← Zurück zu „Das ewige Licht“

Das Ewige Licht – Kapitel 5

Kapitel 5

Als Wanger in das Zimmer tritt, ist Roberto am Erwachen, Frau Beocana geht dem Gast entgegen. „Wie gut“, flüstert sie und deutet auf den Sohn, dessen Lider an zu flattern fangen. Behutsam setzt der Arzt sich neben ihn, prüft den Puls und hält Robertos Finger fest. Ein Strom flutet durch den matten Körper, wenn er dies auch nicht zu registrieren weiß.

„Wo bin ich denn?“ Die Augen öffnen sich verwundert, im fahrigen Blick das Ungewisse, wie bei Ohnmächtigen vorzukommen pflegt, wenn sie wieder zum Bewußtsein kommen. Wanger schweigt. Er fängt die Blicke ein, bis sie in den seinen ihre Ruhe finden. „Sind wir auf dem Berg? Wo ist “ Die Erinnerung steht langsam in Roberto auf, nicht von der letzten Nacht; da herrscht tiefstes Dunkel, und das ist gut. Aber von der Höhe, vom Fremden und dem Freund, als dieser ging, das Gift und — —

Er richtet sich empor, sieht seine Mutter sorgend über sich gebeugt, erkennt den Arzt und klammert sich an dessen Händen an. „Bin ich krank?“ „Ein wenig; morgen sind Sie wieder auf dem Posten. Ein bißchen Fieber“, sagt Wanger zur Beruhigung. Und war es nicht dem Fieber gleich, die Wangen rot, der Puls erhöht, dazu das Peinigende Hin und Her im Traum?

„Herr von Wanger ist jetzt unser Freund“, beruhigt ihn die Mutter mit, „er wird helfen, lieber Junge, daß der kleine Anfall bald vorübergeht.“ „Freund? Er wollte mich nach Hause bringen, er hatte doch . . .“ „Der nicht“, fällt Wanger ein, „er wurde abgeholt, ich traf Sie beide auf dem Weg nach Hause.“ Der helle Blick der blauen Augen, die sichere Hand, die Stimme — ach, wie tut das wohl. Die Erinnerung nimmt zu.

„Ich war mit Vilpart in der Meeresmuschel, und — und — “ „ —‘ habe einen Schluck zuviel getrunken“, ergänzt der Arzt. Um keine große Aufregung herbeizurufen, fügt er weiter an: „Ihr Auto stand nicht mehr am gleichen Platz, man hat es aber schon gesichert.“ „Vilpart? Da ist was dunkel, ich weiß es nicht, mir ist — “ „Sei jetzt erst mal ruhig“, lenkt auch die Mutter ab. „Es ist nicht schlimm, wenn mal ein junger Mann ein kleines Räuscherl hat. Erst war der Vater böse, doch dann lachte er.“

„Trinken Sie, Roberto!“ Wanger reicht ihm eine Medizin. Beinah wie der alte Herr, so schnuppert er am Glas und stürzt den Inhalt förmlich hinter. „Brrr, schmeckt das bitter!“ Ein Glas Limonade löscht den bitteren Geschmack und erfrischt zugleich. Danach fühlt er sich gekräftigt wie noch nie. Er steht auf und setzt sich an den Tisch, auf dem vom Hausmädchen inzwischen eine Mahlzeit aufgetragen worden war.

„Ich habe regelrechten Hunger“, bekennt Roberto. „Wir auch“, sagt die Mutter, „also tüchtig zugelangt.“ Sie schiebt beflissen Herrn von Wanger alle Schüsseln und die Teller zu. Man nimmt sich mit dem Essen Zeit, Roberto soll sich noch mehr fassen lernen; denn wissen muß er das Geschehen.

Bedächtig, tropfenweise, und erst abgemildert, berichtet Wanger vom vergangenen Abend. Sonderbar, Roberto ist in sich gekehrt und ruhig, er lauscht, als würde er ein fremdes Schicksal hören. Als er alles aufgenommen hat, bleibt er eine Weile still, steht auf, geht hin und her und setzt sich wieder auf den alten Platz, zwischen Wanger und die Mutter.

