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Kap 18 – Ein Blick über Jerusalem. Das tiefe Tor; Sehnsucht nach Droben


Ein Blick über Jerusalem. Das tiefe Tor; Sehnsucht nach Droben. Wunderbares Abschiedswort

18. Kapitel

Zwei Jahre später. Samathuels Reiter kommen wieder. Die zu suchen sie weit nach Nordwesten vorgedrungen waren, hatten die Mission mit ihrem Tod bezahlt. Aber nicht umsonst! Ihr Sieg ist im Lebensbuche eingetragen. In einem zerklüfteten Gebirge (Illyrien?) hatten sie ein festes Haus gebaut, wo jetzt jene friedlich wohnen, die sie zum wahren Glauben leiten konnten. — —

Samathuel und Isa-i gingen nach Moriah, wo Abraham den Sohn im höchsten Gott-Gehorsam opfern wollte. Droben sitzen sie auf einem Steinblock nieder, im Angesicht der nach alter Sage eingefriedeten Opferstätte (späteres Golgatha), mit einem Rundblick auf die ganze Stadt, die im Lichte einer späten Sonne herrlich schimmert.

„Jerusalem ist schön“, sagt Samathuel nach längerem Schweigen. „In ihm laufen aber dunkle Gassen.“ Isa-i nickt traurig: „Fürstlich könnte es vor vielen Heidenstädten glänzen. Damals war Asarja weich geworden, und wie wenig blieb zurück. Es geht nicht ohne Purpur und Brokat. Fremde dürfen in den Tempel und man prahlt: ‚Wir haben einen reichen Gott!‘ Als ob Materie des Himmels Reichtum wäre.

Dann überfällt man uns. Das nebenbei. Es ist ein besserer Sinn im Tempel eingezogen, seit Barisall und Elimaluch gehen mußten. Sie schleppen Steine wie die Väter in Ägypten; doch die Strafe läutert sie. Matguel ist von der Kasse weggekommen. Das hat Om-Sabra durch Usia bewirkt. Man wählte Chenos, der sich wunderbar gewandelt hat, zum Oberen der Kasse samt Verwaltung. Seither geht es rechtlich zu. Weltlich gut; wo aber bleibt das Geistige? wo Gottes Licht? Ihr habt es leicht in eurem Land, Samathuel.“ Isa-i seufzt leise.

Der Vetter tröstet: „Sei nicht betrübt. Du hast ein gnadenvolles Joch (Klgl. 3, 27). Damals war es wunderbar, als der HERR erschien. Ich erkannte gleich, daß aus dieser Stadt“, er deutet auf sie hin, „GOTT als Mensch erscheint; oder —“ zögert er, „— in sie gehen wird um der Erlösung willen. Wandelt sich Judäa aber nicht, will es den HEILAND nicht erkennen, so — wird ER — vorübergehen!

Von dir nehme ich viel Köstlichkeiten mit. Welche Freude, wenn ich diese bei uns künde! Wir dürfen geistig stolz auf jemand sein, nur nicht auf uns selbst. Dich, deinen Vater, unsere Sikha nennen wir mit Stolz. Seit Jahrhunderten gab es keine Priesterin, wie sie es war. Durch deine Liebe werden wir im Geist uns nie verlieren.“

„Nie!“ Isa-i verschluckt die Tränen. „Aus Gnade hat mich Gott erwählt. Ich bin wie jeder andere und . . . “ „Erlaube: Jeder Geist aus Gott, jede Seele aus dem Fall ist Mensch, sobald man eine Weltgeburt erlangt. Darin ist kein Unterschied, wie auch nicht, daß Gott den Geist von oben segnet und das arme Seelenkind erlöst.

Ein großer Geist soll geachtet sein (Phil. 2, 3), man achtet damit dessen Sender. Das ist der HERR! Ehre ich die Boten nicht, wie könnte ich den Schöpfer ehren? Deshalb lasse dir gefallen, daß du unsern Großen angehörst. Auch im Licht-Reich unterordnen sich die Kleinen, weil es so dem Vater wohlgefällt.

