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Kap 19 – Fünf Meistertitel; etwas von der Dienstbarkeit; Ein Geschenk ist un…

Fünf Meistertitel; etwas von der Dienstbarkeit; Ein Geschenk ist unverkäuflich; Große Gnadenwege; Der HERR klopft bei Asarja an

19. Kapitel

Sechs Jahre gingen hin. Isa-i hat vor dem Altenrat sich mehrere Werktitel (Meistertitel) erworben. Man darf sogar den Titel jemand überlassen, der sich keinen kaufen kann. Mit hochroten Wangen hält er fünf Titel in der Hand: Töpferei, Lederarbeit, Weberei, Zimmerei, Schmiedekunst. Natürlich feiert man den Tag. Allgemein wurde Isa-i nicht verwöhnt. Und nur wenn er priestert, ist er der ‚Prophet des Herrn‘, durch den nicht selten GOTT persönlich spricht. Doch auch aus seinem Geiste weht das ATMA des Allmächtigen.

Nach der Festtafel fragt Diblaim: „Sag mal, Isa-i, wozu verwendest du die vielen Titel? Wir ließen dich gewähren; doch du bist mager, wir hätten es nicht dulden sollen. Gestern gabst du an, du wollest auch noch mauern. Willst dir wohl dein Häusel selber bauen?“ Isa-is Gesicht versonnt. Niemand ahnt, warum er dieses tut. „Das gerade nicht“, erwidert er, „auch will ich keinen Reichtum raffen. Aber ist‘s nicht gut, wenn man vieles kann?“

„Gut schon“, gibt jener zu. „Na, bist alt genug, daß ich sagen kann: ich bewundere dich. Du hast Ausdauer und Geschick. Doch das Mauern gebe ich nicht zu.“ Diblaim wird energisch. „Schade.“ Isa-is Stimme tönt sonderbar. „Mein großer Plan bliebe so auf halbem Wege stecken. Wer Halbes tut, tut in Wahrheit nichts.“

Joroham meint: „Wir fragen Rochaleth, wie lang es dauert, um den Titel zu erwerben. Es ist ja schwer; aber nun — er brauchte sich währenddem nur um das letzte Schuljahr kümmern.“ „So dachte ich es mir“, fällt Isa-i bittend ein. Er lacht verschmitzt. „Barthomas und ich bauten schon als Jungen uns ein Haus.“

„Gemäuer“, berichtigt Abelu, „Wird abgestimmt, tute ich in Diblaims Posaune.“ „Altvater, meine Mutter will es und sie läßt dich wieder grüßen. Was dann?“ „ . . . streiche ich vor Sikha meine Segel“, stottert Abelu, „Grüße sie zurück, vielleicht — “ Ein Seufzer. „Gewonnen!“ „Du überrumpelst uns!“ droht Abjathar. Abigail fragt: „Du sprichst fast nur von deiner Mutter, deinen Vater erwähnst du kaum.“

„Ich setze Vater nicht zurück. Er und ich waren eins und sagten ‚unsere Mutter‘. Wenn sie kommt, ist jetzt Vater auch dabei. Sie hat ihn gehoben, doch die Stufen ging er selbst. Das Heben nützt auch nichts, wenn man GOTT nicht über alles liebt. Mutter war nur früher reif und half Vater bei dem Himmelsleiterstieg.“

„Im Jenseits steht der Dienst im Vordergrund“, sagt Abbuda. „Bloß wir Menschen unterdrücken solchen Dienst.“ „Manchmal denke ich, die Heiterkeit sei ein Hindernis“, Hophei seufzt; „aber glaubt, ich sehe trotzdem alles ernsthaft an.“ „Dein Frohsinn“, lächelt Isa-i, „hat mir oft geholfen. Armen, die sich bei euch den Klopfer in die Hände drücken, füllst du den Korb und auch das Herz.“ Diblaim lacht: „Ja ja, meine gute Seele; bald habe ich sie vierzig Jahre in Geduld ertragen.“ „Und ich dich“, schlägt Hophei warm zurück.

