3.T-Kapitel 4
Gute und böse Templer. Cornelius beim Passahfest. Eine herrliche Rede für Menschen aller Zeiten
Am Festmorgen stehn die Hoheratspriester Jojareb und Hilkia, die Priester Malluch, Pedatja, Ginthoi und der Schuloberste Chol-Joses beisammen. Zu diesen gesellen sich die Sadduzäer Amzi, Sabtharus, und die Amtmänner Hasabra und Josabad. Allen kommt das Ganze nicht geheuer vor. Der Tribun im Tempel, das Fest, seit dreißig Jahren untersagt, sieht sehr nach einer Falle aus.
„Wenn wir uns heute Gutenacht entbieten können“, grollt Jojareb, „dann ist das auch ein Gang durchs Rote Meer.“ „Zacharias hätte ja den Braten riechen müssen.“ Hilkia rupft an seinem Bart. „Wir sind zwar eure Freunde nicht“, mengt sich der Sadduzäer Amzi ein, „aber solche Mausefalle, nein — die gönne ich euch nicht.“ „Ihr seid doch auch im Tempel?“
Sabtharus entgegnet hämisch: „Dachtet ihr, wir bleiben da? Nein! Wir wollten nur den Auftakt sehen, wie die Tempelherren ihre letzte Lebensfrist genießen.“ „Wie garstig!“ weist der Stadtrat Josabad den Hämischen zurecht. „Aber was ist anderes von einem Sadduzäer zu erwarten?“
„Keine Beleidigung!“ droht Amzi, „oder . . .“ Chol-Joses packt ihn am Habit: „Wollt ihr hier stänkern, ihr zwei habt angefangen, dann verlaßt den Tempel gleich, wenn ihr unsere Einladung mißbrauchen wollt, eure Feinde in ihrem Unglück zu verspotten. Schämt euch! Im übrigen bin ich gewiß, daß wir heute Abend unbeschädigt an Leib und Seele leben werden.“
„Wer verdient denn dein Vertrauen?“ forscht der Oberste Hasabra. „Ich gestehe, mir ist nicht ganz wohl in meiner Haut, bleibe aber da. Geht unser Tempel unter, so will ich‘s nimmer überleben. Auch bleibe ich den Hohenpriestern treu. Du auch, Josabad?“ „Jawohl! Nur lernte ich Chol-Joses Helfersmann, auf den er so fest baut, gern kennen.“
„Da fragt ihr noch?“ Der Schulleiter zeigt gen Himmel. „Ach so“, meint Jojareb trocken. „Freilich; nur ist der Glaube wie vom Wind verweht. Gott läßt uns etwa nicht von Seiner Hand, aber doch ins Unglück laufen. Und“, mit kaum unterdrücktem Haß, „das haben wir Athaja zu verdanken.“ Hilkia und Ginthoi sind derselben Ansicht und geschworene Feinde des Athaja, auch keine allzu großen Freunde von Zacharias, den man ziemlich ungeschoren läßt.
Auswärtige betreten jetzt die Halle. Sie waren mit den letzten Sternen aufgebrochen, um zeitgerecht zu kommen. Die Höheren ziehen sich zurück, Malluch und Pedatja helfen ihnen. Es soll niemand bis zum Beginn der Feier nach dem langen Weg sich erst noch müde Beine stehen.
Ein sehr geehrter Gast kommt an, Fürst Ahitop von Juda, ihm zur Seite der Anwalt Hilkior, im Gefolge drei angesehene Männer: der Gelehrte Galal, Kaufmann Samnus und Feinschmied Babbukia. Zwar sind Gold und Silber rare Dinge, aber er versteht aus minderen Metallen hübsche Sachen herzustellen.
Ahitop begrüßt die Priester. Der Fürst, noch einer von der alten Schule, mustert die Templer unauffällig. Die Sadduzäer machen einen kleinen Buckel und eilen dem Tempelausgang zu. „Nanu?“, fragt Ahitop, „bleiben die nicht hier?“ „Die machen es sich leicht“, erwidert Jojareb verbittert, „die reißen aus wie Ratten, bevor das Schiff versinkt.“
„Wer muß versinken“, fragt der Fürst mit feinem Spott. Abgesehen davon, daß in aller Herrgottsfrühe Zacharias ihm Bericht erstattet hatte, sein Vertrauen also einen guten Grund bekam, war er, als die Genehmigung des Festes ruchbar wurde, überzeugt, daß eine Besserung eingetreten sei. Er hatte ja auch rasch erfahren, warum Zacharias zweimal beim Tribun gewesen war.
