Die Pest bricht aus. Naemis Feindesliebe
3. Kapitel
Fünf Jahre sind dahingegangen, das Familienband ist eng geworden. Kluge Moabiter holen sich bei Elimelech öfters einen Rat. Ruth und Orpa kennen keinen Kummer bis auf jenen; sie sind noch ungesegnet, wie man so sagt. In manchen Häusern wird getuschelt: ‚Die Götter zürnen, weil sie fremde Männer nahmen.‘ Ruth ist lieb und still geworden, ist kein Irrwisch mehr.
Naemi tröstet ihre Töchter. Lästermäuler wurden schon bestraft, womit die Tuschelei nicht ausgetrieben wird. Mehrmals hat man einen Anschlag auf die Israelen abgewehrt und Corusja meint, jetzt wäre besser, sie zögen fort. Man rüstet auch, obwohl aus Bethlehem die Nachricht kam, es würde der Prozeß hinausgezögert und sähe aus, als ob Elimelech ihn verliert.
Da tritt ein anderes schweres Los an ihn heran. Weit und breit fliegt eine Seuche auf, die zumal auf Männer und auf Kinder fällt. In Ar-Moab sind schon Todesfälle eingetreten. Die Ärzte, zeitgemäß sehr tüchtig, stehen machtlos da. Bloß Linderung ist zu beschaffen und einige werden nach und nach gesund. Die meisten holt der Tod nach langer Liegezeit. Ein Fieber zehrt sie auf.
Elimelech geht mit seinen Söhnen zu Corusja, um die Reise abzusprechen. Dieser sagt ihm jede Hilfe zu und bietet ihm für Haus und Grund ein Entgelt an, das jener für die Töchter nimmt. Das hebt ihn bei Corusja hoch. Auf dem Heimweg taumelt Elimelech. Erschrocken springen beide Söhne zu und führen ihn behutsam heim. Naemi wird totweiß. Soll ihr Mann die Seuche haben? Sie bettet ihn, hatte auch aus Vorsicht, ohne Wissen aller anderen, bei einem Arzt sich Rat geholt, falls — —
Nun ist es eingetroffen. Sie kocht Sud und gebietet, daß niemand zu dem Kranken kommen darf, sie allein will pflegen. Auch fürchtet sie, wie schon geschehen, eine Ansteckung. Sie schickt Ruth nach Hause, um dem Vater anzuzeigen, daß vorerst an Heimfahrt nicht zu denken sei. Corusja bringt sein Kind zurück, lobt die Maßnahme von Naemi und holt selber einen Arzt herbei. Der wirft nur einen Blick aufs Krankenbett, zuckt die Schultern: „Da ist keine Hilfe möglich, die böse Seuche steckt schon lang in ihm, er hat sich wohl nichts merken lassen.“ Naemi nickt, so wird es sein.
„Wenn wir ihn in einen Wagen betten, könnten wir nicht dennoch reisen?“ „Auf dem Wege gibt es keine Möglichkeit, ihn zu betreuen, nirgends öffnet sich für euch ein Herbergshaus. Am Jordan herrscht die Pest noch nicht, ihr würdet fortgetrieben. Wohin denn dann mit euch?“ Der Arzt hat recht.
Die Aussicht, heimzukommen, ist zerbrochen. „Bleibet in Ar-Moab, da kann ich ab und zu nach euerm Kranken sehen.“ Corusja schließt sich dieser Meinung an, geht auf Drängen der Naemi mit dem Doktor fort. „Du kannst nicht helfen“, sagt sie traurig, „und stehst hier in der Gefahr. Lasse Boten bloß zur Haustür kommen und ich selber werde solche auch nur bis an deine Türe senden.“
„Eine tapfere Frau“, lobt der Doktor unterwegs. „Ja, diese Leute haben mir in allerlei geholfen. Bloß daß nun meine Töchter Frauen ihrer Söhne sind, ängstigt mich. Komm und berichte mir, woher die Seuche kam, was Schweres weiter zu erwarten ist.“
Sie gehen wortlos ihren Weg und sitzen sich dann gegenüber. Der Arzt erzählt: „Edomiter Krämer sollen in Kir-Moab, in Geschäften daselbst weilend, plötzlich umgefallen sein. Anzunehmen, die Seuche kam durch ihre Tiere. Kamele und auch Dromedare sollen schwarzen Speichel ausgeworfen haben.
