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Kap 28 – Eines Engels Viertelstunde Der Alte mit dein Silberbart

Eines Engels Viertelstunde Der Alte mit dein Silberbart

28. Kapitel

„Sei willkommen.“ Abjathar gibt Muriel mit schlichtem Wort die Hand. Des Dieners atemlose Mär, ein fremder Fürst käme an, scheint zu stimmen. Abigail sieht den feinen Zug um den schönen Mund des Unbekannten. Heimlich stößt sie ihren Mann, der im Anblick dieses Gastes ganz versunken ist.

„Verzeih“, murmelt er, „wer bist du?“ Muriel lächelt: „Du prüfst mich zu Recht; und für dein Willkommen sei dein Haus gesegnet.“ Abjathar entschuldigt sich: „Heute kommen Gäste, die mit Vorsicht anzufassen sind. Geht deine Rechnung etwa fehl, so entgelte mir es nicht.“ „Den Wunsch des Segens nimmt man nicht zurück, ohne selber Gottes Segen zu verlieren.“ Muriel küßt Abigails Stirn.

O, solch feinen Jungen muß man lieben. „Bleibst du in Jerusalem, so übernachte hier“, bittet sie. „Herbergen sind nicht gut genug für dich.“ Manche sind Spelunken. „Wie mütterlich!“ Muriels Antlitz strahlt. Abjathar fragt verstohlen Isa-i, wer der Junge sei, dessen Reife ihn noch größer dünkt, als Abelu, Jarath und Diblaim besaßen. Wie ein Überirdischer kommt er ihm vor.

Isa-i gibt ihn bekannt. „Ah! dein Himmelsbruder von Samaria? Mein Gruß war zu arm.“ Abjathar ist verlegen. „Das Haus sei dein, hoher Gottesbote; breite deine Flügel über uns.“ „Gott sieht wohl gefällig auf dich nieder, Abjathar. Jederzeit waren Treue, Glaube, Recht und Liebe deines Weges, deines Hauses Unterpfand.

Manch Gastes wegen sprich, ich sei ein Fürst (Jos. 5, 14; Dan. 10, 13) aus UR. Man wird an Chaldäa denken; dabei kann‘s zuerst verbleiben.“ „Hörst du, Abigail? Verplappere dich nicht. Nur Hophei wird Muriel von wo andersher vermuten.“ „Wer es merkt, ist klug genug, meine Absicht zu erkennen.“ „Wo solche Füße (Jes. 52, 7) wandeln, wird das Wort regiert“, beruhigt Isa-i. Man geht ins Haus.

Verlegen sieht die Runde den schönen Fremdling an. Joroham und Obed-Edom haben gleich Kontakt. Hophei schüttelt leicht den Kopf. Ein Fürst aus Ur? Sie studierte gern mit Diblaim und weiß, daß Ur am Unterlauf des Euphrat liegt, aber nach dem Landteil Sinear nun ‚Ar‘ genannt. Dort gibt es keine Herrschaftshäuser mehr wie einst, mit solchen Fürsten, wie der Gast es ist. Abigail winkt ihr mit den Augen zu. Da weiß sie schon Bescheid. — Unter allerlei Gesprächen wird zuerst getafelt.

Im Säulenraum ist für Asarja ein hoher Stuhl gestellt. „Dieser müßte unserm Fürsten gelten“, murmelt Nathan bitter. „Bekümmere dich nicht“, beschwichtigt Muriel, der hinzugetreten war. „Deine Treue hat Gott aufgeschrieben. Glaubst du, ich wäre weniger, weil ich einen kleinen Stuhl bekomme, der Hohepriester aber mehr, weil. er auf dem großen sitzen kann?“

Nathan ‚fühlt‘ sich. Hier guckt der Fürst an allen Ecken ‘raus. Sein faltiges Gesicht wird feuerrot. „Deine Ehre, Fürst aus Ur, kann niemand mindern. Ich danke dir, daß du gnädig zu mir sprichst. Der Hohe . . .“ Man kann‘s ihm nicht verdenken, daß er den nicht leiden mag. „Freund, es gibt die freudige und die tragende Liebe. Erstere gibt man leicht, da sie zwischen Menschen Widerhall erfährt, die sich Freundschaft schenken oder sich symphatisch sind. Die andere ist schwerer aufzubringen, weil sie ohne Echo bleibt. Man soll aber seine Feinde lieben!“

Nathan stottert: „Das kann nur ein Fürstlicher wie du. Ich bin bloß ein armer Knecht.“ „In der Welt; im Licht-All sieht es anders aus. Viel tragende Liebe hält GOTT für die Widerspenstigen bereit. Auch die Gläubigen sind dabei. Aus Treue hassest du. Jeder Haß ist aber eine Frucht der Finsternis. Kann die dem Hause Segen bringen, dem du nur das Beste wünschst?“ (Spr. 10, 12)

Beschämt senkt Nathan seinen grauen Kopf. „Meine Schultern sind gebeugt. Willig trug ich meine Last. Erst durch Isa-i bin ich tiefer angeleitet worden, an den Herrn zu glauben.“ „Hat er nie die Feindesliebe anbefohlen?“ „Gewiß, gewiß; nur — die dem Hause feindlich sind, schloß ich davon aus.“

„Schließe sie von jetzt an ein, und du hilfst, daß Feinde Freunde werden.“ Eben treten alle Gäste ein. „Asarja kommt“, sagt Muriel zu Abjathar. Der Hausherr bittet Joroham: „Komme mit, laß uns ihn am Tor begrüßen.“ Abigail weist die Plätze an. Allgemein sitzt man ungezwungen; doch der Hohepriester soll die Ehre haben, die er immer ängstlich wahrt.

