9. Kapitel
Tage sind vergangen und man atmet auf. ‚Er ist fort!‘ Selbst der Tribun hat sich zurückgezogen; er muß warten, was in Rom geschieht. Seine Ruhelosigkeit bürdet er Johannes auf, als sie sich am Strand begegnen, wo die Sonne goldenrot dem Wasserbett entsteigt. Eine Weile sitzt er schweigend da, und Johannes stört ihn nicht. Er weiß zu warten, denn — er sieht — —
„Kannst du sagen, was sich ergeben wird?“ fragt er plötzlich und starrt zum Horizont, an dem noch weiße Nebel wallen. „Das kann ich schon“, sagt jener, „doch muß ich dich ermahnen: du solltest mehr Vertrauen haben. Mußt doch wissen, daß unser lieber Herr dich reich gesegnet hat.“ „Das ist‘s, was mich bedrückt, Joanus.“ Ein tiefer Seufzer, aus dem die Qual der Seele quillt. „So viel Liebe, so viel Licht und Hilfe, alles nicht verdient; und wenn man sich bewähren soll — — aus!“
„Aus ist‘s noch lange nicht.“ Ein Lächeln stiehlt sich über das Gesicht des Jüngers. „Willst du wissen, wie es Pretias ergeht? und Maurius? Ich sehe dessen Fahrt.“ „Halt‘ mir den vom Leib! Hab‘ den starken Mann markiert, nun muß ich mich erst selber wieder finden. Aber wie? Kannst du das mir sagen?“ „Gewiß! Willst du ein Lob oder einen Tadel hören‘?“ Verwundert blickt Cornelius auf.
„Das klingt, als hätte es der Herr gesagt. Aus Seinem Tadel ist zu lernen. Zuviel Lob kann vieles töten.“ „Ein wahres Wort! O, der Meister lobt dich heute nicht, allein, Er spricht auch keinen Tadel aus. Hast die ganzen Tage mit dir hart gekämpft, und deine Bangnis hast du schief betrachtet. Damit bist du wieder auf dem rechten Weg, und die paar Tage, in denen du im Trüben fischtest, hat der Meister freundlich zugedeckt.“
„Da muß ich Ihm sehr dankbar sein. Es war immer Seine ungeheure Freundlichkeit, die — wie soll ich sagen? — aus dem Born des Ernstes stieg, was mich so fest an Ihn gekettet hat. Ich, der freie Römer, bin Sein Gefangener.“ „O Cornelius, wunderbar erkannt! Von Seiner Hoheit, Seinem ganzen Wesen sind wir eingefangen worden, unfrei in der Freiheit Seiner Liebe! Das ist das Göttliche, das wir verstehen können, ohne dessen Tiefe auszuschöpfen. Warum denn auch? Genügt es nicht zu wissen: wir sind Sein Eigentum?“
„So denke ich, nur sagen kann ich‘s nicht. Halt ein Unterschied zwischen dir und mir.“ „Welcher?“ „Na höre mal! Du bist ein Jünger, ich bin bloß . . .“ „Halt, wenn du den Meister nicht betrüben willst!“ Eine ernste Warnung, die Cornelius durch die Seele fährt. Fragend blickt er hoch. „Wir sind Seine Söhne und die Töchter, unabhängig davon, wes Aufgabe jeder hat. Diese unterscheidet uns in nichts, weil alles miteinander ‚dienen‘ heißt.
Du hast viele Sklaven und jeder muß verschiedenes tun. Hilft es nicht genau so zur Behaglichkeit und Wohlstand deines Hauses, wenn der Niedrigste es sauber hält, wie jener, der dir das Essen bringt, den Wein einschenkt?“ „Früher dachte ich nicht so darüber nach, ich war nichts anderes gewöhnt. Erst durch Simeon, den hohen Engel, den ich nie vergessen werde, wurde etwas in mir wach, bis es gänzlich vor mir stand: so hast du gelebt, anders sollst du leben! Und des Meisters Lehre hatte alles überglänzt.“
„Sieh“, lacht Johannes, „du kannst nicht bloß denken, du kannst es richtig sagen. Hätte mich gewundert, wenn das dem Tribun nicht möglich war.“ „Seit wann weißt du etwas? Mir hat einmal ein weiser Grieche anvertraut, wenn er sich vertiefe — wie er das macht, verriet er nicht —‚ dann würde er um jeden Menschen eine ‚Aura‘ sehen, wie er das nannte. Für mich noch heute kein Begriff. Jedenfalls — er würde die Gedanken lesen, vor allem auch das Schicksal dessen sehen können, dem er seine Aura aufzudecken weiß. So ungefähr drückte er sich aus. Kannst du das auch?“
„Nicht so, wie der Grieche. Diesem Mann gelang es wohl, manches zu erkennen; nur wer in sich verschlossen blieb, da konnte er nichts sehen, weder die Vergangenheit, Zukunft noch Gedanken. Ganz anders ist‘s, wenn GOTT uns schauen läßt, was Er zum Heil der Menschen nur bei wenigen tut, und das nicht, weil die Wenigen die Auserwählten wären. Ausnahmen gibt es bei Gott nicht, sonst müßte Er die einen mehr, die andern weniger lieben.
