Vier Männer und eine Gottestochter reden
29. Kapitel
Man beschaut das Teppichbild. Asarja bekennt offen: „Mir war es damals ein Vermögen wert, und jetzt noch würde ich es für den Tempel nehmen.“ Er zögert. „Zum Passah hätte ich es gern geliehen. Daß dem Wertstück nichts passiert, dafür will ich bürgen.“ Samathuel nickt dem Hausherrn heimlich zu.
„Du sollst ihn vierzehn Tage haben; er soll predigen, daß es noch Wichtigeres gibt als das Wichtigste der Welt.“ „Wirklich?“ Asarja traut seinen Ohren nicht. Ah — es ist eine Ehre. „Ich stelle Tag und Nacht die große Wache auf; und du, Abjathar, kannst obendrein meine Leute überwachen. Ich weiß, was alles möglich ist, zumal bei solchem unschätzbaren Wert.“
Sagt Ifra-Gohnora: „Mit Gottes Hilfe kann ich den Tempel in der Passahzeit bewachen. Du staunst? Mein Körper liegt zu Haus, und ich bin hier. Auch mein Sohn kann geistig wachen, dazu Priester und die Priesterinnen. Letztere eignen sich sogar sehr gut. Darum stelle deine Wachen auf, und wir wachen über euch.“
Hm — wenn Muriel vom Licht-All wie ein Mensch bei ihnen sitzt . . . ? „Das ist die Verwirklichung geistiger Gesetzmäßigkeit“, folgt die Antwort auf die stille Frage. „Es entspricht dem Fürgebet, jemand Liebes vor Gefahren zu beschützen. Natürlich schützt der HERR; Er bildet aus der guten Bitte Seine Flügel, über deren Schutzkraft keine andere geht.“
„Wie mag unser Abend enden?“ fragt Joroham beglückt. „Reich und schön, soweit die Erde es erträgt“, erwidert Muriel. „Ich gebe auf die erste Frage Antwort, weil sie das Licht betrifft. Die zweite gehört Isa-i, die dritte Ifra-Gohnora, die vierte Samathuel, die fünfte ist schon festgelegt“, zeigt er auf Hophei. „Dann ist eine Frage heimlich aufgetaucht; wir werden sehen, wer die beste Antwort weiß.“ Über Muriels Gesicht huscht ein Schein, wie ihn nur die Engel haben können. Er beginnt:
„Was ist der UR-Geist Gottes? Vom hohen Lichte her läßt sich`s euch nicht erklären, weil die Enthüllungszeit noch nicht gekommen ist. Deshalb fangen wir bei der erhabenen Erkenntnis Mose‘s an. Er sah das Macht-Urbild: ‚Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser‘ (1. Mo. 1, 2). Dieser Geist war keine andere Person als GOTT SELBST; denn Er ist Geist !
Der Geist hebt die Person nicht auf, sie bestätigt ihn sogar. Als gestaltlose Macht braucht Er nicht zu schweben, weil die UR-Art der ‚Impulsträger allen Schöpfungslebens‘ ist. Sah Mose etwas schweben, so sah er GOTT als ewighehren Geist. Zwar möglich, daß der UR-Geist sich zum Segen Seiner Kinder unterschiedlich zeigt; aber eine jede Sonderheit ist Teil von Seinem Teil, Geist von Seinem Geist!
UR-mäßig stand der Schöpfer-Teil der Gottheit über allen andern Offenbarungsarten, da Er aus Sich die Werke weckt. Jedoch schwebte Er nicht darum auf dem Wasser, weil das geringer war, sondern weil jede andere Wesensform, mit der Er Sich den Lebewesen zeigt, Seinen schöpferischen Schutz besitzt.
Wasser bringt Fruchtbarkeit. Der Priester-Teil der Gottheit drang in alle Werke ein. Es kam von obenher. Das auf besagt ursächlich-untrennbare Einheit zwischen schöpferischem Schutz als Geist Gottes und der Lebenskraft als Wasser an die Lebewesen. Ein Gebet von David lautet: ‚Lehre mich tun nach Deinem Wohlgefallen, denn DU bist mein Gott; Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn‘ (Ps. 143, 10). Er hieß Ihn seinen Gott! Ja — David hatte ihn als ‚ganz persönlich lebenswahren Geist‘ erkannt.
Dein guter Geist! Er rief den Machtschutz an, mit dem der Schöpfer Sein Geschöpf behütet. Das ‚gut‘ des Menschen ist eine durch die Geisteskraft erworbene Essenz, die stabiler ist als jede körperliche Kraft, und könnte jemand zwei Kor (Kor = 10 Epha, ca. 360 l) Weizen tragen. Hingegen ist das ‚gut‘ am UR-Geist keine Eigenschaft. Gott war und wird nicht gut; Er ist !, ist die Geist-Kraftsubstanz, aus der das WIE der Werke wurde.
Sein Wesen fern geschöpflicher Erkenntnis darzutun, geht fehl. Nur im Licht-All sieht man einen Kranz davon. Und ich sage euch: Dieser Kranz ist sogar für Cherubim und Seraphim eine Anschauung, vor der beide über ihr Gesicht die Flügel breiten.
Das Heilsgewässer aus der UR-Machtmitte, als zahllose Bächlein in die Kinder fließend, schenkt die Möglichkeit, ein Herz-Gut zu erwerben und gibt den ‚Geist der Gnade und des Gebetes‘ (Sach. 12, 10). Gnade ist UR-Geistiger Besitz! Kein Mensch kann gnädig sein. Eine sogenannte Großmut oder Gnade ist bloß eine arme Eitelkeit. Gottes Gnade gleicht der Sonne, des Menschen echte Großmut einem Strahl. Der Strahl kann sich groß und klein entfachen, kann vergehn. Die Sonne bleibt!!