Mit Asarja kommen Parnach, Sephthan, Hezeron und Chilijon. Nur Matguel blieb zurück; unter ‚großen Geistern‘ fühlt er sich nicht wohl. Er denkt schaudernd dran, als am Gnadenstuhle die Erscheinung (S. 100, 6) kam. Ohne solche lebt es sich entschieden leichter. Man begrüßt die Priester würdig. Asarja schickt die Tempelwache heim. „Ist der Besuch noch da?“ fragt er gleich.

Abjathar bejaht und macht den Hohenpriester auf die vielen Gäste aufmerksam. Verstohlen rümpft Asarja seine Nase. Die Unmutsfalte glättet Joroham, indem er kurz die Lage schildert und zum Schlusse sagt: „Du kannst nur gewinnen, wenn du ab und zu dem Volke nahe bist.“ Hm — schon recht; na, zum Glück verkehren angesehene Leute bei Abjathar.

In Muriel erkennt er gleich den Erlesensten im Kreis und geht auf diesen zu. Wie einst Abram den Pharao, so grüßt das Licht die Welt, richtiger — es bietet ihr die Hand. Asarja ist frappiert. Bei der Berührung läuft ihm ein Strom bis tief ins Herz hinein. Einbildung! Isa-i, der Fürst und Samathuel haben große Ähnlichkeit; nur sieht der Fürst am feinsten aus, trotzdem er Samathuels hohen Wuchs noch überragt. In ahnender Gewißheit, besondere Stunden zu erleben, wird er friedlich. Er vergißt sogar ein wenig seinen Rang.

Nach allgemeinem Hin und Her fängt Asarja an: „Abjathar, es ist eigenartig: Sterne aus vier Himmelswinden geben sich bei dir ein Stelldichein. Zum Tempel kommt meist Tongeschirr. Bessere Ausländer gehen in . . . den Batrah-Hof, sehen sich Salomos Herrlichkeit von Außen an und ziehen wieder ab.“ Der Neid ist zu verzeihen.

„Das bewirkt die Schule. Wenn du die deine weiterleitest wie im letzten Jahr, wird ihr Ruhm die Sterne locken.“ Asarja streicht geschmeichelt seinen kurzen Bart. Um zu erfahren, ob der Fürst der Schule wegen kam, sagt er schlau: „Will der Chaldäer eine Wissenschaft bei dir studieren? Wenn ja, würde es mich ehren, wollte er den Tempel auch in Anspruch nehmen.“

Samathuel und Isa-i lächeln in sich hinein. Muriel tut harmlos, und Hophei reibt sich ihre Finger: ‚Schlauberger, der Fürst wird dir schon über sein.‘ Abjathar, bereit, den kleinsten Stein vom Pfad zu räumen, erwidert höflich: „Der Fürst sagte mir noch nicht, was ihn bewog, Jerusalem zu besuchen.“

Um das zu erfahren, fällt Asarja gierig ein: „Ist es ungelegen, Fürst, zu fragen, warum du zu uns kamst?“ „Absolut nicht“, erwidert dieser. „Doch der Schule wegen kam ich nicht.“ „O, Jugend lernt nie aus!“ plärrt Chilijon dumm dazwischen. Abbuda, neben dem Vorlauten sitzend, pufft ihn ungeniert. Auch Asarja sendet einen Augenpuff. Isa-i kommt ihm zu Hilfe: „Priester Chilijon hat recht; man kann lernen, bis man alt wird wie Methusalah. Aber einer wie der Fürst lernt nur im Schöpfungswerk; und da lernt keiner aus.“

„Soll man erst mit grauen Haaren Gutes schaffen können?“ fädelt Samathuel weiter ein. „Unsere Jugend hat mit sechzehn Jahren ausgelernt. Dann gibt‘s vier Probejahre. Nur wenige sind hernach nicht reif, alsbald Ämter auszuführen. Wer es erreicht, wird mit vierundzwanzig Jahren eingesetzt.“

„In eurem Lande blüht jahrtausendlang Kultur“, sagt Joroham. „Es bliebe dennoch eine Frage offen, ob nicht alle Menschen, einheitlich von Gott gemacht, zu solcher Reife kommen können.“ „Bestätige ich nicht“, ruft Asarja. „Die Menschen fördert nur der Unterschied, der zur Dienstbarkeit verhilft.“ „Hinge solche Dienstbarkeit vom Wissen ab, dann ja“, pariert Abjathar. „Das Wissen ist der Acker, und das Können ist die Saat. Aber ohne Taten keine Frucht!“

