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Kap 12 – Etwas vom ewigen Leben; die Heilung des blinden Tobias; heilige Erw…


Etwas vom ewigen Leben; die Heilung des blinden Tobias; heilige Erwartung

12. Kapitel

Der nächste Tag. Man ist sehr früh aufgestanden. Simeas und Harim denken nicht daran, abzureisen. Man wollte Tobias nur begrüßen, so im Vorbeigehen. Das Herrliche hält sie fest, das gestern über sie gekommen war. Frei zugegeben möchten sie vom Fernen noch viel hören und wissen doch: Engel steigen auf der Gottesleiter wohl herab zur Erde; sie steigen aber auch alsbald hinauf, wenn hier ihr Dienst beendet ist. Und dann — „Sind wir nicht undankbar“, fragt Simeas, der mit Harim in dem Garten auf- und abgegangen war, „wenn wir noch mehr verlangen, als uns zuteil geworden ist?“

„Es mag so sein“, sinniert Harim, „andererseits könnte es auch Sehnsucht sein, das Verlangen nach dem Brot, wie es auch der Leib bedarf.“ Ein wenig wie erschrocken, drehn sich beide Männer um, als auf ihre Schultern sich zwei Hände legen. Der Jüngling. „Beide habt ihr recht“, sagt er heiter, als wäre er mit ihnen hin- und hergegangen und hätte ihr Gespräch gehört.

„Es kommt darauf an, aus welchem Grundmotiv ein Verlangen, ein Genugsein-Haben aufgestiegen ist. Das kann seltener der Mensch bei sich ergründen, weil er während seines Wander- oder Beihilfsweges mit den Schatten seiner Seele ringt. Da ist‘s möglich, daß auch mal die Schatten dominieren. Geht es aber um das Geistige, um ehrliches Verlangen nach Licht, nach Gottes Weisheit, schlicht gesagt um den echten Glauben, dann gilt beides: das Genügen, das Verlangen. Gott gibt dazu das rechte Maß.“

‚Ja“, bekennen beide Männer wie aus einem Mund. Der Ferne sagt: „Der Lehre war es allerdings genug; zudem werdet ihr noch selber finden. Denn wo der Geist im Menschen immer mehr die Vorherrschaft erlangt, öffnen sich ihm auch des Lichtes Schleusen, was bedeutet: er kann selbst Empfänger sein, mindestens für sich. Doch horcht, die kleine Schelle klingt, das Frühmahl steht bereit.“

„Ich wollte erst nach unseren Leuten sehn. Raguel ist schon früh zum Herbergswirt gegangen, damit für unsere Leute ordentliche Kost gegeben wird, Ah, da kommt er schon“, zeigt er auf die offene Gartenpforte hin. Raguel kommt eilig her. „O lieber Freund vom Licht, daß ich dich so früh begrüßen darf; da ist gewiß der ganze Tag im vorhinein gesegnet!

Simeas und Harim bestätigen das mit Eifer. Hanna, die Hausfrau, ruft die Männer an, eilt selber auf den Jüngling zu, fragend: ob sie ihn zur Tafel führen darf. „Von solch lieber Schwester nur zu gern“, lacht er und klingt wie menschlich, einfach ganz schlicht und lebensfroh.

„War ich dumm!“ bekennt Hanna resolut. „Niemand kann dich führen, sondern wir sind allzeit die Geführten!“ „Ich auch, liebe Hanna“, und es klingt wieder himmlisch ernst und lieb. „Von unserem heilig- hohen Vater-Gott werde ich geführt, wie das alle Kinder brauchen. Wer es merkt und obendrein sich willig Seiner Führung anvertraut, der hat einen vollen Segen eingeheimst. Meinst du nicht, daß ich dessen auch bedarf?“

Hanna ist irritiert. So gewißlich ist es ihr, daß ein Engel bei ihr steht. Solcher hat doch alles. Oder — nicht? Sie weiß es nicht und sieht den Jüngling an. „Warte, liebe Schwester, bis wir dein gutes Frühmahl aufgegessen haben, dann wird das Problem beleuchtet, daß dir fast dein Herz beschwert.“ „Ach du“, lächelt Hanna, „mit einem Wort nimmst du unsere Lasten weg, wie ich gestern es erkennen konnte. Nur — nur —“,‚Auch das kommt an die Reihe“, flüstert er ihr zu. Sie hat an Tobias gedacht.

Oh, von all dem Wundersamen hat er sicherlich am besten alles in sich aufgenommen; doch gesehen — das liebliche Gesicht, die hellen Augen, die Gestalt, Menschen gleich und doch ganz anders. Wie sehr möchte sie es Tobias gönnen, daran Teil zu haben. Jetzt überfällt sie etwas. Sie weiß nicht was, kommt wie aus einem tiefen Glaubensbrunnen; aber hochgeschöpft hat es der Ferne. Der nimmt sie einfach bei der Hand und sie gehen in das Haus hinein.

Sara und ihre Mutter Hanna waren tüchtig mit am Werk, der Tisch ist reich gedeckt. Schon am Abend vorher hatte Raguel aus seiner Fracht viel hergeholt. Er hatte bald gesehen, daß des Tobias Haus zwar sauber und auch wohnlich ist; reich ist es nicht, und da wird wohl auch die Küche mager sein. Er hatte recht gedacht.

Nach dem Mahle schlängeln Mortutus und Rankenos sich näher zu dem Jüngling hin. Niemand wehrt es ihnen. Es ist schon eigene Erkenntnis aufgeblüht: wer lange abseits stand, bei diesen beiden an sich ohne Schuld, weil sie nicht anders aufgewachsen waren, der sollte vorn beim Licht stehn (Matt. 19, 14). Da strahlt es wieder auf, das Antlitz, das keines Menschen ist.

