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Kap 1 – Schaubild eines Erdenweges. Etwas über das kostbare Rückbringegut

Schaubild eines Erdenweges. Etwas über das kostbare Rückbringegut

Eine nicht unbeträchtliche Zeit, die Karmatha manchen guten Fortschritt brachte, liegt hinter ihm. Er war dem Fürsten-Engel Zuriel-Helia stets gehorsam. Nun sehnt er sich, voran zu kommen, um jenes frei erwählte Ziel als Liebeopfer dem Vater darzubringen. Allein, noch ist er nicht reif, die Weisheitssphäre zu verlassen, es fehlt noch eine letzte starke Probe.

Zuriel geht mit Karmatha auf seine Sonne Zurania und daselbst auf einen hohen Berg. Obgleich Karmatha schon manchmal auf den Urzentralsonnen weilte, kannte er den Berg noch nicht. Und es wundert ihn. Auf dem Gipfel angekommen, zeigt der Lichtfürst in die weite Runde, in das All und sagt:

„Karmatha, du bist mir und Helia ans Herz gewachsen und als unser Schutzbefohlener ein liebes Kind geworden wie eines unserer Kinder. Weil ich dich also lieb gewonnen habe, soll meine Gabe dir zu deinem Weiterkommen helfen. Jetzt allerdings steht dir eine nicht leichte Entscheidung bevor; doch du wirst in jedem Falle richtig gehn, wie du deine Wahl auch treffen wirst. Solange du das Auge auf das Heiligtum gerichtet hältst, kannst du ohne Zagen handeln. Wende dich aber auch der Raumferne zu und übe dich im Schauen, denn was du hier gewinnst, geht dir ewig nicht verloren.

Im Hause der Geduld fing deine Lebensschule an. Allein, noch viel mußt du erringen, wenn du vollendet werden willst. Ja, du fügtest dich in diesen heiligen Grundlebensstrahl gut ein, wie nicht minder auch im Ernst. Wisse aber, daß jede Eigenschaft neben ihrer pur eigenen Wesensart auch jene der andern anteilig besitzt und wird dir nichts anderes übrig blieben, als in jeder einzelnen Eigenschaft auch die schon erlebten Strahlen noch tiefer zu erfassen.

Die Weisheit wird teuer erkauft! Nicht immer ist sie offensichtlich anzuwenden, oft steht sie zurück, weil die Erkenntnis unzulänglich ist. Doch sie zuzudecken hält sehr schwer. Denn in der Paarung mit den andern Strahlen ist sie ein ‚treibend Feuer’. Auch ist die Weisheit stets bereit, zu dienen, zu erretten; sie offenbart, macht krumme Wege wieder gerade, führt aus der verlorenen Tiefe wieder heim zur erlösenden Höhe, kurzum: sie trägt ihr Licht hinaus in Raum und Zeit.

Wird die Weisheit angegriffen, wie zumal die Menschen sie mit dem Wissen ihrer Welt verwechseln, sogar als ‚unnötig’ verachten, dann stellt sich eine andere Eigenschaft schützend vor sie hin. Sie ist des Höchsten wunderbarer Glanz, der Schöpfung Licht! Glanz und Licht, Karmatha, merke es dir gut, rächen jede Schmähung, die der Weisheit widerfährt, weil sie als Glanz und Licht der Hochpriester Melchisedek Selber ist, wie auch Seine Handlungen. Betrachte alles Gute, was sich deinem Auge bietet; es eilt die Zeit dir nicht. Denn wir, o Kind, ruhen in des Schöpfers Ewigkeiten! — Ich lasse dich allein, doch rufst du mich, so bin ich schnell bei dir. Harre aber aus, solange es dir möglich ist. Aus der Kraft  der Weisheit sei gesegnet.“ — —

Karmatha sitzt auf dem hohen Fels, der mit lieblichen Pflänzchen überwuchert ist und nicht wie auf Erden unter Eis und Schnee erstarren muß. Er sieht dem Fürsten nach und entdeckt dabei, daß den Ersten ein Teilchen von Gottes hoher Heiligkeit zu eigen ist. Zuriel fährt wie eine breite Feuerflamme, wie ein Blitz dahin. Danach betrachtet er die weite Ferne. Er ahnt nicht, daß alles was geschieht, jetzt nicht wirklich ist, sondern nur ein Bild. Mit dem Segen aus der Weisheit ist ihm eine auch im Reiche nötige innere Sehe aufgetan, mit der auch Bilder an der letzen Raumgrenze wahrzunehmen sind.