Nun zum Gebet! Kommt dieses auch aus Gottes Geist? Oder bloß die Fähigkeit dazu? Meine Freunde, jede Fähigkeit ist eine Wurzel, die in die UR-Geist-Quelle ragt. Kein Ding und hätte die Materie es ganz verdreht — ‚ das nicht dem Gottesborn entsprang.
Gott aber betet Sich nicht Selber an! Wenn einst der Heiland betet (Joh. 17), wird es sein, als spräche Er mit Gott. Doch das wird Seine letzte Lehre sein, der Ausfluß Seiner priesterlichen Kraft, in die Er die Getreuen bettet.
Der Geist des Gebetes ist mehr als pure Fähigkeit. Da bahnt Gott aus unauflösbar schöpferischer Bindung das Vertrauen an, das die Kinder an Sein Vaterwesen bindet. Habt ihr zu Ihm Vertrauen? Ein Gebet, aus GOTTES Geist gekommen, ist erfüllte Zusage einer Bitte, ehe sie gesprochen wird! ER traut Seinem Kinde zu, gläubig ein Gebet nach Seinem Wohlgefallen darzubringen. Dem muß das Vertrauen eines Kindes gegenüberstehn.
Es gibt wenige Gebete voll Vertrauen. Wo bleibt beim Menschen die gerechte Gegenseitigkeit?! Im UR-Geist wohnt die Kraft, die ihre Funken in die Lebenskinder zeugt, wodurch aus Weisheit das Vertrauen blüht und fruchtet. VERTRAUEN ist das Gott wohlgefällige Gebet! Wer Ihn anbetet, muß es ‚im Geist und in der Wahrheit tun‘! (Joh. 4, 24) Für den ist der All-Heilige des Lebens höchster Mittelpunkt. Ist Er das für euch geworden, so wisset ihr im Rahmen euerer Erkenntnismöglichkeit, was der UR Geist Gottes ist,“
Eine Gnadennacht hat ihren wundersamen Auftakt angetreten. Jeder öffnet weit sein Herz. Und die Seelen trinken. Asarja denkt: ‚Nie konnte ich so predigen, nie werde ich es können. Noch vieles muß ich an mir schaffen.‘ Wie dankt man Muriel? Es tut einer unversehens: der Knecht. Nathan kniet und trocknet an des Engels Kleidsaum seine Tränen ab. Schon hockt er wieder an der Tür. Abjathar stellt ihn in diesem Augenblick wie einen Bruder neben sich. Anschließend wird eine Weile fruchtbar debattiert. —
Isa-i priestert. Immer wirkt das eigenartig. Der Engel deckte seinen Himmel zu; keiner ahnt, warum er kam. Ungeschaute Strahlen gehen von ihm aus. Denn der Prophet war ausgesandt, und diesen soll man hören (Luk. 16, 29). Sein Geist ist schon gewaltig; doch: ich bin nicht mehr als andere. Aber wenn er priestert, steht er im Auftrag Gottes da. Dann ist die Verwandlung augenfällig, als‘ trüge er ein Kleid, dessen Stoff nicht die Materie wob.
„Man nennt Abraham den Vater, Jakob den Zeuger Israels. Wird ein Kauf getätigt, heißt es: Vater Abraham sieht, daß ich nicht betrüge. Fordert man ein Recht, so beeidet man: Vater Jakob ist mein Zeuge. Man betet: Du Gott unserer Väter, Abraham, Isaak und Jakob! Das ist so eingebürgert, man denkt sich nichts dabei. Gottes Name wird nur aus – (ach Gott) nicht angerufen. Er ist nicht unser Gott, Er wird in die Vergangenheit gestellt. Abraham will von den Zeitgeschlechtern wenig wissen, außer in dem Wunsch als Engel, sie möchten lernen, daß der Herr ihr Vater, ihr Erlöser ist.
Wer stützt sich denn auf Dich, o Vater Zebaoth?“ hebt Isa-i die Augen hoch, als sähe er den Herrn. „Wer erkennt Dich an als seinen Gott? Abraham schämt sich unserer vor Deinem hohen Angesicht; Jakob neigt sein Haupt, sieht er den Samen seiner Söhne an. Willst Du Dich von uns wenden, weil man so wenig von Dir weiß? Wer möchte Dich ob Deines Rechtes schelten!
Aber heute sind es mehr, als Abraham mit Mühe durch Dein Recht aus Sodom rettete. Der mehreren wegen bete ich: ‚Herr, DU bist unser Vater und unser Erlöser (Jes. 47, 4), von alters her ist das Dein Name!‘ ‚Ich will vor Deinem Altar stille stehn, bis Du errettet hast alle, die beladen sind, alle, die in ihrer Mühsal stecken.‘
Man schreit“, kommt er wieder in die Rede, „ein Heiland muß uns werden; wir brauchen einen, der uns hilft! Man sucht nach ihm auf allen Gassen. O Volk, könnte man dir ins Gewissen schreiben, daß du kein Stein der Zukunft bleibst, wenn du nicht ‚von alters her‘ die Erlösung anerkennst, die Gott an jenen Armen tut, hinter denen sich die Himmelspforte zugeschlossen hatte.
Vertraut es den vier Winden an vom wunderbaren Gott, der unser aller Heiland ist! — Was heilt er? Alle Wunden aus dem Fall! Wen heilt Er? Alle Menschen, denen Gott vergangen ist, die sich von Seiner Gnade lösten in der argen trügerischen Hoffnung, ohne Gott Gottfrei zu sein. Welch ein Freiheitswahn!! Wer entwindet sich der Schlange? Und was gleicht ihr mehr als alle Bosheit, Niedertracht, Gesetzesübertretung?!