Seinerzeit fragte Diblaim, warum ich dich nicht gleich zu Worte kommen ließ. Ich erklärte, daß ich im Vorraum handeln mußte, du als des Vaters Bote erst im Heiligtum. Er erwiderte: ‚Sieh an, was ich noch lernen muß!‘ Deine Freunde haben einen hohen Geist. Bei uns säßen sie in erster Rats- und Priesterreihe, zumal dein alter Rabbi Abelu, von dem du dich bald trennen mußt.“

„Ich? ich denke nicht daran“, sagt Isa-i. Samathuel lächelt: „So spricht die Liebe. Er geht durchs Tor, das du im Geiste schon bezwungen hast.“ „Meinst du, daß Abelu — wie mein Vater — daß er . . . “ Der andere nickt, „Und wenn ich priesterte?“ „O Isa-i, du kennst das Lebensgrundgesetz! Auch bleiben ein paar Jahre übrig. Würdest du dem alten Manne nicht die Heimkehr gönnen?“

Der Junge stützt die Stirne auf. „Ihm nicht die ‘Friedensfahrt‘ zu gönnen, nur damit er bei mir bleibt, nimmt mir das Tor. Sogar die Mauer habe ich dadurch verloren.“ Der Betrübte wird umarmt, doch er wehrt: „Lobe mich nur nicht, Samathuel. Bin ich durch das Tor geschlüpft, so durch deine Anleitung, durch Gottes Führung über dich. Dem Licht-All-Vater habe ich zu danken und auch dir. Mir war oft, als lebte ich in eurem Land. Aber so — ohne Abelu — „Nimm keine falsche Bürde auf. Sieh, ich priestere auch, doch in dieser Hinsicht stehst du über mir. Allein das Herrliche: Vor dem VATER stehen alle Kinder auf der GNADEN-Stufe der BARMHERZIGKEIT! Ich erkläre, was du als zu jung nicht sehen kannst. Auch höchste Licht-All-Kinder, inkarniert auf irgendeiner Welt, brauchen für den Seelenteil, der Materie als Heimführwerk entnommen, die Entwicklung, die ihren Aufgaben und körperlichen Zeiten anzupassen sind. Du bist mit achtzehn Jahren reif, wie wenige mit vierzig sind. Ab vierzig wirkst du nur noch als Prophet.

Vor zwei Jahren erschien mir Gott zum erstenmal so gnadennah. Ich durfte dich bis an des Tores Pfeiler führen; mich aber nahmst du mit hinein. Noch sind wir unter seinem herrlichen Gewölbe und wäre ungut, fortzueilen. Da gibt es einen Gnadenschatten, den man ‚Gottes Flügel‘ (Ps. 36, 8-10) nennt. Wer unter diesen steht, wandelt auf dem Pfad ins Licht — auch über Welten der Materie. Fühlst du, ob wir noch darunter stehen?“

„Ja“, jauchzt Isa-i. „Ich will lang das Köstliche erleben: Herr, DU hast mir aufgetan! Die Sehnsucht muß man läutern, bevor man Gottes Herrlichkeit genießt. O — die Mauer ist des Schöpfers Ordnung und Sein Wille; das Tor des Priesters Weisheit und der Ernst; im Garten Gottes blühn Geduld und Liebe; und aus des Vaters Brunnen trinkt man die Barmherzigkeit als ewig- wunderbaren Lebensquell.“

„Das war ein Wort! In Gott wandern wir vereint dahin. Ich komme wieder, ich werde immer Sehnsucht nach dir haben.“ „Ich auch!“ Ein Schluchzen, dem Jungen purzeln Tränen aus den Augen. Samathuel weint innerlich. Um abzulenken, sagt er ruhig: „Komm, die andern warten.“ Isa-i trocknet seinen Tränenbach. Noch einen Blick wirft Samathuel auf Jerusalem, mit stiller Wehmut. Viel Dunkles und wenig Helles sieht er über dieser Stadt. Er schweigt. — —

Nathan steht schon auf dem Weg und nimmt ihnen ihre Mäntel ab. Er behandelt Isa-i wie ‚seinen lieben kleinen Herrn‘. „Ihr seid lange weg gewesen“, sagt der Hausherr ohne Vorwurf oder Ungeduld, nur im Verlangen, den letzten Abend auszunutzen. Allen ist Samathuel ein Mensch geworden, der ihnen fehlen wird. In der Freien Schule hat er etwas Vorteilhaftes eingerichtet: eine sogenannte Ausländerklasse für fremde Wissensdurstige.

