Das himmlische Final.
Wer öffnet jetzt die Türe? Kein Gast ist zu erwarten. Und doch — Ein Luftzug zeigt es an, daß jemand eingetreten ist. Da — o da! Wie ein Lichtschein steht es an der Tür. Erstarrt schauen alle darauf hin. Sieht aus wie eine Kerze, die man damals aber gar nicht kannte. Das Licht wird stark, gewinnt an Strahl und Form, und siehe: wie eine Menschgestalt steht‘s da, groß und wundersam. Oh, wer hat jemals solch ein Licht gesehen? Wo kommt es her? Wer verbirgt sich in dem Licht? Oder — richtiger: wer will sich offenbaren? Keiner der Versammelten ist einer Regung mächtig. Dabei geht ein Strom über ihre Herzen hin, unbeschreiblich, und doch genau zu spüren. Oh, das Wort — das Wort!
„Kinder auf der Welt!“ Das allein genügt, sich tief zu beugen, zu wissen und doch nicht zu glauben, aus Demut in der Hingabe an den Vater-Gott. Tobias ist zunächst der Erste, der sofort erkennt, daß bloß GOTT so sprechen kann. Dazu das Feine: ‚auf‘ der Welt, nicht ‚von‘. Aus unaussprechlich hoher Gnade durften sie sich von der Welt entfernen, sich von ihr trennen; nicht mehr gehören sie ihr an. Ohne Worte steigt ein Dankgebet zum Herrn empor, nein, jetzt hin zu Ihm. Tränennaß sind die wieder sehend gewordenen Augen. Und noch einmal das Wort:
„Kinder auf der Welt! Ihr könnt es gar nicht fassen, was nun vor sich geht. Ich sehe euere Demut an, die Mir das beste Kindesopfer ist. O denket nicht: Demut wäre eine Unterwürfigkeit, obwohl ihr euch jetzt gern Mir unterwerft, möchtet von Mir rücken, befindet euch nicht wert genug, überhaupt ein Wort von eurem Gott zu hören, geschweige Mich zu sehen.“
Mehr und mehr hat sich die Lichtgestalt enthüllt. Es ist ein hoher Mann, so ehrwürdig, wie sie niemals jemanden gesehen hatten, nahe, ganz anders, als ein noch so guter Mensch einem anderen nahe ist trotz Hoheit in der Liebe. Da ist es wie ein Zug. Erst steht Tobias auf; noch zagend, kniet er vor dem Vater nieder. Ja ja, jauchzt sein Herz: es ist der Vater; nicht als Gott, als Schöpfer kam Er her. Oder — Alle sind ihm nachgeeilt und knieen auch. Freundlich hebt der Herr die Hände hoch, segnend, alle Bangnis streichend, die sehr wohl die Menschen überfallen kann.
„Meine Kinder, ihr seid bis in den tiefsten Seelengrund erschüttert, seht die Wahrheit Meines Kommens und könnt‘s kaum glauben, was euch an Gnadenheil zuteil geworden ist. Ja, da muß Ich, euch nur als Vater, als der Liebende zu euch kommen, auch zum Heil des Tobias, der meint, Ich wäre nicht als ‚Gott und Schöpfer‘ da, den Gedankengang erklären.
Ich frage dich, Mein Sohn: was ist dir mehr wert, als was Ich jetzt vor euch erscheinen soll? Als Schöpfer, Priester, Gott, oder bloß als Vater? Sei nicht ängstlich, Mir eine Antwort darzubringen. Bin Ich jedoch gekommen, könnte es da nicht allein für euch zur Segensfreude sein? Und kann ich als Schöpfer weniger segnen, denn als Vater?, oder wie auch immer Ich Mich offenbare?“ So freundlich klingt die Stimme und liegt darin doch eine Mahnung, jenes Fragen, das nur dem Höchsten möglich ist und keinem Menschen, etwa nicht einmal den hohen Engeln.
