DER HERR: Der Zug ging nun über den Kidron durch dasselbe Tor hindurch, durch welches Mein Einzug geschehen war. Die Tempelwachen führten Mich zunächst zu Hannas, welcher des Hohenpriesters Kaiphas Schwager war. Hannas aber war darum der erste, zu dem Ich gebracht wurde, weil er Stellvertreter des Kaiphas war und in dieser Angelegenheit sich stets sehr regsam verhalten hatte.
Die Art, wie Hannas Mich empfing, und auch des Petrus Fall, ist im Evangelium des Johannes geschildert und dort nachzulesen.
Hannas sandte Mich gebunden zu Kaiphas.
Judas, welcher nun einsah, daß alles wohl anders abzulaufen schien, als er gemeint hatte, sah, wie Ich fortgeführt wurde, und folgte bestürzt und voller Furcht über das Gelingen seiner Absicht. Er wollte auch mit Mir zum Hohenpriester eindringen, jedoch wurde ihm der Eintritt verwehrt.
Bei Kaiphas war der ganze Hohe Rat versammelt, der auf Mein Erscheinen schon längst ungeduldig und rachebrütend wartete. Dort wurde nun in aller Form die Anklage gegen Mich erhoben. Und Zeugen traten wider Mich auf, die da bezeugen sollten, Ich sei ein Hochverräter. Hierzu wurde namentlich der Einzug benutzt sowie, daß Ich es gewagt hätte, das Heiligtum zu betreten und Mir dadurch priesterliche Macht angemaßt hätte, die Ich nicht besäße. Sodann wurde behauptet, daß Ich das Volk gegen den römischen Kaiser aufbringen wolle, um Mich Selbst zum Könige zu machen. Als es jedoch dazu kam, Zeugen hierfür aufzustellen, welche diese Absicht durch Meine Worte beeiden könnten, fanden sich keine. Schließlich traten Zeugen auf, welche angaben, Ich habe gesagt: "Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will Ich ihn wieder aufbauen!"
Kaiphas sagte nun, dies sei eine Schmähung gegen den Tempel (gegen Gott) selbst. Denn um dies zu vollbringen, gehöre göttliche Gewalt, die nur allein dem Gesalbten des Herrn, der da einmal in großer Kraft kommen werde, eigen sein könne. Ich aber habe gesagt, Ich sei Christus, der Gesalbte, und so beschwor Er Mich, zu sagen, ob Ich wirklich sei Christus, der Sohn Gottes.
Darauf antwortete ICH: "Du sagst es! — Doch sage Ich euch: Von nun an wird es geschehen, daß des Menschen Sohn wird sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels."
Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: "Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen?! Ihr habt seine Gotteslästerung gehört!"
Natürlich stimmten alsbald alle zu. Denn im Rate waren nur die versammelt, von denen Kaiphas wußte, daß sie ihm ergeben und willfährig waren. Die da aber Mir irgendwie freundlich gesinnt waren, denen war die Absicht, Mich zu fangen, verheimlicht worden. So war denn auch das Todesurteil schnell fertig. Und es handelte sich nur darum, die Genehmigung des Pontius Pilatus zu erlangen.
In der Frühe wurde Ich dahin gebracht, und es wurde dem Landpfleger die Sache vorgetragen: Ich sei ein Aufrührer und Gotteslästerer und habe als solcher den Tod verschuldet. Pontius Pilatus, dem Mein Einzug sehr wohl bekannt war und der nichts Aufrührerisches an ihm hatte finden können, suchte Mich zu retten, da er als Römer geneigt war, in Mir eine Art Halbgott von besonderen Kräften zu sehen. Er sprach mit Mir, wie es im Evangelium des Johannes zu lesen ist, und sagte den vor dem Richthause stehenden Templern, daß er keine Schuld an Mir finde.
Darauf trat einer der höheren Priester vor und erklärte ihm nochmals, daß Ich das Land durchzogen und gegen den Tempel und dessen Diener gepredigt habe, die doch die geistliche Hoheit des Landes und die Stellvertreter Gottes seien.
