7. Kapitel
Johannes sitzt im Turmgemach. Seine Rollen hat er schon sortiert, wie sie vorzunehmen wären. Soll er mit einer Rede, oder einer Tat des Herrn beginnen? O, der Anfang, soll er richtig sein, ‚auch bei uns auf unserm Lebensweg‘, sinniert der Jünger, ist nicht immer leicht. Dazu die Umkehr anzustreben, womit ein neuer Anfang sich ergeben kann — Hier jedoch, beim Herrn — — ?
Erinnerung: er war auf dem Weg zur Mutter, damals achtzehn Jahre alt. Dennoch ist‘s ihm jetzt ganz nah gerückt, so, als hätte es der gestrige Tag beschert. Er war durch eine Au gewandert, wo er einen Mann im weißen Mantel traf, körperlich nicht allzu groß, aber so gebietend, überragend; er hatte damals diesen Eindruck nicht ganz fassen können. Es fiel förmlich auf ihn nieder. Nicht erdrückend, o nein, mehr wie hochgehoben war es ihm zumute.
Beim Näherkommen — diese Augen, dieses Angesicht — dieser Strom — überwältigend und freundlich, er fühlte sich wie eingehüllt. Und das Wort — ein Wort nur, worüber er — durchaus verständlich — beinahe lachte. „Sohn!“ war das eine Wort gewesen und er, Johannes, hatte noch gedacht: ‚Sohn!? Du bist höchstens ein paar Jahre älter, wir könnten Brüder sein.‘ Brüderlich wollte er den Mann begrüßen mit dem üblichen „Friede sei mit dir“.
Das versank, war wie weggewischt aus Hirn und Herz, als ER, den er über alles lieben lernte, abermals die Stimme hob und wieder sprach: „Sohn!“ Wie es kam — er weiß es nicht genau, er sank auf einmal vor Ihm nieder, klammerte sich an Ihn an und ER fing an zu reden und zu trösten. Johannes hatte wie ein Kind geweint.
„Jetzt bist du der erste, den Ich rufe. Verwundere dich nicht, nach ein paar Jahren werde Ich dich öffentlich erwählen. Dann wirst du der vierte sein, den Ich an Meine Seite rufe (Matt. 4, 21). Das bedeutet etwas Großes, dessen Sinn du erst allmählich kennen lernst[VH7]. Nannte Ich dich ‚Sohn‘, so sei gewiß, daß nur ein VATER also sprechen kann! Du hast gedacht, wir könnten Brüder sein. Für die Welt mag‘s gelten; doch nur die Menschen und die Lebenskinder unter sich sind Brüder, Schwestern; über ihnen ist allein der Vater großer herzlicher Barmherzigkeit (Jes. 63, 15), mit der Er alles Leben fest (in der Bibel: hart) verwahrt. Auch dich!“
„Ich weiß nicht, wer Du bist“, hatte er erwidert. „Ich bin wie du ein Wanderer auf dieser Welt. Allein der Unterschied: Ich weiß alle Wege! Für dich kommt eine Zeit, wo du am tiefsten in die Weisheit dringen wirst. Dann öffnet sich für dich das Hohe Licht (0ff.). Die Menschen werden es sehr wenig fassen; ICH gebe aber nichts, was ewig dunkel bleibt! Der Mensch liebt einen Isisschleier, unter dem er sich verstecken will, wie Adam hinter einem Baum. Glaubst du, GOTT müsse erst den Schleier lösen, um zu sehen, wer sich mit ‚was‘ darunter zu verbergen sucht?!“
Das war eine Last, die Johannes drückte. Seine Antwort war: „Ich weiß, kein Mensch kann sich vor Gott verhüllen. Du sagst das aber so, als wärest Du — — nein, Du bist auch ein Mensch.“ Zögernd hatte er das ausgesprochen, sieht jetzt wieder deutlich diese Augen, wie sie auf ihn niederblickten, aus einer Wesenstiefe kommend er wäre beinah umgefallen, hätte ihn der Herr nicht festgehalten. Ein Sturm an Gefühlen brach über ihn herein. „Du — Du bist —
„Es dauert ein paar Jahre, bis Ich in diesem Lande wirken werde; dann wirst du wissen, wer Ich bin! Nun geh‘ und schweig‘, was du erfahren hast.“ Er war auf einmal fortgewesen, als hätte sich die Erde aufgetan und ihn verschluckt. Das hatte ihn zumeist erschüttert und das eine Wort ‚Sohn‘.
Er sah Ihn wieder mit zwei älteren Männern. Er, Johannes, sein Bruder und der Vater flickten Netze. Der Herr rief sie an. Jakobus sah verwundert auf und fragte: „Was will denn der?“ und flickte weiter. Johannes stieß ihn an: „Komme mit, du erlebst, was dir nie in deinen Sinn gekommen ist!“ „So? Etwa dir?“ hatte ihn der Ältere geneckt. Doch er sagte nur: „Ich kenne Ihn, und man muß Ihm folgen wie — wie wenn GOTT uns ruft.“
Der Vater hatte auch gemeint: „Du junger Hase, was weißt du von Gott, wann Er Seine Menschen ruft?“ Zebedäus hatte dabei an den Tod gedacht. Wie der Heiland so am Ufer stand, ernst und hoheitsvoll, hatte es Jakobus doch gepackt, vom Magnet, der alles an sich zieht. Er sprang zuerst ans Land und sprach: „Wenn Du mich brauchst?, ich folge Dir!“ Der Herr hatte alle vier gesegnet. Bloß Zebedäus sagte trüb: „Nun bin ich meine Söhne los, wer wird mir helfen?“ Allein konnte er den Fischzug nicht bewältigen. Und die Familie, wie sollte er sie denn ernähren?