Nathan stürzt atemlos herein: „Herr, es kommt . . . “ „Wieder ein Kamel?“ Der Mann macht Telleraugen und wispert: „Der Hohepriester biegt in unsre Gasse ein, Da dachte ich „ . . . richtig!“ Abjathar wendet sich an alle: „Ich gehe an das Straßentor,“ Er kommt gerade recht, als Asarja, zwei Diener im Gefolge, schon nahe ist. Ihm entgegengehend sagt er höflich: „Ich begrüße dich von Herzen, hast du deinen Fuß zu mir gelenkt.“

„Das tat ich“, grüßt Asarja freundlicher als sonst zurück, „Du hast mich öfter eingeladen; es wird Zeit, daß ich komme.“ Abjathar nimmt ihm den schweren Mantel ab. „Wenn du bleibst, kann Nathan dich dann heimgeleiten.“ Abjathar will keine Tempeldiener bei sich haben. Asarja ist es recht, er schickt die Diener heim.

„Ich hörte, daß Jesaja“, er sagt niemals Isa-i, „fünf Werktitel hat. Das wundert mich. Ein Prophet — wenn er einer ist — soll nur geistlich wirken. Geist und Materie vertragen sich nicht gut.“ Er bleibt stehen, scheinbar die schöne Hofpflanzung betrachtend, merklich aber, um erst mit Abjathar allein zu sein. Der schweigt. Mag Asarja sich nur äußern.

„Du hast lange keine Schüler in den Tempel eingewiesen“, gesteht der Hohe ungern ein. „Nach unserm letzten Tausche vor drei Jahren hast du nichts mehr hören lassen“, erwidert Abjathar. „Ich bin nicht gekränkt, weil du mich zweimal abgewiesen hast, als ich deshalb mit dir reden wollte.“

Asarja verbeißt ein Wort, Sein Hochmut zeitigte für ihn ein trübes Resultat. Der Ruf der Freien Schule zieht die Lernbegierigen an, zumal das Lehrfeld größer als im Tempel ist. Kein Wunder, daß die Väter und die Söhne sich für Abjathar entscheiden, bei dem die besten Schüler auch mit lehren dürfen. Das macht Spaß und eifert an. Asarja will sich dazu nicht entschließen. Nein: Der Priester lehrt, der Schüler hört! So ist‘s alter Brauch.

Er faßt nach Abjathars Hand: „Ich wollte dich nicht kränken; der Tempel fordert meine Zeit.“ Die Ausrede fällt Abjathar wie Spreu durch seine Finger. Asarja merkt es nicht. „Eine neue Klasse ist zu bilden und mir wäre recht, wenn du zehn Schüler übrig hättest. Ich habe dafür Fürstenwaisen, die den Tempelschutz genießen; leider lauter Mädchen, die ich nicht mag.“

Der Gelehrte lächelt fein: „Sind die nicht des Schöpfers Kinder? Hat die ein anderer Gott gemacht? Und deine Mutter? Was tun, wenn es keine Frauen gäbe?“ „Über Weiber spricht man nicht“, wehrt Asarja spitz. „Wie man‘s nimmt“, kommt es kühl zurück. „Dein Hagestolz ließ keine Ehe zu.“ „Der Hohepriester sollte weiblos sein.“ Es ist landbekannt, daß keine Juda-Tochter ihm freiwillig folgen würde.

„Ich frage, ob Schüler für zwei Jahre zu dir wollen. Behältst du für die Mädchen die Verantwortung, so sende sie gleich morgen her. Wieviel sind es denn?“ „Gerade zehn, acht bis zwölf Jahre alt.“ „Da läßt sich eine Klasse bilden.“ „Was? Wie — ?“ Asarja scheint falsch gehört zu haben. „Mädchenklassen? Wozu denn das?“