„So war das also! In der letzten Zeit kam mir dieser — dieser — hm, ungut vor, er zeigte mehr von seinem Wesen als bisher, und ich fing an, mich innerlich von ihm zu trennen. Die Scheidewand verstärkte sich. Nur die Erinnerung an unsere Knaben- und die erste Jugendzeit ließen mich gern hoffen, er möge wieder anders werden, wieder gut, wie er früher war.“

„Gut war er nie“, widerspricht die Mutter. „Wir wollten dir den Freund nicht nehmen. Marita sagte in den letzten Ferien: ‚Du, Mama, den mag ich nicht, Roberto muß sich vor ihm hüten.“ Sie fragt den Arzt, woher die Tochter das wohl ahnen mochte. „Sie hat eine etwas höhere Empfindungsgabe, die ins bewußte Denken übergeht, bei Mädchen oftmals feiner als bei Jungen ausgeprägt. Hat dieser Vilpart Ihre Tochter irgendwie belästigt?“

„Das hätte sie mir ganz gewiß erzählt.“ „Vielleicht! Eine Mutter muß das besser fühlen können als ich als Mann dies kann. Immerhin ist‘s möglich, daß sie sich schämte und weil sie ihrem Bruder nicht den Freund vergraulen wollte.“ „Genau!“ fällt Roberto ein. „Marita hat mich lieb. Doch selbst wenn der — ah; wenn er kein Verbrecher wäre, er hätte meine kleine Schwester nie bekommen; das hätte ich auf alle Fälle unterbunden.“

Die Erregung bricht jetzt durch. Weil sie der geschwisterlichen Liebe gilt, ist sie jener Hilfsstützpunkt, der den aus der Seelenbahn Geschleuderten auf den normalen Weg zurückzuleiten hat. Frau Beocana kennt das Lebensgrundgesetz noch nicht, den Ausgleich, der in einem Menschen, von ihm selber meist nichts wissend, vor sich geht. Wanger hebt die Hand:

„Ein Übel muß heraus, wie — verzeihen Sie — ein kranker Magen sich entleert. Roberto braucht eine Abwechslung, eine Reise.“ „Aber doch nicht gleich?“ Wie ihr Gatte, will sie den Jungen nicht verlieren, nicht an diesen sonderbaren Mann. Der beruhigt sie: „Nicht sofort; bald ist aber besser, damit der Schock zu heilen ist.“ Den guten Wunsch, ihn in seine Obhut mitzunehmen oder hinzuholen, verschweigt er noch.

Roberto kommt ihm ungewollt entgegen: „Ich muß hier ‘raus! Wenn ich — “ „Der begegnet Ihnen nicht so rasch“, besänftigt Wanger, „das hat drei Jahre Zeit. Nur sollten Sie solang nicht zögern.“ „Lassen Sie mich bitte unterbrechen.“ Roberto greift, wie schon öfter, nach des Arztes Händen, „Ich ginge gern mit Ihnen fort.“ „Verlassen Sie die Eltern nicht zu schnell, Ihr Vater braucht Sie doch. Wann kommt das Schwesterchen zurück?“

„Nächstes Jahr. Ich — nicht böse sein“, er küßt die Mutter, „ich wußte nichts von mir und fühlte dennoch deine Liebe. Mir wird die Trennung schwer; aber bitte, ich muß fort!“ Wieder führt er einen Rundgang durch das Zimmer aus, sieht zum Park hinaus, umarmt die Mutter und verläßt den Raum.

„Oh, ihm passiert etwas!“ Frau Beocana will ihm nach. „Bleiben Sie! Die Erregung schadet nichts, und daß er dabei an die Schwester denkt, ist das beste Zeichen, daß er diese Sache bald verwinden wird. Um das herbeizuführen, ist es gut, er geht eine zeitlang von hier fort.“ „Ich sehe das ja ein; bloß“, sie lacht verlegen, „Sie sind Priester und da kann ich einmal beichten.“ Tief errötend sieht sie auf den Gast.

Dessen Wangen glühen nicht, dafür mehr sein priesterliches Herz. Er nickt und sieht angelegentlich im Raum umher. Das erleichtert ihr die Beichte, daß sie bisher keine ‚ganze Mutter‘ war. Sie hatte allzuviel mit sich zu tun gehabt. Durch das böse Vorkommnis fühle sie dies erst, und nun hätte sie sich vorgenommen, jetzt bloß für ihren Mann und für die Kinder dazusein.

Wortlos nimmt Wanger beide Frauenhände in die seinen. Dann steht er auf. „Ihr Gatte hat mich auf den Abend eingeladen.“ „Wie mich das freut!“ Aufrichtig ausgerufen. Sie hat dem Fremden gegenüber einen besseren Kontakt bekommen als ihr Mann, obwohl sie nie ein geistiges Empfinden kannte, keine Gott-Verbundenheit. —

Pünktlich kommt der Abendgast. Der Fabrikant geht ihm entgegen und bittet um Verzeihung. „Entschuldigen Sie, Herr von Wanger, die Arbeit hat mich heute förmlich überrollt; ich vergaß für Sie das Auto.“ „Ich bin gern zu Fuß, in der Mission muß man meistens gehen. Wir haben aber zwei Geländewagen und auch Pferde; für Abwechslung ist vorgesorgt.“