„Unsere Hausmutter hat ein Problem gewälzt“, fängt der Jüngling an. „Laßt uns gemeinsam drüber sprechen. Ganz lieb wollte sie mich führen und zuckte dann zurück, hat sich dumm genannt, ich bedürfe keiner Führung. Umgekehrt, dachte sie, muß es sein. Nun, was meint ihr dazu, liebe Brüder, liebe Schwestern?“ Bevor ein Mann zum Wort gelangt, spricht Sara:

„Weltlich hat die Mutter Hanna recht. Wir alle brauchen das Geleit, in der des Höchsten Führung offenkundig wird, Geistig — ich weiß es nicht, denke aber, auch die ersten Engel brauchen Gottes Hand, die des Vaters. Die Engel, Seines Lichtes Kinder, hat der Herr geschaffen. Oh, vielleicht lassen sie sich anders, weit besser als wir Menschen leiten, weil wir oft zu eigenwillig sind. Im Prinzip aber bleibt die Führung eine wie die andere: die gnadenvolle, die gesegnete, in der aller Kinder Wege eingezeichnet sind.“ Mit roten Wangen hält Sara inne. Hat sie sich vermessen, hat sie — —

Meine Tochter, denkt Raguel beschämt. Wie habe ich sie fälschlich eingeschätzt, behandelt; und wie wahr hat sie gesprochen, besser, als mancher Rabbi weiß. Harim, der Oberste, hat aufgehorcht. Erst dachte er: Schreck, ein Mädchen öffnet seinen Mund. Was kommt dabei heraus? Hingegen freut Tobias sich, die beiden Hanna, Tobi. Ja, sie sagte so, wie sie empfunden hatte. Mortutus und Rankenos staunen auch. Es war damals so: Junge Leute, zumal Mädchen hatten nichts zu melden, nicht einmal im eigenen Haus. Man sieht den Jüngling an, was er dazu zu sagen hätte. Er lächelt.

„Mein Schwesterchen hat es erkannt. Nie gäbe es des Himmels Wonne, wenn jene lichtgetreuen Kinder in des Vaters Reich ledig einer Führung wären, abgesehen davon, ob und wie sie diese brauchen. Wohl ist die anders, als sie den Wanderkindern zuzukommen hat, aber nötig ist sie auch den ersten Engeln.“ Dabei gleitet über das Gesicht des Fernen wiederum ein heller Schein.

„Ich will euch einiges erklären und werdet ihr verstehen, was an sich unter einer Führung zu erkennen ist. Es kommt darauf an, welche Arbeit, welches Amt ein Engel hat. Unabhängig davon, daß dem Vater alle Kinder lieb und wertvoll sind, um jedes an der Hand zu halten, jene zu erretten, die der Rettung sehr bedürfen, was sich erstrangig auf die armen Hingefallenen bezieht, im fast gleichen Rang auf die Menschen, die durch den Materieweg keine Rückerinnerung besitzen, von woher sie kamen, wer sie sind, gilt allen Kindern Gottes väterliches Geleit.

Alles ist jedoch so heilig-wundersam, Anteil aus der höchsten Gnade Gottes, weil gerade dadurch das gesegnete Geleit am besten auszuführen ist — für die Wandernden so gesagt. Nicht für GOTT, dem Schöpfer aller Lebensdinge!

Nehmen wir ein Beispiel an: Gabriel, der siebente Lichtfürst an Gottes Gnadenstuhl, dessen Saum den Tempel füllt (Jes. 6, 1). Er, der Träger der Barmherzigkeit, hat den Auftrag, auf diese eure Welt zu gehen — als Geist, nicht als Mensch. Gleich denkt ihr: da hat er es sehr leicht; er weiß, wer er ist, woher er kommt, wohin er wieder geht. Mit euren etwas mageren Gedanken hättet ihr wohl recht, wenn — auf dieses ‚Wenn‘ kommt‘s aber an.

Daß er als Cherub, als Lichtfürst, alles leicht bewältigen könnte, steht geistig fest. Allein, nun soll er Menschen wecken, ohne Zwang, die sich noch längst nicht wecken lassen wollen und ihm so begegnen — sei jetzt mal nicht betrübt, lieber Harim, weil ich dich zitiere, obendrein bist du nicht der einzige, dem das Beispiel gilt —‚ daß sie ihn ob seiner lichthaften Jugendlichkeit nicht anerkennen, auch nicht als scheinbaren Greis. Sie wollen ihn in ihre armen Schranken pressen. Was, meint ihr, tut der Cherub?

O ja, nicht bloß würde er sehr traurig sein ob des Unglaubens, der unguten wertlosen Worte wegen, die ohne Prüfungen dahergeredet werden, er möchte ach wie gern kraft seines Himmelsamtes, seiner hohen Geistigkeit — und das dürfte er — mit liebender, barmherziger Gewalt die Menschen zur Erkenntnis bringen. Das aber hat Gott nicht gewollt. Er, der Herr Seiner hochgesetzten Willensherrlichkeit, will im Abglanz eigenen Willens alle Seine Kinder rufen, daß sie wohl auch unter Führung dennoch frei zu Ihm sich hinbegeben. Also muß der Cherub beides tun: den Willen seines Senders, und was er aus sich selbst zu tun vermag.

Weil er weiß, wer und was er ist, was er vermag aus dem Auftrag, der ihm schon bei seiner Himmelswahl am Anfang seines Lebens überkommen war, gerade darum fällt es ihm sehr schwer, sein Können, seine Kraft zurückzuhalten und — die Menschen zu ertragen.“ ‚Wie mich‘, denkt Harim tief beschämt. Wie hat er den Fernen ungut eingeschätzt und behandelt. Ließe sich das rückgängig machen, alles würde er dran setzen, um das zu tun. Allein, gesagt, getan, ist nichts mehr zu ändern, nichts zu glätten. Ein Blick aus den hellen Augen tröstet und entlastet ihn. Weiter spricht der Jüngling:

„Daraus ist zu entnehmen, daß dem Beispiel nach auch der Cherub Gabriel Seines Vaters heilsgewohnte Führung braucht, nämlich sich zurückzuhalten (s. in ‚Fern von der Erde her‘). Also würde Gabriel, und er muß es auch wie alle Ersten, immerfort im Herzen bitten, sich die Anweisung vom Vater geben lassen, ohne etwa, daß er nicht fähig wäre, sein Amt aus sich selber zu erfüllen.

Genug des Beispiels; ihr merkt, ihr Lieben, daß es im gesamten Universum, im Empyreum ebenso wie im Infinitum, keine Kindesseele gibt, die völlig ohne Führung leben, handeln, lieben kann. Denkt ihr, und das darf mit sein, daß man ohne Geleit auch leben kann? Wenn schon, dann muß der Glaube tief verwurzelt sein, weil somit ohnehin die Lichtverbindung herrschend ist. Steht sie bei einem Kind im Vordergrund, dann ist alles, was ein Kind bewegt, was es denkt, spricht und tut, unter jener Vorherrschaft, die vom Vater auszugehen hat! Ewig geht!

