Die Emigranten. Eine Stadt nimmt sie auf
1. Kapitel
Erleichtertes Seufzen eines Mannes, der mit seiner Frau und zwei Söhnen ausgewandert ist. Drei Ochsenwagen wühlen dicke Staubwolken auf. Seit zwei Tagen liegt die Grenze hinter diesem kleinen Zug und man macht bei einem Brunnen Halt, nahebei am Wege. Die Ochsen werden ausgeschirrt, beim Brunnen gibt es Gras und ein paar Palmen, die gerade reife Früchte tragen.
Der Mann bindet seine Tiere, sie sollen nicht entlaufen. Der älteste Sohn erklettert eine Palme und holt saftige Datteln. „Gut, mein Junge“, sagt die Frau, „mach‘ ein Feuer an, ich will ein Mahl bereiten. Die Palmen spenden Schatten, das Wasser ist so köstlich frisch.“ Sie nimmt aus einem Wagen ein paar Töpfe, sich dabei an ihren Gatten wendend, ein wenig ängstlich:
„Wie wird es uns in Moabit ergehen, Elimelech?“ „Ist abzuwarten, Naemi. Wir sind zwar hungrig, die teure Zeit in Israel war schwer; doch wir fallen niemanden zur Last. Hauptsache, wir finden eine Unterkunft.“ „Wie bei Bethlehem?“ ruft Chilijon, der Jüngere, zweiundzwanzig Jahre alt. Der andere, Mahlon, ist vierundzwanzig. Beide sehen kräftig aus; aber sie sind krank, was man nicht weiß. Es gab zu viel schwere Jahre.
„Wir werden sehen.“ Sehr zuversichtlich ist der Vater nicht. Der Tiere wegen ruhen sie noch eine Stunde. Ihr Ziel ist Ar-Moab, von wo man hörte, es sei eine gute Stadt und gäbe es dort Möglichkeiten, sich — wenigstens vorübergehend — anzusiedeln. Es dauert aber noch zwei Tage, bis sie dieses Ziel erreichen. Die armen Ochsen waren auch sehr mager durch die teure Zeit. Erst unterwegs fanden sie des öfteren genügend Futter.
Der Abend sinkt herein, als die Emigranten an die etwas niedrige Mauer von Ar-Moab kommen und an eines der bereits geschlossenen Tore pochen. Sie brauchen nicht arg lang zu warten, als von innen Riegel fallen. Ein untersetzter Mann, bewaffnet, steht inmitten. Nicht besonders freundlich, aber auch nicht barsch erfragt er das Begehr der Fremden.
„Wir bitten um ein Domizil.“ „Für wie lange?“ „Wir wissen es noch nicht“, erwidert Elimelech. „Führe uns zum Städteältesten.“ Der Wächter kontrolliert die Karren und bezwingt den Unwillen, der in ihm aufgestiegen war. „Kommt!“ Er nimmt das erste Ochsenpaar beim linken Joch, führt es in die Gasse und schließt das Tor. Er geht voraus und bringt die Emigranten auf einen freien Platz, der hier zugleich als Basar dient.
„Hier richtet eure Zelte“, meint er gönnerhaft. „Vielleicht er meint Elimelech, „mußt du heute noch zum König.“ „Wir danken dir.“ Elimelech gibt dem Manne eine Münze aus Damaskus. Unbesehen wird sie eingesteckt. Daß er nichts Minderwertiges bekam, bewies ihm die Kontrolle. Er wird ein Wörtchen für die Fremden wagen; an sich ist der Stadtälteste recht streng.
„Du hast Fremde nachts in unsre Stadt gelassen? Bist du denn von Sinnen?“ Corusja, der Gewaltige, geht grimmig auf und ab. „Es besagt nicht viel, weil ihre Wagen ordentlich gefüllt gewesen sind. Kommt zuviel fremdes Bettelvolk vom Jordanland! Haben die dort Teuerung, was können wir dafür? Ich sorgte vor, daß niemand bei uns hungern soll. Kann ich Fremde nähren, ohne unserm Volk das Brot zu nehmen? Erst die Eigenen!“
„Sie sehn ganz anders aus“, wagt der Wächter zu erwidern. „Lasse sie in dieser Nacht in ihren Zelten ruhen, auch der abgetriebenen Tiere wegen. Morgen früh besiehe sie dir selbst, die Leute meine ich, nicht die Ochsen. Dann kannst du immer noch ein Tor für sie nach auswärts öffnen lassen.“
„Mögen sie die eine Nacht kampieren! Siehe aber öfter nach, ob sie nächtens schleichen. Wenn, dann gleich hinaus mit ihnen!“ Der Wächter nickt und geht. Ab und zu umwandert er das kleine Lager. Allein, es bleibt ruhig, die Leute schlafen. So zieht ein neuer Tag herauf, der sich für die Israelen schicksalhaft, erst aber einmal gut, gestalten soll.
