Kapitel 17
Wer würde nicht den ‚Hauch‘ verspüren, der absolut die Menschen in der Runde streift? Die zwei Neger, jederzeit zugegen, fühlen ihn viel tiefer als jeder Weiße. Versunken sitzt der alte Bertram da und Carol tut‘s ihm nach; aber jeder wartet auf des Doktors Wort wie auf ein Evangelium. Ist‘s nicht auch ein ‚Wort des Herrn‘, was der Missionar zu bringen weiß? Ist er nicht gleich einem Seher aus der alten Zeit — —
Das wird den anderen auch bewußt. Und hängen im Gefühl die zwei Piloten etwas nach, so sind sie doch von‘ dem ergriffen, was sie heute hören können. Allerdings sind sie von dem bisher Empfangenen schon umgewandelt und ihr Gedankenfeld neigt sich dem Geiste zu. Das sieht der Arzt und lächelt mild. Er beginnt:
„Meine lieben Freunde, es ist — wie oft auf dieser Welt — ein Scheideabend. Die Zeit, wo meine lieben Gäste bei mir waren, werde ich niemals vergessen. Erinnerungen können eine gute Seelenspeise sein, eine GNADE Gottes. Diese Gnade wird uns wiedersehen lassen, so oft es weltlich möglich ist, und ich hoffe, daß man in unserm ‚schwarzen Winkel‘ wieder . . .“ „ . . . einmal Urlaub macht“, unterbricht der Minister.
„Wir hoffen auch, daß Willmut uns mit seiner Gegenwart beehrt.“ Abwehrend hebt Wanger seine Hand wegen dem ‚beehrt‘. „Weiß, was du entgegnen willst“, lacht Cruzziano. „Lasse dir gefallen, daß man dich ehrt; und ich meine, soweit ich nun in Gottes Lehre Einblick habe, darf man sich schon gegenseitig ehren, sofern es auf der echten Freundesbahn geschieht.“
„Zugestimmt, Freund Pedro! Also kann ich sagen, daß mir der Besuch der lieben Gäste gleichfalls eine große Ehre war. Diese legen wir dem Höchsten in die Hand. Was wir uns gegenseitig schenken, soll Ihm als Rückbringgut gehören; denn Er hat es ja in unsern Geist, in unsere Seele eingepflanzt.
Wenn wir es recht bedenken, ist alles Schöne, Edle, was uns zu echten Menschen macht, ein Himmelsgut, die Gabe aus dem Licht der Ewigkeit, weil nichts besteht, nichts existiert, dessen Ursprung nicht dem Licht entstammt. Und damit komme ich auf das, was diesen Abend prägen soll.
Roberto hatte das ‚hinauf ins Licht‘ erkannt. Manch Gläubiger wird lächeln, bezeichnet man die Flugzeugfahrt mit Himmelsfahrt. Gewiß, daß nur Weltliche läßt sich mit den Himmelsdingen nicht auf einen Nenner bringen. Sobald man aber aus dem Geiste schöpft, sind sogar die äußerlichen Lebensdinge mit jenen inneren verwandt. Wir betrachten also das hinauf.
Was der Mensch erreichte, Möglichkeiten, hoch zu steigen, tief zu tauchen, sehr rasch eine Ferne zu bewältigen, sind Attribute aus dem Geist. Allerdings für jeden Einzelnen bloß dann, wenn er für die weltlichen Errungenschaften keinen Ruhm erheischt, sondern in den Dienst der Menschheit stellt. Auf dieser Basis läßt sich alles in des Lichtes Gaben einrangieren. Und zwar so:
Immer war der Mensch des Glaubens, daß Gott ‚oben‘ wohnt. Selbst die Büßer, die ihr Antlitz in die Erde drückten, sahen innerlich hinauf. Auch Andersgläubige ganz alter Zeiten betrachteten die Atmosphäre, die man Himmel nennt. Dazu ward der Mensch bewogen, weil das Sonnenlicht von oben strahlt, der Regen, der die Erde tränkt und segnet, auch von oben abwärts fällt.
Das richtete der Schöpfer für die materiellen Welten ein, weil auf diese Weise wie von ungefähr der Mensch dazu erzogen ward, daß alles erst von oben kommt und Gottes Segen es dann aus der Erde wachsen läßt, aus der Tiefe wieder in die Höhe, wie ja unsere Seele aus der eigenen Tiefe sich emporzuwinden hat, will sie — frei von der Materie — ein Anteil ihres Geistes sein.