Ansonst gibt es nichts im ungeheuren Schöpfungsrund, was nicht der hehren Führung, Gottes Heilerhänden bedarf. Das wiederum ist hoch und wundersam, ganz anders, als der Mensch es sich erdenken mag. Keine Sorge, wenn ihr wähnt, einmal wäre das nicht möglich, der Mensch haftete zu sehr der Welt und derem Wesen an, da bliebe nicht viel von dem höheren Bedenken übrig; zum anderen könnte euch das auch nicht angerechnet werden, wenn das Höchst-Himmlische auf Erden gar nicht auszudenken wäre. Gemach, wir werden sehen.

Es wird niemandem ein Unvermögen angerechnet, wo kein böser Wille herrscht, zumal wo jemand gläubig ist, so gut er es vermag. Wo jedoch die Welt in ihm das Zepter schwingt, wird ein Unvermögen, weil nur als Ausrede dient, voll angerechnet. Allerdings geschieht das fast zumeist im Jenseits, weil solche Seelen schwerlich auf der Welt zur Umkehr kommen. Sie bleiben ihrem eigenen Schatten treu. Und ihr Schatten ist‘s, der sie befällt.

Man soll schon aus sich selber lieben können; denn die Liebe ist am sechsten Schöpfungstag, den ihr nach Moses Erstgeschichte kennt und der jetzt im Universum dominiert, zusätzlich den Kindern eingepflanzt. Sogar die Abart-Liebe darf mit gelten, zwar aus Gnade ganz am Rand. Das geschah beim Sturz des ersten Himmelskindes. Die Liebe zu den Nachgeschaffenen war vorhanden, war aber keine echte himmlische mehr, sondern einzig das Begehren.

So vielseits ist es auch bei Menschen. Was sie Liebe nennen, ist im Grunde bloß Begehren; immerhin — durch den Fall bedingt, wird zum gerechten Teil besehen, ob in dem Begehren wenigstens der Grund zu einer Liebe liegt. Besser freilich, man huldigt dieser nicht. Das habt ihr verstanden, habt ja auch bereite Herzen, die GOTT als erstes lieben wollen und in dieser Liebe eueren Nächsten dienen. Dienstbarkeit ist der höchste Ausdruck wahrer Liebe und bedarf es keines Wortes, sondern bloß der Tat!“

Mortutus wagt zu sagen: „Rankenos und ich sind weit entfernt davon, auch nur ein Fünkchen dieser Liebe zu besitzen. Da sieht es bei uns mager aus, Gott sieht uns etwa gar nicht an. Denn unser Leben bis hierher —“ „Bloß bis zum Tigris, lieber Mortutus. Da seid ihr umgekehrt und es fiel euch schwer. Allein, dieses Schwerfallen war das Beste eurer Wandlung. Was leicht fällt, mein Freund, hat auch meist ein leicht Gewicht, ist oft Spreu und keine Körner.

Legt euere Mühsal in des Höchsten Hand, ER hat euch gerufen und ihr habt gehört. Hat Er euch gerufen, wie ich sagen soll, wieso sieht ER euch nicht an? Ist Sein Rufen nicht das ‚ein-Kind-ansehen‘ aus der großen Liebeglut des Vaters? Schau, das ist ernstlich nicht allein mit euch geschehen; auch Raguel mußte sich erst wenden, obgleich von früher her in ihm das Wissen war. Bei euch gab es kein Wissen, ihr mußtet sozusagen ganz von vorn beginnen; und das geht absolut nicht allzuleicht. Danket Gott, daß Er euch rief und daß ihr euch habt rufen lassen.“

„Da bin ich froh“, sagt Rankenos und seine Stimme wackelt. „Aus ganzem Herzen, so gut ich‘s schon vermag, danke ich dem Herrn. Er hat uns beide aus dem Strudel dieser Welt herausgeholt — durch dich, unbekannter Freund!“ Ja ja, noch unbekannt, denken alle und doch so lieb vertraut, als würden sie den Fernen schon seit Jahren kennen. Aus jeder Brust steigt nun der Dank empor, laut und leise, wie es eben geht. Tobias stimmt ein Loblied an, wie es mehrere aus ihren Davidpsalmen gibt. Da ist es wie ein Wehen, das allesamt erfaßt, als ob — wie wenn — — Ach ja, der nahe Gott! —

Die Frauen richten nun das Mittagsmahl. Tobi fällt etwas ein, und da er eben mit dem Jüngling abseits geht, fragt er gleich: „Was soll ich mit den Salben tun, die wir am Tigris vorbereitet haben? Ganz genau weiß ich‘s nicht mehr, was du damals anbefohlen hast; aber da — Oh!“ Ein lauter Ruf. „Die Salbe für die Blinden!

Mein Vater — guter Freund“, er umarmt den Jüngling, „könnte sie nicht auch beim Vater helfen? Nicht aus eigener Schuld ist er erblindet; dir brauche ich ja nicht zu sagen, wie es geschah.“ „Nein, das brauchst du nicht, und dem Himmelsvater auch nicht vorzutragen. Der Tag liegt noch halb vor uns, demnach wird sich vieles richten lassen. Meinst du nicht?“

„Es muß schrecklich sein, nicht zu sehen, hilflos anderen ausgeliefert, die sich etwa um den Blinden kümmern.“ Tobi weint, er hat seinen Vater lieb. „Sind sie dann aus ihrem Ungemach auch einmal böse, wie es der Vater war und mit der Mutter zankte, dann —“ „Ist das ausgestrichen, ehe ein paar ungute Worte über eines Blinden Lippen kommen. Weißt du, wie groß des Heiligen Erbarmung ist?“ Beinah wie entsetzt sieht Tobi seinen Wanderkameraden an.

„Eine Frage, die können Menschen nicht ermessen. Wie könnten sie da eine Antwort finden? Höchstens ließe sich noch sagen: die Barmherzigkeit des Herrn währt ewig.“ „Eben! Wie sollte Er sie mit dem Zorn beschließen, nur weil ein Blinder einmal ungut ist (Ps. 77, 10)? Gott wird nie vergessen, gnädig etwas auszustreichen, was aus einem schweren Leid den Menschen überfällt.

