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Drei Tage, ein Vergleich zu Jesu drei Lehramtsjahren. Ein Gespräch mit Gott.

Kapitel 14

Drei Tage, ein Vergleich zu Jesu drei Lehramtsjahren. Ein Gespräch mit Gott. Retzi, der Samariter

Drei Tage sind vergangen, ohne daß Chryseltius Voraussage sich erfüllt. Die Nächte — noch sind sie lind — hat Retzi unter Bäumen zugebracht, unbehelligt von Mensch und Tier. Tagsüber traf er einige Siedlungen an. Er brauchte nur die Hände auszustrecken, einer Sprache nach war es nicht möglich, Bitten vorzubringen. Man gab ihm Trank und Speise. Ach, es bedurfte nicht des Äußeren, Sprache und dergleichen, die fremden Leute waren immer gut gewillt und nahmen daher auch den ‚Segen Gottes‘ in Empfang, fraglos, was sie glaubten. Gebefreudigkeit bringt immer Segen ein.

Am dritten Abend, er wird von einem Sternenheer erhellt, sitzt Retzi eine Weile sinnend da. Mag es ein absonderer Gedanke sein: Drei Tage, wie Jesu auf der Welt drei Jahre durch die Lande ging, und dann erfüllte sich Sein hocherhabenes Kreuz-Not-Opfer!, mit allem, was Seine Ewigkeit zuvor in diese Liebe-Tat versenkte. Und kam alles an den Tag!

„Herr“, spricht er vor sich hin, „mein Leben mit allem Auf und Ab, und wird mehr ein Ab gewesen sein, hast Du in Deine Schöpfertat hinein genommen, hast mich in Deine heilsgewohnte Sorge eingehüllt und will ich‘s nicht errechnen: wie vieles mußt Du mir vergeben? Deine Mahnung an so manche Menschen gilt mir auch, steht vor mir:

»Sündige hinfort nicht mehr?«

Wie aber steht es um das weltliche Geschlecht? Mitunter wird mir bang, wenn ich mein Dasein zu bedenken habe und hast viel Mühe für mich aufgebracht (Jes. 43, 24), bis ans Ende auf der Welt. Dich sehe ich vor mir, wie trotz hehrem Ernst Deine Augen freundlich auf die Menge niedersahen. Unter Hunderten konntest Du inmitten stehn, und dennoch warst Du über allen hocherhaben und so — so gütignah, wie es keiner je vermag.

Leicht ist zu sagen: Du bist auch Gott, womit man sich entlasten will. Ein mageres Beginnen! Denn Vergleiche zwischen Dir und uns, die gibt es nie! Trotzdem spüre ich die Nähe Deiner Liebe, fühle Dich wie bei mir stehend. Also kann ich ja getrost mein Bitten und mein Danken, die Anbetung in Deine Hände legen. Du nimmst alles an, was ich in Demut und Bescheidenheit zu geben weiß. O, behüte Deine Kinderschar; mich bitte auch.“

Hat Retzi es nicht schon erlebt, wenn ein sanftes Säuseln aus des Himmels Sphäre niedertaut? Und der Eremit? Ihm kam vor, als wäre es der Herr gewesen. Wie soll er das vergleichen? Kann Gott nicht erscheinen wie Er will? War der Erlöser wie ein Mensch nicht unter Menschen? Er trug auch einen Namen auf der Welt. Wie jedermann. Es kommt wieder jenes Sanfte; ungesehen sitzt jemand neben ihm. Herr, was tust Du Deinem Knechte an?, dem Kleinen? Viel zuviel der Gnade und Barmherzigkeit!

»Das laß die Sorge deines Gottes sein!« Hm, dennoch anders fliegt es Retzi durch das Herz. »Der Schöpfer-Vater wiegt gewißlich Seine Gaben auf der Ordnungswaage aus, weil sowohl ein Zuwenig wie ein Zuviel den Kindern niemals dienlich sind. Und das glaubst du wohl: Meine Waage wiegt genau!

