Eine schöne Tischordnung. Des schweren Rätsels beste und ewig-gültige Lösung. Erkenntnis über die Opferbringung
Im Hause Zuriels wird Karmatha von vielen ersten und einer Kinderschar freudig empfangen. Auch seine Freude ist sehr groß. Artig begrüßt er zuerst Rafael, Agralea, Helia und die übrigen Ersten, dann seine Gespielin Sama und die andern Kinder. Köstlich gedeckte Tische stehen bereit. Zuriel übergibt Karmatha das Amt der Platzanweisung und die Ersten sehen lächelnd zu, wie gut ihm das gelingt.
Den obersten Sitz läßt er frei, Agralea und Helia bittet er, links und rechts davon Platz zu nehmen. Die übrigen Ersten führt er einzeln an den Tisch, gut verstreut zwischen allen Kindern. Für sich und Sama wählt er das unterste Tafelende. Zuriel segnet Gottes Gaben und das Mahl beginnt. Uraniel wendet sich an Karmatha und fragt:
„Karmatha, deine Tischordnung gefällt mir außerordentlich. Doch siehe, ein Platz ist frei, der oberste. Ist das nicht gegen jede Gastordnung? Ein guter Hausherr läßt nichts frei, weil sonst die Gäste fragen, wen der Hausherr noch erwarte oder warum er keinen von ihnen besonders ehre, dem der oberste Platz geziemt. Der Gastgeber müßte bald mit scheelen Blicken rechnen. Warum behieltest du den besten Platz nun frei? Hätte er nicht Zuriel gebührt, der uns das Gastmahl gibt? Du hättest auch dort sitzen können, da um deinetwillen uns das Mahl bereitet ist, wie du leicht erraten kannst.
Wundere dich nicht über meine Frage, denn als Ordnungsträger muß ich auf gerechte Ordnung schauen, die an allen Orten sichtbar wirken muß. Der freie Platz ist eine Lücke; doch im reiche gibt es keine Lücken. Da du sonst alles gut getroffen hast, so erkläre uns den freien Stuhl.“ Freundlich blickt der Fürst auf Karmatha, der sich nicht allzulang besinnt und entgegnet:
„O lieber Uraniel, es fiel mir gar nicht leicht, allein die Tafelordnung herzustellen. Im Herzen wandte ich mich an den Vater, und Er gab mir Antwort, ich solle mich nur ans Werk begeben, wie es mir im Sinne läge; im Aufblick zu Ihm würde es schon richtig werden. Es Ging demnach auch alles gut bis auf diesen einen Platz. Sollte nun der freie Stuhl ein Ordnungsübel sein, so bitte ich um deine Hilfe, den Fehler wieder gutmachen. Der heilige Vater ist ja überall zugegen, wann Immer Seine Kinder der Gewißheit sind, daß Er sie segnet und sie nicht verläßt. Diese herrliche ‚Allgegenwart’ ist allerdings nicht jederzeit zu sehen; der Vater nimmt auch dann am Mahle teil, wenn wir Ihn innerlich zu Gaste laden.
Ja, sollte Er nicht jederzeit zu oberst sitzen, daß Er in uns die Wohnung habe und nimmermehr von uns zu gehen braucht? Wir sollen ohne Ihn nichts tun, wir können es auch nicht. Trifft das zu, könnte unser allgeliebter Vater nicht unsichtbar bei uns verweilen, dennoch gegenwärtig? Darum dachte ich, es möchte Ihn erfreuen, wenn ich auch äußerlich den nur Ihn gebührenden obersten Platz freihalte. Im Herzen sagte ich: ‚Sieh an, o Vater, hier ist Dein Platz, den die Liebe Deiner Kinder Dir bereitet hat!’
