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Ruth 2 – Der Verspruch, und sechs Jahre Wartezeit

Der Verspruch, und sechs Jahre Wartezeit

2. Kapitel

Zwei Jahre später. Man hat sich an das Moabitische mit angelehnt, ohne eigene Glaubensüberzeugung an den einen Gott, an Seine Führung dranzugeben. Im Gegenteil ward manche Saat gestreut, mancher Heide hat sie aufgenommen. Wohl wurzelt deren Althergebrachtes tief im seelischen Geblüt und ist nicht völlig auszumerzen; aber Elimelech und Naemi, die man achtet, haben manche Wucherung zerstört. So ist das Verhältnis gut geworden; und Israelen, die nachgekommen sind, durften gleichfalls siedeln.

Corusja ist ein Witwer. Er hat zwei Söhne und zwei Töchter. Die Söhne brachten Schwiegertöchter heim, die sich in die Hausgesetze fügten. Die Töchter sind bei Elimelech oft zu Gast und deutlich ist zu sehen, daß sie des Israelen Söhne dahin zieht. Vor ungewissem Schicksal muß er sie bewahren. Weiß er denn, was den Heidenmädchen einst in Israel erblüht, wenn sie — —

Ruth, die jüngere, kommt hereingestürmt, was der Vater rügt. „Du Irrwisch, ich bin im Amt, du darfst nicht stören!“ „Vater“, lacht das Mädel, „ist ja niemand da, mit dem du amten müßtest. Ich muß dir Wichtiges verkünden.“ Sie wird verlegen. Als Mädchen darf sie es nicht sagen, daß sie . . . „Na, was hat mein Käferchen?“ Corusja streichelt ihre heißen Wangen.

„Vater, ich hab‘ ihn lieb und er mich auch, und Orpa ergeht es ebenso.“ „Da scheint es ja zu brennen. Wer ist der ‚er‘? Ich hoffe, meine Töchter wissen, was sie ihrem Vater schuldig sind!“ Ja, eine Heirat bloß mit Stammesmännern. Ruth schüttelt ihre langen dunklen Locken. „Ich weiß. Hast du unsre Mutter sehr geliebt?“ fragt sie diplomatisch.

„Ja, mein Kind!“ „Du hättest keine andere Frau genommen als unsre Mutter?“ „Das nicht, wir liebten uns.“ „Wenn ich nun jemand liebe und er mich auch, wie er heimlich zu verstehen gab, darf ich nicht so handeln, wie du und Mutter es getan?“ Wahrhaftig, seine Jüngste ist sehr klug, sie appelliert an seine eigene Geschichte, die aus Liebe Gegenwart geblieben ist, bis übers Grab hinaus. Wie stark gerade dieses seine Ruth erfüllen wird, soll er noch erleben. Jetzt bangend, wie er sich entscheiden müsse, nachgebend oder brechend, fragt er abermals: „Wer ist der ‚er‘?“

„Elimelechs jüngster Sohn, sein Bruder hat sich Orpa auserkoren.“ Sie sucht hastig ihren Vater zu beruhigen, dem das Blut bis an die Stirne steigt. „Dir, als Stadt-Oberster, ist ein ‚ja‘ zuwider. Du erwägst, was deine Freunde sagen würden, wenn deine Töchter Fremde freien wollen und ob sie den Besitz in ihrem Land zurückerwerben könnten. Wer weiß denn das?

Ich teile dein Bedenken, lieber Vater. Immerhin die Elimelechs sind sehr angesehen, uns nicht mehr allzu fremd.“ „Bis auf ihren Glauben!“, unterbricht der Vater hitzig. „Daran muß man denken! Und willst du einem Fremden folgen, mußt du auf alles das, was du von Kindheit an geglaubt, geliebt und eingehalten hast, verzichten und des Mannes Art dich beugen: seinem Willen, seinem Glauben! Das ist nicht leicht, was du aufzunehmen hättest.

Gegen Elimelech ist nichts einzuwenden; was er aus meinem toten Grundstück machte, grenzt an Zauberei. Auch die Leute sind mir wirklich angenehm. Dich und Orpa würde ich verlieren. Wie ich hörte, ist die Teuerung in Israel und westwärts bis ans Meer behoben, die Länder blühen also auf. Über kurz oder lang zieht Elimelech mit den Seinen heim nach Israel.