Auch das Vergleichen zwischen Mir und dir überlasse deinem Gott; denn das, was du als Mensch dabei verstehst, das gibt es bei MIR nicht! Aber anderes steht für Mein Kindervolk bereit. Das ist von Mir aus ein Vergleich, weil Ich die Kinder bei der Lichtgeburt Mir angeglichen habe (1. Mo. 1, 27). Obwohl scheinbar einerlei, ist der Unterschied so groß, wie zwischen Welt und Himmel sich das Universum wölbt. Sieh, Mein Lichtgewölbe, das man ‚Empyreum‘ heißt, für euch unmeßbar in Raum und Zeit, das bin ICH!! Die Kinder klein wie diese Welt und kannst du da getrost Mein ganzes Kindervolk mit ihr vermessen. Aber wieder das:

So hoch der Himmel über der Erde ist, bleibt Meine Gnade und die Vaterliebe über jedem Kind (Ps. 103, 11). Denke jetzt nicht an die Mörder, die Meinen Erdenleib zu Kreuze brachten, und für diese wäre Meine Gnadenliebe niemals angebracht. Was weißt du, was weiß der Mensch, solang ihn die Materie in Banden hält, von Meinem Wirken in und aus der Ewigkeit? Nie kannst du die Sterne zählen, die Tropfen aller Meere; und so vielfältig, für den Erdenwanderer gleichfalls unbekannt — was nichts schadet — sind Meine Gedanken und die Wege, die für Meine Werke zugemessen sind.

Und wieder nicht, es wäre schade, wenn des Menschen Seele allzu wenig von den Maßen wüßte. Schau, Sohn Retzi, es kommt bei Mir nicht darauf an, ob ein Wanderkind die Herrlichkeiten kennt, soweit Ich offenbare. Darauf aber kommt es an, ob sich jemand müht, freundlich, hilfsbereit zu sein; auch bei Feinden, wo stets nötig, keine Hand versagt, um einem Hingestürzten aufzuhelfen.

Kannst du dem nur leiblich helfen, der sich dem Licht nicht öffnen mag, bleibt die äußerliche Hilfe dennoch jenes Himmelsgut, das dem Geber und dem Nehmer angerechnet wird. Bin Ich barmherzig, so sage Mir, ob Ich an irgend welchen Enden sparen soll, wie Krämer auf der Welt es tun? Bei Mir gilt alles oder nichts. Das ‚Nichts‘ trifft nur auf arme Seelen zu, die erst zu befreien sind. Denn ein Nichts gibt‘s bei Mir nie!

Allein — auch Mein ‚Alles‘, Meiner Willensherrlichkeit und der Schöpfermacht entnommen, wird der Ordnungswaage anvertraut. Die hat ‚einerlei Gewicht‘: das der Gerechtigkeit! Sieh, es gibt ja gute Richter auf der Welt, freilich seltener, die bedenken, ob nicht ein Angeschuldigter zu retten sei, dessen Charakter schwach gewesen ist, und er mehr väterliche statt richterliche Führung nötig hat. Statt Charakter heißt es bei Mir ‚Seelenkraft‘.

Ich handle väterlich in Huld und Gnade. Zu Meiner Freude rechnest du die himmelweiten Unterschiede zwischen menschlichem Gebaren und Meinem ewig heilenden erbarmungsvollen ‚Gut‘ nicht aus. Denn trotz väterlicher Liebe würde es bei Bösen, aus dem Abgrund aufgestiegen, kein Bedecken geben, als würde Ich das Böse nicht betrachten. Das Gegenteil geschieht, Sohn Retzi.

Würde Ich das Ungut nicht besehen, wäre es nicht auszugleichen. Eines Kindes Unart rottet man nicht aus, wenn man diese unbeachtet läßt, dem Kind entsprechend seinem Alter und Begriffsvermögen keine Strafe zudiktiert. Wie sollte es je lernen, was gut und böse ist? Nur sieht Mein Strafen immer anders aus, als Menschen tun. Demnach wirkt es bei Mir auch ganz anders.

Strafen tun weh. Die Seele zittert vor dem Ungemach. Ich habe aber keine Rute, kein Gefängnis und dergleichen mehr. Ich — merke auf — halte das ‚Gewissen‘ eines Menschen in der Hand! Und da mag sich jeder sträuben wie er will, kann sich wenden, als hätte er das Stoßen nicht bemerkt. Ein Gewissen, der beste Seelenteil, umhüllt vom Geist, stirbt nie, ist nie empfindungslos!

Der ‚Anstoß‘, Ich verbinde aber Mein Gesetz mit keinem Muß, sondern mit dem freien ‚Soll‘, es wäre gut, wenn du es befolgst, sieh, das kommt aus Meinem Willen, dem ersten UR-Impuls, aus dem Meine Werke wurden! Ihr Werden legte Ich auf Meine Ordnungs-Waage. Die Ordnung, der zweite UR-Impuls, stellte Ich vor die Größe Meiner Willensherrlichkeit — für Meine Kinder!