Zwischendurch schaut er nach dem Heiligtum. Da tut sich dort eine vorher unsichtbare Pforte auf und ein Kind tritt heraus. Erstaunt erkennt er, daß es ihm täuschend ähnlich sieht, so, als wäre er es selbst. Doch er sitzt ja auf dem Berge einer Sonne; wie könnte er zugleich aus dem Priesterhause kommen? Und was geschieht mit jenem Kind, das in die Ferne strebt? Karmathas Augen schließen sich, indem er unablässig die Gestalt betrachtet. Da ist ihm zu Mute, als erlebe er höchst selbst, was mit dem Kind geschieht, das zu ihm gekommen ist, ihn wortlos berührt und winkt, daß er ihm folge.

Deutlich spürt er, wie er wandert, dazwischen das Gefühl, auf dem Berg zu weilen. Sonnenräume von herrlichster Schönheit durcheilen sie, bis sie zum Materieraum gelangen. Im Gewirr von Weltkörpern, die in ordnungsvollen Bahnen laufen, spürt Karmatha, daß hier trotz aller Ordnung etwas fehlt, was dem Lichtreich eigen ist. Das Kindwesen betritt indessen eine Welt und er folgt hinterdrein.

Ein schönes Gebäude öffnet seine Tore. Zahlreiche hübsche Gestalten kommen auf sie zu, und begrüßen sie mit freundlicher Gebärde. Sie nehmen ihn und das Kindwesen in ihre Mitte, zeigen ihren Reichtum und bitten um ihr Bleiben. Karmatha fällt auf, daß die Weltbewohner sie nur als eine Person ansprechen, als ob sie überhaupt nur ihn sähen. Ihm gefällt es wunderbar, lebt sich rasch ein und alles Bisherige, Heiligtum, Fürsten, das ganze Lichtreich versinkt allmählich. Es ist allerdings hier gut leben; alle lieben sich, und ihn stellen sie als Gleichberechtigten in ihre Mitte.

Königlich ist ihm zu Mute, als die Weltbewohner ihn um alles fragen. Ihm wird das erste Wort, er soll die erste Handlung tun, maßgebend ist sein Rat. Er wünscht, dieser Zustand möge immer bleiben und noch zunehmen. Kaum ist der Wunsch erwacht, folgt die Erfüllung. Er befindet sich in einer großen Vollversammlung, als sich die Ältesten zu ihm begeben, ihre Obergewänder ausziehen und sie vor seine Füße legen. Allen Reichtum tragen sie herbei, ordnen ihn in kostbaren Truhen und übergeben ihm die Schlüssel.

Hernach bringen starken Männer einen Thron, setzen Karmatha darauf und erwarten seine Befehle. Im Triumph schwillt sein Herz; er hebt die Hand zum Zeichen, daß er für alle Untertanen Gutes wirken will. Jubelnd heben sie ihn samt dem Thron auf ihre Schultern und tragen ihn durch ihr Reich. Bewundert, umjauchzt mit brausendem Tosen, erkennt Karmatha auch in sich plötzlich eine Kraft, die Wesen zu regieren. An seinen den Weltwesen unsichtbaren Doppelgänger hat er sich so gewöhnt, daß er sich nicht mehr nach diesem richtet, sondern selber handelt. Da entschwindet ihm allmählich die Gestalt; er hat die gebotene Frucht genossen und sie köstlich befunden.

Lange Zeit vergeht. Karmatha sitzt auf seinem Thron, winkt mit der Hand, die Wesen folgen seinem leisesten Befehl, er braucht nicht mehr zu gehen, Diener tragen ihn überall hin, sein Volk ist glücklich, wenn es ihn nur sieht. — Einmal ist er allein, doch er möchte gerne in den Hain, aber wieder selber einmal wandeln. Kein Wesen ist in seiner Nähe, Er verläßt den Palast. Doch wie er nun dem Hain zustrebt, befindet er sich plötzlich in einem nur einem trübseligen Lichtlein erhellten Raum.

