Kapitel 1
Ihr richtet nach dem Fleisch; ICH richte niemand! (Joh. 8, 15)
Vom Norden her jagt kalter Sturm, zwängt sich in breiter Front durch den Garizim und Ebal, deren Häupter er seit Tagen eingenebelt hat, läßt keine Höhe, kein Tal ungeschoren und verliert erst weit im Süden in der Wüste Zin seine Heftigkeit und seine Regenschauer. In Angst wacht mancher nächtelang; und heute Nacht schließen nur die allzu Müden ihre Augen. Hat man jemals so etwas erlebt? Stürme gab es oft; und die ‚völkischen‘ waren weitaus heftiger gegenüber jenen der Natur.
Die Gläubigen — wieviel sind es noch? — nennen es ein ‚Zeichen Gottes‘. Manche höhnen, manche schweigen. Allerdings: seit Josua Kanaan eroberte und gerechtermaßen den zwölf Stämmen übergab, seit dieser Zeit hat sich vielerlei gewandelt.
Hadersucht und Krieg lösten einander ab. Die Alten, noch von Mose, Josua und Eleasar her, sind wie ausgestorben, jene guten, die ‚Halt‘ geboten, wenn einer über seine Machtbefugnis griff. Man weiß es wohl, nicht nur die Oberen, die die Schriften kennen, — in den Geschlechtern hat sich das Gesetz von Sinai vererbt, was zu tun und was zu lassen sei.
Doch ‚man‘ ist im angestammten Land des Patriarchen. Dagegen ist nichts einzuwenden; aber Macht und Macht ist zweierlei. Ist sie von GOTT, so ist sie gut und richtet sich nach dem Gesetz; ist sie von der Welt, so vertreiben Haß und Unterdrückung die Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Eben so sieht es seit langem aus. —
Gestern kam in Silo das Synedrion [VH1] zusammen. Es wurde hin und her gestritten, dies und das verlangt, nur keine Einigkeit erzielt. Ein Wühler aus dem Stamme Simeon, Hattus, sagte: „Wenn kein Mose dann ein Othniel (3, 9), der Sisera schlägt (4, 2).“ Barak, der Jüngste unter ihnen, den man ungern reden ließ, murmelte vor sich hin: ‚Du gehst unter, Israel, wenn du ferner Greuel tust, den Herrn verachtest, das Gesetz verletzt, die Götzen liebst und unter deinen Brüdern wucherst.‘
„Ruhe!“ gebot der Leitende. Er heißt Delajah, nicht sonderlich beliebt, obendrein recht wankelmütig. Es sah überhaupt sehr böse aus. Kaum ein Fürst, ein Ältester, der sich zur Regierung eignete oder gar im alten Sinne handelte wie Abraham, Mose oder Josua, die ‚vor Gott‘ gestanden waren.
Josua hatte anbefohlen, die Kanaaniter friedlich unter sich zu dulden und mit ihnen gut zu handeln. Solang die alten Fürsten aus der Schule Mose‘s die Regenten waren, wurde das auch durchgeführt (1, 21-36). Übergriffe gab es immer, wurden aber streng gerügt. Nun nimmt es mit den Fehden gar kein Ende.
Barak, das bedenkend, sah Delajah furchtlos an. Ach was — viel zu grün, der Junge. Was weiß der vom Leben oder wie ein Volk zu führen ist? Rundum alle Völker, sogar Städte, kleine Flecken, haben ihren König. Wäre es für Israel nicht gleichfalls gut, einen König zu besitzen — — ?
Delajah strebt seit langem nach der Macht. O, er will kein König sein; nur ein Mann, der — wie Mose — zu bestimmen hätte, welchem zu gehorchen sei. An diesem Tage, wo der Sturmwind eine frühe Nacht gebar, schaurig wild, die auch starke Herzen klopfen machte, da brach‘s aus ihm heraus: „Unser Israel braucht einen neuen Richter, der . . . “ es richtet?“ hatte Artham spöttisch unterbrochen, von anderen Rufern unterstützt.
„Nicht nur richtet“, gab Delajah seinen Kampf nicht auf, „sondern richtig führt, das Gesetz und seine Rechte wahrt.“ „Du meinst, du bist derjenige?“ höhnte Arthasus, ein Freund des Artham. „Gibt es keinen Besseren bei uns?“ fragte Hamer, Fürst von Benjamin. Daß die Gehässigen selber auf den Richtstab lauern, jenen weißen, an dem der alte Nun (Jos. 1, 1 u. [VH2]) kein Fleckchen duldete, weiß Delajah, wie genau, daß ihr Zusammenhalten gegen ihn zerbricht, sobald ein anderer offen danach greift.