Der Mensch von dieser Welt straft sich grundsätzlich selbst, weil jede Tat, gut oder böse, ihre Folgen hat. Gehn in großer herzlicher Barmherzigkeit die Folgen auch durch Meine Hand, durch die rechte der Gerechtigkeit, durch die linke Meiner Langmut, wird dann gerade dadurch jedweder Fehler ausgeglichen, gnädig angeglichen an Mein Gesetz. Du kannst‘s verstehen, bist auch vom Licht herabgestiegen, um mit zu dienen, mit zu helfen, soweit es jedem Kind gelingen mag. Das Gelingen — geht auch durch Meine Hand — ist das Verdienst, ist der Taglohngroschen, der jedem freien Wanderer herab in die Materie zugebilligt wird.

‚Ist‘, Retzi, nicht erst wird! Ausgehändigt wird er freilich erst beim Abendsegen, wenn der Schöpfungstag der Liebe von des Reiches Glocke ausgeläutet wird. Glaube es gewiß: das ist der Höhepunkt von aller Himmelsseligkeit, das Lichtgut, Meinen Kindern vorbehalten. Das meiste, was du nun empfangen hast an Wahrheit sondergleichen, kannst du für dich behalten; denn hier diese Weltbewohner sind im allgemeinen noch nicht reif, um das Heilige aufzunehmen und seelisch zu verwerten.

Du fragst, was man dafür könne, wenn es an der Seelenreife fehlt. An sich nichts, Mein Retzi. Das hängt mit dem Ablauf jener Zeit zusammen, die ICH dem Schöpfungstag bewilligt und nach dem Fall der armen Kinder gnadenvoll hinzugegeben habe. Doch die Gnadenzeit war im voraus bedacht, wenn durch die geschenkte Freiheit irgend welche Kindgeschöpfe sich vom Lichte lösen würden. Vorbedacht, aber nicht voraus bestimmt!

Letzteres hätte aus dem Zwang die Folge, was Meinem Willen nicht entspricht. Bloß vorgeplant, um in jedem Falle Meine schöpferische Souveränität MIR zu bewahren, was in jedem Zeitablauf geschieht. Diese Zeiten (Urjahre) kann kein Kind ermessen. Sieh, das tat die GÜTE, Meines Wesens Grundzug aus der Ewigkeit! Es gibt nichts, sei es winzigklein wie eine Mücke — im Vergleich gesagt, das im Ablauf einer hehren Tagesschöpfung nicht zuvor in Meinem Herrschaftswillen vorbereitet worden war!

Nun kannst du Mich auch etwas fragen, dein Herz ist übervoll und fließt her zu Mir, fast kristallklar. Sei nicht erschrocken. Auf dem Wanderweg gibt es für alle Dinge nur ein ‚fast‘, weil jederlei Vollendung erst im Licht erreichbar ist. Auch eine hohe Reservatio mentalis — zum Segensheil der heimgekehrten Kinder.«

Während dieser ‚Gottesrede‘ ist‘s Retzi so, als säße neben ihm der Heiland in Gestalt. Mitunter scheint er einen Strahl zu sehen. Am Ende — o, es ist der Heiland, den er erkennen darf. Und ganz anders! Nie wird ihm möglich sein, diesen Unterschied zu definieren. Aber merkbar ist es ihm bewußt: JESU, wie Er durch die Lande ging, und GOTT, den er in Seiner wundersamen Wesenheit erkennen lernen muß. Wohl auch vom Himmels-Reservatio. Hernach kommt dann die große Seligkeit im Vater haus.

Nun Retzi ‚seinen hochgeliebten Herrn‘ wie leiblich sitzen sieht, will er den Abstand wahren, der zwischen Schöpfer und Geschöpf zu gelten hat. Ein Liebeswort: »Kinder können neben ihrem Vater stets verweilen und bleibt sich‘s letzten Endes gleich, ob sie sitzen, stehen oder vor Mir knien, wie es die Gegebenheit erheischt. Also rücke Mir nicht von der Seite; sonst rückst du ja aus Meinem Herzen fort. Und das willst du ernstlich nicht.«

„Herr, Heiland, Vater! Laß mich immer bei Dir bleiben, allezeit wie jetzt. Das wäre meine höchste Seligkeit.“ »Gewiß, Mein Sohn; nur hebe diese Seligkeit für deine Heimkehr auf. Das Höchste bleibt dem Lichtreich zugestanden. Vorwegnahmen haben nämlich hinterher ein mageres, oft ein leeres Feld.«

„Vater-Heiland, lasse mich die Frage stellen: wer ist der Eremit? Schon sein Name klingt wie Himmel, und seine ganze Art — ich dachte wirklich erst, DU wärest mir in ihm begegnet. Doch er sprach von seinen Eltern, von dem Hause, wo ich hinzuwandern hätte. Das kann nicht göttlich sein. Oder wie?“ Eine Vaterhand streicht über das verwirrte Haar des Menschen.