Als er den ersten Schreck verwunden hat, ruft er sogleich nach seinen Trägern. Niemand hört und keiner kommt, er findet keinen Ausgang. Da klagt er dem Lichtlein sein Leid, gedenkt des Führerkindes und ob es wohl soweit mit ihm gekommen wäre, wenn er es hätte handeln lassen. Je mehr sich solche Gedanken festigen, um so mehr wächst die kleine Flamme, bis das Führerkind neben ihm erscheint, mit der Hand winkt und bald darauf befinden sie sich in größerer Entfernung von jener Zwischengeistwelt. Als das Führerkind sich wieder dahin wenden will, bittet Karmatha fast ängstlich, es nicht zu tun.

Sie begeben sich auf eine kleine Welt (Erde), die ihm so armselig vorkommt, daß ihn davor schauert. Aus der Ferne beobachtet er das Leben eines Engelskindes; nur ist währenddem das Führerkind wieder nicht bei ihm. Als er des Lichtkindes gehäuftes Leid, Trübsal, Spott und Verfolgung sieht, ruft er aus: „Nie könnte ich gleichen Weg beschreiten! Selbst wenn ich es hier besser hätte, wie manche, möchte ich den Versuchungen nicht ausgesetzt sein. Nein, ich will den Weg gehen, den ich mir vorgenommen habe; doch hierher nimmermehr!“

Da wird er plötzlich an der Hand erfaßt und er fliegt hoch, immer höher. Auf der Zurania wieder angekommen, meint er, als habe er den Bergplatz nie verlassen. Erstaunt sieht er, wie das ihm wieder sichtbare Kindwesen schon der heiligen Stadt zustrebt. Am Tor der Liebe stehen viele ‚Großen’ bereit, nehmen es in Empfang und geleiten es im Triumph ins Priesterhaus. Er kann auch dorthin schauen, sieht den Vater auf Seinem Throne sitzen, umgeben von der geheiligten Schar und Rafael führt das Kind dem Vater in die Arme. — Die darauf folgende Szene erschüttert Karmatha so unbeschreiblich, daß er mit ausgestreckten Händen Zuriel bittend ruft, er möge kommen. Die Erkenntnis, wie lange er nicht beim Vater war, hat ihn ganz bestürzt gemacht. Er will hineilen, doch keinen Schritt bringt er zuwege, denn seine Zeit ist noch nicht da. Es schließt sich für ihn auch der Blick ins Heiligtum. Traurig schaut er vor sich nieder und er denkt, daß er Ewigkeiten fern vom Vater war.

Die Traurigkeit nimmt zu. Er möge gern zur Tiefe gehen; doch noch einmal lang vom Licht getrennt zu sein, wie jetzt erlebt . . .? Den finsteren Schöpfungsteil kann er noch etwas übersehen, zumal die beiden Plätze, wo er leben durfte und wo sich nur geringer Lichtstrahl zeigt. Da spricht er zu sich selbst:

‚Der Vater schenkte mir viel Liebe und die Fülle der Barmherzigkeit. Kann ich zögern, Ihm meine Fülle hinzugeben, soweit mir dies nur möglich ist? Wie aber soll ich mich entscheiden? Bleibe ich beim Vater, ist es ihm recht; denn gern behält Er Seine Kinder.

Er sendet niemand fort; Er läßt sie ziehen, wenn sie selbst es wollen. Nicht selten habe ich erlebt, wenn ein Kindlein sich am Ende in Seine Arme warf und das Lichtreich nicht verlassen wollte, wie freudig Er es an Sich drückte! Allein — genauso handelt Er auch, wenn ein Kind sich zum Weg den letzten Segen holte. Beides gibt Seinem ewig liebevollen Herzen die erwünschte Vaterfreude. Aber welches nun von Beiden wird für mich das Richtige sein? —

Zunächst ist wohl das Beste, ich entschließe mich noch nicht, sondern bitte Zuriel herbei, daß ich es mit ihm besprechen kann. Meine kleine Weisheit ist hier schon am Ende angelangt. Doch Zuriel weiß, was dem Vater lieber ist, und das will ich auch tun.’ Kaum hat Karmatha das halblaut ausgesprochen, als Zuriel vor ihm mit geöffneten Armen steht. Er springt hinein. Der Fürst lächelt, liebkost das Kind und sagt:

„O Karmatha, das Beste hast du dir erwählt und deine Weisheit glänzt, indem du weißt, daß dir noch manches fehlt. Gedulde dich! Auch die Betrübnis wegen einer scheinbaren langen Trennung lasse fallen. Es war nur ein erlebtes Bild und das Kindwesen war deine eigene Seele. Nicht lange Zeit ist hingegangen. Erst einmal waren wir beim Vater im Heiligtum versammelt. — Nun höre etwas über dieses bild.