Aus dem Gefühl — zum Wohl der Nächsten — kann man schon an diesen manches merken; denn darin hat der Grieche recht: jeder Mensch hat eine Aura, selten selbst bewußt, die man fühlen, nachempfinden kann. Das hast du selbst wie oft bekundet: neben einem Menschen stehend, fühltest du dich angezogen oder abgestoßen, hast also dessen Aura oder Ausstrahlung gespürt, auch wenn du keine Worte dafür fandest und gar nichts sehen konntest.
Gibt Gott uns aber eine ‚Schau‘, so brauchen wir die äußerlichen Dinge nicht. Um so leichter läßt sich mit und durch die Schau des Nächsten Ausstrahlung erkennen.“ „Ist das Angelernte falsch?“ „O nein, verbindet man damit kein böses Tun. Dein Grieche hat manch gutes Werk getan. Leider kommt es selten vor, oft steckt nur Hochmut und die Eigensucht dahinter. Gaukler lassen sich dafür bezahlen. Da steigt es aus dem dunklen Schacht der Seele auf; davor muß man sich sehr hüten.
Willst du hören, was ich sah? Vorgestrige Nacht war es.“ „Gern, es könnte mich beruhigen.“ „Beruhigen kann dich bloß der Herr, und des sei getrost: es gibt langen Frieden auf der Insel. Was später kommt, darum brauchen wir uns jetzt noch nicht zu sorgen. Also höre mir nun zu.
Vom Westen her kam eine Wolkenwand, zwei Tage nach der Abfahrt dessen, der deinen Frieden stören wollte.“ „Deinen nicht?“ unterbricht Cornelius. „Nein, selbst wenn ich selber in solch finstere Wolkenwand geriete — die Machenschaft gemeint, keine der Natur. Was dich bedrückt, ist gut, indem du deine Habe erbmäßig dahingehend schreiben ließest, es den Nazarenern zu vermachen. Du hast dich in dem Sachverwalter nicht getäuscht, er ließ sich auch vom Meister fangen. So, nun hast du deines Herzens Frieden wieder.
Maurius hat gelacht, der Wind wehte ihn erst förmlich nach dem Westen. ‚Da sieht man es‘, ärgerte er sich, ‚der komische Kauz‘, war ich gemeint, ‚hat mir was vorgefaselt, dem ich leider anheim fiel. Ha, ich handele! Warte, mein Tribun, dir, deinen Räubern samt der Insel werde ich noch kommen!‘
Er hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da fing der Wind sich an zu drehen. Die Galeeren schlingerten und beinah stießen zwei durch hohen Wellengang zusammen. Gestern hat die Wolkenwand das Meer ganz zugedeckt, westwärts, hinter Kreta. Der Wind wurde quirlig. Seine Ruderer — das hat aber seine Seele einmal bitter abzugelten, darauf kann er sich verlassen — ließ er peitschen, sie waren ohne Kraft und konnten nicht mehr rudern. Viele Ruderstangen sind zerbrochen; und weil er dummerweise alle Segel setzen ließ, obwohl sein Kapitän dagegen sprach, wurden sie zerfetzt. In der ganzen Nacht trieb die Triga wie in einem großen Kreis herum, die Schiffe sind lädiert, schlimmer als die Cornelia, die mich her nach Patmos brachte.
Uneinsichtig ließ er sich völlig gehen, und viel fehlte nicht, so hätte ihn die Mannschaft über Bord geworfen. Heute schwimmen sie mit halber Ruderkraft.“ „Ich will es ihm nicht gönnen“, nicht ganz leicht, das Menschliche zu überwinden, wenn einer allzu böse war, „die Sklaven tun mir leid. Ich behielt die meinen; hätte ich sie freigegeben, wäre ich verachtet worden und sie wären höchstens in ein schlimmes Haus geraten.“
„Du tatest recht daran. Dir vergessen sie das nie und alle deine Leute glauben an den Herrn.“ „Darüber bin ich froh. Laß uns nun zum Morgenmahle gehen, und was in Rom geschieht, würde ich gern hören.“ „Soweit es dienlich ist, sollst du die Schau erfahren. Nicht alles gibt Gott auf einmal; eine Schau kann auf einer Seele lasten.“ „Kann ich mir denken“, murmelt der Tribun, „ich bin sehr dankbar, daß ich keine Schau besitze.“
In der Taverne sind schon Cronias, Nicodemus und Scubatus, einige Legionäre an dem großen Tisch. Beflissen bringt der Syrier das Mahl, dazu einen leichten Wein, wie ihn Cornelius liebt, der mit seinen Freunden am Triklinium sitzt. Nahe bei dem Turm fließt eine klare Quelle. Gern nimmt man davon, um den Wein zu mengen. Früher hätte es Cornelius nicht getan, er lächelt vor sich hin. „Was ist?“ fragt Nicodemus.
