Der vollkommene Gegensatz zum Menschensohne Jesus war der Mensch Judas, der sich der Gesellschaft des Herrn angeschlossen hatte, weil er hoffte, der mit überirdischen Kräften begabte galiläische "Prophet" werde bald ein mächtiges irdisches Reich gründen und dann auch ihn, Judas, als seinen Anhänger und eifrigen Gehilfen zu einem großen Würdenträger machen. Auch gedachte Judas vom Herrn die geheimen Wissenschaften und Künste der Magie zu erlernen, um sich dadurch irdische Reichtümer und Schätze zu erwerben. Während also auf Seite des Herrn Jesus die reinste Gottes- und Nächstenliebe in der tiefsten Demut der Grund des göttlichen heilbringenden Handelns war, bewegten den Judas die argen Triebe der Selbstliebe, des Hochmuts und der Habsucht. Und während den Herrn Sein Denken, Wollen und Handeln immer inniger mit dem göttlichen Urgeiste verband, machte den Judas sein Sinnen und Streben zu einer Beute des Satans und der Hölle.
Über Leben und Wesen des Judas spricht DER HERR im "Großen Evangelium Johannes":
"An dem Jünger Judas Ischariot habt ihr ein sprechendes Beispiel falscher Erziehung. — Judas war der einzige Sohn seines sehr vermögenden Vaters und seiner bis zum Sterben in ihn verliebten Närrin von Mutter. Die Folge war, daß die beiden Eltern ihren Sohn affenartig verzärtelten und ihm alles angehen ließen und auch alles gaben, wonach es den Jungen nur immer gelüstete. Und die weitere Folge davon war, daß der Junge, als er kräftig geworden, die Alten zum Hause hinaustrieb und sich selbst mit feilen Dirnen belustigte. Es brauchte keine lange Zeit, so hatte der Junge das Vermögen der Alten auch schon derart geschmälert, daß beide den Bettelstab ergreifen mußten und bald darauf aus Gram und Kummer starben.
Der Junge, nun ebenfalls verarmt, ging etwas in sich und fing am Ende an, sich selbst zu fragen: ‚Warum bin ich denn so und nicht anders geworden? Geboren habe ich mich nicht, gezeugt noch viel weniger; erziehen habe ich mich doch auch nicht selbst können — und doch ruft ein jeder Mensch mir ins Gesicht, daß ich ein elender Schurke und Bösewicht sei, der durch seine liederlichen und bösen Streiche seine Eltern um all ihr schwererworbenes Vermögen an den Bettelstab und am Ende gar so frühzeitig ins Grab gebracht habe! Was kann denn ich dafür? Es mag von mir alles das recht schlecht gewesen sein; kann ich aber darum, wenn mich die Alten zu nichts Besserem erzogen haben?! — Aber was tue ich nun? Arm, ohne Geld, ohne Haus, ohne Dienst, ohne Brot! Stehlen und Rauben wäre das Leichteste, und man käme zuerst zu einem guten Ziel. Aber als ein ungeschickter Dieb erwischt und dann blutig gezüchtigt zu werden, schmeckt durchaus nicht süß! Mit dem Rauben sieht es noch schlimmer aus! — Ich weiß aber nun, was ich tun werde! Ich erlerne irgendeine Kunst und wäre es die alte, dumme Töpferei, die meinen Vater reich gemacht hat!‘
Judas ging in Kapernaum zu einem Töpfer in die Lehre und erlernte mit vielem Fleiß dessen Kunst in kurzer Zeit. Der alte Töpfer aber hatte eine Tochter, die bald darauf des Kunstjüngers Weib ward. Aber so flott unser Judas früher war, so hart und geizig war er nun als ein Töpfermeister. Sein Weib verkostete oftmals seine Härte. Er machte gute Ware und fing an, alle Märkte zu besuchen, ließ aber daheim seine Leute darben und bis zum blutigen Schweiß arbeiten. Kam er von einem Markt nach Hause mit vielem Geld, so bedachte er die fleißigsten Arbeiter wohl mit etwas wenigem; kam er aber mit weniger Beute nach Hause, so gab es dann harte Dinge in seinem kargen Hause.
Um sich neben seiner Töpferei noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, pachtete er auch eine Fischerei und fing an, sich auf die Magie zu verlegen, weil er in Jerusalem zu öfteren Malen gesehen hatte, wie sehr viel Geldes sich da so manche ägyptische oder persische Magier erwarben. Er brachte aber nichts Ordentliches zustande, trotzdem er viel Geld dafür ausgab. Schließlich nahm er darin auch Unterricht bei einigen auswärtigen Essäern, die ihm vorgemacht hatten, als könnten sie, wenn es sein müßte, schon gleich auch eine Welt erschaffen mit allem, was sie faßt und trägt. Aber er überzeugte sich bald, daß er der Betrogene war, und zeigte seinen feinen Meistern den Rücken.
In diesem Jahre nun vernahm er, was Ich alles tue und wie das in einem höchsten Grade alles übertreffe, was man auf dieser Erde bisher ‚Wunderwirken‘ nannte. Das war denn auch der eigentliche Grund, warum er sich an Mich anschloß, daheim alles verließ, um nur von Mir das Wunderwirken zu erlernen und danach viel Goldes und Silbers zu verdienen. An Meiner Lehre liegt ihm wenig. Wenn er aufmerkt auf Meinen Mund, so möchte er eigentlich nur eine Erklärung vernehmen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln Ich das eine oder andere Wunderwerk zustande gebracht habe. Davon kann er nun aber als für ihn brauchbar nie etwas vernehmen und ist daher stets mürrisch.
Schließlich wird er für diese Welt bei Mir eine ganz entsetzlich schlechte Rechnung finden. Eine verräterische Handlung und darauf die finsterste Verzweiflung wird aus ihm einen Selbstmörder machen, und ein Strick und ein Weidenbaum werden sein trauriges Weltende sein! Denn er ist einer, der Gott versuchen will, was ein großer Frevel ist."
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