Kapitel 15
Eine lange Wanderzeit mit weltlichen Gefahren, Gottes Gnadenführung bleibt bestehen
Wieviel Tage oder ein paar Wochen, Monate die Wanderzeiten füllte, hat Retzi nicht gezählt. Er sinnt vor sich hin, als er eines Abends eine Hütte sieht, abseits einer kaum fußbreiten Spur, die einmal, wer weiß wer, vorgetreten hat. Was ist die Zeit der Welt, mit der wir ernstlich wenig anzufangen wissen? Kann man sie verlängern oder kürzen? Nein! Müde sinkt er nieder und hat nicht beachtet, daß den Hüttenboden trockenes Gras bedeckt.
Erst als ihm die Augen zuzufallen drohen, spürt er, daß er auf etwas Weichem liegt. Er setzt sich wieder auf. Manche Mühsal seines Ganges hat gelehrt, acht zu geben, wo Gefahren drohen. Daß ja der ‚gute Mann‘ —‚ ah, wieder kommt sein Kinderglaube in ihm hoch, ihn wundersam beschützt, bis hierher geleitet hat, ist seinen Sinnen nie entschwunden und nie der Dank dafür.
Morgens lobt er stets im vorhinein den Segen, den der Schöpfer jeden Tag verleiht; abends ist‘s der Dank, die Anbetung der Gnade wegen, die ihm widerfährt. Daß man Verstand und Vernunft gebrauchen soll, weiß er auch. Er steht wieder auf, obgleich ihm seine Beine etwas zittern. Die zwei letzten Tage hat er wieder einmal niemand angetroffen und von wilden Früchten sich gesättigt. Wasser fand er allerwärts, Durst brauchte er noch nicht zu leiden. Immerhin — was hierorts auf ihn lauert, die Gegend wird teils karg und felsig, ist mit weiterer Belastung wohl zu rechnen.
Damaskus liegt weiter hinter ihm, Issus, das nördliche Antiochien, und andere Stätten, wo Menschen und Kulturen anzutreffen sind. Daß auch bereits Makedonien bis ins nördliche Gebiet schon hinter ihm versunken ist, kann er nicht wissen. Eingenommene Gebiete wurden von den Römern registriert, soweit gegeben war. Hier ist jedoch ein teils unerforschtes Land.
Treffe ich jetzt Menschen an, überlegend umgeht Retzi die Hütte, auch das nähere Gesträuch, klein und urwaldmäßig wuchernd, da müßte ich mich hüten. Ach, über meiner Obacht wacht der Herr, der Heilige, der wunderbare Schöpfer-Gott! Zweimal umrundet er den Platz, um Spuren festzustellen. Jemand hat das Gras gesammelt, von allein kommt es nicht hierher. Wer hat das getan? Und von woher wurde es herzugebracht?
Er findet keinen Anhaltspunkt, von keinem Menschen, keinem Tier. Beruhigt streckt er sich aufs neue nieder. Vom Heeresdienst bekannt, hat er einen dicken Busch aus der rundum bei der Hütte etwas leichten Bodenart herausgezogen und vor dem Hütteneingang wieder eingepflanzt. Eine kleine Sicherheit.
Im Traum kommt ihm das Wort und eine Gnadenschau: er sieht sich selber liegen, rundum ist der Busch emporgewachsen, dies im Traum gesehen. Er selber, obwohl sich liegen sehend, geht um das Wucherzeug her um. O, sagt er freudig, ich bin ja eingehegt, kann ruhig schlafen, und — „Das kannst du auch“, sagt jemand neben ihm. Er sieht eine hohe, lichtherrliche Gestalt. „Du hast die Zeit der Welt bedacht. Ja, der Mensch kann sie weder ändern, kürzen noch verlängern. Was sprach der Heiland von der Zeit?“ Weiterhin im Traum bemüht sich Retzi, an das Wort zu denken. Er spürt es wohl, findet jedoch keinen Faden, wo anzuknüpfen wäre. Der Lichte lächelt.
„Zwar findest du das Fädlein nicht, doch sieht Gott-Vater deine Mühe freundlich an. In Verbindung mit dem Heilandsweg bis hin zur völligen Erlösung sprach der Herr: »Es kommt die Nacht» (weltdunkel), »da niemand wirken kann!« (Job. 9, 4). Das ist das Vergängliche, in welchem dennoch Gottes Gnadenwille schafft.
David hatte schon erkannt: ‚Er deckt mich in Seiner Hütte zu zur bösen Zeit, Er verbirgt mich heimlich in Seinem Gezelt und erhöht mich auf Seinem Felsen‘ (Ps. 27, 5). Dein Körper liegt in der Hütte; Geist und Seele stehen neben mir. Mit Äußerlichem bist du zugedeckt, was der Schöpfer wachsen ließ. Darüber wölbt sich noch des Himmels Firmament mit seinen menschlich ungezählten Augen (Sternen), und bist drin verborgen. Auf dem Felsen, der niemals wankt noch weicht: dein GOTT! Selbst naturmäßig zeigt es dir der Herr. Aus des Tales Niederung bist du ein paar Stunden hochgestiegen und befindest dich auf einem Hochplateau.
