areval hat es verstanden, alle Schaetze derart an sich zu reissen, dass dem ausgesogenen Volke nichts geblieben. Auch wir, die Grossen, haengen nur von seiner Gnade ab. Er kann jeden durch ein Machtwort zum Bettler machen und hat es auch schon mit vielen getan, die es wagten, ihm entgegenzutreten. Das Heer ist groesstenteils ihm ergeben; es fuehrt das muessige, ueppige Leben doch nur durch seine Schaetze. Ja, gehoerten die Schaetze des Wirdu mir, wie bald waere es mit diesem Koenig vorbei, der das Volk so tief hinab gefuehrt, als einst Maban es gross gemacht!„
„Vergisst mein Bruder ganz, dass er die Hoffnung des Heeres ist, dass man mit Stolz auf ihn blickt als den faehigsten Feldherrn, der mit Kriegsruhm bedeckte?„
Arvodo lacht auf: „Ein schoener, ein herrlicher Ruhm, mit einer Uebermacht gegen ein aufstaendisches Voelkchen von Nustra zu ziehen, das der Lasten muede ist, nicht mehr die Steuern erschwingen kann und sich deshalb empoert; ein noch groesseres Werk, es zu besiegen. Ein Schandwerk jedoch, es zu bestrafen und den Henker zu spielen. – Von unserem Vater lernten wir die Grundsaetze und die Bestrebungen Mabans. Mit Schaudern erkenne ich, wie tief wir gesunken sind. Mit Schmerz, dass vielleicht kein Zurueck mehr moeglich und dass die Voelker Mallonas zerruettet und vernichtet wurden durch diesen Koenig, den der Fluch der Gottheit uns gegeben. ich habe geschworen, den Versuch zu wagen, Aenderungen zu schaffen. mein Leben steht auf dem Spiel, doch nutzlos will ich es nicht wagen.„ –
„Warum so verzagt, die Vizekoenige von Nustra und Sutona stehen auf Deiner Seite, sie sind getreu.„
„Gewiss, und wenn auch nur getreu, um nicht laenger Areval dienen zu muessen. Auch den schlaffen Monnakoenig fuerchte ich nicht. Die Tage des Vizekoenigs von Nustra sind gezaehlt, er ist alt und wird bald zu den Goettern gehen. Gelingt es mir, an seiner Stelle zunaechst in Monna zu herrschen, so wird mein Bruder den Platz, den ich ihm einraeume, sich zu wahren wissen.„
Rusars Augen leuchten auf bei diesen Worten und sich zu dem Bruder neigend fluestert er: „Keine Macht kann mich trennen von Dir, mit Dir will ich sterben oder leben, um Koenig Mabans Vermaechtnis zu retten.„
„Vielleicht heisst es sterben„, sagt duester Arvodo. „Gelingt der Handstreich nicht, zuerst die Schaetze Arevals zu erlangen und somit das Heer zu fuettern, sind wir verloren. Du weisst, wie wachsam Karmuno ist, dieser Beherrscher des kranken abgelebten Koenigs, der im Lande herrscht und allen eine so demuetige Miene zeigt, dass er die meisten taeuscht. ich weiss, wohin er strebt. Die Hand Artayas will er erringen, um sich durch die Tochter Arevals, einst mit ihr vermaehlt, das Recht auf den Thron zu sichern.„
Heftig faehrt Rusar auf: „Artaya, die Gattin des niedertraechtigen Karmuno, nimmermehr!„ –
„Steht Artaya auch Deinem Herzen so nahe, dass der Gedanke Dich so aufbringt?„ fragt Arvodo.-
„Bruder, ihr alle beurteilt das Madchen falsch! Sie ist nicht nach dem Vater geraten, Falschheit ist ihr fremd.„
„Wolle Allvater, dass Du die Wahrheit spraechst, doch huete Dein Herz. Schon lange sah ich, dass Deine Augen sie nicht gleichgueltig betrachten. Doch sage, Bruder, wenn Du ihre Hand erringen koenntest, so wirst Du auf friedlichem Wege, was ich nur mit Gewalt erreiche, naemlich Herrscher von Mallona. Fuer Dich liegt die Wahl zwischen Deinem Bruder und Artaya.„
„Als wuesste ich nicht, dass Areval mir nie die Hand seiner einzigen Tochter gewaehren wuerde. Selbst wenn er wollte, der Widerstand Karmunos ist nicht zu ueberwinden. Auch mich kann nur Gewalt zu dem gewuenschten Ziel bringen. Ist mein Bruder Herrscher von Nustra, so ist er es auch beld von Mallona. Aus seiner Hand wuerde ich alsdann die Gattin erhalten.„
„Wenn sie selbst es will, gewiss.„ Rusar blickt unmutig den Bruder an. „Oder soll ich die von Maban dem Weib gewaehrte, durch Areval laengst untergrabene Freiheit des Entschlusses nicht auch dem Volk zurueck erobern?„ – "Verzeih die Regung der Selbstsucht in mir", antwortet verlegen Rusar, doch Du hast recht wie imnier.«
Der Ton einer Glocke erschallt aus den unteren Raeumen. Arvodo richtet sich auf.