Vielleicht — wer kann es wissen? — ist so das Übel ausgebrochen, zumal in Edom Mensch und Tier davon befallen sei. Daß die Männer es betrifft, macht mich stutzig, Frauen werden oft gesund. Von Männern war bis jetzt erst einem einzigen zu helfen. Woran das liegt, mögen unsre Götter wissen, nicht ich!“ Damit macht er eine Handbewegung: ‚Frage mich nichts mehr!‘
Corusja ahnt die Geste, er hat sogar mit Elimelech schon davon gesprochen. Wohl zu dem, was dieser aus dem Glauben sagte, fand er keinen Weg. Des einen Gottes Walten — ? Wenn schon, da Er die Güte wäre — warum läßt Er das auf Männer kommen, die nachweislich in aller Welt die Vorherrschaft besitzen? Was ist denn so ein Weib? Ein kleines Nichts!
Daß er früher nie so dachte, ist ihm jetzt entfallen. Es ist eine stille Wut, aus Unkenntnis geboren und ist die große Sorge, die ihn drückt. An sich selber denkt er nicht. Er sieht den Doktor wortkarg an, der selber schweigt, aufsteht und sagt: „Hat keinen Zweck, zu denken. Ich dreh‘ jetzt meine Runde, auf den Abend melde ich die neuen Fälle.“
Alle Häuser, die betroffen sind, müssen an die Tür ein violettes Zeichen malen, um Unwissende zu warnen. Strafen werden angesetzt, wer das Gebot mißachtet. Naemi hat es nicht versäumt, selbst das Zeichen anzubringen.
Wochen gehen in das Land, die Pest verliert sich nicht. Kein Tag, wo nicht in jedem Ort die Sterbefackel brennt. Naemis Söhne werden krank auf einen Tag. Dabei wurde Elimelech isoliert. Er merkt es nicht. Das Fieber bleibt, der Körper fällt zusammen, die Gedanken sind höchst selten klar. Dann fragt er stets: „Sind wir zu Hause?“ Um ihn zu beruhigen, nickt die Frau, sie lügt nicht mit Worten, hat sie ja bemerkt, wie er ruhig wird, sobald er glaubt, im Heimatland zu sein. „Da will ich auch begraben werden“, murmelt er. Auch dazu nickt Naemi still.
Ruth und Orpa weinen tagelang. Naemi hat mit ihnen ihre Not, läßt die Kranken in ein Zimmer betten, denn die allzu schwere Last, die dreifach auf ihr ruht, wird dadurch etwas leichter. Corusja kommt, als er das Schrecknis hört und es ist kein Trost, was er noch der schwergeprüften Frau, den Töchtern sagen muß.
„Seid gewappnet, ich — ich habe vorgesorgt. Meine Magd wird euch bringen, dessen ihr bedürft. Bleibt im Haus; denn — “ Er stockt. Wie ist zu bemänteln, welch bösere Seuche, unberechtigt, unter den verstörten Leuten ausgebrochen ist? „Geht bloß in euern Innenhof, um frische Luft zu atmen. Geht auch nicht aufs Feld, das wird von mir aus mit besorgt. Nun ja — ich muß es sagen, damit ihr nicht in eine Falle lauft.