»Ich komme wie Ich will, wie es jedem Kinde dient. Ich bin nicht Chryseltius gewesen, dennoch bin Ich dir durch ihn begegnet. Alles Höchstgeformte, im Wort und Werk, kommt von Mir! Fließt dies auch durch Lichtkindgeister, wie durch einen Menschen, so ist und bleibt es allezeit Mein Werk, Meine Offenbarung! Der Eremit ist ein Kind von Oben, aus höherer Region, willst du solche Unterschiede machen. Diesen Boten ist es leicht, Meinen Lichtfluß aufzunehmen und rein, entsprechend weiterleiten.

Denke nicht, in der Einsamkeit könne ja ein Mensch nicht wirken, wenigstens nicht viel und — nicht fallen. Du irrst gründlich! Über aller äußerer Enthüllung, von MIR gekommen, liegt die Straße aus dem Licht; und diese münden allesamt in MEINE BAHN!

Lichtgedanken gehen nicht bloß über diese oder eine andere Welt; sie kommen aus dem Empyreum, und sofern sie Menschen weiterleiten sollen — dürfen!, betrifft es das gesamte Infinitum! So sollst auch du noch wirken lernen, durch Meine Gnade, Hilfe, durch eine innere Offenbarung. Vergiß dein erstes Treffen mit Mir nicht und was Ich sagte: ‚Wenn ihr — die Erwachsenen — nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen.‘ Das gilt überall, zu jeder Zeit. Sei gesegnet, wandere deinen Weg. Halte dich an Mich, Ich halte dich wie jedes Meiner Kinder.«

Mit den Sternen ist der Herr entschwunden. Der Morgenhauch, kühl, erlabend, streicht über die Natur, auch über ihn, den Menschen, der es noch nicht fassen kann, was für ihn in dieser höchsten Gnadennacht geschah. „O mein Heiland, Du bist gegangen, wie der Nächte Sterngefunkel nicht mehr sichtbar ist. Ob die Sterne doch vorhanden sind? Wäre es nicht möglich (damals noch nicht wissend), daß wir sie durch eines Tages Sonnen-Helligkeit bloß nicht mehr sehen können? Ja, ich glaube, sie leuchten jederzeit, für uns sicht- und unsichtbar. Und so — so — —

Ach Vater, der Du mich überreich begnadet hast, ist es nicht das gleiche, Dich wohl nicht mehr sehend, wie Du in den Segensstunden neben mir gewesen bist?, aber da — ewig da, wie gewißlich Deine Sterne ewig leuchten, unabänderlich in ihrem Glanz, den DU ihnen gabst. An Deine Gegenwart klammere ich mich fest, lege meine kleine Hand in Deine schöpfungsgroße Rechte und gehe, wie Du willst, wohin Dein Gnadengeist mich führt.

In dieser ersten Morgenstunde, jubilierend weit und breit, ist der Vögel Anbetung. Ihr Zwitscherlied ist echtes Lob, Preis und Ehre. Vor Deiner Herrlichkeit neige ich mich nieder, bete Dich und Deine herzliche Erbarmung an. Was, bedenke ich mein Menschliches, bin ich denn vor Dir? Und hast mich eingebettet in Deine Huld! Hab‘ Lob und Preis, hab‘ Ehr und Dank für das, was von Dir in Fülle über mich gekommen ist.“

Außer allen lieben Vogeltönen herrscht rundum feierliche Stille, wie die Nacht gewesen ist, als Gott-Vater mit ihm sprach. Mit einem Einzigen von der großen Welt! Wie unfaßbar und doch geschehen. Retzi wartet kniend diese hehre Stille ab. Erst, als sich im Buschwerk Tiere regen, die Luft sich füllt vom weiteren Erwachen der Natur, erhebt er sich.

Nahebei fließt ein silberheller Bach. Daselbst löscht er seinen Durst, taucht seine Hände, sein Gesicht hinein und wendet sich dann langsam ab. Ungern geht er von der von GOTT gesegneten Stätte fort und nimmt sie doch in seinen tiefsten Herzgefühlen mit. Nie, niemals wird er diese Nacht vergessen; niemals wird sie auch nur schattenmäßig werden, wie natürlich vieles bei den Menschen nach und nach versinkt.

