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Das Ewige Licht – Kapitel 4

Kapitel 4

Der ‚Alte und der Sohn‘ sind noch nicht da. Die Sekretärin, ein nettes, fleißiges Mädchen aus gutem Haus, ist stets die Erste im Betrieb, die den Cheftisch vorbereitet. Das sah der alte Herr als selbstverständlich an, ohne Extradank. Es war dem Mädchen manchmal schwer gefallen, die Unpersönlichkeit des Arbeitgebers ruhig hinzunehmen. Sie mußte sich begnügen, wenn er die Zufriedenheit durch Schweigen äußerte.

„Etwas ist passiert, letzthin sah der Alte kränklich aus.“ Der Bürovorsteher Canncia zankt: „Hier gibt‘s keinen ‚Alten‘, es heißt ‚Chef‘!“ „Na und?“ fragt der zweite Prokurist. „Zumindest wäre ja Rob . . ., der Junior da“, verbessert er sich rasch. Canncia stellt sich in Positur: „Meine Herrn und Damen, drücken Sie sich nicht vom Dienst, es geht weiter.“ Man stiebt auseinander. Schon greift er hastig nach dem Telefon, da betritt der jüngste Lehrling das Büro und schmettert: „Achtung, der Alte kommt!“

„Lümmel!“ Canncia zerrt den Jungen an den Ohren. „Eben habe ich betont, daß wir einen Chef, aber keinen Alten haben, und du grüner Laubfrosch . . .“ „Lassen Sie den Kleinen“, mischt sich eine ältere Dame ein. „Es ist kein Verbrechen! Als wir jung gewesen sind“, sie blitzt den Bürovorsteher wie ein geübter Spitzbub an, „haben wir gewiß manch dummes Wort gebraucht, nicht wahr?“ Canncia zieht sich aus der Schlinge.

„Ich muß den Chef begrüßen.“ Er eilt hinaus. Man kichert und der Junge fällt der Dame um den Hals. „Sie sind ganz groß, ich verehre Sie!“ „Dafür kriegst du Schokolade.“ „Puh“, macht der Junge, „ich werde sechzehn Jahre alt, da will ich Wein und Zigaretten!“ Dennoch greift er nach der Süßigkeit.

„Laß dich nicht erwischen! Nikotin ist schädlich, ganz besonders für die Jugend.“ „Ich rauch‘ gar nicht.“ Der Lehrling nimmt sich einen Aktenstoß, der den einzelnen Ressorten zuzustellen ist. „Der Kleine ist in Ordnung“, verteidigt ihn die Dame. Einer grinst: „ihr Pflegesohn?“ „Und wenn?“ pariert die Frau, die bei einem Unglück Mann und Kind verloren hat und deshalb in der Arbeit ein Vergessen sucht. Man gibt ihr recht, sie hat mancher Spannung eine Spitze abgebrochen.

Canncia verbirgt sein Staunen, als er bei Beocana einen Fremden stehen sieht, der eigenartig wirkt. Daß dies ein absolutes Wissen vieler Dinge, die Gott-Erkenntnis ist, ahnt er nicht. Ihm entströmt ein Od, dem niemand widerstehen kann. Vilpart hatte es gemerkt und versuchte, diesem auszuweichen. Ein vergebliches Bemühen. Eben so ergeht es Canncia.

Der Fabrikant kennt seine Leute und denkt: ‚Ja, mein Lieber, mir erging‘s wie dir.‘ Er stellt die Herren gegenseitig vor. „Gibt es was Besonderes?“ fragt er. „Nein, Herr Beocana, alles ist in Ordnung. Darf ich fragen, wann der Junior kommt? Ingenieur Orsano will mit ihm den Laborfund besprechen.“

„Das hat Zeit. Mein Sohn hat ein wenig Fieber. Herr von Wanger ist Auslandsarzt und, vom Busch gerade importiert.“ Dabei lacht er laut. Canncia macht ein dummes Gesicht. Im nahen Hauptkontor spitzt man die Ohren, die Türe ist nur angelehnt. Der und jener hat eben etwas ‚Wichtiges‘ zu tun und eilt mit einem Gruß vorbei. Und fleißig wird getuschelt.

Der Chef geht ins Privatkontor. Zum Erstaunen seiner Sekretärin sagt er freundlich: „Alles ist gerichtet? Vielen Dank, Fräulein Kingtown. Sie können einen Teil des Anfalls selbst erledigen.“ Dabei legt er eine Hand auf des Mädchens Schulter. „Ich bin jetzt nicht zu sprechen. Neugierige halten Sie zurück.“ In sein Lachen wagt die Sekretärin leise einzustimmen.