„Ich hab‘ schon eine; sie lernen allgemein sehr brav. Einst besaß der Tempel eine Fürstenmädchenschule.“ „Das führe ich nicht wieder ein!“ Der Hohe zögert: „Sollen deine Schüler frei entscheiden?“ Er hat Angst, daß da keiner kommt. „Sie tun es mir zuliebe“, beruhigt Abjathar. „Mit Zwang erreicht man nichts. Freiheit unter fester Führung garantiert das Ziel! Das sagt dir dein alter Lehrer.“ ‚Hm‘, brummt Asarja in Gedanken, ‚habe ja mein Ziel erreicht.‘

Abjathar steuert auf das Gartenzimmer zu. Man begrüßt den Templer ehrerbietig. Das freut denselben und er deckt den hohenpriesterlichen Stolz ein wenig zu. Leutselig setzt er sich auf den für ihn bereitgestellten großen Stuhl. Da fällt sein Blick auf den Teppich an der Wand. Von der Sonne voll belichtet, wirkt er wie ein wunderbares Lebensbild.

Asarja geht hin, befühlt das Gewebe und schaut es wieder aus der Ferne an. „Seit wann, Abjathar, besitzt du diese Kostbarkeit?“ „Seit sechs Jahren.“ Der Hausherr ist auf seiner Hut; der Templer sammelt gern. Ab und zu wird ausgetauscht und Asarjas Räume werden dabei reich. „Das hat Samathuel gewebt.“ „Der?“ Langgedehnt gefragt. „Das Sinnbild ist verständlich“, sagt Asarja. „Aber Gottes Kinder sind zu zählen, während hier — Nein, die Masse ist zu groß (OJ. 7, 9), die dem Licht entgegengeht. Wie kommt der Mann auf das Motiv?“

Abjathar berichtet von dem Abschiedsabend und ergänzt: „Den Kelim hat er hergeschenkt.“ „Geschenkt? Wem? Ich schätze ihn auf fünfzig Zentner Gold. Die Kunst bleibt unberechenbar. Du hast einen Fang gemacht.“ „Das ist kein Fang!“ Abjathar zähmt seinen Zorn. „Durch Gottes Gnade ist uns das Bildsymbol ein Heiligtum und Heiligtümer, Hoherpriester, sind nicht abzuschätzen!“

„So meinte ich es nicht“, beschwichtigt ihn der Templer schnell. „Führwar, es ist ein Heiligtum, ein ganz wunderbares obendrein. Wie herrlich, wenn es unsern Tempel schmückte! Das Allerheiligste käme nur in Frage.“ Er wagt einen Vorstoß, diesmal ohne persönlichen Begehr.

„Sein Wert läßt sich nicht bemessen. Immerhin bekämst du fünfzig vom Schatz der 666 Zentner Gold der Königin von Saba (1. Kön. 10, 14), die Salomo vor seinem Tod dem Tempel überschrieb.“ „Nein!“ Abjathar sagt es kurz angebunden. Er spürt, daß es Asarja ehrlich meint. Doch Samathuels Geschenk ist ihm unverkäuflich, und würde er den ganzen Salomo dafür erhalten.

„Überlege es.“ Asarja hält sich ruhig, aber — er muß den Teppich haben. Gelassen widerspricht Abjathar: „Das Geschenk erhielt mein Weib.“ Eine jähe Bewegung, ein Gedanke — — Asarja lehnt ihn sofort ab, wenngleich ihm unverständlich ist, wie man einem alten Weibe so was schenken kann. Ist der Fremde denn ein Narr? Vorsichtig forscht er aus. Hophei ist die einzige, die ihn voll durchschaut und nicht ohne Schadenfreude heimlich grinst.

Abjathar geht auf die Frage ein: „Samathuel war zwei volle Jahre unser Gast. Ihm war das Kennenlernen des Propheten Isa-i, seines Vetters, wertvoll genug, daß er ohne weiteres solche Gabe machen durfte. Demzufolge haben ich und meine Frau in seinem Beisein sein Geschenk dem ganzen Freundeskreise mit vermacht. Wir können nur gemeinschaftlich verfügen.“