Nichts anderes als die Sehnsucht in die Höhe, in die Ferne, trieb die Menschen an, sich von der Erde abzusetzen. Und ist das auch im Hinblick auf das Weltliche nur materiell, so bleibt es dennoch ein geheimer Anteil jenes Sehnens, das GOTT den Wanderkindern mit auf ihre Weltenwege gab.
Ich komme auf ein schwereres Kapitel. Ist‘s nicht verwunderlich, daß die Dinge, die wir kennen — bleiben wir zuerst bei dem Exakten stehn —‚ vier Dimensionen haben? Man nennt allgemein nur drei: Höhe, Tiefe, Weite. Daß diese drei ein Viertes brauchen, ist allgemein noch unbekannt, man läßt‘s nicht gelten. Das ist die Zentrale! Man kann sie auch die ‚Nähe‘ nennen. Denn vom Standpunkt der Berechnung aus lassen sich die Höhe, Tiefe und die Weite messen; und so bleibt der Ausgangspunkt als die Zentrale jene Nähe, die eben übergangen wird: das Wichtigste von allem!
Einige Vergleiche, wovon die Bibel zeugt: Die vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, die vier Lebensalter eines Menschen. Die Offenbarung Gottes weist hin auf Seine ewige Existenz. Nichts ist materiell, was nicht vorher ‚Gottes Lichtanteile‘ waren!
Er hat aus heiliger Allgegenwart, die Seine Nähe ist, für uns den Weg der eigenen Offenbarung eingeschlagen. Mit der Nähe, dies für uns gedeutet, steht Er souverän über jeder Schaffung. Selber bleibt Er stets die UR-Zentrale. Er läßt von oben Seinen Segen kommen über alles Lebende. Er kam und kommt herab, Er bleibt nicht fern-oben in des Lichtes Herrlichkeit, sondern neigt Sich zu all denen nieder, die nach oben Ausschau halten. Er geht auch zu denen in der Weite, die sich fern des Lichts und Gottessegens stellen.
Damit weist sich auch bei Gott die Vierheit aus; und wir müssen aus der Ferne unseres Glaubens, aus der Tiefe der oft armen Seele, unsre Gasse gehen: hinauf, um in Seine heiliggute Nähe zu gelangen. Es wird uns nicht so leicht gelingen, doch der Heiland sieht uns an in herzlicher Barmherzigkeit. Also kann‘s nicht fehlen — wenn man IHM vertraut — ‚ ins Licht-Reich zu gelangen.
Abzulegen ist, was uns aus dem Lebensdasein eingeboren ist. Ihr Freunde wähnt: Unmöglich ist‘s, dieses abzustreifen; auch wären wir so ohne Schuld. Was eingeboren worden ist, hätte man nicht selber aufgenommen. Soweit recht und gut. Höret das Geheimnis an, das man nicht erforschen will, weil unbequem, weil dann der ‚Mahner‘, das Gewissen, gar zu heftig rebelliert.
Gefragt: Wo kommt man her, wo geht man hin? Naturmäßig läßt es sich erklären. Geklärt ist damit nichts! Denn einzig aus der Mutter Leib geboren und einst ins Grab gelegt — oh, armselig wäre dieser Lebensgang! Das Bedenken kennt den wahren Lebensanfang nicht und nicht das Ziel, das — geistig — in die Gottheit mündet, ohne unser Leben dadurch aufzulösen.
Was im Zeugungsakt entsteht, ist die Hülle des von GOTT geformten Kindgeschöpfes. Nun — bleiben wir zunächst beim Lichte stehen. Ohne Überhebung, ohne Eigenkult darf der echte Gläubige erkennen, daß er als ein solches aus dem Reich herniederstieg und durch eine Zeugung und Geburt des Lebens äußerliche Hülle angezogen hat. Kommt so ein Kindgeschöpf auf eine Weltstation von obenher, muß es notgedrungen nach dem planetargebundenen Leben wiederum hinaus, wie wir dies bereits besprochen haben.
Doch Personenkult damit zu treiben, führt in das Verderben! Das bedeutet keine ewige Verdammnis, denn die gibt es bei Gott nicht. Allein — lange muß die Seele nach dem Tode suchen, bis sie einst ein Lichtlein finden kann. Leider hat der Mensch auf jederlei Gebiet den Hochmut großgezüchtet, und — es sei geklagt — manche Christen huldigen dem argen Übel auch. Was hat der Mensch davon? Mit dem Tod verliert er diese Nichtigkeit.