„Jesu hat in Kana aus dem Wasser einen starken Wein gemacht und Er wußte ja: Wein ist gut, Wein kann schädlich sein. Ah — in Seinem Beisein und von Seinem Wein wurde keiner krank. Simeon lehrte mich einmal, wann man leichten oder starken Wein verkraften kann. Mit diesem Ratschlag bin ich immer gut gefahren.“ „Simeon lernte ich nicht kennen“, sagt Johannes, „ich meine in Jerusalem; sonst kenne ich ihn gut, bloß beschreiben kann ich‘s nicht. Die Bekanntschaft kommt vom Himmel her.“ Nicodemus nickt:
„Ich verstehe es. Vom Simeon hab‘ ich viel gelernt, auch, daß man vom Lichtreich ausgegangen ist, sofern man einst die Himmelstreue hielt. Und da sind Gottes Kinder ja zu Haus, sie kennen sich; nur während einer Wanderzeit in der Materie weiß man nicht, wie und mit wem man einst zusammen war. Kommt man einstens heim, dann begegnet man sich wieder. Du bist als Jesu Jünger auch von obenher und wirst Simeon-Gabriel bestens kennen.“ „Du auch, und Cornelius“, es ist ein Hineinhorchen in die Herzensstimme, „Simeon nannte den Tribun seinen ‚kleinen Himmelsbruder‘.“
„Damals, ach, ich war beseligt und bedrückt. Ich ‚Waffenmann‘ und dann ein Himmelsbruder, wo es dort keine Waffen gibt.“ „Doch, die gibt es auch, bloß werden sie ganz anders angewendet als zumal auf dieser Welt. Hier, um die Macht mit Mord und Kriegen zu erreichen, dort, um mit Macht die Seelen zu gewinnen. Welch ein Unterschied! Mit Menschenworten kaum zu schildern.“
„Ist sicher nur im Geist zu spüren“, sagt Cronias, „man fühlt‘s als eine Seligkeit.“ „Ich verstehe leider nicht sehr viel davon“, Scubatus ist bekümmert, „doch wenn man sich gern leiten läßt, kommt man auch einmal ins Reich.“ „Ganz gewiß“, tröstet Nicodemus, „jeder Mensch, der sich Gottes treuer Führung anheim gibt. Er nannte Sich mit Recht den ‚guten Hirten‘. Der alte Hirte auf der Insel weidet seine Lämmer, wovon man auch mit lernen kann.“ —
Cornelius besichtigt mit Cronias den Hafen; es ist immer etwas auszubessern, sowie die zwei Galeeren, die die Besatzung braucht. Sklaven werden auf dem Land zur Arbeit eingesetzt, sie sind fröhlich und möchten nirgends anders hin. Bestens führen sie die Arbeit aus. Ein Legionär, der die Lehre Jesu anerkennt, steht über ihnen; der Tribun kann sich auf ihn verlassen.
Mit Mühe hat er einmal ein paar Pferde eingeschifft, die es auf Patmos noch nicht gab. Die Fischer fürchteten sie erst, doch bald ist ihre Angst verschwunden. Die Obersten reiten längs der Küste hin. Dem Festland zu, wo Buchten heimlich anzusteuern sind, muß man laufend revidieren. Johannes hat sich an ein Pferd gewöhnt, und erkennt sie ja; denn kein hoher Römer, der nicht beritten war. Bloß Nicodemus, als Priester auf die Esel angewiesen, lernt nicht mehr, als sie zu streicheln.
Die Kontrolle verläuft gut, und es ist schon früher Nachmittag, als Cornelius im Turm erscheint. Vor Johannes liegt ein unbeschriebenes Papier. „Du willst schreiben? Da komm‘ ich später wieder,“ entschuldigt jener sich. Für ihn ist es stets wichtig, den Jünger nicht in seiner Lichtarbeit zu stören.
„Bleibe; was ich schreiben muß, wird mir zwar gegeben, doch der Mensch als Gottes Kind darf sich überlegen, was er weitergeben soll, ansonst wäre er nur eine Kreatur. Wenn das, so wären wir auch frei von jeder Sünde; denn der uns bindet, ließe uns nichts selber tun. Wir wären weniger als die Tiere, die trotz Naturgesetz in ihrer kleinen Freiheit leben.
Du hattest dich den ‚Gefangenen des Herrn‘ genannt. Gerade das läßt zu, ein freies Kind zu sein, das selbst zu denken hat, weil aus den Gedanken erst die Worte, dann die Taten folgen. So erlangen wir das obere Bewußtsein, das freiheitlich uns an den Schöpfer bindet. Wir reden noch einmal darüber. Denn wenn du willst, sprechen wir jetzt über Rom.“
„Ist mir plötzlich nicht mehr wichtig, Joanus. Wichtig wäre, was du schreiben willst.“ „Das kann folgen. Für dich ist‘s gut, fällt der letzte Druck von deiner Seele.“ „Hast recht; ich wollte stärker sein als ich es bin, wollte zeigen, daß das Weltliche mich nicht mehr kümmert. Ah, so ein kleiner Wurm hat doch genagt.“ „Den stechen wir jetzt aus.“ Sie setzen sich an eins der Fenster, vom Meer kommt eine gute Luft herein. Johannes sagt:
„Ich erzähle es dir so, als wäre es soweit. Die Galeeren landen. Der Hafenmeister ist entsetzt, als er die Wracks besichtigt. ‚Sowas habe ich noch nie gesehen‘, schimpft er den Kapitän zusammen. ‚Noch kein Sturm hat unsre Schiffe jemals so zerstört. Die sind zu nichts mehr nütze! Welch ein Schaden, und gerade eben, wo wir jedes Schiff benötigen! Wo sind die Segel? Ruder gehen mal kaputt, das weiß ich auch; allein die Masten und die Segel? Antworte, wenn es dich den Kopf nicht kosten soll!‘
Die Mannschaft zeigt auf Maurius. Der Hafner dreht sich diesem zu. ‚Hast du mit der Sache was zu tun?‘ ‚Nein‘, lügt dieser frech, ‚ich war Kontrolleur auf Patmos.‘ ‚Das ist die Höhe‘, fällt einer ein. ‚Der Kapitän wollte keine Segel setzen, obwohl nicht mehr zu rudern war. Maurius schlug Sklaven nieder.‘ Das ist verpönt, man ist ja auf sie angewiesen. Der Hafenmeister zieht die Stirn in steile Falten. Es währt wohl eine Woche, ehe je die andern wieder einzusetzen sind. Und noch zehn Galeeren sollen nach Iberien; nun fehlen ausgerechnet diese drei.
