Welch ein maechtiger, nie gesehener Anblick einstigen Wirkens nunmehr erstarrter Kraefte bietet sich dar. Arvodo ist ueberwaeltigt von der Majestaet der schaffenden Natur, die sich ihm offenbart. Wild zerrissene Lavabloecke, schwarz ausgebrannt und genaesst von dem fallenden Tau, umgeben ihn drohend. Glitzernd faellt das Licht der Mangaleuchten auf die phantastischen Gebilde der Lavafelsen. Oft erscheinen diese als furchtbare, schreckenerregende Ungeheuer, starrend aus der Tiefe. Dann als Phantome von Riesen, die das langsam sinkende Flugschiff umgeben und, Gefuehl und Auge taeuschend, ihre Gestalten oftmals wandeln und nach oben schweben, wo sie verschwinden.
Auf Upal uebt jedoch dieses Schauspiel keine Wirkung aus. Er kennt bereits die unschaedlichen Schrecken dieser Umgebung, senkt er sich doch nicht zum erstenmal in diesen fuerchterlichen Kessel. Mit sicherer Hand lenkt er das Schiff und regelt die Umdrehungen des Flugrades, dessen summender Ton an den Woelbungen dumpf und schauerlich widerhallt. Der Krater erweitert sich nach unten, er nimmt eine etwas seitliche Richtung an. Upal laesst daher die steuernde Rueckenschraube ebenfalls langsam wirken, um die Felsen zu meiden, die unter ihm den Eingang zu verwehren scheinen.
Immer tiefer sinkt das Schiff. Upal regelt das Flugrad so, dass die Maschine unbeweglich und ruhig frei schwebt. Er weist nach links und wirft das volle Licht der Mangafackel auf die Felsen. Arvodo sieht eine weite Hoehlung. Herr", erklaert Upal, hier ist die Stelle, ueber die ich kletterte, um die erste Hoehle der Schaetze zu finden. Dort stand ich einst am Rande des Abgrundes, ueber den wir schweben, und sah den Eingang zum Krater nur als schwachen Lichtspalt ueber mir. Waere es Tag, so wuerdet ihr das Sonnenlicht von hier aus schimmern sehen. Spaeter erst wurde es mir klar, dass es moeglich sein muesse, von oben her an diese Stellen zu gelangen, wie ich jetzt gezeigt. Doch unmoeglich ist es ohne Flugschiff. jetzt achtet auf, Herr, Usgloms erste Schatzkammer oeffnet sich."
Gespannt blickt Arvodo auf die Felswand, waehrend das Flugschiff wieder sinkt. Ein Spalt oeffnet sich, erweitert sich zur Hoehle und nun faellt das volle Licht der Mangafackel auf jene Staette, die Upal seinem Vater schon beschrieb.
Einen lauten Ruf des Staunens stoesst Arvodo aus. ja, hier liegen die so viel gesuchten Schaetze aufgehaeuft und warten nur der Hand, die sie muehelos sammelt. „Areval, Du wirst besiegt!", lispelt Arvodo leise. "ich moechte diese Hoehle betreten, Upal, kannst Du das Schiff dahin leiten?"
„Herr, verzichtet darauf, tiefer liegen noch andere Schaetze, nicht minder reich als diese, doch bequem zu erreichen. Diese hier entziehen sich noch unserem Besitz. Es waere gefaehrlich, das Schiff zu nahe an die Felsen zu bringen."
„Gut, ich folge Dir, zeige mir die Staetten!„
Wieder sinkt das Flugschiff, leises Wasserrauschen klingt aus der Tiefe. Aufmerksam hebt Arvodo den Kopf und sieht Upal fragend an. Dieser erklaert: Es ist das Meer, das unten rauscht und zur Flutzeit brausend eindringt. jetzt stroemt es nur noch kurze Zeit dem grossen Becken im Inneren wieder zu, aus dem es Usglom einst vertrieben hat."
Festen Boden beleuchteten jetzt die Mangafackeln, dem das Flugschiff zustrebt. Ein leiser Stoss und sicher steht es auf dem Grunde des Kraters, der sich als riesige Halle ueber die Kuehnen woelbt. Ringsum verliert sich der Blick in tiefste Finsternis. Das Licht der Fackeln ist nicht imstande, die begrenzenden Felsenwaende zu erreichen. Upal hemmt die Bewegung des Flugrades gaenzlich. Nur dumpfes Wasserbrausen, das an den Woelbungen dieses gewaltigen Naturdomes in vielfachem Echo widerhallt, stoert die Stille dieses Grabes alles Lebens. Unwillkuerlich schaudert Arvodo, als Upal ihn aufmuntert, die Gondel zu verlassen und ihm zu folgen. Ist doch dieses Gefaehrt das einzige Mittel, dem hier lauernden Tode zu entfliehen. Besorgt hoert er auf den brausenden Ton des Wassers.