Abjathar braucht Lehrer. Chenos, Abbuda und Obed-Edom kämen gern, doch wäre falsch, Asarja zu verärgern, abgesehen davon, daß ihr Priestereid nicht grundlos aufzuheben ist. Diblaim und Joroham waren seinerzeit herausgefordert worden. Nun sind ein paar Schüler zu Junglehrern aufgerückt. Der Beste ist Isa-i, überall beliebt.

Von Elath, Tor, Pithom, On, Memphis, Antiochien, Nisibi, Ninive und sogar von Persepolis kommen Schüler. Die Schule nährt drei große Häuser. Asarja ist voll Neid. Man behält mit ihm des Gotteswerkes wegen die Verbindung und tauscht Schüler aus, wobei dem Tempel manche Gabe wird. Dadurch bleibt wenigstens die gewisse Freundlichkeit bestehen, die in jeder Hinsicht günstig ist.

Abelu, Om-Sabra und Jarath sind mit Hisrael und Maphin gekommen, auch Rochaleth und Barthomas. Die Frauen staunen. Ist der schlanke Jüngling der kleine Yps von einst? Abjathars Haus ist wieder einmal voll. Die Schüler haben Tagesferien, selbst von den fleißigsten mit Jubel aufgenommen. In der schönen Säulenhalle, die den Gartenhof begrenzt, sitzen sie beisammen, auch Isboseth, Chenos, Abbuda und Obed-Edom und die Jerusalemer Frauen.

Das Essen ist beendet. Brot, Obst und guter Wein warten noch. Die Unterhaltung ist trotz Trennungsschmerz sehr angeregt. Durch Glauben reif geworden, bleibt das Jenseits und Unerforschte im Mittelpunkte segensreicher Diskussionen. Ein um das andere herrlich Neue hatte sich erschlossen; immer mehr durften sie vom Licht-All sehen. Die Erkenntnisstufen formten sich zur Himmelsleiter, und nur — freilich — deren Ende weiß kein Mensch.

Abelu greift auf ein früheres Gespräch zurück (K. 13). Asarja ließ Samathuel eine wertvolle Psalterrolle überreichen. Zu Abelus Frage sagt Om-Sabra: „Wir sind wieder mal an Gottes Werkstatt angelangt. Ein Blick hinein ist gut, doch man soll mit dem zufrieden sein, was als Gnade durch den Türspalt auf die Erde tropft.“ Samathuel drückt ihm die Hand. Er achtet die Volksratmänner; denn was in seiner Heimat ohne Mühe vor sich geht, darum müssen diese bitter kämpfen.

„Gottes Güte öffnet manches Wunder“, sagt er. „Recht ist, weiter forschen und nicht stille stehn. Nur ist zu bedenken, ob man zu GOTTES EHRE sucht oder selber glänzen will. Ihr möchtet euren Schülern echtes Wissen bieten. Also ließ euch Gott zusammenfinden, nicht zuletzt, daß Sein Prophet zu euch gekommen ist. Wer Gottes Stimme hören will, der hört sie auch.

Der Allmächtige sprach einmal zu uns: ‚Wer in Sehnsucht zu Mir fliegt, steigt empor, wo ICH über aller werdenden Vollkommenheit der Kinder und Geschöpfe wohne. Wer sich zur Höhe rankt und Meine Hand erfaßt, erlangt sie auch. ICH habe keine Schranken aufgebaut, und das erkannt, so wird jedermann in seiner Ehrfurcht, Demut, Liebe und Vertrauen Mir begegnen.“

„Man muß immer fleißig prüfen“, erwidert Abelu, „denn der Mensch betört sich selbst am leichtesten. Da gaukeln farbenbunte Bilder vor der Seele her, und er spannt die Flügel aus. Zumeist bleibt es ein Flattern wie bei schweren Erdenvögeln, die nur mühsam fliegen können.“

