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Kap. 8 – Schöne Erkenntnisse; ein römischer Schakal

8. Kapitel

Ein paar Wochen sind vergangen. Johannes konnte erst das zweite und dritte Kapitel seines Evangeliums schreiben. Er war krank. Was er mit dem Herrn im Herzen mit erduldet hatte, seine Inhaftierung, die schwer gewesen war — er sprach bloß nie davon, alles hat an ihm gezehrt. Der Arzt gibt sich viel Mühe und der alte Hirte bringt ihm einen Saft, aus Kräutern hergestellt. Sein Geheimnis.

Der Arzt hatte ihn zurückgewiesen. „Euer Hokuspokus“, sagte er gereizt, „was soll er helfen?“ Der Alte ließ sich nicht erbittern. „Du wirst noch dankbar sein“, sprach er ruhig, „jetzt weiß ich‘s durch den Glauben: GOTT ließ die Kräuter wachsen und ich weiß dir mehr zu bringen. Wenn wir es erkennen wollen, werden wir den Segen anzuwenden wissen.“

Da gerade schlägt Johannes seine Augen auf. „Nimm“, sagt er zum Arzt, „es wird mir helfen, auch dir zur Hilfe, wenn du tust, wie es der Hirte anzuwenden weiß.“ Bald darauf ist es mit dem Kranken gut geworden, nach wenigen Tagen kann er das Bett verlassen. Von dieser Zeit an holt der Arzt sich manchen guten Rat vom Alten, der nicht zaudert, das Geheimnis aller Kräuter mitzuteilen.

Sie sitzen beieinander: Nicodemus, Cornelius, der Arzt, der Alte, Sejananus, Cronias und Scubatus, der zur Erkenntnis kam. Als der Jünger die Tempelreinigung (Kap. 2) verliest, reibt sich der Tribun die Hände. „Wenn ich dabei gewesen wäre, den Meister hätte ich aufs beste unterstützt und außerdem viel mehr getan, als was Er, der Gütige, gemindert hat.“

„Und die Taubenkrämer?“ fragt Nicodemus. „Naja, da hat der Herr ganz recht gehandelt, der armen Tiere wegen.“ „Sonst hat Er nicht gerecht gehandelt?“ forscht der Hirte. „Wo denkst du hin! Natürlich handelt unser Meister immer richtig! Nur die Pharisäer sind zu sehr verschont geblieben.“

„Hast ganz recht, Cornelius“, erwidert Nicodemus, „denn was dann geschah — es war so, daß ich bald zum Heiland ging.“ „Das bringt das nächste, was ich schreiben durfte“, fällt Johannes ein. „Aber sage uns, was dazumal geschah.“ „Ich bin auch gespannt, obwohl man da ein Arges hören wird.“ „Gewiß, bloß Arges.“ Nicodemus sinnt ein wenig nach.

„Kaiphas und Hannas tobten. ‚Uns das Geschäft zu stören! Er ist ein Rebell, ein Umstürzler ersten Ranges! Er ist unter Hochverrat zu stellen! Bloß das dumme Volk hat sich gefreut.‘ Und Hannas: ‚Wer von euch ein Wort mit diesem Mörder spricht, soll des Todes sein!‘ Woher ich damals jene Kraft bekam“, berichtet Nicodemus, „weiß ich nicht. ‚Er ist kein Rebell, kein Mörder. Noch hat Er nicht sehr viel gewirkt; aber was man bisher von Ihm hörte, ist gut zu nennen.‘

‚So‘, hatte Kaiphas gezetert, ‚war das etwa gut, mit der Geisel unbescholtene Leute auszutreiben? Und der Verlust, den wir erlitten haben? Nebst dem Mosezehnt ging uns auch das Ständegeld verloren, weitere zehn Prozent! Und das nennst du gut?‘

‚Von Seinem Standpunkt aus gesehen ja‘, versetzte ich. ‚Er sprach mit Recht: ‚Hier soll ein Bethaus sein, ihr habt eine Mördergrube daraus gemacht!‘ ‚Das lassen wir nicht gelten‘, schrie ein anderer; und ich: ‚Zacharias, einer unserer besten Priester, die es jemals gab, soll ich die Stelle zeigen, wo man ihn mit einem ‚sanften Gift‘ beseitigt hatte? Hinterher hieß es ja: er war krank. Das hat der Herr gewußt, sonst hätte Er die ‚Mördergrube‘ nicht erwähnt. Dabei ist Zacharias keineswegs der einzige, der . . .“

‚Bist du nicht ruhig, wirst du der nächste sein, der —‘ entfuhr es Hannas böse. Ich stand auf und ging hinaus. Noch etwas zu sagen hatte keinen Zweck. Und — dachte ich — geh‘ doch hin zu Ihm, es mag werden, was da will. Ein Weilchen war zu warten. Dann kam mir die Gelegenheit. Der Herr war nahe bei Bethanien. Schon den ganzen Tag war ich umhergestrichen; der Späher wegen konnte ich nicht wagen, offen hinzutreten. Ich wartete auf die Nacht, obwohl der Herr den ganzen Tag vom Volk umlagert war. Wo nahm Er diese Kräfte her?