Weil ihr für das dumme Volk noch immer Fremde seid, also hat man ausgestreut, euer Gott, den ihr mit ins Land getragen hättet, hätte uns geschlagen. Weil ich euch hausen ließ, muß ich selber mich von Knechten hüten lassen, wenn ich meine Wege gehe. Euer Haus umsteht ein Rudel Söldner, es kann euch nichts geschehen.“ Er sieht Naemi ängstlich an. „Was sagst du jetzt zu unserm Volk?“
„Ich — ?“ Ein wenig denkt Naemi nach. Plötzlich sinkt sie an des Freundes Brust, heiße Tränen netzen ihre abgehärmten Wangen. „Man muß die Angst bedenken, weil nach dem Westen, beinah wie vom Jordan abgeschnitten, diese Seuche nicht kursiert. Daraus ist die Angst entstanden, die schon lang auf deinem Volke ruht, auch anderwärts. Nimmst du den Menschen den Verstand, dann kannst du sie wie Lämmer weiden.
Nichts kann ich tun als mich erbarmen. Du wirst das Deine tun, um aufzuzeigen, daß die Pest schon lang im Lande war, bevor sie meinen Mann befiel. Und jetzt erst meine Söhne. Ich — ich werde alle drei in fremde Erde betten müssen, wenn . . .“ Neue Tränen. Corusja kannte bisher keine nassen Augen; nun glitzert es darin. Er drückt Naemi fest an sich, sie tröstend:
„Der Arzt, der immer zu dir kommt, hat den Mund weit aufgemacht. Das brachte manche zur Vernunft, als er auf dem Basar sprach — und er konnte noch gut brüllen —‚ er wäre bei euch Tag für Tag gewesen und sei noch gesund. Andere Medikusse, die allein bei Moabitern waren, seien auch gestorben.
Das war die erste Bresche und meine folgt. Freilich wenn einer flüstert, schäumt das ‚Meer der unbedachten Rede‘ über alle Dämme. Gut weil“, grüßt er hastig, er kann den Kummer dieses Weibes nicht ertragen. Sie ist ihm ein Licht geworden in seiner Einsamkeit, und heimlich eingestanden: in der Verkapselung des Götzenglaubens. Den Töchtern, weil er nichts besseres weiß, ihnen Liebe zu erzeigen, schickt er goldene Geschenke. Sie werden dankbar angenommen, doch mit tiefbetrübtem Herzen: ‚Was gilt uns Gold, wenn wir unsre Männer an den Tod verlieren — ?’
Wieder geht der Städter seinen Amtsgeschäften nach und er kommt in einen Schwarm hinein. „Und wenn die Knechte unsers Obersten das Haus umstellen, wir dringen ein. Die Brut wird ausgerottet, die das Unheil brachte. Auch die Töchter werden nicht verschont, weil . . .“ Weiter kommt der Hetzer nicht. Unaufgefordert greift Corusjas Garde zu, nimmt eine handvoll Männer und auch Frauen fest. Im Nu sind sie gefesselt. Der Schwarm fliegt auseinander, ‚Rette sich, wer kann; ich war nicht dabei!‘
Die Fesseln fliegen ihnen nach. Das Stadtgefängnis füllt sich mit Rebellen. Was ist zu tun? Der Oberste denkt an Naemis Wort:
‚Nimm den Menschen den Verstand, dann kannst du sie wie Lämmer weiden!‘ Und ‚. . . als mich erbarmen‘! O, das hat er noch nicht gelernt. Der Verstand läßt sich durch keine Prügel, nicht durch eine lange Haft verbessern. Er läßt die Leute einen Monat sitzen, ohne Drangsal, wie sonst üblich wäre. Und er, der Heide, holt sich bei Naemi wieder einen Rat. Vielleicht, weil sie selbst gemischten Blutes ist, hat sie einen sogenannten ‚sechsten Sinn‘, der den Rat aus Gottes Wort empfängt.