„Das erlebe ich bei manchem Schüler, der sich zwar Mühe gibt, aber keine Unterscheidung hat.“ Diblaim zeigt in die Runde: „Uns fehlt die Prüfungsgabe nicht, um zu merken, was zur echten Religion gehört oder was zu Wissenschaften, die wohl Stufen bieten können, jedoch keine Gottes-Weisheit sind.“

„Beistufen helfen“, bestätigt Abjathar, „auch hindert die Materie nicht, wenn man sich zur Geisteshöhe leiten läßt. Viel Wissen hilft nicht; aber nichts wissen verrammelt Tür und Tor! Wenn ich weiß, daß Gottes heilige Dinge Seine Heilsdinge sind, so öffnet mir das eine Pforte, die ich ehrfurchtsvoll durchschreiten kann. Dann hat mir Wissen doch geholfen, und ich bete Gott in wissentlicher Liebe an.“

Rochaleth, im Beisein der Gelehrten meistens still, sagt: „Mein Wahlspruch lautet: Ehrbar handeln, keinem Böses wünschen, das andere tut der Herr! Wir vom Volksrat“, er ist stolz, zu den Ersten zu gehören, „haben es weit mehr mit dieser Welt als mit dem Himmelreich zu tun.“ Chenos lächelt: „Du weißt, wie man gleiche und ungleiche Steine zur festen Mauer macht. Nun sieh, der Gang durch die Materie gleicht solchem Bau. Tüchtigkeit, Ehrbarkeit und guter Wille sind unerläßlich für die Himmels- oder Lebensmauer.

Alle Menschen sollten an der einen Mauer bauen, die man GLAUBEN heißt; an einem Tor, das zur WEISHEIT führt; an einem Garten, dem ‚Feld der Nächstenliebe‘. Alsdann käme man zur Lebensquelle ewiger Barmherzigkeit. Wir brauchen nicht die Sterne zählen; wir brauchen nur zu wissen, daß sie Gottes Lichter sind, die ihre Strahlen segnend in das Welt-All senden.“

„Danke“, scherzt Hophei, „Sterne zählen wäre was für mich. O weise Männer, wo fängt‘s an und wo hört‘ auf?“ Ernster fügt sie an: „Wie sie alle ‚droben‘ hängen und keiner fällt von seinem Stuhl! Wer weinen muß, braucht sie nur anzusehen. Nie versagt ihr Trost.“ Dazu nickt Abigail: „Als das Kind — “ Sie fährt sich hastig übers Auge. „Nachts schlich ich auf den Söller; und so wie ich nach den Sternen sah, war es, als nähmen sie mir meinen Schmerz.“

Orpa erzählt: „In meiner Jugend war mir Gott sehr fern, das Leid hingegen nah. Als ich vor meinem harten Vater floh, wanderte ich durchs weite Feld. Unendlich hoch hingen viele Sterne. Sie gingen mit mir Schritt um Schritt. Da kam der Glaube wieder. Seither sind sie mir die Kraft, wie — ein Gruß vom Allerhöchsten. Bald darauf fand mich mein lieber Mann.“ Isboseth winkt Orpa herzlich zu.

„Das frauliche Gefühl ist besser ausgebildet als das männliche“ sagt Abelu. „Ich achte jede kluge Frau dem Manne gleich und liebe es, wenn sie am Gespräch beteiligt ist.“ Jarath lacht: „Das hast du schon bewiesen, als Yps noch bei uns war.“ „Hm, Maphia hat deinen sturen Sinn nach Gibea gerichtet,“ Maphia errötet: „Daß du das noch weißt, Rabbi Abelu?“ „Aber ja! Du hast immer Günstiges gewirkt, auf dich konnte ich stets zählen.“