Ich wußte die ‚Geburt des Herrn‘, und mir ahnte es, daß nur ER der Heiland, der Messias sei; und da freilich brauchte man sich ob der Kräfte nicht zu wundern, die Er besaß. Immerhin, Er wirkte wie ein Mensch, und Menschen brauchen Schlaf. So schlich ich fort. Auf einmal stand Er vor mir da, am Weg, und sprach:

‚Setze dich zu Mir, Ich will mit dir reden.‘ ‚Herr‘, brachte ich heraus, ‚Du willst — ich bin —‘ ‚Ja, ICH will, und du bist ein Sohn Gottes! Deine Tempelrede ist Mir nicht verborgen, deshalb ging Ich dir jetzt nach, wie der Vater jedem Kinde folgt, wenn es Seine Hilfe braucht. Und die brauchst du doch?‘ ‚Sehr‘, hatte ich gestottert und wußte nicht, wie ich beginnen sollte.“

Johannes liest den Teil des Kapitels vor (3, 1-21). Bei den Fragen über ‚Wasser und Geist‘ erklärt er, soweit die Leute es erfassen können, den Schöpfer, Priester, Gott und Vater und sagt: „Wasser ist das zweite UR-Gott-Element, ist der Priester-Teil, in dem sich unsertwegen Gottes Geist enthüllt. Als Priester segnet Gott uns Kinder und läßt uns unsern Weg aus ‚Seinem Geist‘ erkennen. Unser Geistanteil ist aus diesem Geist geboren, wir haben die Verbindung mit dem Herrn aus Seiner Gnadenfülle.“

„Das ist wieder herrlich“, läßt Cornelius sich vernehmen. „Aber du, Nicodemus, das hätte ich doch nicht gedacht, daß du dazumal so mutig vorgegangen bist. Ich habe nämlich viel erfahren, wie man es im Tempel machte, seit der Herr durchs Land gezogen war. Vor der Geburt des Herrn und kurz danach war es anders. Zacharias und der Athaja wirkten gut. Böse gab es freilich auch. Diese hat Cyrenius mal fein herausgeholt.“

„Denen fiel ich in das Garn“, bekennt Nicodemus. „War jung, aber Simeon-Gabriel hat mir geholfen. Von dieser Zeit an lernte ich die Unterschiede kennen und erwartete den Messias, von dem ich glauben lernte, Er käme nie für eine Weltmacht Judas, wie man sich so gern erträumte. Das war ja der Siedepunkt des Kaiphas und Hörigen, weil der Herr kein ‚Weltmessias‘ war. Das Volk dachte weniger darüber nach; so ließ es sich auch leicht verhetzen.

Man konnte nie an Ihn heran. Mit Recht sprach Er: ‚Ich allein bin euer Meister, ihr alle seid Brüder‘ (Matt. 23,8). MEISTER! Er, der Schöpfer Himmels und des Universums! Wenn man das bedenkt: mit IHM hat man geredet wie mit einem Freund, trotz das Herz erzitterte . . .“ „So erging mir‘s auch“, gesteht Cornelius, „mir, dem Römer, der in keiner Schlacht gezittert hat, ging mein Mut bis auf den Grund, wie ein altes leckes Schiff.“

„Bei uns Jüngern auch“, bestätigt es Johannes. „O, wir wußten ja zuerst und bestens, wer Er war, und fragten uns, wie möglich Gott so tröstlich mit uns sprach, wenn uns bange war, wir uns vor Ihm niederwerfen wollten. Das hat Er aber strickt verboten, der Menge wegen. Er war ja selten mal allein. Nachts blieb Er oft für Sich. Jetzt noch, wenn man daran denkt: mit Gott drei Jahre lang durchs Land gegangen, Er mit uns verkehrte wie ein Freund mit Freunden, mit unter auch sehr ernst hat reden müssen, wenn wir gar zu töricht waren. Da hatte Er einmal gesagt:

‚Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen’ (16,12). Die Auferstehung und daß Er viermal zu uns kam, die Himmelfahrt und dann ‚Sein Geist der Gnaden‘, der uns gegeben worden war (Pfingsten), ließ die Wahrheit voll erkennen. Dabei bleibt noch manches zugedeckt; bloß das ist auf der Welt erkennbar, was unsern Lebenswegen dienlich ist. Das — wer will — ist viel! Es kann die Hälfte unsrer Himmelsleiter sein.“

Cornelius atmet tief: „Ich will dankbar sein, wenn ich erst vier Stufen aufwärts kommen kann. Jesu kam zu euch viermal nach Seiner Auferstehung; die Vierwesenheit hatte Simeon erklärt, ohne daß bei mir viel hängen blieb. So allmählich könnte man vier Stufen — Mein lieber Heiland weiß, was ich für ein —“ Er schweigt. Echte Demut ließ ihn solches sagen.

„Tribun“, lobt Scubatus, „du bist nicht erst bloß vier Sprossen hochgeklommen. Viele Leute hast du vor dem Tod bewahrt. In Syrien sollte streng gehandelt werden und hast immer abgebogen, wo es dir möglich war; hast Jesu Mutter auch gerettet und was weiß ich alles noch. Wenn ich der Herrgott wäre, ich höbe dich hinauf, wie Joanus gesagt: bis zur Hälfte dieser Leiter, von der ich freilich nichts verstehe und gewiß noch nicht mal auf dem ersten Holze bin.“

„Doch, Scubatus, du stehst auf der ersten Stufe“, sagt Johannes. „Wer erkennt, hat von sich aus die Verbindung mit dem Herrn; von IHM aus, wohlgemerkt, gibt es immerfort die Bindung zwischen Vater und dem Kind, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Einmal angefangen, kann es alsbald hurtig weitergehn. Wir brauchen uns einander nicht zu loben, dennoch dürfen wir es spüren, ob wir vorwärtsgehen oder nicht. Und so bin ich mit auf deiner Seite: als Herrgott würde ich Cornelius auch von seiner vierten Stufe aufwärts heben. Auf welche Stufe braucht man nicht zu wissen, am wenigsten ein jeder für sich selbst. Denn:

‚Wer glaubt, daß er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle!‘,

sprach der Herr.