„Wir werden gestoert, still!"
An den letzten Stufen vor dem verschlossenen Gitter erscheint ein Diener. Er meldet, dass hohe Gaeste Arvodo erwarten und in den unteren Gemaechern seiner harrten. Schnell oeffnen die Brueder und begeben sich hinab. In einem kostbar ausgestatteten Zimmer, dessen weite, offene Fenster die laue Luft ungehindert eintreten lassen, stehen sechs Grosse des Reiches und werden von Arvodo mit Freundlichkeit und Hoheit begruesst. Der aelteste von ihnen, ein Mann in anscheinend mittleren Jahren, tritt vor und spricht im Tone der Ergebenheit: Herr des Kriegsvolkes, im Auftrage und Namen des Koenigs, unseres Gebieters, ueberreiche ich Euch das Zeichen der Macht, welches Ihr nunmehr mit dem Koenige tragen sollt. Das tueckische Leiden desselben versagte ihm heute die Freude, Euch dieses Ehrenzeichen vor den versammelten Grossen des Reiches zu ueberreichen, doch ist es sein Wille, nicht laenger Euch dasselbe vorzuenthalten. Er begibt sich hiermit unter den Schutz seines Feldherrn, dieser wolle es tragen als ein Hoechster in Mallona!"
Der Sprecher uebergibt dem Feldherrn einen Ring. Die genaue Nachbildung dessen ist es, den wir schon kennen; keinen Unterschied kann ich entdecken zwischen ihm und dem anderen schon gesehenen.
Arvodo bleibt kalt, er nimmt den Ring entgegen, steckt ihn an den vierten Finger der rechten Hand, ballt sie zur Faust und streckt diese empor. Areval soll die Macht, die er mir gibt, nicht einem Unwuerdigen gegeben haben. ich harre des Augenblickes, wo ich dem Koenig selbst meinen Dank zu Fuessen legen darf!
Sagt ihm, sein Feldherr haelt von nun ab treue Wacht!„
Die Anwesenden verbeugen sich tief und rufen gleichzeitig: Wir ehren in Dir die Macht unseres Koenigs Areval, Heil Dir und ihm!" In hoeflichsten Redewendungen spricht nunmehr Arvodo und dessen Bruder mit den Abgesandten, die die groesste Ergebenheit dem nunmehr maechtigsten Manne zeigen: dem Stellvertreter des Koenigs, dem Gebieter aller Heere in Mallona, der mit koeniglicher Macht ausgeruestet ist und keinem anderen mehr als nur seinem Herrscher verantwortlich ist. – Die Abgesandten entfernten sich wieder, dann sind die Brueder allein. – Laenger kann der juengere Rusar die Maske der Gleichgueltigkeit nicht mehr tragen. Seinen aelteren Bruder erregt umschlingend, ruft er triumphierend: "Erreicht ist das Ziel!"
Finster schaut Arvodo nieder und sagt dumpf: "Ja, erreicht! Doch der Preis ist hoch, ich opfere mein eignes Selbst, mein besseres ich, Was uns der Vater lehrte, Ehrlichkeit, Treue, Wahrheit und Offenheit, sie sind Schatten in mir geworden um des Zieles willen. Wird es moeglich sein, aus dieser Saat des Truges einst koestliche Fruechte zu ernten, Mabans Vermaechtnis zu retten?"
Rusar meint leichthin: "mein Bruder wird das vermoegen, jetzt nur voran und nicht gegruebelt!"
Ein Zug festester Entschlossenheit zeigt sich auf Arvodos Antlitz, er richtet sich hoch auf: "ja, ich werde es vermoegen! Doch was hat den Koenig bewegt, so aussergewoehnliche Schritte zu tun, das Zeichen der koeniglichen Gewalt mir zu uebersenden? Es ist nie Sitte in unseren Landen gewesen, anders als vor versammeltem Volke und Hofe persoenlich die Gewalt zu verleihen. ich muss zu ihm, ich muss die Gruende wissen und der Pflicht genuegen, meinen Dank sogleich abzustatten. Folge mir zum Koenig."