Nun hast du mir, o lieber Uraniel, die Augen etwas mehr geöffnet. Ich erkenne, daß Gott nicht des Äußeren bedarf, kehrt er in unseren Herzen ein. Nun ist’s mit der Freude wieder mal nur halb geworden. Was soll ich aber tun? Wollen wir die Plätze wechseln, auf daß auch hier die gute Ordnung walten kann?“ Uraniel erhebt sich, geht zu Karmatha, streicht ihm über sein Gelock und spricht:
„Karmatha, das müssen wir beraten. So ganz unrecht hast du nicht, nebst dem inneren jederzeit den äußeren Hauptplatz unserm Vater einzuräumen. Beides ist Ihm wohlgefällig. Aber welches ist das Richtigere?“ Er hat sich so gestellt, daß Karmatha weder die Türe noch den oberen Tafelteil überblicken kann und auch die Kinder schauen nur auf ihn. So merkt keines, daß Gott inzwischen Seinen freigehaltenen Stuhl eingenommen hat. Die ersten erfüllen wunderbar den heiligen Liebewillen und sind still, daß schon das schwere Rätsel die beste Lösung fand. Karmatha antwortet indessen:
„Ach Uraniel, das fällt mir auch sehr schwer. Wäre mein Wunsch nicht unbescheiden, würde ich aus tiefsten Herzensgrunde bitten, ‚O lieber Vater, komm, daß Deine ewig wunderbare Ordnung auch hier zu ihrem Recht gelangt und es Dir wohlgefällig ist!’ Was meinst du hierzu, Uraniel, wenn wir alle das erbitten würden?“ Der Fürst lächelt und wendet sich dem Platze zu, allwo der Vater sitzt. Karmatha und die Kinder folgen seinem Blick. Doch da ertönt bereits die ihnen wohlbekannte Stimme, die sagt:
„Ja Mein Karmatha, das war auch Meines Vaterherzens Wunsch, und so ist das schwere Rätsel für alle ewige Zeiten gelöst! Wird Mir dergestalt der innere und äußere Platz eingeräumt, da muß Ich kommen, ob Ich will oder nicht! Ungläubig schaut ihr Mich an, denn ihr meint, daß Mich kein Kind zu etwas zwingen könne. Das freilich nicht; dennoch kehre Ich dort ein, wo die Liebe Mich ersehnt.
Wer Mich zu sich bittet, wird Mich zu Gaste haben, denn Meine Liebe will Meinen Kindern dienstbar sein. In anderen Schöpfungsräumen gibt es Kinder, die Mich nur im Inneren bitten; sie schämen sich vor denen, die Mich nicht anerkennen. Solche Bitte nützt nicht viel, doch ist’s noch immer besser als ein Leugnen Meiner Wesenheit. Aber jene werden Mich nicht leicht zu Gesichte bekommen. Wie soll Ich auch bei ihnen Einkehr halten, räumen sie Mir keine Rechte ein, was den Ungläubigen zu denken geben müßte?! Ginge Meine Liebe aber dennoch hin zu ihnen, wo bleibt Mein Platz, wenn ein Herz nur halb Mir zugewendet ist und aus Scham das Äußere verdeckt? Kann Mir so ein Anteil von dem werden, was Ich zuvor den Kindern gab?
Aus Liebe wollte Karmatha Mir innerlich und äußerlich den Platz bereiten und er tat recht daran. Wo hätte Ich auch sitzen sollen, wäre Ich gekommen und die Tafel war besetzt? Da hätte es erst einer neuen Tischordnung bedurft. Doch ewig gibt es in Meinem reich nur eine Ordnung, die unantastbar ist. So hast du, Karmatha, — zwar Meine heiliggute Ordnung eingehalten, wie es unter Meinen Kindern bleiben soll. Daß Uraniel dich fragte, geschah mit Meinem Willen, weil so euch Kindern die rechte Lebenslehre zugekommen ist. Durch gute Belehrungen ist vieles zu erlernen, die tiefsten Schlüsselwahrheiten am besten durch Erlebnisse, die euch selbständig machen.
Karmatha handelte nicht nur in reiner Liebe, aus derem Lichthaus er hervorgekommen ist, sondern eine gute Weisheit zeigt sein Tun, und der Ernst in seiner Bitte brachte den gesegneten Erfolg; und das um so mehr, da auch die Geduld in ihm zu Hause ist. Denn nicht gleich bat er, Ich möge kommen. Erst als er glaubte, die Tischordnung sei wirklich mangelhaft, bat er Mich innig um Mein Kommen.