Er nimmt sich Maurius vor. ‚Hast du auf dem Schiff befohlen, was dem Schiffstribun obliegt?‘ ‚Ich mußte dringend Rom erreichen und uns aus dem Sturm . . .‘ ‚Genug, das habe ich zu melden!‘ Maurius wird ziemlich klein, damit hat er sich die Anlaufstufe, wie er wollte, schon verscherzt. ‚Du kannst gehen!‘ Er dreht Maurius den Rücken zu, gibt dem Kapitän die Hand und sagt: ‚Verzeih, das konnte ich nicht wissen. Warum ließest du dich überfahren? Das Kommando lag in deiner Hand.‘
‚Maurius zeigte mir die Rolle vor, derzufolge er die Wassertriga übernehmen dürfe, wenn . . .‘ ‚Sowas gibt es nicht! Nun, wacker habt ihr euch gehalten.‘ Er sorgt für die Mannschaft und die Ruderer, jeder ist für Rom so kostbar, man kann auf keinen Mann verzichten. Also nicht aus Menschlichkeit hilft man ihnen wieder auf; immerhin — so bleiben sie am Leben.“
„Man müßte ihnen wünschen, nicht zu überleben, dann wäre ihre Pein vorbei.“ Cornelius ist bedrückt. „Wohl, mein Freund, doch solche Menschenschinder werden einst im Jenseits ungleich härter leben als die armen Sklaven. Indessen hat der Hafenmeister schon ein Heer von anderen, die zum Hafendienst gehören, aufgeboten.
Der Einsatz nach Iberien verzögert sich um eine Woche. Das Volk an der Küste, wo die Truppe landen soll, bekommt von Piraten eine Warnung; denn Horcher gibt es überall, und sie flüchten schnell ins Innenland, stecken ihre Häuschen noch in Brand, verwüsten, was sie noch verwüsten können. Es hält den Vormarsch etwas auf. — Doch wir wollen Maurius verfolgen.
Etwas kleinlaut meldet er sich bei Aurelius. Dieser empfängt ihn so, als würde dieser eine gute Kunde bringen. Allein, Sejananus hat schon dem Senat berichtet, beim Kaiser war er auch. Der hatte eine gute Stunde, was nicht immer vorzukommen pflegt, hat seinem ersten Schreiber allerlei diktiert. Unserm Sejananus überlassen wir die Freude, dir ganz bestimmtes mitzuteilen.“
„Ich warte gern. Wie hat Maurius sich herausgewunden? Das möchte ich noch wissen. Ist er schon in Rom?“ „Nein, es ist eine Vorschau, was ich berichtet habe. Und es kommt so: Aurelius zieht die Senatoren mit hinzu, wo Maurius berichten muß. Inzwischen ist auch des Hafenmeisters Meldung eingegangen. Maurius wird weiß, Pretias dazu, beide wollten deinen Reichtum teilen. Aurelius ist so empört, läßt keine Gnade walten und fordert es sogar beim Kaiser an, das Todesurteil über beide zu verhängen.
Zufolge dessen, was Sejananus von dir und mir berichtet hat, ist des Kaisers Stimmung noch gemildert. ‚Heute will ich niemand töten lassen. Außerhalb des Säulentores (Gibraltar) liegt weit ab ein Eiland, wie mir mal berichtet wurde, das nicht besiedelt sei. Dort werden beide ausgesetzt, etwas Handwerk soll man ihnen lassen, dann können sie ihr Leben fristen wie sie wollen.“ „Ist das nicht härter als der Tod?“ Johannes gibt es traurig zu. Denn — er sieht — —
„Sie vergehen, es gibt wenig Wasser, und die Einsamkeit ist ihre größte Qual. Durch die können sie zur Einsicht kommen. Also ist das Urteil dahingehend auch gerecht, nur nicht vom Menschen her. GOTTES Sache, was ER anzuwenden weiß!“ „Gewiß; Gott weiß auch manches umzudrehen, wenn —“ „Wir haben einen wunderbaren Gott; Er wendet an, Er dreht um, Er kann alles anders machen. O, Er ‚tut‘ nach Seinem heilsgewohnten Willen!
