[RB.02_185,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Minerva: ,Schweig, du dümmster Esel! Was verstehst du, was ich zu tun habe? Meinst du denn, die göttliche Ordnung sorgt nur für die positive Polarität der Wesen und Dinge? Muß denn die negative Polarität nicht im gleichen Maß ausgebildet dastehen? Ist nicht alles Leben ein fortwährender Kampf beider Polaritäten? Du dummer Esel, nimm einem Baum die Wurzel und frage ihn dann, wie lange er noch Früchte tragen wird! Haue den Tieren die Füße ab und sieh, wie sie dann weiterkommen werden! So durch eine sogenannte gute oder positive Kraft das Blut zum Herzen zurückgedrängt wird und darauf durch eine sogenannte böse Kraft, die ich als negativ bezeichne, wieder vom Herzen hinausgetrieben werden muß, wenn das physische Leben fortdauern soll – sage mir, welche Kraft ist denn da die vorzüglichere, die anziehende oder die abstoßende? Siehst du, grober Lümmel, was du in deiner Dummheit alles zusammenredest? – Es versteht sich wohl von selbst, daß die negative Kraft der positiven untergeordnet bleiben muß, weil sie aus ihr hervorgeht – das reine Wasser muß das trübe reinigen und nicht umgekehrt! Aber das alles ist auch Gottes Ordnung. Wenn Rom nicht finster wäre wie die Nacht, würde die Menschheit nicht nach dem Licht fragen. Also bin auch ich, wie ich bin, aus Gott und werde auch so verbleiben – wie du sicher ein Esel in Ewigkeit!‘
[RB.02_185,02] Spricht Cado lakonisch: ,Ja, ja, den letzten Namen auf dich angewendet, möchte es sich wohl so begeben! O du Dummheits-Prinzessin aus allen Fixsternen! Du wirst mir etwas vorsagen von einer positiven und negativen Kraft und von ihrer gegenseitigen Notwendigkeit! Sage mir, du schönste Eselin, ist Gott eine ganze oder nur eine halbe Macht und Kraft ohne dich? Bist du notwendig, damit Er ist? Oder könnte Er vielleicht auch ohne dich bestehen, so wie Er ohne dich Ewigkeiten bestanden hat? – O du gänzlich zweckloses Geschöpf, du willst mir die Notwendigkeit des Bösen aufdisputieren, ohne das es unmöglich etwas Gutes geben könne? Du blindestes Weibswesen, worauf gründet sich denn die reinste Liebe, Güte und Macht Gottes? Muß etwa die Gottheit, die doch sicher in allem das vollkommenste Wesen ist, auch zuvor böse sein, um hernach gut sein zu können? O lacht doch alle Himmel über solch eine Weisheit! Man erzählt sich von der fabelhaften Minerva, daß sie aus dem Haupt des Jupiter entsprungen sei. Aber jene Minerva wirst du sicher nicht sein. Dein Kleid glänzt freilich wie eine Sonne, doch was nützt das, wenn im Rock ein blitzdummes Wesen steckt! – Hat dir der himmlische Freund Sahariel nicht zur Übergenüge gezeigt, wie die Sache zu deinem alleinigen Nutzen vor sich gehen kann? Warum folgst du denn nicht seinem Rat? O du Haupt aller Bosheit, ich kenne dich nun ganz! Auskommen wirst du mir wohl ewig nimmer. Und mit deinem Zurückspringen in die alte Drachenhaut wird sich’s auch nimmer tun, dafür ist schon durch dieses Strahlengewand gesorgt. Was aber wirst du jetzt tun?‘