Noch ein dir unbekanntes Wort will ich dir künden: ‚Unsere Zeit ist, wie ein Schatten dahinfährt; wenn wir weg sind, ist kein Wiederkehren. Denn es ist fest versiegelt, daß niemand wiederkommt‘ (Weis. Sal. 2, 5). Wohl hat Salomo trotz Erkenntnis, die das Licht ihm gab, nicht den vollen Sinn erkannt, hat es weltlich ausgelegt. Wir aber, Retzi, legen es uns aus in Verbindung mit dem Herrenwort: »Wenn die Nacht kommt, kann niemand wirken!«
Des Menschen Zeit in der Materie ist dem Schatten gleich, und die Nacht bringt sie nicht wieder. Abgesehen großer Zeichen, wenn GOTT jemand noch einmal in die Materie sendet, kehrt keine Seele wieder auf die Welt zurück, auf die Erde oder anderwärts. Wer jedoch auf seinem Wanderweg entsprechend tätig war, geistig, für manch Armen irdisch, in Wort, in Tat, dessen Weg, richtiger: die Seele befällt kein Schatten, weder eines trügerischen Weltablaufes, noch einer Seelenlast aus etwa ungenützter Gnadenzeit.“
„Welch wahres Wort!“ Im Schlaf seufzt Retzi auf; viele Gedanken gehen in ihm um, fragend: „Möchte gerne wissen, wer mit mir spricht, bedenke nur . . .“ ‚‚. . . nicht extra nötig“, wird erwidert. „Sieh, kommt es nicht bloß darauf an, was gegeben wird? O gewiß, auch der ‚WER‘ kann im Vordergrunde stehn! Nur greift der Mensch zu leicht nach Hohem, was ihm nicht gebührt. Und glaube ja: je höher er zu langen sucht, um so tiefer sinkt die Seele ab, mögen solche Wünsche auch nicht böse sein.
Du bescheidest dich, begnügst dich mit der ‚lichtherrlichen Gestalt‘, die sich mit dir im Traum befaßt. Ein lichtherrlicher Segen überkommt dich daher auch.“ „Wie kann, wie soll ich dafür danken? Reicht wohl keine Ewigkeit des Höchsten aus, um den Dank dem Vater darzubringen, meinem — unserem Heiland, der für allesamt gekommen war, um alle zu erlösen. Mich auch.«
„Rechne nicht mit allzu vielen Ewigkeiten, deren es bloß eine gibt! Wohl schuf der Schöpfer ungezählte Werke und für jedes eine Ewigkeit; doch alles ist und bleibt das Eine, aus dem EINEN ! Gut erkannt. „Ja, durch des Vaters Güte. Darin liegt wohl alles GUT, was der Mensch nie voll erfassen wird. Aber etwas, wenn ich darf, möchte ich dich fragen.“ „Frage! Wo nicht die Wißbegier aus jenem Abgrund steigt: Wenn ich‘s weiß, kann ich glänzen, dann ist‘s der Weg zur Weisheit aus dem Licht. Unterschied —?
Das fällt dem Menschen wirklich schwer und bleibt unberechnet, wo eben nicht ein materielles Denken ihn beherrscht. Ansonst gibt‘s dafür eine Abrechnung. Nun frage.“ Retzi dreht sich etwas um, als ob er so der herrlichen Gestalt noch näher käme, und der Gedanke: Sie müßte wissen, was ich fragen will. Da sieht er im Gesicht des Herrlichen ein Lächeln so grundgütig und — eigentlich wie heilig, wie er es einmal sah, als der Heiland voller Nachsicht lächelte, ob menschlicher Unzulänglichkeit. Ihm wird wonnig wohl zumute.
„Als der Heiland uns, die Kinder, um Sich sammelte und ich jene Worte hörte: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …«‚ damals habe ich das nicht verstanden; bloß überfreudig wurde ich. Gerade uns sammelt der ‚gute Mann‘ um Sich. Später, als ich mannbar wurde, meinte ich, man könne doch nicht kindlich werden, klein, unwissend, wenn vielleicht auch . . .‘‘ ». . . um so gläubiger, weil herzensrein, nicht wahr?«
„Du hast recht, Herrlicher! Doch das ‚wie‘ blieb unbekannt.“ »Da werde Ich dir helfen müssen, damit du deinen ‚guten Mann‘ genau verstehst. Ein Römer hatte auch den Herrn gefragt so wie du. Weil derselbe oft die Späher und die Neidlinge vertrieb, besten Sinnes, deshalb sprach der Herr zu ihm:
»Die Kindlein sind gemeint, was nicht heißt, du müßtest wieder unwissend werden. Uneingeschränkt vertrauen sich die Kinder an und glauben eine Sache, wenngleich der menschliche Verstand noch wie im Schlafe ruht. Das Tiefste ist: Gottes Kinder, in des Vaters Reich, das Mein Reich ist, wie Ich später es Pilatus deutete: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt, weil im Lichte alles gut und sauber ist, ohne jegliche Materie.