Jetzt erst bemerken alle, daß der Jüngling, ihr Lichtfreund, an der Pforte steht, hinter Gott, und so, als ob er nun die Türe fest verschlossen hätte, damit niemand mehr an diesem Abend stören kann. Indes besinnt sich Tobias. Oh, es ist gar nicht leicht, eine Antwort zu geben, die gerecht, richtig, und dem Vater wohlgefällig wäre. Aber es gelingt.
„O Herr, wenn ich VATER sagen darf, dann ist es pure Gnade, die mir, die uns heute überkommen ist. Doch Deine Frage und sieh, das kann kein Mensch, wie in Deinen Fragen gleich die Antwort liegt, so leicht machst Du es Deinen Kindern. Ohne Überlegung, ohne sich von Dir erst geben zu lassen, da wäre es sehr schlecht bestellt, Dir mit einer Antwort Freude zu bereiten. So nimm mein Ungenügend bitte an, vielleicht“, ein kurzes Zögern, „darf ich Dir in Deine liebevolle Hände legen: mein ganzes Herz, mich selbst!
Nun Du in Deiner Herrlichkeit, so weit wir sie bereits ertragen können, und in übergroßer Freundlichkeit gekommen bist, da kann ich gar nichts anderes bekennen: Nicht bloß als VATER bist Du uns erschienen, nein nein — Du bist ja unser SCHOPFER, Du hast uns aus Deinem hehren Lebensborn herausgehoben und als PRIESTER hast Du uns erweckt. Als guter ewig-wahrer GOTT hast Du uns auf unseren Weg gestellt, dann erst als VATER uns das Ziel gezeigt, wohin wir zu gehen hätten: zu Dir zurück!
Es war Deine Güte, nicht mehr von der Welt zu sprechen, nur auf, weil wir Deine Wanderkinder sind.“ Alle horchen zu; zumal die vier Männer sind beglückt, weil Tobias das Beste dargeboten hat. Nachträglich, das schadet nichts, denken sie nun auch wie er: Der Herr ist alles in allem! Man kann Ihn nicht zerteilen, eine hocherhabene Wesenheit vor die anderen zu stellen. Denn Er ist der EINE! Es geht wahrhaftig zusätzlich ein weiteres Strahlen über das Gesicht, das den Menschen immer deutlicher erscheint.
„Gut erkannt, Mein Sohn, hast deine Brüder, deine Schwestern fest mit eingeschlossen. Also braucht sich keiner an den Rand zu drücken, wie Mortutus und Rankenos es tun.“ Die zwei liegen wie zerschmettert da. Freilich, geistig sind sie noch nicht ausgereift, was ohnehin von niemandem zu sagen ist. Die letzte Reife, wie auch die letzte Seligkeit im Liebe-Schöpfungstag wird zum höchsten Segen, zur gleich höchsten Kindesfreude, auf den Feierabend aufgehoben.
„Es kommt den Kindern zu, vor Mir, in Demut zu verharren; darüber hinaus, das nehmt freudig auf, ist Mir es dennoch lieber, wenn sie mit und aus der Demut sich Mir anvertrauen, in jener Kindlichkeit, die das Schöpfer- und Geschöpf-Verhältnis unangetastet läßt, wie ebenso das Verhältnis zwischen Priester-Geist und Gott-Seele. Durch ein von euch bestens aufgebrachtes Vater-Kind-Verhältnis werden alle Schranken aufgehoben, die ein Kind bedrücken kann.
Wohlverstanden: von MIR aus gibt es keine Schranken, außer jener, die Meine Heiligkeit betrifft, die das urewige eigene Sein Meiner Wesenheit enthält. Diese Schranke, für die Kinder hoch gesegnet, ist das beste Bindeglied zwischen Mir als Vater und den Kindern! So ist es an sich recht, wenn eure zwei noch kleinen Brüder — in seelischer Hinsicht“, gemeint sind die Räuber, „sich bücken, mehr als ihr alle, obwohl auch euere Herzen sich in wahrer Demut neigten. Aber nun meine Ich, ist‘s des Bückens eigentlich genug, und Mir ist es ungleich lieber, wer sich zu Mir erheben läßt; denn so kommt dann auch der sogenannte ‚höhere Segen‘ über euch.