„Will der Fürst uns seine jugendliche Meinung künden?“ Asarja möchte ihn aus der Reserve locken, in der er offensichtlich steht. Chaldäa war einst ein berühmtes Land. Ein feines Schmunzeln:

„Meine jugendliche Ansicht dürfte einem älteren Verwandten nicht gerade munden.“ Asarja fragt: „Wer ist hier mit dir verwandt?“ „Du!“ klingt es gelassen. „Ich — ?“ Es verschlägt jedem fast den Mund. „Wenn du auch fürstlich bist“, kommt es spitz zurück, „bist du immerhin ein Heide; aber ich bin unseres Erzvaters Jakob Sproß!“

„Gott hat die Heiden lieb (Ps. 46, 11; Jes. 60, 3; OJ. 21, 24 u. a.)“, entgegnet Muriel sehr mild. „Viele haben gute Herzen, und auf diese kommt es an, nicht auf den Mantel, den man trägt.“ Getroffen! Asarja hat trotz Hitze seine Amtstracht anbehalten, um damit seinen Stand zu unterstreichen. ‚Das gönne ich dem . . .‘ denkt Nathan ohne Liebe.

Asarja ist erbost: „Weil du selber einer bist?“ „Richtig!“ Muriels Stimme härtet sich. „Lieber bin ich Heide, der nach bestem Wissen Gutes tut, als ein Same Jakobs, der fortgesetzt die Gott-Gebote übertritt!“ Rochaleth und Om-Sabra sehen sich begeistert an. Ihre tragende Liebe hat den Tempel noch nicht ganz erfaßt.

Asarja will davon. Samathuel sagt ernst: „Hoherpriester, ist dir nicht wissenswert, wie das Verhältnis gilt? Als fremder Priester sage ich, daß eure Meinung irrig ist, nur ihr wäret auserwählt. Wie traurig dann für jene, die durch ein Schicksal Heiden wurden. Gott schuf Kinder! Willst du behaupten, der Fürst sei kein Gotteskind, so müßtest du beweisen, daß er geschöpflich nicht vom Schöpfer stammt. Fallgemäß wäre er ein Asmodi aus Satans Hölle. Du — du wagst doch nicht, den Fürsten also zu bezeichnen?“

Asarja verliert die Farbe seiner Wut. Wie ärgerlich, daß er sich so schlecht zu zügeln weiß. Samathuel dreht einen Strick aus einem unbedachten Wort. Das Schlimmste — er hat recht. Also retten, was zu retten ist. Daher hebt er leicht die Hand: „Kein Anlaß, mein Wort schlecht zu münzen. Du weißt ja nicht, wie oft Gott durch uns die Heiden schlug.“ „Und umgekehrt!“ berichtigt Obed-Edom tapfer. „Nur wenn Israel in Sünde fiel.“ Asarja streicht ihm eine Kerbe an. „Ich kenne euere Geschichte“, sagt Samathuel. „Benutzt Gott als Zuchtrute Heiden gegen euch, und ihr wendet euch Ihm wieder zu, ist die Rute dann bei Gott verachtet? Schlägt die Rute, — oder nur der HERR mit ihr?“

„Das führt zu weit! Gib die Verwandtschaft kund, die zwischen uns bestehen soll.“ Asarja fordert Muriel heraus. Der sagt wieder sanft: „Ich rate dir, Hoherpriester, mich nicht nach meiner Jugend einzuschätzen. Mich wundert, weil du nicht tiefer siehst. Du liebst keine Menschen, nur das Volk, obendrein von deiner Warte aus. Armen gehst du aus dem Weg; Kranken gibst du keine Hand; Diener siehst du nur befehlend an. Das hätte ich dir nicht gesagt, hättest du nicht lieblos über mich den Stab gebrochen!

Noch mehr wundert es, daß du meinen Hinweis nicht verstehst. Mich nennst du einen Heiden aus Abrams Stadt; du stützest dich auf dessen Enkel. Absichtlich nennst du nicht das Stammhaupt Abraham. Damit willst du zwischen uns die große Schranke ziehen. Abraham“, ein Augenblitz läßt Asarja frieren, „ist eigentlich ein Teil von mir. Da du — obzwar in Hinsicht Israels — sein Nachkomme bist, sind wir grundsätzlich verwandt.

Was den ‚Heiden‘ anbetrifft, merkst du wohl, daß ich wie du den gleichen Gott verehre. Somit könnte auch das Band vom Himmel her bewiesen sein. Jedoch fraglich, ob du aus Erkenntnis solcher Dinge die Verwandtschaft aus dem GEIST empfangen willst, was allein aus GOTT geschieht.“

„Der Geist mag gelten.“ Asarja windet sich heraus. „Aber Abram wurde erst ein Gotteskind, indem Gott ihn aus Chaldäa führte, in Haran dann das Heidnische von seinem Wesen nahm, ehe er — noch lange nicht ein Abraham — das ‚Gelobte Land‘ betrat, als ein Nomade. Die Beschneidung wurde seinetwegen anbefohlen; sie tötete sein letztes Heidentum. Also ist es besser, wir berufen uns auf Jakob, der im gerechten Kampf mit Gott den Namen ISRAEL erhielt.“ (1. Mo. 32, 29)

Die Gedanken sind geschliffen, die Ansicht aber hergeholt. Kann so ein Hoherpriester reden? Wer weiß es, daß er sich aus unbestimmtem Drang vor einem Lichte sträubt, das ihn überfluten will? Die Flut ist MURIEL. Asarja ist nicht schlecht, nur aus Hochmut tut er vieles falsch. Es ist Gottes letzter Ruf an ihn. Hört er heute nicht, wird sein Seelenweg zum schweren werden.