Vom Beginn des Falles an erhob Sich Gott zum HEILAND und ERLÖSER! Die Getreuen waren Helfer in dem Streit. Der HERR zog vor ihnen her (2. Mo. 13, 21) und zeigte ihnen einen Weg: die Materie. Denn nur das Himmlische der Finsternis zu bieten, um sie zu heilen, um sie zu befrei‘n — ‚ o wie leicht wäre Gott Sein Erlöserwerk geworden!
Die Finsternis macht Er zur Fessel. Er nimmt Materie und heilt damit Materie! (Joh. 9, 6) Glaubet ihr, die Erlösung wäre nicht schon längst bereitet worden? Wird Gott sagen: ‚Morgen will Ich Heiland werden, will von nun an die Erlösung bringen!‘? Wo bliebe da die Opfersühnung derer, die vorausgegangen sind?
Kommt Gott als Mensch, so ist das der Schlußstein Seiner Bahn. Würde dann Sein Heilandtum erst wirken, — wahrlich, ewig Wäre Er ein ferner Gott: für die Welt vor Ihm immer künftig, für die Welt nach Ihm vergangen, wie man ferne denkt: ‚Der Gott unserer Väter.‘ Ach wie weit liegt das zurück! Das ist eine Mauer ohne Tor, ein Garten ohne Quelle. Heute heißt es: Er muß kommen; einstmals: Er war da! Der Mensch stellt sich selber zwischen beides, über das ihn keine Himmelsleiter führt. Doch wir glauben:
‚Herr, Du bist unser Vater und Erlöser! Du bist bei uns alle Tage (Matt. 28, 20), Du bist nicht für uns vergangen! Du bist der Retter, Der das arme Kind im Fallen nicht verbluten ließ. Von da ab hast Du heilend und erlösend Deine Hände ausgereckt (Jes. 65, 2; s. Urwerk), wie sie heute segnend über uns gebreitet sind. Immer zu warst Du ein Gott des Trostes und der Hilfe und wirst fortgesetzt der heilende Erlöser sein, solang die Armut einen Heiland braucht!
Laß uns Deine Gegenwart erkennen, von alters her und bis in Deine Ewigkeit. Wer sich da inmitten stellt, dem begegnest Du als MITTLER zwischen Deinem Licht und unsrer materiellen Unzulänglichkeit. Du bist der nahe Gott; o hilf allen, hilf auch uns, daß wir Dir für immer nahe bleiben!“
Jetzt dankt der Himmel. „Aber Muriel“, wehrt Isa-i, „es war des Vaters Wort. Von mir wirkte nur der Mund.“ „Der Mund“, lehrt Muriel, „verkündet die Gedanken. Kommen diese aus dem Geist, ist auch der Mund vergeistigt. Dann bleibt sich‘s gleich, ob der eigene Geist oder GOTT geredet hat. Denn wer seinen Geist so walten läßt wie du, Bruder Isa-i, ist Gottes Sprachrohr und Sein Widerhall.“
Asarja bittet Isa-i, zum Passahfest zu reden. Noch sind zwei Monde hin, doch zur Vorbereitung braucht der Tempel diese Zeit. Da ist Jerusalem oft dreifach übervölkert. Freudig gibt der Prophet Asarjas Händedruck zurück: „Am letzten Tag.“ Das ist der Haupttag, an dem früh der Hohe seine große Predigt hält. Isa-i will erst gegen Abend wirken; denn des Volkes wegen ist es besser, wenn die gewohnte Passahordnung bleibt. — Es geht an die dritte Frage: Der Unterschied zwischen Straße, Gasse, Weg und Pfad. Ifra-Gohnora streicht wieder seinen Bart. Er tut‘s nicht oft; es ist keine Angewohnheit, eher eine rasche tiefe Sammlung. Er bleibt auf seinem Stuhle sitzen.
„Meine Freunde, der Herr gab eine Bahn: Er schuf! Jede Schaffung stellte Er auf diese Bahn. Sie führte von Ihm aus und ging zu Ihm ins Heiligtum, zum Ruheort (Jes. 32, 18), zur Seligkeit Seiner Kinder. Nach dem Fall ward das zugleich ein Gnadenort; für die einen, die die Lasten auf dem Schöpfungsfelde tragen, für die andern, die den Getreuen und sich selbst den Tag zur Mühsal machen.
Da splitterte Gott Seine Bahn. Doch die Getreuen riefen: ‚Macht Bahn, macht Bahn! Räumt den Anstoß aus dem Weg!‘ (Jes. 57, 14) Wieviel Anstöße hat des ersten Kindes Ungehorsam aufgetürmt! Gott sah, daß dies nicht beseitigt würde, indem man es in eine Gosse warf. Dabei wäre auch das Schöne Seiner Schaffung umgekommen. Gleich den vier Winden zweigte Er aus Seiner Bahn vier Steige ab: für die Guten wie für die Bösen. Jeder konnte seinen Steig als Straße, Gasse, Weg und Pfad gestalten, lichtgemäß oder materiell.
Wie die Sonnen Universumskreise brauchen, so die großen Helfer eine Straße, weil ihr Licht viel Raum bedarf, Sie wissen: ‚Er führet mich auf rechter Straße um Seines Namens willen!‘ (Ps. 23, 3) Dafür gehen die Getreuen auf das arme Feld. Sollten sie da keine Straße halten können? die breite Front, mit der Michael (OJ. 12, 7-8) dem Satanas die Stirne bot? Wer seinem Geist die Straße schafft, der gelangt auf Gottes Bahn.
Aber auch die Finsterlinge haben ihre breite Straße, auf der sie herrlich und in Freuden leben, bis dann — das MENETEKEL kommt. Sie reißen viele mit, die nicht glauben wollen, daß der Abgrund ihnen nahe ist. Sollte da nicht auch von alters her der HEILAND wirken, wie Isa-i gekündet hat?!