[RB.02_185,03] Spricht Minerva: ,Schweig, du dümmster Esel! Mit dir zu reden ekelt es mir! Merke es dir: Jetzt werde ich es euch erst recht zeigen, was ich kann! Meine Regimenter, besonders die unter der römischen Hierarchie habe ich noch, und ich werde sie spielen lassen! Inquisitionen, Galgen, Schafotte und Scheiterhaufen sollen wieder erstehen und ihr Wesen ums hundertfache ärger treiben! Und die Herrscher sollen ihre Untertanen mit glühenden Ruten schlagen und sie erwürgen lassen zu Tausenden! Daraus wirst du bald ersehen, was ich auch ohne Drachenhaut zu bewirken imstande bin!‘
[RB.02_185,04] Spricht Cado: ,Aber ich sage dazu: Bis hierher und nicht um ein Haar weiter! – Nun hast du uns in deiner Dummheit selbst deine menschenfreundlichen Pläne verraten. Bravo, das hast du gut gemacht! Mehr brauche ich nicht zu sagen. Das unsrige werden wir dann schon zu tun verstehen.‘
[RB.02_185,05] Spricht dazu Robert: ,Die geheimen Vorkehrungen sind bereits getroffen. Diesmal wird sich Satan selbst den völligen Untergang bereiten. Sein Lohn wird ein fürchterlicher sein!‘
[RB.02_185,06] Spricht Sahariel: ,Liebe Freunde, ereifert euch nicht dieser Unverbesserlichen wegen! Die Hauptmacht ist ihr genommen, und mit ihrer Scheinmacht wird ihr wenig geholfen sein. Es wird diese alte Schlange wohl noch etliche beißen und vergiften, aber dann wird der Herr Selbst zu den Sterblichen kommen und wird der Schlange das Handwerk legen! Sie soll nun tun, was sie will. Je ärger sie es anfangen wird, desto eher wird sie mit ihrer schnöden Arbeit fertig werden. – Und nun genug der Arbeit mit und in der Hölle! Wir werden uns jetzt auf den Rückweg zum Herrn und zu unseren lieben Brüdern machen. Diese aber soll, gänzlich verlassen, hier machen, was sie nur immer will! – Richte dich auf, Bruder Cado! Denn du hast Gnade gefunden vor Gott, darum du dein Böses in dir in Gutes und Wahres gekehrt hast. Du wirst nun auch mit uns hinziehen zum Herrn und Er wird dir eine große Macht geben, über die Hölle zu wachen. Diese Minerva aber wird dir untertan verbleiben, weil du sie besiegt hast mit der Waffe der göttlichen Gerechtigkeit. Mach dich also auf und wandle in unserer Mitte hin vor den Herrn!‘
[RB.02_185,07] Spricht Minerva: ,So! Mich, die Perle der Unendlichkeit, wollt ihr nun verlassen und gleichsam davonjagen wie eine feile Dirne vom Tanz! O das ist schön und löblich von euch! Früher habt ihr durch lauter Lockungen es so weit gebracht, daß ich nachgab und zu euch herkam. Und nun wollt ihr mich verlassen, weil ihr der Meinung seid, daß ich unverbesserlich sei! Aber dem ist nicht so: Ich bin vielleicht wie kein zweites Wesen einer Besserung fähig. Aber nur der soll über mich triumphieren, der mir die notwendige Geduld und Liebe erweist! Ich bin arm geworden, allenthalben spricht man mit tiefster Verachtung von mir. Soll ich da nicht voll Mißtrauen sein gegen jegliches Wesen, das sich mir naht? Allzeit wurden mir Verheißungen gemacht, damit ich umkehre zu Gott! So ich aber nahe daran war, verließen mich die anfangs stets mutig auftretenden Bekehrer und überließen mich meinem Schicksal. Aber tut nur, was ihr wollt, ich werde wohl auch wissen, was ich zu tun haben werde. – Cado! Willst du bleiben, so bleibe, und ich werde dir dann folgen. Aber mit diesen zweien ziehe ich nicht!‘“