Sie waren einstens reich, ihr Besitztum groß; doch ihr letzter Richter hat von allen Leuten, die das Land verließen, neun Zehntel ihrer Habe weggenommen. Und was sie hier erwerben konnten, außer etlichem Wert und Geld — alles lassen sie zurück, wie das Abkommen zwischen uns getroffen worden war.

Im Elternhause hast du unbeschwert gelebt, ich ließ euch Mädchen keine schwere Arbeit tun. Geht ihr mit den Fremden fort, so bleibt euch nichts zu eigen, als was in euren Truhen ist. Das Moabitische Gesetz schließt die Töchter von der Erbschaft aus. Daher ist‘s viel besser, wenn sie nur solche Söhne freien, die vom Elternhause her begütert sind, damit sie keine Not zu leiden brauchen. Habt ihr, du und Orpa, das bedacht?“

„Ja! Kann man der Liebe wegen nicht auch leiden? Kann Liebe nicht auch überwinden? Naemi ist in ihrem Haus der Mittelpunkt, braucht keine schwere Arbeit zu verrichten und hat zwei Dienerinnen. So, sagte sie, würden ihre Söhne mit uns handeln. Denn ihre und auch Elimelechs Sippe wären anders eingestellt, als jene, die man Juden nennt und in sturer Haltung sich ans Äußerliche binden. Ich und Orpa hätten es bei ihnen gut.

Elimelech möchte mit dir sprechen, hörte ich. Deshalb wollte ich dich vorbereiten, damit du nicht aus allen Wolken fällst, wenn er gleich um beide Töchter bittet.“ Sie umarmt den Vater, Tränen rinnen über ihre Wangen. „Ich habe dich so lieb, und die Trennung würde mir und Orpa schwer. Allein — auch bei uns gilt das Gesetz: das Weib folge seinem Mann!“

„Für die Frauen ist‘s ein schweres Muß“, Corusja murmelt es. ‚Ist bitter, sie als nebensächlich zu betrachten‘, fügt er in Gedanken an. Nun, man kann die Welt nicht aus den Angeln heben, seit je ist‘s so gewesen, also wird es auch so bleiben. Er, ein Moabiter, wird es niemals ändern können.

„Mag Elimelech kommen; wie es sich ergibt, sei dahingestellt.“ „Wenn du an die Liebe zwischen dir und Mutter denkst, dann bin ich gewiß, daß du das Beste tust.“ „Auch wenn ich euch nicht ziehen lasse?“ Ruth zuckt zusammen, schmiegt sich aber fester in des Vaters Arm. „Ich und Orpa glauben, daß wir uns zu fügen haben und deine Liebe, Vater, wird uns helfen, diese Last zu tragen. Aus Liebe zu uns Kindern wirst du edel handeln.“

Mit einem Kuß, was seltener geschieht, enteilt Ruth hastig und läßt einen Mann zurück, der seine Stirn in beide Hände stützt. An sich hat er nichts dawider. Elimelech ist ihm Freund geworden, aber beide Töchter dranzugeben?, an ein fremdes Volk? Vielleicht gibt‘s nie ein Wiedersehen? — ? Er seufzt tief auf.

Schon wird jener angemeldet. Verständlich, daß Corusja eben nicht sehr freundlich ist, wie es sonst in beiderseitiger Begrüßung war. Der Israele ist zu klug, zu bedächtig, als daß er nicht des andern Kummer spürt. Erst recht hält er am freundlichen Gebaren fest, fragt zunächst nach allerlei und leitet sachte darauf über, weswegen er gekommen ist.

„Stadtkönig“, beginnt er herzlich, „du hast zwei liebe Töchter, die mir und meinem Weib ans Herz gewachsen sind. Und ich hab‘ zwei Söhne, fleißig und in allen Stücken brav. Sie würden ihre Frauen lieben, kein Leid dürfte auf sie kommen. Wie wir während unseres Hierseins dir beweisen konnten, sind wir nicht allein aufs Unsere bedacht. Was Moabit an guten Sitten hat, haben wir erkannt, wie wir verabscheuen, was unserm Volk an Ungut haftet. O — keine Volkschaft ist von beidem frei: gut und ungut, hell und dunkel, und ist immer angetan, beides zu bedenken.

Man sollte gut und hell stets höher stellen als das Mindere. Dann hat man Frieden auf dem Pilgrimweg durch diese Welt. Daher wollest du bei mir das hell und gut zuerst betrachten, wie . . .“ „. . . du bei mir?“ fragt jener. Ein kleines Lauern liegt im Blick, von Elimelech sofort registriert.