„Du erlebst es“, preßt Hilkia zwischen den Zähnen hervor, „wie festlich uns Athaja um die Hälse bringt.“ „Um deinen wär‘s nicht schade“, grinst der Rechtsanwalt. „Du bist Mitglied des Synedrions, hast aber eine böse Zunge.“ „Zankt nicht“, schlichtet der Fürst den beginnenden Streit. „Soll Rom lachen, reden wir uns selbst um unsren Kopf? Der Tag ist GOTT geweiht; vergeßt das nicht! Das letztemal durfte ich als Knabe solch ein Fest erleben.
Seid ihr Priester ohne Liebe“, mahnt er ernst, „was verlangt ihr denn hernach vom Volk? Athaja hat, zu schwere Bürde aufgeladen; man muß ihm helfen, wenn er — menschlich jedem möglich — mal daneben greift. Aufrichtig und klug ist er ganz bestimmt; er schafft mehr als ihr zwei Oberen zusammen. Von Zacharias ganz zu schweigen! Dem könnt ihr keine Krume reichen.“ Sprichts, dreht sich um und geht mit allen anderen auf Zacharias zu, der mit Simeon soeben in den Hof getreten ist.
Es durchfährt sie alle, als Simeon sie begrüßt. Was ist das für ein Mensch? Fürst Ahitop zieht den Fremden gleich zur Seite und flüstert: „Dich muß ich näher kennen lernen; wenn du erlaubst, dann morgen schon. Bitte! Eines macht mir Sorge: Du bist nicht gemeldet und fällst jedem Römer auf, der schon länger bei uns ist. Mir täte leid, wenn . . .“
Sirneon unterbricht ihn freundlich: „Es ist bedacht, daß keinem meinetwegen Übles widerfährt. Mit dem Tribun kam größtenteils auch neues Personal und neue Truppen an. Die paar Angestammten hielten es noch nie für nötig, einen Juden näher zu betrachten. Also alles günstig für den Augenblick.“
Der Fürst verwundert sich: „Verzeih, woher weißt du das?“ „Wir werden noch zusammen reden; jetzt helfe ich Athaja. Hast du, Fürst Juda, gute Freunde, so tue auch ein übriges und geh‘ mit ihnen unters Volk. An euch soll man Zuversicht und Glauben finden, was manche dumme Schafe nötig haben. ‚Dumme Schafe‘ ist nicht bös gemeint; im Gegenteil! Die brauchen einen guten Hirten, für das Innere wie für das Äußere.“
„Ich bin nicht stolz“, entgegnet Ahitop. „Mir sind die Menschen erst mal Menschen, alles andere kommt hernach.“ „Recht so; deshalb wurdest du mir auch gleich zugeführt.“ „Von wem?“ „Vom HERRN, Dem heute dieser Festtag gilt.“ Simeon eilt fort, und der Fürst teilt seine Freunde ein. Bald sieht man sie durch die sich mehrende Menge gehen und mit vielen sprechen.
Die Stadtleute waren weniger geneigt, zum Fest zu kommen, während die vom Lande gerne kamen. Die Jerusalemer trauen dem ‚römischen Frieden‘ nicht. Als aber in der Frühe wenige Legionäre durch die Gassen gingen, hie und da freundlich auffordernd, sorglos zu ihrem Tempelfest zu gehen, wird es allmählich sehr lebendig und ganz Jerusalem zieht hinauf in Gottes Haus. Bloß die Kinder, Alte und Gebrechliche läßt man zurück.
Wer sollte die Parole kennen, nur im Notfall einzuschreiten? Und das Verwundern aller wächst, als der Tribun mit seinem glänzenden Gefolge, aber nur mit einer halben Zenturie den Tempelhof betritt. Wer sollte weiter wissen, daß acht Zenturien nach Beginn des Festes den Tempel lärmlos zu umstellen haben? – Sollte es — was Cornelius aber nicht befürchtet — zu Zwischenfällen kommen, so bedarf es nur des Hörnerstoßes, und die Legionäre fallen ein.