Davon bist du gekommen, Römer, hast die Straße angetreten, freudig deinen Dienst geleistet und bist Mir, deinem Vater-Gott, auf dieser Welt begegnet, auch, wer den Beihilfsweg vollendet hat, die Materie abgestreift und wieder lichtrein ist. Das war Meiner Worte tiefster Sinn.‘ Der Römer hatte es verstanden und ist einer jener, der schon heimgekommen ist. Jetzt weiß er es am besten, was Gottes Lehre auf der Welt in allen Punkte zu besagen hat.«
„Ah, die Binde fällt mir von den Augen. Noch nicht erreicht, doch mit des Heiland-Vaters Gnade werde ich einmal ein rechtes Kindlein sein.“ »Oder lieber doch ein Sohn, wenn du willst?« „Wollen schon. Ob ich es erreiche?‘‘ »Das überlasse Mir mit allen Dingen, was ICH zu schaffen weiß, für das gesamte Kindervolk!«
Auf einmal ist die lichtherrliche Gestalt enteilt. Dunkelheit, sanft und gut, umgibt den Schläfer. Dadurch wacht er auf. Jäh sich erhebend, die Arme reckend, als wolle er die Gestalt erreichen, so kniet er nieder. Retzi überrollen förmlich die Gedanken, dämmernd: „Wer war bei mir? Gewiß hat der Vater einen Engel hergesandt, einen von den ersten Großen. Denn Er Selbst —? Nein, das bin ich noch lang nicht wert.“
Er hört ein Wort: ‚‚Gottes Gnade offenbart sich, wie Er will. Er gibt nach dem Maß, wie jedem Kinde dienlich ist. Kommt Er Selbst, wie du im Traum erlebtest, so ist es keine Auszeichnung, die dir zu gelten hat. Schickt Er einen Engel, alsdann ist das absolut nichts Minderes. Wir — ich bin dein Führer aus dem Licht — bringen das, was der Herr in Auftrag gibt. Nichts, was nicht aus Seinen Gnadenhänden kommt, nichts, was Er nicht wieder einvernimmt. Das ist der Segen, von Gottes Ewigkeit geprägt. Mehr bedarfst du nicht, mehr keines Seiner Kinder.“
Über Retzis schlafheiße Stirn streicht eine linde Hand. Er greift danach und wacht endgültig auf. Ganz benommen bleibt er noch ein Weilchen sitzen, sinnt über Traum und Worte nach und kann sich gar nicht fassen ob der Güte, die ihm widerfahren ist. Wieder kniend, hebt er beide Hände hoch, dankt ohne Worte mit einem übervollen Herzen aus reifgewordener Seele.
Doch die Welt tritt wieder in den Vordergrund, nicht ihn beherrschend, nur des Erdenlebens Dasein fordert Auf und Ab. O ja, trotz unermeßlich hehrer Herrlichkeit muß er das Weitere bedenken, den Weg und wie es weitergehen soll. Hunger hat er auch. Gestern hatte er nicht viel gefunden, was die Natur in dieser Ode anzubieten hat. Er schüttelt vom Gewand die Gräser ab und eilt hinaus. Noch ist die Nacht nicht ganz entwichen, ein schmaler heller Streifen zeigt sich erst, soweit ein Bergnebel es erlaubt.
Nicht viel zu finden, spricht Retzi vor sich hin. Erst mal Wasser haben, um sich zu waschen und ein Trunk zu tun, dann sieht schon alles besser aus. Er braucht nicht Weit zu suchen. Vom Hochplateau rinnt ein glasklares Wässerlein herab. An den Rändern stehen Büsche, behängt mit leuchtend roten Beeren. Er trinkt und reinigt sich. Die ziemlich großen Beeren untersucht er erst. Man kann nicht wissen, der Verstand sagt: prüfe!
Er zerdrückt ‚ein paar Rote in der hohlen Hand, riecht daran. Der Saft wird nicht dunkel und riecht lieblich. Vorsichtig nimmt er ein paar Tropfen auf die Zunge. ‚Etwa eine halbe Stunde wartet er, indes der Himmel heller wird. Der neue Tag beginnt. Ihm wird nicht übel, also sind die Beeren gut. „Des Vaters Tafel“, sagt Retzi laut und dankt. Er sammelt seine Tasche reichlich voll. In seinen kleinen Schlauch füllt er vom frischen Wasser; er hat damit wieder einen vollen Tag genug.
„Du führst mich wahrlich gnädiglich, mein Vater-Gott, Du Heiland hoher Himmelsliebe! Immer wieder sehe ich, als stündest Du vor mir, wie bei Charius und Susanne, wie bei vielen anderen, die Dir treu ergeben waren, so gut es halt ein Mensch vermag. Fehlt auch noch viel bei mir.“ Der ganze Tagesmarsch, mit ein paar kurzen Rasten unterbrochen, ist angefüllt mit vor sich hingesprochenen Worten, mit Gedanken, die allein dem Heiland Jesu gelten.
