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Der Tempel zu Jesu Zeit

Wie es mit dem Tempel zur Zeit Jesu stand, ersehen wir im "Großen Evangelium Johannes" mehrfach. So wird eine Volksszene geschildert, da der Herr mit Seinen Jüngern und einer Schar Schriftgelehrter und Pharisäer Sich in dem weithin von der Menge umlagerten Hause eines Fischers befand und ein Gichtbrüchiger zur Heilung durch das aufgerissene Dach heruntergelassen wurde. Es kommt zu einem Wortwechsel zwischen einem der Männer, die den Kranken her beischaffen, und den Templern, welche das Dachabtragen rügen als einen Verstoß gegen die Sabbatvorschriften.

Der Führer der Krankenträger erwidert dem rügenden Templer Volkstümlich und derb und fährt fort:

"Moses und die Propheten alle halte ich für rein göttliche Weise! Aber eure Satzungen, von denen dem Moses wie allen anderen Propheten nie etwas geträumt hat, halte ich für übermäßig dumm! Wie dienet ihr Gott?! Mist und Unflat Verbrennt ihr am Gott geweihten Altare, und die fetten Ochsen, Kälber und Hammel verzehret ihr selbst und opfert sie eurem nimmer Voll werdenden Bauche. Das göttlich Reine eurer Lehre habt ihr verworfen. Und wer unter euch es nun wagt, das Reine zu lehren, dem tut ihr, was ihr noch allen euren Propheten getan habt! — Wie lange ist es denn seit den Tagen, als ihr den Zacharias im Tempel ermordet habt? — Zu Bethabara predigte dessen Sohn Johannes die Wahrheit und ermahnte euch Frevler im Heiligtume Gottes zur Buße und zur Rückkehr zu Moses und dessen reiner Lehre. Was tatet ihr mit ihm?! Wo kam er hin?! Er verschwand! Soviel mir bekannt, ist er in der Nacht von argen Schergen abgeholt worden!

Nun ist hier in Nazareth Jesus als ein Prophet von Gott erweckt worden, verrichtet Taten, die nur den allmächtigen Göttern möglich sind — und ihr beobachtet ihn mit Argusaugen! Wehe ihm, so er es wagen sollte, gleich mir wider euch und eure von euch selbst und nicht von Moses geschaffene Lehre ein Wort ergehen zu lassen! Ihr würdet ihn sogleich des höchsten Verbrechens der Gotteslästerung beschuldigen und ihn aus Dankbarkeit, daß er eure Toten erweckte und eure Krüppel gerademachte, steinigen oder gar ans Kreuz binden! Denn eure Sache ist, zu herrschen und dabei im höchsten Wohlleben zu mästen euren Bauch! Wer euch darin schmälern und zurückwenden will zu Moses, der ist euer Feind, und ihr habt Mittel genug, ihn aus dem Wege zu räumen!

Ich bin ein Heide — und doch erkenne ich hier in dem Manne Jesus die reinste Gotteskraft, und das in einer solchen Fülle, wie sie die ganze Erde bisher noch nie erlebt hat! Was erkennet aber ihr an Jesus, der bloß durchs alleinige Wort ohne alle Heilmittel eure Toten erweckt und unsere Krüppel springen macht gleich jungen Hirschen?! Ich frage euch, ihr Blinden: Wer muß der sein, den es nur ein williges Wort kostet, und Sturm und Wind verstummen, die Toten erstehen und die Lahmen beginnen zu gehen und zu springen?!“

Da wandte sich ein Pharisäer an den Herrn und sagte:

"Wie magst du als ein echter Jude schweigen, wenn ein solch elender Heide, dem du Gutes erwiesen hast, sich hier allerfrechst erkühnt, die heilige Lehre unserer Väter gar so schmählich zu beschimpfen?!“

Da entgegnet ihm DER HERR: "Er beschimpfte weder Moses noch die Propheten, sondern nur euch und eure neuen Satzungen! Was soll Ich ihn da zurechtweisen?! Ihr kennet die Schrift und kennet Moses und die Propheten! Fragt euch aber selbst, ob im Tempel auch nur eine Spur von Moses und all den andern Propheten noch anzutreffen ist?! War Ich in diesem Jahre doch Selbst zu Jerusalem und habe zu Meinem großen Ärger gesehen, wie aus dem Bethause Gottes eine Mördergrube gemacht ist!

Die Vorhallen sind voll verkäuflichen Schlachtviehs und auch anderen unreinen Getiers, so daß die Menschen ohne Lebensgefahr gar nicht in den eigentlichen Tempel gelangen können. Im Vortempel wird auf der einen Seite geschlachtet wie in den Schlachtbänken und Fleisch verkauft; auf der andern Seite aber stehen Maklertische und Wechselbuden. Und es ist da ein Lärmen und Schreien, daß nahe kein Mensch sein eigenes Wort zu hören imstande ist. Kommt man dann in den eigentlichen Haupttempel, so kann man sich vor Taubenkrämern und anderen, allerlei Gevögel zum Verkauf ausbietenden Schreiern gar nicht rühren! Und in das Allerheiligste, in das nur der Oberste der Priester einmal im Jahr treten durfte nach der Anordnung Gottes, wird nun gegen Bezahlung sogar ein jeder Heide eingeführt, freilich ganz geheim unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegen die Juden! Aber in Rom kennt man das Allerheiligste ebensogut, wie es der Hohepriester in Jerusalem kennt! Und so enthüllt man gegen Geld den Fremden alle Geheimnisse des Tempels. So aber ein armer Jude es wagt, hinter den Vorhang zu treten, so wird er sogleich als ein Gotteslästerer und Tempelschänder gesteinigt hinter der Tempelmauer auf der verfluchten Stelle. Und es vergeht keine Woche, in der nicht wenigstens einer gesteinigt wird und ein paar das verfluchte Wasser trinken müssen! Kurz, das Bethaus Gottes ist eine barste Mördergrube geworden, und Jehovas Geist weilt nicht mehr in der Gestalt einer Feuersäule über der alten Lade des Bundes!

So ihr aber so gut wie Ich und viele tausend Menschen es wisset, wie nun der Tempel bestellt ist, und wisset aber dagegen auch, was Moses und die Propheten alle gelehrt haben, die vom reinsten und wahrsten Geiste Gottes erfüllt waren — wie ist dann euer Glaube an Gott beschaffen, daß ihr so leichten Kaufes Gottes Wort verwerfet und im frechsten und hochmütigsten Eigendünkel eure eigenen bösen Satzungen als vom Geiste Gottes ausgehend dem armen, blinden Volke verkündet und dasselbe mit allen Schrecknissen des Todes dazu anhaltet, daß es sie beachte und anbete?!

Den toten Buchstaben kennet ihr wohl. Aber darin ist Gott nicht, und so könnet ihr aus der Schrift auch Gott nicht erkennen! Denn die Schrift zeigt euch den Weg zu Gott nur dann, so ihr unabweichbar auf diesem Wege wandelt. Ihr aber wollet nicht Gott erkennen. Und denen, die noch den rechten Weg wandeln möchten, verrammet ihr den Weg mit Tod und Verderben!

Darum werdet ihr aber dereinst im andern Leben auch desto mehr Verdammnis überkommen! Denn alle, die ihr verfolgt habt und nun noch in einem fort verfolget, werden eure ewigen Richter sein!"

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