„Ist das Gefaehrt hier sicher?" fragt er.
„Ganz sicher! Tief unten und weit von hier stroemt das Wasser einem unterirdischen Seebecken zu, das die Flut stets fuellt. Wir sind hier fast so tief als derMeeresstrand, doch noch immer hoeher, als dass eine grosse Flut diese Staette je erreichen koennte. Vertraut mir, Herr, wuerde ich nicht alles ausgemessen und berechnet haben, wie haette ich es dann gewagt, Euch Usgloms Reich zu zeigen!"
Arvodo nickt, ergreift eine der Mangafackeln und gebietet Upal, ihm den weiteren Weg zu zeigen. Upal gehorcht und schreitet auf dem ebenen Boden weiter. Man sieht, dass das Wasser ihn einstens ausgewaschen und geglaettet hat. Ein riesiger Kampf der Elemente Feuer und Wasser muss zu ungunsten Plutos hier vor langen Zeiten stattgefunden haben, ueberall sind die Spuren.
Upal weist oftmals auf in das Gestein gehauene Zeichen, die er zur Kennzeichnung des Weges eingegraben hatte. Sie fuehren nach einer Seitenwand des erstarrten Vulkans, die jetzt in den Bereich des Lichtes tritt. Rasch schreitet Upal ueber den koernigen Sand, den einstens die Meereswogen hineingepeitscht, untersucht aufmerksam die ungeheuren Risse des Gesteins und bleibt vor einer engeren Spalte stehen. Er tritt mit Arvodo in diese hinein.
Nach wenigen Schritten erweitert sich die Spalte zu einer blendenden Hoehle, wie die Maenner eine solche bereits in der Hoehe gesehen. Unendliche Schaetze sind hier hervorgebracht. Funkelnde Kristalle allueberall, in denen sich das Licht der Mangafackeln bricht, das weisse Rod blickt auch hier aus dem Fels nebst dem kostbaren Orostein hervor.
Arvodo ist ueberwaeltigt, er traut seinen Augen nicht. Er betastet die kostbaren Steine, schlaegt mit dem Griffe seines Schwertes einige von den Felsen los und zeigt eine Aufregung, wie sie der willensstarke Mann wohl noch nie empfunden. Endlich findet er Worte des Dankes fuer Upal. Tief blickt sein Auge in das seine und er sagt: „Du bist der Getreueste der Getreuen, Du sollst bald erfahren, wie ich Dir zu danken weiss durch die Tat!"
Upal beugt sich tief vor ihm und im Tone wahrer Ergebenheit fluestert er: Herr, raeche meine Schwester an Areval! mir sind diese Schaetze nichts, Wiedervergeltung ist mir alles!" Arvodo nickt stumm, er versteht Upal. Dann fragt er: "Kennst Du noch mehrere solcher Hoehlen?"
„So reich wie diese nicht, doch finden sich noch viele kleinere. Moeglich ist, dass mir noch unbekannte vorhanden sind. Nicht alle Gaenge hier unten habe ich durchforscht."
„Zeige mir auch die andern, die Dir bekannt sind!"
Upal tritt durch den Spalt wieder auf den frueheren Weg. Der Felsenwand entlang oeffnen sich oft kleinere Hoehlungen, in die er hineinleuchtet. ueberall tritt darin das weisse Rod hervor, oder kostbare Kristalle zeigen sich an dem Gestein: eine Schatzkammer, die unermessliche Werte in sich birgt. Die Felsen entlang gehend, muessen sie jetzt im Bogen fast rechtwinkelig abbiegen; die kuehnen Eindringlinge sind an der inneren Rundung des einstigen Kraters angelangt.
"Herr, weiter bin ich nie gekommen, lasst uns zurueckgehen , mahnt Upal.
Arvodo, dessen Unternehmungslust sich stark gesteigert hat, meint: „Wir haben Zeit, lass uns weitergehen. Vielleicht entdecken wir noch mehr, so guenstige Gelegenheit muss ausgebeutet werden. Den Weg zurueck koennen wir nicht verfehlen!"
„Wie Du befiehlst, Herr!"
Vorsichtig schreiten beide Maenner weiter. Der Boden ist nicht mehr so eben, Steine und Geroelle bedecken ihn. Totenstille umgibt sie, das Brausen des Wassers ist ganz verstummt. Das Meer treibt seine Wellen zur Ebbezeit, die um diese Stunde eintritt, nicht in den Kessel. Jetzt oeffnet sich in der Seite der Felsen ein weiter Gang, dessen Ende unabsehbar ist. Arvodo hebt die Leuchte, schreitet hinein und sieht, dass er gangbar ist. Weisser, mit Muscheln durchsetzter Sand bedeckt den Boden.