Stehen wir in Seinem Gnadenschatten, dann haben wir auf unsern Wanderwegen, was wir brauchen, was für unsere Seele nützlich ist.“ „Und für den Geist?“ fragt der Tribun. „Der Meister sagte oft, der Geist stünde über allem und — noch ein Wort, ich weiß es nicht mehr ganz genau, wo Er Gott als GEIST bezeichnet hat.“
„Darüber hab‘ ich vorhin nachgedacht. Es war, als eine Samariterin am Jakobsbrunnen mit Ihm reden durfte und fragte, wo man denn Gott anzubeten hätte (Joh. K. 4). Da gab Jesu eine Antwort, die sich alle Leute in die Herzen schreiben sollten und es würde mancher Irrtum weichen, jetzt, und später noch viel mehr. Er sprach:
‚Gott ist Geist, und die Ihn anbeten, müssen
Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!‘
Haben wir ein Fünkchen Geist von Ihm, wir können das nicht voll erfassen, weil GEIST nie auszuschöpfen ist, weder in Erkenntnis noch in seiner Wesenheit —‚ so braucht unser Geistanteil kein Vorwärts, kein Hinauf. Er ist von GOTT gegeben, und das pur Persönliche von Gott ist gut! Doch wir müssen unserm Geist den Vorrang geben.
Die Seele — selbst wenn sie aus dem Lichte stammt — hat in unseren Beihilfswegen einen Teil der Dunkelheit zu tragen, sonst wäre unser Wandel ganz umsonst. Die Seele braucht ein Vorwärts, ein Hinauf, die Heimkehr in des Vaters Haus.“
„Ich habe noch was auf dem Herzen“, sagt Cornelius bittend. „Dem Maurius sagtest du von Weltgerichten, die bleiben würden, bis diese Welt einst auszulöschen sei. Habe oft darüber nachgedacht und kam zu keinem Resultat. Die Menschen mehren sich, neue Länder tauchen auf. Wo ist ein Ende abzusehen?“ „Das heben wir uns auf den Abend auf, wenn die anderen zugegen sind. Ich will schreiben.“ Behutsam, ohne Wort und Gruß, geht der Tribun hinaus, zum Strand, wo er gerne sitzt. Als trügen ihm die Wellen gleichfalls Gottes Offenbarung zu, so ist ihm zumute: feierlich, ganz wundersam. Bis zum Abend hält er Einkehr in sich selbst.
Ein milder Abend bricht herein, außer leichtem Wellengang rundum Gottes feierliche Stille, und Sterne spiegeln sich im Wasser. Die Turmgemeinde hat sich voll versammelt. Nicodemus hält einen freien Gottesdienst, ohne Ritual. Er spricht über jenes Wort von ‚Gott ist Geist‘ und kann es so erklären, daß jeder einen Segen daraus hat. Cornelius dachte, heute wären nur die Reiferen versammelt, doch ihm ist‘s recht. ‚Erst war ich auch nicht reif‘, denkt er in schöner Selbsterkenntnis, ‚und doch hat sich ein Simeon um mich bemüht und der Herr!‘ Nun spricht der Seher Gottes.
„Liebe Freunde, es ist nicht immer leicht, sich an das gute Recht zu halten. Manchmal merkt man erst den Unterschied, wenn man sich vergangen hat. Kehrt man in sich ein, nimmt man sich ernstlich vor, solche Fehler nicht noch mal zu machen, so finden wir das Vorwärts Schritt um Schritt, dieses so gesagt, weil es auch ein Rückwärts gibt, wenn man nicht aufs Besserwerden sinnt. Ausschließlich hier in Hinsicht unserer Seele.
Unser weltlich treuer Hüter, der Tribun, hat sich ganz dem Herrn ergeben, und so steigen in ihm große Fragen auf, die der allgemeine Mensch gern von sich schiebt. Dem Maurius, der bei uns den Großen spielen wollte, hatte ich sein Unrecht aufgedeckt, dabei gesagt, daß das Unrecht bei der Menschheit bleibt, weil sie durchaus anderes nicht will, bis die Materie einmal auszulöschen sei (S. 88, 7). Wann wird das sein? Was bedeuten Weltgerichte, die in später Zukunft diese Menschheit überschatten wird?
Ihr braucht euch nicht zu bangen, wenn auch das Übel dieser Welt nicht ganz an euch vorüber geht. An Maurius habt ihr es erlebt und öfters durch Piraten. Etliche sind heute unter uns, sie haben sich gewendet und fühlen sich wie neugeboren. O, wenn ein Mensch sich Gott ergibt, dann ist er — wie der Meister sagt — durch Wasser und Geist wiedergeboren, in der Seele; und Reinheit und Erkenntnis sind die Stützen seines Weges.
Weltgericht! Der Planet wird nicht gerichtet, weil er ohne Sünde ist, er ist ein Werk aus Gottes Schöpferhand. Er hat auf ihm, zwar als der niederste im Raum, gerade Seine Herrlichkeiten offenbart. Allerdings nicht nur auf ihm; denn überall im ganzen Schöpfungsraum wirkt Seine Liebe und Barmherzigkeit. Die Erde ist ein Sonderteil der ‚Pflanzschule Gottes‘; hier treffen sich die höchsten Lichter und die niedersten Gesellen.