Die Landschaft ändert sich. Ab und zu gibt‘s noch kleine Hügel, leicht zu überwinden. Drei Tage gehen hin, ohne eine Siedlung anzutreffen. „Hab‘ ich mich verirrt? Hat Chryseltius vorausgesagt, ich würde jene Stätte finden, wo der Eremit auch eine Heimat fand?“
Die Rückschau ins vergangene Zuhause tritt heran. Retzi sieht sein Mutterle. Wie hat er sie so sehr geliebt und als kleiner Knirps es sich gedacht: Bin ich groß, dann schütze ich sie vor dem — ja, ja — vergeben: vor dem Vater.
Nerias taucht auf, die letzten schönen Abende bei Sematra, aber auch das Bittere: Was hat man aus des Heilands Lehre, aus Seinem Wundertun gemacht?! Schon vergessen, weil — O weh, alle hatte man verfolgt, die an Gott Jesu glaubten. Nein, nie, niemals geht das hohe Gnadenheil verloren; denn sonst — Retzi wagt es nicht einmal bewußt zu denken, sonst wäre Jesu nicht der Schöpfergott gewesen! Und ER war es ganz bestimmt!
Er ahnt‘s noch nicht, daß seine Überzeugung beinah bis zum Himmel reicht. Nicht ganz, wenngleich man seinen Glauben ‚ganz‘ zu nennen hat. Selber wähnt er sich noch weltverhaftet aus der Gewißheit: Das Höchste und Vollkommenste, das GOTT allein gehört, die Vollendung eines Kindes — nichts hat davon die Welt im Recht. Wie sagte unser Herr: »Mein Empyreum!« O ja, dort allein ist das Vollkommene des Schöpfers, die Vollendungsmöglichkeit der Kinder; daselbst bleibt das Höchste bei sich selbst zu Hause! —
Am fünften Tag nach jener Nacht, wo der ‚Lichtherrliche‘ zu ihm im Traumbild kam, da endlich erreicht Retzi wieder einen Ort. Von einer Höhe aus gesehen scheint es wohl ein Dorf zu sein. Auf einer großen Fläche weiden Tiere, sieht wie Ziegen aus. Felder gibt es auch, nicht besonders gut bestellt. Dafür hat er einen Blick. Hm, immerhin, es wird wirklich Zeit, daß er wieder etwas anderes bekommt als bloß Beeren, Wurzeln, Wasser, trotz echter Dankbarkeit für solche Gottesgaben.
Ein paar Männer stehen auf dem Weg, ihn argwöhnisch betrachtend. Er verhält seinen Schritt. Hat man vor einem Einzelnen Angst? Der römischen Sitte gemäß hebt er die rechte Hand zum Gruß. Sprachlich wird es Schwierigkeiten geben, wie zumeist. Dann eine große Überraschung. Es wirft Retzi beinah um.
Ein großer Mann, ärmlich aber rein gekleidet, tritt vor und sagt mit etwas holprigem Italisch: „Dein Gruß zeigt uns den Römer an, und diese haben bei uns nichts zu suchen. Bist du jedoch allein, ohne Hinterhalt, dann komme mit. Siehst nämlich müde aus; und müde Leute weisen wir nicht fort. Wir bekennen es gleich offen: wir sind Christen, aus verschiedenen Gebieten. Unser HERR hat uns hierher geführt, einen wie den anderen.
Solltest du jedoch ein Zeichen geben für irgend einen Hinterhalt, dann“, der Mann deutet auf das Dorf, „bringen wir uns selber um, ehe wir den römischen Schakalen in die Hände fallen“. Es spricht solch große Trauer aus den Mienen dieser Männer, daß Retzi — ein Mann sollte sich nicht schämen, dem halt ein paar Tränen kommen. Er macht über seiner Brust ein Kreuzeszeichen; allein beides, Tränen und das Zeichen überzeugen nicht so rasch. Was müssen diese Armen schon erduldet haben? —?