Athaja, Zacharias, Simeon und einige vom Hohenrat gehen den Römern entgegen. Nun erst fällt Simeon den Templern auf, die kaum auf das Umher geachtet hatten, zum Teil auch unmittelbar vor Festbeginn aus ihren Räumen kamen.
Ein Murmeln geht durch die Menge hin, die den besseren Kontakt erlangt als die Templer, die sich fragen: „Wo kommt der denn her?“ „Wer weiß, welchen Styliten (Säulenheiliger) Athaja aufgegabelt hat“, raunt Jojareb. „Paß auf“, lispelt Hilkia mit verzerrtem Mund, „wir werden sehen, als was der Fremde vorgestellt werden wird. Hier finden wir vielleicht den Strick, der Athaja passen mag. Ginthoi, schlängele dich mal hin und horche zu.“
Chol-Joses, der die Hämlinge beschatten soll, faucht grob: „Eure Gottesandacht überwältigt mich! Wäre unser Gott auf eure Ehrfurcht angewiesen, gäbe es im ganzen Himmel keine mehr!“ „Lauscher“, zankt Jojareb. Die Nächststehenden sehen unfreundlich drein. Man hörte nichts als das Getuschel. Allein, dem gesunden Volksverstand gilt das als eine Feierstörung. Auch möchte man gern hören, was es vorn beim Römer gibt.
Athaja begrüßt den Tribun weit herzlicher, als er sich vorgenommen hatte. Der Beamte flößt Vertrauen ein. „Hoher Römer und nächster Verwandter des erhabenen Quirin Cyrenius, den zu erwarten unser Volk die Ehre hat, im Namen unseres Tempels und in meinem eigenen grüße ich dich eherbietig. Ich freue mich, dich kennen zu lernen und bitte dich, übe Nachsicht mit mir und meinem Volk, wenn dich manches fremden wird.
Bedenke, dies ist ein Fest nach über tausendjährigem Ritual, dem einen Gott geweiht, Der nach unserm Glauben der Allherrscher über alle Lebensdinge ist. Darf ich dir aus Aufrichtigkeit, weil du uns eines der teuersten Feste erlaubst, und weil du dich herabgelassen hast, in freundschaftlicher Weise an der Feier teilzunehmen, eine kleine Gabe überreichen?“
Er winkt. Ein Diener bringt auf herrlichem Purpur ein silbernes Modell: Die Stiftshütte von Siloah. Als Kunstwerk kaum bezahlbar. Bestechung? geht es Cornelius durch den Sinn. Da begegnet ihm des Zacharias offener Blick. Seine Augen gleiten weiter zu Simeon, auf dem sie lange haften bleiben. Auch da ein Wirbel: „Wer? woher?“ Doch es überrieselt den Tribun, desgleichen seine engere Begleitung, zu der Forestus mit gehört.
Freude steigt ungeschmälert hoch. Ein guter Händedruck. „Dank, Hoherpriester. Ich werte das Geschenk als ein Gelöbnis, daß Judäa glaubt, kein Römer will es unterdrücken; es soll sich unter unserm Schutz entfalten. Das wirst du dann erfahren, sobald der Kaiserliche Statthalter für kurze Zeit Jerusalem besuchen wird. Was vorher zu verhandeln ist, soll in den nächsten Tagen vor sich gehen, wozu ich dich ins Tribunat zu bitten habe.“
Er sagt wirklich ‚bitten‘, denkt Athaja, und nicht befehlen. Ach, das tut gut! Doch schon sagt der Römer weiter: „Laß beginnen, damit das Volk nicht allzu lange warten muß.“ Er denkt sogar ans arme Volk, glüht es in Athaja freudig auf. Die Herzparole hat er ganz und gar vergessen. Er geleitet Cornelius zu einem erhöhten Stuhl; ebenfalls ist für die Offiziere bestens vorgesorgt, da man mit viel größerem Gefolge rechnete.
Auf einen Wink des Tribuns stellen sich die Legionäre, vom Hauptmann angeführt, lautlos an den Wänden auf, das sonst so gern geübte Waffenklirren meidend. Das wurde heute streng verboten. Durch die Juden geht es wie ein Frühlingsahnen, wie ein seliges Erwachen nach einem wüsten Traum.