„Dir frommte es“, sagt Muriel mit einem Ernst, der allen in die Glieder fährt, „Abraham gäbe sich dir zu erkennen! Willst du, steht er augenblicklich hier.“ Isa-i, lichthell geworden, priestert für das unbeugsame Herz, Asarja sucht bei Gott die Zuflucht. Da er Ihn aber ferne wähnt, merkt er die nahe Hilfe nicht. Der Fürst sieht plötzlich wenig irdisch aus. Ah — Chaldäer können zaubern; man muß dem Zauberer entfliehn. Da — —

Muriel steht neben ihm im Lichtglanz seiner Geistigkeit. Das ist — Betrug, das gibt es nicht, der Zauber ist perfekt! Aus dem jungen Antlitz leuchten zwei Gesichter, ein unerhört himmlisch-reifes und ein bärtiges, — etwa das des Abraham? Alle sind erschreckt. Isa-i und Samathuel stehen beiderseits der Erscheinung, sie wissen ja, um was es geht.

Abjathar, Joroham, Obed-Edom und Hophei fassen sich zuerst. Und über jeden strömt eine wundersame Ruhe hin, der sich auch Asarja samt den Seinen nicht erwehren kann. Nathan liegt auf den Knien. Ein hoher Engelsgeist! — und er hat mit ihm gesprochen. Nachträglich wird er fassungslos.

„Asarja“, fragt der Verwandelte, „wer soll mit dir reden: Muriel, Abraham oder der im zugedeckten Himmelsstand?“ Asarja würgt hervor: „Zauberei! Chaldäer, entpuppe dich, Gott gebietet es!“ „Der Heilige hat kein Gebot, wo Sein Wille sich erfüllt!“ Nun ist es unverkennbar Abraham, soweit die Kunde ihn gezeichnet hat. „Torheit sprach aus dir! Es ist leicht, bei den Alten Fehler zu betrachten, weil man so die eigenen nicht sehen will.

Aus UR, dem Heiligen, kam ich als Geist, und zum Zeichen dessen aus der Stadt mit Namen Ur, im Auftrag meines Herrn, der mich durch die Heidenlande gehen hieß von Haran bis Ägypten. Sollte ich bei Heiden gläubig werden? Wir Chaldäer waren es! Die Beschneidung war nur ein Symbol. Wessen Herz sich nicht beschneiden läßt, der mag sich jedes Jahr am Leib beschneiden, er bleibt dennoch gottesfern. Rechte nun, Asarja, ob deine Ansicht gelten soll.“

Der wehrt heftig ab: „Verwandele dich in was du willst, nur . . .“ „. . . als Abraham soll ich nicht bleiben? Ich war es aber auf der Welt und frage, wer es wünscht, daß ich die Schau als echt beweise.“ Man verneint. Bloß einer, zwar zitronengelb, hebt die Hand. Natürlich — Chilijon. „Ich bitte um ein Zeichen, nicht eigentlich . . . Die Verwandlung erkenne ich als Wahrheit an“, lügt er im Schweiße seines Angesichtes. „Nur . . . “ Er verheddert sich.

„Das Wunder soll dir werden. Nicht deiner Lüge wegen“, deckt der Lichtgeist auf; „es sei zum Segen denen, die es glauben, zum Unglück jenem, der dem Lichte widersteht.“ Chilijon, in Todesangst, möchte sein Begehren ungesprochen machen. Doch Muriel steht wieder da, wie er mit Isa-i gekommen war. Sogar Samathuel atmet auf, der Templer wegen. Muriel sagt zu ihm:

„Dein Vater Ifra-Gohnora betet eben: ‚Könnte ich die Gnadenstunde miterleben.‘ Diese Bitte wird erhört. Habt Acht!“ Plötzlich ist er aufgelöst. Unleugbar: er hat die Türe nicht benutzt, denn bis dahin hätte er zwölf Schritte gehen müssen. Aufs äußerste verwirrt, starrt Asarja weit vorgebeugt, als könne er so besser sehen. Isa-i bittet: „Chilijon, Parnach, kommt zur Wache an die Fenster; Hezeron und Sephthan an die Tür!“ Chilijon macht den Fehler aufzustehen, die andern hüten sich. Da nimmt er hurtig wieder Platz.

Asarja überwacht den Stundensand, ein Geschenk Samathuels. Es besteht aus vier Gefäßen, die erst nach vier Stunden umzudrehen sind. Man sieht den Sand nach unten rinnen. Das gibt es weit und breit noch nicht. Asarjas kleine Begehrlichkeit, das wäre für das Gotteshaus ein reinstes Ideal, ist zu begreifen.