Retzi hebt beide Hände nach oben hin, umfängt den Mann und sagt: „Bruder, in Christo Jesu, glaube mir, ich bin auch ein Christ. Ich sehe, wer und was ihr seid: Gottes Kinder! Ob Römer, Juden, und was weiß ich noch, das zählt nicht vor unserem Gott. Bloß die Herzen sieht Er an. Ich bin allein, trage keine Waffe, noch kommen hinter mir Bewaffnete. Und gesagt, denn sieh: Ich könnte es nicht wissen, ob ich in einen Hinterhalt geraten bin. Habe es erlebt, daß man sich Galiläer nannte, als folge man dem Heiland nach. Hat dann ein Gegenüber im Vertrauen auch bekannt, dann wurde dies Vertrauen grob mißbraucht. ‚Was bist du? Ab mit dir!‘
So stehen wir uns gegenüber. Also mag es sich erweisen, ob das Vertrauen, gegenseitig dargebracht, die volle Gültigkeit besitzt. Ich bekenne auch: gebürtig bin ich aus Israel, aus Umständen wurde ich ein Römer, äußerlich, Freunde. Innerlich bin ich nichts anderes geworden als ein Nachfolger Jesu, des Heilandes aus Seiner eigenen Gott-Ewigkeit! Von Ihm, dem Herrn, bekam ich jenen Auftrag, alles hinter mich zu lassen, Haus und Hof, Heimat, Geld und Gut. Und bin dem Auftrag nachgekommen. Nun —?“
Die Dorfbewohner sehen sich an; ein Nicken: der ist echt. O, trotz Einsamkeit kam schon manch einer, auch mehrere des Wegs, und es war bisher schwer, sie zu verscheuchen, um ihr ärmliches Zuhause zu bewahren, Weib und Kind. Retzi merkt, was die Männer denken. Ruhig wartet er, sieht sie aber offen an und macht abermals das Zeichen über seiner Brust: das Kreuz. Endlich — „Du bist in der Tat ein Bruder“, sagt der Älteste des Dorfes. „Komme mit!“ Die Häuschen sehen mehr wie Hütten aus, bescheiden, dennoch fest aus Holz gebaut. Auch die Einrichtung ist karg. Aber überall herrscht große Reinlichkeit. Ihm wird aufgetragen, was die Leute herzugeben wissen: Hirsebrot, Ziegenmilch, Käse und Melonen. Retzi hätte nicht gedacht, das Letztere hier zu finden sind. Auf Befragen wird ihm erklärt:
„Wir haben sie mit großer Mühe angebaut. Einige von uns hatten Obstbäumchen mitgeschleppt, doch die gedeihen nicht. Nun, wir sind zufrieden, der Heiland gibt genug und mehr bedarf es nicht. Dürfen wir ein wenig von dir wissen, Erlebnis, Weg und Ziel?“ „Ich behalte nichts für mich; es kann auch den Gläubigsten erleichtern, wenn er nach großer Einsamkeit mit jemand sprechen kann. Und trifft man Jesu-Freunde an, dann laufen Herz und Zunge über.“
Das überzeugt. Der Fremde kam mit keiner Paradiesesschlange. Als mit den Frauen Kinder kommen, die Kleinen sich um Retzi scharen, ein Abbild, wie Retzi es als Kind erlebte und viele Kleine um den Heiland eng gedrängt, da bricht das letzte Eis, die letzte immer noch so bange Frage: Ist er echt?
Nach dem Mahl fällt Retzi jählings auf den Boden nieder und rührt sich nicht. „Er ist übermüdet“, sagt der älteste, der Matthia heißt. Er holt Decken, schiebt eine unter Retzis Kopf, mit der anderen deckt er ihn zu. Man verläßt den Raum, um den Schläfer nicht zu stören. Am Abend wacht er auf, neu gestärkt. Er muß sich zwar erst mal besinnen, wo er ist; doch als Matthia zu ihm kommt, steigt die Erinnerung gleich auf.
„Dir danke ich, Bruder“, sagt Retzi herzlich „Ihr habt mich, den Fremden, aufgenommen, habt meinen Schlaf bewacht, und das zeigt mir an, daß ich Freunde angetroffen habe.“ „Das bist du uns auch“, bekennt Matthia. „Laß uns erst zu Abend essen, dann würden wir gern hören, welche weiten Wege du gewandert bist. Nimm fürlieb mit dem, was wir zu bieten haben.“
„Was jemand gerne gibt, ist vom Herrn gesegnet. Das Viele oder weltliche Gut dient nicht oft zum Besten. Jesu hatte vielmals Brot und Fische ausgeteilt, und wurden immer alle satt, einmal sogar rund fünftausend Leute.“ ? Matthia blickt erstaunt, als ob er das nicht glauben könne. „Ich erzähle es euch dann“, sagt Retzi. Gespannt wartet man auf diese Mär.
Wie bei Sematra wird hier das Abendmahl gehalten: Brot und ein Getränk. Wein gibt es hier ja nicht; und darauf kommt es auch nicht an. Man kennt nicht das genaue Wort, das der Herr zu Seinen Jüngern sprach. Retzi sagte es an, wie er es von einem Jünger hörte. O, wie leuchten alle Augen hell. „Du hast das Vermächtnis unseres geliebten Herrn gebracht“, dankt Matthia ernst, „von nun an können wir es auch so halten, wenn vielleicht . . .“
„Ganz recht“, unterbricht Retzi. „Ich glaube, daß es nicht das Wörtliche allein betrifft; der Lichtsinn und was wir selber dabei denken, in uns fühlen, dem Hochgeliebten uns vertrauen, das sieht unser Schöpfer-Vater an! Einer hat es aufgeschrieben, wie ich hörte (Matt. 26, 26-28) und man kann sich danach richten. Auf meinen Wegen kam mir viel Verschiedenes unter; doch trotz mancher Änderung von Jesu Worten stand der Glaube an den Herrn im Vordergrund. Das, meine ich, bleibt stets das Wichtigste.