„Bei dir“, entgegnet er in Ruhe, „habe ich von Anfang an nichts abgewogen, weil es da nichts abzuwiegen gab. Unser Handel auf dem Felde machte mich gewiß: du bist einer, bei dem man sich geborgen weiß. Das sag‘ ich nicht“, wehrt der Israele ab, als der Moabite sagen will, man würde nur so plappern, um zu gewinnen, „um dir um den Bart zu streichen.

Wir haben ein Gesetz: ‚Deine Rede sei ja und nein; was darüber ist, ist vom Übel!‘ Würde ich‘s nur meinen, um dich zu umgarnen, wäre ich ein Schelm und hätte meines Gottes Worte übertreten. Ein Mann soll sich vor solchen Übeln hüten. Wenn Kinder oder wenn ein Weib mitunter diesem Übel dient, sei gerne etwas nachgelassen. Doch bei einem reifen Mann – ? Da sieht es anders aus, zumal wenn einer Oberhaupt der Sippe ist.

Einst, vor grauer Zeit, war ein Mann mit seinem Weib (Adam-Eva) in Gottes Garten. Beide wurden sündig! Der Mann versteckte sich, wollte seine Schuld nicht eingestehen. O, GOTT Selber rief ihn vor Sein Angesicht — zuerst, Corusja, und zuerst mußte er bekennen! Er war Erst-Verantwortlicher, was nicht behob, daß auch das Weib vor Gott die Eigenschuld bekennen mußte. Das besagt:

Ob in einer Sippe Glieder schuldig werden, braucht nicht GOTT zu prüfen. Er weiß, wo die Wurzel eines Übels wuchert. So hat jeder seine Eigenschuld durch Reue und durch Buße abzutragen. Gott, der gerechte Richter, scheidet rechts und links, gut und ungut, hell und dunkel. Wo jedoch der Sippe Oberhaupt versagt, liegt die Schuld der andern mit auf seinen Schultern!

Mein Wort an dich ist rein und ohne Falsch. Daran knüpfe ich die Bitte, weswegen ich zu dir gekommen bin. Meine Söhne lieben deine beiden Töchter. Ich steh‘ für meine Söhne ein und mein Leben gebe ich dafür in deine Hand. Du bist der Städte-König, kannst über mich entscheiden, wenn meine Söhne nicht das Wort der Ehre halten gut vom Elternhaus gekommen, so sollen deine Kinder bleiben, so werden sie betreut! Genügt dir das, so lasse mich noch sagen, was dir mit zur Freude dienen soll.“

„Freude — ? Ich liebe sie und bin nicht so töricht, zwischen Sohn und Tochter einen Unterschied zu machen. Daß unser Hausgesetz die Söhne erblich in den Vorrang stellt, weißt du selbst. Ich kann den Mädchen nur das Ihre überlassen, was in ihren Truhen an Geschenken liegt. Arm gehen sie aus ihrem Vaterhaus, arm werden sie dein Haus betreten! Und obendrein — beide in ein fremdes Land, von dem ich manches Böse hörte. Was sollen sie bei euch? Euere Obersten werden sie verachten, weil sie Heidenkinder sind!“

„Hast wohl recht, daß Fremde bei uns nicht viel gelten; umgekehrt ist‘s ebenso. Israel ist wegen Hungers oftmals ausgewandert und ist nirgends gerne aufgenommen, sogar der Weg verweigert worden; man hat uns manches Ungemach getan. Doch ich beruhige dich.

Wir wohnen außerhalb von großen Städten und unterstehen weniger den Augen derer, die das Volk zu leiten haben, Noch ziehen wir nicht fort. Mein Nachbar führt für mich Prozesse gegen unsern Richter, weil . . .“ „Bin unterrichtet“, fällt Corusja ein. „Von denen, die wie du das Land verlassen haben, nahm der Richter meistens alles weg, angeblich als Strafe, weil ihr vor der Not geflüchtet wäret und hättet so das Volk verraten.“

„Er legt so aus. Daß durch Wegzug vieler Sippen teils die Not behoben ward, läßt er nicht mehr gelten. Zuerst war es ihm recht, daß viele wanderten und war es ihm egal, wohin sie gingen, was aus ihnen wurde. Nun er selbst durch Mißwirtschaft viel Schaden angerichtet hat, deckt er ihn mit unsern Gütern zu. Mein Nachbar Kemali sandte mir vor kurzem Botschaft zu.

