Kapitel 16
„Ah, die gnädige Frau Beocana!“ Gemacht liebenswürdig bietet der Präfekt ihr einen Sessel an. „Womit kann ich dienen?“ Ungezwungen setzt sich Juanita. „Ich möchte Vilpart Mescaru besuchen.“ „Schon wieder mal? Das geht gegen das Gesetz! Sie sind befreundet mit dem Herrn Justizminister und sollten seine Anordnungen befolgen“, sagt Mestosani hämisch. Er will dies zwar verdecken, doch es ist nicht schwer, ihn zu durchschauen.
„Eben“, lacht Juanita, mit einer kleinen Schadenfreude, als sie weiterspricht: „Der Justizminister schrieb uns gestern, er ist mit seiner Frau bei Herrn von Wanger und unsern Kindern, um zu sehen, wie dort alles steht. Er hat dabei gemerkt, daß mein Sohn an Vilpart denkt, den er wieder gern zu seinem Freunde machen möchte. Allein die Bitte um Verzeihung hat von Vilpart auszugehen. Deshalb will ich ihn besuchen.“
„So so, der Herr Verbrecher wird noch Ehrenbürger!“ „Ich wundere mich über Sie, Herr Mestosani! Ist so zu sprechen Ihrer würdig? Es beging manch einer eine Jugendeselei, die zu einem argen Hinfall führte; aber nicht zu wenige wurden trotzdem ordentlich, wenn ihnen jene Hilfe ward, die zumal die Jugend bitter nötig braucht. Also?“ Es ist kaum eine Frage, die Frau Beocana stellt.
„Und was soll ich in die Akten schreiben? Besuche oder Gaben sind genauest einzutragen. Was meinen Sie, welchen Rüffler ich bekomme, von oben, wenn . . .“ Juanita wehrt ernst ab. „Sie wissen doch, was Sie Mescarus schuldig blieben; der Minister hatte sich der Sache angenommen. Übrigens — ich bin im Bilde, daß Vilpart vorzeitig entlassen werden soll, um das Unrecht, das dem Vater widerfuhr — durch Sie — ‚ ein wenig auszugleichen.“
„Ich möchte Herrn Mescaru schreiben; teilen Sie mir bitte seine Anschrift mit.“ „Das darf ich nicht; auch legt er kein Gewicht auf eine Nachricht Ihrerseits. Aber das: sein Junge kommt zu Herrn von Wanger und soll vorher schriftlich seine Sache gegen meinen Sohn bereinigen. Deshalb kam ich her. Der Herr Justizminister hat das alles eingeleitet. Sollten Sie es mir nicht glauben — bitte, rufen Sie im Ministerium an, das Ressort ist unterrichtet. Ich käme dann am Nachmittag nochmal vorbei.“
Frau Beocana steht rasch auf. „Warten Sie!“ ruft Mestosani sie zurück. Mit dem verflixten Burschen gibt es dauernd Schererei. Er wird sich freuen, wenn er die Stadt verläßt, schreibt eilig einen Kurs, klingelt und befiehlt dem eintretenden Beamten, Frau Beocana zu geleiten. Stumm, mit einer kleinen Geste, geht sie am Präfekt vorbei, der sich gleichfalls stumm verneigt.