Er windet sich durch urwaldmäßiges Gebüsch. Der Mittag naht bereits, als er einen Weg entdeckt. Stammt der von Menschen? Er verläuft am Waldessaum. Das Buschgestrüpp ist zurückgeblieben. Dafür hält ein Blätterwerk von hohen Bäumen die Hitze ab. Viel Schatten liegt auf diesem Pfad. Es geht rasch voran, nachdem Retzi nochmals Wasser fand und in seinem Beutel, vom Eremit gefüllt, sich auch eine Zehrung findet.

An diesem Tage bleibt es ruhig; auch keine Siedlung kommt ihm in den Weg. Allmählich, es wird wieder Abend, führt die Trampelspur einen Berg hinan, nicht sehr hoch. Ein Zeichen, muß er denken: der gute Heiland macht den Gang mir leicht und wäre es doch richtig, wenn ich mein Päckchen tragen darf. ‚Kreuz‘, nannte es der Herr. »Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und, folgt MIR nach, ist Mein nicht wert!« (Matt. 10, 38)

„Dabei sind es Splitterchen“, spricht Retzi vor sich hin. „Die hat obendrein der Heiland auf Sein Kreuz geladen! Wie viele in dem Land, wo GOTT in Seiner wenngleich zugedeckten Herrlichkeit, mit Seinem Segen wandelte, stöhnten, schimpften, wenn ein winzig kleines Ungemach sie traf. Ging aber alles gut, da dachten sie sehr selten an den ‚Gott ihrer Väter‘, wie sie den ewig nahen Gott so gern in eine Ferne schoben. Gedacht — Er könnte es nicht sehen, wie man die Sinai-Gebote übertritt.

Halt“, Retzi streicht sich über seine Stirn, „denke erst an dich, wie du töricht warst, Gott nicht in die höchste Stufe stelltest.“ Ah, geht‘s in Gedanken weiter, man muß sich zuerst besehen, bevor man Fehler bei den andern Leuten sucht und — findet. Bei sich selber nie sehr gern, oft nicht.

Auf des kleinen Berges Kamm stöbert er ein Erdloch auf, geformt wie eine Höhle. Das ist Menschenwerk, er sieht es auf den ersten Blick. Er wird bald auf eine Stätte stoßen, auf Wanderer, Nomaden, oder wie der Wald es mit sich bringt, auf Räuber.

Des ‘nachts wacht Retzi von Geräuschen mehrmals auf. Tiere?, kaum; das Wild schläft auch. Zudem hat er bisher wenig Fauna angetroffen. Wer hat den Erdwall aufgesucht? Daß er nicht überfallen wurde, wundert ihn am Morgen. Den Fußspuren nach, die er sieht, konnten etwa zwanzig Leute beieinander sein. Ja — GOTT hat ihm den Weg gewiesen, GOTT beschützt ihn auch. Er gibt keinen Auftrag, der schon scheitert, bevor er sich erfüllt.

Noch bleibt rechterhand der Wald, links neigt das Gelände sich zu einer Aue nieder. In ihr weiden Tiere, kleinere und große, friedlich beieinander. „So könnten es die Menschen tun“, murmelt er. „Aber nein: die Großen übersehn die Kleinen, und die werden noch verfolgt. Hm, die Kleinen sind dafür voll Haß, voll Rache; manches Volk hat dadurch selber sich vernichtet.“

Gottes wundersame Rede haftet fest, sie geht ihm nimmer aus dem Sinn, nichts vom Eremiten. Viel Herrliches hat er erhalten. Ja — jederlei Begegnung mit dem Heiland, die gute Nacht beim Herrn — gar nichts gleicht dieser Wunderherrlichkeit! Retzi schließt das alles in die Seele ein, in seinen Geist.

In Gedanken mit dem Herrn verbunden, wandert er den Weg hinab. Viel Getier ist beisammen. Ihm fällt eben ein, Chryseltius sprach von einem Esel, den er brauchen würde. Nicht falsch: ein Pferd, daß zu reiten er gewohnt gewesen ist, würde ihm die besseren Dienste leisten. Esel können störrisch sein. Aber wie was fangen?, ohne Leine zügeln, das sieht schwierig aus.

An der Aue angekommen, trabt ein starker Esel bis zum Rand vom Weg, bleibt stehn und gibt einen leisen Ia-Ruf von sich. Vorsichtig — ungezähmte Tiere beißen gern aus Angst, streckt Retzi eine Hand zum Grauen hin. O, er läßt sich berühren, ja förmlich schmiegt er sich dem Menschen an. Diese buntgewürfelte Herde hat wohl nie mit uns Kontakt gehabt, ist zu erkennen; sie wissen nicht, wie ungut man zumeist ein Tier behandelt.