Herr von Wanger sieht das nette Mädel an, gibt ihm die Hand und sagt: „Sie sind ein wertvolles Glied des Hauses Beocana.“ Natürlich ist der Chef erstaunt, mehr amüsiert. Nana, hat Wanger in der Dame seine Zukünftige entdeckt? Seine Augen gehen hin und her, während Wanger heimlich schmunzelt.

Im Chefbüro setzen sich die Herren nieder. Beocana läßt Wein und einen Imbiß bringen; er hat noch nichts gegessen und der Gast wohl gleichfalls nichts. Nach dem Mahl beginnt der Arzt, indem er nach dem Puls von Beocana greift, ihn eine Weile überprüft und wie es seine Art so ist — freundlich spricht:

„Ich sah, was Ihnen fehlt. Das Organische ist nicht gefährlich. Nicht leicht zu nehmen ist das Nervöse Ihrer Herzerkrankung, denn das liegt an Ihnen selbst, mein Herr. Sie erregen sich zu rasch, sicher öfter über Sachen, die nicht so schwerwiegend sind, wie Sie meistens denken.“

„Halten Sie mal an!“ Das Blut steigt hoch. „Drei Fabriken, denken Sie, das ist so leicht?“ „Was meinen Sie, wieviel Schwierigkeiten sich bei mir ergeben? Hätte ich die Ruhe nicht — ich mußte sie mir aber auch erwerben — ‚ ich wäre irgendwo längst eingescharrt. Wenn Sie schon beim ersten Wort sich derart gehen lassen, wie wollen Sie ertragen, was ich Ihnen melden muß?“

„Wer kann dafür, wenn man — “, windet jener sich heraus. Er gibt nicht zu, daß er fix erregbar ist, wenn ihm was zuwiderläuft.

„So leicht ist es nicht abzutun“, erwidert Wanger. „Das sind — verzeihen Sie — Charakterschwächen. Diese, nicht Ihr heißes Blut, stören den gesunden Herzkreislauf.“

„Ah“, pariert Beocana, „Sie sind wegen Krankheit hier; also haben Sie, . . .“ „Ich war fünf Jahre ohne Ferien im Auslandsdienst. Sonntage gab es wenige. Die angestrengte jahrelange Zeit und Hitze, nicht mein Charakter, machten einmal nötig, daß ich mich erholen muß. Bei Ihnen liegt es anders. Ob Sie sich Ruhe gönnen, das bestimmen Sie. Wollen Sie mir etwa sagen, daß Sie jahrelang und ohne Unterbrechung tätig waren?“

„Aber . . . “ „Hier gibt‘s kein ‚aber‘! Verübeln Sie mir nicht, daß ich wieder unterbreche; mir liegt Ihr Schicksal sehr am Herzen. Sie meinen, ich hätte Sie und Ihren Sohn noch nicht gekannt, also wäre keine Bindung dagewesen, die zur Verpflichtung führen konnte. Wenn Sie hören, was ich zu berichten habe, werden Sie gewißlich anders denken und daß einschneidende Ereignisse alsbaldige Verpflichtung nach sich ziehen sollten.

Ich will erst fragen, ob Sie sich mir anvertrauen wollen. Wenn ja, will ich Ihnen etwas geben, das Sie sofort stärkt, und im Laufe einer Zeit werden Sie verspüren, wie sich Ihre Krankheit bessern wird. Die an sich mehr geringe Herzgeschichte, von Ihnen durch Ihr Aufbrausen bloß erhöht, läßt sich heilen, solange ich in Urlaub bin“ „Wie lang?“ fragt Beocana. „Knapp sechs Wochen; Zeit genug, um zu helfen.“ „Gut, ich begebe mich in Ihre Hand; aber Gift nehm‘ ich nicht.“

„Langsam! Es gibt Gifte, die sowohl verderben wie auch heilen, jenachdem, für was, für wen und wie man sie verwendet. Vorausvermerkt: Nach jener Nacht, die Roberto auf die Höhe trieb und wo ich ihn samt den Bekannten kennen lernte, war es auch ein Gift, das dem Sohn geholfen hat.

Das Gestrige war zwar kein Gift, dafür umso schädlicher. Für Sie habe ich ein anderes Mittel.“ Beocana wehrt heftig ab: „Bei Ihren Negern wird bloß Gift verwendet.“ „Da hat man Ihnen einen schönen Bären aufgebunden“, neckt Wanger.