„Würde man die Leute nicht so nötig brauchen“, hält er wieder mal ein Selbstgespräch, „dann — Die Sache ist bereits verfahren; ich kann nur gewinnen, wenn ich Cruzziano nicht verärgere. Bin sowieso bei dem schon abgerutscht, bloß wegen dem Mescaru. Eigentlich ist an allem dieser Wanger schuld mit seinem humanistischen Getue. Der hat Cruzziano angesteckt. Wenn ich bloß wüßte, wie man die beiden trennen könnte.“
Mestosani sucht immer sein Gewissen totzuschweigen, nur um ja nichts Weltliches an Amt und Ehren einzubüßen. Trotz allem spürt er es genau, er will es nur nicht eingestehen — nichts ging ihm von dem verloren, was der Priesterarzt zu ihm gesprochen hatte. Dessen Art und Weise ist zu eindrucksvoll gewesen. — —
„Ich möchte Vilpart Mescaru besuchen.“ Frau Beocana reicht dem diensthabenden Beamten im Gefängnis ihren Kurs. „Bitte“, sagt er höflich und gibt dem Wärter einen Wink. Auf dem Weg zum Zellentrakt erzählt er Juanita: „Der Bub hat sich gewandelt; ich bin froh, wenn einer gutzumachen sucht. Wer mit solchen Kumpeln umzugehen hat, ist erleichtert, wenn einer . . .“
„Ich verstehe Sie“, unterbricht Frau Beocana, drückt dem Mann die Hand und etwas mit hinein. „Sehen Sie, ich dachte früher nie darüber nach, ich stand ja solchen Dingen gänzlich fern. Erst durch die Sache meines Sohnes habe ich so einiges gelernt, auch daß man den Gestrauchelten zu helfen hätte.“
„Bei manchen ist‘s vergeblich; wir haben ein paar schwere Jungen hier.“ „Das ist traurig“, entgegnet Juanita. Der Wärter schließt den Besuchsraum auf. „Warten Sie, ich hole Vilpart sofort her. Wie lang ist die Besuchszeit denn genehmigt?“ Er prüft den Zettel. Es steht kein Vermerk dabei. „Ich müßte den Direktor fragen.“ „Wenn es nötig ist?“ „Nichts vermerkt, ich komm‘ in einer halben Stunde, und wenn Sie noch nicht fertig sind, warte ich ein Weilchen.“ „Sehr nett von Ihnen.“ Frau Beocana setzt sich in den kalten kahlen Raum am kleinen Tische nieder.
„So trist“, seufzt sie, „man sollte durch ein Bild, durch ein paar Blumen den Gefangenen doch eine Freude bieten.“ Ihr lautes Denken wird schon unterbrochen. Zaghaft tritt Vilpart ein und bleibt an der Türe stehen. Bei Marita hatte er schon Mut gefaßt, wenn sie ihn besuchte; vor Herrn Beocana hatte er viel Angst, als dieser auch einmal gekommen war. Vor Robertos Mutter — ? Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Verlegen wetzt er seine feuchten Hände an der Sträflingshose auf und ab.
„Setzen Sie sich doch“, zeigt sie auf einen Stuhl ihr gegenüber. „Ich habe einiges mit Ihnen zu besprechen.“ Er gehorcht. Eine kleine Pause, die für beide Menschen drückend ist. Robertos Mutter denkt daran, daß ein Mord geschehen konnte, durch den, der vor ihr sitzt. Es kostet einer Mutter Überwindung, des Lichtes Lehre — für sie selbst noch neu — hier anzuwenden.
Über das so blaß gewordene Gesicht laufen Tränenbäche. Sie geht zum Weinenden, legt einen Arm um dessen Schultern und das hilft mehr, als jedes laute Wort. Vornüber neigt sich Vilpart und sinkt plötzlich vor Juanitas Füße nieder, hebt beide Hände hoch und zeigt ihr sein gezeichnetes Gesicht: gezeichnet von den Tränen, von der Haft, von — seiner Reue.
„Komm, steh‘ auf, höre auf zu weinen, es wird alles beigelegt, wenn du“, sie sagt aus geistigem Impuls das ‚du‘, „auf eine gute Bahn gelangen willst. Und ist deine Reue echt, so wird dich GOTT erretten.“ Sie zieht ihn förmlich hoch und rückt ihren Stuhl dicht neben ihn. Wie eine Mutter streicht sie über seine Hände. Allmählich hört sein Schluchzen auf und nur noch Tränen rinnen lautlos über seine eingefallenen Wangen. Frau Beocana sagt:
„Willst du mich jetzt hören, Vilpart?“ Er nickt und sein scheuer Blick streift ihre Augen. Die sind ganz mütterlich geworden und er denkt an seine arme Mutter, die — — „Du hast durch deine Tat eine Last auf dich geladen, und es liegt an dir, sie abzutragen. Keiner kann dir das ersparen und das siehst du sicherlich auch ein, nicht wahr?“ Wieder nickt er schweigend.