Wohl gab es ein paar Dinge, die zurechtzurücken sind, weil man ungenau ans Echte dachte, wie etwa wer war der Herr? Das kam daher mit, weil Er, und das nur der Menschen wegen, die das Höchste nicht erfassen konnten, Sich als ‚Sohn Gottes‘ offenbarte, wiederum jene Frage an die Denkenden stellte: »Wer Mich sieht, der sieht den Vater; glaubst du das?« (Joh. 14, 9).
Was Zweifel schaffen könnte: ‚Das Reich des Vaters‘. Zu Pilatus: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt!« (Joh. 18, 36). Mit meinen Zieheltern hörte ich den Hochgeliebten und viel von einwandfreien Zeugen, und habe ich erkannt: Waren um den Heiland Leute, wie das allgemeine Volk das nicht in Schulen war, dann verdeckte sich der Herr, sprach vom Vater, von Sich als dem Sohn, wobei ich einmal mit vernahm, daß Er in dieser Hinsicht von ‚Versöhnung‘ sprach, von ‚Sühne‘, für alle Menschen dargebracht. Standen bei Ihm Wenige, die sich ernstliche Gedanken machten, nicht zuletzt manch hoher Römer, aber nie, wenn Templer bei Ihm lauschten, dann offenbarte Er Sich als der ICH !
Gerade darüber habe ich dann später nachgedacht, als ich erwachsen war und selbst entscheiden konnte: was ist Wahrheit?, so wie auch Pilatus fragte, und erkannt, wer unser Heiland war. Das hatte mich so sehr beseligt, da war ich glücklich, wie man an sich weltlich niemals wirklich ist. Das ist eben —“ Retzi stützt die Stirne auf, wieder einmal übermannt ihn das Gefühl:
O mein Gott, DU Selbst bist auf die arme Welt gekommen, und wie Wenige haben Dich erkannt! Geliebt — o ja, gar viele gingen Dir in Liebe nach. Wieviel Frauen (u.a. Luk. 8, 2-3) folgten Dir, ungeachtet dessen, daß man sie verschrie und manche Männer das nicht dulden mochten. Gerade diese Frauen waren standhaft in der Liebe, in der Treue, sie sahen nur auf Dich!
Er merkt nicht, daß die Dorfgemeinde, alle hatten sich versammelt, sich Blicke gaben, ungewiß warnend, fragend. Ach, man muß bedenken, und Retzi tut‘s, hier sind Menschen aus verschiedenen Gebieten mit demnach unterschiedlicher Erkenntnis. Nicht alle haben selbst den Herrn erlebt; und wenn ja, dann waren sie doch Kinder, wie er es auch gewesen war — damals.
Aber das: er blieb ja länger im gelobten Land, wie man es später nannte, während ach wie viele Leute sicher schon in früher Jugend ausgewandert waren. Haben sie wie er, Retzi, mancherlei erfahren, so steht nicht fest, daß sie es vernahmen, wie es wirklich war: JESU Leben, Seine Lehren, Seine Taten, nicht zuletzt das Erhabenste, das über Seine eigene Person.
Mitgefühl und leise Trauer überwiegen, Retzi sagt: „Ihr seid mit mancherlei bedrückt, Unklarheiten, die leicht zu falscher Ansicht führen. Nichts ist wichtiger, als die Klarheit über unseren Herrn! Sagt getrost, wie ihr den Heiland seht, alsdann können wir darüber reden, ohne uns einander weh zu tun. Ich, voraus bekannt, halte Ihn für GOTT, den Schöpfer Himmels und des ganzen All, Schaffer aller Lebensdinge. Ich habe Ihn gesehen, habe Ihn auf meinem Weg gehört (S. 150, 2-154, 1), einwandfrei, des seid gewiß.“
„Du meinst es ehrlich, Bruder Retzi; doch wir glauben, daß der Heiland ‚Gottes SOHN‘ gewesen ist. Nicht mehr, nicht weniger, nach Gott der Erste und der Höchste unter aller Kreatur.“ „Ich darf dir entgegnen?“ „Aber ja, wir wollen absolut nicht festgefroren sein.‘‘ „Das ist lobenswert und gut; so kommen wir auf einen Nenner. Eines darf ich gleich berichtigen:
Unter Kreatur sind Tiere zu verstehen, während Menschen auf der Welt und anderwärts Geschöpfe sind, Gottes schönste Schaffung. Nur nebenher vermerkt. Ich sah vorhin“, wendet Retzi sich Matthia zu, „daß du Kinder hast, das älteste ist ein Sohn, auch gemerkt, wie du sie liebst. Nun achte einmal auf, ein Beispiel:
Eine Horde überfällt das Dorf. Um euch zu retten, bietest du ein Lösegeld, mit dem Gedanken, die Bösen von den Taten abzuhalten: das Dorf einzuäschern, deine Leute hinzumorden. Da verlangt der Bandenoberste dich oder deinen Sohn. Würdest du den Knaben opfern oder selber dich für deine Schutzbefohlenen hinzugeben? Brächtest du es übers Herz, deinen Sohn der Horde auszuliefern und zuzusehen, wie man mit deinem Kind verfährt?“
„Hör auf!“ schreit Matthia. Man weicht von Retzi ab. Er spürte aber Gottes Eingebung: »Sprich scharf, wie die Salbe eines Arztes ätzend brennt und dann heilt.« Ach, o weh! „Wie ließen wir uns von dir täuschen!“ Matthia kann sich nicht beruhigen. Tränen rinnen über seine Wangen, indes er seinen Knaben an sich preßt. Da erhebt sich Retzi, groß steht er vor den Leuten, sein Gesicht wirkt ernst und gut. Man blickt wieder zu ihm auf.
