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Kreuzigung

DER HERR: Der Tempel hatte nun scheinbar gesiegt, und er beeilte sich, das ausgesprochene Todesurteil so schnell wie möglich zur Vollstreckung zu bringen.

Es war bei den Römern Sitte, daß jeder zum Tode der Kreuzigung verurteilte Verbrecher sein Marterholz selbst bis zur Richtstätte tragen mußte. Und oft, falls ihn die Kräfte verließen, wurde er auf das grausamste gepeinigt, um diese Strafe zu vollführen. Auch Mir blieb solches nicht erspart; jedoch verließen den auf das höchste erschöpften Körper sehr bald die Kräfte, so daß Ich mehrere Male zu Boden stürzte.

Simon von Kyrene, der ein Anhänger Meiner Lehre und als solcher den Priestern sehr wohl bekannt war, begegnete dem Zuge und beobachtete voll Entsetzen und Mitleid Meine jammervolle Lage.

Da rief ihm einer der Templer höhnend zu: "Da sieh deinen großen Meister, der sich nicht selbst helfen kann! Jetzt kommt all sein Betrug elend zutage!"

Simon entgegnete empört und weissagenden Geistes: "Ihr werdet noch der Stunde fluchen, in der ihr solches getan habt! Ich aber wünsche, meinem Meister dienen zu können, damit dieser Schmerzensweg Ihm leichter werde!"

"Das sollst du!" riefen erbost mehrere Priester. "Denn da du es wagst, die Handlungen des Tempels zu schmähen, so legen wir dir die Buße auf: du sollst das Kreuz deines Meisters tragen!"

Als Simon dies hörte, eilte er freudig hinzu, nahm das schwere Kreuz auf seine starken Schultern und bot Mir, dem am Boden Liegenden, noch seine Hand, damit Ich Mich stützen möge. Ich nahm diese Hilfe, und Simon ward so sehr in seiner Kraft gestärkt, daß es ihm leicht wurde, die schwere Last zu tragen.

Es waren aber alle Meine nächsten Freunde, die während der Aburteilung nicht zu dem Richthause gelangen konnten, gefolgt. Auch nahte sich jetzt viel des Volkes, das eingeschüchtert von ferne gestanden hatte, als der Anhang des Tempels sein "Kreuzige ihn!" geschrieen. Diese Mir wohlgesinnte Menge nahm alsbald eine drohende Haltung an, als der Zug sich dem Tore näherte, an dem ein weiter Platz es ermöglichte, sich auszubreiten. Die Pharisäer hatten aber sehr wohl so etwas befürchtet und hatten daher eine größere Abteilung römischer Soldaten beordert, welche den Zug an dem nach Golgatha führenden Tore erwartete, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Als nun die Mir Wohlgesinnten sahen, daß Ich rettungslos verloren und eine gewaltsame Befreiung aus den Händen der Tempelschergen unmöglich sei, erhob sich ein großes Wehklagen, in das namentlich die Weiber einstimmten.

Ich wandte Mich daher zu den Nächststehenden und sagte zu ihnen: "Weinet nicht über Mich, sondern über euch und eure Kinder! Denn diesen wird noch Schlimmeres widerfahren, als ihr nun sehet, daß Mir geschieht! Ich gehe ein zu Meinem Vater; jene aber werden nicht wissen, wohin sie gehen!"

Als Ich nun hinausgeführt worden war nach Golgatha, der derzeitigen allgemeinen Richtstätte von Jerusalem, kam Judas Ischariot in höchster Verzweiflung herbeigestürzt und versuchte, den Ring zu durchbrechen, welchen die Tempelwächter um die Stätte gezogen hatten. Er wurde jedoch mit Gewalt zurückgetrieben und blieb mit stieren Augen in der Nähe stehen, immer noch hoffend, es werde etwas Außergewöhnliches zu Meiner Befreiung geschehen.

Er war stets in der Nähe gewesen, als Meine Verurteilung erfolgt war. Und je mehr es ihm klar wurde, daß Meine Kraft hier entweder erloschen sei oder nicht von Mir gebraucht werde, in um so größere Angst war er geraten.

Schließlich eilte er zu dem Hohen Rate zurück und wollte das Geld zurückgeben, indem er sagte, er habe unschuldig Blut verraten, und sich selbst heftig anklagte. Voll Hohnes wurde er jedoch abgewiesen mit dem Bemerken, er solle sehen, wie er da selber mit sich fertig werde. Voller Verzweiflung warf er das Geld in den Almosenkasten des Tempels und eilte hinaus, noch immer sich mit schwacher Hoffnung daran haltend, Ich werde Mich zuletzt doch noch Selbst befreien, ehe das Schlimmste eintrete.