Harim denkt, ob Ich, der ich doch der einige Hergott wäre, verschiedene Segensarten hätte und das hielte er für nicht ganz recht. Nun Mein Sohn, betrachten wir dein Denken. Weil Ich der EINE bin, habe ich für alle Meine Heils- und Wesensarten stets ein Maß und gibt es keine Unterschiede in allen Dingen — von Mir aus besehen. Bei Mir und was Ich gebe, ist allzeit eines!
Allerdings kommt es nun darauf an, wie sich ein Kind zu Meinen Gnadengaben stellt. Wer sein Herz nur spaltweis öffnet, kann nicht mehr empfangen, als was so schmal er in sich fließen läßt. Wer sich zur Hälfte öffnet, bekommt von allen Gaben, die er sich erbittet, die ihm nützlich sind, eben auch die Hälfte. Gibt sich ein Kind Mir völlig hin, sagt selbst, sollte da nicht auch Mein Gnadenmaß ein volles sein?
Maasja fragt, insgeheim, statt Mir selbst die Frage vorzulegen, wobei sein Herz nicht ganz geöffnet ist und möchte es doch gern, daß ein Kindgeschöpf, zumal als Mensch, unmöglich volle Licht- und Gnadenmaße aufzunehmen wüßte. Der Unterschied zwischen dem unendlichewigen Geber und euch, als immerfort die Nehmer, wäre viel zu groß, als daß eine Fülle, gleich welcher Art, ertragbar wäre. So gesehen, lieber Sohn, hättest du ganz recht; vergiß nur nicht mit zu bedenken, ob Ich nicht jedes Gnadenmaß bemessen kann und es für jeweils jedes Kind entsprechend doch die Fülle wäre, wenn das Herz Mir gänzlich dargeboten wird.
Jetzt drücke dich nicht nieder, schämend, hättest falsch gedacht und Mich betrübt. Nein, Maasja, das hast du nicht! Sieh, betrüben, im Sinne Meiner Gottes-Majestät, kann Mich kein Kind! Es sei denn, Ich hätte in Mir je ein Manko, ob klein, ob groß, spielte keine Rolle. Hinwiederum kann man Mich betrüben, wenn ein Kind mit Absicht Mir den Rücken kehrt, den Nachbarn Böses tut, anderen den Glauben stiehlt. Dann stehe Ich als VATER vor dem Kind, ungesehen, von ihm ungewollt und stets geleugnet.
Im Vater-Kind-Verhältnis also kann man Mich betrüben; bloß lege Ich zum Heile eines solchen Kindes Mein Betrübtsein Meinem hehren Priester-Wesen in die Hand, und ausgleichend werde Ich als Schöpfer und als Gott bei einer letzten Abrechnung bedenken, weshalb sich jemand arg gebärdet hat. Selten, meist nur vorübergehend, wird ein Lichtkind, das zum Mitopferdienst in die Materie geht, sich einmal in solchen Strudel fallen lassen. Denn das Erbteil, aus dem Licht, bleibt dominierend. Anders bei den armen Mitgefallenen. Diese waren ja von sich aus arg und widerwärtig, wenngleich die Grundschuld dem Verführer anzulasten ist. Doch kein Kind war jemals ohne Meine Hilfe ausgestattet, jedes trotz Verführungskunst des Hauptschuldners (Sadhana), fähig, sich aus der Verstrickung zu befreien, sich selbst Mir zuzuwenden.
Also schaue hoch, Maasja, ihr anderen auch, dann werdet ihr den für euch höchstgesteigerten Segen haben. Überlege dir: wenn jemand wie gesagt, sein Herz nur wenig öffnet, deshalb weniger bekommt, kann Ich bestimmt das beste Maß verwenden und wird mehr geschehen, als jemand aufzunehmen weiß. Denn Meine Güte währet ewig (Luk. 6,35)! Das hast du nun verstanden und bestens aufgenommen.
