Ein Gnadenwort des Trostes vom himmlischen Vater
Empfangen durch G. Mayerhofer, am 11. November 1871
Mein lieber Sohn! du hast in langer Rede all deine Schmerzen geklagt die dich öfters beunruhigen und auf dem Wege zu Mir mehr abhalten als befördern. Nun der kleine Sinn deiner Worte ist eigentlich: „Ich möchte – aber kann nicht!“ das heißt: „ich möchte stets in inniger Liebe nur bei meinem Vater im Himmel sein, ich möchte von der Welt und ihren Bedürfnissen, ihren Ereignissen gar nicht behelligt werden, ich möchte ewig nur dein Antlitz schauen, o Herr! und nur von Stufe zu Stufe geistig höher steigen, bis mein Körper dann meiner Seele zur Last – von mir genommen wird, und ich als rein Geist in den Seligkeiten schwelgen könnte, die der Herr Allen vorbehalten hat, die Ihn und nur Ihn lieben und anbeten!“
So ist deine Idee, in welche du dich manchmal vertiefst, und dann mit Schaudern, neben dem festen Vorsatze, die Wege zu verfolgen, um solches Ziel zu erreichen, nebenbei die Gebrechlichkeiten und Wankelmütigkeiten deiner eigenen Natur gewahrest, die oft mitten in den schönsten Momenten geistiger Erhebung dich daran mahnen, dass du noch nicht Geist bist, sondern Fleisch und Knochen hast, die andere Bedürfnisse und andere Bestimmung haben, als um mit der freigelassenen Seele durch alle Himmel schweben zu können!
Dann erfasst dich die Wehmut, du ersiehst wie gering deine eigentlichen Fortschritte auf geistigem Gebiete sind, und wie leicht und wie unvorhergesehen das Materielle, welches an dir klebt, den Flug der Seele hemmt, alle Illusionen vernichtet, und dir mit wenigen Worten zuruft:
„Was faselst du von Seligkeiten, was träumst du von höheren Stufen, noch bist du festgebannt und deine Seele eingerahmt in feste und starre Materie!
Das Vergeistigen derselben ist nicht so leicht ausführbar, daher begnüge dich mit einzelnen erhabenen Stunden, permanent in selben zu schwelgen, dazu ist die Erde nicht als Ort bestimmt!“
So entstehen dann deine Lamentationen, deine Grübeleien und langen Bitten an Mich.
Damit du aber begreifen lernst, was Ich eigentlich von euch und auch von dir verlange, so will Ich dir einige Aufklärungen geben, damit du solche Rückfälle nicht so oft bekommst, und an dich selbst nicht Forderungen machst, die Ich nicht an euch stelle, und die zu stellen du noch weniger berechtigt bist!
Sieh, Mein Kind, dass du diese Gebrechlichkeit und Wankelmütigkeit im Denken und Handeln bei dir erkennst, ist ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass du stets aufmerksam bist auf die wellenartigen Bewegungen deines Innern, welches ebenfalls, wie das Wasser stets den Luftströmungen ausgesetzt, nicht ruhig bleiben kann, damit es eben wie das Wasser im Meere nicht faul, nicht stinkend wird, und der Fäulnis anheimfallen müsste.
Dass solche verschiedene Stimmungen im menschlichen Herzen stets vorgehen, ist eben notwendig zur Erreichung höherer geistiger Stufen.
Siehe, bei allen mechanischen Übungen im menschlichen Leben gehört natürlich auch das Fehlen dazu, denn nur durch Fehler bessert man sich! –
Sieh einen Kunstreiter, einen Seiltänzer, ec. an, Menschen, die sich solche mühsame Professionen erwählt haben, wie oft mussten sie fallen, bis sie im Stande waren, frei auf Pferd oder Seil sich bewegen zu können!
Eben ihr oftes Fallen hat sie zu jener Vervollkommnung erhoben, wo sie sich dem Publikum öffentlich zeigend, den Lebensunterhalt verdienen können!
Nehme ferner den Bau des menschlichen Organismus, z.B. die Muskeln, wann werden selbe kräftig und stark? sieh, nur durch Übung, durch Kraftanstrengung, diese letztere ist ihre Nahrung, hört diese auf, so verliert der Muskel seine Elastizität, seine Schwungkraft, und ist in Kurzem nicht mehr fähig, den zehnten, ja den hundertsten Teil von dem zu leisten, dessen er früher fähig war.
Schau so einen Menschen an, der sich wegen großer, körperlicher Kraft öffentlich sehen lässt, sieh‘, auch er hat nicht mit zentnerschweren Steinen angefangen, auch er fing mit Pfunden an und hörte mit Zentner auf!
Nimm jede andere Beschäftigung, wo zwar Geistiges der Hauptgrund, jedoch Technik der Hände erforderlich ist, und was siehst du dort? eben wieder dasselbe: ewiges, fortwährendes Üben, Schaffen und Verändern, bis endlich das Materielle überwunden, dem Geiste keine Hindernisse mehr entgegenstehen – das auszuführen, was schon längst und klar vor seinem geistigen Blicke oder Sinne gestanden hat.
Nun, was du da überall siehst, wobei doch nur Materie den Hauptfaktor ausmacht, wie kannst du verlangen, dass es im Geistigen nicht ebenfalls nach den nämlichen Gesetzen geschieht!
Um geistig sich zu vervollkommnen, muss ebenfalls gefehlt, es muss ebenfalls gekämpft werden; und was ein Künstler in seinem Fache ist, d.h. ein über der Masse höher stehender Mensch, das muss auch der werden, der Meiner Lehre gemäß ein Mir wohlgefälliges Kind werden will!