Ich bin ein Priester. Kann ich euch denn die Seligkeit bereiten, euch hochheben in das Licht? O nein, meine lieben Freunde. Das kann allein der HERR! Aber eine Gasse zeigen, das Evangelium verkünden, das kann ich tun. Das kann jeder Gläubige. Wer sich aber überhebt und sagt: ‚Bei mir allein ist Gottes wahres Wort‘, der steht im eigenen Personenkult und ahnt es nicht, wie schwer er einmal umzulernen hat.
Da hilft kein sogenannter guter Wille; denn Überheblichkeiten sind nicht gut, vor allem für sich selber nicht. Erleichtern wird der Herr die Last, wenn sich jemand auf die Glaubensgasse führen läßt. Reiht sich ein solcher dann mit in die Großen ein, so bleibt die Last, die er somit selber aufgeladen hat.
Jetzt versteht ihr, weil ich wegen der mir zugedachten Ehre meine Hände protestierend hob. Du hast‘s ja gut gemeint“, wendet Wanger sich an den Minister, „deshalb nahm ich diese Ehre an — im Hinblick auf die Ehre Gottes, die IHM allein gebührt.
Manche Gläubige denken, sie würden Gottes Reich vergrößern, Ihm etwas geben, vom Letzteren gleich einzuflechten, daß es lautet:
‚Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist Sein Ratgeber gewesen?
Wer hat Ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wiedervergolten?
Denn von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge!‘ (Röm. 11, 34-36)
Das sind markante Worte des Apostels Paulus, und wir tun gut, sie uns anzueignen. Unser Abwärts kann das Hinauf zum Höchsten sein. Man kann jene tragen, die da meinen, durch sie allein könne man zu Gott gelangen: ‚Freund, wird ein Ozean durch die vielen Ströme, die unablässig ihre Wassermassen in das Meer ergießen, größer? Fließt es über? Nein! Also wird ja Gottes Reich nicht größer, Seine Gnade nicht gewaltiger, wenn du Menschen zur Erkenntnis führen kannst — ebenfalls allein durch Seine Gnade!‘
Müßte man nun sagen, jede Lehre wäre eigentlich vergeblich, wenn sich nichts verbessern läßt? Oh, so gedacht, stünde die Erwiderung zu Recht. Leider will der Mensch am liebsten alles oder nichts. Eine schwere Stufe auf dem Weg zur höheren Erkenntnis: Es gibt ein Alles und ein Nichts — materiell; geistig sieht es anders aus. Ein ‚Nichts‘ gibt es wirklich nicht; denn wir haben ja die Fülle aller Gottesgaben, wir brauchen sie nur aufzunehmen. Tun wir das, dann haben wir das ‚Alles‘!
Man soll bitten, und es wird gegeben; wir dürfen suchen, und wir werden finden, was Gottes Liebe Seinen Kindgeschöpfen zubereitet hat. Des Lebens Fülle ist nie auszumessen und wird nie alle. Denn wie sich für die Welt die Tage und die Nächte aneinanderreihen, wie eine Jahreszeit der andern folgt und vieles mehr, desgleichen, doch vom Lichte aus unendlich herrlicher, kommen alle guten Gottesgaben auf uns segnend nieder.
Läßt sich jemand von uns auf die Glaubensstraße führen, so geben wir dem Vatergott in Dankbarkeit zurück, was segensreich aus Seinen Händen kam. Da ER uns nicht von Seinen Händen läßt, bleibt somit jede Gabe als ein ewig unveräußerliches Eigentum in Seiner Hand! Das ist das Geben und das Nehmen, das Hin und Her zwischen Gott und uns. In dieser Hinsicht läßt sich sagen, daß wir als Lebensträger IHM auch etwas geben können: unsre Liebe, Ehrfurcht, Anbetung, den Dienst am Nächsten, geistig und auch irdisch. Und seid gewiß, ihr lieben Freunde: der Vatergott nimmt jede Kindesgabe gern in Seiner Schöpferfreude an.
