GS II/76 — "Du sollst den Sabbat heiligen." — Was will das sagen? — Wann ist denn wohl Sabbat? Auf Erden heißt es, man soll an dem als Sabbat gebotenen Feier tage durchaus keine knechtliche Arbeit verrichten, worunter alle Erwerbstätigkeit verstanden werden solle. Wohl aber ist es erlaubt, Spektakel aufzuführen, zu spielen und gleich den Heiden zu tanzen. — Einen Tag vor dem Sabbat zu fasten ist geboten, um an dem Sabbat desto besser und mehr schwelgen zu können. — So ist auch den Wirten erlaubt, ihre Speisen zu verkaufen. Das heißt demnach rechtlichermaßen, den Sabbat heiligen. — Nur keine mehr gesegnete Arbeit auf dem Felde und auf dem Acker darf verrichtet werden, alles andere aber ist für den Sabbat tauglich.
Der Herr jedoch hat gezeigt, daß man auch am Sabbat gar füglich arbeiten und Gutes wirken kann. Wenn aber der Herr Selbst am Sabbat gearbeitet hat, da meine ich, sollte jeder Mensch des Beweises genug haben, daß da unter "Heiligung des Sabbats" etwas ganz anderes verstanden werden soll, als nichts zu arbeiten, noch etwas in die Hände zu nehmen, was nützlich und ersprießlich ist.
Was aber wird demnach unter der Heiligung des Sabbats verstanden? Was ist der Sabbat? Ich will es euch ganz kurz sagen:
Der Sabbat ist weder der Samstag noch der Sonntag, noch irgend ein anderer Tag in der Woche oder im Jahre, sondern er ist nichts anderes als der Tag des Geistes im Menschen, das göttliche Licht im menschlichen Geiste, die aufgehende Sonne des Lebens in der menschlichen Seele. Das allein ist der lebendige "Tag des Herrn" im Menschen, den er fortwährend mehr und mehr erkennen und heiligen soll durch alle seine Handlungen, die er verrichtet aus Liebe zu Gott und daraus aus Liebe zu seinem Nächsten.
Da aber der Mensch diesen heiligen Ruhetag des Herrn im Gewühle der Welt nimmer finden kann und, mag, daher soll er freilich wohl sich von der Welt zurückziehen und diesen Tag des Lebens der heiligen Ruhe Gottes in sich suchen.
Darum war auch dem Volke der Israeliten geboten, wenigstens einen Tag in der Woche dazu zu bestimmen, an welchem es sich von weltlichen Geschäften zurückziehen und allein diesen Tag des Lebens in sich suchen sollte. Aber man beobachtete das Gesetz bloß äußerlich, materiell, und brachte es auf diesem Wege am Ende so weit, daß man nicht einmal den Herrn des Sabbats erkannte, Ihn, den heiligen Vater, als Er, von unendlichster Liebe getrieben, zu Seinen Kindern auf die Erde kam!
Ich meine, aus diesen Worten dürfte es euch völlig begreiflich sein, was da unter der "Heiligung des Sabbats" verstanden und wie diese gehandhabt werden solle.
Und zugleich aber dürfte euch auch begreiflich sein, ob sich eure Sonntagsheiligung wohl als eine Sabbatheiligung in der Wahrheit ausnimmt, ob man durch eine Stunde kirchlichen Andachtsdienstes, dann aber durch lauter Weltunterhaltungen, wohl zum innern, ewig lebendigen Ruhetag des Herrn gelangen kann?
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