O, auf der Straße der Materie rollt die Front des Lichtes an! In viel Arten wird geheilt und losgebunden. ‚Gehet aus, Meine Kinder‘, spricht der Herr, ‚ladet alle Armen und die Krüppel ein; und wen ihr findet, bringt an Meinen Tisch!‘ (Matt. 22, 9) Da suchen sie und heben jede kleine Ähre auf. Tauscht dann einer seine böse Straße in den Pfad der Demut um, wie die Himmlischen ihr Licht verlassen und in Demut den Verirrten dienen, so mündet er einst in die gute Straße ein, danach Gott ihm wieder Seine Bahn eröffnen wird.
In Gottes Stadt Licht-Heilig, wo die Himmelshäuser stehn, gibt es wunderbare Gassen (OJ. 21, 21). Abraham nannte eure Stadt Je-Ru-Salem, was ‚Ort des Lichtes‘ heißt. Er sah scharf darauf, daß die Gassen ungebogen blieben (Der Patriarch, S. 192); weniger des Äußeren wegen. Ihm galt der ‚ungebogene Herzenssinn‘! Wohnt eine Seele als des Geistes Haus an solcher schnurgeraden Gasse, so führt auch sie zu Melchisedeks Tempel hin: zu Gottes Angesicht, dem Sanktuarium!
Anders die krummen Gassen dieser Welt. Wer sich brüstet: ‚Herr, auf unsrer Gasse haben wir Dich angehört‘ (Luk. 13, 26-27), geht fehl. Er wird sagen: ‚Ihr Übeltäter! Eure Ohren hörten zu, nicht aber euer Herz!‘ Diese Gassen sind das Weltgeschäft, wo die Großen ihren Vorteil sich erraffen. Auf ihr wird ungerecht und schmutzig, was im Licht gerecht und heilig ist.
Ich belichte nun den Weg. Gott sprach: ‚Abraham wird seinem ganzen Haus die guten Wege anbefehlen.‘ (1. Mo. 18, 19) Er kämpfte für die Kommenden, daß sie treu verbleiben sollten, wenn auch klein nach ihrer Art. Gott sieht ja gnädig zu, wenn jemand keine Straße halten kann. Er macht kleine Wege heilig (Ps. 77, 14), denn — der Pfad dazu — und wir haben ein Symbol: Die Bächlein münden in die Flüsse, diese in die Ströme, diese in die Meere; und die Meere nährt der Herr durch Seinen Schöpfer-Quell.
Dem aber wehe, der sich duckt, damit weder Gott noch gute Geister seine Winkelzüge sehen sollen. Wundert euch, wenn Gott Sich auch verbirgt und ihn schlägt aus dem Verborgenen (Jes. 57, 17)? O — das gedeckte Schlagen heilt, befreit durch herzliche Barmherzigkeit! — Reich schuf der Schöpfer Seine Tage. Er hat Seinen Reichtum nicht verhüllt, als das reichste Kind in bitterwehe Armut sank. Er teilte Seine Bahn zur schmalsten Fußspur auf, darauf das Allerärmste eine Heimkehr finden kann. Ja — gerade wird es nun gering erzogen. Wer die schmalen Pfade der Materie in gerechter Demut geht, der kommt am Ende heim zur Freude seines Herrn!
‚Dein Weg war im Meer, Dein Pfad in großen Wassern, und keiner spürte Deinen Fuß‘ (Ps. 77, 20). Seht ihr Seine Füße wandeln? oder nur Sein Gnadenwerk? Der Mensch erwacht, wenn der Herr vorüber ist. Man kann wohl Gottes Spuren folgen; doch Ihm wäre lieber, es ginge jedes Kind an Seiner Hand. ‚Der Getreuen Pfade macht Er hell wie einen Sonnentag; im Dunkel bleibt der Gang des Spötters und weiß keiner, wann, wie und wo er fällt.‘ (Spr. 4, 18-19)
Ein Gotteskind erwählt den Pfad, um für ein Armes eine Straße zu erschließen, im Wechsel bleibt: innerlich die Himmelsstraße, äußerlich der Demutspfad; auf ihm die öffentliche Front vom Licht, vor GOTT in Anbetung geneigt! So verschmelzen Pfad, Weg, Gasse, Straße, und man kommt wieder auf die Bahn des Herrn!“ Still winkt Ifra ab, als man ihm danken will. Er zeigt zur Höhe, wohin der Dank gehört. Beim Vorhang lauscht die Dienerschaft. Sie fühlt sich zugehörig, wie einst Knecht und Magd zum Haus des Abraham.
Samathuel weiß: Muriel steht lichthoch über ihm, Isa-i ist der Prophet des Herrn. Trotzdem darf niemand seine Rede billig nennen. Seine Stimme ist Metall und Samt in einem. Er sagt: „Liebe Freunde von Jerusalem! Drei große Sterne strahlten nieder, nun darf meine kleine Lampe leuchten.
‚Der Herr sprach zu meinem Herrn!‘ (Ps. 110, 1) Es steht geschrieben: ‚Ich bin der Herr, dein Gott!‘ Es gibt nur einen Gott, und David hat auf keinen Fall zwei Gottpersonen mit dem Psalmwort kundgetan. Welcher wäre sonst der eigentliche Herr? jener, der geredet hat oder den der Erste meint? Es lautet ja: ‚Niemand kann zwei Herren dienen‘. (Matt. 6, 24).
Ich brauchte Monde, um aus unserm Wissen darzutun, was zweifellos den einen Schöpfer offenbart. Zeigt Er Sich zu diesem Zweck verschieden, so bleibt das immer ein Gewand, ein Teil, weil man die Gottheit im Gesamten nie erschauen kann. Als Schöpfer ist Er ja der König, als Priester Melchisedek segnet Er das Kind, dessen Geist mit Ihm zur sinngemäßen Einheit kommt.