Meremoth bedenkt auch noch ein Problem. Eigentlich ein wenig schwer. Nun, machen wir es leicht, wenn Meremoth die Frage vor Mich bringt. Nicht so, Mein Sohn, ob Ich denn nicht die Frage sehe, da Ich dem Menschen in den tiefsten Seelenschacht hineinzuschauen wüßte. Das sowieso, darüber braucht es keine Lehre. Fasse Mut und kannst der Erste sein, der sich heute sorglos an Mich wendet.“
Meremoth blickt rundum, als ob er von den anderen einen Beistand brauchte. Guter Rat ist teuer, bis Tobias ihm mit den Augen winkt: Rede, es wird für uns zum Heil gereichen. Da nimmt Meremoth sozusagen einen Anlauf, sich selbst zu überspringen. Ein wenig zittert seine Stimme: „Herr, o ewigguter Vatergott, was Du uns in dieser Stunde an Gnadenlast zu tragen gibst ist ungeheuer viel. Niemals werde ich Dir danken können, wie Dir zuzukommen hat. Doch Du siehst auf uns in väterlicher Liebe und Barmherzigkeit, so wird mein kleiner Dank Dir dennoch wohlgefällig sein. Nun die Frage:
Wir wußten, daß Tobias blind geworden war, durch einen Dienst, unter ständiger Gefahr, sein Leben zu verlieren. Ich frage mich — Herr, wollest es mir noch verzeihen —‚ warum auf seinem Tun kein Segen lag; ansonst wäre er nicht blind geworden. Nun kann er wieder sehen und wir nennen es ein Wunder. Ist es aber denn ein solches, wenn nicht bloß ein Wort, ein Handauflegen vor sich ging, sondern unser ferner Freund mit Salbe heilte? Dann ist‘s doch eigentlich kein Wunder. Da komme ich noch nicht ganz mit. Ich würde so gern an das Wunder glauben, zumal — o Herr, zumal Du zu uns Unwürdigen gekommen bist. Möchtest Du es uns erklären? Bitte.“
„Das will Ich tun, Sohn Meremoth, wenn du, wo Ich doch in Meiner Huld zu euch gekommen bin, das Unwürdigsein zur Seite schiebst. Wenn schon, hätte Ich Mich offenbart, wie es jetzt geschieht? Fern, Mein Sohn, bin ICH keinem Kind, es sei unwürdig oder würdig. Ob ein Kind MIR nahesteht, ist seine Angelegenheit und hat mit Meiner segnenden Allgegenwart nichts, gar nichts zu tun. Das klafft auseinander, wie für euch der Himmel und die Welt!
Was deine Frage anbelangt, da will Ich euch in eine Ferne führen, in eine Zeit, die weit voraus jetzt zu betrachten ist. Es wird in euerem Land geschehen, von — MIR! Doch komme Ich dann anders, für die meisten Menschen lange unverständlich, von Unguten und Bösen absichtlich falsch gedeutet (Gott als Heiland). Euch aber braucht es nun nicht zu belasten, bloß aufmerken sollt ihr jetzt.
Auch zu jener Zeit wird es viele Kranke geben, vordringlich die der Seele; und Letztere zu heilen, dazu bedarf es solcher Wunder, die erst recht den Menschen unverständlich sind. Denn dieses TUN geht vom Lichte aus und wird — für jede Seele meist erst nach dem Leibestod verständlich sein.
Doch auch des Leibes Kranke werden von dem Heil gesegnet, das allein ICH zu geben weiß. Ich weiß es stets am besten, wie man dies den geistig arm gewordenen Menschen bietet. Sieh, bei einigen kann Mein Licht-Tun offen wirken, wie du meinst: als Wunder. Bei den meisten nehme Ich ein Äußeres hinzu, um ihre armen Seelen nicht zu bedrücken, weil sie unverständig sind, wie die kleinen Kinder. Den Letzteren ist es nachzusehen, weil sie ja erst wachsen und verständig werden müssen. Wer schon vom Leben eine Präge hat und dennoch unverständig ist in den Glaubens- und Erkenntnisdingen, da nehme Ich zu ihrem Heil das erwähnte Äußere hinzu. Sieh ein Beispiel an, wie es geschehen wird.
