Lexikonübersicht · Quellen und Abkürzungen
“Und es wurden dem Weibe zwei Flügel des großen Adlers gegeben” bedeutet die geistige Einsicht und Umsicht, die vom Herrn denen gegeben wird, die Seiner Kirche angehören. Dies erhellt aus der Bedeutung des Weibes, insofern es die Kirche bezeichnet, die das neue Jerusalem genannt wird; somit also auch die Menschen dieser Kirche. Aus der Bedeutung der Flügel, insofern sie das Geistige bezeichnen; und aus der Bedeutung des Adlers, insofern er die Einsicht und Umsicht bedeutet. Hieraus folgt, daß die Worte: dem Weibe wurden zwei Flügel des großen Adlers gegeben, die geistige Einsicht und Umsicht bedeuten, die vom Herrn denen gegeben wird, die dieser Kirche angehören. Was unter diesen Gaben zu verstehen ist, soll gleichfalls gesagt werden: Weil alle, die unter dem Drachen und seinen Engeln verstanden werden, natürlich, ja sogar sinnlich sind, und daher nach Scheinbarkeiten, die meistens auf Sinnestäuschungen beruhen, vernünfteln, und dadurch die Einfältigen verführen, deshalb wurde den Angehörigen der neuen Kirche, die das heilige Jerusalem heißt, gegeben, die göttlichen Wahrheiten, die im Wort enthalten sind, nicht in sinnlicher Weise, d.h. nach Scheinbarkeiten, sondern in geistiger Weise, d.h. ihrem Wesen nach zu schauen. Deshalb wurde der innere Sinn des Wortes aufgedeckt, der geistig ist, und nur für diejenigen, die dieser Kirche angehören werden. Vermöge dieses Sinnes erscheint das göttlich Wahre so, wie es in seinem geistigen Licht ist, und vermöge dieses Lichtes so, wie das göttlich Wahre in seinem natürlichen Licht ist. Das göttlich Wahre ist das Wort, und die, welche dieser Kirche angehören, werden erleuchtet aus dem geistigen Licht des Wortes vom Herrn durch den Einfluß aus dem Himmel, und zwar deshalb, weil sie den Herrn in Seiner göttlichen Menschheit anerkennen, und durch Ihn selbst in der geistigen Neigung (Liebe) zur Wahrheit sind. Von solchen, und nicht von anderen, wird das geistige Licht aufgenommen, das fortwährend vom Herrn durch den Himmel einfließt bei allen, die das Wort lesen; daher kommt ihre Erleuchtung. In welcher Weise die Erleuchtung zustande kommt, soll auch gesagt werden: Ein jeder Mensch ist in Ansehung seiner Gedanken und Neigungen in der geistigen Welt, somit in betreff seines Geistes; denn der Geist des Menschen ist es, der denkt und Neigungen fühlt. Ein Mensch, der durch die Wiedergeburt geistig geworden ist, befindet sich in Ansehung seines Geistes in einer himmlischen Gesellschaft, der natürliche Mensch dagegen, der nicht wiedergeboren ist, befindet sich in Ansehung seines Geistes in einer höllischen Gesellschaft; bei diesem fließt fortwährend Böses aus der Hölle ein und wird auch mit Freuden aufgenommen; bei jenem aber fließt fortwährend Gutes aus dem Himmel ein, und wird auch aufgenommen; und weil das Gute in seine Neigungen und durch die Neigungen in das Denken einfließt, so bekommt er dadurch eine Erleuchtung. Diese Erleuchtung ist es, die unter der geistigen Einsicht und Umsicht zu verstehen ist, die durch die Flügel des Adlers bezeichnet wird, die dem Weibe gegeben wurden um in die Wüste zu fliegen. Jene, nämlich die Geistigen, sind auch vergleichsweise wie die hochfliegenden Adler; diejenigen aber, die nur natürlich