„Matthia, liebe Freunde, höret erst, ehe ihr zu falschen Schlüssen kommt. Oft hat Jesu in den Reden Bilder angewandt, mit denen Er die meist nicht leichte Lehre näher brachte. Genau so durfte ich es tun. Daß du, Matthia, niemals deinen Sohn; überhaupt kein Kind zum Opfer geben würdest, könntest du die Deinen selbst befreien, bedarf keinerlei Erklärung. Nun überlege dir:
Bist du besser als Gott Selbst? Kannst du höher denken als Sein weiser Sinn es tut?! Bist du in der Lage, unendlich mehr als unser Schöpfer-Gott das Werk hinauszuführen: die ERLÖSUNG?“ Retzi wartet eine Pause ab. Eine Himmelslast hat er Matthia aufgebürdet. Es rinnt allmählich auch in die Gemeinde ein. Unsicher steht Matthia auf, umarmt Retzi und sagt halb schluchzend:
„Du hast mich geheilt, auch wenn ich noch nicht voll erfasse, was du mit dem Gleichnis meinst. Als wir, einer mehr, der andere weniger jung, vor den Verfolgern fliehen mußten, obwohl wir durchweg bloß vom Heiland hörten und dennoch an Ihn glaubten, weil alles gut und lichthell war, kam manches uns zu Ohren, was der Herr vielleicht ganz anders sprach oder anders deutete. So auch der Glaube: Er ist Gottes eingeborener Sohn!“
„Durchaus verständlich“, lächelt Retzi. „Dich mußte treffen, was ich — zwar nur als Gleichnis — entscheidend forderte: dein Sohn oder du! Und nun zu unserem Vater-Gott. Hätte Er den eingeborenen Sohn, nebenher gefragt: was sind wir, nennt Er uns Seine Kinder? Söhne, Töchter?, aber eben: nie, nie würde Gott, die hocherhabene Liebe und Barmherzigkeit, eines Seiner Kinder opfern, wenn es gilt, mit einem höchsten, unendlich schwersten Opfergang den Abfall zu erlösen, der einst geschah!
Wie du, Matthia, als ein Mensch, es nie vermöchtest, deinen Sohn dahinzugeben, um wieviel Male mehr Gott Selbst, der VATER Seiner Kinder! Ihr keimt Abrahams Geschichte sicher nicht, mit der wir das beste Bildnis haben, in Verbindung: wie handelt Gott? Es war weder die Versuchung — Gott versucht kein Kind!, — noch für Sich ein Bild, ob ein Vater seinen Sohn ‚im Auftrag Gottes‘ opfern könnte, nun so: Gott hat einen Sohn, und weil die Finsternis die Erlösung braucht, haben soll und muß, prüft Gott an einem Erdenvater, ob solch ein ‚Sohn-Opfer‘ möglich ist.
In unendlich weiter Vorschau, für uns Menschen in dieser und der späteren Zeit, hat der Höchste dieses Wunderbild gegeben, wie leider falsch geflüstert wird. Abraham, ein Cherubim, war gewillt, das unverstandene Gebot des Höchsten zu erfüllen, wollte sich aber auch mit in das Feuer werfen. Wie sein Sohn würde leiden müssen, also er auch selbst — freiwillig! [VH6].
Nun ist noch folgendes zu verstehen: eine Schöpfung kann nicht ohne Waltung bleiben, und weil alles GOTTES Werk, sind daher Seine Schöpferhände stets bereit, Sein Lichtgut zu erhalten. Also blieb ER als die höchste Souveränität in Seinem Heiligtum, gerade darum, weil ein Opfergang geschehen sollte. Er nahm aus Seinen sieben Sternen, die auch die Bezeichnung Fackeln, Leuchter, Geister haben (OJ. 1, 16; 4, 5; Jes. 11, 2), ein Einziges heraus, im Symbol eben wie ein Sohn, als Versöhnung ausgewählt.
Das war der Tages-Dominant, Seine sechste Eigenschaft, die Liebe, die Er vom Willen und der Ordnung, von der Weisheit und dem Ernst im Opfergang vertreten ließ. Jesu nannte Sich der ‚Menschen Sohn‘, und Sein Gewand war die Geduld, Seine Kreuztat die Barmherzigkeit. Also war im Sinn von Gottes sieben Eigenschaften ER SELBST GOTT, der Opferträger und — der Opfernde: Hochpriester Melchisedek!