Tobi, dein Vater ist ein frommer Mann. Du sollst nicht mehr daran denken, daß er einmal fehl gesprochen hat.“ „Das tue ich auch nicht, habe gar kein Recht, ihm darob zu zürnen. Muß an mir selber vieles feilen, jetzt kam es mir nur in den Sinn, weil ich ihm so gerne helfen möchte und weiß doch: Allein der Herrgott kann ihm helfen.“ „Dann überlasse es auch Ihm und Seiner Zeit!“

„Die Menschen greifen gern voraus, trotzdem sie weder wissen noch erkennen, was voraus zu finden ist. Wie oft greifen sie dabei ins Leere. Die Schuld wird anderen angelastet. Hat man keinen Nächsten, dann auf Gott! Der kann es tragen!“ „O bitte, halte ein, ich kann sowas gar nicht hören! Unser Gott, der Heilige, der Wunderbar- und Gnadenvolle! Hast zu Recht die Barmherzigkeit hervorgehoben. Ja, verstehst du nicht, wie es in mir brennt?, vielleicht eine Hilfe zu besitzen und weiß nicht, wie sie anzuwenden ist?“

„Ich sehe deinen Schmerz, guter Sohn. Frage: Möchtest du es mir nicht überlassen, diese Hilfe auszuführen? Es könnte sein, daß der von dir hochgelobte Herr den Auftrag mir in meine Hände gab.“ „Tor, der ich bin! Verzeih, habe falsch gedacht, falsch gesprochen. Möge mir der Herr verzeihen.

„Auch hier wird nichts erst aufgeschrieben. Sieh, solang der Mensch die Wanderstraße geht, besonders auf der Welt, der niedrigsten von allen Himmelskörpern und — der reichst gesegneten, bleibt es gar nicht aus, daß er auch daneben tappt, öfter oder weniger im Denken, Sprechen, Handeln. Hier gilt ebenfalls: wo kein böser Wurm das Herz benagt, geht des Schöpfer-Vaters Gnade über alles hin und verweht ein Arg, wie ein Wind die dunklen Wolken auch verweht, was den Weg beschweren will. Daran hängt ja auch der Heimkehrweg.“

„Ja, der Weg! Auf unserer Wanderschaft dachte ich wie oft: welche unerhörte Gnade hat der Herr mir zugeteilt, einmal überhaupt, dann durch dich viel Herrliches. Du kannst alles so verständlich machen. Sogar der alte Rabbi, und er war ein guter Mann, war nicht imstande, annähernd ein Höheres zu erklären, wie du es kannst. Und bist jung — dem Aussehen nach. Der neue Rabbi, von dem du mich befreitest — ah, der hat die Rollen vorgelesen. Fragte von uns Jungen ihn etwas, sagte er stets barsch: ‚Ihr habt nichts zu fragen, ihr habt nur zu glauben, wie ich vorgelesen habe.‘ War das denn eine Schule?“ Plötzlich lacht Tobi.

„Unser Himmelsvater hat mich weggeholt vom mageren Trog, wo bloß Stroh drin lag; in Seine hohe Himmelsschule hat Er mich geholt und ich mag nicht wissen, welchen Lehrstuhl daselbst du hast.“ „Das wird dir noch gezeigt, Tobi. Hab‘ Geduld. Mit dem Stroh hast du freilich recht. Den Tieren dient es ja zum Futter, und ist gesegnet, für die Kreatur, nicht für den Rabbi.

Er ist ein armer Mann, seine Seele ist verknöchert, er hält das Buchstabenwerk sehr hoch. Der Sinn aus der verborgenen Weisheit (1. Kor. 2, 7 u.a.), die ewig war, ehe eine Welt geschaffen wurde, die Gott den Kindern gibt, die nach ihren Schätzen suchen, die kennt er nicht. Nun, ihm wird einst ein Lichtlein angebrannt. Schließlich will er seiner Meinung nach das Beste, wenn‘s auch keine Körner sind, sondern Stroh. Komm, wir gehen wieder zu den anderen, sie warten schon auf uns.“ Tobi und der Jüngling gehen in das Haus.

Da sitzen alle um den Tisch herum. Man hatte über das gesprochen, was zuvor der Ferne lehrte. „Da ist tief einzustechen“, sagt Tobias. „Leicht ist nicht alles aufzunehmen.“ Hanna reicht dazwischen Obst, Brot und Getränke dar. „Doch wie recht hat unser“, nach einer kleinen Pause sinnt Tobias, „Himmelsfreund gesagt: Was leicht ist, gibt oft kein Gewicht. Befassen wir uns mit dem Schwereren, die wunderbare Kost des Lichts.

Sehr wertvoll war die ‚echte und die falsche Liebe‘, Letztere ein Begehren. Ja ja, da sind wir Menschen schnell dabei: verlangen und behalten. Habe gleichfalls schlecht getan, meinen Tobi wegen zehn Pfund Silber in ein fremdes Land, in Gefahr zu schicken. Er hätte ja . . .“ „Er hat sie dir zurückgebracht“, fällt Simeas ein.

„Doch das Beste kam für uns mit: der Jüngling! Ich sage auch: der Himmelsfreund! Wieviel haben wir durch ihn von unserm ‚nahen Gott‘ erhalten. Schon, daß er uns vom alten Zopf befreite: ‚Der Gott unserer alten Väter’. Ah ja, niemals sage ich das mehr und ist abgetan. Für mich gibt‘s fernerhin allein den — richtiger: unseren nahen Gott!“

„Das heißt: jetzt völlig aufgewacht!“ erklingt es von der Pforte her. Das Lichtgesicht strahlt heller als ein hellster Sonnenstrahl. Könnten je wir Menschen solche Freude leuchten lassen? Wohl kaum. Ein Gedankengang des Tobias. Und zudem das: Wo wäre denn der Unterschied, wenn das Weltirdische sich zeigen könnte wie es allein das Himmlische vermag? Nein, dieses hat den Vorzug in den hohen Dingen; und ist gut. Wieder werden die Gedanken aufgeblättert, als hätte Tobias gesprochen, statt bloß gedacht.