Ein Drittes offenbart den wunderbaren nahen Gott, der als Regent erscheint. In gnadenvoller Regsamkeit lehrt Er die Geschöpfe durch die Liebe aufzublicken, indem Er — Segen spendend — hilft. Ist Er da nicht der beste Heiland, den jemals eine Schöpfung sah? Kommt Er aber so als ein Erlöser aller Armen und Verirrten, wer bezeichnet Ihn hernach als einen ‚Herrn des Herrn‘?!
Nun noch ein Viertes Seiner Eigenart. Das zeigt als Strahl der Schöpfer-, Priester- und Gott-Herrlichkeit, daß Er als guter VATER oder als der HERZOG alle Kinder wieder in das Licht-All führt (Das Gnadenbuch, T. 1 Abt. II). Er bahnt Straße, Gasse, Weg und Pfad durch Sein Opfer zur Erlösung. — Heute hebt man das Vergängliche gleich Ascherabildern und dem Götzen Baal über alles Geistige empor; für viele existiert kein Schöpfer mehr. Und die Welt wird später mehr Ascherabilder haben und einen größeren Baal anbeten, als zu Ahabs widerlicher Götzenzeit geschah.
Sogar Gläubige verstehen nicht den EINEN Gott. Davids Wort wird buchstabiert, und das Erst-Gebot legt man nicht wie Mose aus: ‚Der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr‘ (5, Mo. 6, 4); ‚Ist Er nicht dein Vater und dein Herr‘ (5. Mo. 32, 6)? Hat David diesen Herr-Begriff verdreht? Sprach er eine Weisheit aus, die man nicht wie einen Fisch im seichten Wasser sieht? Ich tue keinem weh, wenn ich sage: Außer Isa-i hat‘s keiner recht erkannt.“ Man nickt bestätigend.
„Der Psalmensänger hat mit dem ‚der HERR sprach‘ den alleinwahren Gott gemeint, Der mit Abraham geredet hat, HOCHST SELBST die Gesetze Mose übergab. Das war nicht bloß die Erscheinlichkeit, auch nicht ein Engelsbild. Kein Engel würde in der ICH-Form sprechen, sondern stets: Das sagt der Herr!
Unser Lichtspiegel zeigt, daß Gott Sich sehen läßt. Leider ist zu sagen: Israel hat schlecht erkannt, was Gott zur Erde trug, was Er ferner bringt. Verhüllt Er Sich stets mehr und mehr, so nur, weil die Menschen Seine Hülle wollen. Gott verkehrte mit den Kindern der Höhe in Person. Engel wurden nie mit ‚Herr‘ betituliert. Wohl neigten sich die Irdischen, weil die Himmlischen der Erde über stehn und als Sendboten ihre Ehre haben sollen.
David sah eine Bahn, bis zum letzten Schritt, und er hörte Gottes ‘Wort: ‚Gehe, Meine Liebe, hole alle Kinder heim; Ich will nicht, daß eines Mir verloren sei!‘ Die Liebe sprach: ‚Ich brauche dazu ein Gewand, das Deine Eigenschaft bedeckt. Dann öffne ich die Gnadenpforte, notfalls in der Opferung! Ist aber die Materie reif, Deine Liebe so zu tragen, daß man in ihr den wahrhaftigen Gott und das ewige Leben sieht?‘ (1. Joh. 5, 20).
Die Antwort kam: ‚Meine Liebe, geh als Menschensohn, und werde der Materie ein HERR, ihr gesetzt zur Erlösung und Befreiung. Es sei genug, wenn erst Wenige erkennen, wer DER ist, Dem die ganze Fülle meiner Gottheit leibhaftig innewohnt (Kol. 2, 9; Joh. 20, 28; Urwerk, 6. Schöpfungstag). Diese Wenigen werden wieder Meine Samensstreuer sein!‘
Die UR-Macht hatte ihre Liebe, ohne Sich zu splittern, als Regent des Kindertages (1. Mo. 1, 31) eingesetzt. Das erkennend, erkor sich David diese Liebe zu seinem Herrn, Der vom Falle her erlösend die Materie durchdrang. Wie recht: ‚Der Herr als Schöpfer sprach zur Liebe, die des Falles Heiland ist.‘ Der All-Heilige besteht nicht aus zwei Personen, weil dann in Ihm ‚zwei Füllen leibhaftig wohnen müßten‘, was den Glauben an den einen Gott zerstört!
Des Schöpfers Herrschaftswille setzte Seine Liebe heilend ein; in diesem Sinne nur des Falles wegen, nicht für die Getreuen, die dem Tagewerk der Liebe dienstbar waren und noch sind. Laßt auch uns dem Heiland und Erlöser dienen, wie Er von der Fallzeit her gewesen ist und bleiben wird, bis Geschrei, Tod, Leid und Schmerzen aufgehoben sind (OJ. 21, 4).
Nun noch das: Setze dich zu Meiner Rechten! Liebe, regiere zu des Schöpfers Recht, das Er an Seinen Werken hat! Durch das Recht kommt jeder Feind zum Schemel Seiner Füße. Der Schemel, Niedrigkeit: Der ‚Sohn‘ verbirgt Sein All-Gott-Wesen um der Rettung willen und wird die Füße, nämlich Bahn und Pfad, als Symbol der Schöpferherrschaft und des Heilanddienstes auf das Opfer stellen. Die Gefallenen müssen sich am Demutsschemel beugen, bis die Liebe aus dem Recht ‚ aus ihrer Richtigkeit, alle bösen Straßen, Gassen, Wege, Pfade ganz gerade macht. Dann gibt es nur des Ewig-Einzigen Gottes eine Bahn!“
Er wird in Seiner Liebe zu uns kommen! — Das Herrliche er scheint uns als eine feste Zuversicht. Die Auslegung wird allseits anerkannt, Asarja hatte oft darüber nachgedacht, kam jedoch zu keinem rechten Resultat. Da hatte er das Thema fallen lassen; denn oberflächliche Betrachtung lag ihm nicht. — Hophei denkt beklommen: ‚Ich habe mir was Schönes eingebrockt. Solche Flammen! Und ich bin bloß ein Anzündspan. Sie sucht, Asarja vorzuschlagen, zumal ihn Muriel bei der Verteilung der Gespräche übersah. Jenem kommt desgleichen der Gedanke. Sonst hätte es ihn schwer gekränkt; aber so — ? Ach wie gut, wenn er nicht zu reden braucht. Daß es eine Demutsprüfung ist, weiß er nicht; deshalb kann er sie am ehesten bestehen.