„Das hindert nicht“, beginnt Asarja schon mit seinem Feldzug, „ihn zu verkaufen, damit er in des Tempels Allerheiligsten seine volle Würdigung erfährt.“ Joroham, der mit Diblaim einen Blick gewechselt hat, sagt hart: „Samathuel bestimmte ihn für diesen Raum, in welchem wir durch unsern Gast, noch mehr durch Isa-i, Gottes Offenbarungen erhielten. Deshalb ist er unverkäuflich; auch beleidigte es ja den Geber. Das, Hoherpriester, ist unser guter Grund, warum wir, nicht Verkäufer sind.“

Asarja zuckt ärgerlich die Schultern. Doch es darf nichts übers Knie gebrochen sein. Dem Disput hatte jeder aufmerksam gelauscht. Keiner achtete auf den andern, so auch nicht auf Isa-i. Aber nur Asarja ist verwundert, als der junge Seher plötzlich vor dem Wandbild steht. Und es kommt das Wort:

„Höret, also spricht der HERR! In Jerusalem ist viel Geschrei; und Juda bäumt sich auf und wartet auf den Tag, da es vor der Welt das ‚Volk des Ruhmes‘ sei. Es wird sich weisen, wer MEIN VOLK, des Zions Bürger ist! Ehre, Ruhm, Macht, Kraft, Gewalt und Stärke, die Herrlichkeit gebührt GOTT ZEBAOTH. Kein anderer, der den gleichen Titel trägt. Ich allein bin Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Meint ihr, die im Unrecht leben, wären keine Kinder? Wenn so, dann ist niemand auf den Welten KIND zu nennen, weil alle unter Satans Sünde stehn. Lebt ihr rein? Will Gott alles rechnen, was Ihm widersteht, was käme da heraus? Wollt ihr Gnade finden, habt ihr dann ein Recht, euch über andere zu stellen? Ist zu reden eure Sache: Dieser oder jener ist ewiglich verdammt? Könnt ihr den Raum ermessen, der die Ewigkeiten formt? Wisset ihr, ob sich Gottes große herzliche Barmherzigkeit im Raume offenbart oder dessen Hülle ist? Was ist größer: die Umhüllung oder was die Ewigkeiten füllt?!

Kein größter Engel (Eigenschaftsträger) hat seinen Lichtanteil erforscht, nicht den der Herrlichkeit, der Liebe, Vatergüte noch seines Rechts. Kein Lichtgeist sah den Anfang eines Schöpfungstages; sie wurden in ihn eingeboren. Keiner sah je eine Nacht, in denen Gott aus Abend und aus Morgen Seine Gnadentage schuf (s. Urwerk).

Hat Er in Seiner Unerforschlichkeit so viele Güte ausgestreut, da saget Mir, ob ihr scheiden dürft, wo der HERR vereint; drücken, wo ER entlastet; verdammen, wo ER verzeiht; verstoßen, wo ER erlöst (Hebr. 9, 12) ?! Seid ihr etwa Gläubiger der Sünder, oder ist‘s der Herr allein?!

Licht leuchtet euch entgegen; es führt zu Gott, Der auf euch alle wartet. Mit Willenskraft die Hand gereckt, — und für Unvollkommenes wird werdende Vollkommenheit gereicht: Wandel, Gnade, Seligkeit! Aus Erkenntnis sollt ihr lehren, nicht aus einem Stand. Ließe Gott euch immer fühlen, daß ER nicht zu hauchen braucht, um Leben auszustreuen oder einzuholen, ihr müßtet ja in eurer Kleinheit wie ein Würmlein über diese Erde kriechen! Läßt Gott euch Seine Größe fühlen? Nein, als Größtes offenbart Er Seine segensvolle Huld.

Bedenke jedermann, zumal wer Amt und Würde hat, daß er tut, wie ihm geschieht. Vergebt, weil euch vergeben wird; heilt, weil euch der HEILAND heilt (Matt. 18, 23-35)! Doch nur helfen, wenn einem erst geholfen wird, ist keine reine Tat. Ihr glaubt, so ihr um Vergebung bittet, ginget ihr zu Gott. Solches Denken macht den Himmelsweg sehr ungewiß.

