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„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt!" konnte Jesus mit vollem Recht zu Pilatus sagen. Und Er hatte dies auch schon früher des öfteren Seinen Jüngern und andern, die Ihm nähertraten, erklärt. Denn nicht nur Judas, sondern auch andere, in irdischem Streben befangene Menschen erwarteten oder befürchteten von Ihm die Gründung eines irdischen Reiches nach der Art der weltlich Großen und Mächtigen.

So hatte der Herr schon gleich am Anfang Seiner Lehrtätigkeit über diesen Punkt eine bedeutsame Aussprache mit einem samaritanischen Kaufherrn namens Jairuth.

Jairuth: "Du bist also der, von dem man mir erzählt hat, daß er der Messias sei und solches bezeuge durch wundervolle Taten!? Man erzählte mir auch von einer scharfen Predigt am Berge Garizim, die du gehalten habest, an der sich viele gestoßen hätten, weil sie ganz antimosaisch gewesen sei! Nun, mich freut es, daß du mich besuchst, und ich hoffe dich noch näher kennenzulernen. Weißt du, ich bin dieser Idee nicht abhold und glaube fest, daß der Messias kommen werde! Die Zeit wäre so ungefähr nach meiner Rechnung eine ganz geeignete, denn der Druck der Römer ist nahe nicht mehr zu ertragen! Und warum solltest du nicht der erwartete Messias sein können?!

Wenn du deiner Kraft dir bewußt bist und es gehörig verstehst, dich als solcher allenthalben zu präsentieren, so stehe ich dir sogleich mit meinem ganzen, großen Vermögen zu Diensten. Es sollen diese Römer-Schweine aus den heidnischen Abendlanden bald das Land unserer Väter räumen! Denn sieh, ich habe alle meine Kräfte von meiner Jugend an lediglich darauf verwendet, mir des zu erwartenden Messias wegen möglichst große Reichtümer zu sammeln, auf daß sich damit eine Großmacht der tapfersten und verwegensten Krieger durch guten Sold erkaufen lasse! Ich habe auch schon mit so manchen tapfern Völkern von Hinterasien mich in Verbindung gesetzt. Und es bedurfte da nur einiger Boten, und in einer Zeit von etlichen Monden steht in diesen Gauen eine furchtbare Macht! — Aber nun nichts mehr weiter davon! In meinem Hause werden wir darüber das Weitere verhandeln."

Beim Mittagsmahl, bei welchem dem Kaufmann einige Engelsdiener des Herrn in Gestalt schöner Jünglinge besonders auffallen, erwidert der Herr dem wohlmeinenden, aber ganz in weltlichen Begriffen befangenen Jairuth:

DER HERR: "Mein lieber Freund! Siehe an jene Meine Engelsjünglinge dort! Ich sage es dir: Ich habe deren so viele, daß sie auf tausendmal tausend Erden nicht Platz hätten, und einer genügte vollkommen, das ganze römische Reich in drei Augenblicken zu vernichten. Aber obschon ihr Samaritaner besser seid im Glauben als die Juden, so habt ihr dennoch gleich wie die Juden einen völlig falschen Begriff vom Messias und Seinem Reiche.

Wohl wird der Messias ein neues Reich gründen auf dieser Erde, aber — merke es wohl! — kein materielles unter Krone und Szepter, sondern ein Reich des Geistes, der Wahrheit und der rechten Freiheit unter der alleinigen Herrschaft der Liebe!

Die Welt aber wird berufen werden, in dies Reich einzugehen. Wird sie dem Rufe folgen, so wird das ewige Leben ihr Lohn sein. Wo sie aber dem Rufe nicht folgt, wird sie zwar bleiben, wie sie ist, aber am Ende wird sie den ewigen Tod überkommen!

Der Messias als nun ein Menschensohn ist nicht gekommen, zu richten diese Welt, sondern nur, um zu berufen alle, die nun wandeln in der Finsternis des Todes, zum Reiche der Liebe, des Lichtes und der Wahrheit!

Er kam nicht in diese Welt, um euch das wiederzugewinnen, was eure Väter und Könige an die Heiden verloren haben, sondern nur, um euch das wiederzubringen, was Adam verloren hat für alle Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben und noch leben werden!

Bis jetzt ist noch keine Seele, die den Leib verließ, der Erde entrückt worden. Zahllos viele, von Adam angefangen, schmachten bis zur Stunde noch in der Nacht der Erde. Von nun an erst werden sie frei! Und wenn Ich in die Höhe fahren werde, werde Ich allen den Weg von der Erde in die Himmel öffnen, und sie werden alle eingehen auf diesem Wege zum ewigen Leben!

