3 — Bleiben … Fortsetzung 2
Josua geht trotz Gefahr ins Lager. Kahathael läßt nicht ab, ihn zu begleiten. Als er verkünden läßt: „Morgen zieht ganz Israel nach Kanaan!“, denkt niemand mehr an Schlaf. Kaum ist die Mitternacht vorüber, da ordnet sich das Volk. Befehle hallen weithin durch die helle Nacht, auch werden sie von Mund zu Mund getragen. Der weite Lagerbogen, der sich bis nach Sittim zog, ist nah herangerückt. Man achtet des Gedränges nicht.
Das „Heiligt euch“ (Jos. 3, 5) wird streng befolgt. ‚Wie wird es sein? Was werden wir erleben? Wird uns Gutes widerfahren?‘ — Eine stille Stunde fällt über Israel herein. Ging nicht vorhin Gottes Lohe durch die Menge?, jene, die gar oft den Wüstenweg erleuchtet hatte? Josuas Zelt steht als einziges noch da. Fast bewegungslos sieht man darauf hin. Ist es GOTT gewesen, dann — — O Leute, danket euerem Herrn!
Er ist es! „Josua, wieder mache Ich dich groß! Keiner soll dir widerstehen, wie man Mose auch nicht widerstand (K. 4). Die Spötter aber, du könntest nicht den Jordan teilen, soll des Wassers Stärke treffen.“ „Lieber Herr, verschone sie!“ fleht Josua. „Bedenke, es sind kleine, dumme Kinder.“
„Es sind Männer, Josua! Aber deiner Bitte wegen will Ich sie nur zupfen, damit sie merken, wer du bist. Nimm Nu-Anims weißen Stab in deine Linke, des Patriarchen Schwert in deine Rechte, und gehe vor der Bundeslade her. Zwölf Priester wähle als die Träger aus, von Eleasar angeführt. Und eines, Josua“, Gott legt die Hände ihm aufs Haupt: „Schone Meine Menschen!!
Treibe nur das Heidenwesen, nicht die Leute aus; verbanne jede Unordnung und schaffe Ordnung; zerbrich die heidnischen Altäre und baue allen Armen eine Hütte; nimm die Götzen weg und biete lieber Brot. Die Gebräuche rotte aus; dafür erhebe Mein Gesetz. Du wirst es tun — und darum mache Ich dich groß.
Nicht leicht ist Israel zu leiten. Wenn sich Unheil zeigt, dann weiß man, wo man hinzugehen hat; ist es vorbei, dann vergißt man seinen Gott. Was aber du vom Licht herübertrugst, das wird bleiben bis ans Ende deiner Tage.“
Josua greift in das Lichtgewand: „Gnadenvoller Vater-Gott, Dir danke ich! Deine Worte sollen stets mein Stab und Stecken sein. In meinem Haus geschehe nur Dein Wille.“ „Hast du eine Bitte, Josua?“ „Ja; doch die Gnadenlast ließ keine Zeit, an mich zu denken. O, Du hast das Volk mir anvertraut wie eine Braut, für die ich stets zu sorgen hätte.“
„Eben dieser Treue wegen“, spricht Gott gütig, „sollst du an dich denken, wenn du Jericho bezwungen hast.“ „Herr, Heiliger, Vater, wunderbarer Gott!“ Mehr bringt Josua nicht heraus. „Schon gut, Mein Sohn; die Seele ist mit dir gesegnet.“ — Durch die dichtgedrängten Menschen wandelt Gottes Schein. —
Kahathaels Weib Isora und eine feine Jüdin dienten Josua. Aus dem Zelte kommend, geht er auf die Jüdin zu und sagt: „Begiana, Gott hat uns erhört. Die Stunde ist sehr nah.“ Einige hören das, und es ist eitel Freude, die man Josua von Herzen gönnt. Zu Isora sagt er laut: „Du hast vor Mose‘s Tod als Priesterin des Lichts gehandelt, darum sollst du bei der Bundeslade gehen, neben Eleasar her. Für alle unsere Frauen sollst du an der rechten bleiben, für alle Kinder Begiana an der linken.“ Da herrscht großer Jubel, besonders bei den Frauen. —
Die Nacht entflieht. Ein Stern steht tief im Westen, wohin des Volkes Straße führt. Wer atmet da nicht dankbar auf? Wohl schwankt mancher Wagen, wohl weint manches Kind; mancher Alte, der die Tiere schont, schleppt sich dahin. Aber wie zu Mose‘s letzter Zeit ist man ein einig Volk. Es wird gestützt, getragen und geschoben. Zur Mittagszeit gelangt man an den Fluß.
Josua hebt Nu-Anims Stab empor, senkt des Schwertes Spitze auf die Flut. „Herr Gott, unsrer Väter und auch unser guter Vater! Du hast Dein Wort erfüllt und dieses Volk zurückgeführt ins Land, das ihm aus Abraham zu eigen wurde. Nun hilf weiterhin, auf daß Dein Name, Dein Gesetz, durch alle Lande gehe. Lasse uns und alle, die noch nach uns kommen, dieser Stunde immerdar gedenken in Anbetung und Lob und Preis, zu Deines Namens Herrlichkeit!“ O ja; auch hier kann gelten:
‚Hab Lob und Ehre, Preis und Dank
für die bisherige Treue,
die Du, o Gott, mir lebenslang
bewiesen täglich neue.
In mein Gedächtnis schreib‘ ich an,
der Herr hat Großes mir getan,
bis hierher mir geholfen!‘ [VH57]
Der Jordan hat viel Wasser. Ein Alter sagt: „Ich bin mit durchs Rote Meer gegangen, und es stand still, wie Mauern aus Gestein. So wird auch hier der Herr die Wassermauer bauen!“ Eljasaph, der dies gerade hört, sagt ernst: „Das ist wahrer Glaube! Dank dir, lieber Greis.“ „Nichts zu danken“, erwidert dieser, „Was in meinem Herzen fest verwurzelt ist, kann mir keiner nehmen. Das Festeste davon ist Gottes Gnade.“ Da wird manches Auge feucht.