186. Kapitel – Minerva rechtet weiter. Sahariels Langmut. Bathianyis Ärger über die Unverbesserliche.
[RB.02_186,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Cado: ,Was ich mit dir bisher ausrichtete, war nicht mein, sondern dieser mächtigen Gottesfreunde Werk. Bekäme ich nun allein mit dir zu tun, wohin würde ich kommen, da du mir allein in jeder Hinsicht zu mächtig wärest. Du hast so viele Belehrungen und Witzigungen empfangen, als es Welten im endlosen Raum gibt. Aber es war alles vergeblich, da dir dein hochmütiger Wahnsinn stets lieber war als die strahlende Weisheit der vielen an dich gesandten Gottesboten. Deine Sache ist: Alleinherrschaft über alle Himmel, über alle Materie und über alle Höllen! Du willst drei Herrscherkronen, drei Zepter und drei Schwerter! Das ist und war, wie gesagt, stets deine Sache. – Und nun soll ich ärmster, schwächster Teufel allein bei dir verbleiben und mit dir alle bereits erschöpften Bekehrungsversuche nochmals machen? Dazu wird sich ein Cado nimmer gebrauchen lassen! – Darum gehe ich mit diesen beiden lieben Gottesfreunden! Du wolltest ja frei sein! Siehe, diese Freiheit ist dir nun eingeräumt, und du kannst tun, was du willst! Wir sind davon überzeugt, daß du diesmal dir ein Grab zum ewigen Tode bereiten wirst, weil du uns nicht folgen wolltest. Tue nun aus deiner eigenen Macht, was du willst, aber erwarte von Gott nimmer die Zulassung irgendeiner Gewalt!‘
[RB.02_186,02] Spricht Minerva: ,So bitte ich euch alle drei, daß ihr noch eine Weile bei mir verbleibt und Versuche zu meiner noch immer möglichen Besserung macht! Denn am Willen fehlt es mir ja doch sicher nicht.‘
[RB.02_186,03] Spricht Sahariel: ,O ja, das sicher nicht, da du viel zu viel Willen hast! Aber was für einen, das ist eine andere Frage. Doch wir wollen deinem Begehren nachkommen und noch einige Augenblicke mit dir die möglichste Geduld haben. Sollten diese an dir nichts ändern, wirst du auf immer verlassen werden!‘
[RB.02_186,04] Spricht Minerva: ,Nun denn, so bitte ich euch, daß ihr mir kurz erklärt, was ich zu tun habe, um frei zu werden vor Gott und aller Schöpfung.‘ – Spricht Sahariel: ,Schönste, da brauchst du nur so zu bleiben, wie du bist! Denn frei vor Gott und allen Seinen Geschöpfen warst du seit deinem Anbeginn her. Es fragt sich nur, ob du in Gott, deinem Schöpfer und Herrn, wahrhaft frei werden willst? Was du aber dabei zu tun hast, weißt du so gut wie wir. Handle danach freiwillig! Wolle und tue das, was wir wollen und tun, so wirst du auch das erlangen, was wir dir im Namen des Herrn verheißen haben!‘
[RB.02_186,05] Spricht Minerva: ,Ich müßte also zuvor eine Sklavin werden, um dann erst in eine sicher sehr geknechtete Freiheit überzugehen! Das wird sich bei mir schwer tun lassen, weil in mir ein Gefühl gegen jede Erniedrigung sich auf das entschiedenste ausspricht! Gibt es denn keinen andern Weg als diesen, den ich unmöglich zu wandeln vermag?‘
[RB.02_186,06] Spricht Sahariel: ,Wie es nur einen Gott, eine göttliche Ordnung und nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur einen rechten Weg, der zu Gott und der wahren ewigen Freiheit führt. Wer diesen nicht wandeln will, bleibt ewig ferne von Gott, Seiner Ordnung, Wahrheit und Freiheit. Wer aber in der alleinigen Wahrheit in Gott nicht frei wird, bleibt dir gleich ein elender Sklave in Ewigkeit! Nun sage du aber auch uns ganz kurz und entschieden, was du jetzt tun wirst! Willst du mit uns zum Herrn Jesum hin oder willst du nicht?‘
[RB.02_186,07] Spricht Minerva: ,Ich wollte, so ich’s könnte! Aber ich kann es nicht, weil es mir vorderhand noch nicht möglich ist. Doch ich will mir nun alle erdenkliche Mühe geben, euch folgen zu können. So ich euch dann in Kürze bekanntgeben werde, ob oder ob nicht – dann könnt ihr tun, was immer euch eure Ordnung gebietet!‘ – Spricht Sahariel: ,Gut, gut! Auch noch diesen Gefallen wollen wir dir erweisen. Mache dich daher sogleich an die Bekämpfung deines bösen Hochmuts!‘“
[RB.02_186,08] Miklosch in seiner Betrachtung fortfahrend: „Aha, da seht nun einmal hin, wie die lose Minerva nun druckt und schluckt und die Augen verdreht, als wäre es ihr noch so ernst, sich zu bessern! Das muß eine durchtriebenste Canaille sein!“