Das Fehlen bedingt eure menschliche Natur, aber aus den Fehlern eine geistige Frucht zu ziehen, das ist Sache des geistigen Menschen, der, ebenso wie der Künstler, über die ihn umkleidende Materie (seines Körpers ec.) gesiegt, und selbe zu höheren Zwecken sich dienstbar gemacht hat! –
Was die menschliche Natur ist, und wie stark das Fleisch oft gegen den Willen drängt, davon hast du Beispiele selbst bei Meinen Aposteln, die doch unter Meinem persönlichen sichtlichen Einflusse noch der Mahnungen bedurften, wie Petrus, dem ich zurufen musste: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du Mich verleugnen!“ und wie Paulus in der Verzweiflung seiner eigenen Schwäche an seine Gläubigen schrieb: „Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist schwach!“ oder: „Wäre das Gesetz nicht, so entstände in mir nicht die Lust, dagegen zu sündigen!“
Siehe, diese Männer erlagen oft der Gewalt der Umstände, und hatten doch eine weit höhere geistige Stufe wie du erreicht, auch sie klagten über ihr Doppelwesen, und Ich konnte es ihnen nicht abnehmen, nicht ihnen diese Bürde erleichtern; denn nur so, im Kampfe mit ihrer Erden-Natur, wurden sie das, was sie jetzt sind, d.h. die geistigen Säulen Meiner ganzen Schöpfung!
Daher gräme dich nicht so oft wegen dem Schwanken in der Stimmung, wo Schwanken – ist Bewegung, wo Bewegung – ist Leben, wo Leben – ist Fortschritt! Nur Ruhe ist Tod, ist Fäulnis, ist Rückschritt!
Sei aufmerksam auf dich, soviel du kannst, verbessere wo es möglich, und sei überzeugt: Je mehr du fortschreitest, desto mehr wirst du Fehler an dir bemerken, weil eben auch die Fähigkeit des Auffindens von Fehlern und Mängeln mit dem Fortschreiten wächst,
was dir dadurch eine stete Übung bereitet, die dich bekräftigt, stärkt und dir so weiterhilft.
Von einem Ruhepunkte, von einem „es ist vollbracht!“ träume dir nichts! dieser Punkt existiert in Meiner Schöpfung nicht, denn sonst wäre etwas endlich, und Mir als Unendlichem nicht angemessen, da Ich nur Dinge Meinesgleichen schaffen konnte.
Verfolge deine Bahn, so dornig sie auch oft erscheint; eben weil sie Dornen hat, soll sie dich zur Aufmerksamkeit, zur Vorsicht reizen, anregen.
Du musst dir bewusst werden, dass du gehst und vorwärts schreitest, – auf ebenem, gebahntem Wege, ohne Hindernisse würden alle diese Eigenschaften einschlafen, und du würdest an Momenten vorüberschleichen, die jetzt Hauptwendungen in deinem Leben ausmachen werden, und dort ganz unbeachtet geblieben wären!
„Also nur zugekämpft! geputzt und gereinigt!“ Müsst ihr ja tagtäglich eure Kleider, eure Wohnungen ausputzen und reinigen, und doch sind sie am andern Tage wieder mit Staub und Schmutz bedeckt, warum solltet ihr dann nicht auch dasselbe mit eurem geistigen Kleide tun, um es rein zu halten!
So ist das materielle, so das geistige Leben bedingt! Schatten und Licht, Nacht und Tag, schwarz und weiß, kalt und warm, alle bedingen sich ebenfalls, ebenso Leben und Tod, Vor- und Rückschritt; wäre dieses Hin- und Herwogen nicht, zwischen diesen beiden Extremen, zwischen Gutem und Schlechtem, zwischen Tugend und Laster, zwischen Fehlen und Verbessern, – es wäre geschehen um das geistige und materielle Leben! welches Letztere ja so nur eine scheinbare Überkleidung des Geistigen ist, und auch unter jeder Hülle den Prozess des Gehens und Kommens, Erscheinens und Vergehens, des Anziehens und Zerfallens, immer die nämlichen Tendenzen zeigt, wie bei geistigen Wesen das Fehlen, Fallen, Verbessern und Wieder- sich-aufrichten.
Nur wer nicht mehr aufsteht nach dem Falle – verfällt dem Tode oder Rückschritte, wer aber seine Kräfte nach jedem Falle neu anstrengt, der verdoppelt selbe, beschleunigt seinen Fortschritt, und wird gewiss, wenn einst die schweren Bande der Materie leichter werden, auch größere Stufen nicht für einzelne Momente, sondern als bleibend behalten können!
Dies sei dir gesagt, Mein Sohn, auf dass du nicht den Mut verlierst ob der Unreinigkeiten, die du oft an der Schwelle deines inneren Tempels findest; auch im gewöhnlichen Leben weht der Wind oft in einer Minute mehr Staub in eure Gemächer, als sonst im ganzen Tage bei ruhigem Wetter; wer zum Reinigen des Zimmers beauftragt ist, wenn er den Schmutz sieht, der sich wieder zusammengehäuft hat, wo er gestern oder vor einer Stunde Alles rein glaubte, dieser Mensch, verzweifelt er darob? Gewiss nicht! er beginnt von Neuem, bis Alles wieder glatt und rein ist.
So mache es auch du! entdeckst du wieder Mängel an dir, so poliere von Neuem, damit die Fläche deiner Seele, glatt und rein erscheinend, die Lichtstrahlen aus Meinen Himmeln aufnehmen könne, soviel es ihr möglich ist, bis der weltliche Staub die Silberfläche wieder verdunkelt, und du dich zum erneuerten Reinigen bequemen musst!
Amen.
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