„Laß sie laufen! Gut, daß das moabitische Gesetz nicht angewendet wurde. Man soll keine Menschen schlagen, auch kein Tier.“ „Tiere?“ Wunderlich gefragt. „Unser Mose lehrte es. Du kannst erleben, wie ein Tier dich wiederliebt, auf seine Art, wenn deine sanfte Hand es leitet. Den Rebellen binde es auf ihre Seele, daß du sie nicht stäupen ließest, ein andermal aber um so härtere Strafen über sie verhängen würdest.
Eine Drohung. Man sollte diese unterlassen. Hier hilft‘s; damit wirst du wieder Herrscher über diese Stadt. Das Weitere mag aus dir selber kommen. Unser Gott, der Einzige, Schöpfer Himmels und der Erde, segnet dich.“ „Wie geht es deinen Kranken?“ Tränen hat Naemi keine mehr. „Elimelech geht noch heute heim zu seinen Vätern; eh die Sonne sinkt, wird er seine Augen schließen. Meine Söhne leiden sehr, doch ist ihr Zustand ungewiß. Manchmal hoffe ich, sie würden uns gesund.“
Corusja wandert mit Naemis Segensworten heim. Er bespricht sich mit den Räten wegen der Gefangenen. „Übel war es nicht, daß du die unverdiente Milde walten ließest“, sagt der eine, und ein anderer: „Allzu milde Strafe hilft nicht viel.“ „Manchmal doch!“ Corusja hat den Rat der frommen Frau bedacht.
„Mit Schlägen wäre neuer Haß hervorgerufen worden, der auch uns betroffen hätte, nicht bloß Elimelechs Leute, Lasse ich verlauten, daß sie keine bösen Strafen wünschten, dann mag dieser oder jener doch zur Einsicht kommen. Warten wir es ab. Morgen lasse ich sie frei.“ „Warum heute nicht?“ fragt der erste Schreiber. Damals stand ein solcher in gehobener Position.
„Heut‘ geht Elimelech heim zu seinen Vätern, sprach Naemi, einer ihrer Glaubenssprüche. Wir wollen diese Zeit nicht stören lassen, weil die Toten gleich in ihre Grube müssen. Ein rasch verwesender Leib richtet größeres Übel an als Kranke. Kommt morgen mit, dann zeigt sich‘s ja, wie sie — die Gefangenen — sich gebärden werden.“ Bedrückt geht jeder von den Männern fort. Daß die Seuche gar nicht weichen will.
Manchmal sieht es danach aus, als hätte sie ein Dorf, eine Stadt verlassen, doch nach wenigen Wochen kommt sie wieder. Es ist, als flöge sie wie Drachen hin und her, sitzt plötzlich auf gar vielen Orten nieder und ist keine Hilfe möglich. Die Leute weinen und es gehen allerlei Gerüchte um.
Strenge Maßnahmen sind erlassen worden, nicht bloß wegen dieser Pest. Daß sie bei Corusja gleichfalls streng, allein nicht hart zu nennen sind, ist Naemi zu verdanken, früher Elimelech. Seit dessen langer Krankheit, fast ein ganzes Jahr, ist‘s die ‚liebe Frau‘, die allerwärts zum Guten rät.
Der Raum ist abgedunkelt. Eine Lampe gibt gerade so viel Licht, um den Kranken zu betreuen. Seit Tagen liegt er wieder isoliert. Die Söhne, nicht immer fiebrig, sollen nicht erleben, wenn der Vater seine Augen schließt. Die Töchter wissen auch noch nichts. Schwer, schwer! Naemi trocknet immer wieder das Gesicht des Sterbenden, die Stirn, auf der ein Licht zu liegen scheint, den Mund, der den ganzen Tag noch nichts gesprochen hat.
Da — wie nie, seit er gebettet ward, öffnet er die Augen, sieht sein Weib, gebückt von Sorgen, streckt beide Hände nach ihr aus und sagt deutlich: „Ich bin gerufen worden, jetzt weiß ich, wo ich bin. Oh, Naemi, liebes Weib, weine nicht, die Erlösung winkt! Ich ahne nicht, weshalb der Herr uns schlug und ob es eine Sünde war, unser Land des Hungers wegen zu verlassen.“ Er verrät auch jetzt die wahre Not noch nicht.