„Ich bin seit siebzehn Jahren in den Tropen, da und dort, kann‘ also wissen und bestimmt beweisen, was Wahrheit ist.“ „Zugegeben“, bekennt Beocana, „nur ich selber möchte, wissen Sie — “ „Schon gut! Verständlich ist, daß Sie mißtrauisch sind. Ich überrede Sie auch nicht, ich biete Ihnen nur die Hilfe an. Es liegt bei Ihnen, ob Sie wollen oder nicht.“

Wie oft hat der Fabrikant bedacht, sich einem Arzte zu vertrauen, er zog sich stets aus Angst zurück. Hier wäre möglich, daß niemand etwas merkt. „Bitte, helfen Sie, aber ohne Gift!“ „Ist mit solchen Sachen denn zu spaßen?“ sagt Wanger ernst und holt seine Tasche her. Beocana sieht zu, wie jener eine helle Flüssigkeit mit dunklem Saft vermengt. Ungewiß lacht er: „Haben Sie vom Busch die ganze Apotheke mitgebracht?“

„Bloß die halbe.“ Das freundliche Gesicht erleichtert. „Davon nehmen Sie mal einen Löffel voll. Es schmeckt nicht sehr gut, ein Schluck Wein darf folgen.“ Zum Ergötzen Herrn von Wangers zieht Beocana seine Brauen hoch, schnuppert an der Medizin und schluckt sie schnell hinab. „Das wäre überstanden“, schnaubt er heftig. Es dauert gar nicht lang, da ist es ihm, als ob er an zu schweben finge. Hernach merkt er eine gute Ruhe, und die Schmerzen in der Brust sind ausgelöscht.

„Sie sind der reinste Zauberer! Ach ja, bei den Negern lernt man diese ‚schwarze Kunst‘, nicht wahr?“ „Ich erkläre Ihnen das ein andermal. Jetzt will — “ Das Störungszeichen summt. Die Sekretärin meldet: „Herr Canncia will Sie dringend sprechen.“ Eine Röte flutet wieder hoch. Wanger, der die Meldung hörte, lacht erheitert: „Er will das Wundertier betrachten, das ich in seinen Augen bin. “ „So, so, dann herein mit ihm!“

Mit tiefem Bückling übergibt der Bürovorsteher seinem Chef ein Schreiben. „Vom Telegrafenamt eben durchgesagt.“ Zwei ausländische Fabrikbesitzer kommen. „Es ist gut; bereiten Sie auf morgen alles vor.“ Gelassen klingt der Auftrag, nicht wie sonst befehlsgewohnt. Zumeist gab es ein kleines Donnerwetter, wenn jemand störte, sogar bei manchem Dringlichen.

Insgeheim starrt Canncia Herrn von Wanger an. Er fühlt sich dabei unbehaglich, überbrückt jedoch geschickt die Spannung: „Wo bringen wir die Herren unter?“ „Deren Sorge! Holen Sie sie ab, in meinem Namen und bringen Sie sie ins Hotel ‚Blaue Woge‘. Das ist gut und unserm Werk am nächsten.“ Canncia geht, nicht ohne noch einmal den Fremden rasch zu mustern.

Im Kontor fragt man ihn aus. Er zuckt mit den Schultern: „Sehr undurchsichtig! Er wäre Arzt. Der Chef hat ihn konsultiert.“ Heute hängt die Arbeit überall ein wenig nach, nur in den Produktionsgebäuden geht es wie üblich zu. Dort weiß man von dem Fremden nichts und daß der Chef nicht pünktlich war.

„Was halten Sie von ihm?“ Beocana zeigt auf die Tür. Wie ihm das Vertrauen sozusagen eingeschossen ist, der Fremde könne mehr als segnen und verarzten, weiß er nicht. Dieser hebt die Hände, als ob er seine Antwort wägen wolle. Stets sagt er klipp und klar, was ihm wie eine Offenbarung ist. Jetzt auch. Augen können selten lügen, wie es Canncia mitunter fertig bringt.

„Ich möchte Ihr Verhältnis keineswegs zerstören. Noch — betone ich — verdient er Ihr Vertrauen. Sein Blick sondiert; sein Eifer kann — vorsichtig ausgedrückt — zum Schaden werden. Das kommt eben darauf an, wie Sie sich entscheiden werden, was ich mit Ihrem Sohn Roberto in Verbindung bringe. Später komme ich darauf zurück. Zunächst ist Ihnen zu berichten, daß es in der vorhergehenden Nacht beinah ein Unglück gab.“ „Mit Roberto?“ In heißer Angst gefragt um seinen Jungen, seinetwegen, und natürlich wegen dessen Nachfolge im Betrieb.