Wer, frage Ich, hat die Erde und alle ihre Wunder hergestellt?, die von MIR gesegneten Pflanzen?, Meine ERDE?, die ihr erst noch richtig kennenlernen müßt?, Mein heiliges ERD-REICH? Von diesem werde Ich den Anteil nehmen, wie Mein Himmelsfürst die Salbe nahm, um einem Blindgewordenen die Augen wieder aufzutun. Von MIR nehme Ich ein Inneres dazu (Mark. 8. 23-25; 7, 33-34), weil von Mir ewiglich allein jedwede Heilung möglich ist!
Weil dann das Volk wie jetzt im Ganzen wenig glaubt, so wie in ferner Zeit die Menschheit abseits Meiner Liebe, Meines Heils und Meiner Lehre stehen wird, darum wird es heißen: ‚Sage es niemand, sondern danke, daß du heil geworden bist.‘ Würden eben unter euch noch andere Leute sein, solche, die nicht glauben, die nur spotten können, dann wäre auch das Wunder an Sohn Tobias geheim geschehen um des Seelenheiles willen. Denn gezwungen glauben ist kein Glaube; gezwungen lieben ist keine Liebe; gezwungen hoffen ist keine Hoffnung; das fällt alles in sich selbst zusammen (1. Kor. 13, 13).
Nun ist es bei euch allen hell geworden, gleichgültig, wie etwas geschieht, sondern daß es geschehen ist: Mein Wundertun! Ob selbst mit eigenen Händen, ob Ich jemand dazu ausgerüstet habe — es bleibt Meine Gnade und Mein Heil! Frage: wie kam Mein Himmelssohn dazu, aus einem Fisch, aus dessen Galle anzuordnen, Salbe herzustellen?, für blinde Augen? Habe Ich nicht auch den Fisch gemacht? So wisset denn: was die Erde trägt, kam aus Meinem Segen! Alles könnte jedem Menschen dienen, wollte er sich nur vom Geist belehren lassen! Nun, einmal, wenn die letzte Stunde der Materie angebrochen ist, wird noch manches offenbar, zumal das Himmlische!
Die Leute, die törichten, jammern über ihre ‚üble Zeit‘, was ja mancher unter euch auch mitunter sprach und nicht bedachte, wie ungut diese Rede ist. Nun — heute kann Ich euch darin entlasten, mindestens zum Teil, soweit ihr eure alte Anschauung begraben habt. Wenn ihr schon bedenken wollt, so frage Ich in eurem Sinn: Habt ihr heute keine himmlische Zeit erlebt?“ Spontan wirft Tobias ein: „O Herr, DU bist ja bei uns; da ist auch der Himmel bei uns eingekehrt, zwar ganz wirklich unverdient, sonst“, Tobias zögert leicht, „sonst wäre es auch keine Gnade, die Du uns hernieder trugst, aus eben Deinem Himmel.“
„Gut bedacht, Mein Sohn, deinen Einwand kann man gelten lassen.“ „Verzeih, mein Vater, weil ich Dich unterbrach; doch mein Herz ist einfach übervoll . . .“ „. . . und da läuft es eben über!“ Ein so heiligwundersames Lächeln gleitet über das Gesicht des Höchsten, und der Himmelsfürst strahlt es wider, daß allesamt sich tief verneigen, angefüllt mit Ehrfurcht, Andacht und mit Liebe. Indessen spricht Gott weiter:
‚Jedes Lichtkind hat ein himmlisches Gefäß, und Lichtkindgeister sind gleich zur Stelle, um das Überfließende aufzufangen. Was meint ihr, was sie damit tun?“ Simeas wagt die Antwort und seine Stimme wackelt: „O Vater, wir Menschen können das nicht wissen; Deine Himmelsdinge bleiben ganz bestimmt im Licht, das DEIN Zuhause ist, das Deiner Lichtkindgeister. Doch vielleicht — nachdem Du uns so tiefen Einblick in die Herrlichkeiten gabst, die auch nicht in die Welt, in ihre arme Menschheit passen, denke ich mir so: sie tragen alles heim in des Vaters Haus. Ob es genau so stimmt?, aber wenn jetzt unsre Herzen überfließen, darf das nicht ein kleinstes Lichtgut sein und daher nur in Deinem Reich gesammelt werden kann?“