In einem kostbar ausgestatteten Zimmer sitzt Koenig Areval an der Seite eines jungen, wunderbar schoenen Maedchens. Es ist seine Tochter. Sie spielen ganz vertieft ein fremdes Spiel, aehnlich dem Schach. Areval scheint den Anfall ueberwunden zu haben, denn nichts verraet an ihm, dass er krank war. Jetzt fuehrt die Tochter einen entscheidenden Zug aus und hell auflachend erklaert sie den Vater fuer besiegt.
Areval nickt und lehnt sich tief aufatmend in die Kissen des Ruhebettes zurueck. Sein Auge ruht wohlgefaellig auf Artaya, deren herrliche, doch kalte Schoenheit anzeigt, dass in diesem Maedchenherzen das Gemuet wenig ausgebildet ist. Artaya ist sich ihres blendenden Ausseren bewusst, doch innerlich berechnend, grausam und luestern; stets bereit, ihre Wuensche um jeden Preis durchzusetzen, gleichviel, welche Folgen daraus entstehen; ihren Launen unterworfen, ohne inneren Halt, ein wuerdiger Spross des Vaters. –
Ein Diener tritt ein und meldet dem Koenig, dass der Feldherr Arvodo bereit ist, seine Wuensche zu hoeren. In Arevals mueden Augen zuckt es ploetzlich auf, er laechelt und gibt den Befehl, den Harrenden zu ihm zu fuehren. Artaya erhebt sich, setzt das Spiel mit den Figuren langsam beiseite und zeigt sich besorgt um Areval. Augenscheinlich will sie Zeit gewinnen, den Erwarteten noch zu begruessen, trotzdem es Sitte ist, dass sich die Frauen entfernen, wenn Maennerbesuch zu erwarten ist. Nur wenn letzterer vom Hausherrn bereits empfangen, haben sie Zutritt, falls sie dazu aufgefordert werden. Der schwere Teppich vor dem Tuereingange wird zurueckgeschlagen und Arvodos hohe, in strahlenden Schuppenpanzer gekleidete Gestalt wird sichtbar. Ein verlangender Blick Artayas trifft Arvodo, nicht unbeachtet von ihm, dann schluepft sie schnell in ein Nebengemach. Arvodo bleibt an der Tuere stehen, tief nein er seine Arme zur Erde. Der Koenig sieht ihn scharf an und macht eine Bewegung, dass er naeher treten soll. Es geschieht.
Ploetzlich faehrt Areval empor und sagt: „Arvodo, Ihr seid mein erster Feldherr, Ihr habt, die Pflicht, mein Leben mit dem Euren zu schuetzen! Seid Ihr gewillt, das zu tun?"
Arvodo antwortet: „mein Koenig weiss es!"
„ich gab Euch das Siegel meiner Macht, Ihr tragt es so wie ich." Er hebt die Hand und zeigt den Ring an seinem Finger. Es ist der gleiche, wie ihn Arvodo uebersandt erhielt. Werdet Ihr es nie missbrauchen?"
„Zweifelt mein Koenig, so gebe ich zurueck, was ich empfing! "
Arvodo macht eine Bewegung, den Ring vom Finger zu streichen.
„Lasst das!" – Arevals Stimme sinkt zum Fluestertone. "Noch weiss ich, was ich will. Kommt naeher, ganz nahe. – jetzt hoert. – ich kenne Euch, Arvodo, als einen Mann von Wort und ich vertraue Euch ganz allein. Ihr sollt mich schuetzen vor diesem Priester, von dem ich abhaenge und den ich dennoch hasse! Ihr staunt? Das habt Ihr nicht erwartet. – Unterbrecht mich nicht. ich koennte ihn toeten, so hasse ich ihn, doch ohne ihn lebte ich vielleicht nicht mehr. Er ist ein guter Arzt, nur seiner Kraft allein verdanke ich mein Leben. ich leb‘ durch ihn. Wenn es mich packt, rasende Schmerzen meinen Koerper durchtoben: sein Wort, seine Hand bannen sie! Wenn wilde Gestalten, Fratzen und die Gespenster der Vergangenheit auftauchen, kann sie Dein Schwert, Arvodo, nicht vernichten. Denn sie sind Scheinen, nicht fassbar, unverwundbar durch die Waffe. So ist sein Wort allein nur maechtig, sie zu bannen. – ich, der maechtige Koenig dieser Welt, bin rettungslos in seinen Haenden. ich weiss, wonach er strebt. Die Hand Artayas will er, er hat es angedeutet, und mein Wille, der nur fest ist, wenn er nicht hier weilt, faengt an zu erlahmen.