Auf dieser Welt und in ihrem Umkreis wurde einst die Finsternis des Falles festgebannt. Warum gerade hier? An sich spielt das keine Rolle. Ein Raumteil mußte sein, wo die Abgestürzten ihre Läuterung erfahren sollten. Eben dieser Raumteil steht im Kreuzfeuer Seines Ernstes und der Barmherzigkeit. Ohne ernsthaftes Eingreifen Gottes — wie könnte eine arme Seele selbst zur Einsicht kommen? Wie wäre ohne die Erbarmung die Erlösung möglich — ?!
O, das Weltliche am Menschen wird gerichtet! Die Dunklen durften locken; denn bloß so verlieren sie die Kraft. Das dauert freilich noch sehr lang. Die Geschlechter haben ihren Teil am Weltgericht zu tragen. Durch Jesu Kreuz ist die Finsternis ganz aufgestoßen worden und die Dunklen, deren es wie Sand am Meere gibt, werden ausgelöst. Je näher einst das Ende der Materie rückt, um so größer wird die dunkle Flut, die sich besonders auf die Welt ergießt. Der Herr hat es gekündet, allein, nicht ohne jenen großen Trost:
‚Himmel und Erde werden vergehen,
aber Meine Worte werden nicht vergehen!‘ (Matt. 24, 35)
Seine Worte sind die Zuversicht, uns gegeben, darinnen wir geborgen sind. Wohl sieht‘s manchmal aus, als könne Gott nicht helfen. O, ER kann immer! Jenes Wort hat sich uns eingebrannt:
‚Den Frieden lasse Ich euch, Meinen Frieden gebe
Ich euch. Nicht gebe Ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.‘ (Joh. 14, 27)
Wie vergeht nun die Materie? Da wird man einmal sagen“, Johannes sieht im Augenblick schon Bilder, die er später in der letzten Zeit auf Patmos hat, „diese Welt ginge plötzlich unter. Wohin? Es gibt kein Unten und kein Oben, keine Weite, keine Nähe, durch die nicht Gottes ATMA weht! Der Fall samt Dunkelheit vergeht. Wohlgemerkt: der Fall, nicht die Gefallenen! Wer gefallen ist, der wird einmal aufgehoben werden.
Von euch ist niemand hier, der nicht schon einen Menschen sterben sah. Meist kommt der Tod auf einen Menschen langsam zu, was eine große Gnade ist — wer sie in Anspruch nimmt. Da hat der Mensch noch Zeit, mit sich selber abzurechnen. Es kann der Tod auch plötzlich kommen, was zumal in jener fernen Zeit geschehen wird, wo man nicht weiß, wie materiell man leben soll — leben möchte. Da regiert die Lust der Weltlichen.
Wie Menschen langsam sterben können, so langsam löst sich nach dem ‚Kreuz von Golgatha‘ die Weltmaterie auf; wie in ihren letzten Tagen, deren Zeit wir nicht zu wissen brauchen, der Tod die Menschen überfällt, daß an einem Tage Ungezählte sterben können, weggerafft, durch die Macht der Materiellen, also wird dann die Materie rascher aufgelöst, zuerst die weiten Ränder, bis sich die Spirale enger zieht und zuletzt den Dunkelkern betriffl: der nahe Umkreis dieser Welt und sie dazu.
Manche Lichtgeborenen werden es auch merken, und daß das Unglück nie von GOTT gegeben wird. Die Menschheit gräbt sich selbst das Unglücksgrab. Denn Gott ist gut! Jener Teil der Kindesfreiheit, der der Entwicklung eines Kindes dient, der wirkt sich in der Weltmacht aus. Gott läßt es zu, allein — nicht ohne Seine hohe Wachsamkeit! Wäre diese nicht — schon jetzt bestünde diese Welt nicht mehr und vieles nicht, was man in dem für uns gegrenzten Firmament erblicken kann: Sonne, Mond, die Vielzahl der Gestirne.
Damit wären viele Seelen ewiglich verloren, nie fänden sie aus ihrem Bann heraus. Was dann? Könnte Gott Sich Seiner Herrlichkeit erfreuen? Müßte Er nicht stets den ‚Außenteil‘ betrachten? Und wo bliebe denn die Allmacht Seiner Liebe, würde Er nicht alles tun, um die sich selbst Verlorenen wieder heimzuholen?
Freunde, das braucht der Ewige nicht erst zu tun. Er hat es schon getan, aus Ewigkeiten her, und als Schlußstein durch das Kreuz von Golgatha! Er hat die Türe aufgetan und wird nie mehr zugeschlossen werden, bis das letzte ärmste Kind den Rückweg angetreten hat. Und wie Schar um Schar zurück zur Heimat findet, so bröckelt eines um das andere von der Materie ab.
Sie dient allein als Durchgangsstätte für die Hingestürzten; für diese sonderheitlich steht das Kreuz auf Golgatha, für diese ist Gott wie ein Mensch erschienen. Denn was wären die Verlorenen, wenn nicht für sie die Opfertat des Herrn geschah?! Eingeschlossen sind da alle Wanderer, die im Opferdienst in die Materie gehen, auf diese Welt und anderwärts. Überall walten Gottes treue Vaterhände!