Allerdings, der Freiheit wegen führt Gott oft geheim; doch rührt ER zuerst den Menschen an. Jede Umkehr, jeder wahre Wille wieder gutzumachen, kommt vom Geist. Dessen Stimme regt euch an; und alles Gute kommt von Gott! Er sieht gnädig zu und rechnet Willensehrlichkeit gleich einer Tat.

Desgleichen sollt ihr auch mit euren Nächsten tun. Wer ernstlich will, der schöpft aus Gottes gnadenvollem Ernst die Lohe, die den Weg erhellt bis hin zum Altarherd der Heiligkeit, wo er seine Garbe, auf dem Feld des materiellen Welten-Alles eingesammelt, niederlegen kann. Sehet zu, daß ihr reife, volle Garben Gott in Seine Scheuer bringt.“ (Matt. 3, 12)

Mit stillem Dank gibt man Gott die Ehre. Asarja prüft, inwieweit Jesaja oder GOTT gesprochen hat. Amtsgemäß steht es ihm zu; auch prüft er heute ohne Hinterhalt. Das Bildwerk hat viel mehr auf sein Herz als auf den Kopf mit aller Rechnerei gewirkt. Die hellen Augen strahlen ihm entgegen. Er geht auf den jungen Seher zu, der wie von einem Bann umgeben ist. Unauffällig bleibt Asarja abseits stehen, freundlich forschend:

„Jesaja, das Wort bezeugt dich als Prophet, sehe ich auch manches anders an. Man muß deine Art erst kennen lernen. Aber wäre Israel nicht auserwählt, womit alle schon erfolgten Offenbarungen zu Falle kämen, von welchem Volke sprach hernach der Herr? Nach allen Seiten Seine Gnade auszudehnen, ist zu beherzigen. Allein, wo bleibt dann die Verheißung, die sich nur auf unser Israel bezieht? Ab Abraham läuft sie wie ein roter Faden durch die Volksgeschichte bis herauf zu unserm Tag.

Soll das unecht sein? Aus welchem Grund? Sind wir so schlecht? Der Gottesdienst hat sich gehoben und die Unterwelt zurückgedrängt. Ich bemühe mich, den Tempel reinzufegen.“ Die Sonne streift bereits die letzte Säule, als ein feiner Nebel Isa-i umhüllt, wie seinerzeit im Allerheiligsten. Ah nein! Nicht hier, nur dort oder in geweihter Synagoge offenbart sich Gott, der Herr.

Die Freunde fragen nicht nach Ort noch Zeit, sie sind des Herrn Allgegenwart gewärtig. Das Licht wird zur Gestalt, ganz gnaden nah. Auch Asarja fühlt es plötzlich freudig. Fast wundert‘s ihn; denn ob der Höchste mit ihm zürnt, daran wagt er nicht zu denken. Er läßt der Freude freien Lauf. Gott spricht:

„Ihr Menschenkinder, merket auf Mein Wort! Doch nicht nur jetzt mit eurem Ohr gehört, nein — täglich im Gebet, im Gespräch mit eurem väterlichen Gott. Asarja, dich bewegen Fragen weit mehr als nötig ist. Du denkst für diese Welt und läßt den Himmel außer acht. Kannst du nach deinem Erdenweg für Israel noch etwas tun? Wird nicht der andere, der deinen Stuhl besetzt, nach seinem Willen wirken? Und wie dein Stuhl, so wandelt sich das Volk!

Doch zur letzten Zeit (Jes. K. 2), die man nicht nach Tagen, nicht nach Jahren mißt, werden alle Völker rufen: Kommt, laßt uns gehn zum Berg, zum Hause Gottes, daß wir Seine Wege wandeln! — Denn von Zion kommt Mein Gesetz und aus Jerusalem Mein Wort! Denke nicht, Israel sei Zion, und die Stadt, in der du Hoherpriester bist, sei Mein Jerusalem. Dies Exempel geht dir fehl.