Kaum berührt das Schwert das Wasser, staut sich oberhalb am Knick die Flut. Treibt ein starker Wind sie nordwärts? Benutzt der Herr den Wind, um Seine große Herrlichkeit zu offenbaren? Schon treten Josua, Hur und Kahathael auf des Flusses Grund, die Füße nur umkost vom leichten Wellenschlag. Man sieht, daß Kahathael eine gute Furt gefunden hat.
Inmitten, wo sich die Furt verbreitert, bleiben Josua und die Priester mit der Bundeslade stehen, wartend, bis das Volk vorüber ist. Geneigten Hauptes grüßt man Gottes Schrein. Drüben sammelt man sich rasch. Es war untersagt, zu jubeln und zu schreien; aber Dank und Freude lassen Gottes Lob bis in den Himmel hallen. Dem ist nicht abzuwehren.
Zwölf Edle tragen zwölf große Steine zur Bundeslade hin. Josua errichtet damit in des Jordans Mitte einen Bau, dessen oberste vier Steine später auch aus hohem Wasserspiegel ragen. In religiösem Ritual wird das Heiligtum dem Fluß enthoben und zum nächsten Hügel hingebracht. Eleasar hält dort einen Gottesdienst; und wer kann, der beugt sein Knie.
Abseits Jericho wird gelagert. Noch denkt niemand an die Zelte, nur die Frauen richten Speise zu. Man drängt zum Platze Josuas; da steht EINER mit einem Schwert (Flamberg), wie man niemals sah. Und es geht von Mund zu Mund: „Gottes Engel.“ „Also doch; Ich sagte es ja immer; Hinterher ist leicht reden.“ „Noch vor Tagen habt ihr Josua verletzt“, sagt Pagiel, der die Rederei belauscht. „Nun erkennet, wie der Herr mit Seiner Gnade bei ihm ist.“ —
Die Posaunen dröhnen in die Stadt. Wie Stöße erschüttert es die Häuser — und die Leute. Man ruft die Götzen an; die Menge kriecht in ihre Winkel. Selbst der König, Mut und Stärke heuchelnd, rauft sich heimlich seinen Bart. Noch wacht man auf der Mauer, noch feuert man sich gegenseitig an. Wie lang — —
Ein Hauptmann sagt: „Die Stadt ist nicht zu halten, die Obermacht ist viel zu groß.“ Wütend rennt der König seinen Speer ihm in den Leib. Lautlos sinkt der Tapfere zu Boden. Schon mehrere der Besten sind gemordet worden. — — Der siebente Posaunenstoß verklingt, zum siebenten Male ist die Stadt umschritten. Jetzt hebt der Lichtfürst seine Waffe.
Ohne Wissen Josuas hat Kahathael sich bei Rahab hochgezogen. Ehe er es sich versieht, schwingt sich ein Zweiter nach: Sanhus. Der Jüngling lächelt seines Vaters Sorge um ihn fort: „Wo Gottes Engel hilft, da hilft der Herr!“ Rahab hatte sie bemerkt. „Kommt“, winkt sie, „unsere Männer zeigen euch den Weg. Ihr öffnet zwar von innen eins der Tore; aber die Posaunen Gottes haben Jericho bezwungen und den Mut der Stadt zerstört.“ Rahab zögert. „O seid barmherzig mit den Menschen!“
„Das wollen wir“, erwidert Kahathael. „Blut wird wohl auf beiden Seiten fließen. Bevor die Sonne sinkt, muß Jericho bezwungen sein. Vorwärts!“ Rahabs Sippe hatte allerlei Gewänder vorbereitet, wenn sie fliehen müßten. Nun hüllt man Kahathael in ein Kriegsgewand der Kanaaniter, desgleichen einen Bruder Rahabs. Sanhus bleibt, um das Haus vor eigenen Kämpfern zu bewahren. Nicht jeder kann vom roten Schonezeichen etwas wissen.
Man wirft Fackeln auf die Israelen, Pfeile schwirren hin und her, Leitern werden angelehnt und wieder umgestoßen, mancher Schrei von Schmerz und Tod gellt auf — und Kampfgetöse. Der Ritterengel steht am ersten Tor, dem breitesten und festesten, winkt Josua und einen Trupp der Tapfersten herzu: „Kommt, bald öffnet sich das Tor. Rennt die Öffnenden nicht nieder; einer ist vom Hause Rahabs, der andere ist Kahathael.“
„Kahathael — ?“ Josua und mehrere sehen sich verwundert an. Im Kampfgewühl, in dem Qualm der Fackeln und den ersten Abendschatten konnte man nicht jeden einzelnen beachten. Nun erst merkt man, daß er fehlt, ebenso der junge Sanhus, die beide sonst von Josua nicht abgewichen waren.
„Sanhus ist mit drin“, sagt der Lichtfürst lächelnd. Wie ging das zu? Zur Antwort gibt es keine Zeit. Die schweren Riegel knirschen leise. Da gibt‘s einige Vernünftige, die ihres Königs fortgesetzte Blutschuld von ihm trieb und nun beide Männer decken. „Geht hinters Tor“, wispert Kahathael, „auf daß euch nicht die ersten Stürmer überrennen.“ „Und du?“ fragt einer. „Ich?“ Ein kurzes Sichbesinnen. „Notfalls sterbe ich für euch; denn ihr seid besser als die andern auf der Mauer.“ „Ich bleibe neben dir“, sagt Rahabs Bruder. — Das Tor schwingt auf. —
Inmitten steht der Engel Gottes, dichtauf Josua, die Obersten und Krieger. Schon lohen Brände. Keiner könnte sagen, wer den ersten warf, ob durch Fackeln, einer sterbenden Hand entfallen, ob von Feuerpfeilen, ziellos abgeschossen. Wehklagen überall. „Ich vergesse es dir nie“, sagt Josua zu Kahathael, „du hast geholfen, das Ärgste von uns abzuwenden.“
Mauern brechen; und der Mut der Jerichoer, mühsam aufgepeitscht, bricht mit zusammen, zugedeckt von Schutt und Brand. Josua stürmt vor: „Löschen!“ Er stürzt ins nächste Haus, um daraus Jammernde zu bergen. Doch man findet nicht gleich Wasser, auch ist zu wenig in der Stadt.