Der erste Platz, auf dem du weiltest, ist eine dem Materiekern vorgelagerte Zwischenwelt. Auf solchen Zwischenwelten entwickelt sich die freie Entscheidung, die in der Kernmaterie eine große Rolle spielt. Sie sind Brücke und auch Graben; der Finsternis vermitteln sie das Licht des Geistes und scheiden beide von einander. Da gibt es keine eigentliche Prüfung, mitunter aber werden welche zugelassen. Doch über allem, Karmatha, wacht eine starke Hand. Du kennst sie gut. Kein Wesen trifft daselbst ein ernster Schaden. Nur wie es sich sein Leben einzurichten wünscht, so geschieht es auch. Das Tiefere der Zusammenhänge wirst du später noch erfahren. Doch was aus geheimen Wunschgedanken wird, die sich um sich selber drehen, hast du als ‚Vorkost für die Erde’ ausprobiert.

Wer sehr hinaufsteigt, muß tief fallen, damit er wider auf die Füße kommt. Erst am kleinen Lichte spürtest du die Trennung von dem Vater; vorher nicht. Da aber kam der Schreck und wolltest von der Erde nichts mehr wissen. Doch bedenke was Liebe will! Was du gesehen hast, wird deinem Weg kaum gleichen; denn einen sogenannten Überblick erhält ein reifes Kind erst kurz vor seiner Inkarnierung. Doch auch dann steht es ihm frei, im Vaterhaus zu verbleiben.

Daß beide Entscheidungen, wie du dachtest, dem Vater gleiche Freude brächte, ist in Mancher Hinsicht richtig. Allein, so reif bist du schon, um dich jenem Wege zuzuwenden, vor dem dir graut und — den unser Vater ging!“ Das Letzte hat Zuriel ernst und leise ausgesprochen. Da spürt Karmatha wieder Blitz und Flamme an dem Fürsten. Er wagt nicht, ihn zu berühren. „Ja, Karmatha“, fährt Zuriel in gleichem Tone fort, „nicht nur für Sadhana und die Gefallenen ging Gott Seinen Weg, sondern für alle Kinder, für dich sowohl wie auch für mich! Und sieh, wer geht, muß teile vom verschütteten Reichtum wiederbringen, sonst muß man seinen Weg ‚vergeblich’ nennen.

Bringen jedoch des Reiches Kinder solche Teilchen heim, so haften diese vorläufig ihnen an, bis sie als Flämmchen, als Licht- und Lebensgut im Heiligtume eingesammelt und aufgehoben werden für den ‚großen Tag’. Sieh, des UR-Vaters heilige Opferstraße gilt auch uns, damit wir Zurückbringer werden können; und das heimgebrachte Gut wird Edelgut. Das muß man für den Vater tun, Der uns längst die Straße baute. Doch die Kraft des heimgebrachten Gutes bleibt dem Wiederbringer als Schmuck und Lohn ewig überlassen. So geschieht die vollgültige Freilösung des gefallenen Kindes, seiner Schar und seiner Kraft.

Jetzt siehst du das helle Licht, was Gott ewig schuf und auch in Seinem nimmermüden Schaffen bleibt, für uns wie für die Armen in der Finsternis. Er hat Sein Tun mit Seinem Erden-Opferweg gesiegelt! Frage dich nun, Karmatha, wie wir handeln sollten, um dem uns persönlich gewordenen Vater zu erweisen, daß wir gleichfalls unsere Liebe opfern möchten, so gut es jedem Kind gelingen mag?! — Doch erst soll dir wieder ein besonderes Freudenlichtlein leuchten, dann sollst du dich entscheiden.“ An der Hand Zuriels kehrt Karmatha dankerfüllten Herzens zur heiligen Stadt zurück, ins Lichthaus der Weisheit.

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