Das Töchterchen kam unerwartet heim. Ihre kindhafte Schönheit erfreut den Gast. Er sieht in ihr die Tiefe des Gemüts, einem wundersamen, kristallenen Kelche gleich. Für die Dame hat er Nelken mitgebracht. „Schade“, wendet er sich an Marita, „ich wußte nicht, welch zartes Maiglöckchen mir begegnen würde, sonst hätte ich ein Sträußchen mitgebracht.“

„Hier gibt‘s keine“ lacht der Schelm, „und aus Papier — ? Puh!“ „Vorlaut du!“ zankt Roberto zärtlich. „Herr von Wanger ist ein berühmter Arzt, Missionar und vieles mehr. Da wirst du Küken schön bescheiden sein!“ Lieb haben sich die beiden, eine Freude für den Mann, der selbst in verschlossenen Seelen liest. „Maiglöckchen sind an sich bescheiden“, geht er auf den Neckton ein. „In Europa gibt es welche, jeder Mensch hat, ich möchte mich hier nicht verbreiten, etwas an sich, das irgend einer Pflanze gleicht, wozu auch Sterne oder andere Symbole kommen können.“

„Und Sie meinen wirklich, ich wäre — “ Natürlich ist Marita noch zu jung, um dem Gedanken nachzugehen, trotzdem hat sie gleichfalls ein verbindendes Gefühl zu diesem Mann bekommen. Die innere Verwandtschaft kennt sie nicht, jene, aus dem unbekannten Land, das man Jenseits nennt. Davon aber sprechen wäre allzufrüh in diesem Kreis. Deshalb sagt der Arzt:

„Lieb von Ihnen, meinen Hinweis aufzunehmen. Es meint mancher Törichte, er stamme von den Tieren ab, folglich auch vom Pflanzenreich. Sogar Gläubige beziehen es auf ihre Seele, das Unsterbliche eines Menschen. Wissenschaftler belegen dieses ‚Abgekommensein‘ wieder rein naturmäßig auf den Körper. Beide Ansichten sind falsch, auch wenn ein Körnlein Wahrheit mit vorhanden ist.“

„Das sind grobe Widersprüche.“ „Gewiß, Herr Beocana, wenn man keine tieferen Zusammenhänge kennt. Wenn Sie wollen, erkläre ich es später.“ Wanger zeigt rundum. Aus Höflichkeit, ohne wirkliches Interesse, nickt der Fabrikant. „Wenn es meine Damen wünschen?“ Das Ungewisse, Unbekannte verschanzt er hinter Frau und Tochter. Marita ruft begeistert:

„Ich mag es hören, man lernt im Leben nie genug!“ „Sieh an, welche kleine Weisheit“, scherzt Wanger und Roberto sagt auch gleich: „Sie ist sehr gescheit. Denken Sie nur an, Herr von Wanger, sie hat ihr Examen so gut absolviert, als einzige von allen Schülern, die den Rest des Jahres nicht im Internat zu bleiben braucht. Deshalb kam sie heute unerwartet heim, uns zu überraschen.“

„Ich gratuliere!“ „Mit Maiglöckchen?“ lacht Marita. „Wir werden sehen, wenn nicht anders, dann aus Papier.“ Wanger geht allmählich auf das Eigentliche über, weswegen er gekommen war. Er will nicht sagen, daß bei Roberto absolut nichts abgeklungen ist. Er hatte immer an den Freund geglaubt, an dessen Ehrlichkeit; und nun — mit einem Schlage ist ihm das zertrümmert worden. Das hat tiefe Runen hinterlassen.

„Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen und Sie können sich ihn überlegen. Wie Sie wissen“, sagt er betont, „wäre es das Beste, wenn Ihr Sohn sich vom Erlebnis löst, hier unmöglich. Erschrecken Sie nicht gleich — auf meinem Arbeitsfeld geht‘s absolut nicht wie bei Wilden zu, im Gegenteil. Ich würde ihn für zwei bis drei Jahre mit mir nehmen. Er kann in ein paar Wochen kommen, wie Sie selbst es einzurichten wünschen.“

„Was gab es denn?“ fragt Marita. Man hatte ihr noch nichts erzählt. Der Vater unterrichtet sie, wobei er seinen Zorn noch immer niederringen muß. „Siehst du, Mammi, ich habe es dir gleich gesagt, daß mit diesem — Im Internat wird viel geklatscht und auch dummes Zeug geschwätzt, aber Wahrheit gibt es auch.