„Einst tat es unser Volk. Es ging des Hungers wegen nach Ägypten und wurde lange drangsaliert, bis Gott in herzlicher Erbarmung ihm den Mose sandte. Wohl — und das weiß der Herr: nicht meinetwegen ging ich fort, sondern euretwegen griff ich nach dem Wanderstab. Heute war ich immer klar bei Sinnen, konnte bloß nicht reden, sah dein mütterliches Walten, deine Opfer, deine Treue, und dafür wird der Herr dich nicht verlassen. Nicht völlig einsam kehrst du heim nach Bethlehem.
Ich komme nicht zu unsern Vätern; doch mir ward gezeigt, daß dies müßig ist. Überall ist Gottes Erde! Einem Volk gehören nur die Grenzen. Das Land ist GOTTES Eigentum, Seine Erde! Und in diese laß mich betten, wenn der Lebensengel ruft. Dort“, Elimelech zeigt mit matter Hand nach oben, „ist unsre Heimat, dorthin kehre ich zurück, dort werden wir uns wiederfinden!
Lebe wohl, Getreue! Grüße meine Söhne“, Elimelech weiß es nicht, daß sie dem Tod verfallen sind. Nur aus einer Ahnung, aus dem Licht gegeben, fügt er an: „Sie folgen mir bald nach. Grüße meine lieben Töchter, grüße unsern Freund Corusja und die andern, mit denen wir verbunden sind. Grüße — —“ ‚Bethlehem,‘ wollte er noch sagen.
Die Worte sind verhallt. Eine Weile sitzt Naemi starr auf ihrem Stuhl. Dann drückt sie leidgefüllten Herzens ‚ihrem lieben Toten‘ beide Augen zu, legt Kräuter in ein reines Laken, spritzt darüber einen Saft, hebt allein den Mann ins Leichentuch, bindet auch die Bänder fest, damit das Tuch nicht auseinander fällt und öffnet die verhängten Fenster.
Der Nachtwind streicht herein. Naemi nimmt den Sud, wäscht sich, zieht bereitgelegte Kleider an und steckt die alten und des Elimelechs Wäsche im Hof in einen Zuber. Bald steigt eine Lohe auf. „Was ist?“ flüstert Ruth erschrocken. „Das ist — sollte unser Vater . . .“ Sie bricht in Jammern aus. Orpa eilt zur Fensteröffnung. Da sieht sie, was geschehen ist. Im Fackelschein erkennt sie ihre Mutter und die Augen strömen über. „Unser Vater, der liebe Vater!“ ruft sie wie erstickt.
Sie kleiden sich in Eile an und laufen in den Hof. Weinend knieen sie am Zuber nieder, als wäre es bereits das Grab. Noch zeigt sich kaum die Sonne, als die Knechte ihren Herrn zu Grabe tragen. Naemi und die Töchter folgen; Corusja kommt mit seinen Knechten. Er hebt der Sitte nach die Hände, Ruth und Orpa tun es nach, Naemi faltet ihre Finger, wirft noch einen Blick hinab ins Dunkel einer fremden Erde, nein durchfährt es sie: ‚Gottes Erde‘, hat der Sterbende gesagt. So will sie es zur Heimat bringen, das gute Wort, das ihr immer eine Tröstung bleibt.