Da — ein Geräusch. Er sieht zum Ausgang hin. Es bewegt sich nicht einmal der faltenreiche Türvorhang; doch am alten Platze steht der ‚Fürst aus Ur‘, neben ihm ein feiner, schlanker Mann. Der sieht wie Samathuels älterer Bruder aus; nur seine Ehrwürdigkeit läßt reifes Alter ahnen. Und — ja — auch er wirkt erdenfern. Überstrahlt sein Geist so sehr den Leib? oder — —

Samathuel grüßt seinen Vater überrascht. Isa-i sagt: „Hochwillkommen, Gottespriester aus meiner Mutter Land! Wahrlich — Gott hat dich erhoben, da sich deine Seele für den Geist verkörpern kann, von Materie befreit. Ich neige mich vor dir; sprich, ich höre auf dein Wort. Alle“, wendet er sich an den Kreis, „höret auch; es ist eine Gnadenstunde, die uns Vater Zebaoth beschert! O Ifra-Gohnora, laß mich mit von deinem Geist empfangen.“

Die Erscheinung macht Asarja viel zu schaffen. Die Väter sahen Gott und Engel, und Mose konnte Wunder tun. Wie wenig das zu leugnen ist, so auch nicht, was vor sich geht. Fraglich aber, ob man heute noch die Fähigkeit besitzt, Verwandlungen zu erleben oder an sich selber zu erfahren. Dazu sagt er ‚nein‘, weniger als Leugnung, als mehr aus eigener Unzulänglichkeit.

Steht der Würdige nun über ihm? Nicht! Er ist an Gottes Statt der Hohepriester. Es gibt kein höheres Amt der Welt. Trotzdem meldet sich sein Herz. Das ratet ihm zu tun, wie der Prophet. Außer den vier Templern, von denen Parnach ziemlich umgewandelt ist, sind die übrigen mit Ifra-Gohnora gleich durch Liebe und Verehrung in Kontakt gelangt, der Isa-i umarmt und sagt:

„Sohn meiner Schwester!“ Tränen tropfen in den Silberbart. „Das Göttlichhohe erbte ich von La-Maku-i; ich durfte traumhaft manche Wege gehen. Du aber bist zu uns gekommen, als die ‚Hohe Mitternacht des Jahres‘ (Fest der Liebe Gottes) von den Schellen angekündigt ward. Du standest vor dem Hauptaltar. Da wußte ich, daß mir die letzte Stufe der Vollendung für das Irdische noch fehlt. Dein hoher Fackelgeist lehrte mich, wie man die Seele von dem Geist beschatten läßt und das Körperliche schlafend von sich streift.

Ich sehe nun den Knecht des Herrn, der die ‚Höchste Mitternacht‘ (Matt. 25, 6; Christgeburt), wo Gottes Liebe körperlich als ‚WORT‘ (Joh. 1, 14) erscheint, verkünden soll. Dein Name wird bekämpft; doch welche Herrlichkeit, die sich in diesem offenbart!“ Ifra wendet sich an alle, zumal Asarja zu:

„Klein war jener Stern (Sadhana), der aus dem Himmel fiel; klein der Raum, darin der Sturz gefangen ward; klein die Welt, auf welcher GOTT das ‚höchste Opfer‘ bringt. Klein die Stadt des Isai, dessen Ahne Boas ein ‚Eingebürgerter‘ war, was damals einem Fürstenstand entsprach. Das bedeutet auch die Himmelsbürgerschaft. Darum war sein Enkel Isai gesegnet, und darum nennt man Bethlehem die Königsstadt. König David ward als viertes Glied in ihr geboren.

Du, Prophet, der Gottes Kommen künden muß, heißt nur der Stätte wegen Isa-i, wo der ‚Heiland aller Welt‘ erscheint. Amoz und Sikha erkannten es: ‚Sein Name geht vom Himmel aus.‘ Das ist das Zeugnis Dessen, Der da ist und ewig war, Der kommt, um den ganzen Fall in Seine herzliche Erbarmung einzuhegen.“ Ifra-Gohnora hält ein. Isa-i fährt wie in einer Rede fort:

„Würde es auch nicht erkannt“, Asarja gilt ein Blick, „bleibt es doch vor Gott bestehn. Das genügt, um Welten umzuwandeln! Gott wird am Stamme Isai die Rute (Jes. 11, 1-2) treiben, und die Weisheit zeugt vom Liebe-Sohn. Das wird kaum geahnt, weil man die Weisheit meidet, die verlangt: Mit oder gegen Gott! Wer den Grundstrahl Ernst, Gottes priesterliche Fackel kennt“, er zeigt auf Muriel, „dem ist die Weisheit nimmer fern, das heilige Geheimnis aufzuspüren.