„Was des Himmels ist, das bleibt dem Lichtreich vorbehalten, wie eure Sonne auch nicht auf der Erde ist, wie ihr Menschen auf ihr wandelt. Aber wie die Sonne ihre Licht- und Lebensstrahlen auf die Welt und anderwärts hernieder sendet, genauso kommt das Himmlische auf euch herab und segnet, was des Segens und des Lichts bedarf. Dieses Maß ist für euch fühlbar, dennoch unmeßbar, für jene, die Gott nicht anerkennen, ohnehin verborgen, genau und ebenso, wie die Sonne hinter Wolken sich verbirgt. Aber — sie ist da, wandelt ihren heilsgesetzten Gang. Heilsgesetzt bleibt ewiglich des Schöpfers Gnadensegen über allen Seinen Werken!

Gott freut sich über euch, ihr habt euch ganz bereit erklärt, von IHM sich führen lassend, dankbar Seine Gnade anzunehmen und du, Freund Tobias, hast es besonders tief ergriffen. Wohl dir. Doch euch allen auch. Das ist meine Freude mit, und auf dieser trage ich die euere hinauf zum Hochaltar der Gottheit, die den Kindern alles ist: Schöpfer, Priester, Gott, Vater, und darin herrlich leuchtend der ‚Heiland von alters her‘ (Jes. 63, 16; 43, 11 u.a.). Wer IHN anerkennt und liebt, Ihm dient im wahren Nächstendienst, der wird das ewige Leben haben schon auf der Erdenwelt.

Freund Harim möchte auf der Welt nicht ewig leben, möchte lieber . . . Ganz recht! Denn ein ewiges Leben gibt‘s in der Materie nirgendwo. Versteht: Das hier erwähnte ‚ewige Leben‘ ist das Heilsempfinden, das unbedingte Wissen, das aus des Lichtes Weisheit kommt, geborgen in dem Herrn zu jeder Stunde, in jeder Zeit, an jedem Ort! Das ist der Inbegriff des ewigen Lebens!

Das reicht wie vom Vaterhause ausgegangen ebenso zurück. Denn, das Heilsempfinden aus dem Geist kann nirgendwo im Vollen existieren, als eben da, von wo es ausgegangen ist. Ja, du atmest auf, Bruder Harim, weil —“ „O ich bitte dich, laß dich unterbrechen! Schon das Wort ‚Freund‘ verdiene ich noch lange nicht, nehme es jedoch mit Dankbarkeit und Demut an. Aber ‚Bruder‘? Ah, da fehlt mir doch die ganze Himmelsleiter, auch bis hinauf in das von dir wieder herrlich aufgeklärte Heilsempfinden.“

„Wir werden sehen, ob die Bruderschaft, worin die Schwestern fest mit eingeschlossen, sind, der VATER gelten läßt. Gilt es von Ihm aus, und ich hätte es ja nicht gesagt, wenn es nicht stimmt, warum sträubst du dich, ein Bruder mir zu sein?“ Das ist wieder schwer, denkt Tobi, von den anderen keine Rede. Er deshalb, weil er mondelang mit seinem Wanderfreund vereint gewesen ist und hat immerzu den Unterschied gespürt, nur nicht ganz genau erkannt.

„Möchte ich“, fällt Tobi hastig ein. „Es ist ja zu bedenken, daß wir nur durch Gottes Güte deine Lichtgeschwister sind, du aber nicht der unsere, weil du ganz anders bist als wir Kleinlinge auf dieser Welt.“ „Jetzt hast du deine Weisheit in den Sack gesteckt Tobi. Frage: Seid ihr mit mir auf einer Stufe stehend, auf Gottes lieber ‚Kinderstufe‘, wie hernach bin ich‘s nicht auch? Diesen Falles gibt es nur die Gegenseitigkeit. Oder nicht?“

„So gesehen, ja“, stimmt Simeas gern ein, aus einer Herzensfreude, die ihn schier übermannt. „Das genügt ja auch“, bestätigt es der Ferne. „Außerdem sollt ihr euch befreien vom beengenden Gefühl, das Harims Himmelsleiter leicht zerbrechen, zumindest unterbrechen kann. Und das wollt ihr alle nicht, ja?“ „Ach du“, seufzt Mortutus, und Rankenos tut‘s ihm nach, „du hast uns wirklich aus dem schlimmsten Schmutz geholt, da sollen wir — ich — nein, ist nicht auszudenken. Weißt du, was ich sagen will?“ „Wissen schon, der anderen wegen sprich es aus, damit wir diesen Hemmungsbalken auch beseitigen, wo nötig, ganz zerstören können.“

„Ich denke mir: ein Bruder werde ich dir niemals sein, nicht sein können; doch ein Knecht, ja, der möcht‘ ich werden. Dann — bin ich auch ein bißchen in der Nähe Gottes, weil du Ihm ganz nahe stehst. Das weiß ich nun, den Glauben laß ich mir nicht nehmen.“ Oh, sinnt Harim, ein Räuber und denkt wahrlich tief. Knecht? Wäre gut, wenn ich‘s schon wäre. Hat nicht der Herr in alter Zeit von den Propheten und den Sendungen gesprochen, daß sie Seine Knechte sind? Und hat treue Mägde eingesetzt.

„Mit Knecht und Magd habt ihr tief gestochen; vor unserem hochgeliebten Vater kann das bleiben, weil wir vom Himmel her der Arbeit und des Dienstes wegen Knechte und die Mägde sind. Ziehe ich jetzt einmal Mortutus und Rankenos hervor, so des Beispiels wegen. Wie wäre es, wenn ich euch meine „kleinen Brüder“ nenne, vor Gott es seid und selber wollt?“ Wie hochgerissen stehen beide Räuber auf und stürzen vor dem Jüngling nieder.

„Kleine Brüder! Welch unerhörte Seligkeit! Da dürfen wir ein weiteres Schrittchen Gott uns nahen! Du großer Bruder nimm uns Kleine bitte an die Hand. Und wenn wir einst — ach, es ist ja nicht zu fassen —‚ ja doch einmal vor Gott, dem Höchsten knieen dürfen, dann bleibe bitte uns zur Seite.“ Die reifen Männer, Tobias und Harim, Simeas, auch Tobi und die beiden Hanna, sogar die junge Sara spüren es, was jetzt für alle vorgegangen ist.