Immerhin, aus allem lernte ich, daß der — In den letzten Ferien wollte er sich an mich machen, doch nun wußte ich, daß ich nur der ‚Goldfisch‘ war. Ich lachte ihn bloß aus, ich wäre viel zu jung und — er für mich zu alt. Damit wollte ich ihn treffen. So ein — O wie gut, daß Herr von Wanger ausgerechnet zu uns kam, in unsere Stadt und den Lumpen fangen konnte. Ich kratze ihm die Augen aus, wenn er sich noch einmal blicken läßt!“

„Nicht nötig“, beschwichtigt Wanger das verständliche Temperament des Mädchens. „Darf ich Sie ‚Marita‘ nennen?“ Sie bejaht errötend. „Sehen Sie, einer, wie der Vilpart, ist grundsätzlich zu bedauern, er hat sich seinen Lebensweg verbaut. Wer nimmt ihn später einmal auf? Am ärgsten sind die armen Eltern dran. Lassen Sie das Kratzen sein, Marita. Er wird auch niemals wagen, sich abermals an Sie heranzupirschen.“

„Sie ahnten es!“ Frau Beocana ist bekümmert, weil Marita nichts verlauten ließ. Als ob diese spürte, was die Mutter denkt, schmiegt sie sich in ihren Arm: „Weißt, Mammi, ich schämte mich.“ Daß die Mutter ihnen nicht so nahe stand, um immer einen offenen Weg zu ihr zu finden, merkten ihre Kinder oft. Nun ist es wunderbar geworden, der Fremde, der die Körper und die Seelen heilen kann, hatte seine Hand im Spiel.

„Ist schon gut, Kleine, du erzählst mir morgen alles.“ „Jawohl, Mammi! Ich hatte mich so darauf gefreut, mit Papa und Roberto jeden Tag ins Werk zu fahren. Roberto ist Papis rechte Hand und ich will seine linke werden.“ Beocana räuspert sich. Was hat er für gute Kinder! Verdient — ? Vor kurzem hätte er ein ‚Ja‘ gesagt. Heute — ihm stürzt so vieles durcheinander, ein Wirrwarr von Gefühlen, Altes festzuhalten, ein neues Unbekanntes abzuwehren. Da treffen ihn des Priesters Blicke.

„Ich hole Wein.“ Er flieht vor diesem Blick. So möchte mancher Mensch der Ungewißheit sich entziehen. Das Mädchen setzt sich auf Robertos Schoß. „Du Armer“, tröstet sie, „du mußt fort, und“, sie streichelt ihn, „in dieser Zeit habe ich mich eingefuchst und wir entlasten unsern Papi ganz.“ Sie sieht Wanger an, geht plötzlich zu ihm hin, nimmt seine Hände und bittet: „Nehmen Sie ihn mit, bei Ihnen ist er bestens aufgehoben. Kommt er dann zurück, so werden wir sehr glücklich sein, die Eltern, er und ich. Sie bringen uns Roberto selber wieder her?“

„Das kann ich leicht versprechen, weil nun jedes dritte Jahr ein Heimaturlaub fällig wird. Beim nächstenmal ist Marita eine schöne Dame und ich muß . . .“ „. . . mein Herz festhalten?“ kichert sie. Viel mehr ist sie fähig, schweren Dingen eine Spitze abzubrechen. Das hatte sie im Internat beliebt gemacht, besonders bei den Lehrern. Hier ahnt sie mehr, daß sie den Ihrigen helfen muß, um das Geschehnis rasch zu überwinden.

„Bist ein lieber Kerl“, lobt Roberto seine Schwester. Er bittet seinen Vater, der eben eingetreten war: „Erlaube es, ich möchte doch am liebsten mit Herrn Wanger reisen. Das wäre für mich gut“, bringt er sein Argument zur Geltung. Frau Beocana wischt sich über ihre Augen. Richtig wäre es, die Trennung — — ob heute oder morgen — Auch der Vater gibt sich einen Ruck.

„Ich willige ein; es währt ja ein paar Wochen, bevor Roberto uns verläßt. Was meinst du, Juanita?“ fragt er seine Frau. Ach, das Los der Eltern, ihre Kinder herzugeben. Sie seufzt vernehmlich: „Ja, es muß eben sein, und gut ist es für unsern Sohn auf jeden Fall, wenn er mit Herrn von Wanger reist.“

„Mutter!“ Roberto nimmt sie in den Arm und drückt so heftig, daß sie stöhnt: „Junge, laß von mir was übrig!“ Sogar der Vater wird umarmt. Wie lange ist es her, daß die Kinder es sich wagten? Nun hängen beide ihm am Hals, und der Brunnen seiner Vaterliebe steigt empor. Offen fließt er fortan weiter.