Trotz Gott-Gebot (S. 175, 7) und wie Josua es vor dem Angriff allen Kriegern anbefahl, läßt sich weder Brand noch Blutvergießen ganz vermeiden. Denn, noch wehrt sich mancher Mann, werfen Weiber Steine auf die Stürmer. Der armen Stadt ist nicht zu helfen. Zwei kleinere Bezirke, darunter jener, in welchem Rahabs Sippe wohnt, sind noch vor dem Brand zu retten.
Man wird des Feuers endlich Herr, findet auch den König unter seines Hauses Schutt, trägt im Schein von Fackeln die Verwundeten zusammen: Freund und Feind. Die Toten schafft man vor die Tore. Für den Rest der Nacht sind Wachen eingesetzt, und manch Kanaaniter meldet sich freiwillig.
Grauer Dunst liegt über Jericho, hie und da steigt noch ein Rauch von Bränden auf, erklingen Klagen verlassener Frauen, verlorener Kinder, verstümmelter Männer, im dumpfen Schmerz inmitten ihrer Wüstenei. Mancher Edle kann das Grauen kaum noch sehen. Wohl — in den eigenen Reihen hört man auch die Frauen jammern, deren Männer, Brüder oder Söhne umgekommen sind, oder jetzt, verwundet, auf den Schmerzenslagern liegen.
Am nächsten Morgen sucht man vergeblich nach dem Engel. Nach dem er groß im Schein des ersten Brandes vor den Israelen stand, war er nun enteilt. Die Not, auf Josua eingestürmt, ließ ihn nicht mehr auf ihn achten. „Es ist gut“, sagt er zu einigen, „er hat sein Teil getan; jetzt laßt auch uns das unsere tun.“ Willig folgt man jeder seiner Anordnungen.
Er richtet die Gefangenen. Haus für Haus, Ruine um Ruine wird durchsucht. Möglichst läßt er die Familien zusammenbringen. Diese Tat rührt manches Feindes Herz, daß sie weinend sagen: „Hätten wir gewußt, wie ihr handeln würdet —“ Nur sind nicht immer gute Worte angebracht.
„Für die Kinder brauchst du nicht zu sorgen.“ Eine wohlbekannte helle Stimme. „Begiana! Du sollst im Lager bleiben; hier bist du in Gefahr!“ Josua wischt sich den Schweiß von Stirn und Nacken. Er ist erschöpft, gönnt sich aber keine Ruhe, obwohl die Fürsten ihn entlasten. Da steht Isora auch vor ihm und sagt:
„Wir, die mit der Bundeslade gehen durften, erfüllen dafür unsre Pflicht, die der Höchste heischt. Am Lager warten Frauen, von uns aufgefordert. Gib uns die Waisen und die kranken Frauen mit. Hat GOTT den Sieg verliehen, so wollen wir — wie ER an uns — Erbarmung üben.“ Vor solchem Edelmut der kühnen Frau neigen sich sogar die Priester. —
Ein schwer Gefesselter wird vorgeführt. Hauptmann Jeroboas, der ihn fing, meldet: „Er ist der Scherge Nisrochs. Seine üblen Taten mußt du selbst erfragen, Josua. Um ihn herum lagen mehr als zwanzig von den Unseren. Ich kann nicht sagen, wie sie liegen. Bis an mein Lebensende werde Ich das nie vergessen.“ Jeroboas fährt sich über sein Gesicht.
Josua befiehlt: „Führ‘ mich hin!“ „Herr“, fleht der Hauptmann ernst, „bitte, gehe nicht! Laß mich und einige Beherzte eine Grube graben, in die wir die — die Reste senken können.“ Josua erbleicht ob des Berichtes. Doch bevor er urteilt, muß er des Verbrechers Übeltaten sehen. Fürst Pagiel nimmt er als Zeuge mit. — Josua sinkt auf einen blutbefleckten Stein. „Oh — du hattest recht! Grabe eine Grube; nimm weißes Linnen, lege das hinein, was — von ihnen übrig ist. Erforsche, wer noch fehlt. Das sind dann unsere Vermißten.“ Pagiel ruft andere Wachen her, die den Gefangenen zum Richtplatz bringen müssen.
Beide Fürsten sehen grauverfallen aus. „Fragt mich nicht“, sagt Josua zu denen, die mit richten helfen. „Aber du!“ Zorn schüttelt ihn, „du sollst mir Rede stehen; und dies eine Mal soll keine Gnade walten! Für deine Untat müßte Jericho ganz ausgerottet werden mit Mann und Weib und Kind!“
Es wird verraten: der Gefangene ist der Oberpriester Kanaans. Er opfert Menschen, verwaltet auch die Tempelschätze. Josua fällt ein Todesurteil, das einzige. Schwermütig stützt er abends seine Stirn in beide Hände. „O Herr, Herr! Das viele Leid, Elend, Tränen und die — Toten — — Ich wollte doch Dein Wort bewahren — und klage an! Aber wen? Mich selbst? die Feinde? unsre Krieger, die im Blutrausch Deine ‚Gottparole‘ nicht beachtet haben? Ach, kann Israel gesegnet werden, wenn der erste Schritt im Land von Jammer, Feuersbrunst und Tod begleitet ist? — ?“
Erschöpft schläft er ein. Begiana, nach ihm sehend, deckt ihn zu. „Du hast keine Schuld“, murmelt sie und berichtet Ithamar, was sie hörte. Dieser geht ins Zelt, Josua liegt auf seinen Fellen, das Gesicht verklärt. ‚Nun weiß ich, wo du bist‘, sinnt Ithamar. ‚Der Herr entlastet dich. Dank, Dank, o heiligguter Vater-Gott!‘ Beide Hände hebt der Priester hoch.