„Ja, mit ihm! In Freundschaft sah er gerne über einen Übelstand hinweg, er hat zudem ein reinliches Gemüt. Weil er selber gut und wertvoll ist — so betrachtet er sich selber nicht — ‚ daher sieht er ebenso in allen anderen ein ‚gut‘. Und taucht dann doch ein Übel auf, sucht er immer zu entschuldigen. Er tat dies oft bei seinem sonderbaren Freund.

Der ist ein Tagedieb, und wie ich hörte, macht er seinen Eltern manchen Kummer, versäumt die Arbeit, trinkt, spielt, will herrlich und in Freuden leben. Dazu gehört viel Geld. Das haben Sie und auch Ihr Sohn. Dieses Wissen gab den Ausschlag, Roberto zu entführen, um Sie zu erpressen. Daß vielleicht ein Mord geschehen müßte, war dem Burschen klar.

Als sein erster Anschlag ihm mißlang, dachte er an Mord. Er hätte Ihnen zugesagt, daß Sie Roberto wiederhaben würden, wenn ihm hohe Lösegelder winkten. Man hätte ihn gefunden — tot, vielleicht auch nicht. Kurz und gut: In der Nacht nach meiner Ankunft wollte ich noch an den Strand. Mich trieb etwas aus dem Haus, was — würde ich‘s auch deuten — Ihnen unerklärlich ist.

Weil unbekannt, geriet ich in die Stadt. Ich hörte einen Schrei und sah einen Mann an mir vorüberrennen. In der Straße tauchten zwei Gestalten auf. Als die ihre Waffen hoben, sprang ich zwischen sie und den Verfolgten. Die Schüsse bellten los, doch sie trafen nicht, denn . . .“

„Herr von Wanger, Sie begaben sich in die Gefahr? Sie konnten auch getroffen werden!“ „O nein!“ Wanger lächelt. „Das Auftauchen eines Unbekannten, den man nicht in Rechnung stellt, macht solche Lumpen stutzig. Das genügt, dem Opfer einen Vorsprung einzuräumen und daß sie nicht mehr richtig zielen können. Ich habe dies schon oft erprobt und konnte manche retten. Ganz selten, daß die Schüsse einmal gluckten und dann nie genau.

Vorgestern ging ich auf die Höhe, um von da aus einen Überblick über diese Stätte zu gewinnen. Es war so schön, ich hatte mir Lektüre mitgenommen, so daß ich eine zeitlang oben las. Auch wußte ich: es geschieht etwas. Wieder was vom Busch, sogar vom Häuptling, dem Medizinmann seines Stammes. Das werden Sie noch später hören, sollte es für Sie von Interesse sein.“

„Ich bin begierig. Bitte, kommen Sie so oft zu uns, so oft Sie mögen. Natürlich will ich Ihre Ferien nicht stören. Sie brauchen die Erholung; auch habe ich tagsüber wenig Zeit. Für mittags lade ich Sie immer ein als ein stets willkommener Gast. Des abends mache ich mich weitgehendst frei.“

„Nicht jeden Tag, das ist Ihrer Frau nicht zuzumuten. Sie können Ihre Abende bestimmen. Auch gibt‘s schon andere Leute in der Stadt, die ich ‚aufgestöbert‘ habe.“ Beocana lacht, bis ihm die Tränen kommen. „Das sieht Ihnen ähnlich!“ Wieder ernster werdend, fragt er, wie die Sache weiterging. Nun erst hört er, was sich zugetragen hatte. Der Arzt zeigt es absichtlich auf, daß das Erlebnis, die Flucht, Schüsse, die Angst in dem weicheren Gemüt des Sohnes tiefe Runen hinterlassen hatten und — sogar sehr bald — eine Nervenkrisis ausgebrochen wäre.

„Deshalb“, fährt Wanger fort, „wenn Roberto von der letzten Nacht erfährt, wäre es das Beste, Sie stimmten meinem Plane zu.“ „Und der wäre?“ „Ich will ihn eine zeitlang zu mir nehmen.“ Er streicht über Beocanas Faltenstirn. „Es muß nicht sofort sein. Je eher freilich, desto besser, damit der Schock zu heilen ist; er sitzt allzu tief. Bei mir kann er lernen, Leute zu durchschauen, damit er sich, wenn nötig, selbst zu sichern weiß.