– Noch widerstehe ich ihm, wer weiss wie lange? Du, – Du sollst mich retten, Arvodo, hoerst Du, Dein Koenig, Dein Herr, er bittet Dich!«
Arevals Gesicht verzerrt sich in Angst. Er blickt Arvodo an, der starr vor Staunen atemlos den gefluesterten Worten lauscht.
„Artaya liebt Dich, ich weiss es laengst, Du sollst ihr Gatte werden, Du sollst den Thron nach mir erhalten! Du bist der Wuerdigste von allen den schmeichlerischen Kreaturen, die vor mir sich beugen. In Dir will und werde ich die Kraft zurueckgewinnen, die ich suche. Hahaha, sie sollen dann wieder vor mir zittern so wie frueher, die Schurken, die mich jetzt verspotten und verlachen, weil ich krank und schwach geworden! Noch lebt in mir der Funke, den Du zur Flamme entfachen wirst, Du sollst der Arm sein, den mein Wille leitet."
Areval atmet schwer vor innerer Erregung, ploetzlich starrt er in eine Ecke des Zimmers: "Sieh dort, dort, da wallt es wieder auf in schwarzem Nebel, Gesichter blicken hervor mit gluehenden Augen. ich kenne sie, das ist mein Bruder und Fedijah und andere, die mich verfluchten! Arvodo, schuetze mich vor ihnen, sie kommen naeher!" Angstvoll klammert sich Areval an den Feldherrn und sucht sich hinter ihm zu verbergen. Arvodo springt auf. Rasend schnell schossen die Gedanken durch seinen Kopf, als er die Lage erkannte, und seinem entschlossenen Charakter angemessen, sucht er Herr der Situation zu werden.
Er reisst sein Schwert aus der Scheide und spricht fest und laut: Sieh, Koenig Areval, so verjage ich in Nichts auch Deine unsichtbaren Feinde!" Dann schlaegt er wuchtige Lufthiebe nach der Ecke hin, wo der Koenig die Gestalten gesehen, und freudig auflachend stellt er sich selbst in die aeusserste Ecke. Zum Koenig gewandt, ihm fest in die Augen blickend, das Schwert in die Scheide stossend, ruft er aus: ich habe gesiegt, Koenig
Areval! Zeige mir, wo noch ein Feind ist, damit ich ihn vernichte!"
Arevals Antlitz zeigt Staunen und Bewunderung. ,Ein Wunder, Arvodo, ein Wunder bist Du!" Stammelnd fluestert er: "Er hat dieselbe Kraft wie Karmuno, die Geister fliehen vor seinem Schwert. Er wird mich schuetzen – schuetzen.« Arevals Augen werden muede; wie nach jedem Anfall tritt auch jetzt bei ihm Schlafbeduerfnis ein. Arvodo eilt naeher und bettet den Koenig auf sein Ruhelager. – Areval murmelt. Gut so, gut. Morgen sehe ich Dich wieder, hoerst Du, morgen!" Dann schlaeft er ein.
Arvodo will sich zur Tuer wenden, um den Dienern draussen Befehle zu geben, da wird seitwaerts schnell der Vorhang zurueckgezogen und Artaya eilt hervor. Gluehend und strahlenden Auges steht das schoene Maedchen vor dem Feldherrn und sagt laechelnd: Habt keine Sorge um den Vater, sein Schlaf wird ungestoert bleiben, ich sorge dafuer. Hat Arvodo keine Antwort auf meines Vaters Wunsch?"
Arvodo erwidert hoeflich: Herrin, der Koenig ist krank, morgen werde ich ihn gesuender sehen, dann werden seine Wuensche vielleicht andere sein."
Artaya sieht ihn unwillig an: Gleichviel, ob sich seine Wuensche aendern, die meinen bleiben, und ich will Dich!" Leidenschaftlich eilt sie auf Arvodo zu und wirft sich in seine Arme: Hoerst Du, Dich will ich, Dich, Du wirst mir nicht widerstehen!" Sie umschlingt Arvodo schnell und kuesst ihn: jetzt bist Du mein, mit diesem Kuss bin ich Dir geweiht, verschmaehst Du mich, so fuerchte meine Rache!"
Schnell ist Artaya in das Nebengemach geschluepft, den halb betaeubten Arvodo zuruecklassend. Es erklingen Stimmen von dort, und um den Kommenden auszuweichen, verlaesst Arvodo schnell das Gemach und den Koenigspalast.
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