Der Herr tröstete den Vater: „Du bist nicht allein. Weil du deine Söhne mit Mir gehen läßt — du wirst erkennen, was das zu bedeuten hat —‚ sende ich dir einen starken Helfer zu.“ Und das war bald geschehen. Ein Nachbar, dessen Frau gestorben war, half dem Vater fortan bei dem Fischefang. —
Nun sitzt Johannes da und weiß noch immer nicht, wie er beginnen soll. Mit einer Rückschau ist das Evangelium nicht einzuleiten. Das Persönliche muß in Wegfall kommen, man müßte sofort zeigen, wer der Herr gewesen ist. Da Er nicht auf einmal Sich in Seiner Göttlichkeit enthüllte, sondern manchmal tat, als wäre Er nichts anderes als ein Mensch, oder der Sohn Gottes, das widerspricht den Herrlichkeiten aller Offenbarung über IHN und über Gottes Kinder.
‚Sohn!‘ Das erste Wort. Später: ‚Ich sage euch ein Wort‘, auch wenn es eine ganze Predigt war. Ist Gott nicht das Wort? Ob Er zehn Gebote gibt, tausend Sätze spricht stets ist es ein Wort, nämlich eine Offenbarung, wie der Ewige ein Schöpfer ist. Damit müßte man beginnen, um gleich daß — Der Federkiel ist zugespitzt, er taucht ihn langsam in die dunkle Flüssigkeit, als müßte er sich nochmals überlegen und dann — Das Papyrin füllt sich mit Zeilen. Cornelius hatte es ihm reichlich mitgebracht.
„IM ANFANG WAR DAS WORT!“
So muß es lauten. Gott ist im Anfang und Er sprach: ‚Es werde!‘ Aus diesem Schöpfer-Herrenwort war die Welt entstanden, oh — das Universum. Er braucht nur ins nächtliche Gezelt zu blicken, da sieht er diese Herrlichkeit des heiligen ‚Es werde!‘ Nun, für diese Welt der Sohn, wie der Heiland ihn einst angesprochen hatte.
Gott, Wort und Anfang sind in nichts zu trennen, eine hocherhabene Persönlichkeit. Es ist erwiesen, und rechtlich sprach der Herr von Sich: ‚ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!‘ Oft hatte ER Sich ‚Säemann‘ genannt. ‚Der Sämann sät das WORT‘ (Mark. 4, 14). Nicht mal ‚Korn‘ hatte Er gesagt, was verständlicher gewesen wäre. Zudem das: ‚So jemand Mein Wort wird halten . . .‘ (Joh. 8, 51).
Zwar sprach Er auch von einer Vielzahl Seiner Worte, lag darin ja der tiefe Sinn der vielen Werke, die Er als Schöpfer tat. Jedes Wort rief ein Werk hervor. „Trotz alledem, ich muß bei der Einzahl bleiben“, spricht Johannes vor sich hin und schreibt und schreibt. Keine andere Stelle des gesamten Evangeliums gibt solch höchste Auskunft über Jesu Wesenheit.
Als er an diese Stelle seiner Schriften kommt, daß GOTT wirklich unter ihnen war, da zögert er, das Wort ‚Mensch‘ zu setzen. ‚Das Wort ward lebendig‘, trifft nicht zu. Gott, Selbst das Wort, muß nicht erst lebendig werden, nie in Ewigkeit! Hm, ‚Fleisch‘, mit dem das Menschliche zu unterbinden wäre, die ‚Gott-Lebendigkeit‘ ins rechte Licht zu rücken ist. Ja — Nun aber gleich die ‚Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit‘!
Gibt es auf der armen Welt wohl eine Herrlichkeit? Was die Großen sich erkaufen — weniger als ein Schatten ist‘s, den die junge Sonne auseinander schiebt, als wäre er nie dagewesen. Das sinkt ja nicht mal mit ins Grab. Allein, bei Gott —? O, es muß heißen: ‚Wir sahen Seine Herrlichkeit‘, und von dieser ‚Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade‘, Anteil um Anteil, bis wir reif gewesen sind, Ihn gänzlich zu verstehen. —
Johannes schreibt das erste Kapitel seines Evangeliums in einem Zuge nieder. Als die Sonne sinkt, legt er dankbar seine Feder hin. Mit Gottes Segen ist der Anfang wohlgelungen. Daß er jedoch alles erst erklären muß, merkt er dann am andern Tag. —
„Wie gut, daß ich dir begegne, Joanus“. Cornelius, der früh zum Strand gegangen war, geht ihm entgegen. Auch der Jünger kostet gern den Morgen aus, bevor die Sonne aus dem Wasser steigt. Da ist‘s so herrlich frisch. Weit draußen sind die Fischer noch dabei, ihren Fang hereinzuziehen. „Mir ist es gleichfalls eine Freude, dich, den Freund, so früh zu sehen.“ Sie setzen sich am Ufer nieder, wo ein Seegras trockene Plätze bietet.