Der kühle Morgenhauch dringt durch die Öffnung in das Zelt. Auch die Stadt erwacht. Noch sind es einzelne Gestalten, die durch die Gassen gehn, doch belästigt man die Fremden nicht. Eine Türe öffnet sich am Haus des Obersten und ein Knecht tritt heraus. Suchend geht sein Blick umher. Er gewahrt die Zelte. Ah, die Fremden! Sein Herr möchte ‚diese Sache‘ schnell erledigen. Am liebsten gleich mit dem Befehl: ‚Fort mit euch!‘
Der Bote ruft ins Zelt: „Heda, wer ist bei euch verantwortlich? Unser Ältester gebietet euch, zu kommen! Alle!“ Elimelech tritt würdevoll heraus. „Ich komme“, sagt er ruhig, „mein Weib und unser ältester Sohn; der jüngere bleibt bei unserm Hab und Gut. Will dein Herr ihn auch noch sehen, kommt er nach.“ „Wie du willst“ Der Bote geht voraus.
Sie stehn sich gegenüber, der ‚Stadtkönig‘ von Ar-Moab und der Emigrant aus Israel. Hm, ist kein wüstes Volk. „Wer bist du? Gib an, wie die Wahrheit es erheischt, dann ist zu entscheiden, ob ihr bleiben könnt oder weiterziehen müßt. Eines hast du zu bedenken“, er tippt Elimelech auf die Brust, „seit zwei Jahren kommen aus dem Westen viele Leute her, weil dort die Teuerung ihr Zepter schwingt. Alles pocht an unsere Tür.
In Kir-Moab, der Hauptstadt, und in andern Flecken halten wir es so: Ein paar Wenige dürfen bleiben, von denen zu erwarten ist, uns nicht zur Last zu fallen.“ Jene, denkt Elimelech bitter, die reich und angesehen sind und . . . Den Gedanken unterbricht der König. „Wer bist du nun?“ „Du hörst die Wahrheit“, erwidert Elimelech wieder ruhig, wie es immer seine Art gewesen ist. „Ich habe meine Rollen der Familie bei mir, und du sollst sie sehen.“
Er zieht aus seinem Mantelfach drei Rollen vor. Die erste öffnet er. „Ich bin Elimelech, ein Benjaminite vom Volk der Israelen. Mein Vater war gebürtiger Benjaminite, bei Bethlehem zu Hause. Er starb vor drei Jahren und meine Mutter folgte ihm bald nach. Wir besitzen einen großen Grund, hier, die dritte Rolle“, er öffnet sie. „Das bleibt uns zu eigen. Sobald als möglich kehren wir zurück. Durch die Teuerung und vieler anderer Not gingen unsre Knechte fort, und so blieb uns gar nichts anderes übrig, als zunächst die Heimat zu verlassen.“ Der wahre Grund wird noch verschwiegen.
„Meine Mutter war Syrerin, aus gutem Hause in Damaskus. Nun hast du die Familiensippe eingesehen.“ Der Moabite prüfte sie genau und greift nach der zweiten Rolle. Da tritt Naemi an den Tisch, auf dem die Rollen liegen. Wie, ein Weib geht einfach auf den Ältesten im Amte zu? Corusja zieht die Augenbrauen hoch, doch ergeht‘s ihm wie dem Wächter. Diese Frau hat leuchtend klare Augen, bezwingend. Na, mag sie stehn, er wird nur mit ihrem Manne reden. Als ob Naemi die Gedanken lesen könne, lächelt sie und setzt sich wieder auf den ihr angebotenen Platz.