Er sagte dies in Gleichnissen, in denen ER zumeist gesprochen hat. Seine Sprache kam vom Himmel; wer mochte sie verstehen? Vom Gleichnis aber ließ die Menge sich berühren. Und selbst wir Jünger liebten es. Wenn uns dann dieser oder jener fragte, konnten wir so besser eine Antwort geben.“

„Genug von mir! Wir wollen mehr von der Epistel hören, das wird Gott viel lieber sein.“ Der forsche Römer fühlte sich beschämt. Was ist er denn vor IHM? „Hast recht, Tribun“, sagt Cronias, „wir sind keine jungen Menschen mehr, wo sich zeitlich allerlei noch lernen läßt. In unserm Alter muß der Fleiß die Zeit ersetzen.“

„Fein ausgedrückt“, lobt Nicodemus. „Man kann im Alter eine große Überschau besitzen und aus dem Erlebten lernen.“ Johannes liest den Rest der Niederschrift den Freunden vor. Auch da ergeben sich noch Fragen und die erste ist, wieso Johannes das vom Täufer alles weiß (K. 3, 23-36) oder ob der Herr zur gleichen Zeit daselbst gewesen wäre; wo der Täufer taufte.

„Ab und zu; der Täufer war dem Heiland lieb, obwohl man es dann nicht versteht, daß er enthauptet wurde. Es war ein ‚Vorstrahl‘ für die Hölle, weil Sich Jesu auch den Mördern überließ. Hatte Luzifer frohlockt, den ‚Vorläufer jener letzten großen Reinigung‘, die ihn betraf, dem Tode in den Rachen warf, so mußte er erkennen, daß ihm gerade dieser Akt den Rest von seinen Kräften nahm. Der arme Dunkle mußte sehen, daß der ‚Tod des Herrn‘ ihm auch nichts nützen würde. Gott ließ es darum zu, nicht etwa weltlich arm gedacht, der Täufer hätte dem Gerichte Gottes unterstanden. Das bezeugt sein Wort:

‚Diese meine Freude ist nun erfüllt!“

„Sag‘ mal, Joanus“, fragt Sejananus, „wieso konnte er von der erfüllten Freude sprechen? Wußte er, was mit ihm geschah?“ „Gewußt hat er es nicht, nur eine Ahnung hatte er. Gott ließ ‚Seinen großen Zeugen‘ ohne Warnung nicht ins Dunkle laufen. Also spürte es der Täufer, auch deshalb noch sein Wort: ‚Er, Jesu, muß wachsen‘, was bedeutete, daß die von Gott Sich vorgesehene Zeit das ganze Land erfassen sollte, später alle Welt, ‚ich aber muß abnehmen.‘ Der Täufer sah seinen Weg als nun beendet an, er freute sich auf seine Heimkehr in das Reich. Darum die erfüllte Freude.“

„Wenn ich erst soweit wäre“, sagt Cornelius. „Weißt du, Joanus, natürlich freue ich mich auch auf meine Heimkehr in das Reich; bloß wie es mir ergehen wird?! Du mußt bedenken, daß Gott erst einmal mit mir abzurechnen hat. Bevor ich Simeon kennen lernte, war ich Soldat mit Leib und Seele. Mit Absicht schlug ich in den Schlachten niemand nieder, oder tötete Verwundete, außer in der Notwehr. Was bedeutet heute mir die Notwehr? Ist doch bloß ein übles Wort der Welt. Oder nicht?‘

„Ja, ein übles Wort. Die Gegenwehr kommt aus dem Lebenswillen. Es fragt sich halt, wie man es tut. Einem Bösen, der einen andern töten will, oft aus Lust zum Mord, darf man schon das Handwerk legen. Wer in der Gegenwehr den Mörder ohne Absicht tötet, der hat auch keine Schuld vor Gott.“

„In Roms Fechtschulen heißt es: ‚Töte um zu leben, um Schlachten zu gewinnen!‘ Cyrenius, mein Mentor, Oheim und ein Vater, sprach: ‚Sieh, Junge, jeder Mensch will leben. Selbstredend weiß man in den Schlachten nicht genau, wie man einen Feind zur Strecke bringt. Ihn vom Kampfe auszuschalten, genügt vollauf; das will ich dich jetzt lehren.‘ Woher Cyrenius es kannte, diese Art der Verteidigung — ich weiß es nicht, er sprach nie davon. Eigentlich war ich schon immer froh, daß ich das erlernen konnte.“

„Deshalb sorge dich um keine Abrechnung. Als erstes gilt, wie du erzogen worden bist. Das liegt weniger am Jugendlichen, der erst allmählich denken lernt. Hat Simeon dir und Cyrenius nicht einmal gesagt, wie wunderbar der Herr euch führte, niemehr in eine Schlacht hinein, wo das Verderben wütet?“ „Ja! Seit der Geburt des Herrn ist mir mein Schwert eingerostet. Dafür kann ich nicht genugsam danken. Ob das aber zur ‚vollkommenen Freude‘ reicht?“

„Wenn sich unsere Freude steigert, steigert sich die Seligkeit. Das ist die vollkommene Freude, die allein im Lichte zu ertragen ist. Des Lichtes Freude ist die süße Last, die uns hernach von aller Welt befreit.“ „Dann bin ich getröstet, Nicodemus; denn was du auch zu sagen weißt, ist mir ein liebes Wort.“

Man bespricht des Täufers Leben und den schweren Tod. „Herodes war ein arger Geist“, ruft Cornelius, „der war sogar in Rom schlecht angekreidet.“ „Gewiß“, sagt Johannes, „doch mache ich dich wieder darauf aufmerksam, was du nicht verwechseln sollst. Arge Geister gibt es nicht! GEIST bedeutet GOTT! Denn:

‚Gott ist Geist, und die Ihn anbeten, müssen

Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!‘ (Joh. 4,24)

Ist Gott der Geist, aus dem alles Gute kommt (Jak. 1,17), so kann der Geist nichts Böses an sich haben. Bei uns wurde es verwechselt, man setzte aus den alten Sprachen einfach ‚Geist‘ für alles, was nicht auf diese Welt gehört — sagten sie. Wir wollen es uns merken: Geist ist gut!“ „Hm, verwechselt“, gibt Cornelius zu, „man muß wohl sagen: er hat ein arges Wesen oder eine böse Seele.“

„Die Dynastie Herodes war von Haus aus böse, aus der Unterwelt hervorgegangen. Sie alle sind einst arme mitgefallene Wesen; wie sollten sie denn etwas Gutes an sich haben? Ihr Fünklein Geist, der ja niemandem verloren geht, wurde von der Finsternis verdrängt. Für diese ist es erst im Jenseits möglich, daß ihr Fünklein Geist die Vorherrschaft erlangt, die ihm zuzustehen hat. Das dauert meistens lang. Um ihretwillen, ganz besonders, ist der Herr nach Golgatha gegangen.“ Johannes schauert wieder leicht zusammen; auch sieht er etwas Dunkles, das sich Patmos nähert.

„Rüstet euch“, sagt er plötzlich, „haltet Gottes Freude in dem Geiste fest. Einer kommt mit großen Schritten an; wir bitten unsern lieben Herrn, daß er mit kleinen Schritten wieder gehen muß.“ „Ein Überfall?“ Cornelius macht ein finsteres Gesicht. „Bedarf es des Alarms?“ „Nein, kein Waffenüberfall.“ „Andere sind oft ärger. Darf ich bestimmen? Du und Nicodemus bleibt im Turm; aber die Piraten? Was mache ich mit denen?“

„Den schwer verwundeten Jungen gibst du mir. Da er noch als Kind gerettet wurde, läßt sich aus der Liebe sagen: ein Schiffbrüchiger. Um ihn wird sich keiner kümmern. Die andern bringe zu den Fischern, man wird nicht vermuten, daß sie Piraten waren. Jene helfen gern, und es ist gut, wenn sie Fischerknechte werden. Ohnehin ist ihnen Fische- fangen ganz geläufig.“

„Ach Herr“, dankt der Tribun, „Du meinst es gut, weil Dein Seher bei uns ist. Erhalte uns den Frieden unsrer Insel!“ Drei Tage gehen ruhig hin. Cornelius hat die Turmgemeinde eingeweiht. Jeder nimmt einen der Gesellen auf. Der sein Bein verloren hatte, nimmt der Hirte mit. „Ich geh‘ mit meiner Herde nach dem Norden, wir fallen überhaupt nicht auf.“ Froh sind die Piraten, als sie alles hören. Denn nach Rom —? Nein, o nein, lieber stürzt man sich ins Meer, um zu ertrinken.

Am dritten Morgen sichten aufgestellte Wachen drei Galeeren. „So, ein starkes Aufgebot. Lieber Herr“, fleht der Tribun, „Du bist das stärkste Aufgebot, auf Dich vertraue ich!“ Zu den Wachen: „Jeder tut, als wüßten wir es nicht, wer kommt. Da es unsere Galeeren sind, kann ich ‚diese Gäste‘ friedlich grüßen.“ Er schickt drei starke Boote aus, um die Wassertriga einzuschleusen. Der Kommandoführer ist erleichtert, der Hafen ist ihm fremd; trotzdem hallen seine Donnerworte bis zum Strand.

Die ‚Cornelia‘ hatte man in einer kleinen Bucht versteckt. Vom Ufer aus sieht man die gequälten Rudersklaven. „Menschenschinder“, schimpft Cornelius in sich hinein und erwartet den Gewaltigen, der ihm nichts befehlen kann. Doch wer weiß, was in Rom geschehen ist? Er soll es bald erfahren.

Da er rangmäßig höher steht, grüßt er nicht zuerst, um gleich einen Dämpfer aufzusetzen. Der Kommandant fragt grob und ohne Gruß: „Bist du der Tribun Cornelius?“ „Der bin ich. Was führt dich denn mit drei Galeeren her? Weißt du, daß Patmos die Verbannungsinsel ist?, dazu die Ausfallstelle gegen die Piraten? Das Festland ist von hier aus mit zu überwachen.“

„Hat der Kaiser dir den Posten anvertraut?“ „Mich wundert deine Frage“, sagt Cornelius, „Du müßtest es doch wissen, sonst wärest du nicht hier! Also?“ „Du sollst es wissen“, sagt der andere und bläht sich mächtig auf. „Dem Senat kam zu Ohren, auf Patmos ginge es nicht richtig zu. Ich soll Ordnung schaffen!“ „In was? Bei uns ist nichts zu ordnen.“ Er zeigt sein Privilegium vor, das auf keinen Fall zu übergehen ist.

„Mit dir hat es nichts zu tun“, wird der Gewaltige etwas kleiner. „Allein du hältst Gefangene zurück, die nach Rom gehören. Die muß ich vernehmen und die Inselleute, wie die beschaffen sind. Kann man wissen, ob die uns auch mal in den Rücken fallen?“ „Fischer?“ höhnt Cornelius offen, „die weder Schwert noch Schild besitzen? Denkst du etwa, daß ich da nicht selber drauf gekommen bin, zu prüfen, ob die Insel für uns sicher ist?“ „Hm, natürlich, ich denke, du hast das getan“, wird widerwillig zugegeben. „Du bist geachtet; nur weil du aus dem Kaiserdienst getreten bist, will man wissen, ob du noch im stande bist, daß . . .“

„Nicht weiter!“ Cornelius, der sich mit Absicht rüstete, nimmt das Schwert in seine rechte Hand. Das genügt, um zu beweisen, daß der Tribun noch fechten kann. Jener hebt die Hand. „Tribun, ich will dich doch nicht kränken, ich führe nur Befehle aus.“ „Das rate ich dir an; alles andere lasse unterm Weg! Und eines: deine Mannschaft darf nicht schwärmen, bloß mit meiner Führung kannst du ja die Insel untersuchen.“ Cornelius spürt genau, daß nicht er aus sich das alles sagt. Es ist wie ein Strom, der ihn umgibt, eine Kraft kam über ihn, vom Seher oder von dem Herrn?, von IHM gewiß, dankt er still im Herzen.