Man bedeckt das Grab mit einem Stein. Noch sind wenig Städter auf den Straßen, und die Knechte müssen schwören, diesen Gang nicht zu verraten. Sagt ernst gemessen der Älteste von ihnen: „Herr, wir wissen, was wir dir und deinem Hause schuldig sind. Dazu gehören deine Töchter, obgleich sie fremde Männer nahmen. Und dann — noch verriet es niemand, wer einen solchen Abgestorbenen zu Grabe trug, weil sie dann als ausgestoßen gelten. Die Angst, Herr, die Angst wenn die nicht wäre —
„Mein Gott hat jetzt die Angst als einen Segen ausgeschickt, der mehr behütet und mehr Ungut unterdrückt, als der Mensch verstehen mag. Geht heim, ihr guten Knechte, mein Gott segnet euch um eurer Hilfe willen,“ Naemi gäbe ihnen gern die Hand, aber das ist jetzt nicht angebracht. Die ‚innere Hand‘ zu geben, das versteht sie aus dem Licht. Niemand weiß es als die nächsten Freunde, daß der Israele auch gestorben ist.
Monde bleiben vollgerüttelt mit dem ‚bösen Stab der Götter‘. „O Herr, ist‘s Deine Rute?“ fragt Naemi bang. Da erklingt in ihr ein Wort: „Ich habe keine Rute, aber eine Hand, die zweierlei zu geben weiß, was immerdar MEIN Segen ist! Willst du diesen messen, so ermesse MICH, wenn du das kannst!“
Tief erschüttert sieht Naemi in des Himmels Helligkeit. Kam von dorther Gottes Wort? Sie ist‘s nicht würdig; denn Mann und Söhne — Nein, wenn auch bitterlich, es ist Gottes väterliche Hand. Wer mag das verstehen? ‚Du hast gesprochen‘, dankt sie innig. Noch steht Schweres ihr bevor. Kann sie von den Töchtern denn verlangen, mit nach Bethlehem zu gehen? Kann man Schicksalsschläge einen Segen des Allmächtigen nennen? Was ließ die Heimat von dem übrig, was einmal ihr Besitztum war? Da die jungen Frauen keine Kinder haben, steht es ihnen frei, abermals zu ehelichen.
Als sie ins Zimmer ihrer Söhne tritt, sieht Chilijon die Mutter flehend an. „Was ist mit Vater? Ich sah ein Leichentuch, aus unserm Haus getragen.“ Vom Fieber sind die Lippen sprüngig, die jungen Männer sehen Greisen gleich. Was soll sie sagen? ‚Herr, gib Du mir Deine Kraft!‘ schreit ihre Seele.
„Du hast Fieber, lieber Sohn, da sieht man mancherlei. Euerm Vater geht es gut.“ Ja, das stimmt, befreit von aller Leibesqual — von arger — „Es ist —“ „Du willst uns schonen, Mutter.“ Chilijon wirft einen Blick aufs Lager seines Bruders. Obwohl der Älteste, ist Chilijon in seiner Seele stärker und konnte oftmals helfen, wenn jener trüb und dadurch launisch war.
„Mir sag‘ die Wahrheit, teure Mutter, ich kann sie tragen. Unser Vater ist —“ Naemi nickt und streichelt tröstend ihres Jüngsten schweißbedeckte Stirn, nimmt ihn in ihre Arme und wiederholt, was Elimelech sprach, welches Wort sie hören durfte. Chilijon ergeht‘s wie seiner Mutter. Still liegt er zurückgelehnt, schlägt wieder seine Augen auf und sagt:
„So viel Leid hast du allein zu tragen, du bürdest unsern lieben Frauen keine Lasten auf. Ich spüre es: die Söhne, die deine Stütze werden müßten, lassen dich allein. Aber wenn — wir — — Möge GOTT es führen, daß du nicht verlassen bist.“ Erschöpft fällt Chilijon zurück. Naemi holt ihm einen Trunk, fast das einzige noch, was die Kranken zu sich nehmen können. Eine Spanne hilft es jedes mal, daß sie leichter schlafen können.
Wieder reiht sich Tag an Tag. Allmählich ist die Macht der Pest gebrochen. Niemand wird von ihr befallen, nur die Kranken sterben noch, weil mancher Arzt sich auch die Seuche holte. Die Leute atmen auf, Handel und Geschäfte fangen an zu blühen, und von Edom hörte man, die härteste Gefahr sei abgeklungen.
