Kapitel 13
Ein Gewitter bringt Rettung. Des Eremiten Friedenshütte
Nun ist Retzi schon drei Wochen unterwegs. Oft steht er staunend still, wohin der Weg ihn führt. Wohl, je weiter er nach Nordwesten kommt, kann man von Wegen kaum noch etwas sagen. Trampelpfade, von Menschen, seltener von kleinen Hufen, häufig Spuren von allerlei Getier getan. An den Abzweigungen prüft er selbst: Gehe ich nach rechts, wende mich nach links, ist es jedesmal wie eine Hand, die ihn berührt oder ihm die Richtung zeigt.
Sind es manchmal Sonnenstrahlen, so weiß Retzi ganz genau: Ein Fingerzeig des lieben Herrn! Dann wandert er getrost dem Zeichen nach. Bis jetzt hat er öfters eine kleine Stadt, ein Dorf berührt, da meistens freundlich aufgenommen und woselbst er auch des Himmels Samen streuen durfte. Ob mit oder weniger Erfolg, danach fragt er nicht. Wie es geschieht, so steht‘s für ihn in Gottes heilig-hohem Herrschaftswillen; und sein ganz persönlicher Heiland, wie er oft sinniert — ER hat das Regiment.
Allmählich wird die Gegend karg. Einmal wandert er zwei volle Tage, bevor er wieder eine kleine Siedlung sieht. Er spürt voraus: Aufgepaßt, gehst zwar unter Gottes Schutz und Schirm, erproben mußt du dich auch selbst. Und wie! Kaum naht er sich den Häusern, deren Fronten keine Öffnung haben, wie dräuende Gefahren wirken, kommen stämmige langbärtige Gesellen und umgeben ihn, gestikulierend und mit Fäusten fuchtelnd.
Vernunftsgemäß achtet Retzi auf ihr Gebaren und was geschieht. Er wird geschlagen, sonderbar nicht sehr; immerhin — man drängt ihn in ein kleines Haus. Festung könnte man es nennen. Das Bild steigt auf von Sporanato, wie der im Verlies gelegen hatte. ‚O Heiland-Vater, DU hast mich in Deiner Hand; Du führest mich nach Deinem Rat. Gabst Du mir des Lichtes Order, die Heimat zu verlassen und für Dich die Fackel auszutragen, bin ich dessen ganz gewiß: führst Du mich hier herein, führst Du mich wiederum heraus!‘
Sprachlich ist nichts zu verstehen und Retzis Sprachen, die er anzuwenden weiß: jüdisch, römisch, griechisch und ägyptisch, es wird nicht verstanden. Man schiebt ihn in ein ziemlich finsteres Gelaß, klein, doch nicht schmutzig, wie festzustellen ist, nachdem gleich die Tür geschlossen wird. Sie ist aus starken Baumstammstücken hergestellt; von innen läßt sie sich nicht öffnen. Genügend Licht und Luft dringen ein, so daß rein menschlich keine Angst entsteht. Später bringt man ihm sogar noch einen Trank und eine Speise. Vorsichtig kostet er; man kann nicht wissen, ob beides Gift enthält.
Gut schmeckt‘s nicht, stillt jedoch den Hunger. Das ‚Herausholen‘ überläßt er seinem lieben Herrn! Dauert, nach dem Wechsel zwischen Licht und Finsternis berechnet, immerhin zwei Tage, als wiederum ein Mann erscheint und ihn ohne Drangsal auf einen Ortsplatz führt. Daselbst stehen rund zweidutzend Männer, sieht bald einer wie der andere aus. Hinter diesen stehen auch paar Frauen, in lange, dunkle Tücher eingehüllt.
Sieht wie ein Richtplatz aus, durchzuckt es Retzi. Inmitten dieses Platzes liegt ein großer Stein, wohin er geschoben wird. Einer hat ein langes messerartiges Gerät in Händen. Aber plötzlich ist es wie ein Wehen. Retzi weiß es nicht, daß in dieser Gegend, trotz eines wolkenlosen Himmels, ein Gewitter möglich ist, was von den Leuten als ‚Götterstimmen‘ aufgenommen wird. Der Wind kommt daher, ist wie ein heulendes Gefauche.