Doch nun halten wir bei Zuriel ein frohes Mahl, hernach gibt es für unsere Kleinen manches zu vollbringen.“ Dankbar jubeln alle Kindlein dem Vater zu und breiten ihre kindlichen Gedanken und Fragen vor Ihm aus. Gottes Geduld hat keine Grenze. Karmatha bespricht sich mit den Fürsten; er will jetzt den Kleinen nichts vom Vater nehmen. Doch seine Augen bleiben stets auf Ihn gerichtet.
Nach dem Mahle segnet Gott die Seinen, weist den Kindern ihre Arbeit zu, die sie unter Leitung größerer Engel vollbringen sollen und geht dann in Sein Priesterhaus. Karmatha bleibt allein bei Zuriel und Helia zurück, denn bald soll seine Schule im Lichtbereich der Weisheit abgeschlossen sein. Zuriel erinnert ihn an die letzte Frage auf der Zurania. Karmatha sagt sogleich:
„O Zuriel und Helia, in euerm Hause ist es mir sehr wohlergangen, gleichwie bei Alaniel und Muriel. Und wie liebreich hat Uraniel mit mir gesprochen. Vor diesem Fürsten habe ich eine kleine Scheu. Warum darf ich so viel Liebe haben? Gewiß sehe ich, daß kein Kind geringere Freundlichkeit erhält, nicht von euch, am wenigsten vom Vater. Doch mit mir macht ihr euch alle manche Mühe. Sicher will das so der allheilige Gottvater haben, denn ihr handelt nur nach Seinem Liebewillen. Doch wo bleibt da mein Verdienst? Ich habe gar nichts aufzuweisen, daß ich sagen könnte: ‚Darum hat der Vater es beschlossen!’ — Im Gegenteil hatte Er schon manche Not mit mir.
In dieser Betrachtung will ich Antwort geben; möge sie zu des Vaters Freude und zu eurer sein. Ja, Zuriel, jetzt weiß ich: Der richtige, der beste Weg ist jener der Entsagung! Dauert es auch lange Zeit, bis man das Licht einst wieder schauen darf, so ist der Weg das Opfer wert. Das Schaubild zeigte mir, daß es für uns Kinder ein Opfer ist, wie Gottes Weg zur Erde das höchstheilige Opfer war! Im Aufblick zu diesem UR-Opfer wird mir die Entscheidung leicht.
Doch vergleiche ich Gottes hocherhabene Opferung und den Weg der Kinder, dann bedrückt die Frage mich: Wie will ich meinen Weg vollbringen? Ohne Seinen Segen gelingt mir nichts! Ich bedarf Seiner persönlichen Hilfe, muß mich von Seinen Händen führen lassen, will ich zu Seiner Freude und zu Seines Namens Ehre wandeln.
Doch habe ich in dieser Weise Seine Gnade, sage mir, o Zuriel, ist es dann noch eine Opfergabe? Wo bleibt das Eigene, dem Vater dargebracht? Nicht, daß ich aus mir allein ein noch so kleinstes Werk vollbrächte, nein, — der Vater ist Alles in Allem! Sind wir jedoch Seinem lebensvollen Geist entsprungen, müßten wir zu eigener Tat nicht auch im Stande sein? Wo liegt hier die Wahrheit?! Dem Vater gilt mein kleiner Opferweg; möge Er mich segnen und Seinem Reich erhalten.“
„Karmatha, du hast meine Frage gut durchdacht“, erwidert Zuriel. „Warte in Geduld, der Vater wird dir eine Fackel geben, daß du nicht ängstlich mehr fragen brauchst, ob und wie du deinen Weg vollbringen kannst. Zuvor sind noch manche Dinge zu erledigen und du sollst daran deinen Anteil haben, unsere Werke zum Lob und Preis der Gottheit auszuführen.“ — treu und gehorsam erfüllt Karmatha seine Arbeit, bis seine Reife im Weisheitshaus gekommen ist, um den nächsten großen Schritt in eine andere Sphäre zu tun.
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