Es wird ein schöner Abend. Hauptgespräch: die Reise. Sie wird bis ins Kleinste festgelegt. Maritas Augen leuchten. Heute sagt sie nichts, später will sie ihre Eltern bitten, ihren Bruder abzuholen, um eine Weile bei dem Missionar zu bleiben. Es muß herrlich sein, jenen Menschen, die zumeist verachtet werden, Liebe zu erweisen. Da blitzen auch des Arztes Augen auf. Es wird geführt, des Mädchens Sehnen zu erfüllen. —

Am andern Tag besorgt er seine Post, gibt an einen deutschen Studienfreund eine Überseedepesche auf und begibt sich nachmittags zu Vilparts Eltern. Gramgebeugt trifft er sie an. Die Mutter weint, der Vater legt die Hände ans Gesicht, um es zu verstecken. „Eine Schande, eine Schande!“ stöhnt er immer wieder. Er hat schon seine Kündigung bekommen, ungerechtfertigt. Wann hat er jemals etwas sich zuschulden kommen lassen? — ?

Nach einem Gruß und den Worten: „Richten Sie sich auf, ich helfe Ihnen“, bricht ein Sturzbach aus des Mannes Mund: „Warum straft uns Gott mit diesem Sohn? Bubenstreiche ließ ich durch, aber nie ein Ärgernis. Ich habe ihn gerecht, nicht hart erzogen. Immer hab‘ ich ihn ermahnt, habe für ihn aufgespart, alles taten wir für ihn! Und er macht uns solche Schande! Man traut sich nicht mehr auf die Straße, man ist — “ Dem Mann bricht schier das Herz entzwei und der Mutter Schluchzen tut dem Priester weh.

Eine Weile läßt er ihre Tränen rinnen, läßt des Vaters Worte über sich ergehen. Dann fängt Wanger an, priesterlich zu wirken. Er nimmt dem Mann die Hände vom Gesicht, streicht sachte übers graue Haar der Frau, das die Eltern über Nacht bekommen haben und setzt sich zwischen sie. Behutsam, wie zu schwer Erkrankten, sagt er tröstend:

„Wollen Sie mich bitte hören? Sie wissen nicht und ich verstünde es, wollten Sie mir zürnen, weil ich Vilpart ins Gefängnis brachte.“ „Sie — ?“ entsetzt Mescaru sich. Er rückt vom Fremden ab. Gleichfalls dreht die Frau sich um und hatte doch geglaubt, der Besucher könne ihnen helfen.

„Ja, ich!“ bestätigt Wanger. „Doch hören Sie mir bitte zu, Sie werden sehen, daß ich gar nicht anders handeln konnte.“ Widerwillig bleiben die Bedrückten sitzen. Oh, sie liebten ihres Sohnes Freund und hofften stets, dessen gutes Wesen möge auf den eigenen Jungen übergehen. Roberto machte Vilpart viele Freude, wofür bei ihnen das Vermögen fehlte. Wie stehen sie nun vor Robertos Eltern da? Nie war Herr Beocana stolz, sich mit ihm, dem mittleren Beamten, an einen Wirtshaustisch zu setzen.

„Meine Frau und ich scheiden aus dem Leben; wir halten diesen Schmerz nicht aus“, stöhnt Mescaru. „Das verstehe ich.“ Müßte nicht der Priester gleich das Gegenteil behaupten? Noch nicht! Die innere Verkrampfung muß sich erst entspannen, dann kann er helfen, er, der von Gott schon manchen Auftrag übernehmen durfte, ein Helfer für verwirrte und verirrte Menschen. Mescaru spricht und spricht, ab und zu sagt seine Frau etwas und plötzlich werden beide still. Die erste Last ist abgewälzt.

„Sie staunten, weil ich den Entschluß verstünde, daß Sie aus dem Leben scheiden wollen. Daß dies eine Sünde ist, wissen Sie, auch wenn ein beinah untragbares Leid den Schritt bewirkt. Sie bedachten nicht, daß Sie Ihrem armen Sohn . . .“ „Armer Sohn?“ unterbricht Mescaru. „Er ist — “ Oh, oh — —

„Er ist der verlorene Sohn! Wenn er einmal die Verirrung merkt und Sehnsucht bricht hindurch: ‚Ich will mich aufmachen und zu meinen Eltern gehen‘, was dann — ? Dann sind Sie nicht mehr da, öffnet sich ihm keine Tür, da gibt‘s kein Verzeihen, keine Hände, die ihm helfen, kein gutes Wort, das ihn aus der Mühsal seiner Seelenwüste zu erretten weiß.