„Für den Sieg zu danken, ist verfehlt; der kann Dir keine Freude machen. Die Welt geht ihren Jammerweg, von dem Kindfall über alle Leidstationen bis ans Ende, das Deine Schöpferhände weben. Und am Ende wird man sehen, warum auf dieser Weltenstraße gar so Arges, so viel Not geschieht.“
„Und viele Sünden, die nicht nötig wären!“ spricht Gott neben Ithamar. „Wird es auf dem Jammerwege ausgeglichen, so tut das Meine Gnade! Deine Frage, MIR gestellt, weshalb die Guten mit betroffen werden, löse dir aus deinem Geist. Die in Schmerzen sterben, haben ihren Beihilfweg vollbracht; und der Schmerz, Mein Sohn, ist eine Perle ihrer Krone.
Die andern, die mit ihren Sünden in die Grube fallen, nehme ICH hinweg — auch aus Gnade!, um sie ihren Lastern zu entreißen. Einmal einen Weltweg hinter sich gebracht, gibt es kein Zurück zu Satan und den Teufeln. In der Hölle der Verlorenen, wie ihr jene Stätte nennt, wo die bösen Abgeschiedenen ihr ‚Harmagedon‘ durchzumachen haben, da gibt es keine Möglichkeit zu sündigen wie auf dieser oder einer anderen Welt.
Auch das tut Meine Gnade. In ihrem Harmagedon sind die Schulden der Materie abzutragen. Kann ihnen anders die Erlösung werden? Du weißt, Mein Priester auf der Welt: Ich kenne keinen anderen Willen für die Abgestürzten, als sie hochzubringen, zu befreien, als alle zu erlösen!
Sage das den Brüdern (Priestern). Wer es aufnimmt, hat es wie von MIR empfangen. Bringt die Feinde gut zu Grabe; nur den Missetäter werfet in ein Loch. Denke nicht, das wäre keine Feindesliebe, oft genug von Mir gepredigt. Das gehört zum Harmagedon dieses Asmodi‘s. Da ziehen die von ihm Gemordeten unentwegt an ihm vorbei, auch die bereits Erlösten.
Diese bringen für den Mörder gern den Samen des Gebetes vor Mein Angesicht. Das sei euch ein Zeichen, wie ihr handeln sollt.“ „Und Josua?“ bittet Ithamar, „was ist für ihn zu tun?“ „Siehe, wie sein Antlitz strahlt! Beweis genug, daß sein Geist im Empyreum weilt. Er hört uns sogar zu. Aber gern nimmt er von dir entgegen, was Ich jetzt zu dir geredet habe.“
O diese Freude, diese Seligkeit! Kaum zu fassen, daß nahebei ein Trümmerfeld vom Kriege zeugt, der noch nicht beendet ist. „Ach, so wohnen auf der Erde Licht und Finsternis beisammen, daß man beides schier gemeinsam tragen muß. Herr Gott, hilf, daß das Licht die Oberhand behält!“ —
Der neue Tag bringt neue Last. Hur kommt früh, während Josua sich eben wäscht. Schon gewöhnt, fragt er nach der Unglücksmär. Hur sagt zögernd: „Ich hatte gestern noch die Fürsten in mein Zelt bestellt und wartete bis über Mitternacht, weil schließlich nicht ein jeder gleich zu finden war. Sie kamen alle — bis auf einen.“ „Wer?“ fragt Josua erregt. Er hatte Pagiel und Eljasaph, an denen er am meisten hängt, nicht mehr gesehen.
„Elisama.“ Verständlich, daß Josua erleichtert ist. Doch er ruft sich gleich zur Ordnung: ‚Jeder muß mir wertvoll sein.‘ Hur merkt und billigt diesen Kampf zwischen Pflicht und Liebe. „Man muß ihn suchen; ich werde . . .“ „. . . wirst dich nicht daran beteiligen“, fällt Hur ihm in die Rede. „Die Oberen, schon unterrichtet, warten vor dem Zelt. Die schweren Sorgen für das Lager und die Unglücksstadt — nein, du brauchst wirklich deine Ruhe!“ „Ihr nicht minder“, will Josua widersprechen. „Schön, teilen wir uns in die Ruhe“, wagt Hur zu scherzen.
Ein gequältes Lächeln: „O Freund, du hast deine Treue auf mich übertragen und . . .“ „. . . Pflicht und Liebe, die du in allen Punkten übst.“ Hur ruft die Obersten herein und Josua ordnet an, wer die Suche aufzunehmen hat. „Weiß jemand, wo Kahathael ist?“ Der Älteste Chargo meldet:
„Er trug mir auf, mitzuteilen, er suche Elisama. Sanhus, mehrere Pfadfinder und eine Hundertschaft schlossen sich ihm an.“ „Viel zu wenig“, eifert Josua. „Dem Hinterland ist nicht zu trauen. Was richten hundert Krieger aus? Wohin hat er sich gewendet?“ „Irgendwo dem Jordan zu. Das heißt, Isora hatte einen Traum und zeigte ihm den Weg.“
„Ach!“ Jeder atmet auf. „Dann ist‘s gut. Bitte Jeroboas, er möge mit zwei Hundertschaften Kahathael folgen. Abeldan, hole Jeroboes erste Wache (vier Mann), ich habe ihnen etwas zu befehlen. Von euch andern suchen zwanzig mit Begleitern noch in Jericho die letzten Leute. Bringt sie in die Siechenzelte, auch wer nicht verwundet ist. Aufgefundene Schätze bringt zu mir. Den Lebenden darf nichts weggenommen werden. Wir bauen Jericho nicht wieder auf, wie wir es als Götzenstadt gefunden haben. Ben-Jamins Älteste sollen später dessen Hüter sein.
Morgen ist unser erster Ruhetag, wenn — man Elisama findet. Da wird“, Josuas Wangen röten sich, „mir Begiana angetraut. Bin zwar alt“, lacht er verlegen, „doch der Herr hat sie mir zugesagt.“ Man wünscht Josua alles Gute. ‚Sein — nein, Gottes Volk hat viele gute Seelen‘, denkt er hocherfreut.
Jeroboas Leute treten ein. Man sieht den rauhen Kriegern noch das Grauen an, das sie tags zuvor erlebten. Josua bittet — er befiehlt es nicht —‚ über die Vermißten Schweigen zu bewahren. „Herr“, sagt einer, „niemals können meine Lippen davon reden!“ „Wir gleichfalls nicht“, beteuern die drei andern. „Brav!“ dankt Josua. „Für eure Treue werdet ihr belohnt.