Daher sagte er: „Das Pur (Los) gibt art, ob ich der Rechte bin. Sind Bessere vorhanden, mag sie Gott betreffen lassen,“ „Du Heuchler!“ schrie ein alter Obmann. „Ihr seid bis auf wenige Heuchler! Wenn‘s um Recht und Ehre geht, schiebt ihr Gott auf euern Plan voraus; ER muß dann euer Wappen sein! Weder du, Delajah, noch Artham, Hamer, Arthasus, oder du, du, du“, wies der Alte hastig auf verschiedene, „keiner von euch ist befähigt, solch ein Amt zu übernehmen; und das Pur fällt nicht auf euch!“
„Wohl auf dich?“ Die Frage Bezai‘s war wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Bezai ist hart, unnachsichtig gegen jedermann. Der Alte namens Salthiel aus dem Stamme Ephraim hob warnend seine Hand:
„Der Stein fällt auf dich selbst zurück! Ich bin zu alt, um Israel zu führen, nur nicht alt genug, daß mir Recht und Unrecht durcheinander quirlt. Ihr“, zeigt er auf alle, die er meinte, „wählt immer nur die Faust. Daran klebt auch eure Zunge. Hütet euch, der HERR wird euer Richter sein!“
Delajah, weil er gewinnen wollte, sagte ruhig: „Salthiel, du bist geachtet, du meinst es gut. Nur fordert die Erhaltung unseres Volkes mehr als guten Willen. Wir brauchen keine Lehren. Wohl — Gott ist Richter; aber nur fürs Innere, — für den Glauben“, setzte er leicht zögernd fort. Der Glaube ist für ihn nicht wichtig, nicht so wie Stellung, Macht und äußerliches Leben.
„Da hätte Gott nicht allzeit Israel zu retten brauchen“, eiferte der Alte. „Doch euch sind Gott und Sein Gesetz nur Nebendinge, wert genug, will man etwas für den Rock erreichen. Was habt ihr mit den guten Stämmen Kanaans getan? Ihr alle, seit Eleasar starb? Ihr habt sie unterdrückt, gemordet; und wo möglich habt ihr ausposaunt, GOTT hätte das befohlen, weil.
„Richtig!“ unterbrach Delajah. Sein Gesicht war blutgefüllt bis unters Haar. „Gott befahl, die Heiden zu vernichten. Er sagte ja: ‚Wenn Ich die Heiden vor dir ausstoßen und deine Grenzen erweitern werde‘ (2. Mo. 34, 24). Das bekundet, wie wir mit ihnen zu verfahren haben.“ Beifälliges Gerede setzte ein. Salthiel hob abermals die Rechte hoch, ernst fragend:
„Weiter? Was sagte Gott zuvor und was hernach? Was bekannte Mose vor dem Herrn? Du mußt‘s wissen, bist ja Schriftgelehrter!“ Delajah schlug sich heftig auf die Brust: „Er nannte jeden Stamm, der auszurotten sei (2. Mo. 34, 11), die Haine und Altäre (13) und gebot noch obendrein, es aufzuschreiben (27). Lies nach, wenn es deinem Kopf entfallen ist.“
„Entfallen ist es dir“, zürnte Salthiel, „weil du den Zusammenhang nicht wissen willst. Oder meinst du, wenn sich GOTT dem Mose offenbarte, also sagend: ‚Der Herr Gott ist barmherzig, gnädig und geduldig, von großer Gnade und Treue‘ (6), daß Er so etwas mit dem Befehl zum Mord verband? Erkläre mir Sein Wort, ‚das Böcklein nicht in seiner Mutter Milch zu kochen‘ (26)!“
„Das sind bloß Vergleiche“, umging Delajah diese Frage. „Nähmen wir sie wörtlich, da würden wir verwirrt.“ „Sehr wahr!“ Salthiels Stimme klang fast rauh. „Was ihr nicht verstehen wollt, werft ihr in die Gleichnisgrube; da ruht‘s ja gut! Was euch aber in die Töpfe paßt, das versteht ihr auszulegen. Meinst du, Delajah, und die den Herrn verloren haben, ob Seine Treue und Erbarmung auf euch bleibt, wenn ihr Sein Gesetz mißachtet?“
„Wir halten es“, schrie Bezai, „wenn wir die Heiden töten!“ „Und ‚du sollst nicht töten‘?“ „Gilt uns“, wehrte Artham, „uns ist Horeb ein Symbol.“ „Armer Mann!“ Salthiel wischte eine Träne ab. „Mancher hat den Bruder und den Freund erschlagen; demnach gilt euch nicht ‘mal das Symbol. Der Höchste will kein Leben frevelhaft vernichtet sehen. Merkt euch das und haltet Frieden!