Ich machte Mir ein Volk. Nicht dort, wo nur der Widerschein des Lichtes wirkt. Kann Ich vom zerbrochenen Gefäß verlangen, daß es sein volles Maß behält? Freilich habe Ich den armen Boden vom Gefäß gerettet (Luzifer u. Materie); und die Scherben — merke dir las Ich SELBER auf, eine um die andere. Ich kann daraus samt des Gefäßesrest auf Meiner Töpferscheibe eine neue Vase formen (Jes. 64, 7), drin Öl und Wein zu sammeln sind (OJ. 6, 6), oder gute Körner, und reines Gold, von Schlacken freigebrannt.

Das Welt-All sind die Stücke von dem armen Krug. Meinst du, aus diesem käme eine Hilfe? oder ob nicht Ich die Rettung angedeihen lassen muß? Rettet Israel die Welt oder nicht alleinig ICH, euer Retter!? Es gab ein Geschlecht auf eurer Welt, mit einer Sprache, und von einer Art. Sippen ließ Ich zu, die binden können, während Völker Trennung bringen.

Schuf Ich nur eine Art, in der die Himmelslichter segnend wirken sollen, bis alle Splitter eingesammelt sind, willst du von MIR verlangen, daß ICH des Teufels Tun noch unterstütze und Unterschiede mache? Doch aus der Zerstreuung habe Ich gewählt, was Meinem Werke dienlich ist, wozu gehört, daß Ich Abraham zwei Bahnen gab: aus dem Weib die Sterne, aus der Magd den Sand!

Wenn der Sand die Sterne anerkennt, die wie am Firmament erstrahlen, nicht nur über Israel, dann erblüht MEIN JESURUN, das Volk aus allen Heiden, Völkern, Sprachen, aus den vier Ecken, wo die vier Engel stehn (OJ. 7, 1-9)! Denn Volk, Asarja, bezieht sich nicht auf Irdisches, sondern auf die ‚Kinderschar‘!

Für sie, teils als Sand verstreut, teils als Sterne blinkend, kenne Ich kein anderes Erlösungsziel, als Mein Zionsvolk von LICHT-HEILIG, dem geistigen Jerusalem, zu sammeln. Auf dessen Gipfel thront Mein Tempel, sichtbar denen, die alle ihre Lebensdinge in das Geistige hinübertragen und nicht umgekehrt, wie es die meisten tun.

Ihr braucht tags die Sonne, nachts den Sternen — oder Monden schein; im Innern aber eine Kerze, die an Meinen sieben Fackeln (OJ. 4, 5) anzuzünden ist. Auch deine Kerze! Zucke nicht zurück; Mein Wort ist gut! Es ist besser, Israel zur Geisteswahl erziehen helfen, statt den Hochmut unterstützen, daß das Weltliche Mein Zion sei. Werde Hoherpriester, der aus dem Tempel wieder eine Hütte (OJ. 21, 2-3) macht. Nein, nicht äußerlich; denn ob Hütte oder Haus, so merke dir:

ich wohne dort, wo wahre Liebe wohnt!

Aber Hütte bedeutet Obhut, die Ich allezeit hernieder sende bis zum letzten Erdentag.

David stillte mit Schaubroten seinen Hunger (1. Sam. 21, 7). Mir wäre lieber, wenn sie täglich Arme sättigten. Das wäre eine Lichtschau, wo Ich gern die Segensbrote sehe. So aber sind sie ohne Wert! Du hast gedacht, Ich könne nur im geweihten Tempel sprechen? Höre: Mein ist die Erde, Mein das All (Hiob 41, 3)! Bin ICH an euren Myrrhenrauch gebunden? an ein Haus, das ihr mit Wasser sprengt?

Ich komme, wann Ich will, und gehe auch, wohin Ich will! Ihr haltet euch an euren Formen fest; Ich — Asarja — habe Meinen frei- herrlichen Willen! Soll Ich diesen eurer Satzung unterstellen?“ „Nein“, unterbricht Asarja ungewollt. „Dein Wille ist mir heilig!“

„Ganz recht! Du hast die Freude über deine Angst gestellt; darum rührt Mein Geist dich an. Mühe gibst du dir, und jede Mühe segne Ich. Du hast das Volk vor Mir entschuldigt, es sei besser als zu Ahabs Zeit. Merke: Stets bat Mose für das Volk, auch wenn es jede Ordnung niederriß. Er dachte nur an Meine Freude, die Ich hätte, wo soviel Mühe aufgewendet worden war. Kannst du Mir bezeugen, daß du Meinem Hause alle Ehre wiederbringen willst?