Wollen Sie das auf sich nehmen? Glauben Sie denn nicht, Ihr Sohn könne auf den guten Weg zurückgelangen? Ist‘s nicht möglich, daß er dann, wenn er von Ihrem Freitod hört, sich aus uneingestandener Reue weiter ins Verderben stürzt, aus dem er auf der Welt nie mehr zu einer Umkehr kommt? Ich muß und kann Ihnen diesen Abgrund zeigen, zudecken — für Ihren Sohn und für Ihre eigenen Seelen — müssen Sie ihn selbst!“

Wanger schweigt; die Worte müssen wirken. Noch sind die Eltern allzu stark bedrückt, doch belebt es langsam ihr Gemüt. Still ist es im Raum, der wohnlich aber nur bescheiden eingerichtet ist. Ab und zu hebt Mescaru seine Hände, als ob er etwas fassen möchte, streicht die Mutter über ihre Stirn, um Lasten wegzuwischen, die dahinter unaufhörlich drücken.

Es schellt. Mescarus fahren hoch. Eine neue Schande, schadenfrohe Nachbarn, die — Nein, der Frühling kommt wie eine Auferstehung in Gestalt von Marita Beocana. Sie schleppt einen Korb herein, stellt ihn auf den Tisch und setzt sich neben Frau Mescaru, als müsse das so sein. Freude kann man es nicht nennen, was die Eltern Vilparts überfällt. O weh, was wird das Mädchen bringen? Wanger sieht den frohen Blick, in welchem großes Mitleid liegt.

Sie umarmt die Gebeugte, streicht über deren grauen Scheitel und sagt: „Frau Mescaru, Roberto wollte mich begleiten, um Ihnen — nicht ängstigen. Ich riet ihm davon ab, sein Besuch würde Sie zu stark belasten. Er und die Eltern lassen grüßen; uns tut es leid, weil Sie in dieses Ungemach geraten sind.“

Sie öffnet ihren Korb. „Ich dachte mir, daß Sie jetzt ungern in Geschäfte gehen. Einer Nachbarin“, Maritas Augen funkeln, „habe ich gehörig einen Marsch geblasen; der hat ihre Zunge umgelegt! Eine andere gab mir recht, auch kamen welche noch hinzu, die auf Ihrer Seite stehen. Das freute mich!“ Sie verschweigt den Klatsch. „Ich habe Ihnen mitgebracht, was Sie erst mal brauchen könnten. Und ich kaufe nächsten Samstag für Sie ein, dabei . . .“

„. . . kann Marita bösen Zungen wieder Märsche blasen!“ Absichtlich heiter lacht Herr Wanger. „Und ob!“ ruft das Mädchen. „Was können Sie dafür, daß das geschehen ist? Ich weiß es zwar nicht selbst, bin ja ein paar Jahre nicht zu Haus gewesen außer in den Ferien; doch Roberto und die Eltern sagten mir, daß Sie keine Schuld betrifft. Wir stehen für Sie ein.“

„Sehr lieb von Ihnen!“ Mescarus Augen füllen sich mit Tränen. „Wir danken, daß Sie sich um uns bemühen. Kommen Sie nicht wieder, sonst hängt man Ihnen etwas an.“ „Ich laß mich wegen dummer Leute nicht ins Bockshorn jagen!“ Marita wird vor Eifer rot. „Erst recht komme ich, das dürfen Sie mir nicht verwehren. Herr von Wanger kann — wie soll ich sagen? — er kann helfen, während ich nur das bedenke, was zum Leben nötig ist.“

„Das ist sehr viel, Marita. Wie freue ich mich über Sie!“ Wanger breitet selber alle Gaben aus. Wie staunt Frau Mescaru. An vieles hat die Geberin gedacht. So reich war ihre kleine Speisekammer nie gefüllt. „Haben Sie das selbst getragen?“ murmelt sie. „Nein, die Eltern gaben mir das Geld und ich fuhr mit unserm Hausmann her. Das wollte ich; dumme Nachbarn sollten sehen, wie man bei einem Leid des anderen verfahren soll.“

Wanger staunt über ihren feinen Takt. „Morgen komme ich und danke Ihnen.“ Er drückt ihre feinen Finger. Und noch lobt er an ihr im Stillen: sie macht nichts aus sich, ihr Antlitz ist so gottesrein, zart wie ein Pfirsich. „Mit Maiglöckchen?“ scherzt sie. „Wer weiß, vielleicht kann ich welche aus dem Himmel fallen lassen“, tut der Arzt geheimnisvoll. Wieder ernst berichtet er Marita, daß Mescarus aus dem Leben scheiden wollen.