„Seht an, Simeas geht hurtig seinen Weg, ja, seine Himmelsleiter klettert er hinan. Wohl einem jeden Menschen, der sich bemüht voranzugehen! Und seid gewiß: wenngleich manches dabei fehlt, das sehe Ich mit MEINEN Augen an und nicht mit kurzgehaltenen eines unguten Menschen, der bei anderen die Fehler sucht und findet, auch wo keine sind, oder solche, die nie Mein Licht, Mein Vaterherz beschweren, wo hingegen er sich selbst als unfehlbar betrachtet. Auch wo noch nicht anders möglich, führen kleine Schritte doch zum Ziel.
Es gab auch unter euch die Zeit — und hier ist der Begriff ‚Zeit‘ anzuwenden, wo einer und der andere oft länger stehen blieb, rückwärts schaute, zumal um Dinge dieser Welt, freilich auch in mancher Not, was entlastend aufgeschrieben wird, oder seinen Gang hinter sich gelassen hatte, also rückwärts ging. Nun ist das ausgeglichen, also braucht es euch nicht zu bedrücken, vor allem nicht in Meiner Gegenwart unter euch.“ Da hört man ein tiefes Seufzen von den zwei Räubern. Leis, Gott sollte es nicht hören, sagt Mortutus: „Ach, wir standen nicht mal still, auch rückwärts sind wir nicht gegangen, weil wir überhaupt . . .“
„Rafael“, sagt der Herr zu Seinem Fürsten, wobei alle erstmals ihres Himmelsfreundes Namen hören und mehr entsetzt als begeistert sind, weil sie ihm erst dumm und dann nicht würdiger begegneten, „hole die zwei ‚kleinen Brüder‘ her zu Mir, sie knieen gar zu sehr am Rand und meinen, Ich hätte ihre Flüsterstimme nicht gehört.“ „Hochgeliebter Vater, das tu‘ ich gern.“ Rafael verläßt die Tür, wo er als treuer Wächter stand und wo für ihn ein anderes Lichtgebilde steht. Federn gleich hebt er die starken Männer auf, die es überhaupt nicht merken, wie ihnen eben jetzt geschieht. Ohne Mühe — und wie sollte das dem Fürst der Liebe nicht gelingen? — hat er Mortutus und Rankenos zum Herrn geführt. „Bleibt stehen“, sagt er freundlich, „Gott will euch segnen, weil ihr dessen sehr bedürft.“
Da stehen sie, die Sünder; denn abgegolten wird ihr Tun, auch wenn die Gnade sie gewaschen hat. Es ist aber wie ein Zeichen; es steht jeder auf, drängt sich näher an den Herrn. Da faßt einer nach des Kleides Saum, der andere nach einem Ärmel. Tobias drückt sich gar an Gottes Brust. Es kommt das große Sehnen über alle ‚Ach, läge ich doch auch an Seiner Brust.‘ Wieder geht des Lichtes Lächeln über Gottes heiliges Gesicht. Wie Musik, zugleich wie aus tiefstem Brunnen steigend, hören sie die liebe, wunderbare Stimme:
„Meine Kinder, wartet ab. Hierbei gilt die ‚Zeit‘, jedermann die seine; denn so wie Tobias äußerlich und innerlich Mir am Herzen ruht, so auch ihr, zunächst dem Inneren nach. Das kann jedes Kind, nicht zuletzt, wer auf den Wanderwegen Mich nicht sehen, Mich nicht hören kann. Doch an und in Meinem Herzen (Joh. 15, 7) ruhen sie, Meine Gläubigen, die sich Mühe geben, ganz nah. Die ferne stehn und übel tun, werden durch Barmherzigkeit herangeführt, bis sie zu der Einsicht kommen: Ohne Gott gibt es kein Leben!