Am Horizont zieht eine Wolkenwand herauf, pfeilschnell rast sie näher und mit Heftigkeit entladet sich ein schweres Gewitter. Retzi sah den Messerträger furchtlos an. Woher ihm diese Kraft gekommen war — nie hätte er es sagen können, wie das war und kam. Weil für ihn ein Gewitter nichts anderes als ein natürliches Ereignis ist, achtet er auch nicht darauf. Und naß werden — du liebe Zeit, sowas ist für ihn kein Übel.
Anders die Bewohner vom Gebiet. Die Frauen waren gleich geflüchtet, so rasch, daß es Retzi erst viel später merkt, als auch die Männer, zu erst zögernd, weil es nun kein Opfer gibt, dann in ihre Häuser rennen, die Bohlentüren innen fest verschließen und nichts mehr von sich sehen lassen.
Von der letzten Speise hatte Retzi etwas aufgehoben und verläßt den Ort, unwissend, welchem Tode er entronnen ist. „Schade“, sagt er, als er einen Hügel hinter sich in eine Aue niedersteigt, die ihm freundlich winkt, „sieh, lieber Heiland, hier konnte ich kein Schäflein retten, und ich hätte es zu gern getan. Hast mich auch gerettet, meine Seele, meinen Leib und hast mir immer Gutes angetan. Vergib, ich hätte bleiben sollen.“
Diesmal bleibt die Antwort aus. „Nicht immer wirkt das Licht, weil es zuviel der Gnade wäre, die Du, Vater, mir zu schenken weißt.“ Kann Er nicht einmal durch Menschen eine Antwort geben? Retzi wird sie noch am gleichen Tag vernehmen, als er am Rand der Aue, und als der Abend friedlich niedersinkt, nah an eine Hütte kommt. Fast wäre er daran vorbeigegangen, sie steht gedeckt hinter Busch und Baum, somit schwerlich aufzufinden.
Zwischen Zweigen zeigt sich ein Gesicht, helle Augen, die Retzi freundlich grüßen. Nur zu gern folgt er dem Augenwink. Nahe an die Büsche tretend, windet sich ein Pfad hindurch. Man sieht ihn erst, als das Gesträuch sich öffnet. Wie verwundert Retzi sich, als ein alter Mann auf judäisch sagt:
„Ich hab‘ auf dich gewartet; sei gegrüßt im Namen unseres Gottes. Man nennt Ihn den ‚Heiligen von Israel‘; ich sage: ‚der Heilige des Universums‘ “. Retzi beugt sich vor dem Greis, wie er es tat, wenn er — wenige Male — dem ‚Heiland-Herrn‘ begegnet war. So nennt er Ihn für sich, so verneigt er sich vor seinem Gott.
Schweigend geht der Greis voraus. Retzis Wundern steigt, nachdem das Buschwerk wieder undurchdringlich ist und ein schmaler jedoch gut gangbarer Weg sich mühelos beschreiten läßt. Dann kommt wieder eine Hecke, einer Mauer gleich. Der Greis greift nach zwei Ranken und wie ein ‚Hephata‘ gehn sie auseinander. Wie der Eremit gerade diese Ranken im Gewirr der übertausend Zweige kennt, das mag ein Rätsel bleiben.
Es bietet sich ein Bild von solcher lieblichen Natur, was man nur nach und nach erfassen kann. Ein Lächeln geht über das Gesicht des alten Mannes. Ja, wo der Herrgott Seine Orte setzt, mag der Mensch wohl zögern, ehe er den Fuß hineinzusetzen wagt. ‚Ziehe deine Schuhe aus; denn das Land, darauf du stehst, ist heiliges Land!‘ (2, Mo. 3, 5). Der Alte nickt, als hätte er die Worte laut gehört, die in Retzi hochgestiegen waren.
Ein Hüttenhaus ladet zum Betreten ein, ringsum kleine Gärten und ein Feld, soviel, um einen Einzelnen zu ernähren. Der Einzelne! Auch ein Symbol. Das Innere des Hauses teilt sich in zwei Kammern, gewiß zum wohnen und zum schlafen. Ist primitiv gerichtet, doch peinlich sauber. Man spürt einen sonderbaren Hauch des Friedens und als ob der Eremit nicht allein das Haus bewohnt, obwohl kein zweiter Mensch zugegen ist.