Bei dieser Gelegenheit wurde auch gesagt, daß Ich aus Galiläa sei.
Pilatus, als er diese (letztre) Botschaft hörte, war froh und sah einen Ausweg, sich den ganzen Handel vom Halse zu schaffen. Galiläa stand nämlich unter der Oberhoheit des Herodes, und so konnte auch nur dieser hier ein Urteil sprechen. Pilatus endete also kurz das Verhör und gab Befehl, Mich zu Herodes zu senden, um diesen Recht sprechen zu lassen über einen seiner Untertanen.
Herodes war sehr erfreut, als Ich zu ihm gebracht wurde, da nun sein Wunsch, Mich persönlich zu sehen, erfüllt wurde und er sich nun überzeugen wollte, was an den vielen Gerüchten von Meiner Wunderkraft Wahres sei. Er ließ Mich sogleich vor sich führen und befahl seiner Umgebung, sich zu entfernen.
Wir blieben allein. Er sprach seine Verwunderung aus, daß ein Mann wie Ich, der doch über besondere Kräfte verfüge, sich habe fangen lassen, und wollte wissen, wie das habe geschehen können. Ich antwortete ihm jedoch nicht, so daß er darüber in Verlegenheit geriet und ernstlich verlangte, er wolle Antwort von Mir haben. Mein fortgesetztes Schweigen verstimmte ihn zunehmend, und er geriet schließlich in eine so große Wut darüber, daß er auf Mich zulief und Mir mit der Folter drohte.
Ich aber sah ihn nur ruhig an, und alsogleich erzitterte der alte Sünder ob dieses Blickes so sehr in seinem Herzen, daß er angstvoll nach seiner Umgebung rief. Ich war ihm äußerst unheimlich geworden. Und um seine Furcht zu verbergen, spottete er nun Meiner vor dem Hofgesinde, das selbstredend sogleich mit dem Herrscher in solche Spottreden mit einstimmte.
Herodes sah sich nun in seinen Hoffnungen betrogen, durch Meine übernatürliche Macht für sich etwas ausrichten zu können, und wollte nun wenigstens noch soviel als möglich Nutzen aus der ganzen Sache ziehen. Daher gab er Befehl, Mich zu Pilatus wieder zurückzuführen, indem er mit verbindlichen Worten sagen ließ, daß er der Oberhoheit Roms gern untertan sei und darauf verzichte, über einen seiner Untertanen zu richten, der nach dem Ausspruch des Tempels sich auch gegen die Oberhoheit Roms auflehnen wollte.
Mit einem weißen Kleide angetan, das Mir Herodes als ein Zeichen der Unterwerfung geben ließ, kam Ich nun zu Pilatus zurück, der nicht sonderlich über Meine Rückkunft erbaut war, wohl aber über das Handeln des Herodes, das auch später eine völlige Versöhnung zwischen beiden Machthabern verursachte.
Pilatus war inzwischen von seinem Weibe gewarnt worden, welches im Traume gesehen hatte, wie die Guten und Bösen vom Sohne geschieden wurden, und er trachtete danach, Mich loszulassen. Er verfiel daher auf den Gedanken, dem Volke vorzuschlagen, Mich freizugeben, da es zur Osterzeit Sitte war, irgendeinen Verbrecher zu entlassen, für den das Volk sprach. Die Priester und Templer hatten je doch ihren ganzen Anhang aufgeboten, der nun vor dem Richthause stand und niemand von dem übrigen Volk hinzuließ, so daß die eingeschüchterte, Mir anhängliche Volksmenge nicht in nächster Nähe stand, sondern nur diese Tempelsippe, die ihren Zweck, Mich zu beseitigen, mit aller Macht zu erreichen suchte.
Da Barabbas bei dem Tempel gut angeschrieben war, so wurde auf die Frage des Landpflegers, welchen Gefangenen er losgeben solle, sogleich verabredetermaßen "Barabbas!" gerufen und Mich zu kreuzigen verlangt, wobei immer betont wurde, Ich sei ein Aufrührer und gegen den Kaiser.