Echte Treue ist mit keinem Weltding zu bezahlen; auch sollt ihr unter Jeroboas bleiben, der am ‚Tag des Dankes‘, den ich stiften werde, zum Obersten des Heeres ausgerufen werden wird. Er weiß noch nichts und . . .“ „Unbesorgt“, fällt der Erste ein, „er soll von dir die Ehre haben.“ „Ihr sollt auch am gleichen Tage eueren Lohn empfangen.“ Josua ernennt sie bei dem Fest des Dankes zu Hauptleuten je einer Hundertschaft. —
Nieder sinkt die Nacht. Durch Jerichos Trümmer strolchen wilde Hunde; hie und da ein Heulen; irgendwo ein müdes Flämmchen; leises Weinen. Kahathael ist noch nicht zurück. Am Himmel steht ein großer Mond, man kann weithin sehen. Mose‘s alte Mohren galoppieren hin und her. Eben sind sie wieder draußen. „Da — !“ ruft einer. „Bleibe hier“, sagt er zum Genossen. Er stiebt vor, und zurück — dem Lager zu, zu Josua.
„Herr“, ruft er ins Zelt hinein, „sie kommen!“ Man schwingt sich auf bereitgestellte Pferde und rast dem Zug entgegen. Nicht weit ab vom Lager trifft man aufeinander. Als man Josua gewahrt, springt man aus den Sätteln. „Gab es Kampf? Habt ihr Verwundete oder — oder Tote?“ fragt Hur hastig.
„Ein kleiner Kampf mit Räubern, die uns seit langem folgen. Unter ihnen fanden wir hm“, Jeroboas räuspert sich, „— fanden wir Fürst Elisama, gefesselt, und dreißig, von ihm angeführt.“ „Wo?“ forscht Josua. „Am Jordanknick. Gerade sollten sie erledigt werden. Einer war schon in die Flut gestoßen worden und nicht mehr zu retten, obwohl wir es versuchten.“
Elisama liegt auf einer Bahre; einige können gehen, teils hocken sie verkrümmt im Sattel. Über hundert Räuber führt man mit. Josua tritt an die Bahre. „Wir helfen dir, Elisama“, sagt er so ruhig als er kann, auch zu den eigenen Rebellen. Da wissen sie: Bloß bei Josua ist die Heimat ihres Volkes. Ihr stiller Schwur ist stärker als ein lautes Wort.
Abseits der Gruppe meldet Kahathael: „Ich ging dem Wege nach, den mir Isora zeigen durfte. Eine frische Fährte zeigte an, daß sie von den Unseren stammte. Es wunderte uns sehr, daß dem Fürsten bloß so wenige folgten. Was wollte er mit dreißig Männern unternehmen? Wir konnten Elisama nicht vernehmen; er ist zu schwach, man hatte ihn geschlagen.
Einer sagte aus, Elisama wollte links des Jordans, doch der Regen hatte unsern Weg verwischt; sie kamen zu weit nordwärts ab. Dann zum Knick gekommen, wollten sie am Ufer wieder südwärts gehen. Es war ihr Ziel, sich mit andern Stämmen zu vereinen, um . . .“ „gegen Israel zu kämpfen?“ Elizur ist erbost. All die vielen Stänkereien gegen Josua und jene, die ihn nach Mose als den besten, zu dem von Gott erwählten Obersten erkannten, hatte ihn gewurmt. Im Augenblick haßt er Elisama.
„Das auch“, bestätigt Kahathael. „Elisama wollte später selber die Regierung übernehmen.“ Nathanael lacht verächtlich: „Ha, die Heiden hätten uns beherrscht!“ „Er versuchte auch, die Räuber zu gewinnen. Die lachten nur, ‚wir würden baldigst aufgerieben, ganz Kanaan wolle das; sie warteten eben nur die bessere Gelegenheit zur Niederwerfung ab.‘
Vertrauensselig hatte Elisama viel verraten. Nachdem die Räuber alles wußten, wurden er und seine dreißig Leute überwältigt. Es war gut, als die uns nachgesandten Krieger auf uns trafen. Keiner von der Räuberbande ist entkommen, und so ließ sich der Verrat nicht weitertragen.“
„Eine wackere Tat“, lobt Selumiel. Kahathael wehrt: „Ohne Gottes Hinweis durch mein liebes Weib hätten wir sie kaum gefunden. Wer ahnte es, daß sie zur Wüste gingen?“ „Auch ein Gotteszeichen“, sagt Abida. „Ihre Seelenwüste kündete ihren Weg. Daher wollen wir uns merken: Mit Gott im Lande Gottes, innerlich und äußerlich; ohne Gott in weiter Wüstenei.“
„Ich fordere ein Gericht“, sagt Pagiel. „Willst du, Josua, es nicht und ich würde das verstehen —‚ dann tritt der Fürstenrat zusammen.“ „Wir werden sehen.“ Josua gibt das Aufbruchszeichen und reitet neben Elisama her. Der schließt die Augen, aus Erschöpfung bis zur Ohnmacht, vor allem vor dem warmen Blick, der Verzeihung spendet. O — hätte er — —
— — — —
Jahre voller Mühsal sind vergangen. In alle Last hinein der große Sieg über die fünf Könige der Amoriter (K. 10). Die Sonne schien den Israelen ins Gesicht. Um Blutvergießen einzudämmen, befahl Josua der Sonne, stillzustehen. Er wußte wohl: sie hielt auf ihrer Bahn nicht inne; doch Wolken zogen plötzlich auf und überschatteten das Kampfgelände.
Weiter — Die Zornigen verlangten, den Königen auf ihren Hals zu treten. Dagegen Josua: „Nicht darauf, sondern auf den Beutel, der mit Lüge und Betrug erworben ward. Das sei der Hals, um Schlimmeres zu unterbinden.“ Man gehorchte widerwillig, verlangte aber, alle Stämme auszurotten (K. 11). Mit Gebet und Flehen vor dem Herrn hielt Josua das Volk im Zügel. Manch einen Oberen mußte er bestrafen, der der Überzeugung war, mit Gewalt wäre über Kanaan die Herrschaft zu erringen.