Wieder sehen sie das überglänzte Angesicht des Fernen. Ach, denkt Harim, dumm bin ich gewesen, dachte wunder, was ich weiß. Und nun — wenn aber schon, kein Zweifel gilt mehr, daß der Jüngling einer von ganz oben ist, sich so herrlich zeigen kann, wie wäre es, wenn man — nein, das ist nicht auszudenken: wenn man GOTT begegnen dürfte. Welche Herrlichkeiten würden uns da überfluten. In dieser Lichtflut müßte man versinken. Alle haben ähnliche Gedanken, sprechen sie nur nicht aus und warten, was der ‚Himmelsgast‘ zu sagen hat.

„Unser Mortutus, doch ihr alle“, zeigt der Jüngling in die Runde, „hat es gut erfaßt und gut gesagt. Es ist schon eine Seligkeit für Menschen, wenn ein Lichtgeist kommt und sie belehrt. Glaubt es aber auch: Was wir zu bringen haben, ist Gottes Gnadenwort; niemals tragen wir was anderes herab, als was für uns gesagt — der Herr, unser aller Vater, auf den Heiligen Herd Seines Sankt Sanktuariums legt. Von da nehmen wir es an und tragen es an jeden Ort, den der Schöpfer-Vater vorgesehen hat und uns befiehlt, dahin zu gehen.

Befehl? denkt ihr. Nun, noch wißt ihr nicht, was ein Lichtbefehl bedeutet. Er gleicht in nichts einem weltlichen Befehl von armen Großen, die sich am wenigsten an eigene Befehle halten. Aber Gott der Höchst- Herrliche? Was Er befiehlt, ist ein ‚Sagen‘, „Ich sage euch“ (u.a. Joh. 12, 48). Ewig nichts gibt Er in Auftrag, was nicht in Seiner eigenen UR-Ewigkeit als festgeprägtes Wort gewesen ist, aus dem Gedankenreichtum Seiner Herrlichkeit!

Nehmt das ‚kleine Brüder, kleine Schwestern‘ freudig auf; so seid ihr mit Gott, dem Vater, eng verbunden. Ihr würdet staunen, es kaum für wahr erachten, wie im Lichtreich die Geschwisterliebe herrscht. Freilich — in der Materie kann, der Erlösung wegen, immer von dem Gnadenreichtum nur ein Abglanz fallen; aber der ist groß genug, um alle Wandernden und alle armen Hingefallenen zu erfassen. Seht, so bin ich wirklich euer Bruder. Es spielt keine Rolle, wenn nur eure Herzen offen sind und bleiben, Gottes Gnade aufzunehmen, ob ich euch Gottes Liebe, Seine Worte bringen kann und darf, oder ob ihr die Nehmer seid.

Es gibt ewig keinen Geber, wenn es keine Nehmer gibt! Achtet auf und verwechselt‘s nicht: Der Schöpfer-Gott, dessen sieben Strahlen in Ihm lohten, ehe Er ein Innenwerk (deren Zahlen nicht zu zählen sind), ins äußerliche Dasein stellte, hatte eben aus den sieben Eigenschaften Seiner hocherhabenen UR-Wesenheit beschlossen, Liebe-Nehmende zu schaffen, auf daß Er aus Seiner Geber-Herrlichkeit für sie, die Nehmenden, der Geber sei!

Das war das Vater-Kind-Verhältnis, aufgebaut auf dem Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf, Priester und dem Kindesgeist, Gott und der lebendigen Seele (1. Mo. 2, 7), was insgesamt das erwähnte geheiligte Verhältnis zwischen Vater und dem Kind ergab. Daraus möget ihr ersehen, daß ebenso wir Himmlischen, selbst wenn wir Bringer sind — keine Geber, wohlgemerkt!, nichts anderes dem Vater gegenüber sind, als Nehmende. Sogar auf dieser Welt, wo vieles Gute beinah untergeht, gibt es keinen Menschen, der Geber ist, wenn ihm keine Nehmenden gegenüberstehn.

Seht euch selber in der Runde an; und ist‘s auch nur ein kleines Bild, könnt ihr für alles andere den Maßstab nehmen: Könnte Tobias und seine Hanna liebe Gastgeber sein, wenn an ihrem Tische keine Gäste sitzen? Auch ich bin jetzt ein Gast des Hauses und bin es gern.“ Hanna schluchzt laut auf.

„O Jüngling, du bist — wie soll ich sagen?, aus großer Liebe hergekommen. Wir, einer wie der andere, sind deine Gäste; du hast uns ja des Himmels Brot gebracht.“ Tief ergriffen faßt Tobias tastend nach seinem Weib. „Du hast das Beste ausgesagt. Wir sind die Gäste. Unser Himmelsfreund hat uns des Vaters gute Hausmannskost gebracht. Ist es nicht so?“ wendet er sich fragend an den Fernen.

„Es ist gut, daß ihr nicht, noch nicht, den Strahl erblickt, den jetzt der Vater auf euch niedersendet. Ja, seht: wenn wir etwas bringen, dann sind wir zugleich des Vaters Gäste, weil Er uns erst gibt, ganz recht: Seine gute Hausmannskost! Und die ist ewiglich mehr wert als alles, was die Weltlinge sich gern erdenken. Aber nun haben wir, Tobi und ich, noch etwas anderes vor.

Berichte dein Erlebnis mit dem Fisch, vor dem dir graute, dann ergibt sich alles Weitere von selbst.“ Tobi kommt dem nach und alle horchen auf. Sara sagt: „Nur gut, daß das Ungeheuer den Tobi nicht gefressen hat.“ Trotz allem Ernst und jener Herzensfreude, die allesamt schon längst erfaßte, lacht die Runde auf. Sogar der Jüngling lacht perlend mit.

„Hast recht, Schwesterchen; ich war dabei, da konnte nichts passieren. Der Fisch war kein Ungeheuer, nur sehr groß.“ Tobi berichtet weiter und holt die hergestellte Salbe, die er in einem kleinen Lederschlauch verwahrte. Solche, auch größere für Wein und Wasser, hatte jeder auf weiterem Weg bei sich. Kam man an einen Brunnen, so füllte man sich seinen Schlauch; man wußte es ja nicht, ob man bald wieder einen guten Brunnen fand. Also hatte Tobi auf Anraten des Jünglings auch die Salbe bestens aufbewahrt.