Als er nun aber sah, wie Mein Leib zu Boden geworfen und auf das Kreuz gelegt wurde, als er die Hammerschläge hörte, welche die Nägel durch Mein Fleisch ins Holz trieben, schrie er laut auf und stürzte eilends davon. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, eilte er in eine einsame Gegend, wo er sich an einem Weidenbaum mittels seines Gürtels erhängte. Er hatte seinen Irrtum, seine Geldgier und Selbstsucht teuer zu bezahlen. Was jedoch mit ihm sodann geworden ist, davon wird noch einmal später berichtet werden.

Erst mehrere Tage nach seinem Leibestode ward sein Leichnam gefunden, der von dem Baume heruntergefallen war und von den Hunden und Schakalen benagt wurde. An derselben Stätte wurde er auch verscharrt.

Es wird nun berichtet, es sei eine Finsternis eingetreten, als Mein Leib am Kreuze hing. Ja, eine große Finsternis trat ein über Jerusalem, aber keine äußere, sondern eine innere — da jeder fühlte, als sei ihm etwas verlorengegangen, ohne daß er wußte, was es sei. Und selbst die Hohenpriester, Schriftgelehrten, Pharisäer und Tempeljuden, die doch sehr nach Meinem Tode verlangt hatten, fanden keine Befriedigung und Freude an ihrer Tat.

Daher kam es auch, daß der Tempel keinerlei Schritte gegen Meine Jünger und nächsten Anverwandten tat, auch nicht gegen Nikodemus, Joseph von Arimathia und Lazarus, die alle zu Meinem Kreuze wallfahrten und in der letzten Lebensstunde zugegen waren. Vornehmlich der Würde des Nikodemus als Mitglied des Hohen Rates verdankten es die Meinen, daß sie in nächster Nähe zu bleiben die Erlaubnis erhielten, während sonst der Platz von Soldaten abgesperrt und niemand hinzugelassen wurde.

Meine allernächsten Jünger jedoch, außer Johannes, waren nicht zugegen, wie Ich es auch schon oftmals früher vorhergesagt hatte. Der Hirte war geschlagen, und so zerstreuten sich die Schafe. Nach Meiner Gefangennahme hatten sie sich teilweise zu Lazarus geflüchtet, teils waren sie bei Freunden versteckt, die sie verborgen hielten.

Nur Johannes allein wagte es, sich überall offen zu zeigen und Meiner Leibesmutter Maria eine Stütze und ein Trost zu sein.

Petrus, der nach seinem Falle von tiefster Reue erfaßt worden war, folgte allerdings heimlich dem Zuge, der Mich durch die Straßen von Jerusalem von einem Oberhaupt zum andern führte, hielt sich jedoch von allen Brüdern fern, da er in seiner Seele das Bedürfnis des Alleinseins fühlte und nun erst zur völligen Klarheit hinsichtlich Meines Wirkens gelangte. Er erkannte das Wesen und den Zweck Meines irdischen Heimganges und war auch fest durchdrungen von dessen Notwendigkeit und von Meiner vorhergesagten Auferstehung.

Als Meine Seele sich nun vom Körper trennte, entstand ein Erdbeben. Aber das war wiederum eine Erscheinung, die nicht zu sehr auffiel, da in jener Gegend zu Meiner Zeit die unterirdischen Gewalten des Jordantales noch weit häufiger sich bemerkbar machten als jetzt, weshalb Erdstöße nicht allzu selten waren. Daß allerdings aber diese Erscheinung wirklich mit Meinem Tode zusammenhing, kam den verstockten Juden nicht in den Sinn.

Auch ist es richtig, daß der Vorhang im Tempel zerriß als ein äußeres Zeichen, daß es nun keine Schranke mehr gebe, um zum allerheiligsten Herzensraume des Vaters zu gelangen, ja daß ein jeder dahin gelangen könne, um das ewige Leben daselbst zu empfangen. Aber auch diese Erscheinung, wenn auch verwunderlich, machte weiter kein Aufsehen. Die diensttuenden Priester hingen den Vorhang wieder auf, und damit war die Sache abgetan.

Weiter wird der Wahrheit gemäß berichtet, daß die Sonne ihren Schein verlor. Es trat zwar keine volle Finsternis ein. Wohl aber ist bekannt, daß sich Erdbeben in heißen Ländern zuweilen durch eine starke Trübung der Atmosphäre ankündigen, wodurch die Sonne an Glanz verliert. So ähnlich geschah es auch hier. Allerdings hatte aber diese Glanzlosigkeit der Sonne einen andern Grund als den gewöhnlichen — wenn auch die Erscheinung die nämliche war.

Endlich wird noch berichtet, daß Verstorbene aus ihren Gräbern stiegen und vielen erschienen seien. Auch diese Kunde muß richtig verstanden werden, und es wird sie jeder begreifen, wenn er den wahren Sinn und Zweck des großen Geschehens auf Golgatha voll in sich aufgenommen haben wird.

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