Sanft redend, Kopf, Hals und Schenkel streichelnd, ja, das ist das Tier, vom Eremit vorausgesagt. Leicht schwingt er sich auf den nicht hohen Rücken. Nur von Händen leitend, trabt der Esel an, bis Retzi nach paar Stunden Halt gebietet. Wieder nah beim Weg ein Wasserlauf. Der Pfad schlängelt sich daneben hin. Gras gibt‘s genug, bloß für Retzi wird die Kost ein wenig mager. Zeit wird es, an ein Dorf, an eine Stadt zu kommen.

Der Esel legt sich nieder; Retzi tut‘s ihm nach. Sein Brot teilt er ein. Lieber nicht ganz satt als später nichts, wenn — O nein, Gott-Vater hat ihm Seine Hilfe zugesagt, also gilt es zu vertrauen. Weil es nächtet, bleibt Retzi neben seinem, braven Traber. Die Erde wärmt, der Himmel deckt sie zu.

Am Morgen ziehen Wolken auf. Abends hatte Retzi noch aus dünnen Zweigen Zaumzeug hergestellt. Er probiert‘s dem Grauen an und der läßt es sich gefallen. Wie er darauf reagiert, vorher auf der freien Wildbahn ohne Menschen, ohne Zwang — verwunderlich. Ihm kommt der Gedanke aus der Altgeschichte Israels: Bileams Eselin (4. Mo. 22). Stimmt‘s, wie überliefert, dann zeigt es sich, daß der Schöpfer sehr wohl auch durch Tiere wirkt.

Die Sonne wandert ungesehen ihren Weg und — o Herr, ungesehen bist Du auch bei mir! Das füllt das Herz bis obenhin zum Überfließen an. Des Himmels Grau lichtet sich, zeitempfindend muß der Mittag schon vorüber sein. Da bockt der Esel, stemmt die Vorderhufe in den Sand und Retzi wäre beinah gestürzt, wie es Bileam geschah. Er schlägt ihn nicht. Beim Heer hatte er es oft erlebt: Tiere wittern eher, als der Mensch es merkt, wenn Gefahren drohen oder irgend was die Straße hemmt.

Er steigt ab, das Tier beruhigend, das zum nahen Walde schielt, mit einem kläglichen ‚Ia‘. Spähend sieht sich Retzi um. Er braucht den Grauen nicht zu binden; in der kurzen Zeit hat er — ein kleines Wunder festgestellt, daß der Vierbeiner nicht von seiner Seite weicht. Kling’s nicht wie Stöhnen? Oder ist‘s der Wind, der jetzt die Wolken auseinanderjagt? Das ist eines Menschen Klage, wimmernd, wie ein Kind es tut.

Retzi geht der Stimme nach. Hinter ein paar dicken Bäumen liegt ein Mann, gefesselt und übel zugerichtet. Eine breite Wunde zeigt sich auf der Stirne. Die nackte Brust ist mit blutigen Striemen übersät. Wer hat das getan? Darauf gibt‘s noch keine Antwort. O, das taten vielleicht jene, die in der vorhergehenden Nacht um das Erdloch tappten.

Retzi läuft zurück, den Esel holend hin zur Stelle, wo der Verwundete liegt. Ein römisches Messer hat er bei sich, vom letzten Quell im schlauch noch Wasser. Erst löst er die Fesseln, dann netzt er des Geschlagenen Lippen. Mit dem Wenigen, was er zur Verfügung hat, reinigt er die Wunden.

Retzi schlägt sich an die Stirn. Wenig überlegt man sich, warum dieses oder jenes. Er hatte bei der Aue zu den Pferden hingesehen, hochbeinige Tiere; dagegen bloß ein Esel — Und nun? Auf den Rücken eines Pferdes hätte er allein den Verletzten niemals hochgebracht. Es war ohnehin ein schweres Stück, als er den fast Halbtoten auf den Grauen hebt. Außerdem kann er ihn besser stützen.

Es geht sehr langsam vorwärts. Der Mann kann sich nicht selber halten. Brav ist der Graue. Retzi nennt ihn so. Ist es gleichfalls eine Führung? Der Weg wird breiter und sieht aus, als führe er zu einem Ort. ‚Alles, alles, Herr, ist Deine Gnadengunst! O Heiland, ganz großen Dank, weil ich, wie in Deinem hehren Gleichnis, auch ein Samariter bin — sein darf! (Luk. 10). Übermäßig reich hast Du, Herr Jesu, mich gesegnet,‘ Herzgedanken.