Wortlos, mit fast feierlichem Tun, legt er auf einen etwas roh behauenen Tisch Brot, Trank und Früchte hin, ladet mit einer Handbewegung seinen Gast zum sitzen auf und teilt die Gaben aus. Immer wieder blickt sich Retzi um, als müsse er noch jemand sehen, nimmt dabei die Ruhe wahr, die das Haus durchweht — herein — hinaus. Nach dem Mahle, das ihn herrlich stärkt wie kaum etwas auf dem Weg, außer in Damaskus, fängt der Alte an zu sprechen, als würden sie sich längstens kennen.
„Du wunderst dich, mich und etwas vorzufinden, was dein Inneres bewegt. Seit Wochen weiß ich es, daß jemand zu mir kommt, der mir, dem ich etwas geben darf. Dürfen!, aus Gottes Gaben! Auch versteh‘ ich dein Erstaunen, weil ich judäisch rede. Gleich gesagt: Ich bin keiner deines Volkes, und vielleicht“, ein kleines Zögern, das die Bescheidenheit geboren hat, „bin ich keiner von der Welt (Joh. 15, 19), hatte aber gute Eltern, irgendwo, hoch im Norden, wohin du nicht zu wandern brauchst. Das aber später.
Seid ich Eremit geworden bin aus innerer Berufung — das ist keine Auszeichnung, kam sehr selten ein Verirrter her, dem ich weiterhelfen durfte. Du bist der Erste, der mein Domizil betritt, seitdem ich es mir richten konnte. Auch für dich kein Vorrecht! Stets ist es GOTTES Weg und Wille, der solches für uns tut.
Du hast den Heiland-Gott gesehen und gehört und „Erlaube, daß ich unterbreche“, bittet Retzi, „woher weißt du das?“ „Wirst noch vieles hören“, sagt der Alte mild, „es gibt Dinge, die der Mensch in seiner Niedrigkeit nicht kennt, nicht kennen will; er müßte sich um seine eigene Achse drehen, sich völlig abkehren von den äußerlichen Dingen, ohne diese bloß als Abfall zu betrachten, weil das menschliche Geschlecht die Lebensdinge braucht.
Das ist, was ich meinte: du bringst mir, ich gebe dir, aus GOTTES Gnadenhand! Damit du nicht zu grübeln brauchst: woher —?‚ will ich dir enthüllen. Du kommst an ein großes Haus, eine Siedlung, die vor wieviel hundert Jahren ferne Menschen richteten und ihrem Gott die Stätte bauten. Diese Leute waren Gott vertraut, dem Einigen, dem Einzigen! [VH4]. Bei den Heutigen war ich nach der Heimkehr meiner Eltern, die ich früh verlor, sehr lang. Sie betreuten mich, lehrten mich die Dinge, die ich heute anzuwenden weiß“, aus Demut leicht verlegen, „weiterbilden konnte und du wirst es diesen guten Leuten bringen, so gut, soweit es nötig ist.
„Du hast den Herrn gesehen und gehört, dem Äußeren nach kannst du mir berichten von dem Wunder, was sich zugetragen hat. Ich hab‘ das Offenbarungswort gehört; und mehr als dieses braucht kein Mensch. Zuwenig oder eine Überdosis führen nicht zur Seligkeit. Bloß der Weltling rafft zusammen; je mehr an Gütern er besitzt, desto mehr will er noch haben. Geklagt:
Das geschieht bei manchen Gläubigen, gleichgültig, welcher Richtung einer angehört. Heilsam sind ja tiefes Forschen und die Sehnsucht, die zum Lichte drängen. Ungut ist, mehr zu verlangen, eben nur des Wissens wegen. Das hat ein zweierlei Gesicht. Will man anderen damit dienen, dann ist absolutes Wissen gut. WEISHEIT, die allein der Herrgott hat und gibt, wer sie sich zum Heil erbittet, das ist der echte Weg zurück ins Vaterhaus.“
O, ist‘s nicht wie eine Krone auf das, was der Heiland tat und lehrte? „Ist keine Krone, Sohn“, sagt der Eremit, als hätte Retzi laut gedacht. „Immer ist das Menschliche ein Stück vom Ganzen, winzig klein, einer Mücke gleich gegenüber dieser ganzen Welt. Noch weniger, wenn es an der Demut fehlt.“
„Darf ich deinen Namen wissen?“ „Nebensache; weder Amt noch Namen prägen den Charakter, sondern wie man denkt, spricht und tut. Das besitzt vor GOTT die volle Gültigkeit, und mag Er gern in Seiner väterlichen Güte manches streichen, liebevoll bedecken, wenn eine seelische Schwachheit den ernsten Willen überwiegt.“
„Hab‘ es auch bedacht, nicht so weise, wie du vermagst. Zwischen uns ist eine Schwingung, als würde ich von deinem lichtgeprägten Können auch mit fortgezogen. Wollte Altvater zu dir sagen, nur . . .“ das heilig-hohe VATER gilt dem Lebensschöpfer, dachtest du und hast damit recht. Nenne mich Chryseltius; so nannte mich der Oberste in jenem Haus, wohin dich deine Gasse führt.