Gottes Gaben sind die Kraft, mit der wir schaffen können, sie sind jene Kraft, die uns an die Gottheit bindet. Seine Güte ist ja jeden Morgen neu, Seine Gnade hört an keinem Abend auf!“ Der Arzt pausiert ein wenig und Roberto sagt: „Wunderbar! Da sieht man, was Gott für uns tat, um uns zu segnen, zu erlösen, uns frei zu machen von dem Irrwahn der Materie.“
„Hast recht, mein Junge“, bestätigt Wanger. „Nur muß es heißen: ‚Gott tut alles!‘ Wie Er in herrlicher Allgegenwart Sich offenbart, durch Wort und Wunder, genau so ist Sein Tun von Ewigkeit zu Ewigkeit ein Bleibendes. Er sagt ja von Sich Selbst:
‚Ich war, Ich bin, Ich werde sein!‘
Dazwischen braucht es keinen Brückensteg; in dieser Offenbarung steht das UR-Primäre Seiner Wesenheit.“
„Bei dir, Willmut, habe ich gelernt, was mir früher nie in meinen Sinn gekommen wäre“, fällt der Minister ein. „Hätte das ein anderer gesagt — ich hätte nicht geglaubt oder nur gedacht: ich, in meiner Position — ? Ach nein! Wie kommt es denn, daß man dein Lehrsystem erkennen kann? Ganz ohne Glauben war ich nicht; doch wann hatte ich die Zeit, über solche Offenbarung nachzudenken? Mir ist, als wäre ich ein völlig neuer Mensch geworden.“
Die Piloten nicken, während Bertram murmelt: „Kunststück, er ist Prophet, ein lebensnaher, der innen und auch außen hilft.“ Wanger lächelt wieder fein, aus der Tiefe seines Geistes kommend, ihm oft unbewußt. Die Freude über jeden, der sich wenden läßt, macht ihn so freundlich. Nun nickt auch er und sagt:
„Lieber Pedro, wer mit seinem Geist Kontakt gefunden hat, der kann anders wirken als jemand, dem die Verbindung zu dem Transzendenten fehlt, weil geleugnet, daß ein Jenseits existiert, die Übergänge aus dem Leibestode der Materie, das sofortige Weiterleben — ohne weltkörperlichen Leib.
Wer das von sich weist und auch nach tausenden von Jahren auf den jüngsten Tag vertraut, der irgend einmal kommen wird, wo dann der längst verweste Leib aus einem längst verwehten Grab erstehen muß, ein solcher kann kein echter Lehrer sein. Er betet die Materie an, das Vergängliche der Welt. Was ich sagen darf, ist nicht mein Verdienst. Alles Gute gibt allein der HERR! Durch wen — ? ist das nicht ganz nebensächlich — ?
Nun zum Glauben, was nicht dich allein betrifft. Es war an sich kein Glaube; du leugnetest bloß nicht, daß es einen Schöpfer gibt. Und in deiner Position? Die Großen dieser Welt sind an ihr Prestige geheftet, sie vergeben sich ja was, wenn sie an das ‚Märchen Gott und Schöpfer‘ glauben. Zudem bilden sie sich ein, sie könnten eine Welt, mindestens ein Volk regieren und hätten ihre Gaben selbst errungen, die sie zum Regime ermächtigten.
Natürlich läßt sich mancherlei erringen, durch Schule und durch Fleiß. Das gilt sogar vor Gott! ER hat ja die Möglichkeit dazu gegeben. Du hast dich oft gefragt: Wo kommt auf einmal der Gedanke her, wenn du bei Gesetzentwürfen grübeltest, und dann eben wie ein Blitz dir die Erkenntnis kam: So muß es heißen, so ist‘s gut! Hast du geglaubt, daß das deinem Hirn entsprungen ist, daß nichts anderes dahinter stand?“
„Früher ja“, bekennt Cruzziano. „Heute — ? Du hast mich tief in Gottes Licht hineingeführt, obgleich noch vieles oder alles fehlt. Nicht abgewehrt“, sagt er hastig, als Wanger wieder mal die Hände hebt. „Es ist meine Überzeugung und es ist mein Glaube, den mir sicherlich GOTT eingegeben hat. Doch zu deiner Frage: zwar gestalten sich in unserem Gehirn die Gedankenkraft zu Wort und Bild; ist der Ursprung aber auch darin?