sind, lassen sich mit Schlangen vergleichen, die auf dem Boden kriechen und die Adler hoch über sich sehen. Deshalb wird auch in dem gleich folgenden Vers der Drache eine Schlange genannt. Außerdem wird durch die Flügel des Adlers, die dem Weibe gegeben wurden, das Verständnis des Wahren bezeichnet; denn alle, die jener (neuen) Kirche angehören, haben einen erleuchteten Verstand, vermöge dessen sie das Wahre im Licht des Wahren sehen können, d.h., sie erkennen, ob etwas wahr oder nicht wahr ist, und weil sie das Wahre in solcher Weise sehen, so erkennen sie es an und nehmen es auf mit der Neigung ihres Willens. Dadurch bilden sich bei ihnen die geistigen Wahrheiten, folglich wird das geistige Gemüt, das oberhalb des natürlichen Gemütes ist, bei ihnen eröffnet, und wenn es eröffnet ist, so empfängt es ein engelartiges Sehen, nämlich ein Sehen des Wahren selbst aus seinem Licht. Diejenigen dagegen, die nicht zu dieser Kirche gehören, nämlich die, welche das Göttliche im Menschlichen des Herrn nicht anerkennen, und das Wahre nicht lieben, weil es wahr ist, somit nicht geistig lieben, diese können keinen erleuchteten Verstand haben, vermöge dessen sie sehen ob etwas wahr oder nicht wahr ist, sondern sie sehen nur scheinbar Wahres als echte Wahrheiten an und begründen sie als solche aus dem buchstäblichen Sinn des Wortes. Wenn sie aber so als echte Wahrheiten begründet werden, so werden sie verfälscht, und das verfälschte Wahre ist Falsches. Weil solche nicht im Stande sind, das Wahre im Licht des Wahren zu sehen, und dadurch mit dem Verstand aufzufassen, so befinden sie sich in einem dunklen, oder vielmehr in einem blinden Glauben über die Gegenstände des Glaubens, und ein blinder Glaube ist wie ein Auge, das wenig oder nichts sieht; ja, ein blinder Glaube ist gar kein Glaube, sondern nur eine Beredung, und weil diese Beredung von einem anderen stammt, sei es von einem Lehrer oder von einem Prediger, oder aus dem nicht verstandenen Wort, so ist er nur ein historischer Glaube (ein Für-wahr-Halten), der natürlich und nicht geistig ist. Weil solche die Wahrheiten nicht sehen, so sagen sie und verlangen auch, daß man die Lehren der Kirche nicht mit Verstand auffasse und prüfe, sondern aus Gehorsam des Glaubens, wie sie sagen, aufnehmen müsse; was man aber aus blindem Glaubensgehorsam aufnimmt, das wird nicht erkannt, ob es wahr oder falsch sei, und der Glaube an solche Dinge kann den Weg zum Himmel nicht öffnen, denn im Himmel wird nur das als Wahrheit anerkannt, was man sieht, d.h. versteht. Auch ist das Licht des Himmels so beschaffen, daß durch dasselbe die Wahrheiten vor dem Verstand des Gemüts so erscheinen, wie die Gegenstände in der Welt vor dem Blick des Auges erscheinen; deshalb sehen die, welche in der Welt die Wahrheiten nur mit dem Auge eines blinden Glaubens geschaut haben, gar nichts, wenn sie in den Himmel zu den Engeln gebracht werden, nicht einmal die Engel, und noch weniger ihre Herrlichkeit, und sie sind auch dann in Ansehung ihres Verstandes stumpfsinnig und in Ansehung ihrer Augen schwachsichtig, und weichen daher aus dem Himmel zurück. Man wisse aber, daß alle so beschaffen sind, welche die Liebtätigkeit vom Glauben getrennt haben. Diejenigen aber, die sie nicht getrennt haben, sondern ein Leben des Glaubens führten, das man tätige Liebe nennt, haben alle das Verlangen, die Wahrheiten
zu erkennen, und deshalb wird ihnen, wenn sie in die geistige Welt kommen, was nach ihrem Abscheiden geschieht, gegeben, dieselben zu sehen. Der Grund hiervon ist, weil bei diesen das geistige Gemüt geöffnet ist, und sie daher im Licht des Himmels sind, in das sie nach ihrem Hingang aus der natürlichen Welt tatsächlich versetzt werden. Hieraus kann man erkennen, was durch die Flügel des Adlers bezeichnet wird, nämlich das Verständnis des Wahren, und weil unter dem Weib das neue Jerusalem verstanden wird, so wird auch bezeichnet, daß das Verständnis des Wahren denen gegeben wurde und gegeben wird, die dieser Kirche angehören werden. <EKO 759>
Textgrundlage: die bereitgestellte Lexikonausgabe von Franz Kreuzwegerer. Originalquelle als PDF · Seite 28 →
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