[RB.02_186,09] Spricht Graf Bathianyi: „Freunde, bei der alten Hure schaut keine Besserung mehr heraus! Eine dreifache Krone im Herzen und im Kopfe, und dazu eine Besserung durch Demut! Ich habe doch alles vernommen, was ehedem Cado und nun alle drei mit dieser Primadonna der Hölle verhandelt haben. Wie weit sind sie mit ihr gekommen?! Das Strahlenkleid hat sie wohl angezogen, weil das ihren Stolz und ihre herrschsüchtige Eitelkeit erhöhte. Aber zu etwas, das nur irgend nach einer geringsten Demütigung riecht, werden die drei sie nie bewegen! Ich meine, man sollte das Luder irgendwohin auf ewig festbannen und sich dann weiter nicht mehr darum kümmern, denn bessern wird diese sich wohl ewig nimmer.“
[RB.02_186,10] Spricht Miklosch: „Lieber Freund, überlassen wir das dem Herrn! Er wird es am besten wissen, was Er mit diesem sonderbaren Wesen tun wird. – Mich aber interessiert fürs erste die ungeheure Geduld unseres allgütigsten, heiligsten Vaters. Und fürs zweite die mehr als merkwürdige Art, wie sich die Schein-Minerva überall und zumeist auf eine scheinbar bescheidene Weise durchwindet, wenn es gilt, daß sie sich umkehren soll. Ich begreife nur nicht, wie sie bei ihrem urhäßlichen Charakter äußerlich so unsagbar schön sein kann! Aber es gibt ja auf der Welt auch Ähnliches! Die schönsten Tiere sind gewöhnlich auch die bösesten, die schönsten Blumen giftig und die schönsten Weiber gewöhnlich eines sehr schlüpfrigen Charakters. Unter allen kirchlichen Anstalten auf der Erde steht die römische in der äußeren Pracht und Schönheit sicher bei weitem obenan, doch im Inneren ist sie ohne Zweifel die schlechteste. Und so scheint es mir wenigstens, daß gerade in der vollendeten, lediglich äußeren Schönheitsform der eigentliche Hauptcharakter des Höllenwesens zu suchen ist.“
[RB.02_186,11] Spricht Graf Bathianyi: „Ja, da hast du ganz recht! Die schönsten Länder der Erde werden gewöhnlich von den schlechtesten Menschen und bösesten Tieren bewohnt und das Unkraut wuchert da ungeheuer. In den Palästen wohnen zwar gewöhnlich die äußerlich schönsten Menschen, aber welches Geistes Kinder sind sie allermeist? Was äußerlich zu sehr glänzt, ist meistens des Teufels!“
[RB.02_186,12] Spricht auch der nebenstehende General: „Wohl wahr! Je mehr Orden auf dem Rock, desto mehr Menschen muß man umgebracht und Tausende zu Sklaven gemacht haben! Die Orden stehen zwar gut, aber darunter das Gewissen steht schlecht, so noch eines da ist! Und das ist auch Satan in deutlichster Form, nicht wahr, liebe Brüder im Herrn?“
[RB.02_186,13] Spricht Bathianyi: „Ja, hie und da ist manchmal etwas daran, aber freilich nicht allzeit. Denn es gibt doch auch Männer, die ihre Ehrenzeichen auf die redlichste Art erwoben haben. Verdienstorden, deren Besitzer biedere Menschen sind und somit auch auf rechtlichstem Weg zu ehrenden Auszeichnungen gekommen sind. Und so ist nicht anzunehmen, daß unter jeder mit Orden geschmückten Brust ein schlechtes oder gar kein Gewissen zu Hause sei!“
[RB.02_186,14] Spricht der General: „Du hast in deiner Weise ganz recht, aber ich in meiner auch. Auch ich verdamme nicht jede geschmückte Brust. Aber der erste Schmuck jeder Brust bleibt die reine und wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten. Wo diese einer noch so geschmückten Brust mangelt, gelten bei mir alle anderen Ehrenanhängsel nichts. Wenn aber der Herr selbst sagte: ,So ihr alles getan habt, so bekennt, daß ihr unnütze und faule Knechte wart!‘ – wie soll da ein wahrer Nachfolger Christi sich ein ehrendes Verdienstzeichen auf seinen Rock hängen lassen können? Ich meine, dagegen wird doch niemand etwas einzuwenden haben, denn das ist Gottes Wort!“
[RB.02_186,15] Spricht Bathianyi etwas gereizt: „Ja, und nocheinmal ja! Du hast recht, aber ich habe deshalb eben auch nicht unrecht. Es versteht sich von selbst, daß es ohne Liebe kein Recht und ohne Recht auch keine wahre Liebe geben kann!“
[RB.02_186,16] Spricht Miklosch: „Brüder, wie ich merke, kommt ihr vor dem Herrn als allein ewig wahrem Richter in eine Art Rechtskampf wegen nichts und wieder nichts! Da, wenige Schritte zu eurer Rechten steht der Herr voll Liebe, Güte und Sanftmut! Ihn fragt, und ihr werdet erfahren, wer von euch das vorzüglichere Recht hat! Wer aber wird hier vor dem Herrn selbst einen irdischen Ordensstreit beginnen wollen, der gerade jetzt, bei dieser vielleicht für die ganze Ewigkeit wichtigsten Erscheinung dort im Norden am ungeeignetsten Platze ist!“
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