Ich betonte, daß Herr Canncia Ihr Vertrauen noch verdient, vielleicht auf lange Sicht. Allein — jeder ist zu seiner Zeit dem Tod verfallen. Also wäre möglich, daß er einmal Ihren Erben gegenüber sich als unentbehrlich sieht und bestünde die Gefahr, daß er mehr an sich und weniger an seine Pflicht und Ehre denkt.

Roberto könnte bei mir mehr als in hohen Schulen lernen. Halten Sie mich nicht für überspannt! Die Wildnis lehrt ‚uns mehr, als es das gesamte Abendland vermag. Da lernte ich den Weitblick“, Wanger vermeidet ‚eine Sehergabe‘, „den ich Roberto als ein zweites gutes Erbteil hinterlassen möchte.“

„Warum gerade ihm?“ Ganz verschließt sich Beocana diesen Argumenten nicht, trotzdem sie Neuland sind. „Sind Sie ohne Erben oder wollten Sie nicht . . .“ „. . . heiraten? Das wollte ich einmal. Es gibt Mädchen, die dem Manne bis ans Weltenende folgen; andere bringen es trotz echter Liebe gar nicht fertig. Ich achtete des Mädchens Angst und — längst ist sie glücklich. Das hat mich ausgesöhnt. Denn nicht das eigene Glück soll man bedenken. Wer wirklich liebt, gibt den Partner frei, sobald ein Zusammengehen durch dick und dünn dem anderen beschwerlich fällt.

Ich sah Ihr Mienenspiel, mir gefiele etwa Ihre Sekretärin. Das tut sie ganz bestimmt! Aber wäre Ihnen recht, spannte ich Sie Ihnen aus? Ich bin schon über fünfzig, Ihre treue, beste Helferin kaum zweiundzwanzig, wenn ich nicht irre“, Beocana nickt dazu, „könnte also fast ihr halber Opa sein.“ Erheitert und erleichtert schmunzelt Beocana:

„Lassen Sie mir noch das Mädchen. Sie mag ihren Ehehafen finden, doch hoffe ich, das hat noch etwas Zeit.“ „Möglich!“ Wanger sieht den goldenen Faden, der vom jungen Herzen unbewußt gesponnen wird. Noch fängt jener, dem die goldenen Maschen gelten, nicht das Glück der echten Liebe auf. „Und wer weiß“, fügt er leise an, „bleibt sie auch für immer da.“

„Für mich sehr gut“, meint Beocana, „allein, sie ist — wie soll ich sagen — ? Schade, würde sie kein Mannesherz beglücken.“ Wanger lenkt vom Thema ab. „Ich hoffe, meine Pläne sagen Ihnen zu.“ „Nicht unbedingt“, wehrt jener sich als Chef und Vater, der Roberto nicht verlieren will, unbewußt gefühlt: an diesen Mann, der Gewalt besitzt — eine gute, gibt er selbst im Innern zu, als Arzt, als — Das läßt er in Gedanken offen — als Priester. Und als ‚Seher‘ kennt er ihn noch nicht.

„Ich möchte nach Roberto sehen, ist‘s Ihnen angenehm, komme ich am Abend wieder. Dann geht‘s ein Schrittchen weiter: ich zu Ihnen, Sie zu mir.“ „Wie meinen Sie denn das?“ Wanger weht das Verwundern weg. „Im Hauptpunkt, den Sie noch nicht kennen und der geraume Zeit verlangt, bis Sie denselben zu dem Ihrigen machen, demnach ich zuerst zu Ihnen, weil Sie — nicht böse sein!“, Wanger greift nach Beocanas Händen, „vom eigentlichen Leben, Zweck und Ziel desselben, und von dessen Tiefe noch nichts wissen.“

Beocana fühlt sich wie gefangen, aber nicht beengt wie Canncia, als des Priesterarztes Augen auf ihm ruhen. Es gleicht eher einem Schutz, obwohl der Fabrikant nicht ahnt, was solch ‚Lichtschutz‘ zu bedeuten hat, wieviel Frieden er zu spenden weiß. Er steht auf, und um das Ungewisse abzuschütteln, sagt er hastig: „Ich lasse Sie zur Villa fahren.“ Er läutet durch und bestellt den Wagen.

Wanger gibt der Sekretärin wieder seine Hand und es ist, als ob da eine gute Bindung wäre, von Herz zu Herz, auf hoher Ebene, die die Welt so wenig kennt und meist gar nicht haben will, die Weltlichen gemeint. Beruhigt fährt er in die Villa, voll Dank gegen Gott. Gutes hat er ausgesät; nun mag es unter Gottes Segen keimen und auch wachsen.

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