„Mein Weib“, sagt indessen Elimelech, „stammt aus Ijon, wo die Völker sich vermischen. Ihr Vater ist ein Naphtalie, die Mutter ist Sidonierin.“ „Ein arg gewürfeltes Gemisch“, ertönt‘s verächtlich. Elimelech widerspricht: „Ihr und mein Vater waren Israelen, und ein wenig anderes Blut in einer starren Sippe ist gut angebracht. Eine Sippe, nur aus sich selber schöpfend, blutsmäßig, meine ich, geht rasch zugrunde.“
„So?“ Corusja ist erstaunt. „Wollt ihr Moabiter werden?“ „Nein, bloß wenn die Landgesetze es verlangen, und auch dann bloß in der Zeit, solange wir — mit Dank — die Gastfreundschaft genießen dürfen. Hilfst du mir, einen Grund zu kaufen? Wir wollen uns gern selbst ernähren und soll auch nicht dein Schaden sein.“
„Ich habe selbst ein Land, auf dem zwar Dorn und Disteln wachsen und viel Steine liegen drauf. Ich wäre froh, wollt ihr es bebauen und nehme nichts dafür. Wenn ihr wieder in die Heimat zieht, soll dann dafür der Grund, wie er hernach ist, kostenlos mir überlassen bleiben.“ „Das gilt!“ schlägt Elimelech ein. „Aus den Steinen bauen wir ein Haus, und wie das Ganze steht und liegt, so bleibt‘s dein Eigentum!“ Der Handel wird beschlossen, Corusja geht mit Elimelech vor die Stadt und zeigt ihm das Gebiet. Es ist ein großes Feld und mit Gesträuch umzäunt.
„Ich kann dir einen Maurer stellen.“ „Vielen Dank, Altrat!“ Sie gehen in die Stadt zurück und Elimelech zu den Seinen. Viele Fragen prasseln auf ihn nieder. Er lacht leise vor sich hin. Im Gegensatz zur starren Haltung in Familien, nicht allein in Israel, liebt er es, wenn Weib und auch die Söhne mit ihm reden. Ihr Familienleben ist ein gutes.
„Welcher Frage soll ich nun den Vorrang geben?“ „Meiner“, bestimmt Chilijon und blitzt seinen älteren Bruder an. Bei der Mutter wird das nicht gewagt. Mahlon ist genauso wie sein Vater, und er liebt den Jüngeren, obwohl bloß zwei Jahre Altersunterschied bestehen. „Draufaus‘ ist wieder mal vornweg.“ „Das merke ich“, sagt Naemi, „bin aber selbst begierig, wie alles ausgegangen ist.“
Elimelech setzt sich nieder. „Habt ihr schon gefüttert?“ fragt er erst. „Ja, Vater“, bestätigt Mahlon, „alles ist in Ordnung.“ „Sehr gut“, lobt der Mann. „Nun, mit Corusja, wie der Städtekönig heißt, bin ich bestens übereingekommen, viel schneller, als ich selbst zu hoffen und zu denken wagte.
Vor der Mauer liegt ein Grund, er ergibt vier Felder. Viele Mühe kostet es, um bis zur Erntezeit noch einiges zu schaffen. Steine haben wir genug und einen Mauersmann. Wir bekommen also Chilions Haus. Die Felder sind gleich zu beackern.
Wir bauen Weizen, Hirse und Bohnen an. Das vierte Feld bleibt für die Tiere. Der Stadtkönig, wie sich Corusja nennen läßt — es ist geraten, ihn mit diesem Titel anzureden —‚ gibt uns seinen Grund umsonst. Ziehn wir wieder fort“, Elimelech ahnt es nicht, wie es werden wird, „bleiben Grund und Boden ihm zu eigen. Es darf von uns nichts berechnet werden. Merkt es euch, falls . . .“
Naemi schlägt die Hände überm Kopf zusammen. „Was ficht dich an? Keiner von uns soll in fremder Erde ruhen!“ „Das denk‘ ich auch“, sagt Elimelech ernst. „Immerhin — wer weiß zuvor, wann seine letzte Stunde schlägt? Mancher merkt es zwar, wenn die Glieder steif, die Augen müde werden. Aber früher — — ?
Gott hat es weise eingerichtet, daß der Mensch die letzte Stunde auf der Erde nicht errechnen kann. Bloß wer sich selbst entleibt, setzt sich diese. Doch die meisten sind nicht fähig, klar zu denken. Also geht auch ihnen ihre ‚letzte Zeit‘ nicht wirklich ins Gefühl hinein. Nun, lassen wir das jetzt.
Die Frage, liebes Weib, was wir vom Mitgebrachten opfern müßten, ist geklärt, indem wir dieses Feld umsonst erhalten. Freilich, wenn wir mit Fleiß und Schweiß den Boden düngen, so bekommt der Älteste einmal ein gutes Land. Nun Mahlons Frage: da war er einsichtsvoll. Wir werden keine Moabiter, was für die Heimkehr späterhin für uns zum Segen ist.
Die letzten Richter waren unbeugsam, wenn jemand aus der Fremde wiederkam und aus Zwang ein Fremder wurde. Man ließ nicht gelten, wer es aus Sorge um die Seinen tat. Uns fehlt ein Mose, Josua, die ersten guten Richter, die des Volkes Wohl bedachten. Jetzt — — Man achtet allzu sehr aufs eigene Kleid!