Der Heilige als WURZEL JESSE (Röm. 15, 12) ist zugleich der Trieb am STAMM, aus Davids Lied: Der Herr sprach zu meinem Herrn (Ps. 110, 1)! Denn ehe Boas kam, war GOTT von Ewigkeit zu Ewigkeit! Kommt Er irdisch auch als ZWEIG (Jes. 4, 2), ist Er doch von alters her der VATER und ERLÖSER (Jes. 63, 16)! Wer das erfaßt, der gehört als Gotteskind zum Himmelshause JESURUN, aus welchem Gnadennamen erst für Jakob jener Name Israel erstand.

Buchstaben sind kein Heil; nur der Geist (2. Kor. 3, 6) macht lebendig. Wer nicht aus dieser UR-Geistwurzel das Herz durchpulsen, den Geist wirken, die Seele stärken, das Gemüt erheben läßt, kennt GOTT nicht, er mag Ihn täglich mit den Lippen preisen! Allein vom Quell, mit Blut gespeist, nimmt man das Licht der Weisheit auf, demzufolge Straße, Gasse, Weg und Pfad zum Vaterherzen führen. Lasset nun die Fessel fallen, bis Freude, Liebe und Verstehen uns vereint.“

Wie ein Blitz ist Nathan hoch. Das Haus hat zwei hohe Stühle; er schleppt den anderen herbei. Muriel hilft und stellt ihn rechts von Asarja auf. Dem ist das Irdische jetzt Nebensache. Sehr gut, den Ehrwürdigen neben sich zu wissen. Da durchzuckt es ihn: Wie, wenn der indes gestorben sei? Dann wäre die Geschichte ein . . . Betrug, will er weiterdenken. Vier Augenpaare beschämen ihn.

Etwas mahnt: ‚Laß die Welt doch hinter dir; recke deine Hand zum Licht der Weisheit aus; laß dich auch zum Vaterherzen führen, wenn nicht auf breiter Himmelsstraße, so eben auf dem schmalen Demutspfad!‘ Diese gute Einwirkung gibt der Auferstehung ihren Sieg. Eine Bürde fällt von Asarja ab, so schwer — Nie glaubte er, daß man als Mensch körperlos leben, sehen, hören, fühlen und erkennen kann, ja klarer noch, weit über diese Welt hinaus.

Impulsiv reicht er dem Würdigen die Hand und zur andern Seite hin dem Muriel: „Ich danke euch; auch dem Propheten sei gedankt.“ Er sendet einen guten Blick zu Isa-i. „Mir wäre recht, wir würden uns nun über den ‚Erlöser von alters her‘ besprechen.“

Rochaleth schüttelt seinen Kopf und fragt, wie möglich Fleisch und Blut in einer Viertelstunde ohne Flügel soweit fliegen könne. Muriel mußte auch erst hin, wo Ifra-Gohnora zu Hause sei. „Nun sitzt er leibhaftig unter uns“, fügt er hinzu,

„Eine gute Frage“, lobt ihn Asarja gern. Man debattiert, wobei als umstrittenstes Problem die ‚Flügel‘ gelten. Freilich — Gott gab Mose für die Stiftshütte Anweisung (2. Mo. 25, 20), wie hoch und weit die Flügelspannen wären. Auch Salomo richtete sich beim Tempelbau danach (1. Kön. 8, 6). Trotzdem sieht man sie als schöne Mär für kleine Kinder an.

Da spannt Muriel Flügel aus, mächtiger als vier Aare haben. Man ist erstarrt vor ihrem Glanz. Aber welche Seligkeit! Man fühlt sich unter ihrem Schutz (Ps. 57, 2). Dazu ein Wehen, als flögen viele Engel durch den Raum. Muriel läßt die Fittiche verschwinden. Asarja neigt das Haupt: GOTT hat ihm eine Umkehr zugerufen! Er ist zu geschult, um nicht zu wissen, daß nur ein Symbol zu sehen war. Der Engel sagt auch in Verbindung mit der Frage Rochaleths:

„Flügel bedeuten Schnelligkeit, Kraft und Schutz, sichtbar und unsichtbar. Was der Entsprechung dient, ist unsichtbar. Auf höheren Planeten ist das Geistige zu zeigen. Um aber Irdische zum Glauben zu bewegen, wird mancherlei gezeigt. Besser wäre freilich, es bedürfe keines Zeichens (Job. 4, 48), sondern nur das WORT! Sinkt die Welt noch soweit ab, daß kein Bote sichtbar kommen kann, dann ist das Ende von der Endzeit da.

Nun, Freund Rochaleth, mein Weg ging schneller als der Wind. Ifra, zwar der Welt entwachsen, brauchte aber Zeit, bis die Seele — sich im Schlaf gelöst — ätherischkompakt sich formte. Da das Fluidband nicht zerreißen soll, mit dem der Geist den Seelenleib am Körper angebunden hat, bedurften wir zur Herfahrt auch noch Zeit. Das zeigt an, daß man nicht als Schemen weiterlebt. Komm“, winkt Muriel, „kühle Ifra einmal an.“ Rochaleth kommt eilig her. Chilijon ärgert sich, weil er nicht ‚fühlen‘ darf. Freilich möchte jeder gern.