„Durch diesen Gang flutete einst das Meer, sollte er hinaus bis zu diesem fuehren?«
Upal sieht erstaunt umher. Herr, Ihr habt recht, Muscheln sind vorhanden. Hier seitwaerts faellt der Weg zur Tiefe. Dorthin nahmen einst die Meeresfluten ihren Lauf, sie kamen aus diesem Gang!"
Arvodo betrachtet nachdenklich die Hoehlung: Upal, wir muessen wissen, wohin dieser Weg fuehrt. Kann man auf ihm zum Meer gelangen, so wird es uns ein leichtes sein, heimlich die Schaetze zu bergen. Aber auch vor Entdeckung muessen wir uns sichern. Unkenntnis ueber einen Zugang in das Innere koennte uns verderben!" Upal bejaht diese Ansicht des Feldherrn und beide wenden sich entschlossen der unbekannten Hoehlung zu.
Es ist ein weiter tunnelartiger Raum, den sie betreten. Deutlich erkennt man an dessen Waenden die Wirkungen des Wassers, das einstens mit grosser Kraft eindringend die Waende abgeschliffen hat. Das Gehen ist auf dem weichen Meeressande leicht. Die beiden Maenner schreiten lange vorwaerts. Kein Ende zeigt der gewundene, sich manchmal stark erweiternde Gang, den Felsbloecke nicht versperren und dessen Entstehung ihnen raetselhaft erscheint.
Endlich erweitert sich der Gang zu einer weiten Hoehle, jaeh hoert der Weg auf und ein Chaos von Felsbloecken liegt vor ihnen. ‚Ober diese muessen sie hinabsteigen, falls sie die Tiefe gewinnen wollen, die sich jetzt vor ihnen ausdehnt. Einen Augenblick schwanken sie, ob weiter oder zurueck. Beide wissen jedoch, dass der Wunsch, Klarheit zu gewinnen, sie unbedingt weiterfuehren muss. Nicht ungefaehrlich ist der Abstieg, doch wird er vollbracht, bedeutend ist die Hoehe, von der sie hinabsteigen.
Sie befinden sich jetzt auf dem Grunde eines unterirdischen Seebeckens, das nunmehr ausgetrocknet ist. Phantastisch hohe Felsformationen lassen nicht erkennen, wohin sie sich wenden muessen, um die einstige Eingangsstelle des Wassers zu finden. Tiefer Sand deckt den Boden, aus dem hohe Felsbloecke sich erheben. Ungeheure Muscheln, die einstigen Wohnhaeuser der Meeresbewohner, finden sich eingeklemmt zwischen Klippen, unzaehlige kleinere liegen ueberall zerstreut. Als sie weiterschreiten, finden sie Skelette grosser Wassertiere, die einstens den See bewohnt. Jahrtausende moegen vergangen sein, als sie die Fluten belebten.
Staunend blicken die Maenner umher, ratlos wohin sie sich begeben, hemmt doch das Felsenchaos den ueberblick. Ploetzlich zittert ein leiser klagender Ton durch die Todesstille dieses Ortes, dann noch einer. Die Toene reihen sich aneinander zu einer Melodie, die anscheinend in weiter Ferne ertoent. Unwillkuerlich hat Arvodo zum Schwerte gegriffen, Upal haelt die leuchtenden Fackeln zur Erde gesenkt und vorgestreckten Kopfes lauschen beide Maenner den leisen Toenen.
Upal findet zuerst Worte des Erstaunens: Singt Muaga, die Tochter Usgloms, um uns zu warnen?«
Arvodo erwidert finster: „Nicht Muaga, noch Usglom sind es, ich verachte beide. Aber ein Mensch singt die Totenklage des Koenigshauses. Wir muessen wissen, wer es ist. Senke die Fackeln, damit sie nur den Weg erleuchten, und nun dem Schall der Stimme nach!"
Es ist nicht leicht, die Richtung zu finden. In diesem Felsendome taeuschen die Echos. Arvodo jedoch hat ein feines Ohr, er findet den rechten Weg trotz aller Hindernisse. Hinter den Felsen, die sie umgehen muessen, toent die klagende Stimme lauter und voller, ein Zeichen, dass sie sich ihr naehern.