Das Gehirn, die Fleischesmasse, kann nicht selber denken, wie — lache mich nicht aus, du großer Arzt, wie meine Nieren auch nicht denken können. Die tun bloß manchmal weh. Also muß der Ursprung der Gedanken seinen Sitz woanders haben. Ich möchte nach der jetzigen Erkenntnis ‚Seele‘ dazu sagen; doch da hakt‘s bei mir schon wieder aus, weil du das Schwergewicht auf unsern Geist verlegst. Ja ja, der Herr Minister“, glossiert er sich mal wieder selbst, „nun steht er ebenso verlassen da wie einst vor euerm Pluto.“ Man lacht herzlich und Bertram umarmt ihn stolz. Der Arzt erklärt:
„So sehr beschwerlich ist die Sache nicht. Die Gedankenkraft, das Primäre unseres Denkens, liegt nicht im Haupt, sie wird durch den ‚Impuls des Lebens‘ hochgetrieben und haben wir das Beispiel, das Roberto uns zu denken gab: das HINAUF! Es ist eine Schau, daß eben alles, was im Begriff des Lebens liegt, immer ein Hinauf, ein ‚nach oben‘ kennt und hat. Allein — wo kommt der Ursprung unseres Denkens her? Deine Frage, Pedro, war ganz angebracht.
Hast mit Seele gut getippt und ich mit unserem Geist. Wir haben beide recht. Ziehe wieder nicht die Brauen hoch; es kommt darauf an, was für Gedanken sich entwickeln sollen, was das Bewußtsein zu erringen sucht. In der Seele hat das Materielle seinen Sitz. Ist es dahingehend gut, um den Menschen, einem Volk zu dienen, so schenkt der Geist die Kraftessenz hinzu.
Sucht man für sich selber einen Vorteil, für den anderen jedoch den Schaden, dann sitzt der Ursprung nur im materiellen Seelenteil. Da schweigt der Geist, aber nicht, weil er muß. Nein! Hier wird der Geist von GOTT zurückgehalten, weil ER es sieht, was dem Gedankengang entspringt. GOTT stellt das Gatter für den Menschen auf:
‚Bis hierher und nicht weiter!‘ Mag es weltlich lange währen, wird manch einer mit dem ganzen Tun und Denken in sein Grab gelegt — Gottes ‚Menetekel‘ bleibt bestehen und erhebt sich einmal plötzlich vor der Seele zum Erschrecken.
Lichtgeprägtes Denken und anderen zu helfen, kommt immer aus dem Geist, Er leitet es dann über seinen guten Seelenteil; und die Verdichtung zu Gedanken, aus denen Wort und Tat geboren wird, steigt in unser Hirn hinauf.
Eine herrliche Verbindung zu dem gnadenvollen Wissen: Gott wohnt über uns, von IHM herab kommt jede gute Gabe! So auch soll von uns das Bessere von oben kommen, aus dem Haupt. Ihr fragt verwundert, dann stünden Geist und Seele tiefer, wenn von diesen beiden erst die Denksubstanz nach oben steigt. An sich ganz recht; aber höret noch ein weiteres Geheimnis an.
Wo entspringt bei Gott die Kraft, wenn vielleicht, da wir nach Seinem Ebenbild geschaffen sind, bei Ihm der gleiche Vorgang gilt? Oh, der gilt genau, bloß auf einer wunderbaren Bahn, von der wir Menschen nur ein Weniges verstehen können. Doch das genügt — wer will — ‚ um die hohen Seligkeiten zu erfassen, die uns aus diesem kleinen Wissen werden. Nämlich so:
Was der Schöpfer denkt und tut, entnimmt Er Seinem heiligen Born der Mitternacht, der ‚Seine Stätte‘ ist! Dahin gibt es keinen Weg, für kein Kindgeschöpf! Allein — aus dieser lichtgehüteten Stätte hebt GOTT, UR, die Lebensdinge für Sein Kindervolk heraus. Er holt es also aus der eigenen Tiefe hinauf zu eigener Persönlichkeit. Und von oben, wie erläutert, kommt der Reichtum Seines Segens auf die Werke, auf Sein Kindervolk herab.
Genauso ist es — im Vergleich zwar klein — bei uns. Geist und Seele haben ihren Sitz im Herzen, das als Gewissen der Regulator unserer Gedanken ist. Es pocht bang und schnell, wenn wir Unrecht tun oder in Gefahren stehen. Als nur Blutgefäß kann es niemals dabei anders schlagen. Bloß bei leiblicher Erkrankung ist‘s das Blutgefäß, das aus dem Rhythmus kommen kann.