„Du warst gestern fleißig“, beginnt Cornelius und sieht Johannes heimlich an. Hat er sich verändert?, oder hat bloß er, Cornelius — „Darf ich wissen, was du geschrieben hast? Ich kam und stand lange da, du hast mich nicht bemerkt, so vertieft bist du gewesen. Und wie soll ich sagen — ? Erkläre mir, ob ein Mensch sich während einer Arbeit stark verändern kann, ich meine im Gesicht.“
„Das ist durchaus möglich, je nachdem, was man gerade tut. Bei schwerer körperlicher Arbeit wird das Gesicht geprägt, eben durch die Anstrengung; und wenn . . .“ „Dann sah ich recht!“ unterbricht der Römer. „Dein Kopf war tief geneigt, doch ich konnte dein Gesicht noch sehen. Mir war — lach‘ mich nicht aus, du Jünger Jesu! —‚ als ob alles, was du schriebst, im Gesicht zu lesen sei. Es sah ganz anders aus als sonst und wie eben jetzt.
Der HERR sitzt dort!, dachte ich; unheimlich ähnlich warst du Ihm geworden.“ „Sag‘ das nicht, o Cornelius, sag‘ das nicht! Niemand, nicht einmal ein höchster Engel, hat mit Gott, der als Heiland zu uns kam, eine Ähnlichkeit. Wir sind Seine Kindgeschöpfe.“ „Eben! Habe aber das gelernt, was sich mir mit Jesu offenbarte: hat Gott uns gemacht, ah, warte, da steht doch in der Schrift, die ihr besitzt:
‚Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde.‘ Muß also eine Ähnlichkeit vorhanden sein.“ „Das gewiß; nur zwischen Ähnlichkeit und Wesensgleichheit ist ein großer Unterschied. In der Form und in manchem, was wir Menschen noch nicht wissen, hat uns der Herr Sich gleich gemacht, als auch Anbild von Ihm. Aber Jesu Angesicht, Seine ganze Art — nein!, nie kann ein Mensch, ein Kindgeschöpf IHM gleichen!
Du hast das Grausige der Kreuznot nicht erlebt.“ „Gut für Kaiphas, daß ich ferne war“, murmelt der Tribun. Johannes geht nicht darauf ein. „Der Herr, unser Gott, wie immer mehr erkennbar wird, hatte zwei Gesichter. Deutlich konnte ich es sehen; denn mich und etliche hat man nicht verjagt. Und weißt du auch, warum?“ „Wie soll ich‘s wissen, wenn ich nicht zugegen war?“
„Wir sollten Zeugen sein, daß der Herr entlarvt und wie ein Mensch gestorben sei. Wir sollten an Ihm irre werden. Darum hatte Kaiphas es extra anbefohlen, uns zuzulassen. Hätte er gewußt, was ich beim Kreuz erlebte[VH8], nie hätte er erlaubt, daß Maria, ein paar der besten Frauen, sowie ich verbleiben durften. Nie!“ „Dem trau‘ ich alles zu, dieser Menschenbestie! Der ist alles andere, bloß nie ein echter Priester!“ grollt Cornelius böse.
„Früher soll er nicht so arg gewesen sein. Erst als der Herr die Hohlheit unserer Priester offenbarte — nicht bei allen, es gab gute, die dem Herrn gern folgten, sie konnten das nur nicht ganz offen tun, da erst wurde er so arg. Seine Hohlheit wurde aufgedeckt, die Tünche weggewischt. Welcher Mensch läßt sich das gern gefallen?“ Cornelius unterbricht:
„Cyrenius, nächst dem Cäsar unser Höchster, viele Offiziere und Beamte, ich ja auch, bekannten uns zum Herrn ganz offen.“ „O, ein kleiner Unterschied, womit euere Liebe, Treue, euere Offenheit in nichts geschmälert wird: Ihr waret die Besatzungsmacht, ihr konntet handeln wie ihr wolltet. Niemand konnte es euch wehren, niemand über euch ein Urteil fällen.
Doch die Juden, sogar die Galiläer, unterstanden dem Gericht des Tempels; und du weißt, welche Macht ein Kaiphas besaß und alle, die ihm hörig waren. Hast es ja zuletzt an Nicodemus noch erlebt. Zwar waren seit der Kreuzigung dem Templer weitere Rechte weggenommen worden, fand Kaiphas trotzdem Mörder, die unsern Freund beseitigen sollten. Das Volk, jahrtausendlang der Führung unterordnet, was vom Glauben her sich mit ergab, ist nicht fähig, sich von der Despotie der Oberen freizumachen.“
„Hm hm! Wir, Cyrenius und noch andere, die wir die Führung eures Volkes kennen, haben euch, die Jünger Jesu, sehr bewundert. Ihr seid fast alle aus der Einfachheit des Volks hervorgegangen und ihr fürchtetet euch nicht, seid mit dem Herrn durchs ganze Land gezogen und — ach halt, du wolltest mir erzählen, wie es beim Kreuz gewesen war, vom ‚Gesicht des Herrn‘. Das ist mir höchst wichtig, das andere läuft nebenher.“
„O Cornelius, du hast dich IHM ergeben, wie wenige vom Volk! Du hast am Kaiserhof gelebt, die Götterfeste mitgefeiert, bist Soldat gewesen und was alles noch. Nun bist du Gottes Kind.“ Es übermannt Johannes selbst. Cornelius senkt beschämt die Augen. ‚Gottes Kind?‘ seufzt er. ‚Wenn ich es erst wäre.‘ Johannes nimmt die festen Fäuste in seine zart gewordenen Hände. Ein sanfter Druck. Es genügt, um das Seufzen einzustellen.