„Was?“ entsetzt sie sich. „Das dürfen Sie nicht tun, das ist . . .“ Sünde“, bekennt Mescaru, „ich weiß. Aber glauben Sie es mir: die Hetzer schweigen nicht! Im Büro hat man mich so — so — “ Aus Scham hat er verschwiegen, was man alles sprach. „Und das will eine Rechtsbehörde sein?“ entrüstet sich Marita. „Da geh‘ ich morgen hin und mache denen einen Dampf!“

„Wie wäre es, wenn Sie mir das überließen?“ „Gern! Bei denen bin ich sowieso bloß eine Göre. Aber Sie, ah — Sie machen denen einen Dampf!“ „Das gerade nicht; allein, Ihr Herz empört sich über jede Schlechtigkeit, wobei der ‚Dampf‘, der ‚Marsch‘ und mancherlei zu einem Ausgleich kommt. Sie lernen noch, wie man Arge anzufassen hat. Ruhe ist nicht anzugreifen!“

„Da pack‘ ich wie Roberto meine Koffer und folge Ihnen nach, Sie würden meinen krummen Baum geraderichten.“ „Der ist nicht krumm, eben nur paar Zweige müssen abgeschnitten werden. Durch den Bruder bleiben wir in Briefverkehr, da läßt sich vieles richten.“ „Fein, o schneiden Sie nur tüchtig ab!“ Welch seltene Erkenntnis dieses noch so jungen Menschenkindes.

Mescarus horchen auf. Die Stimme zittert, als er fragt: „O, wegen Vilpart will Ihr Bruder fort? Wir sind schuld daran, wenn . . .“ „Nein, Herr Mescaru! Selbstredend spielt das Geschehen dabei eine Rolle. Herr von Wanger nimmt ihn mit in die Mission, da lernt er viel. Ich bleibe jetzt zu Hause und helfe meinem Vater. Sie haben keine Schuld. Und Vilpart —“ Marita hat an einem Tag gelernt, wie man bei einem Unglück handeln soll. „Er ist gestrauchelt, ich will keine Bürde auf ihn legen.

Ich habe meinen Bruder lieb und war so aufgeregt; doch der gute Helfer half auch mir. Deshalb kam ich her. Nun muß ich gehen, am Samstag komme ich, und Sie, Frau Mescaru, schreiben auf, was Sie benötigen. Ich besorg‘ es Ihnen.“

„Sie gutes Kind!“ Herr Mescaru küßt Marita auf die Stirn. „Wir freuten uns, weil Vilpart einen treuen Freund besaß; und nun — „Nicht wieder trübe werden; Herr von Wanger steht Ihnen bei.“ „Ja, ich bleibe noch ein Weilchen, sonst hätte ich Sie heimbegleitet“, wendet Wanger sich dem Mädchen zu. „Unnötig, der Hausmann wartet draußen. Kommen Sie am Abend uns besuchen?“ „Wenn es möglich wird, sonst morgen.“

Ein Mädel, und hat besser als manch Alter fremdes Leid erkannt, dazu die Ungerechtigkeit, die den Leuten widerfahren ist. Als sie zu ihrem Wagen kommt, wo der Hausmann schon die Türe öffnet, stehen wieder ein paar Nachbarn tuschelnd da, auf das Häuschen zeigend. Resolut tritt sie hinzu.

„Na, hat das Zungenwetzen sich gelohnt? Aufgepaßt, daß Ihnen nicht ein Teufel auf die Füße tritt!“ Schon sitzt sie im Auto. „Das war prima!“ lobt der Hausmann grinsend. „Recht hat die Kleine“, sagt ein Mann und seine Frau. „Wir werden den geprüften Eltern helfen und Klatsch gibt‘s bei uns nicht!“ Ein Samenkorn ward ausgestreut, er fand guten Boden.

Währendessen sagt Wanger zu Mescarus: „Nun lassen Sie das Übel fallen, selbst den Tod zu wählen. GOTT zeigte Ihnen, daß Er Sie nicht verlassen hat. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Daß Sie, Herr Mescaru, widerlich behandelt wurden, ist betrüblich, darf Sie aber nicht belasten. Ihren Fleiß und Rechtssinn hätte ja Ihr Oberster hervorzuheben. Nun, der Mensch hinkt meistens hinterdrein, wenn es gilt, ein Recht zu sprechen.“ Daß er den Gerichtsobersten besuchen wird, verschweigt er jetzt.

„Würden Sie den Posten wieder übernehmen?“ „Nie!“ Wie ein Schrei entfährt‘s Mescarus Mund. „Dachte ich“, sagt Wanger ruhig. „Eine andere Frage: Gingen Sie hier weg, wenn man Ihnen anderwärts eine gute Stelle bietet?“ Mit viel Sparsamkeit und Mühe hat Mescaru sich das Haus erworben. Gibt man das so ohne weiteres auf — ?