Man bildet während einer Pause Gruppen. Wie von ungefähr setzt sich Muriel neben Hophei hin. Der wird bloß noch bänger ums Gemüt. Er flüstert: „Denk‘ an Gottes Liebe, denk‘ an Diblaim; er ist heute unser Gast.“ „Wo — wo ist er denn?“ fragt sie verstört. „An deiner andern Seite“, lächelt Muriel. Da tut sie schüchtern, als wolle sie des Unsichtbaren Hand erfassen.
Isa-i kommt auch: „Weißt du noch, Hophei, als ich dir die Blumen brachte?“ Sie wehrt ihm aufgeregt: „Stör‘ mich nicht, ich muß mich eben konzentrieren.“ „Auf was?“ fragt Muriel. „Was Gott durch eine Tochter sagen will?“ O — der Herr wirkt durch Isa-i, und der Engel ist ein Fackelträger; sie hingegen — —
„Laßt uns beginnen“, ruft der Hohepriester, „es posaunt die letzte Abendstunde (ca. 9 Uhr). Wir Männer wollen das beachten, was Muriel von Gottes Tochter sprach.“ Wahrhaftig, er ist restlos umgekehrt und gibt das Thema an: ‚Lebende und tote Seelen‘.
„Liebe Freunde!“ Hophei benutzt in Angst Samathuels Beginn. Schon aber fühlt sie Mut. „Ich will meines Mannes Meinung künden. An das Jenseits glaubten wir; dank dem Herrn vertiefte sich durch Isa-i das Bild. Wir grübelten nicht, wieviel Regionen es besäße, ahnten aber Unterschiede für die Geister, von denen welche auch geringere Erkenntnis haben, während Gottes Älteste die Fackel sind. Das glaube ich ganz fest.“ Sie sieht Muriel flüchtig an.
„Trotz der Sphären herrscht im All-Reich nur ein Licht. Die reinen Kinder tragen in sich Gottes Geist, den Lebenskern, der auch den Impuls zum Denken, Sprechen und zum Handeln gibt, während ihre Seele als ätherisches Haus der Leib des Geistes ist, fein und rein, dem Gottgeistfunken völlig gleich.
In der Materie nehmen sie nebst einem Leib noch Kräfte auf, die zu befreien sie in Gottes Auftrag ausgezogen sind. Solche Kraft wird der Seele, der Gestalt vom Lichtkind, einverleibt. Die Materie ist Veräußerung der Himmelskräfte, die das Erstkind vor dem Fall besaß. Vielleicht ist durch ein nie ganz verstandenes Gesetz dieser Kraftverlust nur äußerlichen Hüllen beizugeben, während die Sphärenseele — auch auf einer Welt — die Gestalt des Kind-Geistfunkens bleibt.
An Ifra dem geistedlen Menschen, sehen wir als äußere Gestalt die Licht-All-Seele; geredet aber hat sein Geist. Dasselbe erkenne ich an Muriel. Die uns sichtbare Gestalt ist vom Reich, die Himmelsseele; sein Wort der Geist, der der Ernstträger Gottes ist, — wie mir scheinen will.“ Die Männer lauschen, sogar Asarja staunt. Denn daß Muriel ein erster Cherub ist, hat niemand außer den drei Geistigen gewußt. Allerdings — auch Abjathar und Joroham waren auf die Spur gekommen.
„Nun stehen alle Sphärenkinder, lichtdurchglüht und gottesnah, im Zentrum jenes Lebens, das der Mensch mitunter fühlt, weltkörperlich jedoch nicht offenbar besitzt. Wir tragen es in uns. Erkennen wir den Herrn als den guten VATER ZEBAOTH, wie der Prophet so herrlich sagt, dann ist unser Geist samt Seele ebenfalls Gott-lebensnah. Das gilt für alle Licht-All-Sphären; dort herrscht des Schöpfers Lebenskraft, dort kennt man keinen Tod!
Anders verhält es sich im Schöpfungsteil, der dem Satan überlassen wurde. Da gibt‘s — die Erde zeigt es an — endlose Geschäftigkeit. Ist sie jenes Leben, das den Kindgeschöpfen überkam? Ein Bild:“ Hophei atmet tief; sie weiß nicht, daß sie einen Inspirator hat; und es geht nicht fehl, ihn Diblaim zu nennen.
„Chilijons Ziel ist ohne Gottes Lebensteil. Daß ich froh gewesen bin, als er ging, schließt ein Mitgefühl für ihn nicht aus. Sein Geist ist eingekapselt, er hat keinen Lebensraum. Wie soll er atmen oder wirken können? Nur seine Seele ist geschäftig, wetzt die böse Zunge, um dich, Hoherpriester, zu verdrängen.“ „Mich?“ unterbricht Asarja ungewollt. König Usia hat das Amt ihm bis zum Tod gesiegelt. Oder gilt, was Isa-i gesagt: ‚Gehe hin, verrate deinen Herrn!‘ Ja, trotz Siegel ward schon manches Recht zerstört.