Deinen Weg sah ich voraus; bloß von deiner Jugend ist mir nichts bekannt außer, daß sie erst schwer gewesen ist.“ „Ich rede lieber nicht mehr darüber“, erwidert Retzi. „Gut war die Mutter, nur unterdrückt; der Leibesvater hat die Welt verlassen, weshalb ich nichts mehr von ihm sagen will.“ „Lieb getan und gesegnet! Trübes einem Heimgegangenen nachzusenden, das fällt auf den Sender siebenfach zurück. Ihm aber ungute Dinge zuzudecken helfen, gute Bittgedanken einzusetzen, ist wiederum das Siebenfache eines Segens, der jedem Sender und Empfänger überkommt.
„Weißt du, was mir auf dem Weg begegnet ist?“ Retzi sieht den Alten, den er liebgewonnen hat, begierig an. Chryseltius lächelt. „Kann verstehen, daß du glaubst und mich nicht prüfen willst. Stets war ein Geleit bei dir, hast des Lichtes Hilfe dankbar anerkannt, dich ihr hingegeben, so gut es möglich war. Mehr wird nie verlangt! Aber das gilt nicht: ‚Ich hab‘ mein Möglichstes getan‘. Das füllt kaum des kleinsten Bechers Boden aus.
Das letzte Schwere will ich dir erklären. Der Stamm, dem du in die Hände fielst, ist wahnverstrickt. Sie sind noch nicht erwacht, ihre Seelen dämmern, wie man im Halbschlaf dämmern kann. Du warst traurig, hättest für den Heiland nicht gewirkt und wärst am liebsten wieder umgekehrt. Davor hat dich GOTT bewahrt. Das nicht bloß für deiner Seele Heil; ein Strählchen fiel auf diesen Stamm.
Sie opfern Menschen, ohne es zu wissen, was sie damit tun. Fahre mir nicht auf“, ruft der Eremit, als Retzi sich erhebt. Unmöglich, so was gibt‘s nicht mehr, ist uraltes Heidentum. „Außerdem kam es viele Hunderte von Jahren selten vor, daß sie Menschenopfer hatten. Unbewußt schrecken sie davor zurück; das Althergebrachte wird eben noch bewahrt. Tieropfer haben sie nie ausgeführt.
In letzter Zeit sind sie etwas davon abgekommen, weil oft“, der Ere mit verfällt in lichtgebotenes Grübeln, „irgend ein Ereignis ihre Hände band. Bei dir war es das Gewitter. Davor fürchten sich die Leute und glauben nun, daß ‚ihr‘ Gott sie strafen will. Das ‚Warum‘ erkennen sie zwar nicht; aber weil dies oft geschehen ist, deshalb flüchten sie in ihre Häuser. Ich habe es gesehen, wie sie ängstlich sich verkriechen und sich beredet haben: Es müßte wohl was anderes geben, ihr Gott sei gestorben, weil die Opfer ‚weggenommen würden‘. Sie denken nunmehr so.