„Also höre“, spricht Johannes, „Als der Herr bei Kaiphas, Hannas und Herodes war, wirkte Er wie jeder Mensch, der zum Tod verurteilt wird. Die Drangsal hatte Sein Gesicht gezeichnet. Ich stand immer nah, damit ich einmal davon zeugen konnte. Ganz anders war es bei Pilatus, nur konnten das die anderen nicht merken. Jesu hatte zwei Gesichter — das menschliche und das Göttliche! Verhüllt, denn das des Menschen sollte ganz im Vordergrunde stehn.
Pilatus spürte es, er gab sich Mühe, ganz korrekt zu sein. Daß es Rom nicht immer ist — verzeih, Cornelius, dir darf ich‘s sagen —‚ er gab, den Herrn zu geißeln. Ich habe es gemerkt, es tat Pilatus selber weh; er wollte damit von den Templern jenen Freispruch sich erzwingen, der für ihn längstens gültig war. Als man aus Gemeinheit ihm mit seinem Kaiser drohte, da konnte er nicht anders. In diesem Augenblick war das Gesicht des Herrn wieder wie bei uns, mit aller Qual. Und doch mir sah es nicht so aus, als ob der Herr für Sich die Qual erduldet hätte.“
„Das glaube ich! Er hat so wunderbar gewirkt, in einer Weisheit ohnegleichen! Ich hörte Ihn einmal die Templer fragen: ‚Wer kann MICH einer Sünde zeihen‘ (Job. 8, 46)? Ich dachte: ‚Du bist Gott, Du hast ja keine Sünde; doch der Mensch — Du wirst nicht mal ungeduldig ob der Sturheit dieser Leute, denen Du Dein Bestes bringst.‘ Das hatte mich zu sehr gewundert. Schaue ich auf mich, wie ich oftmals zornig ward und . . .“
„Das vergibt der Herr uns Menschen. Aber unterm Kreuz — es drückt bitter, sehe ich das Bild vor mir, wie man IHN, Der nur zu hauchen brauchte und die ganze Erde wäre eine Trümmerstatt gewesen, auf das Kreuzholz niederwarf und — und —“ Nein, das mit den Nägeln bringt Johannes noch nicht über seine Lippen.
„Und ich sah ein schwarzes Tuch, das den Gemarterten verhüllte. Kein Stöhnen hörte man. Die dunkle Hülle wurde wieder weggezogen und ich sah den Glanz auf Jesu Angesicht. Weshalb ich der einzige war, der dies sehen durfte —? Zugleich aber sah ich doch das Leiden unseres lieben Herrn, und daß die Marter ‚uns‘ gegolten hat, allen Kindgeschöpfen, besonders denen, die so sündig waren. Ein Römer, euer Hauptmann, der kam zur Besinnung, vor allem durch das Wort des Herrn: ‚Vergib ihnen, Vater, du Meine Barmherzigkeit, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘ Da rief der Römer: ‚Wahrheit, das ist ein Gott!‘
Was danach geschah, die Verwirrung, das Beben in der Erde, hast du schon gehört. Gerade da erglänzte wiederum Sein Angesicht, man kann es nicht beschreiben.“ „Ich fühle es dir nach“, sagt Cornelius verhalten. „Wie könnten Menschen ihren Schöpfer so beschreiben, wie Er es tatsächlich ist?! Das fände ich zudem vermessen! Mir kam es manchmal in den Sinn, durfte ich in Seiner Nähe weilen: Er sieht aus wie jeder unter uns; und dann traf mich stets ein Strahl aus Seinen lieben Augen, daß ich mich ducken mußte und bekennen: ‚Du bist kein Mensch!“
„Für uns, Cornelius, und alle armen Hingestürzten, die sich aus dem Reich des Lichtes stahlen, war Er ein Mensch, oder so gesagt: Er zeigte Sich uns wie ein Mensch. Das darum, damit das hingefallene Kind, Seine erste Tochter, nicht sagen konnte: ‚Als Gott ist es Dir leicht, so und so zu handeln. Werde erst einmal ein Mensch, wie Du sie geschaffen hast — was nicht im Sinn des Widersachers stimmt —‚ dann komm und sprich mit mir!‘ [VH9]
Das Mysterium: Gott und Mensch in einem während Seiner Jesu-Zeit! Ansonst ist‘s schwer, mein Freund. Als ich gestern schrieb . . .“ „Ich bat dich schon, mir deine Niederschrift zu zeigen.“ „Wir ziehen Nicodemus mit hinzu; für die andern ist es noch zu schwer.“ „Erst nehmen wir den Morgenimbiß ein.“ Johannes ist es recht, gestern hat er weniges gegessen, bloß so nebenher.
Der Tribun hatte einen Sohn des Wirts in Sidon angeworben, auch viel Geräte mitgebracht, sogar ein Triklinium für die Osteria. Der junge Mann hatte sich mit Feuereifer an das Werk begeben, ein paar Fischer halfen mit; und so ist‘s schon möglich, jede Mahlzeit bei dem Wirtssohn einzunehmen. Regelmäßig wird vom Festland alles das herbeigeschafft, was die Inselleute brauchen.
Die Sonne, die das Wasser silbern glänzen läßt, hat Nicodemus aufgeweckt. Nun sitzen sie beisammen, auch Sejananus, Cronias und Scubatus. Noch ist der Speiseraum nicht ganz geschlossen. Auch die Piraten werden mit beköstigt, vorläufig als Gefangene; eingesperrt sind sie aber nicht. Das verhilft, daß sie sich freier fühlen und sich vom argen Handwerk lösen.