Und noch das Gleichnis, wie die Materie vergehen wird: Ist ein Mensch gestorben, so währt es dennoch lang, bis sein Leib zerfällt. Nach und nach erst stirbt die Fleischeshülle ab, bis ganz zuletzt auch das Gebein vergeht. So langsam — um hoher Gnade willen — stirbt die Materie ihren Auferstehungstod!
Wir sind ebenfalls daran gebunden, wir brauchen seelisch einen Auferstehungstod. Mit dem Abfall dessen, was uns durch den Wanderweg gefesselt hat, gehen wir der Gottes-Heimat zu. Mag es bei dem einen langsam, bei dem andern rascher sein — jeder wird von Gott geleitet, von Seiner Liebe und Barmherzigkeit.
Gefangen in der Liebe Gottes, auf den Entwicklungsweg gestellt, unter Gottes Führung und mit wahrem Ernst zu sagen:
‚Vater, allezeit geschehe stets Dein Wille!‘,
sind wir auf dieser Sprosse unsrer Himmelsleiter angelangt. Da gibt es für uns nichts, was unser Herz erschrecken kann. Zwar müssen wir noch irdisch leben, im Erhaltungstrieb, doch unser Geist hat dann die Herrschaft angetreten. Man sehnt sich heim ins Vaterhaus.
Wer sich von Gott befreien will — können kann es keiner —‚ muß einst erkennen: väterliche Liebe hat ihn festgehalten, hat für den Materie-Lebenszeitteil sozusagen nichts getan, ließ den Menschen in die selbstgewählte Irre gehen, weil jeder Irrweg eine Grenze hat. Dort gibt‘s kein Weiter, dort gibt es bloß das Stehenbleiben, dem eine Umkehr folgen kann, folgen muß.
Niemand kann für immer stehenbleiben, weder materiell, am wenigsten transzendent, was sich einzig auf den Seelenteil bezieht. Man fängt wieder an zu gehen, oft lange unbewußt, wie ein kleines Kind durch Gassen trippelt und nicht weiß: wo geht es hin? Ebenso ergeht es jeder Seele, jedem Wesen ohne Licht! Aber jede Umkehr hat die Folge, die die Heimkehr nach sich zieht.
Nicht anders wird es einst mit der Materie sein. Würde Gottes Schöpfergeist sie nicht durchpulsen, von Anfang an, als Er sie dem Hinfall schuf, — keine Ewigkeitssekunde hätte sie bestehen können! Die Erhaltungskraft, ein essentieller Teil der Schöpfermacht, wird aus allem groben Stoff ein neues Werk erstehen lassen. Wann, wie, wo — kein Kind wird es erfassen. Ist der neue Schöpfungsmorgen aber da, alsdann werden wir die ungeheure Güte Gottes schmecken, die uns einen Anteil an den Wundern Seiner Herrlichkeiten haben läßt.
Mit all dem, was ich sagen durfte, ist des Menschen Frage mit geklärt: ‚Warum hat Gott . . .‘? Sein heiliges ‚Warum‘ werden Menschen selten voll erkennen. Wer sich völlig unter Gottes Willen beugt und in allen Dingen Seine Führung anerkennt, der löst das Fragewort ‚Warum‘ mit jenem andern ab:
‚Herr, was DU tust, das ist wohlgetan.“
Am andern Morgen treffen sich Johannes und Cornelius am Strand, wo sie dem Licht entgegensehen, das das Wasser langsam überglänzt. Sie sitzen lange wortlos da. Der Seher wartet, er merkt, daß der Römer etwas auf dem Herzen hat. Und der fängt auch an, nachdem die Sonne völlig aufgegangen war.
„Deine Rede gestern hat mich tief berührt, auch was Nicodemus sprach. Wie gut, weil ich dich retten konnte. Und Maria, die liebe Frau. Überdies erwarte ich bald Kunde, habe jemand nach Kapernaum geschickt.“ „Du bist wahrlich unser bester Freund.“ „So? Ist nicht der Heiland unser bester Freund?“ Ein liebes Lächeln des Johannes: „Du weißt, wie ich es meinte. Ich nannte dich den weltlich treuen Hüter, und hierin eben bist du unser bester Freund, sagen wir — ein getreuer. So haben wir die Klippe gut umschifft.“
„Es wäre sehr verwunderlich, würde Gottes Seher es nicht richtig schauen und entsprechend deuten. Was ich dich fragen wollte: Habe etwas nicht begriffen: die freiheitliche Bindung (S. 95, 4). Du warst gefangen und gefesselt und bist nicht frei gewesen. Freilich, dem Schöpfer gegenüber wäre man —“ Cornelius stockt, er weiß nicht, ob und wie er es benennen soll.
„An sich spürst du es“, sagt Johannes, „es fehlen dir die Worte, um den Knoten aufzulösen. Als man mich gefesselt hatte, war ich kein freier Mensch; doch mein Geist ging freie Wege, ging mit Jesu nach Gethsemane und — Golgatha. Diese Wege meines Geistes konnte niemand hindern, weil die Wächter keine Ahnung davon hatten. Sieh, so war ich an die Wege Jesu fest gebunden, konnte gar nicht anders denken, weil ich ein Gefangener war — der Seine, so wie du.