Dir kann ich‘s sagen, du bist reif, wie selten Menschen werden; freilich — der HEILAND hat dich angerührt. Ich darf es sein, der die armen Seelen aus dem ‚Bann der Alten‘ lösen wird. Nicht erlösen, o denk‘ das nicht! Erlöser ist allein der Heilige, Schöpfer aller Seiner Werke! Doch mithelfen können wir (s. Mitopferweg), besonders durch Gebet, Bitte, Fürbitte und Dank. Letzteres im vorhinein [VH5]. Hinterher zu danken ist nicht schwer. Voraus zu glauben und zu danken für das Kommende, ohnehin in Gottes Schöpferhänden liegend, was aus ihnen kommt, uns allezeit zum Segen, sieh, Retzi, das ist Himmelsglaube!
Ich durfte um das Gewitter bitten. In jener Gegend kommt eines rasend schnell herbei, ohne daß ein Geistiges damit verbunden ist. Bedenke, daß denen, die GOTT lieben, alle Dinge zum Besten dienen (Röm. 8, 28). Das gilt jedem, der oft noch kleinlich lebt. Bei dem Schöpfer-Gott wird ohne Ausnahme für alle Kinder eben alles zu dem Besten gemacht, besonders — was ja gelten darf — für jene, die Ihn lieben. ER jedoch liebt ausnahmslos alle Kindgeschöpfe, die kleinen samt den großen, die nahen und die fernen. Gerade Letzteren kommt das ,alle Dinge zum Besten dienen‘ zu.
Für die armen Menschen ungesehen war ich schon bei ihnen oft zu Gast. Sie wußten nicht, wer ich war, sie spürten nur, es sei jemand eingekehrt, ein Bote ihres Gottes, und solchen legen sie dann ihre Gaben hin. Daß ich diese somnambul zu nehmen weiß, um sie nicht zu kränken, braucht des Verwunderns nicht, Retzi, weil du die Brauen hochgezogen hast. Sowas hast du nie gesehen, doch von unserm Herrn gehört, Er wäre manchmal plötzlich weggewesen, als hätte Ihn ein Bodenloch verschluckt.
Abermals betont, damit in deines Lebensletztem Domizil du weißt, was man ‚aus dem Geist‘ vermag, und ist pure Gnade, kein eigenes Verdienst, nie des rühmens wert, sich selber zu erheben (Röm. 3, 23). ‚Du bist reif, Mein Sohn‘, läßt Gott dir sagen, ‚aber noch nicht reif genug, um Tiefstes zu erkennen. Kein Schade deiner Seele; denn solang ein Kind sich reifen läßt, ist es auf der besten Gasse, die einmal »golden« werden kann (OJ. 21, 21).‘
Genau so ist‘s bei mir, Retzi. Bin ich ein paar Schritte dir voraus, dann wisse, daß wir als Wanderer unsre Wege gehen und es wäre gar nicht gut, wir stünden allesamt auf einem Haufen. Wie lang der Schöpfer einen Lebensweg bemißt, nicht bloß von der Welt, von der Geburt bis hin zum Grabe, sondern unser ganzes Dasein ist gemeint. Es ist des Lichtes Straße mit, auf der Seine Kindgeschöpfe all die Schritte gehen können — dürfen!
Freilich liegt es trotz der Gnade auch an uns, gehn wir langsam oder rasch, ob wir stehen bleiben oder wie Lots Weib nach rückwärts schauen, was ein Rückwärts mit sich bringen kann. Das aufzuholen ist des Lebens größte Last und Mühsal, die die Seele niederdrückt, bis sie aus sich selber niemals weiterkommt. Alsdann erfolgt aus der Erlösung jene hocherhabene ‚Löse‘, von der wir während des Materieweges meist sehr wenig wissen.
Nicht gut? Wirst‘s noch erkennen, daß ein ‚Himmelsgut‘, das Gott aus der geheimen Lade holt, die Materie nicht erträgt. Nicht umsonst die ‚Bundeslade‘, gezeichnet für die Welt; allein das Heilige an ihr bleibt dem Lichtreich vorbehalten. Erst in ihm werden wir in vollem Maße das Geheimnis kennen lernen.