„Den Frauen wenig Anteil am öffentlichen Leben zu gewähren, ist ein Minus für das Volk“, erklärt Samathuel, „Wenn ihr wüßtet, was unsre Frauen leisten, im Haus, in Schulen und im Tempel, da würdet ihr erkennen, was euch und vielen Völkern fehlt. Bei hohen Festen amtet wohl der Oberpriester als Symbol des Schöpfers; doch Dienst dabei haben Mann und Frau in priesterlicher Harmonie,“

„Die Frau ist wirklich überall zurückgesetzt“, erwidert Joroham. „Doch ein Wahlspruch sagt: ‚Ein Weib, das schweigen kann, ist eine Gabe Gottes“ (Sir. 26, 17). „Setzt der Spruch für sie das Schweigemuß voraus?“ „Kaum, Samathuel. Nur schweigen ist keine Tugend, die dem Manne wohlgefällt.“

„Gott noch weniger!“ fängt Isa-i an. „Lang wird manches währen, von Menschen eingerichtet, was mit Gottes Willen nicht vereinbar ist. Kommt das Heil aus Seinem hohen Recht zustande, so brauchten nicht erst krasse Unterschiede zwischen Mann und Weib zu sein, wie sie fälschlich zwischen reich und arm geworden sind.

Wer gab dem Reichen jenes Recht, sich höher einzuschätzen als den armen Hirten auf dem Feld? Der muß dessen Herden hüten und hat zum Hausen nur den Stall. Der reiche Mann befiehlt; jedoch dem Hirten freundlich sein, dazu gibt er sich nicht her. Beide aber kamen nackt aus ihrer Mutter Leib; und beide werden in das Grab gelegt.

Hat der reiche Mann zwei Herzen, der Arme eins? dieser zwei Hände und jener vier? O, im Guten wird der Hirte eher doppelt haben. Auch gibt es nach dem Tod nur dann den Weg ins Licht, wenn einer freudig gab. Gott mißt nicht das Maß, da der Reiche leichter geben kann; Er mißt die Freudigkeit. Weil der Arme wenig Anspruch an der Welt besitzt, darum kommt der Herr Herr ZEBAOTH im Gewand der Niedrigkeit, ein HIRTE allen Seinen Schafen. Ein Stall wird Seine Stätte sein! Er wandert durch die Weide Israel, um das letzte Schaf (Sadhana) zu suchen, das seit seinem Fall verloren ist.

Weh dann ihr stolzen Herren, die ihr euren Götzen dient!. Wie der Leib wieder Erde wird, wie nur der Geist (Hiob 19, 26; 1. Kor. 15, 42- 49) in seiner Lichtgestalt zur Höhe geht oder arme Seelen in die Stätte, von der ein Engel sie dereinst befreit, — so fällt die Erde in den Schoß der Schöpfermacht! Wer fragt: Heiliger, was wirst Du mit dem armen Welt-All tun? oder mit dem Licht, in dessen Herrlichkeit sich Deine Herrlichkeiten spiegeln?!

Wer das Gesetz mißachtet, muß in Angst sein Antlitz decken. Die Engel decken es in Ehrfurcht zu. Sie beten an, sie dienen, sie sind eins mit Gottes Wesenheit. Er sendet sie wohin Er will; sie gehn wohin Er will! Und sehen Seine Gnade! Doch der Mensch erhöht sich selbst, darum stürzt er auch vom selbstgemachten Stuhl. Man verachtet einst den HIRTEN (Jes. 53, 3), weil Er kein Gold und Silber bringt. Vom Silber aus dem Glauben, vom Gold, vom Edelstein der Loskaufsumme oder Purpurliebe ach, davon wollen sie nichts wissen, denn damit kauft man sich kein Haus.

Und man kauft es doch! Im Lichte hat man Häuser, deren Dach den Eigentümer deckt; und vieles, was es in der Welt nicht gibt. Nichts wird geschenkt. Wohl kann Gottes Güte leihen; aber sagt, was man mit einem Leihstück tut? Da gibt es kein Verfügungsrecht. Der HERR der Ewigkeit will aber alle Kinder in Sein Recht erheben, auf daß sie Mitbesitzer sind von dem, was ER der Schöpfung übergab.