Du sagst ehrlich und betrübt, du könntest dich mit Mose nicht vergleichen. O, noch manches fehlt an dir. Zwar steht kein Ascherabild und Baalaltar in deiner Stadt; doch das Schachern um Gewinn, dafür man manche falsche Rolle schreibt, ist vor Meinen Augen schlimmer, als wenn sich Heiden Bilder machen und beten ihre Götzen an wie zu Ahabs gottesloser Zeit.

Greife nicht nach dem, was weltlich kostbar ist. In Zions Sanktuarium (Tempel) gibt es unerträumte Herrlichkeiten. Im Symbol darf sich dein Tempel schmücken, wenn im Schmuck des Geistes Ehre ruht. Das gilt auch deiner Frage, ob es da noch nötig sei, einen Hohen Stuhl zu richten. Gut ist, wenn du weiter wirkst; besser: wie du wirkst. Glaube an die Führung, die dich Hoherpriester werden ließ. Aber frei steht dir, wes priesterlichen Sinn du trägst! Wirktest du nicht weiter, so wärest du ein armer Knecht, der sein anvertrautes Pfund vergräbt.“ (Luk. 19, 20)

„Herr“, wagt Asarja abermals zu unterbrechen, „Du sprachst vorhin von den Kindern, ich aber bin in Deinen Augen nur ein Knecht.“ Ein Lächeln gleitet über das Gesicht des Herrn. „Meinen höchsten Engeln ist Knecht und Magd ein Ehrentitel! Als solche dienen sie, was ihre größte Freude ist.“

„Ach so“, entfährt es Asarja, „dann — dann muß ich dafür danken, Herr Zebaoth; denn so ist es ein Gnadentitel und von mir noch kein Verdienst.“ Abelu tritt vor und neigt sich mit der Bitte nieder: „Herr, schenke allen diesen Titel, laß uns Deine Knechte, Deine Mägde sein.“ Wie auf dieses Wort gewartet, knien sich alle vor dem Herrn mit vollen Dankesherzen hin.

„Gesegnet seid ihr, Meine treuen Kinder, ihr habt zu Meiner Freude viel getan. Meine lieben Mägde“, sagt Gott besonders herzlich zu den Frauen, „waren schon im vorhinein beseligt. Ja — wer Kind und Knecht wie Magd in einem ist, ob im Himmel oder auf den Welten, der hat das Gnadenmaß erreicht.

Dienend lieben und in Liebe dienen, das ist geschöpft aus Meiner ewigen Vollkommenheit. Den gerechten Anteil anzunehmen und das Kindsein mit dem Dienen auszugleichen, ist jedes freien Geistes Angelegenheit. Bindet euch an Mich, denn Meine Güte währet ewig, und Meine Ströme fließen immerzu. Jeder kann aus jedem Wort das Seine schöpfen! Seid gesegnet als Knecht und Magd und Kind im Frieden dieser Stunde.“

Was hernach geschieht, kann später keiner sagen. Asarja bricht zuerst das Schweigen: „Das war ein Schaubrot Gottes!“ Und zu Abjathar gewendet: „Verzeih, wenn ich gleich gehe; ich muß Stille um mich haben.“ Das ist allen sogar lieb, denn jeder möchte Gottes Wort im Herzen still bewegen (Luk. 2, 19 u. 51). Nur einen Becher Wein trinkt Asarja langsam aus, gibt jedem die Hand, auch den Frauen; denn die ‚Mägde‘ sind ihm ein Problem geworden. Zu Isa-i spricht er nur ein leises: „Ich danke dir, Prophet des Herrn.“

Viele gute Wünsche gehn ihm nach, daß er die Worte nicht vergessen möge, daß sie keimen können, wie im guten Land der Weizen keimt.

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