Naemis Söhne sehen ihrem Tod entgegen. Da nun keine Ansteckungen zu befürchten sind, läßt sie Ruth und Orpa ins Gemach. Sie hat sie vorbereitet, wie die Pest den Leib verzehrt. Dennoch fassen sie sich an den Händen, lehnen sich an ihre Mutter an; es gibt keinen Trost der Welt, der ihren Schmerz zu lindern wüßte.
Mit einer Kraft, die Naemi nicht mehr zuzutrauen wäre, hält sie ihre Töchter fest. „Seht nicht die Gesichter an“, mahnt sie, selbst voll Trauer, „schaut hoch, aus dem Himmel kommt der Trost für allen Weltenschmerz!“ Sie will noch etwas sagen, doch da greift Chilijon nach Mahlons rechter Hand, die Betten stehen nahe beieinander, und wie sein Vater kann er deutlich reden:
„Komm, lieber Bruder, wir gehen heim!“ Noch wähnt das junge Blut das Vaterland der Erde, aus dem es wie mit Händen winkt. „Der Vater ist dabei, hinter uns die Mutter, unsre Frauen.“ Wann — das deckt Gottes Güte zu, indem die Augen brechen. Wenig später streckt sich Mahlon aus. Es ist ein letzter Blick, der die Frauen hell umfaßt. Von was bewegt sich denn die Luft? Sind es jenes Engels Flügel, der — — Dann ist vorbei.
Zwei Leben sind für diese Welt verlöscht, zwei Leben sind erwacht zum ewigen Sein! Der Schmerz ist viel zu groß, er läßt durch Tränen die Erleichterung nicht zu, Ruth und Orpa helfen, die Leichentücher zu bereiten, waschen sich im Sud und ziehen neue Kleider an. Alles Alte wird verbrannt.
Diesmal ist nichts zu befürchten, man kann die Toten ruhig in die Erde betten lassen. Sogar Nachbarn kommen, die mit Naemi und den jungen Frauen trauern. Klageweiber, die Corusja hoch bezahlt, gehen vor der Gruppe her, allerdings den Abstand wahrend. Vorsicht ist geboten. Ruth und Orpa bleiben bei Naemi. Die zwei Mägde und die Knechte, im Lauf der Jahre aufgenommen, und die die Krankheit nicht befiel, geben sich die größte Mühe, ihrer Herrin alles recht zu machen. Es ist nicht nur Dankbarkeit, weil sie verschont geblieben sind, es sind auch Achtung und die Liebe, denn eine gütigere Herrin werden sie kaum wiederfinden.
Die Pest ist tot. Man hat sie nicht ergründen können. Das ganze Land ist froh. Es feiert wieder Feste und bald — wie Menschenart es ist — denkt man nicht mehr an das Grauen. Im Hause der Naemi bleibt man ernst gestimmt, doch haben Knecht und Magd die Freiheit, sind ja junge Leute, ihres Volkes Feste auch mit zu begehen.
Es rundet sich das zehnte Jahr, für Naemi ein Dezennium der Fremde, die ihr halb zur Heimat wurde. Doch es zieht und zerrt in ihrem Herzen; und lassen sich die Gräber nicht mitnehmen — ihre Lieben nimmt sie mit, wenn sie den Fuß gen Westen richtet.
Sie bespricht sich mit Corusja. „Ich lasse deine Töchter hier“, sagt sie beklommen. Sie wird um beide trauern wie um ihren Mann, wie um ihre Söhne. „Warte einen Mond“, rät Corusja, „sie sollen selbst entscheiden, wohin sich ihre Sinne wenden.“ Auch er ist voller Leid. Nur hat er seine Söhne nicht verloren, die Schwiegertöchter sind gesund, und fünf Enkel darf er kosen. Soll er Naemi noch das Letzte nehmen, das ihr Halt und Hilfe werden kann? — ?
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