Über die weiteren, das Hinscheiden des Herrn begleitenden Umstände lauten die biblischen Evangelien verschieden.
MARKUS, der Schüler des Apostels Paulus, bezeugt: "Von der sechsten Stunde an kam dann eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber rief Jesus mit lauter Stimme: ‚Eloi, Eloi, lema sabach thanei?‘ das heißt: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Als einige von den dort Stehenden dies hörten, sagten sie: ‚Der ruft den Elia‘. Sogleich lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn an ein Rohr und wollte ihn trinken lassen. Die anderen aber sagten: ‚Laß! wir wollen sehen, ob Elia wirklich kommt, um ihn zu retten.‘ Jesus aber schrie laut auf und verschied. Und der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben bis unten". (Mark. 15,33f)
MATTHÄUS fügt diesem Bericht des Markus hinzu: "… Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen. Und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt, gingen nach seiner Auferstehung in die heilige Stadt und erschienen vielen." (Matth. 27,45f).
LUKAS berichtet: "Und es war um die sechste Stunde, da kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, indem die Sonne ihren Schein verlor. Und der Vorhang im Tempel zerriß mitten entzwei. Da rief Jesus mit lauter Stimme: ‚Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!‘ Und nach diesen Worten verschied er" (Luk. 23,44f).
JOHANNES dagegen bekundet nur kurz aber bedeutsam: "Als nun Jesus den Essig genommen hatte, rief er aus: ‚E ist vollbracht!‘ — neigte das Haupt und gab seinen Geist auf" (Joh. 19,30). — Von den äußeren, naturmäßigen Ereignissen und Erscheinungen berichtet dieser Augenzeuge nichts.
Dieser merkwürdige Gegensatz und scheinbare Widerspruch der biblischen Überlieferung hat schon manchem Christen zu denken gegeben. Und es ist eine Gnade und für viele eine erlösende Wohltat, daß durch die Schriften der Neuoffenbarung auch dieses Rätsel aufgehellt und geklärt ist.
Johannes, als der auf das Geistige, den tiefen, himmlischen Sinn aller Lehren und Erscheinungen gerichtete Jünger, nahm wohl die äußeren Ereignisse beim Hinscheiden des Herrn und Erlösers ebenfalls wahr. Aber ihm war das Geistige, was es entsprechungsweise darstellte, das allein Wichtige und der Überlieferung Würdige. Und dieses faßte er denn zusammen in dem letzten, großen Ausspruch des Herrn: "Es ist vollbracht!" — —
In diesem Worte lag — geistig genommen — ja tatsächlich alles, was in den äußeren, naturmäßigen Vorgängen gleichsam in lebenden Naturbildern ausgedrückt wurde. Es war — nachdem der "Essig" der Weltbitternis "genommen war" — vollbracht: die Durchdringung und Erschütterung der Materie, die Sprengung der Gefängnisse, die Lösung der vom Geiste der Verneinung gebannten Seelen.
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