„Er will, der Wicht; aber EINER fällt ihm in die Zügel! Wer andern eine Grube gräbt, der stürzt hinein. Wie tot die arme Seele, bevor der Leib gestorben ist! An Chilijon gilt der Status für die ganze Finsternis. Ist das gelebt, so einer nur nach Ehre hascht; seinen Nächsten Kummer macht; wer das Materielle liebt, doch sein Herz bleibt leer, sofern es sich auf GOTT bezieht?! Schlägt nicht ein Mord der Heiligkeit des Lebens ins Gesicht?
Das gilt den Gottes-Losen, die noch keinen Weitweg gingen, den Inkarnierten und denen, die ohne Glauben sterben. Sie schuften für des Daseins Augenblick, und das Ewige bleibt unbedacht. Sie sind toter als das Fleisch, wenn Geist und Seele es verlassen haben. Das zerfällt zu Staub, den die Erde gab, den die Erde wieder frißt.
Diblaim sagte: Der Leib dient nur als Hülle für die Weltenzeit. Er ist aus Gröbstem hergestellt, und das Gröbste bleibt zurück. Tritt jedoch des Menschen Geist die Herrschaft an, dann entfällt sogar vom Gröbsten etwas auf den Rückführteil. Mancher sieht vergeistigt aus. Wir sehen es an Isa-i, Ifra-Gohnora und Samathuel. Deren vom Geist geführte Seele nimmt Potenzen aus dem Leibe in sich auf.
Der Leib geistig Lebender wird nach dem Tode schneller aufgelöst als bei jenen, die nur der Materie fronen. Hat eine Seele von ihrem Leib dem Satanas geraubt, so erhält ihr Geist zum guten Teil den Leib, solange er benötigt wird. (Der Patriarch 5. 206) Solche Heimbringteile sieht Gott wertvoll an; ja — Er wird aus ihnen neue Werke machen! Sie sind Kraftanteile, aber keine Wesensteile Satanas. Das hielt Diblaim streng getrennt.
Anders, wer in Lüsten und Verbrechen stirbt. Deren Leib verzehrt den Himmelsstoff, mit dem bei einer Welteinkörperung die Seele neu mit ihrem Geist verbunden ward. Was Wunder, wenn da einer lang am Grabe hockt oder ohne Ruhe wandert?
Das sind die Toten, deren Auferstehung beinah ewig dauert. Ihr Geist muß lange warten, bis die arme Seele willig wird. Es gibt keinen andern Tod! Das körperliche Sterben ist ja nur ein Gang von einem Sein ins andere. Wer Gott dienstbar war, dem ist‘s der Rückweg von der Feld- und Weinbergarbeit heim ins Vaterhaus. — Gott ist das Leben! Wer lebt, des Geist nach Gottes Gnadenwerken wirkt. Ihm muß die Seele unterstehen, um so lebenswahrer wird ihr Sein. Es frage niemand, ob seine Seele aus dem Licht-All niederstieg oder einstmals in die Tiefe mitgerissen ward. Auch die Gefallenen erhalten ihren Geistanteil aus Gott! Wie das heilige EINERLEI des Geistes, so will Gott alle Seelen wieder einerlei zu Seinem Lichte machen. Darum schuf Er einst das Weltgebilde, um darin die toten Seelen wieder anzuhauchen durch den Geist.
Wer auf Gottes Schöpfungsfeld, in Seinem Weinberg dient, ist ein Mitarbeiter des Allmächtigen! Wohl dem, der in Gedanke, Wort und Werk für alle toten Seelen lebt! Der ist lebendig, er kann ein guter Räuber sein (Jes. 8, 1). Denn was er der Materie raubt, bringt er ja dem Eigentümer wieder. Gott weiß, was Er mit diesem Erbgut macht! — ‚Wer lebt, der lebt dem Herrn; und wer stirbt, muß fraglos sterben an den Herrn‘ (Röm. 14,8), Der für lebensarme Seelen immerdar der HEILAND ist!“
Hophei setzt sich, selig wie im Traum. Muriels Freude spiegelt sich in allen Mienen wider. „Das war ein Anzündspan!“ deckt er ihre Demut auf. „Wahrlich, solche Späne kann Gott gut gebrauchen. Die legt der Herr auf Seinen Herd und entfacht damit ein Freudenfeuer. Schwester Hophei, ich danke dir.“ „Muriel“, stottert sie verwirrt, „du, ein Cherub, — für was dankst du denn?“
„Für deine Mühe, für die Lust, ein gutes Zeugnis abzulegen. Der Höchste lobt nur durch Vermehrung Seines Segens. ER sagt nicht zum Kind: Ich danke dir! da Er zuvor (Röm. 11, 34-36) hergegeben hat des Geistes Können, des Geistes Kraft. Doch denen, die im Stillesein, in Wort und Tat Ihm freudig dienen, dankt Er durch uns Engel. Wir bringen unsern Dank an Gottes Statt! Das bewahrt die All-Gerechtigkeit, und der Dank als Lob bleibt keinem treuen Kinde aus.
Dein Leben war trotz aller Liebe Diblaims nicht leicht. Er hat es auch gewußt, wenn Spott und Hohn dich trafen. Ihr habt in wahrer Ehe diese Last getragen, habt euch nur das Freudige gesagt und seid echte Glaubenskinder. Das soll dich nicht vor deinen Schwestern höherstellen, denn Gottes Licht fließt allen zu. Wer lauschen kann und glücklich ist über Gottes Geist, der durch andere Kinder wirkt, ist dem Herrn sehr angenehm.“
Es ist noch eine Stunde bis zur Mitternacht. Keiner denkt ans Gehen. Wein und Kuchen werden umgereicht. Die Frauen sind auf Hophei stolz, doch sie bleibt der ‚Spar‘ in ihres Schöpfers Hand‘. Abjathar erzählt, er habe für Barisall und Elimaluch ein Bittgesuch geschrieben, doch Usia gäbe sie nicht los.