Führen wir die Übung durch!“ „Du fragtest mich, ob ich Cornelius sei, deinen Namen weiß ich nicht. Bist du denn der ‚Niemand‘?“ Eine herrliche Parade des Tribuns. Mühsam sich beherrschend, sagt der Römer: „Ich bin Kohortenführer, mein Name Maurius.“ „Und bist ein Kontrolleur geworden? Wie hast du das geschafft?“ „Geht dich das was an?“ wird Cornelius abgewiesen.

„Genau! Du stehst unter mir, mein Befehl wird ausgeführt!“ „Ich muß erkunden, ob du Gefangene versteckst und ob . . .“ „Rede ja nicht weiter, sonst kannst du was erleben!“ Während dieser Auseinandersetzung hatten sich der Inselhauptmann Cronias mit seiner Garde und Scubatus samt Dekurien aufgestellt. Die entschlossenen Gesichter, gerüstet sind die Mannen auch, fällt Maurius jetzt erst auf.

Er fragt erbost: „Was soll das hier?“ „Vor Tagen hörte ich die Nachricht, Galeeren steuerten Patmos an, machte mich deshalb auf Piratenüberfall bereit.“ Stimmt zwar nicht, doch dem Geblähten ist nicht anders beizukommen. „Vor Tagen?“ Konsterniert gefragt. „Kein Schiff hat uns übersegelt. Du willst bluffen.“ „Das sage nicht noch mal! Frage meine Leute aus, jeder wird es dir bestätigen.“ Der ganze Chor: „Wir wußten es, daß Galeeren kommen würden, bloß wer, das konnten wir nicht wissen.“

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Hat es euch ein Gott verraten?“ „Du hast‘s getroffen!“ So bitterernst gesagt, daß Maurius nicht weiß, was er davon halten soll. Er glaubt an keine Götter und übergeht den Ernst. Um sich forsch zu zeigen, gebietet er: „Wir fangen gleich mit der Kontrolle an!“

„Von mir aus ja; sieht nur so aus, als brauchten deine Leute eine Pause.“ Ja, der Sturm, der die Wassertriga arg betraf, hatte ihnen ihre Kräfte aufgerieben. Auf die Legionäre zeigend, sagt Cornelius freundlich: „Wollt ihr erst mal ruhen?“ Maurius verschlägt‘s die Sprache. Seit wann fragt man, ob die Legionäre ruhen müssen? Der Senator hatte also recht: Cornelius ist alt geworden. Er wird eines anderen belehrt.

„Angetreten!“ Cornelius Stimme fährt den Männern in die Knochen. Er führt die Mannschaft zu ein paar verlassenen Gebäuden. Da diese nicht benötigt wurden, hatte er sie vorerst oberflächlich richten lassen, doch taugen sie zur Unterkunft. „Habt ihr Proviant?“ wendet er sich Maurius zu. „Nicht für lang.“ „Ich lasse deinen Leuten Kost besorgen; du, wenn du willst, sei mein Gast.“

Jener würde gern verneinen, doch wo soll er essen können? Rom ist fern. „Danke“, sagt er mäßig warm, „ich nehme deine Freundschaft an.“ „Freundschaft auch?“ Das war wieder echt Tribun. Maurius tut, als hätte er es nicht gehört. Cornelius weiß dessen kleine Reibereien bestens auszubooten.

Sehr früh steht Maurius marschbereit. Allein — Johannes, mit dem Cornelius spät abends sprach, durfte wieder mal als Seher helfen. „Sammele dich hinter den Gebäuden, bevor das Dunkel von den Wassern weicht. Das andere merkst du selbst.“ „Aha, ich kann mir leicht zusammenreimen, was geschieht. Dank dir, Joanus.“

Ehe Maurius befiehlt, hört man die Stimme des Tribuns: „Bereit und aufgelockert!“ Der Römer zuckt zusammen, überwindet sich und tut, als wäre das so abgesprochen. „Ah Tribun, daß du auch schon fertig bist, ich komme also meinem Auftrag nach.“ „Ich fürchte nur“, meint Cornelius, „du übersteigerst ihn. Aber das entscheidet dann der Kaiser samt Senat.“ So marschieren sie ins Land hinein. Um die Befehlsgewalt an sich zu reißen, wird Maurius wieder grob: „Wo sind die Gefangenen?“, versucht er Cornelius einzuschüchtern. „Es steht dir frei, welche aufzuspüren.“

Sie kommen an die erste Siedlung. Scubatus hatte tags zuvor die Fischer instruiert, sie sollten ruhig sein und den andern Fischern Nachricht geben. Cornelius sehen, und man atmet auf. Die Häuschen und die Werkzeughütten sucht man durch und durch. Die Fischer und die Knechte werden angefaucht: „Wo ist das Lumpenpack?“ Sagt ein Fischer: „Hier gibt‘s keines; auch hielte der Tribun Gefangene im Verlies, das du sicherlich gesehen hast. Aber wenn du Fische haben willst, verkaufen wir sie gern.“ „Verkaufen? Wir nehmen, was wir brauchen.“ „Halt!“ Cornelius ist ehrlich aufgebracht. „Seit wann stellen sich die Römer auf die Seite der Piraten?“ Daß er das melden muß, verschweigt er jetzt.