Befände man sich nicht im Tempel, bei einem lang verbotenen Fest, der Römer würde triumphal gegrüßt, wie in keinem besetzten Lande je geschah. Jeder gibt sein williges Herz zur Feier her, zumal die Älteren sich danach sehnten, die Jüngeren sie nur vom Hörensagen kennen. Heute ruht des Herrn Geist auf Athaja; das müssen sogar seine Neider zuerkennen.
Seit seinem Amtsantritt hat er erstmals im Allerheiligsten sehr ernst gebetet. Und Gott hilft durch Seinen Großen (Gabriel). Sollte also das nicht wohlgelingen, was als Zeichen einer Umbruchzeit geschieht? Die hochgebildeten Römer müssen es sich eingestehen, daß Art und Weise, die Schlichtheit und daher um so größere Gewalt, wie das Fest geleitet wird, sich mit ihren noch so pompösen Götterfesten nicht vergleichen läßt.
Den Höhepunkt bildet Simeons Predigt. In markanten Zügen zeigt er Israels Geschichte auf und überträgt sie in herrlicher Weise auf alle Menschen. Die fein geschliffenen Mahnungen zu Frieden, Duldung, Hilfeleistung und vielem mehr sind ein Wort an alle Welt, solang es Völker gab und geben wird. Am Ende erhebt er seine Stimme und sagt nach einstündiger Rede:
„Ob Juda oder andere Völker, ob die Menschen, die vor Noah lebten oder einst die Welt besiedeln werden, eines gilt für alle: Israels Geschick ist aus Gottes Licht ein Schicksal aller Menschen! Ob sie es annehmen oder nicht, bringt nicht GOTT von Seinem Thron, sondern jene, die das Gesetz der Liebe, des Glaubens und der Treue brechen! Denken wir an einen Großen, der mit die Grundgeschichte Israels und anderer Völker bilden half.
Dies ist Josua, der unter Gottes sichtbarer Hilfe (Jos. 5, 13-15) das Land eingenommen hat. GOTT SELBST begegnete ihm und sprach:
‚Laß das Buch des Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, auf daß du haltest und tuest allerdinge nach dem, was darin geschrieben steht. Alsdann wird es dir gelingen in allem, was du tust, und wirst weise handeln können!‘ (Jos. 1,8)
Es war nicht nur Mose‘s Buch, es war das Herzensbuch gemeint, in dem sich Gottes Stimme offenbart, wenn der Mensch sein Herz von Ihm erprüfen läßt (1. Chron. 29, 17). Josua war treu sein Leben lang. Es konnte unter seinem Regiment, solange Israel dem HERRN die Herzen überließ, das Wort des Höchsten sich erfüllen:
‚Und es fehlte nichts an allem Guten, das der Herr dem Hause Israel verheißen hatte. Es kam alles!‘ (Jos.21, 45)
Friede, Eintracht, Glaube, Treue überkommen alle Menschen, wenn sie guten Willens, großer Gottesliebe sind. Wer das lebt, er sei Römer, Babylonier, Jude, Perser oder Samarit, er wohne nordwärts oder südlich, steige mit der Sonne auf oder gehe mit ihr unter, an dem erfüllt sich Gottes Gabe für jene hohe Treue, die Josua dem Herrn bewahrte bis zu seinem Tod.
Als Israel trotz aller Gnadenfülle sich in Undank wendete, da berief der treue Knecht das Volk, und hieß es sich entscheiden zu GOTT oder Menschenbildern; zur Wahrheit oder Lüge; zur Treue oder zum Verrat; zur Liebe oder Niedertracht. Josua jedoch hob seine Hände hoch, wie er zeit seines Lebens sein Herz zu dem allmächtigen Gott erhoben hatte und sprach:
‚Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen!‘ (Jos. 24, 15)
Nun, Volk, entscheide dich! Gib GOTT dein Herz, so wirst du bald zum Frieden kommen, der vom Himmel niedertaut. Bedenke nicht das Äußere; denk‘ an die Wege, die Gott dich aus der Glaubensnot, aus deines Herzens Trübsal führen wird. Stelle immer Gottes Flamme über noch so glänzend schöne Feuer dieser Welt.