Am Horizont verglüht der letzte Sonnenstrahl, als er im aufkommen den Nachtdunst Häuser sieht. Er strebt darauf zu. Gewiß wird er für den Mann, auch für sich und seinen Grauen Hilfe haben. Beim Näherkommen sieht er eingeäscherte Häuser, vor denen Hände ringend Menschen stehn, heftig miteinander redend. Sollte das —? Und der niedergeschlagene Mann — —

Als man seiner ansichtig wird, weicht man zurück. Die Leute haben Angst. Als sie nur einen Mann erblicken, dazu den Wankenden, kommen sie gleich näher. Zwei Männer lösen sich aus der ziemlich großen Schar. Wortlos betten sie den Verletzten auf ein großes Fell, das jemand schleunigst aus einem noch intakten Hause holte. Gestikulierend redet man auf Retzi ein.

Der Verwundete gehört zum Ort, muß ein Vorsteher sein; man hebt über ihn einen Finger hoch. Leicht ist zu kombinieren: Räuber haben diesen Ort, halb Stadt, halb Dorf, überfallen, geraubt; gebrandet, und den Ortsältesten mit sich fortgeschleppt. Retzi wird freundlich aufgenommen. Da man sich mit Worten nicht verständigen kann, obwohl Retzi mehrere Sprachen spricht, bedient man sich der Zeichen. Im Traum erlebt Retzi folgendes:

Die Räuber ziehen weit im Land umher. Der Älteste wollte seine Leute schützen, hatte sich vor die Horde hingestellt und sie bedroht. Zwei Kerle verschleppten ihn, während andere viel raubten und etliche Häuser angezündet hatten. Keiner wußte, wo dann ihr Ältester geblieben war. Niemand getraute sich, ihn zu suchen; man fürchtete weiteren Hinterhalt. Dazu jene Worte: „Es sind gute Menschen, hilfsbereit, wenn sie auch den einen Gott nicht kennen. Die haben drei. Davon nennen sie den Hauptgott ‚Om-an-hua‘, während beide anderen keinen Namen haben. Sie sagen: die Nebengötter sind die rechte und die linke Hand; er, Om-an-hua, ist der Kopf. Ihres guten Lebens wegen sind sie ebenso gesegnet wie jene alle, die an den einen Gott und Vater glauben, der unser Heiland ist. Nicht nur ‚war‘, weil du sogar im Traumbild denkst, Er wäre ja nicht mehr auf dieser Welt.

Du kannst noch vieles lernen. Man hat des Herrn Vermächtniswort dir zugetragen: »Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!« (Matt. 28, 20). Welches Ende? Wann? Das wird bis zu eben diesem Ende nie ein Mensch erfahren, auch wenn man sich zur Neige hin die Norm erdenkt. Ist die gedachte Zeit vorbei, ohne das Errechnete zu bringen — ist alles keine echte Prophetie —‚ alsdann wird man wieder eine neue Spanne ausposaunen. Echt Menschenart!

Lasse dich um nichts verwirren; man wird sogar in naher Zukunft sagen: die Welt geht unter. Wohin?, das weiß keiner, niemand kennt die Stätte, wohin die Welt samt der Materie versinken wird. GOTTES Schöpfung ist unendlich; ER hat der Plätze ewiglich genug, eines um das andere ausgediente Werk — dies euretwegen nur gesagt — in Seinen Schöpfer-Grund zu legen! Wohlgemerkt: legen und verändern, in den Herrlichkeiten der Allmächtigkeit, nur niemals aufzulösen, wie der kleine Weltbewohner wähnt.

Mit den Leuten kommst du noch zurecht. Sie lernen es erkennen, daß ihr ‚Om-an-hua‘ — ist ohnehin ja bloß ein Name, der geglaubte Inhalt ist dem echten Glauben gleich — der wahre Gott und Schöpfer ist. Die rechte und die linke Hand ist absolut nicht falsch. Hast es selbst erlebt: mit der rechten Hand hat der Heiland aufgerichtet, und vergeben, mit der linken Hand gesegnet und geheilt. Bleibe hier zwei Tage, dann ziehe weiter unter Gottes Schutz und Schirm.“

Unendlich froh ist Retzi, was das Licht ihm brachte. „Dein guter Geist ist es gewesen“, spricht er in der Frühandacht, die er für sich immer hält, „auch wenn Du, mein Heiland-Vater, einen Engel zu mir sendest. Alles kommt allein von Dir! Was Irdische nicht recht glauben, — o, wie gerade darin offenbart sich Deine Führung, Deine Segnung, Dein lichtgeprägtes Heil!“ Gestärkt tritt Retzi aus dem Haus, in dem man ihm die Kammer richtete und auch sein Grauer Streu und Futter fand.