Bei Letzteren wird das Jenseits erst die Einsicht bringen; aber steht: da bedeutet Meine Zeit eine für euch unfaßbare Spanne. Meine Zeit ist kein Ablauf, wie die Menschen sich die Jahre und ihr Dasein teilen. Sie ist im höchsten Sinn das Festhalten Meiner Werke!
Ich habe auch davon gesprochen, wer in Trübsal und in Nöten steht, wobei ein Abirren möglich ist. Oh, das nimmt man gern in Anspruch, entschuldigt sich und denkt, wer weiß wie hoch sein Glaube ist. Da warne Ich, weil auch unter euch es hie und dort geschah, in einer Not nicht fest zu bleiben. Achtet auf: Ist es eine echte Not, oft nicht selbst verschuldet, von Argen angetan, dann gilt vor Mir der Ruf: ‚Herr, vergib, ich bin gestrauchelt.‘
Soll ich nicht hören, nicht der Last gedenken, die ein Wanderkind zu tragen hat? Manchmal sieht es aus, als fänden Trübsalswellen gar kein Ende. Das hängt mit dem Weg zusammen, den ein Lichtkind auf sich nimmt schwer verständlich, sogar noch für Meinen Tobias.
Es gibt, was ihr erst im Licht erkennen werdet, sogenannte kleine Wanderkinder, die wenig aufzunehmen haben, weil sie auch im Reiche Meine ‚lieben Kleinen‘ sind. Wer zu dieser Schar gehört (OJ. 7, 9), kann sich ewig glücklich preisen. Dann gibt es die ‚Tragekinder‘, die durch ihre Weltennot für andere arme Hingestürzte Lasten tragen helfen (s. Das Richteramt K. 11). Dieses Tragen wird für das gesamte Kindervolk hoch angerechnet. Solche Not, was die menschliche Seele schwer versteht, wird von MIR Selber ausgeglichen!
Wer jedoch sich selbst ins Elend bringt oder wegen einem kleinen Ungemach, das doch zur Reife seiner Seele dient, Mir eine Rechnung präsentieren will, mit dem Geschrei: ‚Herr, warum hast Du dieses Übel zugelassen?‘, der wundere sich nicht, wenn einst bei seiner Abrechnung vor Meinem Thron Mein ERNST die Waage hebt! Niemand, nichts bleibt ohne Abrechnung, weil ohne solche es zuletzt auch keinen Frieden gibt, keine Seligkeit, keine Himmelsfreude!
Ist das Lebensbüchlein ausgeglichen, sagt selbst, kann dann nicht die Seele jubelnd danken, in Erkenntnis, daß und wie ICH alles für die Kinder wunderbarst gestaltet habe? Das geht euch jetzt ein und ihr nehmt euch vor, nie mehr zu klagen und zu hadern, wenn Weltlinge euch Steine vor die Füße werfen.
Wenn auch bloß als Beispiel vorgesehen, zum Tragenhelfen, so sind die unnötigen Klagen und viel Gejammer auch die Steine, die man MIR vor die Füße werfen will. Wohlgemerkt: will, aber ewig niemals kann! Grundsätzlich stellt ein Mensch, eine Seele, sich die Steine selber vor den Fuß. Über allem jedoch walten ewig Meine Güte, Meine Gnade; und mit Meiner Langmut sänftige Ich Meinen heiligen Geist, der nie angetastet werden darf und um Meines eigenen Opfers Willen niemals kann!