Wie Gott aus Seiner Schöpfertiefe alle Lebensdinge hebt, die Werk um Werk durchpulsen, so steigen unsre Kräfte aus der Tiefe unseres Herzens auf, aus dem Fluid des Geistes und der Seele. Und wie bei Gott, dem UR, die Segensherrlichkeit nach oben steigt, um von oben auszustrahlen, also bei uns die Gedanken, die unsere Worte, unsere Werke, die Hände und die Füße lenken. Nichts ist bei uns, was nicht im freilich heiligsten Symbol bei Gott, dem UR, sich offenbart. Bei Ihm stets zuerst! Dafür wollen wir Ihm ewig dankbar sein.“ Wanger schaltet wieder eine Pause ein.
So viel war aufzunehmen, es muß Zeit gegeben werden, um all das Geistige zum Eigentum zu machen. Auch steigt die Nacht aus URs Unendlichkeit hernieder. Morgen ist ein Abschiedstag, die Ruhe ist vonnöten. Wangers Diener, ein braver brauner Bursch, bringt mit der Köchin noch ein Mahl und einen Wein, aus einheimischen Früchten hergestellt. Er schmeckt gut. Jeder zögert mit dem Aufbruch, jeder möchte noch ein Weilchen bleiben.
„Wie rasch enteilt die Zeit“, sagt Wanger. „Geht schlafen, früh um fünf Uhr geht es fort. Ihr müßt das erste Ziel erreichen, bevor die Sonne euch zu schaffen macht. Ist alles vorbereitet?“ wendet er sich an den Hüter Carol. „Alles in der Ordnung, vorgefüttert und um drei Uhr machen wir die Tiere fertig.“ „Ist gut!“ Jeeps mit dem Gepäck stehn auch bereit.
Cruzziano kehrt noch einmal um. Ihm fällt‘s am schwersten, die Friedensstätte zu verlassen. Wanger entnimmt einem Kästchen einen kleinen Klumpen und drückt ihn Pedro in die Hand. „Ist das etwa Gold?“ fragt er erstaunt. Jener nickt bejahend. „Bertram fand das Klümpchen, sagte aber gleich sehr ernst: ‘,Nicht gut, Doktor, wirf es weg!‘ Ich beruhigte ihn und hob es auf. Niemand weiß, daß hier Gold zu schürfen wäre.
Schau, Pedro, es kann eine kleine Ader sein; doch selbst diese würde unsere Insula zerstören. Der Mensch ist immer Mensch! Meine Braunen, angesteckt von weißen Wühlern, würden das verlieren, was ich ihnen geben durfte. Sind nicht des Lichtes Werte ums unendliche herrlicher als der ‚Rausch des Goldes‘, der vom Seelenleben nichts mehr übrig läßt? Laß es niemand wissen. Dir, teurer Freund, sei das Gold als Zeichen übergeben, daß dich GOTT das echte Gold des Geistes finden ließ.“
„Willmut!“ Ein dunkler Schrei entfährt dem Munde des Ministers. „Was bist du für ein Mensch! Du hast recht; und nicht mal Juliane soll es wissen.“ „Doch, ihr kannst du es zu Hause sagen. Sie fand mit dir des Lichtes Gold, versteht zu schweigen, wenn es um etwas Gutes geht. Sie ist unter Gottes Töchtern auch ein Edelstein. Bei ihr ist weniger abzuschleifen als bei Alfons und bei Juanita; doch auch diese lieben Menschen werden echt. Nun marsch ins Bett, mein Lieber“, sagt Wanger hastig, weil ihm ein Kloß im Halse steckt. Noch ein Händedruck, ein tiefes Schauen Aug in Aug, — und die Tür fällt leis ins Schloß.
Wie verloren steht der Arzt in seinem Raum. Oh, er weiß: Gottes Vaterhand gibt das Kommen und das Bleiben wie das Gehen, bis man nach dem herrlichen ‚Zuhause‘ kommt. Da ist es ihm, wie schon oft geschehen, als ob sich eine Hand auf seine Schulter legt, und wie ein Säuseln hört sich‘s an: ‚Sei getrost, du siehst die Freunde wieder. Deine Arbeit hat der Herr gesegnet.‘ Da sucht er, demütig dankend, auch sein Lager auf.