War ich gezwungen, so zu denken? Hätte ich nicht auch an meine Zukunft denken können, die menschlich dunkel vor mir lag? Konnte ich mich nicht damit befassen, wie ich hätte fliehen können? Es gab auch unbewachte Augenblicke. Sieh an, ich mußte nicht dem Inneren nach die Wege Jesu gehen, ich tat es völlig frei. Doch die Liebe, mit der der Herr uns überschüttete, die war die Fessel, und die ist immer eine freiheitliche Bindung.
Stünden wir nicht unter Gottes Schöpfermacht, würde diese uns nicht führen, wissend: ER allein kann uns erhalten!, oh, wir wären weniger als ein leiser Wind, der über unsere Wangen streicht und dann vergeht. Nicht weiß man, woher er kommt, wohin er weht, ob er jemand anderen streift oder ganz zerstiebt.
Doch hat die Schöpfermacht kein ‚starres Muß‘, sofern es sich um Gottes Kinder handelt. Der Wand der Gestirne samt der Natur, die wir materiell betrachten können, unterliegen einem Muß, weil ohne diesem nichts besteht. Können wir das Schöpfungsmuß ergründen? Ach nein, wir brauchen es auch nicht. Für uns genügt zu wissen: der Schöpfer leitet alle Dinge, ER hat sie gemacht.
Zwar gilt auch uns ein Muß, aus dem Gesetz des Lebens kommend, mit dem Gott unsere Wege herrlich säumt. Dieses Muß ist die Umrandung des gesamten Lebens, erst im Lichte völlig zu erkennen, wie heute jenen ersten vagen Schein am Horizont, mit jenem Unterschied: die Sonne kam, wir sehn sie wandern. Der Lebensrand bleibt allezeit ein Horizont für uns, weil wir von einem Sein ins andere gehen, unendlich wechselhaft, immer wieder neu und wundersam erstehend; und das füllt alle Schöpfungstage aus.
Man kann den Ablauf eines Tages weder hemmen noch beschleunigen. Aber innerhalb desselben sind wir frei, sobald es nicht das kleine Lebensmuß bedingt: schaffen, essen, trinken, schlafen und noch manches mehr. Man fühlt sich dabei ungezwungen und muß es trotzdem tun. So ungefähr, bloß schöpferischer, ist das hohe Lebensmuß, das uns an den Schöpfer bindet, aus der Lebendigkeit heraus, die Er uns stets angedeihen läßt. Im Reich, Cornelius, werden wir Gott einmal danken, daß Er uns so fest an Sich gebunden hat. Ich möchte von Ihm nie mehr losgelassen sein.“
„Ich auch nicht“, sagt der Römer leise, „wenn — wenn Gott mich gern bei Sich behalten will.“ „Laß das keine Frage sein, höchstens eine Bitte, mit dem Bewußtsein untermauert: es ist! Gott behält uns gern bei Sich, und zwar nicht erst drüben, wenn wir unsern kleinen Weg durch die Materie beendet haben. Nein — Er hält uns immer fest! Einst im Reich, jetzt im Vorüber eines Erdenwandels, und dann auch wiederum im Licht, im Vaterhaus.“
Cornelius sinnt vor sich hin: „Wieder eine schwere Kost“, und er seufzt versonnen, „habe sie nicht ganz verdaut. Doch so bei kleinem habe ich‘s erfaßt. Ich danke dir und bin froh, daß ich auch dieses wissen darf. Weißt du, Joanus, mich bekommst du nicht mehr los, mit mir hast du viel zu tun. Noch so vieles will und muß ich wissen. Ah, da ist ja gleich ein ‚Muß‘. Ich muß in Erkenntnis weiterkommen, möchte gern einmal mein Lichtlein hin zum Hohen Altar tragen, damit es Gott beschauen kann.“
„Darf ich dir einen Rat erteilen?“ „Immer, Joanus!“ „Es ist, was ich sogar selber brauche und da stehn wir Hand in Hand. Als Wunsch ist der Gedanke gut; besser aber, wenn wir unser Lichtlein, unsere Rückbringgabe, an den Rand aller Seiner Herrlichkeiten niederlegen. Holt Gott es Selber ab, wird unsere Seligkeit den denkbar höchsten Grad erreichen, jeweils in der Zeit, wo dies und das geschieht.
Manche Kinder möchten sich nach vorn begeben, an den Hochaltar. Da nimmt Gott ihre Sehnsucht an und deckt damit den Fehler zu: selber gehen statt zu warten. Wir warten, bis ER uns zu Sich führt, geistig ohne Stehenbleiben. Um so lieber hebt Er unsre kleine Gabe hoch und stellt sie auf den Schöpfungsherd. Dann wird unsere Himmelsfreude für den Tag der Liebe höchst vollendet sein.“
Was Johannes eben sagt, ist für ihn selber neu; es schauert seine Seele. Cornelius sitzt wieder lang versunken da. Ihn schauert‘s noch viel mehr, ganz wonnig, unaussprechlich. Jäh umarmt er seinen Himmelsfreund, wie er den Jünger bei sich öfter nennt.
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