Alles Irdische fällt in das Grab; das Geistige steigt hoch ins Empyreum. Wer sein Herz dem Schöpfer weiht, dessen Leben wurzelt in des Schöpfers Erde. Tauscht die vergängliche Habe dieser Welt in unvergängliche Güter Seines Lichtes ein. Und ginge gleich das Volk verloren, — seine Geschichte aber nicht! Sie ist die der Menschen, auch derer, die Gott noch nicht erkennen können.
Wer Gutes tut, liebt Gott; wer Treue übt, betet an; wer den Armen hilft, hält sein Gelübde (Ps. 50, 14). Das kann jeder, er glaube, was er wolle! Liebe, Treue, Hilfe und Erbarmung machen aus den Kindern dieser Welt das wahre Ebenbild, wie Gott Sich Seine Scharen schuf! Behaltet dieses Wort; macht aus eueren Herzen einen Tempel, in dem Gottes Geist regiert. So lebet ihr in ‚Gottes eigenem Land‘, auch wenn die Welt euch kaum die arme Heimstatt bietet. — Der Herr segne euch, Seine Obhut ist der Wächter über euerm Pfad.“
Kein Laut war zu hören, man wagte kaum zu atmen. Den Legionären fiel es auch nicht schwer, dem Befehle nachzukommen. Sie stehn wie erzene Figuren, und manch harter Söldnerbrust entquillt ein leiser Seufzer. Auch Cornelius ist tief versunken. Forschend hatte er umher geblickt, um zu prüfen, was ‚dahinter‘ steckt, ob nicht doch — — Nun hat die Rede ihn gepackt; er möchte seine Hände recken, um auch die Gaben zu empfangen.
Es rührt sich niemand, solang er sitzen bleibt. Endlich steht er auf, geht stracks auf Simeon zu und sagt, für viele hörbar: „Du bist ein Gottesmann (Dan. 8, 16; 9, 21). Dein Wort gilt jedem Tempel. Und wahrlich, da ertönte überall die Wahrheit deiner Rede! Ein Römer dankt dir, dem — “ Cornelius fragt zögernd: „Bist du ein Jude, oder gehörst du einem andern Volke an?“
„Ich bin dir zur Verfügung, Tribun“, sagt Simeon mit gewinnendem Lächeln. „Das freut mich. Komm‘, um eine Stunde festzusetzen. Euch, Hohepriester, sei der Dank eines hohen Römers. Du hast nicht zu viel versprochen, Zacharias“, nickt er diesem freundlich zu. „Und auch du, Athaja, hast dir ein besseres Licht angezündet, als mir von dir berichtet worden war.“
Forestus erhält ein Zeichen und geht hinaus. Die Truppen ziehen ab. Unnötig, daß die Juden den Kordon noch sehen. Cornelius samt seinen Offizieren nehmen am römisch zubereiteten Mahle teil. Athaja flüstert Simeon zu: „Bruder, das war eine Herzparole! Nun weiß ich meinen Weg.“
Nach Beendigung der Feier kommt das Synedrion zusammen. Nebst den bereits bekannten Priestern, den Richtern, dem Schulobersten, den Stadtamtmännern, dem Fürsten und Rechtsanwalt nehmen noch folgende Templer daran teil: Usiel, Jissior, Nathan, Eliphel, Malchia, Pashur und Gedalmar. Der Hoherat ist vollzählig versammelt. Ginthoi hat den Vorraum zu bewachen.
Als Simeon den Raum betritt, stehen die Hauptpriester Jojareb, Hilkia und die Lehrpriester Usiel, Maichia und Pashur auf. „Was soll ein Fremder im Synedrion?“ Jojareb zügelt sich nur schlecht. Fürst Ahitop lächelt geringschätzig: „Warte ab, als was der Fremde sich entpuppt.“
„Wir verlassen das Synedrion, wenn er bleibt!“ geifert Usiel. „Dem steht nichts im Wege“, entgegnet Zacharias kühl. „Was zu beraten ist, kann ohne euch geschehen.“ Malchia lacht laut: „Ah, seit wann gilt ein Beschluß ohne Einheit des Synedrions?“ „Heute müssen andere mit stimmen“, bellt Pashur heiser, „damit der Oberste auf seinem Stuhle sitzen bleiben kann!“
Athaja erblaßt. Doch seit dem so herrlich verlaufenen Fest ist die Gewißheit in ihm förmlich hochgeschnellt, daß alles Unglück von ihm weichen wird. Er läßt Simeon zu seiner Linken sitzen, Zacharias wie immer rechts. „Gewiß“, sagt er, „heute beraten andere mit; doch nicht meines Stuhles wegen, den nicht ihr mir nehmen oder geben könnt.“ „Hahaha!“ Hilkia läuft rot an, „hast dir den Römer brav zum Freund gemacht, du Volksverräter!“ Diesem unwürdigen Wort gefecht stellt Simeon sich entgegen.