Das war der wahre Sinn vom Heilandsieben: das hat Er offenbart, als ich im Schlaf auf eurem Hüttenboden lag. Ungefähr durfte ich es einmal wissen; genau weiß ich‘s erst jetzt, ihr mit mir, wenn ihr wollt. Nie wird etwas Heiliges einem Einzelnen gegeben; stets ist das Kindervolk daran gebunden, ob erst mal wenige oder viele, oder einstens alle, liegt in Gottes hoheitsvollem Plane der Erlösung!! In diese schließt Er alle ein, zumal die Argen, die besonders ihre Löse brauchen: von sich selbst.“
„Die Häscher auch? Ein Kaiphas, Herodes, ein Pontius, und viele, die den Herrn verhöhnten und verfolgten? Ha, die werden ewiglich verdammt!“, spricht Matthia hart. Dabei fühlt er nicht, wie sein Herz sich bang zusammenzieht. Retzi hatte so gedacht, damals, als das Schreckliche geschehen war und er, noch jung, das Kreuznotopfer nicht verstand. Das kam nach und nach, durch manche Offenbarung, direkt, durch Träume und was zuletzt sein Weg noch mit sich brachte. Jetzt sagt er bewegt:
„Meine Freunde, wir denken an den Schächer, der trotz untragbarer Schmerzen seine dunkle Seele sah, die ihn zu böser Tat verführte. Mit dem Bekenntnis schlug er gedanklich an die Brust, dem Heiland zugewandt: ‚Ich habe gesündigt, Herr; denke an mich, wenn Du in Deinem Reiche bist.‘ Hier nochmal vermerkt, daß der Schächer, gewiß nicht bewußt, im Heiland GOTT erkannte: Er sagte nicht ‚in Gottes, sondern in Deinem Reich‘! Auch ein Gnadenhinweis für uns alle. Aber das für uns Bedenkende:
Sind wir etwa keine Sünder, und mangeln des Ruhmes, dem wir an GOTT haben sollten? (Röm. 3, 23). Dieses Wort ward mit zugetragen. Paulus, ein großer Kämpfer für den Herrn, schrieb es an die römische Gemeinde und dazu: ‚Es ist hier kein Unterschied.‘ Genau so wollen wir uns auch betrachten. Kein Mensch ist ohne Fehl, und es braucht niemand auszurechnen: wenige oder viel! Verfehlung ist, was sie ist und bleibt, und jederlei davon hat der Heiland in Sein Kreuz mit eingesammelt. Unsere Fehler also auch!
Hat Er das getan, sind wir ja trotz Unzulänglichkeit, womit wir eine Hölle — wenn es eine gibt, wie die Verdammenden es predigen — auch verdienten, von IHM befreit. Ist das unser eigenes Verdienst? O, ihr schüttelt selbst den Kopf. Wünschen wir uns die Befreiung, müssen wir sie allen andern gleichfalls wünschen und erbitten, im Fürbittgebet! Eine Gnadenszene sei erwähnt:
Eine Frau ward zur Steinigung verdammt. Der HERR trat dazwischen: »Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie« (Joh. 8, 7). Man darf keine Steine werfen, weder auf Pilatus, der des Herrn Unschuld viermal anerkannte, noch auf Kaiphas, Herodes, Judas und wer zu den Hetzern mitgehört. Niemand hat zu richten; das — wir wollen es uns merken — ist GOTTES Sache ganz allein!
Schlagen wir nur an die eigene Brust, da haben wir genug zu tun, um allen Unrat auszufegen und zu bitten: Herr, vergib; hilf uns zur Besserung; führe uns, damit wir nicht den Weg verfehlen, der uns in Dein Reich geleitet! Halte Deine Heilandshände über uns!“
Die Nacht ist vorgerückt. Matthias Knabe hat sich eng an Retzi angelehnt; er ist hellwach. Man erhebt sich leise, die Mütter tragen ihre kleinen Träumer, doch man wartet, was Matthia sagen wird. Und das ist‘s, was aus seinem Herzen hochgestiegen ist:
„Bruder Retzi, du bist ein Bote Gottes. Dankbar erkenne ich es an. Den Dank wollen wir GOTT in die Hände legen. Nun bin ich gewiß: hier werden wir in Ruhe bleiben, ER hat uns den Ort geschenkt. Mußt du weiter, sei unser Bittgebet ein von Gott gesegnetes Geleit. Kannst du noch rasten, wird es uns eine große Freude sein.“
Retzi horcht in sich hinein; nichts mag er tun, als was Jesu Güte ihm in Auftrag gibt. Zwei Tage kann er bleiben. Leiblich ist die Erholung gut, um den letzten Wegteil zu bewältigen. Das große Ziel: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder. . . « Dann — ja, ist man Sein Kind geworden, aus sich selbst, als Rückbringgut von all dem Herrlichen, was der Schöpfer-Gott zuerst gegeben hat: des Lichtes Kindschaft! Diese kam von IHM. Und das bleibt in Ewigkeit!
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