Er übergibt sie diesem gleich, sagend: „Du kannst sie verwenden; denn alles kam und ging durch deine Hand. Ja ja, ich weiß — durch GOTTES Hand! Aber eben über dich.“ Es tritt eine sonderbare Stille ein, wie eine Feierlichkeit. Fast ist es einer Himmelsruhe gleich, was über diesen Menschen liegt. Der Ferne wendet sich an alle, doch direkt an Tobias.

„Ich sagte schon, daß Gott jetzt große Freude hat, weil ihr euch Ihm hingegeben habt wie nie in eurem Leben, es sei einer älter oder jung. Eine Ausnahme hebe ich hervor, und das ist Tobias. Abgesehen davon, daß jeder Mensch mal mehr, mal weniger vom ganz geraden Weg des Glaubens und des Gutseins abirren kann; davon haben wir genug gesprochen. Gott läßt euch aber sagen:

Tobias hat sich stets an seinen Gott gehalten, hat nicht danach gefragt und nur heimlich manchesmal gebangt, wenn er nachts die armen Hin gemordeten begrub, was von einem Weltlichen verboten war, ob es ihn betreffen könne. Er handelte nach seiner Liebe, zuerst zu Gott, wie der Herr durch Mose anbefahl: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Mo. 19, 18), welches Gebot der treue Tobias gehalten hat wie heutzutag es wenige Leute tun. Dann hat er damit aber auch die Liebe zu den Nächsten aufgebracht, wie wieder wenige es tun. Nicht einmal kam es ihm zum Sinn, er könnte durch die Leichen, die in der Wärme schnell verwesten, so erkranken, daß ihn und die Seinen auch der Tod erfaßte.

Ein Übel ist ihm im Samariterdienst geschehen: er wurde blind. Aber achtet auf!, nur äußerlich ist Tobias blind geworden; seinem Herzen, seiner Seele, seinem Geiste, dem Gemüte nach blieb er bis zum heutigen Tage sehend. Nun streckt Gott die Hand des Segens aus, und er soll sein Augenlicht zurückerhalten.

Tobias, bleibe ruhig, es wird ein wenig brennen, doch das vergeht sehr rasch.“ Der Jüngling nimmt die leichte Binde ab, die Tobias stets trägt, wenn Gäste bei ihm sind. Sie sollen nicht das Brandmal sehen, was der Vogeldung ätzend hinterlassen hatte.

Der Jüngling öffnet den Verschluß des Schlauches und streicht von der Salbe über beide Augen hin. Erst zuckt Tobias zusammen; es brennt ziemlich stark und wenn er auch den Glauben hat, so hinkt die Hoffnung — ganz verständlich — doch ein wenig hinterdrein, ob ihm tatsächlich nun geholfen werden könnte. Fest faltet er die Hände, und trotz all dem etwas wirren Gedankengang glaubt er dennoch an die Güte Gottes, an Sein Wundertun. Wer könnte denn wohl Wundertun als ER allein? Hoch erregt sehen alle zu, besonders Hanna und der junge Tobi.

Eine Weile legt der Ferne beide Hände auf die blinden Augen. Der Schmerz läßt nach. Ja, wie ein wonniges Gefühl durchrieselt es den Blinden, ihm ist jetzt so, als ob er neu geboren wäre. „Nun öffne deine Augen“, sagt der Jüngling, indem er Tobias fest an den Schultern hält, um ihn zu stützen, wenn er wankend würde. Das geschieht ja auch. Zu groß, zu übermächtig ist das Gefühl, als er die Augen öffnet, erst langsam, noch ein wenig wie in Scheu: was wird werden? Aber dann — dann ein Schrei, aus tiefster Seele kommend, entringt sich seiner alten Brust.

„Ich kann sehen! O mein Gott!“ Mehr kann Tobias nicht über seine Lippen bringen. Simeas kniet nieder, alle tun es eilig nach. Er betet innig: „Herr Gott, Dir danke ich! Heute hast Du uns ein großes Gnaden Wunder offenbart. Dir danke ich aus vollem Herzen, weil Du meinem alten Freund geholfen hast, ihm die Augen wieder aufgetan, hast uns auch die Augen unsrer Seelen heil gemacht. Ach ja, wir glaubten wohl an Dich; allein, was wir nun durch Deinen lieben Himmelsboten haben nehmen dürfen, eine Gnade um die andere, das erst machte unsre blinden Seelen sehend. Lob, Dank, Preis und Ehre Dir, o wunderbarer Vater-Gott!

Immer höhere Wellen schlägt die Freude. Man weiß nicht, soll man dem Jüngling, Tobias oder sich gegenseitig in die Arme fallen. Die tumultartige Freude erfüllt den Raum und es hört niemand jetzt das Klopfen an der Pforte. Der Ferne lächelt freilich vor sich hin, selber hoch beglückt. Oh, Sein Vater UR! Er kennt ja diesen Namen, der für die Materie noch nicht offenkundig ward. Sein Herz fließt gleichfalls über in Lob und Anbetung.

Die Tür wird aufgetan. Zwei Männer treten ein. „Was ist denn bei euch los? Wir klopften lang, niemand tat uns auf. Da sind wir eben eingetreten. Ha, bei dem Tumult konnte uns auch keiner hören!“ Es sind Maasja, der Oberste von Kana, und der Älteste Meremoth aus Nazareth, die auch einmal nach Tobias sehen wollten, nachdem die Kunde der Erblindung bis zu ihnen drang.

„Maasja, Meremoth!“ Tobias ruft es freudig aus. Er umarmt die Freunde. „Euch hat auch der Herr zu uns geführt!“ „Warte mal“, sagt Maasja, „wir hörten, du seiest blind geworden, doch du kannst ja sehen. Ha, immer wird so viel dahergeredet, und das meiste stimmt gar nicht.“ „Doch, Freunde, es hat gestimmt. Ein großes Wunder ist an mir geschehen. Gerade eben hat der Herr die Augen mir geheilt, durch unsern Himmelsfreund“, zeigt er auf den Fernen, den er wieder inniglich umarmt.