„Sieh an, Maurius, hier sind noch die verbrannten Häuser und die Hütten von dem letzten Überfall. Und solltest du nicht wissen, daß ich die Räuber ausgeliefert habe?, nämlich alle bösen“, fügt er ein wenig listig an. „Und solltest du nicht wissen, daß ich die Meldung brachte, wo sie ihren Unterschlupf gefunden hatten und eine große Bande aufgerieben wurde? Und“, schlägt er mit Absicht drein, „das habe ich als alter Mann getan, von dem du glaubst, er könne nicht mehr fechten!

Die Fischer unterstehen meinem Schutz; was du brauchst, das wird bezahlt. Aber meine Fischer sind sehr brave Leute, die bringen gern vom guten Fang auch kostenlos noch manchen Korb.“ Heimlich nickt der Fischer, der zuvor so mutig sprach.

Zwei Tage ziehen sie von Bucht zu Bucht. Da stoßen sie im Norden auf die Herde. Der Pirat mit seinem einen Bein sitzt im Karren, den die zwei großen Hirtenhunde ziehen. Schon will auch hier der Römer einfach stehlen; es sind fette Lämmer und auch Ziegen, die ihm in die Augen stechen.

„Hände weg!“ droht Cornelius. „Die Herde ist der einzige Reichtum unsrer Insel, und wir brauchen auch etwas!“ Es bleibt dabei, mit leeren Händen abzuziehen. Nichts hat der Gewaltige erreicht. Um so höher trumpft er bei der Rückkehr auf, als sie dann in der Taverne sitzen, ohne Rücksicht auf die Hörer.

„Tribun, du wirst abgesetzt und vielleicht . . .“ „. . . ein Verbannter sein auf Patmos? Nichts Besseres könnte mir geschehen!“ Cornelius hatte abends von Johannes schreiben lassen, was jeden Tag gechah. Der Kapitän und Cronias unterzeichneten. Sejananus segelt schon in dieser Nacht nach Rom damit, zwei Tage Vorsprung; denn ein Maurius schnüffelt weiter und hat den Aufenthaltstermin weit überschritten. Jetzt fällt ihm auf, daß er den Turm noch nicht besichtigt hat. Er will sich beim Tavernenwirt erkundigen, doch der junge Syrier geht dem Römer nicht ins Garn.

„Ich weiß nichts“, sagt er, „es ist Sache des Tribuns. Frage ihn. Ich glaube nicht, daß der Turm gefährlich ist.“ „Narr! Der Turm ist nicht gefährlich, was aber drinnen ist!“ Spornstreichs geht der Römer hin. „Viel zu klein“, moniert er, „man kann von oben durch die kleinen Luken kaum zum Hafen sehen, geschweige denn hinaus aufs Meer. Muß auch gemeldet werden.“ Er steigt die steile Stiege, die vor kurzem ausgebessert wurde, ins Turmgemach hinauf, drückt hart die Türe auf, wähnend, er sei doch allein und nichts zu finden. Der Tribun ist viel zu klug, als daß er ihm, Maurius, hier einen Fund serviert. Ah — doch — —

Drei Männer sitzen an dem etwas rohen großen Tisch. Da es Abend wird, ist es ziemlich dunkel im Gemach, man muß das Auge erst daran gewöhnen. Beinah erschrickt der Römer, als er den Tribun erkennt. Die beiden andern sind ihm fremd; aber halt — das können ja Verräter sein. Jetzt — jetzt hat er ihn!

„Wer sind die Männer?“ Cornelius ist die Ruhe selbst. „Du bist kein Offizier und hast dich hier noch nicht bewährt. Setze dich, es ist gut, daß du gekommen bist, zumal ich wußte, daß dein letzter Abend dir noch eine Schlappe bringt.“

„Ha, ich schonte dich, hab‘ gesagt, du wärest noch in Rom gut angeschrieben. Senator Pretias . . .“ „. . . von der falschen Seite her bekannt“, „. . . hat beim Kaiser und Senat dich angeklagt, weil du aus dem Dienst getreten bist und Räubern hilfst, hast in Syrien die so nötigen Maßnahmen sehr oft unterbunden und . . .“ „Noch mehr?“ fragt Cornelius gelassen. Dann aber hart:

„Dir brauche ich gar nichts zu sagen, merk‘ dir das! Hast du was gefunden, was gegen das Regime verstößt?“ „Hier sind zwei Räuber“, will Maurius triumphieren. „Falsch gefahren! Sieh auch diese Rolle ein.“ Cornelius nimmt von zweien eine in die Hand. „Ein angesehener Priester aus Jerusalem, von ‚uns‘ beschützt, was besagt, daß er uns gesonnen ist — auf der freien Basis, die du gar nicht kennst. Der Kaiser hat ihm hier Asyl gewährt. Lies nach!“

Wieder nichts zu machen. „Wie steht es mit dem anderen?“ „Er ist ein Galiläer und . . .“ „Ah warte mal! Dort soll ein Meuterer gewesen sein, der mit einer falschen Götterlehre seine Juden aufgewiegelt hat, weshalb Pilatus den doch kreuzigen ließ. Ist der“, tippt er Johannes an, „ein Galiläer, so muß er um die Sache wissen.“

„Es stimmt, ich weiß um diese Sache!“ Da ist ein Ton, der den Römer schauern läßt. Er schüttelt‘s ab. Aber es ist da, wie eine Angst kriecht es heran. Um so törichter handelt er. „Dich nehme ich jetzt in die Zange, was der Tribun verabsäumt hat.“ Ein gehässiger Blick trifft diesen. „Das steht dir frei zu tun; achte aber bloß darauf, daß deine Seele keinen Schaden leidet.“ „So wollen diese Juden andere überfahren; mich nicht!