In der Frühe sammelt sich das ganze Dorf. Auf Marschall und auf Mary, wunderbar geschmückt, sind für je zwei Personen primitive aber sehr bequeme Sessel angebracht. Die Jeeps sind vorgefahren, in einem das Gepäck und zwei, im anderen vier Neger als Geleit. Der Urwald ist nun einmal keine Autostraße. Fast stumm geht der Abschied vor sich. Viele Neger weinen. Cruzzianos besteigen Mary, Roberto und Marita dürfen bis zum Konsulat des Landes mit. Hinter Marschalls Haupt sitzt der Elefantenführer.
Carol leitet Mary, hinter sich den Copiloten. Mary trompetet ein mal laut, erschütternd, als blase sie ein ‚Lebet wohl‘. Pluto gibt vom Kral die Antwort. Alle Negermänner laufen eine große Strecke hinterdrein. Bis des Waldes Dickicht jede Sicht verschließt, winkt Wanger mit der Hand, auch die Frauen und die Kinder. Fallango wedelt mit dem weißen Taschentuch. Danach geht er mit dem Doktor in das Hospital und sagt:
„Ich danke Ihnen sehr, verehrter Herr von Wanger, daß ich noch bleiben darf. Nie werde ich vergessen, was Sie uns lehrten; auch bitte ich, mir bei Zweifeln weiterhin zu helfen. Wissen Sie“, der Pilot ist verlegen, „ich habe doch so gut wie nichts von Gott gewußt, vom — hm — vom wahren Leben.“
Wanger drückt dem Manne beide Hände. Hoch schwillt seine Freude an und sein Dank. Immer dankt er, wenn ein Mensch zur Einsicht kommt. „Wir haben noch genügend Zeit, lieber Freund; Marita darf noch einen Monat bleiben und dann bringen Sie ‚Ihr Maiglöckchen‘ wohlbehalten heim.“
„Was meinen Sie damit, Herr von Wanger?“ Fallango wird puterrot. Jener lächelt. „Unser Bertram ist ein guter Seher, er hatte mir ins Ohr geflüstert: ‚Das wird sehr gut!“ „Da müßte ich der Fliegerei entsagen.“ Ein wenig traurig macht das schon, doch für diesen hohen Preis — ? Einen echten Preis erlangt man nur durch Opfer, und wahre Liebe opfert gern. Also — —
„Ich wüßte etwas, Herr Fallango, was Ihnen und Marita dienlich wäre.“ „Was Sie raten, Herr von Wanger — ich habe es erkannt — ist immer gut, und ich bewundere Sie, verehre Sie. Auf jederlei Gebiet wissen Sie sich gleich zu helfen. Ich befolge schon im vorhinein mit Freuden Ihren Rat.“
„Fein! Sie brauchen Ihre Fliegerei nicht aufzugeben. Roberto hat ja einen Aeroplan, er durfte diesen nur nicht selber steuern. Für Herrn Beocana wird ein Flugzeug baldigst unentbehrlich werden. Das können Sie dann führen. Weiter: Lernen Sie im Lazarett; im Werk des Schwiegervaters werden Sie es nötig brauchen. Marita will ein Werk-Krankenhaus errichten, was ihrem Papa zwar erst eine Nuß zu knacken gibt. Doch sie setzt ihr Köpfchen durch — zum Allerbesten, soweit es menschlich möglich ist.“
„Ich hab‘ noch nie in einem Krankenhaus zu tun gehabt, aber nun — probieren wir es halt. Operieren brauche ich ja nicht“, lacht der Pilot. „Nein; doch die Klinik leiten käme in Betracht. Ärzte, sobald man sie benötigt, besorge ich. Habe allerlei Verbindungen. Und so lernen Sie erst mal den Umgang mit den Kranken. Meine Braunen sind geduldig, da wird es Ihnen leicht. Also morgen Dienst bei mir. Ich muß jetzt zur Visite; Sie können mich begleiten, wenn Sie wollen.“
„Kann ich einen weißen Kittel haben? Der sieht dann wenigstens nach etwas aus.“ Wanger schmunzelt. „Schwester Kathi gibt Ihnen so ein Ding.“ Der Arzt muß eilen, am Vormittag steht ein Eingriff auf dem Plan. Fallango, stolz wie ein Spanier, wedelt mit dem weißen Mantel auf und ab und neckt die schwarzen Schwestern. Die drohen mit den Fingern und eilen auch. So gehn die Tage hin, bis Carol und die andern wiederkommen.
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