Nun ist‘s freilich fraglich, wer den Prozeß gewinnen wird. Wie dem aber käme — du stelltest in zwei Jahren fest, was wir mit vielem Fleiß vermögen. Ich bin noch nicht alt, meine Frau Naemi weiß mit anzufassen, wenn es nötig ist. Meine Söhne, jung und stark, können ihre Hände regen und die Schultern stemmen; wir werden in der Heimat nicht verderben. Deinen Töchtern wird nichts mangeln. Gib mir dein ‚Ja‘, als Freund, damit unser beider Kinder glücklich werden können.“

Der Moabite sitzt versunken da. Elimelech wartet in Geduld. Und dann: er behält die Söhne und bekommt zwei liebe Töchter noch ins Haus; jener muß sie opfern. Allerdings — dessen Söhne brachten auch zwei Frauen heim, so hätte jeder ein gerechtes Teil. Endlich sieht Corusja hoch.

„Wir wollen ein Jahr warten. Sind deine Söhne dann bereit, haben meine Töchter sich nicht abgewendet, so gelte der Verspruch.“ Er hat sich die Bedenkzeit vorbehalten, um zu prüfen, was seine Leute sagen werden, wie sich der Prozeß entwickeln wird und — Elimelech drückt ihm beide Hände. „Gut bedacht! Freilich“, lacht er auf, „die jungen Leute, wie wir früher auch, werden ungeduldig sein. Für sie ist doch ein Jahr sooo lang, während es für uns, die Älteren, oft allzu rasch enteilt.“ „Kommt heute Abend her zu mir, sprich vorher nichts, wir setzen dann die Klauseln auf, auch — wie lang ich wünsche, hier in meiner Stadt zu bleiben.“

„Der Richter in Jerusalem ist hart, und bevor ich nicht auf meinen Grund gelange, kehre ich nicht heim.“ ‚Das kann Jahre dauern‘, denkt Corusja. ‚Und wenn sie immer bei uns bleiben, ist mir‘s auch ganz recht. Dann überschreibe ich das Feld den Söhnen für meine Töchter. Das wäre bestens ausgeglichen.‘ Beide, er und Elimelech, wissen nicht, das alles anders kommen wird.

Corusja ließ zwei höhere Beamte zu sich kommen, mit ihnen erwartet er die Israelen. Seine Töchter wagten nicht zu fragen, wie er nun entschieden hätte; er zeigte sich verschlossen und wartet ab, was die Städter sagen werden. Auch Elimelech und die Seinen sind nicht ruhigen Gemüts, als sie an dem Abend zu Corusja gehen. Ebenfalls fragten seine Söhne nicht, wie des Vaters Bittgang ausgegangen war. Nur Naemi gab er einen Wink.

Bei den Beamten hat Corusja vorgefühlt und erstaunte, weil beide ihn mit keinem ‚nein‘, wie anzunehmen war, bestürmten. Der erste Schreiber namens Thokar sagt: „Weißt du, wenn sich die jungen Leute lieben, sollte man bloß dann dagegen sein, wenn sich das eine oder andere nicht zum Gesellen eignet. Nichts Gegenteiliges nahmen wir von Elimelechs Sippe in den Jahren wahr; ich wollte, alle Moabiter wären so wie sie — ich meine in der Art.“

„Ausnahmen“, widerspricht Corusja. „Nun, ich brauche nichts zu fürchten. Elimelech sicherte mir zu — und der hält sein Wort —‚ daß meine Töchter nicht gezwungen werden, unsern Göttern abzuschwören, es sei denn um ihrer Ehe willen. Dann kann ich nicht dawider sein. Der eheliche Friede geht mir über alles. Und ich betone:

Einerlei Glaube in der Ehe kann ein Haus erhalten, kann‘s sogar vermehren, zweierlei bringt meistens seinen Untergang. Mag es werden, wie die Götter wollen!“

Man begrüßt die Israelen freundlich. Außer den drei Männern sind Corusjas Söhne mit im Saal, die Töchter und die Schwiegertöchter dienen heute, was hier allgemein nicht üblich ist, doch dürfen sie hernach zur Tafel niedersitzen. Außer wenigen Worten hin und her wird erst gespeist.