Gleich wird er umringt. Man hatte sich versammelt, um dem Retter Dank zu bringen. Hatte auch palavert: ‚Er ist der Unsere, er gehört zu uns, er soll bleiben.‘ Guter Wunsch, nur nicht der Wille Gottes. Dem Verwundeten geht es besser. Hier sind die Heilskräfte der Natur bekannt und werden angewendet. Mit erhobenen Händen grüßt man Retzi, als er aus der Türe tritt. Der Älteste hat gewünscht, seinen Helfer zu begrüßen. Nach einem guten Mahl wird er zu einem Haus geführt, das nur halb vom Brand verwüstet ist. Es ist das Haus des Ältesten.

Ungebildet sind die Leute nicht. Woher sie alles lernten, bleibt erst ein Rätsel. Der Älteste ist klug und dauert‘s gar nicht lang, verständigen sie sieh miteinander. Im Vordergrunde steht die Lehre von dem ‚einen wahrhaftigen Gott‘. Es kann verwundern, weil hier es auch bloß EINEN gibt. Der Name spielt ja keine Rolle. Man kann Gott nennen wie man will. Wo weder Ehrfurcht noch die Liebe vor der Herrschaftsherrlichkeit des Schöpfers wohnt, die Nächstenliebe, und wo man sich nicht selbst im Zügel hält, da ist alles andere eine halbe, oft gar keine Sache.

Als drei Götter kennt man drei Lebensstufen. Die erste, die man Om-an-hua nennt, ist der Kopf. Der ist oben, heißt es, als oberster Gott, als der Höchste. Sieh an, denkt Retzi, ist ein Lebensbild vom Licht. Die Nebengötter als die rechte und die linke Hand, heißt es, tun das, was das Haupt erdenkt und will. Keine Hand kann denken, sie muß tun, wie und was der Gedankenwille heischt. Und der wiederum sitzt im Haupt.

So ist‘s nicht schwer, dem Volksstamm ihren Gott als ‚einzigwahren Schöpfer‘ nah zu bringen. Der Älteste, unter bester Pflege schon gesund, wenn ein paar Wunden auch noch heilen müssen, hat großen Einfluß auf sein Gebiet, wirkt wie ein Vater. Trotz Ärmlichkeit, die im Stadtdorf herrscht, sind die Bewohner aufgeweckt, sie schaffen fleißig und kommen abends meist zum Ältesten. Heute auch. Er und Retzi kommen sich sehr nahe. Praktisches wird auch besprochen. Da kann Retzi manchen guten Rat erteilen.

Die zwei Tage, angefüllt mit Gottes Segen, sind viel zu rasch vergangen. Am letzten Abend wallt man zum Wiesenplan. Aus welcher Gnadentiefe Retzi reden soll — er kann es später nicht mehr sagen, wie es kam. Aus starker Eingebung spricht er ziemlich lang und zuletzt noch folgendes:

„Ihr Freunde, Gottes Kinder“, absichtlich nennt er ihren Gottesnamen, „nun steht ihr unter jenem Schutz, den der Schöpfer Himmels und der Erde angedeihen läßt. Glaubt an diesen einen Gott, liebt Ihn voll bewußt; und wie ihr bisher getan, so tut unter euch auch weiterhin: dient und liebt euch gegenseitig. Wer immer zu euch als ein Fremder kommt, dem helft, so gut ihr es vermögt. GOTT segnet euch, ER hilft euch, ER ist euch nah zu jeder Zeit.“

Die Worte werden nicht verstanden, doch das Heilige, die Fluoreszenz nimmt jeder auf: Mann, Frau und auch die Kinder. Gerade diese haben sich um Retzi eng geschart. O, wie herrlich! So stand er, das Kind, beim Heiland mit den andern Kindern. Ah, kein Vergleich, weil es in dieser Hinsicht zwischen Gott und einem Menschen keinen gibt. Immerhin — es ist auch ein Bild.

Retzi hat viel mitbekommen, Speise und Getränke. Der Graue ist gepflegt und satt. Aus Bast legt man ihm eine Decke auf, gut für seinen Rücken und für den Reiter. Bis zur nächsten Hügelhöhe gehen viele Leute nebenher. Retzi war niemals um etwas traurig, außer für den vielgeliebten Herrn, nun kommt eine kleine Wehmut über ihn. Er hat diese Menschen lieb gewonnen, sie ihn ebenfalls. Also waltet hier wie an so vielen Stätten, durch die Retzi kam, des Himmelsvaters Gnadensegen.

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