Verständlich, wenn die Heiden aufbegehren; ihr stehlt ihnen ihren Lebensraum, Ich weiß“, Salthiel versank in tiefe Trauer, „auf unserer Erde ist der Blutfluß nicht mehr aufzuhalten, nicht vom Menschen her. Du aber, Israel, könntest es, wenn du wolltest! Vor dir geht das Grauen her; und Grauen ist das Schwert, das du durch die Lande schleifst. Die Guten hast du widrig unterdrückt; sie kommen nicht zum Wort, geschweige denn zum Regiment. Was Wunder, wenn dich einst das Grauen schleift — ?“
„Höre auf!“ rief Delajah unbeherrscht. „Wir sind nicht hier, um deine Predigt anzuhören; diese halte in der Synagoge, meinetwegen nächsten Sabbat. Jetzt ist zu besprechen, wie wir das Joch Jabins abzuschütteln haben (4, 2), denn wir sind ihm lang genug und allzu sehr verpflichtet; außerdem ist seine Streitmacht groß. Was schlägt jeder von euch vor?“
Wieder ging es hin und her. In einem Punkt war Einigkeit: sich zu befreien. Salthiel schwieg. Nicht, weil er sich den Mund verbieten ließ; nein — es hatte keinen Zweck, nicht weltlich, noch weniger dem Glauben nach. Gibbar, aus dem Hause Dan, auch schon an die sechzig und Salthiels Freund, hielt sich nicht zurück.
„Jabins Joch mit Krieg zu brechen ist nicht falsch, sollte es nicht anders gehen. Mose schlug die Amoriter, die den Durchgang unserem Volk verwehrten (4. Mo. 21, 21-28), trotzdem Mose nur den freien Weg begehrte. Das ist was anderes. Er hatte jeden Übergriff der Seinen streng geahndet; und für das Geringste, was den Amoritern Schaden brächte, volle Buße zugesagt.
Heute — ?“ Gibbar zog die Pause lang, „sieht es bei uns anders aus; und käme Mose wieder, würde er sich für uns bitter schämen in Verachtung und voll Zorn. Sind die Heiden nicht auch Menschen? Wenn sie Fehden führen, muß man sich natürlich wehren. Allein, man kann auch etwas anderes tun, — das, was Mose tat, was uns das Gesetz des Herrn gebietet.
Schweig!“ rief er, als Hamer aufbegehren wollte, „du meinst, mit Güte sei nichts auszurichten? Jetzt nicht mehr; ihr seid selber in den Sumpf der Welt gefallen und etwa nicht, weil GOTT nicht helfen will. Euch nicht, das stimmt! Denn ihr tut das, was Heiden tun. Sie dienen Götzen, haben bloß ihr eigenes Gesetz, ihr jedoch des HERRN Gesetz! Das ist der Unterschied. Deshalb müßtet ihr auch anders als die Heiden handeln.“
„Genug!“ Delajah raste förmlich auf. „Dir sei auch die Synagoge überlassen! Das ist Gerede, aber keine Tat! Wir müssen unsre Männer sammeln; es hilft alles nichts, nur ein Krieg gibt uns die Freiheit wieder.“ Um der Sache willen ward ihm vielseits zugestimmt und er glaubte schon, das Rennen zu gewinnen.
Da mengte sich ein Naphthalite ein, im Fürstenvorrang stehend. Er ist vierzig Jahre alt. Das Gezänke war ihm stets zuwider; er kam bloß, um den Anschluß an der Führung zu behalten. „Delajah“, sagte er, „du bist weder Richter noch Regent; du hast niemandem das Wort zu nehmen. Ich stehe ganz auf Gibbars Seite, auf der des Salthiel und erkenne Baraks Ansicht an.“
„Der . . . “ „. . . grüne Junge, willst du sagen? Er ist aus dem Hause Hur.“ „Aus der Nebenlinie“, minderte Delajah. „Was schadet das? Auf das Hochgeborene kommt‘s sowieso nicht an, wenn wer in einer Gosse suhlt. Ah, seht nicht weg, Paros, Kisjath und Genossen! Nun, das ist eure Sache; nur seid ihr keinem Fürstenhaus ein Schmuck. Etwa gibt der Grüne euch noch etwas auf und — auch noch jemand, von dem ihr keine Ahnung habt.“
„Die dritte Predigt“, maulte Bezai, „mir langt‘s!“ „Mir auch!“ Der Fürst mit Namen Jizri winkte seinen Freunden zu: „Zwecklos, hierzubleiben. Auf Krieg hinaus will jedermann. Sieh zu, Delajah, wie du fertig wirst. Des Volkes Erster bist du nicht und wirst es nicht. Du bist‘s nur im Rat, von uns gewählt; vergiß es nicht! Im nächsten Mond ist neue Wahl!“ Er ging, gefolgt von Barak, Salthiel, Gibbar und von weiteren drei Männern.
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