„Ihr Törichten“, hatte er gesagt, „was würde dann aus euch, wenn der HERR euch stets ein strenger Richter wäre? ohne Nachsicht, ohne Gnade?“ Der hochbetagte Eleasar, Ithamar, Hurs Sohn, Enkel und noch viele standen hinter ihm. Er hatte Gott gelobt, bis ihm die Tränen auf die Hände tropften.
Zwanzig Jahre waren sie im Land, vollgerüttelt an Arbeit und an Fehden, auch gegen Rebellion im eigenen Nest. Der Lasten war nicht weniger, wie Mose trug. Bloß stand dieser oft allein im Angesicht des Herrn, des Volkes Bürde auf sich nehmend; Aaron stand nicht immer hinter jenem. — Und nun — —
„Herr, vor dreißig Jahren übernahm ich mit das Volk. Vor Deinen Augen wiegt mein Fehl bedeutend mehr als mein gerechtes Tun; doch vor Deiner Gnade — ? Wiege bitte beides aus! Israel, nun breit und fett geworden, bläht sich unzufrieden auf, es fehle ihm ein Richter, der zwischen dem, was ich nach Deinem Willen tue und des Volkes Handeln richten solle.
Neben Mose stand mein Vater, vor Deinem Angesichte ein Gerechter. Gib, da mein Leben sich zur Erde neigt, einen treuen Richter, der Deinen Weißen Stab in Ehren hält, so daß ich — wo noch nötig das Schwert des Patriarchen tragen kann, jenes heilige Symbol Deiner allgerechten Zucht. Hilf mir, o mein Gott und Herr, und erhalte mir den Pfad, daß ich nimmer wanke oder weiche und bei Deines Namens Ehre bleibe.“
„Gut gesprochen, Josua, ein Samen, der in deines Herzens Acker fällt.“ O die heiligliebe Stimme! Gott steht neben Josua. „Ich bin gekommen, dir zu zeigen, daß Ich mit dir bin. In der Welt herrscht Not und Angst, Sünde und Verderben. Würde Ich das alles ohne Gnade wiegen, da wären Not und Angst kaum anzurechnen. So aber — ? Weißt du denn, wieviel an Gnade in Mir wohnt?“ „Herr!“ Mehr entsetzt als verwundert klingt die Anrufung.
„Du wagst es nicht zu sagen, willst lieber mit der Gnade statt mit Mir, dem Schöpfer, rechnen. Ich sage dir, Mein Sohn: In Meinem Schöpfertum liegt Meine Gnade, Ausfluß Meiner Schöpfergüte, jener erste Pfeiler vor der Hütte, allen Meinen Kindern als getreue Obhut hergestellt. Langmut und Sanftmut sind die dritte und die vierte Ecke. Allein — niemand wähne, daß zwischen den vier Pfeilern keine Abrechnung erfolgt. Gerade da! Mit Meiner Schöpferherrlichkeit geht Mein Erbarmen Hand in Hand.
Wer Erbarmen braucht, muß sich der Schöpferhoheit beugen; denn der SCHÖPFER legt das Kind dem Vater in den Arm! Erst besehe Ich die Fehler samt euerem gerechten Tun; dann befehle Ich euch Meiner Priestergnade an, die erzieht und nicht nur streichelt. Du hast des Dienstes Last gespürt. Allein, deine manchmal harte Hand war Meine Hand, o Josua. Sei getrost, dein Fehl und dein gerechtes Tun sind aufgewogen worden. Du sollst ein Zeichen haben. Merke auf: Je zwölf Fürsten, Priester, Älteste, ebenso je zwölf Männer aus den Stämmen sollen einen Richter wählen.
Ja, das Volk sitzt breit und fett auf seinen Pfründen, die nicht ihr gegründet habt. Ist das Land nicht groß genug, daß jene, unter Abraham einst friedlich lebend, davon auch mit leben könnten? Gibt ein Manasser Regen, ein Gaditer Wind, ein Rubeniter Sonne? — ? Oder tue Ich‘s allein?!“ „Du allein!“ jauchzt Josua.
„Du hast Meine Anweisungen in des Lichtes Sprache, die die Welt kaum kennt, gehört; und du hast — so gut es ging — das Heidenwesen ausgerottet, oder jene fortgejagt, die gar nicht friedlich hausen wollten. Jetzt kommt es nur noch darauf an, was ihr Leute aus dem Lande macht: eine Hütte Meines Friedens, — eine Stätte voller Haß und Streit.
Besiegte zu verjagen und zu morden, ist die Spreu vom Abfall der Materie. Sie zu erziehen, wie Ich ein Kind erziehe, umzuwenden, wie Ich Abgeirrte zu Mir wende, Huld und Langmut zu gewähren, wie Ich dem Abfall Huld und Langmut aufgeopfert habe und noch opfern werde bis zum letzten Siegelwort (Es ist vollbracht!), das, Josua, muß Israel erst lernen.
Die Heiden, die euch nichts genommen haben, sollen ausgerottet werden; aber ihre Bräuche führt man ein. Man will auch kein Gelübde halten, Meine strenge, gute Zucht nicht anerkennen. So taumelt man ins selbstgegrabene Grab! Wo bleibt der Dank ob aller Gnade? Müßte man nicht friedlich handeln, gleichwie Ich mit euch gehandelt habe?
Doch für alle, teils aus armer Tiefe kommend, teils die Bürde eines Beihilfweges tragend, steht die Gnade als gerechter Richter da:
Mein Recht als ewiger Erbarmer!
Weißt du, was die hohe Wechselwirkung mit sich bringt?“ „Nein, es ist nur zu ahnen.“ „Sprich die Ahnung aus“, sagt Gott sehr freundlich. Josua drückt sein Gesicht in Gottes Kleid.