„Nun“, fährt sie fort, „gegen wen am meisten müßtest du die Last bekennen, um davon befreit zu werden?“ Er denkt lange nach und sie stört ihn nicht. Leise folgt die Antwort: „Zuerst wohl gegen meinen Freund Roberto, dann Ihnen und den Eltern gegenüber und —“ „Und GOTT gegenüber; vergiß das nicht, mein lieber Junge!
Du hast nicht an Ihn geglaubt, wir gleichfalls nicht, wenigstens nicht so, wie es richtig war. Durch einen Freund sind wir mit Gott vertraut geworden, mein Mann, ich und die Kinder. Es wäre gut, wenn auch du dich vor Ihm beugen würdest. Ich kann verstehen, wenn dies eine Weile bei dir dauert, was nichts schadet, wenn du nur zuerst im Herzen es bedenkst.
Bitte deine Eltern um Verzeihung und . . .“ „ . . . ich tat es schon, Ihr Gatte war so gütig, er wartete, bis ich ein paar Zeilen schrieb und nahm sie mit. Wie war ich erleichtert! Ich bin‘s nicht wert, daß Sie so freundlich zu mir sind; ich bin‘s nicht wert, meiner guten Eltern Sohn zu sein; ich bin nicht wert, um . . .“
„Wer ist‘s denn immer wert, dies und das zu sein? Es ist ein Weg, wenn man das bekennt, wie du es eben tatest. Das zeigt an, daß aus dir noch einmal etwas wird. Hier“, sie zieht aus ihrer Tasche ein Papier und einen Stift hervor, „schreibe an Roberto, er erwartet dich.“ „Niemals wieder kann ich je Ihr Haus betreten, Frau Beocana und — und Ihre Güte — oh, die bedrückt mich mehr, als wenn Sie mit mir zanken würden.“
„Vorläufig ist das auch nicht möglich“, lächelt sie und drängt, er möge schreiben. „Was?“ fragt er und hält den Stift schon in der Hand. „Es täte dir sehr leid, was du gegen ihn im Schilde führtest, und ob du ihn persönlich um Verzeihung bitten dürftest. Das genügt vorerst. Sobald du hier entlassen wirst, fährst du zu ihm hin; er ist nicht mehr zu Hause.“
„Oh, ich habe ihn vertrieben?“ „Gewiß, doch ein Helfer, der ihn rettete, nahm ihn in seine Arbeitsstätte mit — weit weg. Du kannst dorthin kommen, um daselbst ein guter Mensch zu werden. Alle, die daselbst wohnen, nehmen dich in Liebe auf; bloß mußt du dies erst nachverdienen.“ „Wo ist denn das?“ fragt Vilpart, indem er hastig schreibt. „In Afrika, bei einem Arzt und Missionar, der — “ Jäh hebt Vilpart seinen Kopf. „Ist das etwa —
„Der ‚Schwarzrock‘ auf dem Berg. Er hat alles ausgeglichen. Ihm hast du es zu danken, daß der Justizminister sich um dich und deine Eltern kümmerte. Uns zeigte er den Weg ins Licht. Denn sonst — ? Wie hätten wir dir je verzeihen können — ? Herr von Wanger brachte deine Eltern fort, um euer Haus bemühte sich mein Mann; und unsre beiden Kinder sind eben bei dem Arzt. Marita für ein Weilchen, Roberto etwa für drei Jahre.“
Vilpart staunt. Man hatte ihm mit Absicht nichts berichtet, bloß daß die Eltern außer Landes sind, hat er gewußt. „Ich — Roberto nahm mir meinen ‚Schwarzrock‘ übel. Undenkbar, daß mich dieser Mann in seiner Nähe dulden wird.“ „Doch! Höre einmal zu!“ Sie entnimmt ein Schreiben ihrer Tasche und liest ihm einiges daraus vor, mit dem Inhalt, Vilpart, wenn er will, kann zu Herrn von Wanger kommen, er möchte ihm gern helfen.