Sicher ist es gut, betrübt zu sein, wenn man nicht das volle Heil versteht; falsch jedoch, die Betrübnis lastenmäßig zu verspüren, richtiger: bewußt zu pflegen. Dem Menschenvolk ist es nicht leicht, aus eigener Erkenntnisarmut — nie, daß Gott etwas verwehrt — die Betrübnis umzuwandeln in die Freude: Herr, DU gibst, dessen ich bedarf! Auch da das Zweierlei:
Echtes Wissen um die Gottesgaben, statt arbeitsarm dabei arbeitsreich zu sein, geht unter Seiner Pflegehand. Das verstehst du gut und wirst es bestens lernen, wenn — — dein letztes Lebensstündchen schlägt. Davon nun nichts mehr. Noch leite ich dich an, damit dein Weg bis hin zum letzten Erdenhaus auch weiterhin gesegnet bleibt, durch deine Demut, durch die Hingabe an den Heiland-Herrn, den du als Kind mit ‚guter Mann‘ bezeichnet hast. Und wie wahr!
Er, dem das unmeßbare All gehört, von dem wir, und wären wir auch große Geister, nie ein völliges Verständnis haben, von der Herrlichkeit des Raumes und der Zeit, — ER ging durch die Lande! In nichts erleichterte Er Seinen Weg; nichts nahm Er zu Diensten, was Menschen suchen. Letzteres nicht immer falsch. Wirst es auch erleben. Aber das: wie ER gegangen ist, sollen wir desgleichen tun und du hast es auf die Gottes-Anweisung getan.
Hast deinen Stab genommen, dein Hab und Gut zurückgelassen, bist wie der Heiland deinen Pfad gegangen. Bleibe stets dabei bis auf eine Ausnahme und sollst es wissen, damit du keinen Zweifel hast. Dem Gebot zu folgen, ist dein innerstes Bestreben. Du wirst nicht allzu viele Menschen treffen, doch genug, um des Lichtes Samen auszustreuen, auch zu helfen. Eben so:
In einer Wildnis steht ein starker Esel. Er läßt sich locken, hat noch nie die Bosheit eines Menschen fühlen müssen. Schwinge dich auf ihn, trab‘ vom frühen Morgen bis zum nahen Sonnenscheiden. Du findest einen Mann, verwundet an dem Wegsaum liegend. Wundere dich wieder nicht, so ich das Gleichnis vom erbarmenden Samariter kenne (Luk. 10, 30-37). Dir dient es nicht erst jetzt, hast oft geholfen, wo immer es dir möglich war.
Bücke dich, hebe den Verletzten auf den Grauen, und ehe Gottes Sterne aufmarschieren, gelangst du an ein Haus, dem Hütten angegliedert sind. Dort ist der Mann zu Hause. Es sind Leute, die Gott nicht kennen, dem Namen nach, was meist unbedeutend ist. Sie sind auch abgeschirmt, was sie selbst nicht wissen, weil sie guten Sinnes sind, und hilfsbereit. Mehr verlangt der Herrgott nicht.
Bleibe heute noch bei mir, lasse deinen Geist zur Sprache kommen. Wenn der Sonnenball die Welt begrüßt, sollst du scheiden, ohne je mich zu vergessen. Es wird dir leicht, weil du dich dem Heiligen ganz hingegeben hast. Gott segnet dich!“ Chryseltius legt eine Hand auf Retzis tiefgeneigtes Haupt. Es ist eine Kraft, die aus beseelten Händen strömt, ohne weitere Worte. Der Eremit weiß es ja, daß er nicht segnet. Der Höchste, Schöpfer aller Seiner himmelsweiten Werke — ER segnet ganz allein!
Retzi sucht nicht mehr nach ihm, um mit ihm zu sprechen. Unnötig, mehr zu verlangen, was er erhalten hat. Neben seinem Lager findet er im Morgenlicht ein Brot. Hat das auch der Himmel hergestellt? (Joh. 6, 31; OJ. 2, 17). Ein Schlauch mit Fruchtgetränk liegt da. Retzi verläßt die Eremitage. Einmal wendet er sich um, bevor das Strauchwerk ihm die Sicht verschließt. Da leuchtet um das Haus herum es wie ein Schein. Von der Sonne? O nein, solchen Glanz kann keine Erde haben. Das Gesträuch fällt hinter ihm zusammen.
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