„Ich denke öfter an die ernste Frage, ob man außer im Naturgesetz ein Leben zeugen und erhalten kann aus schöpferischer Kraft, die nur das ‚Werde‘ sagen braucht (5. 63, 2). Ich frage heute weiter, ob bei Zeugung und Geburt noch andere Kräfte walten, als jene aus dem Planetargesetz. Muriel mag uns bitte helfen.“ Man ist gleich still. Und der Engel lehrt:
„Das Gesetz ist leicht zu finden, sieht man es nicht oberflächlich an. Bei der Zeugung fließt ein Kraftstrahl in die Mutter ein, der aus des Vaters Seele stammt. Doch nicht unbedingt, daß ein Gleiches ausgeboren wird. Das Kind wird von der Mutter hergestellt, während dessen Seele bei der Zeugung in die Mutter schlüpft.
Kann ein sich Inkarnierender zum Embryo im Mutterleibe werden? Ja! Sein Körper verliert die Größe praktisch nicht, nur die Substanz schmiegt sich zusammen und dehnt sich mit des Erdenleibes Wachstum wieder aus. Der Licht-Geist bleibt hingegen wie er ist; er wird auch später inkarniert. Eben solche aus dem Lichte warten sieben Monde, entsprechend Gottes Eigenschaften, ehe sie sich mit der Seele wieder einen. Bei den Wesen wird deren aufbewahrter Geistanteil bei der Geburt erst beigestellt.
Immer aber walten Kräfte mit, die nur dem Schöpfer eigen sind, die der Mensch benutzt, ohne es zu ahnen. Ein Engelspaar wendet sie bei einer Himmelszeugung geistig an. Jeder Kraftanteil steht unter heiligstem Gesetz! ihr fragt: Wie ist‘s, wenn jemand böse zeugt? Gäbe Gott da keine Kräfte, käme solches gar nicht vor. Meine Freunde, als einziges Geschöpf durfte Sadhana über diese Kräfte frei verfügen. Darin lag ihre große Schöpfungsfreiheitsprobe (s. Urwerk, 6. Schöpf. tag), die sie aber nicht bestanden hat.
Gott nahm den Kraftanteil nach ihrem Fall nicht weg, stellte ihn aber unter ein besonderes Lebensschutzgesetz. Bei bösem Tun ist ein gefallener Kraftanteil im Spiel. Die Frucht davon enthüllt den Mann als Wurzel, das Weib als Stamm. Einen Mißbrauch rechnet Gott sehr bitter an.
Bei einem reinen Akte stehen stets des Himmels Kräfte über dem natürlichen Geschehen. Dabei kommt allgemein ein Kind vom Licht zur Welt. In selteneren Fällen wird ein armes Wesen eingezeugt. Dann waltet aber eine ganz besondere Vorsehung. Die Schlußbetrachtung wäre so:
Gott leiht Lebenskräfte, ohne welche weder geistige noch weniger materielle Zeugung und Geburt erfolgen, aber investiert für Sich die Kraft im werdenden Geschöpf; im Licht-All einmal im Kind, in der Materie zu den Weltgeburten, wo nur der Hüllenleib entsteht. Jeder Kraftteil ruht geheiligt auf dem Kind. So oft sich ein — sagen wir — Lichtgeist inkarniert, sogar dann, wenn er — zwar stofflich sichtbar — nur sphärenmäßig eine Welt für lange Zeit betritt (Rafael als Führer des Tobias, Bibel), so wird doch jedesmal die Kraft beim Kommen wie beim Gehen wirken.
Angemerkt und gut beachtet: Nicht der Mensch verfügt über diese Kraft; sie hilft ihm nur, sie ordnet schöpferisch das Werden und Vergehen jeder kreatürlichen Gestalt. Darum ist außer Gott niemand fähig, nur aus sich ein Leben zu erschaffen. Doch durch geistige Verwendung dieser Kraft kann man als Lebensträger mitschöpferisch befähigt sein!“
„Wunderbar!“ Asarja hat vorgeneigten Kopfes zugehört. „Endlich eine Kerze für die Dinge, die man nie gesehen hat, wenn das Höchste auch verborgen bleibt. Oberhaupt: heißt es Tiefe oder Höhe? Gott ist über uns. Es steht geschrieben: ‚So hoch der Himmel über der Erde ist‘! (Ps. 103, 11) Da hapert unser menschlicher Verstand. Was meinst du dazu, Freund Muriel?“ Er sagt wahrhaftig ‚Freund‘; er hat den Tempel ganz vergessen.
„Freund Asarja“, lächelt Muriel mild, „wenn man erkennt, daß es am Verstande mangelt, um ins Außerirdische vorzudringen, so ist der Verstand Vernunft geworden. Sieht auch die Vernunft ihr Unvermögen ein, dann wirkt der Geist, selbst wenn man es nicht ahnt. Nun, wir werden noch darüber hören. Jetzt“, er erhebt sich sonderbar, „kommt jemand. Hausherr, der Hüter verhandelt schon mit ihm.“
„Jetzt? um Mitternacht? Mein Amt ist zu! Ich lasse unsern Kreis nicht stören.“ „Dein Amtsraum kommt auch nicht in Frage. Meinst du, ob heute jemand störend kommen kann?“ Abjathar schlägt sich an die Stirn: „Ah, man ist doch immer wieder Mensch! Es war erkenntlich, daß, wo vier Gesandte unseres Herrn zugegen sind, höchstens noch ein fünfter kommt. Muriel, gehe bitte mit.“
Sie gehen, während die drei Geistigen sich zur Säulentür begeben. Nathan schiebt den dicken Vorhang weg. Draußen leuchtet eine hehre Nacht ihren Frieden auf die Erde nieder.
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