Bist du ein Anhänger des Rebellen — wie hieß er wohl?“ „Du weißt es nicht und willst richten?“ Cornelius muß sich bezähmen, um seinem Zorn die Zügel anzulegen. Dazu die Trauer. Da kommt so ein wahrer Holzkopf her und will den Meister, den lieben Herrn, ihren Gott zu einem — Ja, sogar Kaiphas hatte Ihn beim Kaiser angeklagt. „Dessen Name spielt gar keine Rolle“, trumpft Maurius wieder auf, „bloß was geschehen ist. Und ich“, hier zieht er plötzlich eine Rolle aus der Tunika, „habe den Befehl, die Anhänger dieses Galiläers aufzudecken und Roms Gericht zu überführen.“

„Zeig‘ her!“ gebietet der Tribun. Ein neuer hämischer Blick. „Auch Römer, die an dem Rebellen hängen, unterstehen der Justitia, ohne Ansehen der Person.“ „Denk mal an!“ So ruhig, wie Cornelius das sagt, ist er keineswegs. Er kennt Rom zu genau, um nicht zu wissen, daß — — Er kennt das Ziel des Pretias. Aber wie schon oft, seitdem er an den Meister glaubt, umgibt ihn eine gute Kraft.

„Deine Rolle hat nur Pretias unterzeichnet; wo bleibt das Signum des Senats?, wo der Kaiserstempel?“ „Die werden beigedrückt, wenn ich rapportiere.“ „Bei Petrias?“ Ein Zucken, das die Angst verraten könnte. Nicodemus hatte Lampen angezündet. Mit der Helle wird der Duft des Öls verbreitet, und durch die kleinen Fenster strömt die kühle Meeresluft herein.

„Mit dem Senat hat Pretias verhandelt; ich war nicht zugegen, ich sollte sofort reisen.“ „Einzusehen, weil es Pretias unter seinen Füßen brennt. Aber nun“, Cornelius gibt das Papier zurück, „wir werden sehen, ob es wirklich stimmt.“ Maurius fängt wieder wichtig an: „Vorläufig Nebensache, erst will ich den verhören.“ Er zeigt auf Johannes. „Fange an“, sagt der Seher Gottes.

„Wer brachte dich hierher?“ „Ein römisches Geleit.“ „Der Tribun?“ „Nein! Er traf mich auf dem Weg in die Gefangenschaft. Durch einen Sturm, wie du ihn erlebtest, kam die Galeere nicht nach Rom.“ „Bist du ein Anhänger des Gekreuzigten? Wenn ja, so vergeht dir bald der leichte Sinn, den du zur Schau zu tragen weißt!“

Da steht Johannes auf. Maurius faßt unwillkürlich nach der Waffe. Cornelius kommt ihm zuvor, er drückt des Römers Faust zusammen. „Du falscher Fuchs! Schau, wie ich ‚alter Mann‘ noch Kräfte habe. Ich hab‘ von Jugend auf gedient, zweimal mehr als du! Lerne dich zuvor beherrschen, wie es einem echten Römer anzustehen hat! Nun kannst du weitermachen.“ Er lockert seinen Griff. Maurius unterdrückt den Schmerz, ihm ist, als wäre seine Hand zerbrochen. Oh, das zahlt er ‚dem‘ noch heim! Johannes legt indessen sein Bekenntnis ab.

„Ich bekenne mich zu meinem Gott, der als ‚Meister‘ kam und uns vom Übel dieser Welt befreit. Ich wäre gar nicht frei? Vom armen Recht, das meist ‚Unrecht‘ heißt, stimmt es zwar; doch das Leben, von dem du keine Ahnung hast, kann nie getötet werden! Du kannst meinen Körper morden; meine Seele, meinen Geist, das eigentliche Leben jedoch nie! Das gab uns mein Herr, der Galiläer, wie du Ihn verächtlich nennst.

Dein Blättchen hat sich aber längst schon umgedreht. Es gab hohe Römer, voran der Quirin Cyrenius, dem du nicht das Wasser reichen kannst, die das Heilig-Göttliche des Herrn erkannten, Ihn liebten und an Seine Lehre glaubten, die keine neue ist, sondern wieder neu gebracht, weil die Menschen sie verdorben hatten.

Du hast von Pretias erfahren, daß Cornelius seinen Sachverwalter erblich eingeschrieben hat. Oh, in Rom läßt sich mit Reichtum viel erreichen: Macht und Einfluß. Mit dem Reichtum des Tribuns könntest du zur Macht gelangen. Die Hälfte sollte der Senator haben, der mit dir geplant: Cornelius stürzen, womit sein Vermögen an den Kaiser fiele, alle seine Liegenschaften wolltet ihr zuvor verkaufen. Bloß das bare Geld wäre euerm Kaiser zugeflossen.

Gewiß hattest du den Auftrag, hier zu kontrollieren; doch alle Senatoren kannten Pretias Lüge nicht. Du bekamst einen mündlichen Befehl, der deiner falschen Rolle widerspricht. Was hat Aurelius dir gesagt? Kannst du das hier wiederholen? Nicht vor uns Männern, nein — vor dem allmächtigen Gott, dem Heiligen, dem auch dein Leben untersteht! Noch hat Er dich gerettet, deiner Leute wegen. Deiner Seele aber galt die Retterhand.