Nach dem Frühmahl haben die drei Römer militärisch viel zu tun. Johannes, Nicodemus und Cornelius sind allein. Sie begeben sich ins Turmgemach, das dem Jünger eingerichtet worden war. Er holt seine Schriften vor. Nicodemus und Cornelius sind sehr begierig, alles aufzunehmen. Auch zu verstehen —?
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Johannes sieht den Priester und den Römer an. Es kommt über ihn: Wie ist das zu verstehen?, wie auszulegen? Hat er die Sätze formuliert, oder muß da etwas sein, was ihm seine Feder führte? Daß Cornelius sich verwundert, ist verständlich, doch des Nicodemus Frage: „Wie versteht man das?“ gibt das Zeugnis, daß die Herrlichkeit der Offenbarung einen Haken hat: der Mensch versteht sie schwerlich, oder nicht — jenachdem.
„Ich weiß“, sagt der Jünger, „ihr müßt verwundert sein; ich bin es auch. Dennoch ist es klar. ‚Im‘ Anfang ist die Gott-Unendlichkeit von Raum und Zeit. ‚Anfang‘ bedeutet hierbei kein Beginnen. Gott hat weder einen Anfang noch ein Ende! Selbst Seine Werke, die Er Sich erdenkt, sind ein Impuls der Unendlichkeit. Das ‚Wort‘ aber ist Er Selbst. Schon die Gedanken, aus der Tiefe Seiner Herrlichkeit geschöpft, sind die ‚Worte Seiner Tätigkeit‘!“
„In der Moserolle steht geschrieben: ‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.‘ Wäre es nicht besser, statt ‚im‘ das ‚am‘ zu setzen?“ „Ich komme auch nicht mit“, gesteht Cornelius ein, „doch denke ich, daß so, wie Joanus es schrieb, einen tiefen Sinn enthält, den bloß wir Unfähigen nicht verkraften können. Dabei ist mir wonniglich zumute, es würde uns das Herrlichste geschenkt. Muß man es sofort verstehen? Kann man sich denn nicht darüber freuen, auch wenn die blöde Seele vor verschlossener Türe steht?“
„Genau so ging es mir“, bekennt Johannes. „Ich brauchte eine Zeit, um den Faden aufzunehmen, habe auch nicht alles gleich erkannt. Und dann —? Du hast recht, Cornelius: wir Menschen greifen auf der Welt nicht in die Tiefe göttlicher Enthüllungen hinein, und hinauf in Seine Höhe gelangen wir erst dann, wenn unser Leben auf der Welt vollendet ist. So genügt es denn, daß wir uns am WORT erfreuen, das GOTT SELBER ist.“ Er hebt die Rolle hoch und liest weiter.
„Das versteh‘ ich gut: ‚Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts, was gemacht ist“, fällt Nicodemus ein. „Es bestätigt Mose‘s Schau vom ‚Am Anfang schuf . . .‘.“ „Ja, im Anfang waren der Gedanke und das Wort des Schöpfers, Der als Heiland zu uns kam. Danach formte Er Gedanke und das Wort zur Tat. O, zu welcher? Sicher sahen diese Taten Seine Kinder, die im Lichte rein erstanden waren — Sein schönstes Werk! Und das mußte ja — mindestens für diese Lichtgeborenen zuerst — den Anfang zeigen, für sie also ein ‚am Anfang‘ sein, wie das geschöpfliche Erschaffene, Kind oder anderes, für sich den Anfang hat und haben muß.
Das ist der Unterschied, den ihr verstehen könnt.“ „So gedeutet“, ruft Cornelius aus, „ist es mir sonnenklar geworden. Ach Joanus, wie wunderbar hast du das ausgelegt! Ja, wenn man diesen Schlüssel hat, da wird es nicht mehr allzu schwer, die ‚verborgene Türe der Geheimnisse Gottes‘ aufzuschließen.“ „Du bist ein Römer und hast es gut erkannt.“ Nicodemus ist nicht neidisch, aber traurig. Schon liegt Johannes Hand auf dessen Arm.
„Weder noch, mein Freund! Du gabst die Anregung, den Unterschied herauszuschälen, er war also auch in dir vorhanden. Sieh, bei einer Offenbarung kommt es absolut nicht darauf an, wer etwas bringen und enthüllen darf, sondern daß es uns gegeben wird. Und diese Gaben kommen stets von Gott allein, nicht wahr?“ „Ich bin getröstet.“ Der Priester wischt sich einmal über seine Augen.
„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat‘s nicht begriffen‘, betrifft zwar unser Volk“, erklärt Johannes, „doch zuerst gilt es den Abgewichenen. Weil sie Gottes Licht verlassen hatten, wurden sie zur Finsternis, die nicht GOTT geschaffen hat. Der Abfall selbst war Finsternis. Diese wurde zur Materie, in der das Böse seine Manifestation erfuhr.
Dem angeschlossen sind die Menschen, die das wissen oder glauben könnten. Sie scheuen aber Gottes Licht, in dem es kein Verstecken gibt. Nicht begriffen hat die Finsternis die ungeheure Gottes-Tat durch das Erlösungs-Kreuz. Da steht unser Volk voran. Es hat die Offenbarung durch Jahrhunderte empfangen: der Messias kommt!