Pilatus wußte sich nicht mehr zu helfen, da wohl Beschuldigungen genug gegen Mich vorgebracht worden waren, er aber die Schuldfrage bei sich nicht bejahen konnte. Er glaubte nun, durch eine Geißelung allein genug Strafe über Mich zu verhängen und verlas diese auch. Und so wurde Ich denn gegeißelt.
Nach dieser Strafe führten die Knechte Mich in erbarmungswürdigstem Zustande, im Purpurmantel und mit Dornen gekrönt, heraus, da Pilatus hoffte, dieser Anblick werde die Juden zum Mitleid bringen, so daß er Mich frei lassen könne.
Doch der Juden Herzen waren härter als Stein, und wieder schrieen sie: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!"
Pilatus wiederholte: er finde keine Schuld an Mir, die den Tod verdiene, und Ich sei nun genug gestraft.
Da schrieen die vordersten und erbittertsten pharisäischen Priester: "Er muß sterben, denn er hat Gott gelästert! Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht! Und nach unserem Gesetz ist der des Todes, der Gott lästert!"
Da erschrak Pilatus noch mehr, als er das hörte, denn seine römische Ansicht, Ich könne ein Halbgott sein, fand hier neue Nahrung. Darum ging er wiederum in das Haus, in das Mich die Knechte ebenfalls zurückgeführt hatten, und fragte Mich, von wannen Ich sei, das heißt, welcher Herkunft und welchen Landes, da er Mir glauben wolle, nicht Meinen Anklägern.
Ich jedoch antwortete ihm nicht, wie Johannes angegeben, und auch die weiteren Ereignisse spielten sich nach dieser Schilderung ab.
Pilatus, welcher nun eingeschüchtert war — denn er kannte den Tempel und wußte, daß dieser zu allem fähig war, wenn es galt, etwas durchzusetzen — wollte der Sache daher ein Ende machen und bestieg den Richtstuhl — eine Zeremonie, die bei den Römern Sitte war, wenn es galt, ein unumstößliches Urteil zu fällen. Er stellte Mich nochmals dem Volke vor und fragte, wen er freilassen solle.
Der Anhang schrie wiederum: "Barabbas!"
Es wurde daher nun nach diesem Gefangenen gesandt, um ihm die Freiheit zu geben. Sodann wies Pilatus auf Mich und sagte: "Sehet hier, euern König! — Was soll geschehen mit ihm?"
Da schrie wiederum der Haufe: "Kreuzige ihn!" — Pilatus entgegnete spöttisch: "Soll ich euern König kreuzigen?"
Darauf trat einer der Hohenpriester vor und sagte sehr nachdrucksvoll: "Wir haben keinen König als den Kaiser! Dieser aber ist gegen den Kaiser und hat sich selbst zum Könige gemacht. Auf ihn kommt die Schuld!"
Da sagte Pilatus sehr ernst: "Und wenn nun dennoch unschuldig Blut vergossen wird?"
"So komme sein Blut über uns und unsere Kinder!" rief laut der Hohepriester. Und der Anhang fiel lärmend in diesen Ausruf ein, ihn oft wiederholend.
Da sah Pilatus, daß er Mir nicht helfen könne, ohne sich selbst schwere Ungelegenheiten zu bereiten. Auch fürchtete er, das römische Ansehen könne darunter leiden, wenn er zu viel Schwäche zeige. Um aber ein äußeres Zeichen zu geben, daß er sich frei von der Verantwortung fühle, wusch er sich vor allem Volke die Hände und sprach: "Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten! Denn nach unserem Gesetze hat er nicht gefehlt. Anders mag es sein nach eurem Gesetze, wie ihr saget. — Und so übergebe ich ihn nun eurem Gesetz!"
Darauf überantwortete Er Mich den bereitstehenden Tempelwächtern, die Mich alsbald in Gewahrsam nahmen, zu derselben Zeit, als der Mörder und Straßenräuber Barabbas entlassen und vom Volk mit lauten Zurufen begrüßt wurde.
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