„O Vater, Du hast zwei heilsgewohnte Hände. In der rechten liegt das Recht, in der linken Deine Gnade. Bei jeder Tat — auch Dein Wort ist eine solche — fügst Du beide ineinander, schaffst mit beiden Händen gleich. Bei uns Menschen, weil wir keine Schöpfer sind, ist allgemein die linke mehr die Beihilfshand, die rechte, die ein Werk vollbringt. Doch bei Dir ist alles heilig und vollkommen. Du legst die Gnade in das Recht für Deine Himmelskinder, das Recht in Deine Gnade für die armen Hingestürzten. Ob es ungefähr so stimmt?“ fragt Josua verhalten.
„Nicht nur ungefähr. Deine Ahnung, aus der Seele kommend, ist das Wissen deines Geistes. Er ließ es in die Seele fließen, und sie muß es dann verwerten. Deshalb kommt erst manches wie verdunkelt oder ungenau heraus. Der Sinn tritt rein zu Tage, wenn die Seele sich dem Geiste anvermählen läßt.
Du willst einen Richter. Meinst du, daß es nötig ist, um dich vor Meinen Augen zu entlasten?“ „Nein, Herr, des bedarf es nicht. Muß sich aber Israel vor einem Richter beugen, so könnte wohl sein Weg in Deinem Licht erhalten werden. Aus Deinem Gnadenrecht erbat ich mir den Richter.“
„Gut! Wundere dich aber nicht, wen Meine Wahl betrifft, zumal in Hinsicht der Erkenntnis von des Patriarchen Waffe. Es ist noch ein Symbol des Himmelsschwertes: es kann schlagen und beschützen. Rührt dieses Schwert die toten Seelen an durch einen Schlag, so fällt von ihnen ihre Todesstarre ab; und ihr Weg, zwar langsam, führt zurück ins Lebenslicht.
Bereite nun die Wahl; nenne aber keinen Namen, den du als Richter wünschst. Das sei den andern überlassen.“ Ein Lächeln voller Güte glänzt in Gottes Blick. Josuas Dank folgt dem Schöpfer-Vater nach wie ein langer Feuerstrahl (Dan. 7, 10).
Das Rathaus füllt sich voller Männer. Es ist in Silo, wo man die Gotteshütte wieder so, wie Mose sie gebaut, aufs neue aufgerichtet hatte. Josua weilt in ihr, um den Wählern freien Mund und freies Ohr zu lassen. Ein Ältester sagt: „Ich bin nicht dagegen, daß je zwölf Geachtete des Volkes wählen sollen. Allein, der Herr gab Zehn Gebote; so meine ich, man müßte das Gesetz des Herrn auch hier zur Richtschnur nehmen.“ Es setzt ein Für und Wider ein, getragen von dem Ernst der Stunde. Ithamar als Vorsitzender der Priestergruppe hält dagegen:
„Schon recht, Jaddua, wenn du nur an Gottes Offenbarung auf dem Horeb denkst. Ich erinnere jedoch an die Gebote, die Gott weiterhin dem Volk zu wissen gab. Wer weiß noch, wie sie lauten?“ Der feine Priester fragt absichtlich, dem gegenüber man sich nicht als Kinder fühlt, wenn man eine Antwort gibt. Chol-Hosar, ein Mann der zwölf aus Isaschar, erwidert:
„Israel hat Gottes Zehn Gebote oft vergessen. Mose faßte sie in Gottes Auftrag in die zwei Gebote:
‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (3. 19, 18)
Du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen. (5. 6, 5)
Wer das hält, der hält das ganze heilige Gesetz.“
„Woher weißt du das so wörtlich?“ fragt ein Ältester. Chol-Hosar bekennt bedächtig: „Ich führe gern Gespräche mit dem Oberpriester Ithamar. Ich bin ein Brunnenbauer, wie ihr wißt. Das kann auch vom Himmel sein, weil ‚Gottes Brunnen‘ uns belebt. Man muß seiner Seele einen Brunnen bauen, woraus sie allezeit von Gottes Licht und Leben die Erkenntnis schöpft.“
Manch Hoher ist beschämt. Ithamar gibt dem Wackeren die Hand. Das gilt mehr als irgendwelche Worte. Selumiel, jetzt der Älteste vom alten Fürstenstamm, hat den Vorsitz dieser Wahl. Als ersten Punkt fragt er, wer Richter werden soll, wie Josua beantragt hat. Selber sagt er überzeugt:
„An sich wäre dies nicht nötig. Josua hat immerdar im Sinn des Herrn gehandelt, soweit jemand es vermag. Doch ich billige seine Bitte. Damit Israel, durch des Volkes Männer, ungehindert wählen kann, unbeeindruckt von uns Oberen, sei ihnen erst der Vorschlag oder eine Wahl zu überlassen.“ Man stimmt Selumiel gern zu. Gleich brückt Ithamar:
„Chol-Hosar mag als Erster sprechen; seid gewiß, ich habe vorher nichts mit ihm beredet.“ „Deine Ehre ist nicht anzutasten“, ruft Hur Hadad aus, der Sohn des alten Hur. Der Brunnenbauer, sonst ein schlichter Mann, erhebt sich würdig: „Oberste und Väter Israels, es wundere euch nicht, wenn ich jenen nenne, der für Israel allein in Frage kommen kann. Wer hat uns bisher gut gerichtet, wie des Mannes Vater tat? Ich war noch jung, weiß jedoch, wie der Unbestechliche, Nu-Anim, gerecht und gütig richtete.“ „Du meinst Josua?“ fragt ein Oberster. Ein festes „Ja!“
„Was sagt Selumiel dazu?“ fragt Kahathael klug, obwohl ihm selbst das ‚Ja‘ im Munde brennt. „Ich enthalte mich der Rede“, erwidert jener. „Man hört gern auf meinen Spruch. Wenn nötig, entscheidet dann die Mehrzahl oder unser Pur (Los).“ Fürst Pagiel, auch schon hochbetagt, steht auf:
„Freunde, ich hielt stets zu Josua; niemand kann lieber als ich selber wünschen, er werde unser öffentlicher Richter, wie er es auch ohne Wahl gewesen ist. Doch die Bürde ist zu groß. Aus Sorge, daß er uns aus Überlast zu früh verloren geht, darum schlage ich Hur Hadad vor.“
„Echte Freundschaft!“ lobt Nathanael. „Doch bedenke: Josua hat dreißig Jahre lang die Doppellast getragen. Wer kennt wie er das Volk und — Gottes Recht? Dieses beides auszuwiegen — ja, wer will das übernehmen? Aber wollen wir zuerst die Stämmebrüder hören; den Segen möge Oberpriester Ithamar erflehen.“ „Angenommen“, bestätigt Fürst Selumiel.