Gewiß, in der Drangsal der Gefangenschaften konnte ja die Irrung kommen: der Messias, der uns von allen anderen befreit und uns die Herrschaft über diese ganze Welt zu eigen gibt. Was aber ist ein Volk? Bleibt es immer das, wie es sich gestaltet hat? Nein! Die Geschlechter steigen auf und nieder, sinken in das Grab. Was nützt denn da die Weltherrschaft?“
Cornelius reibt sich seine Stirn. Weltherrschaft! Noch steht Rom da, seine Macht, soweit sie ausgebreitet wurde über Land und Meer. Er weiß, wie diese Weltmacht sich schon untergraben hat. O, sein Fundament ist morsch geworden, mit großen Anstrengungen hält man seine Säulen fest, die so viele Sprünge zeigen. Völker müssen sein; denn die Menschheit kann nur im Gemeinschaftsleben existieren. Den Gedanken greift Johannes auf.
„Gott nennt die Kinderschar Sein Volk, was sich mit den Völkern dieser Welt auf keinen Nenner bringen läßt. Der treue Teil davon — zwei Drittel — hat, als Gott aus Seinem Testament [VH10] den Weg enthüllte, den ER als Erlöser gehen würde, sich das Licht bewahrt, aus ‚Gottes Macht‘ (1. Pet. 1, 5), der sie sich ergeben hatten. Sie hatten es begriffen. Nicht so der Dunkelteil, der nicht wollte. Im Spiegelbild die Menschheit, die sich vor der Helligkeit-Heiligkeit des Schöpfers immer zu verstecken sucht.“
„Darf ich unterbrechen?“ fragt Cornelius. „Immer; in freier Rede finden wir am besten unser Ziel.“ „Ja, es ist so: Es gibt wirklich viele Menschen, die unabsichtlich nichts begreifen wollen, die es nicht können. Da fehlt das Vermögen, etwas aufzunehmen, was ihnen fremd und dunkel ist. Wie stuft Gott diese ein?“ „Gut gefragt“, lobt Nicodemus, und Johannes sagt:
„Der Mensch ist im Vermögen der Erkenntnis sehr verschieden. Wo kommen diese Unterschiede her? Hat die Gottheit sie gemacht?, oder sind sie aus dem Weg entstanden, den jedes freigeborene Kind auch selber gehen kann und soll? Hätte Gott nun keinen Einfluß auf den Weg, so wäre Er nicht der Allmächtige, dem alles untersteht.
Die Weg-Freiheit schließt Gottes Führung absolut nicht aus, doch innerhalb der Führung gibt es die Bewegungs-Freiheit, mit der man sich den Weg erwählt. Der Aufbau, als geschöpflicher Beginn, hat keinen andern Stand als in der UR-Gott-Wesenheit. Darin ist das Ziel enthalten. Diese Fundamente sind souveräne Schöpferdinge, die nie von einem Kind gestaltet oder umgebogen werden können.
Allein — zwischen ihnen zeigt sich eine Richtung und der Lauf, was uns überlassen ist. Wir können langsam gehen oder schnell, gerade oder krumm, stehenbleiben oder — auch wie oft — nach rückwärts sehen, wie Lots Weib. Aber seht das Beispiel an: Rückwärts schauen konnte sie, nur kein Schritt zurück war möglich. Wie wenig wir vergangene Tage noch einmal erleben können, so wenig ist uns möglich, auch nur einen Schritt nach hinten tun — geistig angesehen. In der Schöpfer-Macht und -Tat gibt es nur das ‚heilige Voran‘!
Gott hat niemals das Vermögen der Erkenntnis zugeschlossen, dem einen mehr, dem andern weniger gegeben. Da wäre Er ein ungerechter Gott! Niemand könnte so zur Rechenschaft gezogen werden: ‚Was hast du mit dem dir anvertrauten Pfund getan‘ (Luk. 19, 13)? Das Verborgene liegt schon im Vorweg unseres Lebens, ehe wir auf eine Weltstation gekommen sind. Die treu Gebliebenen kommen also auch in der Materie besser zur Erkenntnis, weil sie aus dem Aufbau ihren Lichtweg beibehielten. Bei den andern gibt es viele Unterschiede, jenachdem, ob sie mit aus Bosheit Gott verschmähten oder aber aus der Kleinheit ihrer Schaffung, durch das erste Kind, dem Hauptverführer, einfach mitgegangen sind.
Letztere — nicht alle — sind jene, die das sogenannte ‚Unvermögen der Erkenntnis‘ haben. Denen wird es niemals angerechnet. Aber was sie mit Bewußtheit Böses tun, das müssen sie bezahlen! Da gibt es keine Varianten, und Gott weiß wohl, wie Er jede einzustufen hat. Als Menschen können wir die Unterschiede nicht verstehen, brauchen es auch nicht; doch das Wesentlichste davon können wir erkennen, sogar vom eigenen Vermögen her, das der Schöpfer uns mit auf die Lebensgasse gab, vom Anfang an, als wir aus Seiner Herrlichkeit geboren wurden.“
„Wenn ich mich besehe“, sagt Cornelius offen, „hatte es sehr lang gedauert, bis ich nur einigermaßen zum Verständnis kam. Wenn nicht der Simeon (vom Tempel) gewesen wäre, einer von den ersten Engeln (Gabriel), ach wer weiß, in welchem dunkeln Winkel ich noch heute stecken würde.“ Ein Atemzug, der nach einem tiefen Seufzer klingt. Nicodemus lacht ein wenig.