Dorthin wandert, wer sich Gott ergibt; dort knieen sie und beten an; stehen sie und preisen Gottes Herrlichkeit; ruhen sie von aller Mühsal aus. Das ist die Abendgabe, die voraus gegeben wird (1. Kön. 3, 13; Jes. 46, 9-10), um sich das Lichtgut zu erwerben, und hernach als Segnung für das kindliche ‚Vollbracht‘! GOTT steht am Anfang und am Ende, und zwischen dieses A und O bettet Er die Kinder ein.

Leise weht es alle an: ‚Ihr ruht in diesem A und O.‘ Welch ein Glück! Die Minuten trinkt die laue Nacht. Nathan zündet Gartenampeln an, deren traute Helle angenehm empfunden wird. Abigail streichelt Isa-i: „Dem Ewig-Vater Dank, daß du zu uns kamst. Laß mich richtig deine Mutter sein.“ Sie wird umarmt.

„Ja, Hisrael und Maphia auch.“ „Wie steht‘s mit mir?“ fragt die immer heitere Hophei. „Du gehörst zum Mutterbund, Orpa und Elkana ebenfalls.“ „Wie fühlst du dich als Sohn so vieler Mütter?“ scherzt Diblaim. „Äußerst wohl“, scherzt Isa-i zurück; „habe ja genügend Väter, so daß es an Erziehung absolut nicht fehlt.“

„Er hat ein unerhört feines Gemüt“, sagt Abelu, als Isa-i den Raum verließ. Abjathar bestätigt es. „Und seine Weisheit setzt mich in Erstaunen. Nun zündet er mit Ampeln an. Als ich ihm sagte, das sei Nathans Pflicht, sprach er: ‚Hausvater, jede Lampe gilt einer armen Seele; für deren dunkle Gasse brenne ich sie an.‘ Ich fragte, ob er täglich an die gleichen dächte, und er: ‚Es sind immer andere. Gott vergißt die Lampen nicht, die wir für irgendwen einmal angezündet haben. Auch genügt, wenn der Herr die Namen weiß.“

„Sonderbar.“ Samathuel streicht über seine Stirn. „In einem unserer Tempel brennt man jeden Abend zu dem gleichen Zweck zwölf Fackeln an. Nun soll fernerhin für Isa-i auch eine Fackel leuchten, daran erst die andern zu entfachen sind.“ „Ein schöner Sinn“, lobt Abbuda.

„Ich besitze ein Öl“, mengt sich Chenos ein, „das — mit Galbanharz (2. Mo. 30, 34) vermengt — als Flammennährstoff beinah unverbrennbar ist. Mose hat es in Ägypten hergestellt. Auch besondere Ampeln habe ich dazu. Diblaim und Joroham kennen es. Erlaube mir, Samathuel, noch heute Nacht ein halbes Bath (ca. 18 l) zu bringen. Mit ‚Öl aus Jerusalem‘ brenne unsre Ampel an — aus Dankbarkeit, weil ich durch den Knaben zur Erkenntnis kam.“

„Das wird herzlichst dankend angenommen.“ Joroham verrät; „Asarja hegte Angst, die Bundesladenflamme könne mal verlöschen. Elimaluch meinte, das sei kein Problem; sie wüßten Mose‘s Brenngeheimnis, und man hätte ja genügend Öl mit Galbanharz, das Abraham und Lot in Siddim (1. Mo. 14, 10) gruben.“

Obed-Edom regt sich sichtlich auf: „Laßt uns heute keinen Schmutz berühren!“ Man stimmt ihm zu. Ehe weiteres besprochen wird, mahnt Abigail mütterlich: „Es ist spät; eh die Sterne bleichen, bricht Samathuel mit seinen Reitern auf. Gönnt ihnen eine Handvoll Schlaf.“ Sie ruft Isa-i herein.