Siehe, das ist das zu vollbringende Werk des Messias, und nicht irgend etwas anderes! Und du brauchst deine hinterasiatischen Streiter nicht zu rufen, da Ich ihrer nie bedürfen werde. Aber geistige Arbeiter werde Ich viele brauchen für Mein Reich, und diese werde Ich Mir Selbst zubereiten."

Im "Großen Evangelium Johannes" fragt einmal ein römischer Oberste den Herrn über die Zukunft Seiner Lehre, worauf ihm dieser eine wichtige Belehrung zuteil werden läßt.

Der Oberste: "Wie aber Deine wahrlich heilige Lehre sich auf einem möglichst hindernisreinen Wege die Bahn brechen wird in der Nacht, in der nun die Menschheit begraben liegt, das ist mir noch so unklar wie ehedem! Auf einem rein wunderbaren Wege würde sie nach Deiner eigenen Aussage den Menschen nicht viel nützen, weil sie auf diese Weise aus den frei werden und sein sollenden Menschen nur Maschinen machen würde; auf dem ganz natürlichen Wege aber wird sie viel Blut kosten und eine überlange Zeit brauchen! Ja, ich möchte nahe mit Gewißheit behaupten, wenn ich auch keine prophetische Gabe besitze, daß, wie ich die Menschheit so ziemlich weit und breit in Asien, Afrika und Europa herum kenne, von nun an gerechnet, in 2000 Jahren noch lange nicht die Hälfte der Erdenmenschen sich im Lichte dieser Deiner Lehre sonnen wird! — Habe ich recht oder nicht?"

DER HERR: "Da hast du im Grunde durchaus nicht unrecht. Aber es liegt im allgemeinen auch nicht soviel daran als du meinst; denn es handelt sich hier nicht so sehr um die allgemeinste Annahme Meiner Lehre auf dieser Erde, als vielmehr um die durch Meine gegenwärtige Darniederkunft und durch Mein Wort und Meine Lehre endlich einmal errichtete Brücke zwischen dieser materiellen und jener geistigen Welt, deren ewige Gefilde jenseits des Grabes liegen! Wer Meine Lehre diesseits vollernstlich annehmen wird, der wird diese Brücke schon im Leibe überschreiten; wer aber auf der Erde Meine Lehre entweder lau, unvollständig oder auch gar nicht annehmen wird, der wird in großer Nacht in jener Welt anlangen, und es wird ihm sehr schwer werden, diese Brücke zu finden! Den Menschen aber, die nie in den Stand kommen sollten, noch diesseits von Meiner Lehre etwas zu erfahren, werden jenseits Führer gegeben werden, die sie zu dieser Brücke leiten werden. Werden die von Meiner Lehre noch nichts wissenden Geister den Leitern folgen, so werden sie auch über diese Brücke kommen zum wahren ewigen Leben; werden sie aber hartnäckig bei ihrer Lehre verbleiben, so werden sie aus ihrem Lebenswandel nach ihrer Lehre bloß geschöpflich gerichtet werden und werden zur Kindschaft Gottes nicht gelangen!" —

"Wer demnach Mein Wort vollends in sich aufnimmt und unabweichbar danach handelt und lebt, der nimmt dadurch Mich Selbst mit aller Meiner Liebe, Weisheit, Macht und Kraft auf und ist dadurch zu einem wahren Kinde Gottes geworden, dem der Vater im Himmel nicht Eines vorenthalten wird, was Er hat! Mehr kann der heilige Vater nicht tun, als daß Er Sich in Mir, Seinem Sohne, Selbst leibhaftig offenbart, aus euch gerichteten Geschöpfen freieste Götter zeugt und euch sonach Seine Freunde und Brüder nennt!

Bedenket allzeit, wer Der ist, der euch nun das offenbart und was ihr mit dieser Offenbarung überkommet, so wird euch die materielle Welt nicht mehr anfechten, und ihr werdet über sie leicht Sieger werden, was um so notwendiger ist, als ihr, ohne die Welt in euch vollends besiegt zu haben, nicht Kinder des Vaters im Himmel werden könnet!"

Herr, starke mich, Dein Leiden

zu bedenken,

mich in das Meer der Liebe

zu versenken,

die Dich bewog,

von aller Schuld des Bösen

uns zu erlösen.

Seh ich Dein Kreuz den Klugen

dieser Erden

ein Ärgernis und eine Torheit

werden,

so sei’s doch mir trotz allen Spottes —

die Weisheit Gottes.

(Christian Fürchtegott Gellert)

(1715—1769)

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