Dazu kommt der Wunsch der Irrgeführten: wir wollen einen König! Wohl — ein gesammeltes Regime kann jedem Volk zum Nutzen sein; aber eingesetzte Herrscher leben teuer, während unsre Richter ihre Hände regten. Regenten oder Könige leben nur vom Volk, das seine Arbeit opfern muß; davon muß man einen König kleiden und ernähren. O, wer bedenkt denn das? Sand in die Augen und — man wird blind.“
„Ich dachte auch darüber nach“, läßt sich Naemi hören. Sie geht nicht blindlings einen anbefohlenen Weg. „Kemali, der in Bethlehem mit seinem Sohne Boas blieb und auf unsere Besitzung achtet, hatte mich gewarnt, wir sollten unsre Augen offen halten, wenn man Stimmen sammeln würde. Ich sollte es dir sagen. Da wir so hastig weggezogen sind, hatte ich es ganz vergessen.“
„Das kann lange Wege haben“, sinniert Elimelech. „Juda wird den König haben, eher, als wir denken. Und das — wird der Untergang des Volkes sein!“ Naemi und die Söhne staunen. Nie hatte er ein Bild; er ist doch kein Prophet! Wie überkommt ihn das so jäh? Sie erschauert, als ob ein Ungesehener eingetreten wäre, der nun für die Gnade des Prophetentums den ‚Zins‘ erheischt, von ihr! Elimelech spricht indessen weiter:
„Wir haben einen König, GOTT ZEBAOTH!, Dem die Väter dienten, Der dem Volk die Stätte wiedergab, die Abraham zu eigen war. Ist ER nun unser König, wozu brauchen wir dann einen irdischen, der uns nicht selig machen kann? Wir sehen es rundum bei allen Heiden, wie sie sich gebärden. Juda fiele in ein Joch, das nur mit seinem Untergang zerbrochen werden kann!
Behalten wir jedoch den einzigwahren König, den Herrscher über‘s Firmament, dem Wetter, Wind und Wellen, Sonne, Mond und Sterne zu gehorchen haben, ah — was brauchen wir dann die Vergänglichen, wenn wir den EWIGEN besitzen? Besser, daß wir IHM gehören, daß wir Sein Eigentum auf ewig sind!“
Elimelech überflutet die Ekstase, die aus dem Licht geboren wird. Sein Blick geht in die Ferne, festgebannt auf einen Punkt, aus dem er Gottes Wahrheit schöpft. „Es können tausend Jahre werden, aber mit den Königen der Welt geht unser Volk verloren! Aus deiner Seite“, er legt Chilijon die Hand aufs Haupt, „wird ein großer König (David) kommen. Doch du, mein junge, bist von Schuld befreit, weil sich Israel die Grube selber gräbt.
Der vierte aus der Reihe wird der zweite König werden und wird‘s erst sein, als wäre alles Glanz und Herrlichkeit. Doch wie jeder Mensch die Welt verlassen muß, der Leib zur Erde fällt, die Seele in das Jenseits kommt, also werden Macht und Glanz der Weltlichen erbleichen und vergehn. Nichts wird einst bleiben als ein Chaos und ein Untergang, für jedes Volk nach seiner Art, für die Welt, für die Materie nach ihrer Art!“
Elimelech sinkt auf seinen Sitz zurück. Es ist, als würde er aus einem Traum erwachen und spürt es doch, was er zu sagen hatte. Jedes Wort ist in ihm wach, muß jedoch den Sinn ergründen, ob er sich der ‚Stimme Gottes‘ völlig hingegeben hat. Er nickt ein paarmal vor sich hin. Ja, er ist frei von selbst Erdachtem, er hat die Offenbarung bringen dürfen. Indem er Chilijon umarmt, setzt er hinzu:
„Sei nicht bedrückt! Nicht du selber wirst der Leibesträger eines Königs sein. Ein Weib, in Moabit gewählt und dir zu eigen auf die Zeit“, daß sie kurz bemessen ist, soll er, Elimelech, selbst nicht wissen, „wird der Grundstock eines Thrones sein. Daher seid ihr, meine Lieben, frei! Nur aus deiner Seele um der Liebe willen kommt ein Strahl hinzu über jenes treue Weib. Und du, Naemi, wirst ihre Treue an dir spüren.“
Wie plötzlich aufgegangen, so plötzlich ist des Himmels Licht als WORT verlöscht. Elimelech weiß nichts mehr zu sagen und das Ganze bleibt für die Familie ein Fragment. Erst viel später wird Naemi sich daran erinnern und zu einer Schau gelangen, wo sich des Bildes Anfang dann ergänzen läßt.
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