„Es wundert mich, wie wenig Licht in euern Reihen wohnt“, klirrt es förmlich. „Man denkt, es wären Räuber hier, nicht nur Priester, die Gottes Lehre anerkennen sollen. Wen ich meine, fühlt es schon. Ich bin nicht von Athaja eingeführt; denn er kannte mich so wenig wie ihr allesamt. Nein — GOTT sandte mich! Da zog ich eine Straße, deren Maß ihr nie ermeßt. Fraglich noch, ob ihr Feindseligen meine Heimat kennt und — finden werdet.“ „Wenn sie nur der Römer findet!“ faucht Jojareb dazwischen.
Thola ruft entrüstet aus: „Wir Tempelrichter sind unabhängig vom Synedrion und können im Verein mit Fürst Ahitop, den Amtmännern und dem Anwalt jeden Störenfried entfernen!“ „Und euern Freund Athaja auch?“ höhnt Usiel, „Auch ihn“, entgegnet Hilkior. „Fangt endlich an, wie sich‘s dem Hohen Rat geziemt.“
Simeon zeigt rundum: „Wer sich mit mir befassen will, tue dies hernach. Erst ist Wichtigeres vorzunehmen.“ Seine Festigkeit geht auf alle Guten über; die Bösen ducken sich, innerlich. Er lächelt. Fragen kommen zum Disput, wie man von Cornelius als vorüber gehendem Pontius wenigstens die höchsten Feste freibekäme, ob die vom Volk, zumal vom Tempel kaum noch aufzubringenden Zinsabgaben herabzusetzen seien. Auf Befragen sagt Zacharias:
„Ich war zweimal bei ihm; er wird helfen, zumal das Fest nicht ohne Wirkung auf ihn blieb.“ Pedjata meldet sich: „Ich prophezeie derlei Augenblickswirkungen keine lange Dauer.“ „Wohl recht“, sagt Simeon gelassen. „Morgen gehe ich ins Tribunat, und da wird sich ja erweisen, was die Nacht vom Eindruck übrig ließ. Doch ich kenne den Tribun; es ist mit ihm zu reden, wenn man seiner Art und Stellung Rechnung trägt.“
Hilkia platzt los: „ Du? den Römer kennen? Der sah dich heut‘ zum erstenmal. Du Lügner!“ „Soll dich nicht der HIMMEL strafen“, ertönt es ernst, „dann nimmst du die Beleidigung zurück. Rasch!“ Hilkia umweht es eiskalt. Die Zunge wetzt er laut, aber Mut besitzt er nicht. „Ich, ich sah“, stottert er, „wir sahen alle — — Nein, ich denke nicht, daß du ein Lügner bist.“
„Gelogen hast jetzt du“, entlarvt ihn Simeon. „Aus Angst hast du gestottert. Man braucht kein Prophet zu sein, um dir deine Lügen anzusehen. Du bist dem Himmel allzu fern, als daß der Himmel sich mit dir befaßt!“ Ein hartes Wort. Hilkia denkt beklommen: ‚Mit dem ist nicht gut Kirschen essen.‘
„Daß ich Cornelius kenne“, sagt Simeon, „bedeutet nicht, daß er mich kennen muß. Ihr werdet noch begreifen, daß es Dinge gibt, fern von der Erde her, die Menschen kaum verstehen und nicht für möglich halten. Habt ihr darüber einmal nachgedacht, wie eure Sonne ihre Bahnen zieht und seht doch nichts, an dem sie angebunden wäre? Oder nachts die ungezählten Sterne, von denen ja die meisten mächtiger als eure Sonne sind?“
„Hm, hm“, Athaja fährt sich durch das Haar. „Wir wissen, daß der Schöpfer alle Himmelskörper lenkt. Er braucht keine Schnur, um Seine Lichter anzubinden, wie wir mit einem Gürtel unser Kleid. Jedoch verstehen — ? Trotzdem glaube ich das Unfaßbare. Auch das — ‚Fern von der Erde her‘. ‚Du vielleicht selbst‘, murmelt Athaja ungehört in sich hinein.