„Darf ich dich berühren?“ fragt Rochaleth ehrfurchtsvoll. „Ja“, erwidert Ifra, „ich habe gern Kontakt mit guten Menschen.“ „Gut? Da fehlt bei mir noch eine Leiter bis zum Mond hinauf.“ Muriel lacht perlend. „Deine Hand fühlt sich wie meine an“, gesteht Rochaleth, indem er sie erfaßt. „Hm hm — Hoherpriester“, bittet er, „fühle du einmal, du kannst besser sagen wie das ist.“

Asarja, jetzt ganz tempellos, nickt Rochaleth, den er — allerdings auf Gegenseitigkeit — verachtet hatte, herzlich zu. Er ergreift des Alten Hand. „Sie ist natürlich, trotzdem wie — ‚Sancto spirito‘. (Z. 5) So ist wohl Muriel bei uns. Laß mich fragen: Ist solch Zustand irdisch zu erreichen? Wenn ja, warum ist das Gegenteil vorhanden?“ Muriel erwidert: „Ifra oder Isa-i können beste Auskunft geben, da sie schon die Übersinnlichkeit erlangten.“ „Mein Ohm soll reden“, ruft Isa-i, „ich höre ihm so gerne zu.“ Der Alte hat eine wunderbare Stimme. Er streicht einmal über seinen Silberbart und spricht:

„Die Urgeschichte aufzurollen führt zu weit; wir fangen bei dem Garten Eden an, Garten bedeutet ‚fruchtbares Schaffen‘, was einst nur Geistiges betraf. Adam und Eva lebten als ‚Sancto spirito‘, um den Gefallenen als Brücke und als Tor zu dienen. Eden heißt ‚Lichtplatz, Lichthilfe‘, beides also ‚Fruchtbare Hilfe‘, was durch die Lichtkörpermenschen mit zum Ausdruck kam.

Sie konnten mit der Seele ihren Geist umhüllen und in niedrigen Regionen gute Hilfe leisten. Wie vor Adam schon geschah, war so der Arbeitsanteil aufzubringen. Wären Adam und Eva treu geblieben, so hätte unsre Welt von dieser Warte aus vor allen Welten der Materie den höchsten Platz am Rückführwerke eingenommen.

Mit dem Verluste Edens verlor das werdende Geschlecht die offenbare Bindung mit dem Licht. Geistig war das Paradies nicht zugeschlossen. Wer es sich nun so erwirbt, tut ein Stückchen Eden wieder auf. Gnädig hat es Gott hintangesetzt, allgemein solchen Zustand zu erwerben. Doch wer nicht wenigtens zur Anfangsstufe kommt, für den steht Cherub Michael noch immer  vor der Tür!

Die letzte Gnadenstätte sank zur niedrigsten herab. Niemand aber darf auf Adam oder Eva Steine werfen. Die Stätte blieb aus Gottes weisem Plane nun erst recht der Erlösungsweg, der sich erfüllt. Dazu gab es im Materie-All zwei Plätze: entweder eine höchste oder eine niedrigste der Welten. Satan hatte damit nicht gerechnet, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist! (1. Mo. 18, 14; Luk. 1, 37)

Also ist nun die Erlösung auf die Niedrigkeit gestellt. Allein:

In der Niedrigkeit wirkt jetzt der Höchste Herr!

Keiner sei betrübt, wer das ‚Geistsein‘ nicht erreicht; es kommt darauf an, demutsvoll zu dienen! Tut man das, so geht im Schlaf der Geist im Seelenleibe manchen guten Gang. Genug, wenn das Jenseits solche Gassen offen läßt.

Es eines Vorteiles wegen anzustreben“, Ifra-Gohnora sieht jeden warnend an, „ist schwer gefehlt. Wer durch äußerliche Übung, was ja möglich ist, übersinnlich sich versetzt, kann sofort sterben. Eine ungereifte Seele läßt sich nicht von ihrem Geist beherrschen, am wenigsten, wenn sie des Erdenleibes ledig ist. Hütet euch! Der Herr hat den Gnadenzustand wahrer Demut eingesetzt; als Menschensohn wird Er die Demut SELBST beweisen!“

Abjathar bekennt: „Mir fehlt die Vergeistigung; nicht mal Träume habe ich. Oft war ich bedrückt. Nun will ich mich bemühen, Gott zur Freude meinen kleinen Demutszustand zu erlangen.“ Hophei fällt rasch ein: „Abjathar, wer du bist, wissen tausende von Leuten. Muriel mag sagen, ob Gott nur kleine Freuden über Seinen guten Helfer hat.“ Aufrichtig verwirrt droht der Belobte mit dem Finger. Doch Hophei lacht, beinah wie vor ihres Mannes Tod.

„Lobhymnen sind meist fehl am Platz. Doch meine Schwester“, Muriel schlingt einen Arm um Hophei, „hat recht. Allgemein habt ihr ein gutes Licht; bei zweien flackert‘s schon (Parnach, Hezeron), einer hat es angefacht (Sephthan), und einer drückt es immer wieder aus (Chilijon). Ihn warne ich, ihm kann ein böses Ende werden.“ Asarja erschrickt. Ob er den Letztgenannten zugehört? — ? Da fühlt er seine Hand ergriffen, mit solch festem Druck, wie er diesem Muriel nicht zugemutet hätte.