Dagegen denkt die Frau: Bloß fort, ganz gleich wohin! Dazu meint sie noch: „Wenn — wenn er wiederkommt, dann ist es gut, er braucht nicht hier zu sein. Spießrutenlaufen wäre ihm gewiß und er bekäme keinen Arbeitsplatz.“ Wanger nickt: „Sie, die Mutter, denken an den Sohn, Ihr Mann denkt an das Heim, das er für Seine Lieben schuf. Beides richtig. Ich biete Ihnen etwas an:

In meiner Hauptmission Europa gibt es immer Möglichkeiten, nicht zuletzt in Ihrer Sprache, eine gute Stelle auszufüllen. Man erfährt hier nicht, wohin Sie sich gewendet haben. Und sollte jemand es erkunden, brauchen Sie nicht bang zu sein. Derlei Dinge nimmt die Missionsverwaltung gar nicht an.

Ihr Häuschen würde Ihnen bleiben. Ich gehe gar nicht fehl, wenn Herr Beocana es für Sie vermietet. Wie denken Sie darüber?“ „Warum tun Sie das für uns?“ Mescaru ist schon halb und halb dabei, seine Zustimmung zu geben. „Genügt es nicht, dem, der im Elend sitzt, zu helfen?“ Wanger kann es nicht erklären, mit welchem ‚Auftrag‘ er gekommen war, wie fest verbunden er mit Gottes Führung ist. Daher sagt er nur:

„Ich lernte beide Söhne kennen. Das Ereignis machte nötig, helfend einzugreifen, was Beocanas und auch Ihnen gelten mußte. Ein Gleichnis: Man findet zwei Verunglückte, und wer sich nur um einen kümmert, den anderen aber liegen läßt, hat allen Ernstes nicht geholfen. Ihr Sohn, für Sie schwer, ist durch eine Strafe zu erretten und werde ich ihn zu mir holen, falls er will und wenn er sich gebessert hat.“

„Und wenn nicht?“ „Warten wir es ab! Gesetzt jedoch der Fall, so bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als gleichfalls fortzugehen. Ich müßte mich sehr täuschen, besänne er sich nicht auf mich. Oft sucht ein tief Gestrauchelter gerade jenen auf, den er haßte. Eben das war bei ihm der Fall, als er mit Roberto mir begegnete. Denn er fühlte sich durchschaut, ohne dessen sich bewußt zu werden. Um das zu können, ist er noch zu jung. Solang ich hier in Ferien bin, besuche ich ihn hie und da.“

Frau Mescaru greift dankbar nach des Priesters Händen. Möge Gott es geben, daß ihr Sohn sich wenden läßt. „Sind Sie einverstanden“, fragt Wanger, „wenn ich für Sie alles in die Wege leite?“ „Ja!“ Eine schwere Antwort für Mescaru, doch die Erleichterungen über diese Hilfe überwiegt die Last. „Wir können Ihnen nicht genugsam danken, es ist, als ob ein Engel zu uns kam.“

Wanger deutet auf die Tür: „Vorhin war er da“, freundlich lächelnd und zeigt auf alle Gaben, die Marita brachte. Ein Schimmer stiehlt sich in die Augen der Bedrückten, sitzen nicht mehr krumm auf ihren Stühlen und geleiten ihren ‚lieben Gast‘ zur Türe, als er geht. Ich komme morgen wieder.“

„Was gibt‘s doch für gute Leute“, sagt sie, als sie mit dem Mann die „Herrlichkeiten“ in die Speisekammer trägt. „So was kommt nicht immer vor“, dabei streichelt er verstohlen eine dicke Wurst, gerade eine, die er gerne ißt und sich selten leisten konnte. „Es wäre zu verstehen, wenn Beocanas uns im Ort unmöglich machten. Und nun das Gegenteil!“

„Ach ja!“ Die Frau betrachtet tief gerührt den reich gefüllten Schrank. „Dabei sind sie nicht mal fromm. Sie reden weder über Gott noch einen Glauben, das hat Roberto mir einmal erzählt. Gerade über diese hat der HERR geholfen, ihnen selber und auch uns.“ „Sie sind erst die dritte Hilfe, natürlich eine gute“, Mescaru mustert wiederum den Speiseschrank. „Gott ist die erste Hand, die zweite und in diesem Sinn für uns die beste hat Herr Wanger der hat alles so gemacht, der hat Beocanas umgedreht.“ „Uns auch“, erwidert sie und denkt daran, daß sie sterben wollten.

Sie faltet ihre Hände und er tut es nach. Ein stilles Dankgebet steigt auf ins Licht.

← Zurück zu „Das ewige Licht“