„Mir kommt vor“, fällt Meremoth hastig ein, „ihr seid allesamt verwirrt. Dazu Harim und Simeas? Das ist doch kaum zu glauben, daß ihr beide einem Zauberwesen anheim fallt!“ Harim hebt die Hände: „Warte erst mal ab, Freund Meremoth, alsdann wirst auch du noch sehend werden — deiner Seele nach, wie wir heute es geworden sind, während Tobias wirklich blind gewesen war, nun aber sich die hohe Gnade Gottes an ihm offenbarte.

Zauberer gibt‘s in diesem Hause nicht. Ach ja, ich war auch erst skeptisch bis dorthinaus. Doch was alles wir erlebten und was für Heilsworte wir empfangen haben, da bin ich aufgewacht. Dachte auch zuerst: was kann solch Junger bringen? Redet doch mit ihm und bald werdet ihr erkennen, wer und was sich hinter ihm verbirgt. Nein, nicht verbergen, sondern offen zeigt, wenn wir auch noch keinen Namen von ihm wissen.“

„Da haben wir‘s!“ zankt Maasja. „Namenlose Strolche, deren gibt es viele, die Gutgläubigen Sand in ihre Augen streuen! Komme her, du Junge, laß dich prüfen, wenn du ehrlich bist.“ Das Letzte sagt Maasja zögernd; denn als der Jüngling näher tritt, sein Wesen, die lichthaften Augen sieht, wird‘s ihm etwas mulmig. Hm, der ist ganz anders, sieht nicht so aus, als ob — „Hier stehe ich!“ Eine sanfte und dennoch durchdringende Stimme, die Beiden neu hinzugekommenen das Herz erzittern läßt. Als sie nun alles hören, was sich zugetragen hat, auch was auf des Tobi Reise vor sich ging, daß Tobias blind gewesen war und jetzt in dieser hohen Gnadenstunde sehend ward, werden Meremoth und Maasja ziemlich klein. Es geht ihnen wie es Simeas und Harim ging, allen anderen ebenfalls.

„Wenn das sich alles zugetragen hat“, bekennt Maasja, „ich muß euch Glauben schenken, dann allerdings, dann — Aber weshalb hast du dich noch gar nicht vorgestellt?, den Namen nicht genannt?“, fragt er den Fernen, wobei ihm ein bißchen Angst im Herzen sitzt, „nachher könnte man es wissen, wer du bist.“ „Wir sind uns alle einig“, sagt Simeas verhalten, Freude strahlt aus seinem Blick, „daß der Jüngling unser naher Freund geworden ist, wie er uns auch Gott, den wir immer den ‚Gott unserer alten Väter‘ nannten, ganz nahe brachte, als unseren ganz nahen Gott!

Also nennen wir ihn Himmelsfreund; denn auch des Himmels Freude hat er uns gebracht. Doch halt —“ er faßt mutig nach des Fernen Hand, „du kannst unseren Freunden besser helfen, als ich‘s vermag. Bin zudem gespannt, was du für eine Lichtantwort zu geben weißt.“ „Da bin ich auch gespannt“, meint Meremoth noch immer etwas ungewiß. Wunder? Die sind früher mal geschehen, zur Zeit des Patriarchen Abraham, zu Mose und zu Josua‘s Zeit. Heute — ? Ah, da müßte sich ganz Israel mit allen seinen Leuten wenden: etwa dann vielleicht — Trotzdem fragt er nochmals nach des Fernen Namen, tut es aber auch ein wenig bänglich.

„Ich kann dir mit einer Antwort dienen. Du bist gern draufaus, eine Ehre einzuheimsen, weil du schriftbewandert bist, dazu ein Ältester, dessen Ansehen du gern pflegst. Dir gelten Namen mehr als eines Menschen Wesen. Ob ein Armer ohne Amt und Würde, seiner Seele nach, viel höher steht als all die armen Hohen dieser Welt — hast du danach gefragt? Nein!

Es ist nicht hart gesprochen, es ist Wahrheit und die tut manchem weh, nicht wahr? Glaube ja: du und Maasja seid nach euerem Bedünken selber hergekommen. Doch, daß es des Geistes Führung wäre, habt ihr das bedacht? Nein! Ihr seid nicht die Einzigen, nicht die Ersten oder Letzten, die das nicht bedenken, und Gott sieht das gar nicht an. Aber ob ihr euch jetzt wenden wollt, das sieht Er an. Möchtet ihr das letzte Weltliche, was ihr noch tragt, nicht von euch werfen? O ja, ihr glaubt an Gott, sonst“, sehr ernst betont, „stündet ihr jetzt nicht in diesem Raum, den GOTT geheiligt hat!

Wähnet nicht, eine Synagoge wäre ein geheiligter Raum, ein Tempel und dergleichen. GOTT kehrt ein, wie, wo und wann Er will! Er hängt nie von eurem Denken ab! Oder doch?“ „Nein“, klingt es förmlich kläglich, „wir Menschen hängen von Ihm ab, nicht Er von uns.“ „Eine brauchbare Erkenntnis“, lobt der Ferne, „darauf läßt sich weiterbauen. Könnt ihr glauben, Gott, der Ewige, offenbart Seine Wunder gleichfalls, wann, wie und wo Er will?“

„Ja, das muß man glauben“, bekennt Maasja. „Muß lieber nicht“, lehrt der Ferne. „Ein armes Muß zerbricht sehr bald. Glauben wollen, aus Liebe können, das hat ewigen Bestand.“ Meremoth und Maasja horchen auf. Das ist die Lehre eines alten Weisen, aber keine eines Jungen. Sie merken beide, daß hier etwas vorgegangen ist, was sie nie in ihrem ganzen Leben wahrgenommen hatten. Da bittet Maasja plötzlich: „Führe mich zu unserem nahen Gott. Das, was du sagtest, hat mir gezeigt: es gibt doch noch Gnadenwunder.“

Es ist eines, weil die beiden Männer sich so rasch gewendet haben. ‚Das war das Licht‘, denkt Tobias, dessen Dank und Freude ungeheuer ist. Das steht bei ihm an erster Stelle, an der zweiten, weil die Freunde zur Erkenntnis kamen. — Es bricht ein Abend über sie herein, so unendlich seligvoll, sie fühlen sich fast nicht mehr auf der Welt. Und da — — —

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