Simeon leitet die Verhandlung unauffällig in Athajas Hand zurück, sagt aber noch: „Ich werde morgen hören, was der Pontius zu sagen hat. Euer Erster ist bestellt und gelingt ihm manches, womit das Wichtigste geschehen soll: Die neue Bindung Juda‘s an den Glauben und daß euer Tempel bald nur reine Priester kennt. Welche Feste, Athaja, möchtest du gern freibekommen?“
„Das heutige (2. Mo. 12, 15), das Laubhütten- (Sach. 14, 16), Hall- jahr- (3. Mo. 25, 11) und das Befreiungsfest (Esra K. 1 u. 6). Das Letztere in Erinnerung, wann und wie oft das Volk aus fremder Macht errettet ward.“ Er sieht die Feinde traurig an. „Man hat mich beim Tribun verleumdet; doch nun vertraue ich dem Herrn. Wenn ER will, bedarf es nicht, daß erst Sein Fuß die böse Saat zertritt! So gehe ich im festen Glauben hin; und Gott wird geben, was für uns alle richtig ist.“ Simeon und Zacharias sehen frohbewegt auf ihn. Fürst Ahitop sagt anerkennend:
„Mein Freund, jetzt gabst du, was ein echter Hoherpriester geben soll. Ich schlage vor, zu erbitten, den Landzins zu verringern, ebenso den Zins vom Eigentum, der besonders auf den großen Häusern lastet. Wenn wir das erreichen, haben wir zunächst sehr viel erlangt. Man kann die Sonne nicht herunterholen, auch genügt es, sich in ihrem Strahl zu wärmen. Fordert nicht, legt es dem Tribun nur vor, ob er zu unsern Gunsten handeln will.“
„Richtig“, ist Chol-Joses Meinung, der bisher still beobachtet hatte. „Vielleicht schlägt unser neuer Freund auch etwas vor?“ „Er hat nichts zu melden“, trotzt Hilkia. „Noch nicht geheilt?“ fragt Simeon. ‚Jaor hält sich nicht zurück: „Du bist wie eine Otter und willst Priester des Synedrions sein. Ah, dein Charakter ist keinen schlechten Groschen wert!“
Zacharias hält das Wörteln auf: „Das Wichtigste ist besprochen; zu beschließen ist es, wenn Athaja, Simeon und ich im Richthaus waren. Etwa ladet der Tribun noch andere ein.“ Trotz guter Mühe gibt die Feindseite noch nicht nach. Jojarebs Haß geht einfach mit ihm durch:
„Ich werde dem Tribun das Ganze melden, auch daß du, Simeon, nicht zu uns gehörst, Du bist sicher ein Spion, aus Persien oder sonst woher. Der Tribun, der sich uns gnädig zeigte, wird vielleicht dafür verbannt. O, das soll ihm nicht geschehen um des Festes willen, das wir heute feiern durften!“
„Gefeiert hast du nicht“, sagt Simeon stahlhart. „Dein Herz war nicht bei Gott! Du hast bloß überlegt, wie du deine Bosheit wirken lassen könntest, sogar gegen den Tribun. Überdies lade ich dich ein, morgen mit mir hinzugehen. Allerdings — für dich gibt‘s keine Garantie, daß du der Kläger bleibst oder statt des Spießes Griff dessen Spitze fühlen mußt!“ Wie Hilkia, so kriecht auch Jojareb in sich zusammen. Unpriesterlich denkt er: ‚Beim Satan, mit dem ist nicht so einfach umzuspringen.‘
Athaja schließt die Beratung, nachdem er abermals versuchte, alle Feindseligkeit als unsinnig hinzustellen. Der einzige, der sich anrühren läßt, ist Malchia. Nachdenklich geht er heim.
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