Jeder Versuch darin ist nichts anderes als eine Last, sich selber aufgebürdet. Wenn Ich in Meinem Opfer (Golgatha) im voraus und auch im nachhinein Meinen Mantel der Erbarmung breite, so ist das Mein ewighehres Tun aus Meiner Schöpfermacht, aus der Ich Mein Kindervolk herausgehoben habe!
Nun habt ihr heute viel gehört und es braucht für euch die Zeit, jene anzusehen, die nicht weltlich ist, um alles in euch aufzunehmen, zum eigenen Verdienst und Heil anzuwenden, wo möglich auch für arme andere. Ja“, da ist wieder jenes unendlich hehre Lächeln, das das Angesicht des Heiligen überglänzt. „Ich sehe, wie ihr auch zur Türe blickt, heimlich fragend: ‚Wer ist nun jener, der die Wache übernommen hat?‘ “ Der erst vage Schein hatte sich schon längst zu einer Lichtgestalt geformt, ‚ihrem Himmelsfreunde‘ ähnlich, dessen Namen sie nun wissen.
„Es ist Alaniel, Mein fünfter Fürst und Träger der Geduld. Liebe und Geduld habe Ich zu euch herabgesandt, habe beides Selber euch gebracht, um euch aus euerer Weltennot herauszuführen. Es war für euch und viele eures Volkes, wie die Weltmacht bis zum Ende ihrer Zeit es ferner vielen Menschen bringen wird, schwer und bitterlich zu tragen, wie oft ins Feindesland geführt zu werden. Aber seht: nur die armen Weltmächtigen könntet ihr, wenn ihr wollt, die Feinde nennen; deren Völker, meistens selber unterjocht, sind eure Brüder und Schwestern. Stellt vor euch keine Feinde hin, in Gedanken, Worten oder irgendeinem Tun, dann werdet ihr am Ende eures Weges frei und ledig sein.
Immer enger scharen sich die Menschen um das höchste Licht, um ihren Vatergott, und jedes ruht einmal an Seinem Gnadenherzen, wohl meist noch bangend, Mortutus und Rankenos stark zitternd, so daß Rafael auf einen Wink des Herrn sie stützt, bis sie alle Seligkeit genießen können. Friedevolle Stille durchströmt den Raum, gefühlt, als ob man nicht mehr auf der Erde wäre, sondern irgendwo hoch oben in des Himmelslichts Gefilde.
Keines der Beteiligten merkt, wie Gott Sich löst, ohne Seine Güte auch zu lösen. Nur das Äußere geschieht. Gefolgt von Seinen Fürsten geht der Ewig-Heilige Seine hohe Bahn. Wie unter einem Zwang ist Tobias und alle anderen vor das Tor hinausgetreten. Die Nacht neigt sich dem Ende zu. Hoch oben, wo noch die letzten Sterne stehen, sehen sie wie eine weiße Wolke Licht um Licht, das allmählich sich in unbekannter Ferne löst — für die Menschen so gesehen.
Als es Morgen wird, geht man still ins Haus zurück. Nur nach und nach öffnet sich ein Mund, leise redend, als ob man noch die hehre Stille festzuhalten wünscht, wenn auch das Leben auf der Welt den Fortgang braucht. Tobi ist der erste, der fast schluchzend sagt:
„Mit einem Fürsten aus dem Reich, mit Rafael, bin ich monatelang gegangen und hab‘ es nicht gewußt. Unfaßbar! Bis ans Ende meines Lebens werde ich das nicht begreifen, unter welchen ‚Flügeln‘ ich gestanden bin (Ps. 36, 8 u.a.).“ Man nickt, man denkt daran, wie man den ‚Jüngling‘ fälschlich angesehen hat. Allein — ist‘s nun nicht vorbei, nachdem GOTT Selbst mit Seiner Güte, Liebe, mit Geduld und Barmherzigkeit zu ihnen kam? Ist nicht alles Alte ausgelöscht? Das sagt Tobias mit einem letzten guten Wort:
„Laßt uns nicht mehr rückwärts sehen, laßt uns aufschauen zu dem Heil der Gottes-Vater-Liebe und dankbar bleiben unser Leben lang!“
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