Da fängt er wieder an zu weinen, der dumme Junge, der sich von der Gierde übermannen ließ. O ja, jede Gier ist ein Verderben, die die Seele und den Leib verdirbt und den Menschen straucheln läßt. Indessen kommt der Wärter. Juanita hat den Zettel schon geborgen und sagt: „Es war sicher nicht verboten, aus einem Briefe Vilpart etwas vorzulesen. Es ist nämlich eine Einladung, sobald er hier entlassen wird. Er kommt zu einem Arzt und Missionar nach Afrika, da lernt er sich bewähren.“
„Ach“, unterbricht der Wärter, „ist das jener, der beim Präfekten wegen Herrn Mescaru war? Es wurde einiges im Bau geflüstert.“ „Ja, ein selten guter Mensch, ausgezeichneter Arzt und Priester, und bei ihm wird Vilpart auf die rechte Bahn gelangen, seinen Eltern einst zur Ehre.“ „Das freut mich aber sehr! Na, Vilpart, da können Sie sich freuen und ich wünsch‘ es Ihnen. Aber nun“, er sieht auf seine Uhr, „reichlich spät.“
Sofort erhebt sich Vilpart, er folgt aufs Wort, was er bei den Eltern niemals tat. Hier hat er es gelernt. „Noch ein Päckchen habe ich“, sagt Frau Beocana und entnimmt es ihrem Beutel. „Ein paar Lebensmittel.“ „Die darf er haben. Geben Sie es aber mir; wenn es niemand sieht, stecke ich‘s ihm zu.“
Frau Beocana gibt beiden ihre Hand. „Das finde ich grandios, daß Frau Beocana selbst zu Ihnen kam“, sagt der Wärter, als er Vilpart in die Zelle bringt. „Ich kann‘s noch gar nicht fassen“, erwidert dieser. „Es ist — ist so — bitte, lachen Sie doch nicht“, fleht der Gefangene, „ — es ist mir wie ein Licht, als ob jetzt alles heller würde, als ob . . .“
„Wo werd‘ ich lachen! Von mir bekommen Sie ein gutes Zeugnis.“ „Danke!“ Vilpart setzt sich auf die Pritsche, allein zwischen engen Wänden und ist doch, als wäre er im Freien, wo die Sonne scheint, wo Blumen blühn und Vögel singen, wo — — Ist es schon ein stummer Dank an Gott, was als Seufzer seiner Brust entquillt — —
„Wie war es denn?“ fragt Beocana seine Frau. „Wie immer; du kennst ihn ja“, entgegnet sie. „Dem schlage ich ein Schnippchen, so einer braucht das mal.“ „Gewiß, Alfons; ein bißchen wundert‘s mich, daß Willmut ihn nicht umgekrempelt hat.“ „Den — ?“ Langgedehnt gesagt. „Den krempelt nicht mal Gottes Mühe um!“
Juanita faßt nach ihres Mannes Händen. „Nicht so! Laß uns daran denken, wie wir selber . . .“ „Hm, meine Liebe, dünkelhaft sind wir jedoch nicht gewesen. Sicher — das hat uns geholfen, weil wir von Willmut uns bekehren ließen. Man sucht freilich bei sich gern ein nettes Mäntelchen, unter dem man seine Mängel zu verbergen sucht. Jetzt —“ Ein besonderer Erkenntnisschritt, und der Priester würde sich darüber freuen. Oder — Gott — — ?