Alle hundertvierundvierzig Männer wählen Josua. Chol-Hosar fügt noch an: „Man sollte je fünf Stämmerichter und auch Unterrichter wählen. Letztere hätten nur die Kleinigkeiten beizuschlichten, die Stämmerichter das, wo zwei Parteien sich nicht einigen wollen. Und diesen blieben alle großen Dinge vorbehalten, so daß Josua als der ‚oberste Richter unseres Volkes‘ im Letztentscheid ein Urteil nur zu bilden und zu fällen brauchte, ohne sich erst das Parteigehader anzuhören. Wir blieben so in guter Hut, er dazu entlasteter, als er es bisher gewesen ist.“
„Das hat dir Gottes Geist gesagt!“ Selumiel umarmt Chol-Hosar. Und Pagiel schmunzelt: „Da sieht man es: die tiefe Brunnenweisheit wohnt bei uns.“ Der Ernst der Stunde ist gelockert. Selumiel läßt das etwas einsetzende Durcheinander zu, selber über diese Einheit hoch erfreut. Erst nach einer Weile ruft er zur Beratungsordnung wieder auf.
„Wer stimmt Chol-Hosar zu?“ Da ist kein Widerspruch. „Wollen wir die Stämmerichter wählen oder . . .“ „Nur mit Josua!“ ruft Sanhus, der der Fürst von Gad geworden war. Auch das wird angenommen. Selumiel verfügt: „Oberpriester Ithamar, Großfürst Ben Hur Hadad, Jaddua und Chol-Hosar holen Josua aus Gottes Hütte, jeweils ein Vertreter der vier Abordnungen, wie Gott anbefohlen hatte.“ Die Beauftragten machen sich gleich auf den Weg. —
Josua sieht kniend auf zum Feuer ARIEL. Sein ganzes Leben zieht an ihm vorbei: der Knabe in Ägypten; der Jüngling unter Mose; seine Anleitung in Gottes Lehre; in die Wissenschaften der Ägypter; in die Führung eines Volkes. Dann der Mann in schweren Kämpfen. „Nur mit und unter Deiner Segenshand, Herr Gott, Du ewige Allmächtigkeit!“ dankt er für seinen Weg.
Der Vorhang öffnet sich, die Männer treten ein. Ithamar sagt mit ernster Stimme: „Komme mit, Gottes und des Volkes guter Knecht, du sollst im Richthaus unsere Wahl erfahren. Vor Gottes ARIEL stelle ich die Bitte dir anheim, die Wahl des Volkes anzunehmen.“ Josua nickt freudestrahlend, ahnungslos, wen es betraf. Er hoffte stark auf Ben Hur Hadad.
„Du hast dich vor dem Herrn gebeugt“, sagt Ithamar, „demnach ist die Wahl gesegnet.“ Josua gibt den Männern freudig seine Hand: „Es sei!“ Aber mehr betroffen als erfreut, nimmt er im Richthaus seine Wahl entgegen. „Liebe Männer“, sagt er tief gerührt, „es war ein Richter zwischen mir und Israel zu wählen, niemals ich. Nie habe ich damit gerechnet; und die schwere Mühe —“ Dem Mund enteilt ein Seufzer. „Ich dachte . . .“
Selumiel hebt die Hand: „Du bleibst des Volkes Erster! Dich zu entlasten, haben wir auf Vorschlag unseres Brunnenbauers folgendes beschlossen.“ Er gibt die Verhandlung Josua bekannt. „Das war ein guter Rat“, bestätigt dieser. „Ich will mit euch die Stämmerichter wählen; die Entscheidung liegt in meiner Hand. Je ein Fürst, ein Priester, ein Ältester und zwei von unseren braven Männern sollen Stämmerichter sein.
Mir zur Seite sollen Ben Hur Hadad, Ithamar, Abeldan und Kahathael stehen, um gemeinsam unser Richterrecht zu führen.“ Es gibt kein Dawider. Freude, sogar lauter Jubel unter den betagten Männern füllt den Saal. Fürst Selumiel bittet dann um Ruhe, Ithamar will danken. Da legt sich feierlicher Friede auf die ganze Schar; und der Priester betet:
„Herr Gott, der Du uns und alle Menschenkinder mit Barmherzigkeit bedenkst, Dir sei in dieser Stunde Preis und Ehre dargebracht. Aber nicht nur dieses soll zu Deinem Throne steigen, nicht nur Lob und Preis und Dank und Anbetung, nein — wir wollen es geloben, Dir zu dienen, Dein Gesetz zu halten, Liebe üben gegen jedermann und in Deinem Recht zu wandeln.
Du bist der Ewig-Einzige, es gibt keinen Schöpfer außer Dir! Wie Du Selber von Dir zeugtest, so hast Du heute unser Volk zu einem Willen und zu einer Tat geeint. Du hast die Wahl gesegnet; denn es war die ‚Wahl des Himmels für das Licht‘! Josua, nach Deinem guten Knechte Mose uns gegeben, kam aus Deinem Lichte, um das Volk zum Himmel zu erheben.
Mose hat den Wüstenweg geebnet, Josua führte uns ins Kanaan der Erde, somit an die Pforte Deines Reichs. Herr, führe DU uns ein in Dein Gefilde; und Dein Wort sei allezeit die Leuchte unseres Weges. Preis, Ehre, Lob und Dank, Ehrfurcht, Liebe und die Anbetung seien Dir als das Gelübde unserer Herzen dargebracht!“
Wenn auch die eigentliche Richterzeit nach Josua begann, war er doch gewählt als
erster Richter Israels.
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