Nun stehen sie am jenseitigen steilen Ufer des einstigen Seebeckens, klar toent der Gesang von der Hoehe herab. Vorsichtig ueber Felsbloecke kriechend, klettern die Maenner empor. Taeuschen sie sich? Dort schimmert Licht! Schnell ueberdecken sie die Mangafackeln mit den schuetzenden Huellen; undurchdringliche Finsternis umgibt sie. Bald hat sich das Auge daran gewoehnt und sie sehen hellen Lichtschein ueber sich leuchten.
Vorsichtig gleich Katzen schleichen die Maenner weiter. Arvodo traegt das Schwert griffbereit unter dem Arm. Deutlich hoeren sie jetzt den Gesang zweier Stimmen. Sie verstehen die Worte, es ist die Klage ueber einen Toten, die nur den Mitgliedern des Koenigshauses gesungen wird und deren letzter Vers verhallt. Er lautet:
"Geliebt im Leben kann der Tod nicht trennen,
Denn Deine Seele lebt durch ihre Taten,
Die ruhmesvoll und herrlich allen leuchten.
Geh ein zum Vater alles Seins; die Liebe
Sie huetet Dich und wird uns einst vereinen!"
Waehrend dieses Gesanges sind die beiden Maenner bis zum Rande emporgeklettert und blicken auf eine ergreifende Gruppe.
In einer Felsengrotte liegt erhoeht der ausgestreckte Leichnam einer wunderbar schoenen Frau, gekleidet in ein lichtblaues Gewand. Die Grotte ist von schillernden Kristallen erfuellt wie die bereits von Arvodo geschauten. Der Eingang ist von brennenden Lampen umhangen, die helles Licht auf die naechste Umgebung werfen. Zu Haeupten der Leiche steht die ehrfurchtgebietende Gestalt des Einsiedlers vom Meere; zu den Fuessen der Junge Mann, den er Mureval geheissen. Beide hatten den Totengesang ertoenen lassen, dessen Klaenge Arvodo und Upal geleiteten.
Als Upal die Gruppe erschaut, die nur etwa zwanzig Schritte entfernt sich den erstaunten Blicken darbietet, erstarrt sein Anlitz in namenlosem Schrecken. Arvodo bemerkt es und fluestert dem regungslosen Gefaehrten zu: "Kennst Du diese Menschen?" Da toent ein gellender Schrei aus dessen Munde. Ehe Arvodo es hindern kann, springt Upal empor und mit dem Rufe: Jedijah, Schwester!" stuerzt er auf die schoene Leiche ZU.
Er will sie umarmen, seine Hand fasst kalten Stein. Der Frauenleichnam, den einstens warmes Leben durchstroemte, ist zu Marmor erstarrt, versteint durch die mumifizierenden Duenste dieser Hoehle. Verwirrt sieht er empor in das Antlitz des ehrwuerdigen Alten, dessen Blicke durchdringend auf dem Eindringling ruhen und mit dem lauten Ausruf: Muhareb, mein Koenig!" sinkt er bewusstlos in die Arme des herbeigeeilten Juenglings Mureval.
Als Arvodo sah, dass er den Gefaehrten nicht hindern konnte, ist er ebenfalls auf den Uferrand getreten. Er hoert die Ausrufe Upals und sieht staunend auf die edle Greisengestalt.
Dieser also ist der langgesuchte, der verschwundene rechtmaessige Koenig, der Bruder Arevals? Er vermag es nicht zu fassen. Irrend schweift sein Auge umher, auf die seltsame Umgebung, die schoene versteinerte Leiche, den majestaetischen Alten, den bewusstlosen Upal. Er ist verwirrt und vermag keinen festen Entschluss zu fassen.
Ruhig toent ploetzlich die Stimme des Greises an sein Ohr. Zwingend hoert er den Befehl, ihm zu folgen. Der Alte hat die Upal entfallene Mangafackel gefasst. Ein Griff und saemtliche Lampen in der Grotte, die die Leiche birgt, verloeschen. Sodann gibt er dem Juengling einen Wink. Beide erfassen den bewusstlosen Upal, heben ihn auf und schreiten schnell einer dunklen Hoehlung zu, der Fortsetzung jenes Ganges, den Arvodo und Upal aufzufinden unternommen hatten.
Durch einen Tunnel geht schnellen Schrittes der schweigende Zug. Ploetzlich leuchtet schwaches Licht in der Ferne. Noch eine kurze Strecke und es weht frische Luft entgegen, gewuerzt vom Meeresdunst. Nun weitet sich der abwaerts fallende Gang schnell. Die Hoehle verwandelt sich zur engen Schlucht, in die aus der Hoehe leuchtende Sterne hinabblicken. Vor ihnen breitet sich das Meer aus, dessen Horizont umsaeumt ist von leuchtendem Rot, dem ersten Morgengruss des anbrechenden neuen Tages.
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