„Mir erging es ebenso. Wir wollen also dankbar sein und nichts gegen Mestosani unternehmen.“ „Das wollte ich; habe ja in manchen Landbelangen mitzureden. Na, lassen wir es sein! Er hat sich selber manche Steine in den Weg gerollt und es wunderte mich nicht, wenn andere ihm die Falle stellen, nach Willmuts Auffassung zu seinem Seelenheil. Dagegen will ich sorgen, daß er bei Mescaru nichts mehr unternehmen kann.“
Er geht zum Telefon und wählt eine Nummer. „Herr Direktor, wenn es Ihnen möglich ist, kommen Sie doch bitte heute Abend her zu uns. Ein gutes Weinchen wartet auch auf Sie.“ „Dankend angenommen“, hört Juanita, die neben ihrem Manne steht. Beocana legt den Hörer auf. „War das der Direktor vom Gefängnis?“ „Ja, wir werden sehen, wie er sich am Abend gibt.“ —
Der Gast überreicht der Hausfrau Blumen. Eine Abendtafel wartet, und danach ein roter Wein. „Nun, Herr Beocana, was haben Sie denn auf dem Herzen? Etwa geht mir mein Gedanke nicht ganz fehl.“ „Das wäre ja für den zu Gunsten, dem der Gedanke gelten soll. Vilpart Mescaru, nicht wahr?“ Der Direktor nickt. „Ihr Protektionskind! Ist schon stadtbekannt.“
„Die Protektion stimmt nicht, nennen Sie es ‚Hilfsaktion‘!“ „Und worin besteht dieselbe? Ohne Gerichtsbeschluß ist nichts zu machen.“ „Den fürcht‘ ich nicht; diesmal hat die höchste Oberleitung ihre Hand in Spiel.“ „Ah, der Herr Minister Cruzziano! Seitdem er bei uns war, ist viel verbessert worden, was ich sehr begrüße. Aber bei den Inhaftierten muß man Vorsicht walten lassen. Allzu große Nachsicht ist gefährlich.“
„Zugestimmt, Herr Direktor, außer Einzelfällen.“ „Und ein solcher soll Mescaru sein?“ „Meine Frau war heute dort, lassen Sie es sich erzählen.“ Verwundert wendet sich der Gast ihr zu. „Wurde das vom Obersten erlaubt?“ „Nicht gern“, erwidert Juanita, „ihm blieb nichts anderes übrig. Ich hatte einiges ihm gesagt.“ Der Direktor schmunzelt: „O, da ist ihm wohl — “ ‚ — der Boden heiß geworden‘, setzt er in Gedanken nach.
Sie berichtet, wie tief betroffen Vilpart war, seine Tränen, sein Bekenntnis. In wärmsten Worten schildert sie, was sich im Gefängnis zugetragen hat. Sie unterschlägt das Brieflein an Roberto, weil so was nicht gestattet ist. Doch zur Rettung des Gefangenen nimmt sie ‚diese Sünde‘ gern auf sich.
„Wie soll es weitergehen?“ Dem Direktor liegt daran, einem Häftling aufzuhelfen; er bestätigt, daß sich Vilpart Mescaru in allem unterordnet. „Was wenigen nachzusagen ist“, meint er ernst. „Wie ist es, wenn Gefangene entlassen werden?“ fragt Beocana. „Habe mich noch nie darum gekümmert.“
„Das kommt drauf an, ob es ruchbar wird. Wir versuchen stets, es zu vermeiden. Freilich — es gelingt nicht immer, wenn sich hinter einem unsere Tore schließen. Selbst dickste Mauern lassen oftmals die ‚Kassiber‘ raus. Man kämpft dagegen an, doch die Burschen finden immer wieder den ‚Kanal‘, und dann warten ihre Kumpel und holen im Triumphzug ‚ihren Helden‘ ab.
Leider kommt auch vor, daß ein Entlassener belästigt wird. Und betrifft das einen, der sich besserte, der fällt dann umso tiefer wieder ab. Ah, die ‚ehrbaren Bürger‘!“ „Ich wußte das zwar nicht, doch für Vilpart habe ich‘s befürchtet. Deshalb bat ich Sie zu uns, Herr Direktor. Wenn es geht, rufen Sie mich bitte an, sobald er entlassen wird. Ist ja noch ein Bub trotz seiner zwanzig Jahre, nicht wahr? Alsdann komme ich von ungefähr vorbei und nehme ihn im Wagen mit. Spieß rutenlaufen soll er wegen seiner Eltern nicht! Wie denken Sie darüber?“
„Genau wie Sie; Gestrauchelte sollte man davor bewahren. Na ja, muß ich eben unsern Obersten etwas später unterrichten. Möglich, daß er den Vilpart vorher sehen will.“ „Sie sind der Überzeugung, daß er nicht das rechte Wort zu finden weiß?“ „Wie man‘s nimmt“, weicht der Direktor aus. Er darf dem Gerichtshofobersten auch nicht in den Rücken fallen.
„Wir sind uns also einig“, lenkt Beocana selber ab. „Trinken wir noch einen, damit es auch gelingt. Roberto möchte Vilpart wiederum zum Freunde machen; und hält der Bursche sein Versprechen, dann bin ich überzeugt: unser Junge findet keinen besseren Kameraden als gerade den.“ „Das wünsch‘ ich Ihrem Sohn! Der Junge hat uns alten Leuten eine — wie sagt man da?“ „. . . die Epistel Gottes aufgegeben“, mengt sich Juanita ein.