Selbst Ruth hält sich zurück. Mitunter überschreitet sie die eng gezogenen Geleise, wofür es eine Mahnung, niemals Strafe gab. Die ältere Orpa ist stilleren Gemüts; sie hätte nie gewagt, von sich aus ihren Mund zu öffnen. Man bleibt am Tische sitzen, es werden Früchte aufgetragen. Ruth sieht ihren Vater flehend an, die Lippen halb geöffnet. Er lacht, er kennt ja seinen Irrwisch, und klatscht jetzt in die Hände.

Als ob vorher nichts beraten worden wäre, bringt er Elimelechs Bitte vor, das Für und Wider und dehnt seine Rede sehr lang aus. Er sieht die Ungeduld vier junger Menschen, Elimelechs ernsten Blick, die leise Trauer der Naemi, die meint, mit viel Gerede würde sich Corusja tarnen. Um so freudiger atmet alles auf, fliegt Ruth an seinen Hals, schmiegt Orpa sich an seinen Arm, stehen Chilijon und Mahlon hinter ihm zu beiden Seiten und alle andern stehen auf, als er, sich ebenfalls erhebend, sagt:

„Ich habe mich geprüft, meine Kinder, Elimelech, sein Weib samt Söhnen: es ist nichts Ungereimtes gegen euch zu sagen. Also gebe ich mein ‚Ja‘ zur Bindung unserer Kinder, doch müssen sie ein Jahr lang warten. Sie sollen prüfen, ob sich fremd mit fremd vereinen läßt, ob sie gegenseitig sich die Treue wahren. Wenn ja, so ist in einem Jahre der Verspruch.

Noch ein Weiteres hänge ich daran. Ihr Israelen sollt mir vor den Ohren meiner Freunde schwören: Ihr dürft erst dann in eure Heimat ziehn, wenn der laufende Prozeß soweit zum Guten ausgegangen ist, daß alle, zumal meine Kinder, keine Not zu leiden brauchen. Doch sei die Klausel nicht über fünf Jahre ausgedehnt.

Von heute ab im sechsten Jahr ihr könnt auch länger oder immer bleiben, mir wäre das sehr recht — dürft ihr heimwärts ziehen, ließ sich die Richtersache nicht zum Guten wenden. Du, Elimelech, wirst genügend Freunde haben, die dir helfen, wieder alles zu gewinnen, was man euch räuberisch gestohlen hat. Seid ihr einverstanden, so sagt ‚ja‘ vor den Ohren meiner Söhne, meiner Freunde. Als dann laßt uns fröhlich sein!“

Noch sechs Fremdenjahre, es würden acht, fern der Heimat, fern der Hütte, in der noch echte Priester wirken. Trotzdem: die Augen strahlen, Ruth und Orpa weinen und denken jetzt nicht an die Länge eines Jahres, auch nicht Elimelechs Söhne. Es winkt das Ziel und jene Liebe, die noch Zucht und Ordnung kennt.

„Ich anerkenne die Bedingung“, sagt Elimelech feierlich. „Dein und mein Wort sollen gelten. Aber meine Söhne sollen selber zeugen, ob sie in Ehr und Würde halten, was heute zum Verspruch gekommen ist.“ „Nicht mehr als billig“, ruft Thokar lustig aus, „also her, ihr jungen Männer, zeigt eure Willigkeit, euch unter unsers Obersten Spruch zu beugen!“

Wie in Moabit die Sitte lehrt, knieen Chilijon und Mahlon vor den beiden Vätern nieder und bekennen freudig: „Was der König dieser Stadt, die uns Zuflucht gab, bestimmte, anerkennen wir zu treuem Wort. Ohne Ehre soll man uns verjagen, wenn wir nicht gehorchen, würden wir die Jahre nicht erwarten, bis wir heimzuziehen dürfen. Wir bitten um den Segen für den Bund.“

Sie lassen sich von Elimelech segnen, nach dem Mose-Brauch, vom Moabiter auf die Wangen küssen als ein Zeichen, daß dies auch ein Segen sei, die Liebe eines Vaters, die den Kindern gilt.

Diener füllen abermals die Tafel. Man zecht nicht, wie wenn man Feste feiert. Es mag Elimelechs ernste Art, Naemis gütiges Gesicht, die Zurückhaltung der Söhne sein, die die Freude in den guten Bahnen hält, weil die Israelen ihren stillen Dank zum Schöpfer senden, von Dem sie alle guten Gaben mit Anbetung und Ehrfurcht nehmen. Ein Abend voller Segen — auch für die Heiden.

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