Om-Sabra fragt, wo Hisrael und Maphia bleiben könnten. Und zu Samathuel gewendet: „Jarath und ich wollen euch bis Ramoth-Gilead geleiten und raten euch, ostseits am Jordan bis Damaskus zu reisen. In Ramoth-Gilead bekommt man nach Damaskus immer Anschluß. Von da aus führt der Nordpfad durch Syriens Wüste direkt nach Babylon, wohin regelmäßig bewachte Karawanen gehen. Ihr könnt ja südlicher über Rabbath-Ammon reiten, wo ihr Zeit erspart. Doch dieser Weg ist viel von Räubern heimgesucht.“

„Eure Fürsorge zeigt mir edle Männer“, dankt Samathuel. „Ich weiß Gott über uns; doch eure Treue zu genießen ist Sein Segen.“ Hophei schlängelt sich an Maphia heran: „Du kommst zu mir.“ „Hisrael zu mir!“ ruft Orpa gleich. „Und ich?“ Elkana zieht ein Gesicht. „Seht den Streit, wenn Weiber lieben!“ stichelt Joroham. „Ich entscheide: Beide Gäste kommen pro Woche zu Diblaim, Isboseth und mir.“ „Sofort angenommen! Also ziehe ich mit meiner Beute ab.“ Hophei hakt rasch bei den Landfrauen unter.

Samathuels Abschiedsworte lauten: „Freunde von Judäa! Herrliches brachte mir die Zeit bei euch; keiner wird vergessen sein. Ihr habt gesehen, daß ich schrieb, während Isa-i oft priesterte. Wir halten mit Symbolschrift gute Reden fest. Bis Ramoth übersetze ich das Heutige und gebe es Om-Sabra mit. Ich habe vieles aufnotiert, vor allem — und das ist meine Abschiedsgabe — die Rede Gottes vor der Bundeslade, die ich wörtlich nachempfing. Dir, Hausvater, gebe ich die Schriften zu getreuer Hand.

Der Hausmutter webte ich den Altarteppich unsers Heiligtums.“ Auf das Stichwort hin schleppt Nathan als einziger Eingeweihter eine Riesenrolle an. Das Motiv: Eine Sonne, die das Feld beherrscht; ein Kind, von göttlicher Gestalt im Arm gehalten; ein Mann und eine Frau stehend vor dem Herrn, zu beiden Seiten je drei Paare knieend, die Hände im Gebet erhoben; dahinter eine Schar auf einer Straße und sieht doch aus, als ginge jeder seinen Pfad. Alles mündet in des Lichtes heilige Gestalt. Das Ganze ist so plastisch dargestellt, als wäre es gemalt und nicht gewebt.

Nathan hat die Haken vorbereitet, um den Kelim aufzuhängen. Er nimmt die ganze Schmalwand ein. Man steht wie träumend da. Isa-i lehnt sich an den Vetter an. Sein Bild, wie er vorhin sah. Auch ein Gnadenakt! Abigail hängt plötzlich weinend an Samathuels Hals, sie bringt kein Wort hervor. Abjathar muß sich erst räuspern, ehe seine Zunge locker wird.

„Priesterfreund Samathuel, vom inneren Wert ist nicht zu reden; das übersteigt das Irdische. Doch mit deiner Arbeit hast du einen Reichtum hergeschenkt. Ich rechne nicht mit Gold- und Silbermünzen nach, ich will nur sagen: Dein Geschenk gehört uns allen, nicht wahr, Abigail?“ Die nickt weinend. „Bei Tag werdet ihr es besser sehen“, lenkt Samathuel ein wenig ab. Er küßt Abigail, wie er seine Mutter küßt.

„Ich hole jetzt das Öl“, sagt Chenos. „Wir warten“, entscheidet Diblaim, der sich gar nicht trennen mag. Wie es jedem geht. Maphia als geschickte Spinnerin prüft das Gewebe, schüttelt aber bald den Kopf. „Ich komme nicht dahinter“, murmelt sie. „Das ist eine Kunst der Priesterinnen“, sagt Samathuel. „Auch wir Männer weben große Sachen. Erklären kann ich es dir nicht; es bleibt das Geheimnis unsrer Tempeldinge.“ „Das dachte ich“, gesteht Maphia ein.

Bald kehrt Chenos wieder. Zwei Diener tragen die Geschenke, fein verpackt. — Nun heißt es wirklich scheiden. Die Mitternacht ist längst vorbei; in zwei Stunden bricht die kleine Kavalkade auf.

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