„Sehr recht, gnädige Frau.“ „Herr Direktor, mein Mann und ich lernten von Herrn Wanger, wer gnädig ist: GOTT allein!“ Man debattiert darüber und der Direktor fährt beeindruckt fort. „Wenn solche Leute sich bekehren ließen“, spricht er vor sich hin, indes er durch die nächtlich stillen Straßen fährt, „muß daran etwas Wahres sein. Herr Wanger — ? Der ist ein — — “ Das Weitere läßt er in Gedanken offen, bloß das Gefühl ist nicht zu bannen: Es gibt ein Licht, ein ewiges, ein — — —
Der Vicomte und seine Frau rüsten sich am gleichen Tag zur Heimkehr. Die dunklen Freunde sind schrecklich aufgeregt. Am liebsten möchten sie den beiden alles schenken, was sie als ihren stolzesten Besitz bezeichnen. Wanger kann sie überreden, daß die Gäste all die Gaben nicht mit auf die Reise nehmen könnten, denn sonst — — wird das Flugzeug viel zu schwer“, sagt er lächelnd, „und das wollt ihr sicher nicht.“ Man nickt dazu.
Schöne Steine, Wurzeln mit bizarrer Form werden angenommen. Uneingestanden sind die Neger froh, daß man ‚so wenig‘ nimmt. Pedro und Juliane müssen öfter vor die Türe treten und mit Geschrei und Tücherschwenken werden sie begrüßt, bis zum späten Abend. Endlich gebietet Wanger, daß sie zur Ruhe gehen sollen. Ihm, dem treuen Helfer, folgen sie wie gute Kinder auf das Wort. Im Handumdrehen wird es in der Siedlung still.
Fallango hat mit seinem Copilot getauscht, er bleibt da, denn er will Marita heimgeleiten, die noch etwas bleiben darf. Beocana hatte es erlaubt. Man weiß die Kinder nirgends besser aufgehoben als bei ihrem „Priesterfreund“, sagt der Vater ernst. Zwei von den Negern haben ihre ersten Probeflüge bestens ausgeführt. Mit großer Gewissenhaftigkeit betreuen sie des ‚guten Doktors Vögel‘, wie man so sagt. Roberto hat sich auch bewährt und durfte schon alleine starten, eine Stunde fliegen und landete sicher auf dem absichtlich eng abgegrenzten Landeplatz.
Die Piloten wunderten sich oft, mit welch feinem Taktgefühl die Neger sich benehmen. Roberto und Marita bleiben dem Vicomte und Juliane ‚auf den Fersen‘. „Wir besuchen euere Eltern“, beruhigt Cruzziano, „besser läßt es sich erzählen als es schreiben. Na, sie werden staunen, was wir alles zu berichten haben und daß ihr Sohn ein Fliegerheld geworden ist.“
„Ach“, erwidert dieser, „das ist wohl schön und es freute mich, weil ich gut abgeschnitten habe. Das Wichtigste ist für mich die Lehre Onkel Willmuts. Ich kann es zwar nicht richtig deuten, Onkel Willmut, ich meine“, er verhaspelt sich, „das innere Fliegen, das Hinauf ins Licht, zu Gottes Wahrheit — ich meine — es ist . . .“
„Sehr gut gesagt.“ Der Arzt umarmt Roberto. „Bißchen stottern schadet nichts; mag die Zunge hängen, wenn nur das Gemüt die echte Sprache hat. Und die hast du dir erworben. Das ‚ewige Licht‘ kommt allein von Gott und ist‘s nicht von ungefähr, daß man ‚nach oben‘ sieht und glaubt, Gott wohne über uns. Das mag für heute Abend das Gespräch ergeben, wenn ihr wollt.“, Alle sagen ja und die Piloten fragen, ob sie auch mit hören dürften.
„Selbstverständlich“, bestätigt Wanger. „Es hätte mich gewundert, wenn ihr jungen Freunde ferngeblieben wäret.“ Oh, ah, dieses Arztes Freund zu sein — das ist wirklich eine Ehre.
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