„Mir geht‘s wie dir. Nun, ich war damals jung und unerfahren und glaubte, alle Weisheit zu besitzen. Da hat Simeon mir eine Kerze angebrannt. Ohne ihn — wer weiß, was aus mir geworden wäre!“ „Ich verstehe euch“, sagt Johannes, „Achtzehn Jahre war ich alt, als mich der Herr zum erstenmale angeredet hat. Ohne diesem — kann ich etwa wissen, ob ich bei der Wahl, die Jakobus, meinem Bruder, auch mit galt, den Herrn erkannte und Ihm nachgegangen wäre —?
Es geht uns dreien wie Lots Weib. Heute sehen wir zurück; aber welche Gnade: wir können nie mehr rückwärts gehen. So laßt uns aus der Rückschau Gottes Gnadenfülle nehmen: wir sind gerufen worden und wir konnten hören, konnten folgen. Mag wohl das Eigentliche dieser Folge ebenfalls aus hoher Gnade kommen — ein Stück davon darf unser Eigen sein.
Das finden wir, was ich hier aufgezeichnet habe.“ Johannes liest das Kapitel vor. Bei dem ‚Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt‘, gibt es wieder ein paar Fragen, wieso Johannes, gleich am Anfang der Epistel, völlig klar die Wesenheit des Herrn als ‚Selber Gott‘ verzeichnet hat, hier — wenn auch gleichnishaft als Lamm — Ihn wie eine Zweitperson benennt.
„Gar nicht schwer“, sagt der Schreiber. „Es bedeutet ja, daß für die Menschen wie ebenso die Finsternis, die Gottes Opfer-Tat nicht anerkennen wollten, ein Weg zu gehen war, den allerdings allein der SCHÖPFER gehen konnte: einen Mittel- oder besser Mittler-Weg, der ‚vermittelnd‘ wirkt, nämlich zwischen Seiner Heiligkeit und der Barmherzigkeit.
Versteht: Die Heiligkeit, die UR-Grundwesenheit des Schöpfers, überging den Abfall nicht und — nur des Abfalls wegen — diesen auch nicht übergehen konnte. Nicht, daß Ihm nichts andres übrigblieb zu tun. Nein! Das betrifft nicht Seine heilige Allmächtigkeit, mit der Er fraglos andere Wege wußte, um Sein hohes Ziel zu offenbaren. Die kleine Kindesfreiheit war eine Perle in dem köstlichen Geschmeide Seines ewig hehren Herrschaftswillens!
Ich hab‘ es auch nicht gleich erkannt, weil sich der Herr den Sohn des Höchsten nannte. Erst durch die Tiefe Seiner Worte und der Werke wurde mir es offenbar: Er ist nicht einmal als Mensch ein Mensch! Wäre Er denn Gottes Sohn, so würden ja das Heiligste und auch das Unnahbarste GOTT allein gehören. Ein Sohn ist nicht sein eigener Vater. Der Heiland hat uns aber väterlich betreut. (Kol. 2,9)
Dem Allmächtigen, der alles kann, alles tut, dem nichts verborgen ist, ist das heilige, urprimäre Licht, in das kein Kind gelangen kann, allein zu eigen! Ein Sohn, und wäre er der einzige, der aus der Gottheit kam, könnte dennoch nicht das gleiche Licht, dieselbe Heiligkeit besitzen. Noch dazu, da wir allesamt als Kinder Gottes Seine Söhne, Seine Töchter sind.“
„Das leuchtet mir ja ein“, meint Cornelius, „nur fragen muß ich dich: Der Heiland hat gelehrt, daß wir zu Gott gelangen können. Ist das möglich, und ich bezweifle Jesu Worte nie, dann müßten wir ins urprimäre Licht gelangen, wie du es bezeichnet hast. Und das wieder ist mir kein Begriff. Licht ist Licht, das sieht man doch!“
„O Cornelius, du denkst über alles nach“, lobt Nicodemus. „Hätten das die Templer auch getan! Da hat‘s gehapert.“ Johannes nickt: „O ja, weil sie ihre selbstgezimmerte Überlieferung, die von allen echten Schriften abgewichen ist, nicht lassen wollten; denn da wäre ja der ‚Glanz der Kleider‘ ganz vergangen! Doch zur Frage: hier ist aus dem Licht sehr rasch ein Lichtlein anzuzünden.
Du hast Gott erkannt, der alles weiß, kann, alles tut und nie mit etwas zu vergleichen ist. Ist es nun an dem, so muß es Unterschiede zwischen den Geschöpfen und dem Schöpfer geben. Daß die Gottheit aus dem Tiefsten ihres Wesens das bloß ihren Kindern gibt, was sie auch erfassen können, ist ebenso verständlich, wie daß sie ihr pur Göttliches für sich behalten muß. ‚Muß‘ nie so, Gott unterstünde einem Zwang. Wenn ja, dann müßte doch ein anderer, der über unsrer Gottheit thront, das Muß gegeben haben. Die Gottheit braucht Sich Selbst kein Muß zu setzen. Sein TUN ist Sein freies Muß.
Also ist das Tiefste aller Heiligkeit der Gottheit das UR-Eigene. Das eben ist das urprimäre Licht! Allein — aus diesem Licht ist die Gottheit für das Kindervolk herausgetreten und zwar zuvor, ehe sie es werden ließ. Alles wurde königlich und väterlich gestaltet, auf daß, sobald die ersten Kinder wurden, sie ‚zu Hause‘ waren und in keiner Fremde, die es dazumal nicht gab (Materie).