„Gott sagt: ‚Du bist schon umgekehrt. Gehst du schnurstracks weiter, so mündet deine Gasse in die Himmelsstraße ein. Es sei nicht dein erster Wunsch, sie auf Erden zu erlangen. Mich loben, lieben und Mir Freude bringen, muß des Herzens Triebkraft sein. Was man für sich erwerben will, nährt die Materie, in der der Selbsttrieb stärker ist als freie Dienstbarkeit. Deine Lampe glänzt, und du kannst den Tempel Salomos noch einmal in die Blüte bringen.“

Der Templer wird verlegen. Das Lob ist Gnade! Die Freunde sprechen ihre Freude aus, woran er merkt, daß sie für den Tempel sind, wohl allerdings für einen, in dem Gottes Wahrheit wahrhaft wohnt, Abigail bittet nun zum Abendbrot.

Beim Essen wirft man Fragen auf vom UR-Geist Gottes; Vater und Erlöser von alters her; Straße, Gasse, Weg und Pfad; das Davidwort. „Mich wird man heute nicht gleich los“, scherzt Asarja fröhlich. Wie aufgeschlossen ist das sonst streng gefaltete Gesicht. „Freut mich nur“, sagt Abjathar. „Nathan gibt Bescheid im Tempel.“

„Das kann ich besorgen“, springt Chilijon hastig auf. „Ich habe noch zu tun.“ Isa-i belastet ihn: „Deine Arbeit kenne ich. Geh, und verrate deinen Herrn!“ (Luk. 22, 21) Chilijon wird aschgrau, entgegnet aber: „Wir schreiben unsre Chronik neu. Es ist bekannt, wieviel Mühe daran hängt.“ Ja, doch verschweigt Asarja, daß Chilijon der Faulste ist; auch seine Schrift ist schlecht. Der Prophet sieht den Verräter pfeilscharf an. Wortlos geht er fort. Die Frauen sagen ungeniert, wie froh sie sind, daß er gegangen sei.

Ifra meint freundlich: „Ich versteh‘ euch, liebe Frauen, ihr habt das Böse an dem Mann gemerkt. Nun sucht er seine Höhle auf. Wie soll er Feuer finden, daran sich seine Seele wärmt? Wie Licht, das ihm sein Denken helle macht? Daß er ging, ist für euch gut, weniger für ihn. Laßt die Finsternis an euerm Ofen sitzen, bis sie an eurer Glut erkennt, wie sehr sie friert, und daß ein böses Trachten eine kalte Freude sei, daran die eigene Seele stirbt.“

„Ich denke, Seelen sterben nicht?“ fragt Maphia. „Deines Mannes Seele lebt“, sagt Ifra mild. „Das ist eine fünfte Frage: Lebende und tote Seelen.“ „O“, ruft Hophei, „Diblaim hat das Thema oft mit mir besprochen.“ „Und seid zu gutem Resultat gelangt“, bestätigt Muriel, „sollst also nachher Antwort geben.“

„Ich?“ Rot geworden schmeichelt sie: „Muriel, wenn du wüßtest, wie du mir ins Herz gewachsen bist, würdest du vor Freude selbst die Antwort geben. Als Frau . . .“ „Rede nur“, sagt Asarja rasch. Er sucht immer an der Witwe gut zu machen, was er an Diblaim versah. Muriel lächelt: „Denkt ihr Schwestern, ich spüre eure Liebe nicht?“ „Das schon“, gibt Abigail zu, „nur meinen wir, du kannst bloß himmlisch fühlen; wir aber sind noch von der Welt.“

„Das schadet nichts“, erwidert er. „Leichter kann das Licht-All sich ins Irdische versetzen, als umgekehrt es möglich ist. Euere Liebe tut mir wohl.“ Gleich hat jede was an ihm zu streicheln; Orpa tut es an der Stelle, wo die schönen Flügel saßen. Auch über Isa-i, Samathuel und Ifra beim letzteren mehr zaghaft, ergießt sich mütterliche Zärtlichkeit.

Hezeron, Parnach und Sephthan tauen auf; um so mehr fällt ihre eingebildete Priesterwürde ab. Noch bedenkt Asarja, ob er es fertig brächte, Mensch- und Priesterstand zu scheiden, daß er im Tempel Templer sei und hier nur Mensch. Wer gibt ihm Antwort? Ist solcher Wunsch Gott angenehm? Er weiß es nicht.

Unter heiterem Geplauder wird gegessen. Es schmeckt allen gut. Natürlich hat man aufgepaßt, ob Muriel richtig essen kann. Er griff wacker zu. Außer den Vergeistigten sah niemand, wie jede irdische Substanz verschwand, bevor sie zwischen seine Lippen kam. So auch bei dem seelenkörperlichen Ifra-Gohnora.

Der Säulenraum ist schon frisch hergerichtet, Essenzen wurden ausgestäubt und schöne Lampen angebrannt. Nun kann der Abend kommen. — Es wird ein heilighehrer Abend, ja — eine ‚heilige halbe Nacht‘. —

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