Du hast den Sturm verschwiegen, doch den Legionären sah man an, was hinter euch gelegen hat. Es stand nur eine ‚Eins‘ bereit, der Untergang bedrohte euch. Und wieder kommst du nur mit Mühe heim, das bloß deiner Leute wegen, weil du die Ehre eines Mannes weggeworfen hast, und gelogen und betrogen, legst Fallen aus, um Unschuldige den Weltgerichten auszuliefern!

Das ist geschehen, seit diese Welt besteht, und wird fernerhin geschehen, bis sie einmal auszulöschen ist. Wer aber seine Hand dem bösen Handwerk leiht, wie du getan, Maurius, der wird den Lohn der bösen Taten ernten! Was nicht auf dieser Welt geschieht, das kommt hernach in jenem Leben, das du leugnest, das dann für Leugner erst mit dem Gerichte Gottes eingeleitet wird.“

Gern würde jetzt der Seher tröstend sagen, was das ewige Gericht bedeutet und daß über aller Abrechnung doch Gottes Güte herrscht. Hier wäre es verfehlt; hier muß die arme Seele erst ins Feuer ihrer Läuterung gelangen. Das ist bitterlich, das tut weh. Es ist, als schrumpfe Maurius zusammen. Woher in aller Welt weiß denn dieser die geheimen Abmachungen zwischen ihm und Pretias? Das geschah wenige Tage vor der Fahrt nach Patmos.

Sie hatten Tag und Nacht beraten; in dieser Zeit lief keins der Schiffe aus dem Hafen aus. Das ist ein Hexenmeister, ein Anhänger des Rebellen, er hätte sogar eitles Wunderwerk getan. Ihn, Maurius, düpiert man nicht, auch wenn — heimlich zugegeben — wenn es stimmt, was ‚dieser‘ hier enthüllt.

Cornelius ist außer sich. Nie hätte er gedacht, auf böse Weise ihm die Ehre anzutasten. Es kostet den ‚bekannten Himmelsgriff‘, diesmal durch Johannes, um den Tribun vor einer Tat zu wahren, die er sehr bereuen müßte. Er griff nach seinem Schwert.

„Tribun, denke an Cyrenius, an den Herrn, was Heiliges Er dich lehrte! Ein Maurius kann dir nicht schaden, er ist so erbärmlich klein; zeige du ihm deine Größe. Überdies ist es nicht ausgemacht, daß man Pretias nicht beugt. Aurelius duldet dieses Unrecht nicht. Und was dann geschieht? Deine Ehre ist nicht zuzuschütten. Warte ab!“ Ach ja, Sejananus ist schon fort, da kann der Arge nichts mehr richten. Gut, daß er, Cornelius, jenen zu Aurelius sandte, der ihn notfalls auch zum Kaiser bringen wird.

„Dir prophezeie ich nichts Gutes“, sagt Johannes zu dem Römer, der fast kläglich auf dem Stuhle hockt. O, mit vollen Hoffnungssegeln eigener Gewinnsucht war er hergekommen, und nun tut dieser — „Du wirst noch an mich denken, weil ich ein Seher meines Gottes bin. Was ER mir zeigt, das erfüllt sich auch; denn bei Ihm ist Wahrheit und Gerechtigkeit, Dinge, dir völlig fremd, und solltest doch als Mensch Gerechtigkeit und Wahrheit lieben.

Ich bitte meinen lieben Herrn, daß du nicht gänzlich untergehst — nein“, wehrt Johannes, als der Römer hastig fragt: „Wie kannst du wissen, ob wir in einen Sturm geraten?“ „Ich bewies dir, daß mein Gott mir vieles offenbart. Niemand wußte, was du geheim betrieben hast und es nicht viel fehlte, deine Wassertriga hätte der Orkan vernichtet. Ich deckte alles auf! Ich kann voraus verkünden, was mit dir geschehen wird. Du wirst Rom erreichen, die Leute sollen nicht zu Schaden kommen. Beachte aber meinen Rat:

Halte dich zurück. Dem Pretias mußt du berichten, daß sich euer Plan zerschlagen hat. GOTT hat eingegriffen, um einen Seiner lieben Söhne vor dem Unheil eurer Bosheit zu bewahren.“ Er zeigt auf den Tribun. „Er ist samt seinem Haus dem Kaiser treu ergeben, hat sein Vaterland geliebt, sich stets bemüht, ein gerechter Mann zu sein. Und ist es auch geworden.

Und mehr — er hat den wahren Gott erkannt, hält die Gebote ein, die GOTT gegeben hat. Widersprich nicht erst, Maurius, er wäre so von euren Göttern abgefallen. Du glaubst schon lang nicht mehr an sie. Darin tatest du — zwar unbewußt — ganz recht; denn die Götter sind bloß Traumgedanken von den Menschen. GOTT jedoch, der alles schuf und auch erhält, ist der EINE! Alles, was Er schuf, ist von Sei nem Leben ausgegangen. Auch du, Maurius!

Bei Aurelius versuche nicht, deine Schuld auf Pretias zu wälzen, wie du dachtest: ‚Geht‘s schief, mag Pretias büßen.“ Wieder duckt der Römer sich. Zugeben würde er es nicht, deshalb ruft er wütend: „Du faselst viel zusammen; nichts glaube ich, was du mir vorgegaukelt hast! Komme ich nach Rom, so werde ich . . .“ „. . . ins Verderben laufen, wenn du meinen Ratschlag nicht befolgst. Möge dir aus Gottes Kreuz Vergebung werden.“

Johannes setzt sich wieder hin; es ist ganz eigenartig still im kleinen Turmgemach. Der Römer eilt davon, und erst nach einer Weile geht auch Cornelius still hinaus, stumm die Hände des Johannes und des Nicodemus drückend.

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