Die UR-Persönlichkeit hat Gott teils abgeschirmt, denn das Licht, das Gott Selber ist, kann kein Kind ertragen, weil es der UR-Impuls des ewig Werdenden, sogar ein ewig Verzehrendes ist. So gesehen: Gott gibt nichts weg, was nicht bei Ihm verbleibt! Alle Dinge sind für immer sein, bevor sie eine Lebensform erhalten. Bloß für die Kinder kam ein anderes hinzu, sie sollten wie selbst lebensfähig existieren. Doch ihr Innerstes, der ‚Funke Geist‘, bleibt ebenso Gott ewig angehörig, wie Sein Licht und Seine Schöpfermacht, weil daraus gegeben.
Aus der ungeheuren Fülle Seines Geistes nahm Er nur ein Teilchen, und das war groß genug, um alle Kinder damit auszustatten, durch welchem jederlei ein ‚Lichtstrahlfunke‘ mitgegeben ward. Das Herrlichste an allem Tun: wie von Seinem UR-Geist Er das Teilchen für die Kinder trennte, so aus dem urprimären Licht den Sonnenstrahl, in, durch und mit welchem Er Sich Seinen Kinder offenbart, vom Anfang an, da Er sie zum eigenen Lebenssein berief.
Wir könnten nie die Gottheit sehen; Er aber ist als Gott heraus getreten, o, ein Opfer, das wir nie verstehen, während wir das Kreuz Notopfer, uns zur Seligkeit, zu eigen machen können. Beide Opfer für die Kinder dargebracht! Er liebte uns schon väterlich, als wir als Gedanken, als Embryos, in Seiner Wesenstiefe schliefen. Und der Anteil, der uns daraus samt Licht und Vatersegen wird, der reicht aus in eine Schöpfungsferne, die uns geschöpflich unfaßbar verbleibt. Gerade darin aber ruht der Gipfelpunkt von aller für uns vorbereiteten Seligkeit.“
Cornelius stöhnt und Nicodemus tut‘s ihm nach. „Könnte man das bloß verstehen! Aber so ein bißchen geht es in den kleinen Kopf hinein.“ Er tippt sich an die Stirn. „Und ins Herz“, fügt Nicodemus an. „Wenn man auch nicht alles bis zum Tüpfelchen erkennt, so ist‘s die Hauptsache, man weiß um Gottes heilige UR-Wesenheit. Neigt man sich in Andacht vor dem Herrn, dann wird man auch emporgehoben und lernt verstehen, was zu unserm Fortschritt nötig ist. Unser Vater gibt uns jederzeit das rechte Maß.“
„Das war Erkenntnis von euch beiden!“ Johannes umarmt die Männer. „Ich habe noch etwas zu fragen“, beginnt Nicodemus wieder, nachdem eine kleine Pause eingetreten war. „Du hast gesagt, niemals hätte Gott dem einen mehr, dem andern weniger gegeben und bezogst es auf das anvertraute Pfund (S. 72, 2).
Aus einem Gleichnis ging hervor: ein Knecht hat viel, der andere wenig, und aus unseren Schriften wissen wir, daß es verschiedene Engel gibt, Cherubim und Seraphim. Bei manchen Stellen heißt es auch bloß ‚Engel‘, oder ‚Engel des Herrn‘. Also unterschiedlich.“
„So gesehen — ja; aber schwer ist das Exempel nicht. Gott gibt aus. Seinem Grundvermögen jedem Kinde ein gerechtes Teil, im Wert nie mehr noch weniger. Die Cherubim und Seraphim, die die Propheten sahen, wie Simeon einer war und Rafael, der Tobias begleitet hatte (s. Bibel), die waren ja die Erst-Erschaffenen und ihrer Wesenheit gemäß die Größten. Sie bekamen größere Aufgaben und dafür auch mehr Kraft. Der Segen aber, Gottes Liebe, Treue, Gnade bekam ein jedes Kind in jener Fülle, nämlich in der Möglichkeit, die ihm anvertraute Gabe mit der Arbeit und den Kräften auszugleichen.
Entsprechend seiner Lichtarbeit erhielt ein Urerzengel auch nicht mehr an Gnade, Liebe, Segen, wie die Nachgeborenen der Lichtkindgeister. Denke nicht“, greift Johannes des Cornelius Bedenken auf, „dann hätte Gott den Ersterschaffenen sehr viel gegeben, und weil Er dann nicht mehr so viel aus dem den Kindern abgemessenen Teil besaß, wären alle Nachgeborenen kleiner und mit kleinerem Vermögen ausgestattet worden. Nein, Freund, das hängt mit mehr zusammen. Ich nenne nur ein Wort: ‚Dienstbarkeit!‘
Könnten wir uns gegenseitig dienend helfen, besäße einer wie der andere die gleichen Gaben, gleiche Kraft? Zwar ein mageres Bild, doch ein Römer wird‘s verstehen. Euere Offiziere wissen mehr als eure Legionäre. Könnt ihr ohne diese Schlachten schlagen? Ihr seid aufeinander angewiesen.“ „Es dämmert wieder“, ruft Cornelius aus. „Ach, wie ist Gott herrlich weise, hat alles wunderbar gemacht und eingerichtet! O Joanus —“ und der Tribun verstummt.
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