GrEv IV/124 — DER HERR: Der Hauptgrund der Verderbung der Menschenseelen liegt in der affenliebigen Erziehung der Kinder. Man läßt das Bäumchen wachsen, wie es wächst, und trägt durch die sehr unzeitigen Verzärtelungen noch alles mögliche dazu bei, um den Stamm ja recht krumm wachsen zu lassen. Ist aber der Stamm einmal erhärtet, so nützen dann gewöhnlich alle Beugungsversuche wenig oder nichts mehr; eine einmal krumm gewachsene Seele wird selten mehr zu einem völlig geraden Stamme!
Darum beuget eure Kinder in ihrer leicht lenksamen Jugend. Ein Kind ist bis ins siebente Jahr stets noch bei weitem mehr Tier als Mensch. Denn was bei dem Kinde Mensch ist, das liegt zumeist noch in einem tiefen Schlafe begraben. Da aber ein Kind bei weitem mehr Tier denn Mensch ist, so hat es auch sehr viele tierische und sehr wenige wahrhaft menschliche Bedürfnisse.
Nur das Nötigste werde ihnen gereicht! Man gewöhne sie frühzeitig an allerlei Entbehrungen. Man lobe die Braven nie zu übertrieben, sei aber auch gegen Minderbefähigte und -brave nie zu hart, sondern behandle sie mit rechter Liebe und Geduld.
Man lasse sie sich üben in allerlei Gutem und Nützlichem und mache ein noch so braves Kind ja nie eitel, selbstliebig und sich überschätzend. Auch mache man Kinder, besonders wenn sie irgend schön von Gestalt sind, nie durch schöne und reiche Kleider noch eitler und stolzer, als sie schon von Natur aus gerne sind. Man halte sie rein, mache jedoch nie Hausgötzen daraus, so wird man sie schon von der Geburt an auf jenen Weg setzen, auf dem sie in ihrer reiferen Jugend dahin gelangen werden, wohin ihr alle nun erst durch Mich gelanget. Die Jungfrau wird voll Keuschheit und Züchtigkeit den Stand einer ehrbaren Mutter erreichen, und der Jüngling wird mit mannsreifer Seele und gewecktem Geiste in das Mannesalter treten und ein Segen sein für die Seinen und für alle Kreatur.
Gebet ihr aber den tierischen Begierden und Leidenschaften eurer Kinder zu sehr nach, so werdet ihr mit ihnen auch allen Lastern ein neues und weites Tor eröffnen, durch das sie heerscharenweise in diese Welt verderbensvoll dringen werden. Und werden sie einmal dasein, so werdet ihr vergeblich gegen sie mit allerlei Waffen zu Felde ziehen und nichts ausrichten gegen ihre Macht und große Gewalt! — Pfleget daher die Bäumchen, daß ihr Wuchs ein himmelanstrebend gerader wird, und reiniget sie sorgfältig von allen Auswüchsen.
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